Kitabı oku: «Tigermädchen», sayfa 2
Mist! Was wollen die von mir?
Umdrehen war nun keine Alternative mehr. Sie blickte wieder nach vorne und entdeckte ein Messer in der Hand des einen Mannes. Den musste sie als Ersten kriegen. Die anderen schienen unbewaffnet. Wenn sie also das Messer hätte und in den Schatten der Häuser kommen könnte, wäre das machbar. Ihre eigenen Waffen würde sie lieber nicht benutzen, erst als letzte Möglichkeit, deshalb ließ sie diese dort, wo sie versteckt waren. Sie scheute sich trotz häufiger Übung, gleich ein Messer zu ziehen. Rasch scannte sie die Häuser ab - dort warf eines einen langen Schatten! Ihr Blick wanderte weiter. Die Männer hatten sie entdeckt und liefen zielstrebig auf sie zu. Ihre letzte Hoffnung, dass sie kein Interesse an einer Schlägerei hatten, schwand.
Als die Männer kaum noch zehn Schritte von ihr entfernt waren, bückte sich Melanie, als würde sie sich den Schuh zubinden wollen. Ein wenig hinderlich für ihre Tarnung war jedoch, dass ihre schwarzen Stiefeletten keine Bändel hatten. Sie beobachtete den Schatten der Männer und schaute zwischen ihren Beinen hindurch nach hinten. Die hinter ihr würde noch eine Weile brauchen, doch die Gruppe, die direkt auf sie zukam, war nun laut den Schatten kaum einen Meter vor ihr angekommen.
Gewandt wie eine Katze sprang Melanie hoch, warf sich auf den Mann, der sich links von ihr befand, verdrehte ihm die Hand und entwand ihm das Messer. Noch bevor er den Mund zum Schrei öffnen konnte, rammte Melanie ihm ihr Knie in den Bauch und er sackte nach hinten. Sie ergriff das Messer fester und wirbelte zu den anderen herum.
Der eine rannte die wenigen Schritte auf sie zu und wollte ihr ins Gesicht schlagen, eine vollkommen bescheuerte Taktik, wie Melanie fand. Sie packte seine Faust, zog ihn an sich und warf gleichzeitig den Kopf nach vorne – direkt unter sein Kinn. Sein Kopf wurde nach hinten geschleudert, er stieß einen erstaunten Laut aus und wurde ohnmächtig.
Melanie nahm eine Bewegung hinter ihr wahr. Sie duckte sich, stach mit dem Messer hinter sich und befand sich plötzlich in den starken Armen des dritten Mannes. Er legte ihr den Arm um den Hals und drückte zu. Melanie schnappte nach Luft und schleuderte ihren Kopf zurück. Der Mann wich aus. Sie holte mit dem Ellbogen aus und drückte ihn in seine Rippen. Der Griff um ihren Hals lockerte sich kurz. Genug Zeit, um das Messer in ihrer rechten Hand umzudrehen und in sein Bein zu stecken.
Der Mann jaulte auf und ließ sie los. Melanie drehte sich schwungvoll um und schlug ihm die Faust ins Gesicht, bevor er zu Boden ging.
Jetzt waren jedoch die nächsten Drei angekommen und umzingelten sie. Melanie sprang auf den einen zu, ritzte ihm die Brust auf und kickte in derselben Bewegung dem Danebenstehenden ihren Absatz zwischen die Beine. In Kauerhaltung sah Melanie zu dem dritten Mann, ohne zu bemerken, dass einer der ersten wieder zur Besinnung kam. Der Mann holte aus, wollte nach ihr treten, doch Melanie warf sich nach hinten, rollte sich ab und griff nach seinen beiden Händen. Sie zog seinen Körper zu sich heran und wollte ihm zwischen die Beine kicken. Er wich ihr aus, drehte sich weg und verdrehte sich selbst die Arme. Melanie verkniff sich ein Lachen und riss stärker an den Armen, um sie dann urplötzlich loszulassen. Stolpernd hielt er sich an ihr fest und sie gingen beide zu Boden. Melanie befreite ihren Arm aus seiner Umklammerung und verletzte ihn mit dem Messer an der Schulter. Er stöhnte und ließ sie los. Sie sprang auf, sah den Typen hinter ihr zu spät und rannte direkt in seine ihr auf Magenhöhe entgegengestreckte Faust hinein. Während sie sich krümmte, nutzte der Typ den Moment, um sie nach hinten zu stoßen. Sie stolperte und fiel auf den Hintern. Er trat nach ihr und voller Schrecken registrierte sie, dass drei weitere langsam zu Besinnung kamen. Sie wich seinem nächsten Tritt aus, rollte sich über die Schulter ab und kickte ihm dabei zwischen die Beine. Rasch sprang sie hoch, stellte ihm ein Bein und stieß ihn darüber zu Boden. Doch sie merkte nicht, dass ein anderer Angreifer von hinten auf sie zukam; auf einmal spürte sie die Arme um ihren Bauch, die sie festhielten. Sie trat um sich, versuchte, ihn mit dem Messer zu erwischen, doch er wich gekonnt aus. Sie drängte ihn zurück, spürte, wie er an der Wand ankam und drückte dagegen. Dann warf sie den Kopf nach hinten und er ließ sie schlaff los. Sie ließ von ihm ab, rannte auf einen anderen Mann zu, der gerade aufstand, riss ihn an der Schulter herum und warf ihn über die Hüfte. Er schlug drei Meter weiter weg auf dem Boden auf und rührte sich nicht mehr.
Jemand stand vor ihr, schon wieder einer der Typen. Des Kampfes müde versetzte sie ihm einen sauberen Kinnhaken und er sackte zusammen. Zum Glück konnte sie besser boxen als diese Jungs.
Jemand stahl ihr das Messer aus der Hand. Melanie fluchte, drehte sich um, kickte dem Typen zwischen die Beine und das Messer flog in hohem Bogen durch die Luft. Links von ihr regte sich ein Junge, der bald wieder erwachen würde, und Melanie rannte schnell in die entgegengesetzte Richtung davon. Da flog ein Messer von vorne direkt auf sie zu. Einer der Angreifer war wieder zu sich gekommen und hatte es aufgefangen, doch jetzt wirbelte es auf Melanies Schulter zu und sie wich zu langsam aus. Das Messer stach in ihre Schulter und ein brennender Schmerz schoss durch ihren rechten Arm. Sie spürte Blut aus der Wunde sickern und kniff vor Schmerz kurz die Augen zusammen.
„Jetzt nicht aufgeben!“, ermahnte sie sich selbst.
Doch sie rannte immer langsamer und die Schritte des Typen hinter ihr wurden immer schneller. Sie machte einen rechten Haken in einen Schatten hinein und ließ ihn hastig dunkler werden. Der Junge war einen Moment lang abgelenkt.
Plötzlich sah sie eine hektische Bewegung neben sich. Wie aus dem Nichts rannte ein großer Junge auf ihren Angreifer zu, schlug ihm die Faust ins Gesicht und riss ihn mit einer überraschenden Eleganz zu Boden. Dann drehte er sich um und starrte direkt in den Schatten, in dem Melanie stand. Sie verschmolz mit der Dunkelheit und befahl ihr, dass sie sie verstecken sollte. Sie wusste nicht recht, ob sie ihm vertrauen konnte, schließlich war es möglich, dass er bloß so tat, als würde er ihr helfen.
Sie betrachtete den Jungen genauer. Er hatte schokoladenbraune Haut und süße schwarze Zapfenlocken. Er trug ein Muskel-Shirt, welches die Sicht auf ausgesprochen gut trainierte Muskeln freigab. Vom Aussehen her könnte er Latino sein und Melanie schätzte, dass er etwa zehn Zentimeter größer war als sie.
Jetzt kam er langsam näher an sie heran. Seine tiefe Stimme klang leicht belustigt, als er sie ansprach. „Keine Angst, ich tu dir nichts.“
Melanie war sich nicht ganz sicher, ob er einen Akzent hatte, jedenfalls rollte er das R von dir. Von der Körperhaltung her wirkte er aber nicht bedrohlich, weshalb sie den Schatten zögernd erlaubte, sie freizugeben. Als sie aus der Dunkelheit trat, musterte er sie von oben bis unten. Sie musste es ihm hoch anrechnen, dass sein Blick nur ganz kurz an ihren Augen hängenblieb, ohne dass er einen Kommentar dazu abgab oder nachfragte. Unbehaglich fuhr sich Melanie durchs Haar, ihre Schulter schmerzte dabei. „Woher bist du gekommen?“, fragte sie vorsichtig. „Warum hast du mir geholfen?“
Die Fragen schienen ihn durcheinanderzubringen, er überlegte eine Weile, bis er antwortete: „Ich finde sechs gegen eine ein bisschen unfair. Erst recht bewaffnete Männer gegen unbewaffnete Frauen.“
Na ja, ganz so unbewaffnet auch wieder nicht …
Melanie hoffte, dass sie nicht errötete, als er sie „Frau“ nannte. Wieder konnte sie nicht genau bestimmen, ob er nun tatsächlich einen Akzent hatte, und beschloss, von nun an darauf zu achten.
„Du hast dich aber echt gut geschlagen, kämpfst du öfter?“, fragte er nach.
Ja, jetzt war sie sich sicher. Er rollte ausnahmslos alle R und hatte klarerweise einen Akzent - aber was für einen?
„Ich, äh ... drücke mich nicht vor Schlägereien.“ Sie zögerte. „Ich war in verschiedenen Kursen.“
Karate, Selbstverteidigung, Judo, Boxen und noch mehr ...
Er nickte anerkennend. „Verrätst du mir auch deine Namen?“
„Wenn du mir sagst, was für einen Akzent du hast“, antwortete sie frech, bevor sie es sich anders überlegen konnte.
Er lachte leise und ein Schauer lief über ihren Rücken. „Spanisch.“
Sie lächelte zurück. „Ich heiße Melanie.“
„Daniel.“
Gerade als das Schweigen unangenehm zu werden drohte, deutete Daniel auf Melanies rechten Arm. „Das müssen wir verarzten.“
Die Schulter hatte sie ganz vergessen, doch als sie nun daran dachte, pochte der Schmerz wieder durch ihren Arm. Sie warf einen Blick auf ihre Schulter; die Jacke war zerfetzt, Blut tropfte aus einer hässlichen, ausgefransten Wunde und tränkte das Leder des Ärmels. Sie zog vorsichtig das Messer aus der Schulter und verbot sich, vor Schmerz aufzustöhnen. Behutsam zog sie die Jacke und den Hoodie aus und hängte beides über ihren Arm.
„Ich schau zu Hause, was ich habe“, meinte sie mit zusammengebissenen Zähnen und versuchte, den brennenden Schmerz auszublenden.
Daniel sah sie einen Moment lang irritiert an, dann schaute er nochmals die Wunde an. Melanie merkte, dass sein Blick über ihre Armmuskeln glitt, die sie sich im Laufe der Jahre antrainiert hatte. In der Tat war es ungewöhnlich für ein 16-jähriges Mädchen, richtig muskulöse Arme und Beine zu besitzen. Doch aus verschiedenen Gründen hielt sie es für angebracht, ein wenig zu lernen, wie man sich wehrte.
„Ich könnte es auch hier behandeln, das wäre näher, vermute ich mal“, wandte er ein.
Melanie sah sich stirnrunzelnd in der Gasse um. „Hier?“, wiederholte sie. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es hier vertrauenswürdige Arzneimittel gab.
„Nicht direkt hier“, widersprach Daniel. „Im Land der Nacht.“
2 BEGABUNGEN
Melanie verkniff sich ein Lachen. „Tut mir leid, Daniel, es gibt kein Land der Nacht.“
Daniel grinste auch. „Natürlich. Du weißt nur nichts davon.“
Sie hob die Augenbrauen. „Ich höre?“
Er runzelte verwirrt die Stirn. Dann schien er zu begreifen, was sie meinte. „Sieh mal: Du hast pinke Augen, oder?“
Melanie schaute ihn perplex an. So hatte das noch niemand zur Sprache gebracht. „Ja ... Aber das sind keine Kontaktlinsen.“ Sie bestand darauf, dass sie nicht absichtlich mit ihrer pinken Augenfarbe herumlief.
Daniels Mundwinkel hoben sich, was die Grübchen auf seinen Wangen sichtbar werden ließ. „Eben. Und vorhin bist du mit die Schatten hier verschmolzen. Ich denke, das ist etwas ungewöhnlich.“
Melanie erstarrte wütend. „Also ist das Land der Nacht ein anderer
Name für die Klapsmühle?“
Daniel war nun total verwirrt. „Äh, Klapsmühle?“
„Ähm, ich meine Irrenanstalt.“
„Ach so!“ Daniel lachte leicht nervös. „Nein, das ist keine Irrenanstalt. Es ist eine Ort, wo viele Nachkommen der Cataara hingehen.“
Melanie erstarrte zum zweiten Mal während ihrer Unterhaltung. Cartara war ihr zweiter Vorname, doch das hatte sie noch nie jemandem gesagt, geschweige denn diesem Daniel.
„Nachkommen der Cartara?“, fragte sie alarmiert nach.
„Cataara, ja.“ Er legte den Kopf schief. „Schon mal was davon gehört?“, hakte er nach.
„Nein“, log Melanie. „Ist bloß ein komischer Name.“
Er blickte wieder zu ihrer Wunde. „Kann ich dich nicht erst dorthin bringen, verarzten und auf dem Weg erklären, was das ist?“
„Okay.“ Melanie zuckte die Schultern und stöhnte, als ihre Wunde erneut zu bluten begann. Das wäre vielleicht echt eine gute Idee.
Daniel überbrückte die Distanz zwischen ihnen mit zwei großen Schritten, nahm sie behutsam am Arm und führte sie die Gasse entlang. Tatsächlich war sie etwas wackelig auf den Beinen, was sie darauf schob, dass sie außer einem Kaffee noch nichts zu sich genommen hatte.
Melanies Blick blieb, als sie Daniel genauer mustern wollte, bereits an seinen muskulösen Oberarmen hängen. Auf seiner Haut waren Narben zu sehen, teilweise verheilt, manche noch frisch. Jetzt stellte sie fest, dass er fast einen Kopf größer war als sie. Daniel ging einen guten Schritt von Melanie entfernt die Gasse entlang und sie musste zugeben, dass er damit einen angemessenen Sicherheitsabstand wahrte, was viele der anderen Jungs, die sie kannte, nicht konnten.
„Hier rein.“ Daniel führte sie ausgerechnet in das heruntergekommene Haus, in welches sie vorhin kurz reingeschaut hatte. Obwohl Melanie eigentlich skeptisch sein, oder besser noch, schreiend davonlaufen sollte, siegte die Neugier, da Daniel außer seinem Gerede über ein Land der Nacht ziemlich normal auf sie wirkte. Er brachte sie durch die fast vollständig zerfallene Ruine des Hauses in ein heruntergekommenes Zimmer und öffnete das tief liegende Fenster, durch das das Sonnenlicht ins Zimmer flutete. Er kletterte hinaus und hielt ihr die Hand hin, um ihr zu helfen.
Ein richtiger Gentleman.
Durch einen zugewucherten Garten hinter dem Haus führte er sie in einen Wald hinein und steuerte auf einen Kiesweg zu.
„Wohin bringst du mich jetzt?“ War das etwa der Weg zu einem Land, das nicht einmal existierte?
Langsam begann Daniel zu erzählen. „Cataara war eine Mädchen, das in die Mittelalter gelebt hat. Sie ist elternlos aufgewachsen und hatte aus einem unerklärlichen Grund eine Gabe. Sie konnte mit Tieren sprechen und bei Vollmond eine Tiergestalt annehmen und der Nacht sagen, wann sie kommen und gehen sollte. Sie empfand das als normal, weil niemand ihr sagte, dass das ungewöhnlich war. Also hat sie ihre Fähigkeiten immer weiter verbessert, bis sie einmal einen Tiger kennenlernte, in den sie sich verliebte.“ Melanie prustete los.
Daniel warf ihr einen Blick zu. „Was ist?“
„Sie hat sich in einen Tiger verliebt?“, fragte sie lachend. Das war zu absurd.
„Ja, sie konnte mit dem Tiger sprechen.“
Melanie biss die Zähne aufeinander, um mit dem Lachen aufzuhören. Als sie nun über seine letzten Sätze nachdachte, fiel ihr auf, dass Daniel manche Artikel- oder Fallfehler machte.
„Okay, erzähl weiter.“ Jetzt waren sie am Rand des Waldes angekommen, hier erstreckte sich eine Stadt. Verwundert zog Melanie die Augenbrauen zusammen und nahm sich vor, nach Daniels Erklärung zu fragen, wo hier eine Stadt herkam. Doch zuerst wollte sie diese seltsame Geschichte zu Ende hören, auch wenn sie sich nicht sicher war, ob sie ihm das Ganze abkaufte.
„Als das die Menschen in die Dorf, in dem sie wohnte, erfuhren, wollten sie alles unternehmen, damit sie sich in jemand anderen verliebte. Doch das funktionierte nicht. Da wurde sie von einem Typen vergewaltigt, von dem sie ein Kind bekam. Doch um dem Dorf zu zeigen, dass sie sich nicht von ihnen unterkriegen ließ, zeugte sie in Tigergestalt ebenfalls ein Kind mit dem Tiger. Dieses Kind nannte man Tigermädchen. Denn es konnte sich in einen Tiger verwandeln. Das andere Kind hatte ebenfalls Gaben, so wie alle Nachkommen der beiden. Das Mädchen hat beide Kinder in einem heiligen Wasserfall gebadet, deshalb nennt man sie jetzt Cataara, weil Katara Wasserfall bedeutet. Die erste Kind war übrigens ein Junge, das Tigermädchen eine Mädchen. Und die haben sich, wie alle Menschen, fortgepflanzt. Diejenigen, die von Cataara abstammen, nennt man Naimet. Und das Land der Nacht wiederum ist eben ein Ort, wo viele Naimet hingehen. Genaugenommen ist es bloß ein große Stadt, aber Stadt der Nacht klingt ja wohl bescheuert.“
Melanie nickte. „Und wieso Nacht?“
„Weil sich Cataara bloß in die Nacht ihrer Kräfte bedienen konnte.“
Melanie kaute auf ihrer Unterlippe herum. „Und wie findet ihr diese Naimet?“
„Meistens finden sie uns, weil es viele Eingänge gibt. Automatisch fühlen sie sich bei Vollmond zu diesen Orte hingezogen und dann geht einer von uns schauen, ob wer gekommen ist.“
„Aber Vollmond ist erst in zwei Tagen“, wandte Melanie ein. Automatisch nahm sie an, dass sie auch eine Naimet war – sofern sie Daniel Glauben schenken konnte.
Erstaunt schaute Daniel sie an. „Stimmt, ich ging auch nicht deshalb schauen. Ehrlich gesagt, war es rein intuitiv.“
„Ach so.“ Melanie spielte an ihrer Jacke herum, die sie sich über den Arm gelegt hatte. Bevor sie sich überlegen konnte, was sie noch sagen sollte, ergriff Daniel wieder das Wort.
„Cataara hat übrigens eine Regel erschaffen, die ziemlich wichtig ist“, begann er und betrachtete Melanie aufmerksam. „Man darf niemanden ungestraft töten, wenn es nicht absolut nötig ist.“
Melanie lachte verhalten. „Das ist auch hier eine Regel“, bemerkte sie trocken. Sogar strenger – auch wenn es ‚nötig‘ war, durfte man niemanden umbringen!
Daniel grinste. „Yo sé. Aber hier kommst du ins Gefängnis. Wenn man im Land der Nacht einfach so zum Spaß jemanden tötet, ohne dass man beispielsweise selbst in Gefahr schwebt, dann kriegt man so eine Mal irgendwo an die Körper, wie eine Art magische Tätowierung. Na ja, und das ist so verpönt, dass das keiner möchte. Man hat keine solchen Tätowierungen, das ist einfach so. Außerdem, wenn das ein Polizist sieht, kommt man nicht ganz so einfach weg – und da ist Gefängnis noch viel besser.“ Daniel zuckte mit den Schultern.
Melanie verstand zwar nicht so genau, wie sich dieses System so sehr von den Gesetzen in jedem anderen normalen Land unterschied, aber sie vermutete, dass so eine Mördermarkierung tatsächlich sehr schlecht ankam, wenn Cataara höchstpersönlich diese Regelung eingeführt hatte. Melanie kniff die Augen zusammen und vertrieb den Gedanken an Morde und unrealistische Sagen. Stattdessen sah sie sich interessiert um.
Sie waren mitten in der Stadt angekommen, wo im Moment wenige Leute unterwegs waren. Außer, dass nur selten mal ein Auto in eine Straße einbog und die Leute eine ungewöhnliche Ausstrahlung hatten, schien sich das Land der Nacht kaum von anderen Städten zu unterscheiden. Neugierig sah sie zu Daniel hinauf.
„Wohin gehen wir?“
Daniel deutete nach links auf ein weißes, längliches Haus. Daneben standen noch andere Häuser, alle groß und schlicht gehalten. Es sah aus, als ob sie alle zueinander gehörten, und vereinzelt sah man Teenager und Jugendliche, die aus den Gebäuden spazierten. „Hier rein, erst mal.“ „Okay ... Und nachher?“ Passiv rieb sie sich die schmerzende Schulter.
„Dann kannst du entscheiden, ob du hierbleiben willst oder wieder nach Hause gehst, als sei nichts geschehen.“
Melanie holte tief Luft. Das war ihr eindeutig zu viel auf einmal. Sie war noch nie gut darin gewesen, große Entscheidungen zu treffen. Zum Glück nahm Daniel sie wieder vorsichtig am Arm und führte sie in das längliche Haus hinein, dessen Tür offen war. Nun standen sie in einem Gang, von dem mehrere Türen abzweigten. Daniel öffnete die letzte Tür zu ihrer Rechten und führte sie in eine Art Krankenstation. Mehrere Erste-HilfeKästen standen herum und der Raum war mit Liegen und Stühlen möbliert. „Setz dich doch“, ertönte Daniels tiefe Stimme neben ihr.
Etwas unsicher ließ sie sich auf einem Stuhl nieder und nahm die Jacke auf den Schoß. Der Vorteil an schwarzen Jacken war, dass Melanie sie mithilfe ihrer Schattenkraft reparieren konnte. Sie legte sie in den Schatten und ließ den Stoff zusammenwachsen. In dem Moment kam Daniel zurück, der einen der Erste-Hilfe-Kästen dabei hatte. Stirnrunzelnd zeigte er auf ihre Jacke.
„Hast du das gerade geflickt?“
„Ja, mit schwarzen Dingen kann ich das“, antwortete Melanie und hoffte, dass er sich das mit dieser Cataara-Kraft erklärte. Er schien nicht allzu verwundert zu sein.
„Cool.“ Er öffnete den Koffer, holte eine längliche Flasche heraus und meinte: „Könnte ein bisschen brennen.“
„Nicht so schlimm.“
Er träufelte die durchsichtige Flüssigkeit auf ihren Oberarm, vom Geruch her tippte Melanie auf ein Desinfektionsmittel. Sobald die Tropfen sich mit dem Blut vermischten, begann es zu brennen und Melanie biss die Zähne zusammen, damit ihr kein Laut über die Lippen kam. Sie sog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein, als Daniel mit einem braunen, watteartigen Lappen das Blut der Wunde wegwischte. Doch er schien zu wissen, was er tat, und seine Bewegungen waren kontrolliert und sanft. Er holte Verbandszeug hervor und umwickelte die Verletzung vorsichtig. Dabei kam es Melanie so vor, als ob er ein wenig länger als nötig ihre Haut berührte.
„Danke“, sagte sie schließlich. Das ging tatsächlich schneller in dieser mysteriösen Stadt, als wenn sie erst noch nach Hause gegangen wäre, um sich zu versorgen. Schon jetzt ließ der Schmerz ein wenig nach.
„Kein Problem.“ Während er die Sachen verstaute, fügte er hinzu: „Möchtest du jetzt hierbleiben oder nicht?“
Melanie wusste nicht recht, was sie antworten sollte. „Was meinst du mit hier? Einfach hier in der Stadt ...?“
Er schüttelte den Kopf. „Nein, hier bist du nicht irgendwo, sondern in einer Art ... Internat. Wir nennen es Camp Cataara. Es ist wie eine normale Schule, nur, dass man als Schwerpunktfach Kämpfen und Hexerei erlernt. Man könnte auch wieder aus dem Camp ausziehen, aber das hat bisher kaum jemand gemacht.“ Kämpfen ... Sehr verlockend.
„Es ist zwar cool, aber wieso kämpft ihr?“
Daniel lächelte. „Es gibt mehrere solche Camps, manchmal haben wir Meinungsverschiedenheiten. Zum Beispiel wollten die Blacks schon immer das Tigermädchen. Nur leider haben wir gar keine.“
Melanie nickte. „Verstehe ...“, schwindelte sie und dachte nach. Sie könnte einfach hier zur Schule gehen, ihren Eltern das Ganze erklären und müsste nie wieder diese blöden Kids aus ihrer Stadt sehen. Sie würde ihre Eltern besuchen können, ganz bestimmt. Sie würde das Kämpfen lernen, vielleicht endlich erfahren, wieso sie diese seltsamen Gaben besaß, und würde an einem Ort aufgehoben sein, an dem es nicht total gestört war, wenn man nachts sehen konnte.
Sie lächelte Daniel an. „Naja, wieso eigentlich nicht?“, meinte sie. „Aber wie kann man das dem Staat erklären …?“
Daniel blickte sie halb erstaunt, halb erfreut an. Wahrscheinlich hatte er nicht gedacht, dass sie so schnell zusagen würde. „Du kannst sagen, du seist im Süden der Insel in eine Privatinternat aufgenommen worden. Das sagen viele, die hier einziehen. Der Staat weiß im Übrigen so in etwa darüber Bescheid.“
„Okay. Apropos einziehen: Ich müsste meine Sachen noch holen, oder?“ Wenn sie schon einzog, wollte sie das gleich erledigen. Sie hatte den Sommer über sowieso nichts Besseres zu tun.
Daniel lachte. „Ja, ich kann dir helfen, wenn du willst. Aber Schrank und Bett sind inbegriffen.“
„Gut, da bin ich aber erfreut“, antwortete Melanie ironisch. „Wie viele seid ihr denn?“
Daniel überlegte. „Wir haben fünf Gebäude mit je maximal zehn
Leuten und das zehn Mal. Ich komme auf 500, oder?“
Melanie rechnete nach. „Ja, glaub auch.“
„Also, dann wäre da noch ein Bett frei bei Emma im Zimmer. Sie hat bestimmt nichts dagegen.“
In dem Moment ging die Tür auf und ein hübsches Mädchen kam herein. Melanie nahm an, dass sie eine Schülerin hier war und musterte sie neugierig. Sie hatte einen goldblonden, dicken Zopf, der über ihre rechte Schulter fiel, und schöne, graue Augen. Sie war etwa in Melanies Alter und ein bisschen kleiner. Als sie Daniel sah, lächelte sie ihm freundlich zu, dann blieb ihr Blick am Neuankömmling hängen.
Sofort wurde Melanie nervös und fuhr sich mit der linken Hand durchs Haar.
„Ähm, sorry, ich wollte bloß so einen Koffer holen.“ Das Mädchen musterte Melanie neugierig, machte jedoch keine Anstalten, einen Koffer zu nehmen. Melanie fiel auf, dass es sich ausgesprochen leise bewegte.
„Äh, das ist Melanie“, stellte Daniel die beiden vor. „Und das Emma.“
Besagte Emma kam zu ihnen herüber. „Hi. Bist du neu? Ich hab dich noch nie gesehen.“
„Ja, also … Ich bin erst gerade jetzt hierhergekommen“, stotterte sie herum, nicht sicher, was sie antworten sollte.
„Sie hat gerade beschlossen, dass sie hierbleiben will. Ich dachte, dass bei dir noch ein Bett frei ist ...?“
Emma lächelte erfreut, ihre Augen leuchteten. „Klar, du kannst zu mir kommen!“
Erleichtert, dass sie so schnell ein Zimmer bekommen hatte, erwiderte Melanie das Lächeln und stand auf. „Dann ... hol ich meine Sachen und komme wieder.“ Es fühlte sich komisch an, eine so große Entscheidung in ihrem Leben zu treffen, aber plötzlich freute sich Melanie darüber.
Daniel erhob sich. „Ich komme mit.“
Emma machte Anstalten, aus der Krankenstation zu verschwinden. „Ich geh mal John benachrichtigen.“ Dabei vergaß sie den Erste-HilfeKoffer und eilte schon aus der Tür.
Melanie wollte ihr hinterherrufen, doch bevor sie den Mund öffnete, hatte Daniel einen Koffer gepackt und joggte ihr hinterher. „Emma! Du hast den Koffer vergessen, mi amor.“ Er blieb direkt hinter ihr stehen.
„Oh.“ Emma drehte sich um und schlug sich gegen die Stirn. „Wie blöd, danke.“ Sie nahm ihm den Koffer ab, murmelte Daniel etwas zu und war dann gänzlich verschwunden.
Mi amor?
Melanie verdrängte das Eifersuchtsgefühl, das sie verspürte, als sie daraus schloss, dass Emma Daniels Freundin war. Es musste ja nicht gleich jeder Junge in ihrem Umfeld single sein!
„Was soll ich denn eigentlich mitnehmen?“, fragte Melanie Daniel, als sie gemeinsam durch den Wald zurückgingen.
„Ein paar Kleider, wichtige Dinge, aber keine Schulbücher oder so.“ Daniel grinste.
„Okay.“ Sie biss sich auf die Unterlippe und wagte die Frage. „Wieso ist denn bei deiner Freundin ein Bett frei?“
Daniel schaute sie zutiefst irritiert an. „Welche Freundin?“ „Emma“, antwortete Melanie verunsichert. Daniel lachte. „Emma ist doch nicht meine Freundin!“ Melanie runzelte die Stirn.
„Wie kommst du denn darauf?“, wollte Daniel belustigt wissen.
„Äh ...“ Sie fuhr sich nervös durchs Haar. „Du hast sie mi amor genannt ...“
Daniel begann schon wieder zu lachen. „Oh, nein! Dann hätte ich aber viele Freundinnen.“ Verlegen rieb er sich die Stirn. „Auf Spanisch sagt man das viel offener, das darfst du nicht wörtlich nehmen. Ist sowas wie ein Kosename.“
„Ach so.“ Jetzt musste Melanie auch lachen. Aus irgendeinem Grund freute es sie, dass Emma und Daniel nicht zusammen waren, obwohl sie nicht auf der Suche nach einem Freund war.
Der Verband an ihrem Arm drückte beim Gehen leicht, aber erleichtert stellte Melanie nun fest, dass die Wunde kaum noch wehtat. Eine Weile lang schwiegen sie.
„Hier links“, sagte Daniel plötzlich.
Erst jetzt fiel Melanie auf, dass sie bereits den Wald durchquert hatten und auf das kaputte Haus zugingen, durch das sie vorhin ins Land der Nacht gekommen waren. Zum Glück war Daniel mitgekommen, denn Melanie hätte den Weg nie und nimmer alleine gefunden.
„Ist das so ‘ne Art Tarnung?“, fragte Melanie, die hinter Daniel auf das zerbrochene Fenster zusteuerte.
Daniel nickte. „Für normale Menschen sieht es hier so abscheulich aus, dass sie gar nicht reinkommen wollen. Spätestens beim Garten jedoch kehren die Mutigsten um, weil sie den Wald gar nicht sehen.“
„Cool“, murmelte Melanie. Es würden bestimmt noch viele Überraschungen im Land der Nacht auf sie warten.
Wieder half ihr Daniel durch das Fenster, obwohl sie protestieren wollte. Aber er hielt sie trotzdem fest und schlussendlich war sie dennoch dankbar, da ihre verletzte Schulter ihr Gewicht nicht tragen wollte. Als sie in der zwielichtigen Gasse standen, übernahm Melanie die Führung. Sie spazierten ohne große Eile die Gasse entlang bis zur Querstraße, wo sie rechts abbogen.
„Bist du oft in dieser Gegend?“, fragte Daniel und nickte zu der Gasse, die sie gerade verlassen hatten.
Melanie zögerte. „Manchmal“, wich sie aus. Sie mochte keine privaten Fragen.
„Und warum kannst du so gut kämpfen?“, wollte er wissen.
Die Frage war Melanie nun doch etwas zu persönlich. Sie spielte mit ihrer pinken Haarsträhne herum. „Nachdem ich ...“ Sie brach ab. Auf keinen Fall würde sie ihm jetzt erklären, dass sie nach einem bestimmten Ereignis im Alter von dreizehn Jahren mit dem Kämpfen angefangen hatte. „Nachdem ich dreizehn wurde, habe ich mich bei Selbstverteidigungskursen angemeldet. Und wenn irgendwo eine Prügelei losgeht, was hier nicht selten vorkommt, mische ich mich eben ein. Ich seh‘ nicht gern zu, wie andere verprügelt werden“, meinte sie und fügte rasch hinzu: „Mit einmischen meine ich, dass ich sie davon abhalte, sich die Köpfe einzuschlagen. Nicht, dass ich mich ins Getümmel werfe.“
„Cool, das machen nicht alle.“ Daniel blickte sie von der Seite her an.
Melanie errötete. „Hier entlang.“ Sie zog ihn nach rechts in eine
Seitengasse, um von sich abzulenken. „Wie alt warst du, als du ins Land der Nacht gegangen bist?“, fragte sie Daniel und drehte somit den Spieß um.
Er überlegte. „13 Jahre, ungefähr.“
Melanie versuchte, sich Daniel als 13-Jährigen vorzustellen – erfolglos, dazu war er zu groß.
Bevor sie ihn zu einer Antwort bewegen konnte, die mehr als zwei Wörter umfasste, sprach er von alleine weiter. „Meine Gabe habe ich entdeckt, als ich quasi in eine See ertrunken bin, bis ich gemerkt habe, dass ich unter Wasser atmen kann. Beim nächsten Vollmond hat mich Emma in die Nähe eines Eingangs gefunden und mit ins Land der Nacht genommen. Meinen … Eltern hab ich das Ganze ein wenig abgewandelt erzählt. Sie stehen nicht so auf das Mystische.“ Er warf ihr einen Blick zu. „Seitdem sind Emma und ich Freunde. Aber so wie Geschwister“, fügte er nachdrücklich hinzu und Melanie lachte verlegen.
„Schon kapiert. Du kannst unter Wasser atmen?“
„Ja, ziemlich cool im Meer.“ Er grinste sie schräg an.
„Glaub ich dir.“ Sie zog es vor, nicht zu erwähnen, dass sie so gut schwimmen konnte wie eine Hauskatze. „Ihr habt einen Strand?“ „Ja, ich kann ihn dir mal zeigen“, antwortete Daniel.
Oh nein, der Schuss ging total hinten los.
„Wir müssen abbiegen. Hier rechts. Dauert nicht mehr lange“, sagte sie, anstatt eine Antwort auf sein Angebot zu geben, und wich seinem Blick aus. „Woher kommst du denn? Also, wo hast du zuvor gelebt?“ Sie war sich bewusst, dass dies zwei verschiedene Fragen waren, aber aus Erfahrung wusste sie ebenfalls, dass nicht alle Menschen erstere beantworten wollten.