Kitabı oku: «Tigermädchen», sayfa 3
Tatsächlich wich er der Frage aus. „Ich komme aus Miami.“ Mit einer Hand fuhr er sich durch seine Locken und sein Blick glitt über die Straße, weg von Melanie.
„Miami?“, fragte Melanie ungläubig nach und hob die Augenbrauen. Er sah nicht wie ein Typ aus Miami aus …
„Ich habe in Amerika gelebt“, betonte er und warf ihr kurz einen Blick zu. „Aber ich wuchs in einem spanischsprechenden Viertel auf.“ Nervös spielte er mit seinem Shirt. „Ursprünglich komme ich aber aus Jamaika“, beantwortete er die eigentliche Frage doch noch hastig.
Also stimmte das Latino.
„Ach so.“ Plötzlich war ihr ihre Frage peinlich, vor allem, da sie sah, dass er nicht darüber sprechen wollte. „Ich komme nur von hier.“ Sie machte grinsend eine ausholende Bewegung auf die Straße. „Da müssen wir übrigens rein.“ Melanie zeigte auf das klassische Haus direkt vor ihnen, froh, das Thema auf etwas anderes lenken zu können. Das würde vielleicht das letzte Mal für eine lange Zeit sein, dass sie ihr Haus sah.
„Gut, hast du eine Schlüssel?“ Daniel sah das Haus neugierig an.
„Ja.“ Melanie nahm den Karabinerhaken von ihrer Gürtelschlaufe, ging bis vors Haus und öffnete die Tür. Daniel folgte ihr hinein und sah sich vorsichtig um. Bevor sie ihren schwarzen Koffer holte, zeigte Melanie ihm noch die Küche und das Wohnzimmer und führte ihn anschließend in ihr Zimmer. Dann begann sie, sämtliche Kleider einzupacken, die sie in ihrem Schrank fand. Da Daniel ihr zur Hilfe kam, ging das Ganze ziemlich schnell und er arbeitete effizient mit.
Als sie die Kosmetiksachen wegpackte, schaute er mit großem Interesse ihren Stundenplan an, der immer noch an der Wand hing. Melanie beobachtete ihn ein paar Sekunden lang schweigend. „Es stört mich ja nicht, aber wieso bist du eigentlich mitgekommen?“, wollte sie dann unvermittelt wissen, in der Hand die Abschminktücher.
„Du hättest den Weg nicht alleine gefunden.“
Das stimmte. Melanie wusste keine Antwort darauf, stattdessen sagte sie: „Ich glaube, ich habe alles.“
„Wolltest du nicht noch deine Eltern benachrichtigen?“ Er hatte sich wieder zu ihr umgedreht.
Das hätte sie fast vergessen. „Stimmt. Ich, äh, schreib ihnen einfach eine E-Mail.“
„Du hast den Laptop schon eingepackt“, wandte Daniel mit einem trockenen Unterton ein.
Melanie stöhnte. „Ich nehme einfach ihren.“ Mit dem Koffer in der Hand bewegte sie sich auf die Zimmertür zu.
Daniel hielt ihr die Tür auf, woraufhin sie errötete, und trat nach ihr in den Gang. Bevor Melanie in das Arbeitszimmer ihrer Eltern ging, erklärte sie Daniel: „Meine Eltern arbeiten auch oft zu Hause, deshalb stehen hier Drucker und so herum.“ Sonst würde er vielleicht etwas schockiert sein über die Unordnung.
Zum Beweis stieß sie die Tür auf und machte eine ausholende Geste in den Raum hinein. Das Zimmer wäre geräumig gewesen, wenn er ordentlicher wäre. Aber mit all den Papieren, Notizen, dem Drucker und dem Computer sah es sehr chaotisch aus und wirkte nicht besonders groß – dennoch fühlte sich Melanie wohl in dem Büro, da sie schon viel Zeit darin verbracht hatte. Sie trat ein und setzte sich an den Schreibtisch, räumte Zeitungen von der Tastatur weg und startete den Computer. Erst dann bemerkte sie, dass Daniel verwirrt im Türrahmen stehengeblieben war.
„Willst du nicht reinkommen?“, fragte sie ihn verwundert.
Er fuhr sich mit der Hand durch die Locken. Offenbar tat er das, wenn er nervös war. „Äh, wie kannst du was sehen? Gibt es hier keine Licht?“
Melanie schaute für einen Moment verwirrt drein, dann sah sie nach oben – tatsächlich, sie hatte vergessen, das Licht anzuschalten. Für Daniel musste es stockfinster sein, da die Vorhänge zugezogen waren.
„Ups, sorry, hab ganz vergessen, dass ihr das immer macht.“ Sie errötete leicht, stand auf und knipste das Licht an.
Daniel sah sich neugierig um und setzte sich dann neben Melanie auf einen Stuhl.
„Wie meinst du das?“ Er war noch immer irritiert.
„Ich kann im Dunkeln sehen. Ich vergesse oft, dass es komisch ist, wenn man das Licht nicht anmacht, oder dass man dann normalerweise nichts sieht. Tut mir leid.“
„Kein Problem. Eine ziemlich coole Gabe, finde ich“, erwiderte Daniel. „Wie ist das denn? Siehst du alles einfach so, als wäre es hell? Passwort.“
„Hä? Was für ein Passwort?“
Daniel zeigte lachend auf den Computer. „Du musst das Passwort eingeben, mi cielo.“
Melanie lachte. „Ach so.“ Sie tippte es ein und antwortete gleichzeitig auf seine Frage. „Es ist schon dunkler, aber ich sehe einfach die Farben genauso gut und die Luft wirkt nicht ... schwarz.“ Es war schwer zu beschreiben, da sie ja nichts anderes kannte.
Daniel hob die Augenbrauen. „Und wissen das deine Eltern?“
„Ja, aber ich denke, sie glauben es nicht so ganz.“ Melanie loggte sich auf in ihrem E-Mail-Account ein und begann, die E-Mail zu schreiben.
„Das ist immer eine Gefahr.“ Während sie schrieb, glitt sein Blick über die vielen Unterlagen, die auf dem Schreibtisch verteilt herumlagen. Er zeigte auf ein von Hand beschriebenes Blatt Papier.
„Das kannst du auch.“
„Was?“ Erschrocken blickte sie ihn an. Was hatte er da entdeckt?
„Deine Eltern schreiben da eine Entwurf.“ Er hielt ihr das Blatt unter die Nase und beugte sich zu ihr herüber. „Aber in der Nacht sehen kannst du ja auch.“
Der Titel des Entwurfes lautete: Das Mädchen in Schwarz – wer und was ist sie? Darunter waren Eigenschaften aufgelistet und bestimmte Ereignisse, in die sie verwickelt gewesen war. Dafür hatten ihre Eltern Gemeinsamkeiten ihres Kampfstils mit diversen Kursen gesucht und versuchten gerade herauszufinden, in was für ein Tier sie sich verwandelte. Bisher waren sie bei einem Puma angekommen. Ziemlich oben stand: Kann wahrscheinlich in der Nacht sehen.
„Ach so. Ja, stimmt.“ Melanie runzelte die Stirn. Ihre Eltern hatten diese Liste noch nie erwähnt.
„Wir denken schon lange, dass sie eine Naimet ist, vielleicht sogar ein Tigermädchen.“
„Echt? Wieso?“ Melanie tippte weiter.
„Wegen dem Tier der Nacht. Es ist immer bei Vollmond.“ „Dann haltet mal nach Asiaten Ausschau.“ Daniel sah sie fragend an.
„Gestern wurde sie gesichtet. Ein Opfer konnte ihr Gesicht beschreiben: Dunkle Haut, asiatische, dunkle Augen und schwarzes Haar.“
Daniel war überaus erstaunt, abrupt drehte er sich zu ihr um. „Komisch. Drei Jahre lang kann sie ihr Gesicht verbergen und plötzlich sieht sie jemand?“
Melanie neigte den Kopf zur Seite und sendete die E-Mail ab, nachdem sie sie nochmals überflogen hatte. „Stimmt. Man vermutet, dass sie abgelenkt war.“ Sie blickte auf das Blatt, auf dem oben das Logo der TierWoche zu sehen war. „Die dunkle Retterin ist der einzige Mensch, über den sie berichten. Sonst schreiben meine Eltern bloß über Tiere.“
Daniel legte das Blatt zurück. „Finde ich eine gute Idee.“ Dann sah er sie plötzlich neugierig an und legte fragend den Kopf schief, als wüsste er nicht recht, wie er die Frage formulieren sollte. „Wie geht das eigentlich mit die Schatten? Das Zeug, das du mit ihnen anstellst?“ Seine Augen leuchteten und erst dann fiel Melanie wieder ein, dass er ja schon auf der Straße gesehen hatte, wie sie ihre Kräfte anwendete. Danach war er Zeuge bei der Reparatur ihrer Jacke geworden. Es war komisch, darüber zu sprechen, als sei es etwas Normales. Aber jetzt wusste sie, dass es in der Tat normal war – normal für Naimet jedenfalls. Und diese Gewissheit war bereits eine riesige Erleichterung für sie, denn von nun an würde sie an einem Ort sein, an dem sie nicht mehr abnormal war.
Sie lächelte ihn an. „Soll ich‘s dir zeigen?“ Sein Lächeln als Zustimmung deutend, brachte Melanie ein paar Schritte Abstand zwischen sie. Dann konzentrierte sie sich auf die Lampe an der Decke und sah Daniel aus dem Augenwinkel, der sie aufmerksam beobachtete.
„Achtung, es könnte dunkel werden“, warnte sie ihn ironisch vor. Sie spreizte die Finger und der Schatten, den Melanie warf, verschwand vor ihren Füßen und legte sich dann über die Glühbirne, sodass es im Zimmer langsam dunkler wurde. Der Schatten hatte sich über die Lampe bewegt wie Rauch, wie etwas Greifbares. Nun konnte Daniel wahrscheinlich nicht viel mehr sehen als Melanies Umrisse, auch wenn es für sie selbst keinen Unterschied machte.
Daniel grinste breit. „Das ist echt genial, mi amor.“
Melanie errötete und ließ es abrupt wieder hell werden. „Ich bewege einfach die Schatten im Raum oder lasse sie dunkler werden.“ Sie deutete auf den Schatten, den der Computer warf. „Ich stelle mir vor, wie der Schatten dunkler wird, sich meinem Willen gemäß verformt und dann passiert das.“ Während sie sprach, wurde der Schatten des Computers immer dunkler und nahm eine dreieckige Form an. Melanie lachte vergnügt und Daniel stimmte mit ein.
Dann befahl sie dem Schatten mit einem scharfen Blick, wieder die gewohnte Form anzunehmen.
John war ihr aus einem unergründlichen Grund sympathisch. Er war eher klein, glatzköpfig und muskulös, aber er gab einem gleich das Gefühl, zu Hause zu sein.
Daniel und Melanie waren ins Land der Nacht zurückgekehrt und Melanie lernte nun den Leiter des Gebäudes 3.1 kennen. Dort würde sie einziehen, hatte ihr Daniel auf dem Rückweg erklärt. Das Camp Cataara hatte 10 Areale, welche wiederum je fünf Hütten hatten. John war laut Daniel der Leiter des Gebäudes 3.1.
„Würdest du bitte die Waffen ablegen?“, bat John, als sie eintraten.
Daniel, der hinter ihr stand, blickte sie total irritiert an. Er ließ seinen Blick erfolglos auf der Suche nach einer Waffe über ihren Körper gleiten, doch auch beim zweiten Durchgang wurde er nicht fündig.
Melanie jedoch schaute leicht verdutzt und bückte sich verlegen. Sie griff in ihren Stiefel, wo sie ein Messer versteckt hatte, und reichte es John. Dann legte sie die Hand an ihre Hüfte und dort manifestierte sich aus ihrer schwarzen Jacke ein rabenschwarzes Wurfmesser, welches sie ebenfalls John gab. Sie hörte, wie Daniel hinter ihr verwundert die Luft ausstieß und wurde noch röter.
„D-das ist bloß Gewohnheit“, verteidigte sie sich.
John nickte beschwichtigend. „Hier laufen viele mit Waffen herum. Bitte setz dich. Daniel, du darfst den anderen Bescheid geben, dass wir jemand Neues bei uns haben.“
Daniel nickte, verließ den Raum und zog die Tür hinter sich zu. Nervös setzte sich Melanie John gegenüber auf einen Stuhl, zwischen ihnen stand ein schwerer Schreibtisch. Ohne Daniel an ihrer Seite fühlte sie sich unwohl, so fremd in einem Zimmer mit einem unbekannten Mann, auch wenn er noch so sympathisch wirkte.
Doch John erwies sich als ausgesprochen charmant und freundlich. Sie musste ihm erzählen, was sie im Zeugnis für Noten hatte, welche Fächer sie besucht hatte und welche sie besuchen wollte.
Bei Spanisch war das ein wenig kompliziert, denn sie hatte nur ein halbes Jahr Spanisch gehabt; ihre Spanischlehrerin war schwanger geworden und das Jahr darauf hatte sie das Fach durch Selbstverteidigung ersetzt. Jedoch würde sie kein Französisch mehr haben, worüber sie nicht traurig war.
„Du kannst dennoch in denselben Kurs wie die anderen in deinem Alter gehen, Emma und Daniel werden dir bestimmt helfen. Falls es trotzdem Probleme geben sollte, kannst du jedoch ungeniert zu mir kommen“, erklärte John.
In den anderen Fächern konnte sie zum Glück gut mithalten. John gab ihr Unmengen von Schulbüchern und während sie die Bücher stapelte, verkniff Melanie sich die Frage, weshalb nicht alle Schulen längst Online-Lernmaterial hatten.
John warf einen Blick auf die Uhr. Es war bereits nach fünf.
„Nun ist der Unterricht schon vorbei, ich bringe dich am besten in den
Gemeinschaftsraum, wo gewöhnlich die Hausaufgaben gemacht machen.“
Der Gemeinschaftsraum war ein gemütlicher, großer Raum im Parterre des Gebäudes 3.1. Anders als erwartet war er stilvoll eingerichtet: Mehrere beigefarbene Sessel, Sofas und Tische standen herum und hier und da hingen Lampen von der Decke. Durch ein großes Fenster flutete Sonnenlicht in den Raum und ersetzte das Lampenlicht. Die meisten Sofas waren von Schülern besetzt, nur ein paar Sessel und Stühle standen frei herum. Überall wurden Hausaufgaben gemacht oder für Tests gelernt, nur wenige lasen ein Buch oder unterhielten sich mit dem Nachbarn über belangloses Zeug. Melanie ließ ihren Blick suchend über die Schüler gleiten, sie schätzte sie zwischen 13 und 20 Jahren ein. Endlich fand sie Daniel auf einem Sofa mit ein paar Kumpels sitzend.
John deutete in seine Richtung und senkte die Stimme. „Dort ist ein Stuhl frei, am besten wendest du dich dann an deine Mitschüler, damit sie dir das Nötigste erklären können.“
Melanie nickte nervös. „Okay.“ Sie bahnte sich möglichst unauffällig einen Weg durch die Schüler und setzte sich auf den freien Platz. Etwa gleichzeitig schloss John die Tür wieder und war verschwunden. Obwohl es mitnichten still war im Raum, hallte ihr das Geräusch der zufallenden Tür in den Ohren wieder.
Sie hatte keine Ahnung, was sie jetzt machen sollte. Was, wenn das hier doch nur eine Anstalt für Verrückte war? Wieso hatte sie sich bloß an einer Schule angemeldet, in einem Land, das es nicht mal geben sollte? Mit Schülern, die unter Wasser atmen konnten und kämpfen lernten? Sie kannte Daniel erst seit knapp einer Stunde und vielleicht waren er und alle anderen hier nur Verrückte, die sich gut verstellen konnten! Melanie kniff die Augen zusammen. Sie durfte sich jetzt nicht zu viele Gedanken darüber machen. Vielleicht war das Ganze ja auch nur ein sehr fantasievoller Traum.
Zum Glück drehte sich in dem Moment Daniel zu ihr um und lächelte freundlich.
„Hey, auch schon hier?“
Melanie schrak aus ihren Gedanken auf und erwiderte sein Lächeln. „Ja, hab schon Bücher bekommen.“ Sie verzog gespielt leidend das Gesicht.
Daniel lachte, dann wandte er sich an seine Freunde. „Jungs, das ist Melanie, sie wohnt jetzt auch hier.“ Vier Köpfe drehten sich zu ihr um und sie fuhr sich nervös durch die Haare.
„Hey.“ Derjenige, der Daniel am nächsten saß, hob grüßend die Hand. „Ich bin Emanuel.“
Ein braunhaariger Junge mit gleichfarbigen Augen stellte sich als Ramón vor und einer, der eher am Rand des Sofas saß, hieß Jack. Er hatte dunkle, nach hinten gegelte Haare, schwarze Augen und sah ziemlich gut aus, fand Melanie.
„Kennst du zufälligerweise den Aufbau der Körperzelle einer Ratte?“, fragte Jack und hob kurz sein Heft hoch.
„Ähm, nein ...“ Melanie hob amüsiert die Augenbrauen. „Sind das Hausaufgaben?“
Jack nickte. „Kein Mensch weiß das. Und Ratten sind hier nicht zugelassen.“
Melanie lachte. „Irgendwer hier weiß das bestimmt.“
Daniel nickte grinsend. „Ja, ganz bestimmt sogar.“
Melanie runzelte verwirrt die Stirn. „Und wieso fragt ihr sie oder ihn dann nicht?“
Die Jungs schauten sich an. Emanuel schüttelte heftig den Kopf, jetzt sah Melanie, dass er zu den dunklen Haaren blaue Augen hatte. „Vergesst es“, sagte er bestimmt.
Melanie verkniff sich ein Lachen. Sie konnte sich vorstellen, was sich hier abspielte. „Wer ist es denn?“
„Die mit den Augen dort drüben“, antwortete Emanuel und nickte irgendwo in den Raum hinein.
Alle brachen in Lachen aus.
„Ach was, hat sie Augen?“, witzelte Melanie mit gespielt erstaunter Stimme.
„Ich schwör‘s, sie hat welche!“, bestätigte Emanuel.
„Er meint Emma“, erklärte ihr Daniel.
„Ach so.“ Emma hatte wirklich schöne Augen, musste Melanie zugeben. „Dann frag ich sie eben. Wo ist sie denn?“ „An dem großen Tisch ganz vorne“, meinte Jack.
Melanie folgte seinem Blick und entdeckte sie ganz in der Nähe, wo sie Hausaufgaben machte. Sie selbst hatte grundsätzlich keine Schwierigkeiten dabei, direkte Fragen zu stellen. Sie war sowieso eine Person, die Sachen einfach mal sagte, ohne groß zu überlegen – außer es war etwas Verletzendes. Sie wusste, was ihre Stärken und Schwächen waren; zurückhaltend zu sein war also bestimmt nicht ihre Stärke, obwohl sie darauf achtete, ihr Gegenüber nicht zu kränken. Ihrer Meinung nach lebte man viel einfacher, wenn man die Dinge realistisch sah und sich nichts vormachte. So verstand sie nicht, wie man bei solchen Sachen Mühe hatte, schließlich kannten nicht alle den Aufbau der Körperzelle einer Ratte und das war auch nicht überlebenswichtig. Dennoch konnte ihre praktisch veranlagte und auch häufig sarkastische Art manchmal falsch rüberkommen, dessen war sie sich bewusst. Aber hier im Land der Nacht wollte sie sich nicht länger ducken, das nahm sie sich fest vor: Es war besser, wenn man einen klaren Charakter hatte. Sie hatte es satt, sich ständig verändern zu müssen.
Melanie drehte sich mit einem abschätzenden Blick zu den Jungs um. „Wenn sich keiner von euch traut, geh ich sie fragen ...“, wiederholte sie und wartete, ob jemand protestierte. Als niemand dergleichen tat, stand sie auf und ging auf Emma zu.
Sie setzte sich leicht nervös neben sie und zupfte an ihren Kleidern herum. „Du heißt Emma, nicht wahr?“, vergewisserte sie sich zaghaft.
Emma drehte sich zu ihr um und musterte sie. „Ja, so heiße ich.“ Sie lächelte. „Warst du nun schon bei John?“
Melanie nickte und lächelte ebenfalls. Sie hatte das Gefühl, dass sie in der letzten Stunde mehr gelächelt hatte, als das ganze Jahr zuvor.
Schon mal positiv.
„Äh ... Die Jungs da drüben haben eine Frage bezüglich der Hausaufgaben, aber keiner traut sich, dich zu fragen“, sagte Melanie.
Emma runzelte belustigt die Stirn. „Du meinst Emanuel und seine Freunde?“
Melanie nickte und Emma musste lachen. „Wenn du wüsstest, dass ich Feuer spucke, würdest du dich vielleicht auch nicht trauen ...“ Sie senkte geheimnistuerisch die Stimme.
Melanie lachte, auch wenn ihr für einen Moment der Gedanke kam, dass das vielleicht gar nicht so abwegig war. „Na klar. Was kannst du denn Besonderes?“
Emmas Gesicht verdunkelte sich. „Nichts Besonderes. Einfach das
Übliche.“
„Das Übliche?“
„Alle hier können Magie erlernen. Das unterscheidet uns von den gewöhnlichen Menschen.“ Emma stand auf und die beiden Mädchen bahnten sich einen Weg zu den Jungs. „Und jetzt muss ich den Jungs wohl die Hausaufgaben erklären.“ Magie?
Melanie warf einen Blick zu Emanuel. „Emanuel gefallen deine Augen.“
Emma hätte beinahe ihre Tasche fallen lassen. „Ach ja?“ Sie wollte desinteressiert klingen, doch das gelang ihr ziemlich schlecht – ihre Stimme zitterte.
„Mhmm“, schmunzelte Melanie.
Emma setzte sich auf die Sofalehne und sie nahm wieder ihren Stuhl in Beschlag. Die Jungs hatten sich kaum bewegt.
„Keine Angst, ich beiße nicht“, sagte Emma ironisch zu Daniel, Emanuel, Ramón und Jack. Dann nahm sie Emanuel die Hausaufgaben aus der Hand und begann zu erklären.
Melanie hörte gar nicht zu, sie beobachtete bloß Emmas Bewegungen und fragte sich nicht zum ersten Mal, was an ihnen seltsam war. Sie bewegte sich sehr geschmeidig, aber gleichzeitig unsicher. Melanie wurde einfach nicht schlau daraus. Nur am Rande nahm sie wahr, dass die Jungs offenbar begriffen hatten, wie der Aufbau einer Rattenzelle aussah. Eilig schrieben sie es in ihre Hefte.
Bis um sechs Uhr blieb Melanie im Gemeinschaftsraum, ließ sich von Emma so einiges über den Unterricht erklären und begann, den Spanischstoff nachzuholen. Es stellte sich heraus, dass Emma in so ziemlich allen Fächern spitze war, denn sie wurde noch oft bei diesem und jenem um Hilfe gefragt.
Nun wandte sich Emma wieder Melanie zu. „Ich könnte dir mal das Zimmer zeigen, dann kannst du deine Sachen dort deponieren. Um sieben gibt es sowieso Essen.“
Nebeneinander gingen sie ein paar Treppen hoch in ein Zimmer, das wohl nun das ihre war. Es handelte sich um einen großen Raum, den man durch eine Schiebewand in zwei kleinere Bereiche abtrennen konnte. Das wurde aber kaum gemacht, erklärte Emma. Im linken und rechten Teil des Zimmers waren je ein Bett, ein Schrank und eine Kommode, ein Schreibtisch und ein bequemer Stuhl zu sehen. Neben dem Kopfende von Emmas Bett – man erkannte es an den Büchern, die darauf lagen, und dem Bettbezug – war ein Fenster, wie auch an der linken Wand, durch das man auf den Innenhof des dritten Areals sehen konnte. Melanie packte möglichst schnell ihre Sachen aus und verstaute sie in dem geräumigen Holzschrank.
„Wohnen alle, die im Gemeinschaftsraum waren, hier?“
„Nein, nur acht von ihnen. Emanuel, Daniel, Ramón und Jack und mit mir noch vier Mädchen. Aber eine von ihnen, Laura, ist gerade woanders in einem Extrakurs für Nähen.“
„Also sind wir ...“ Melanie überlegte. „Mit mir zehn Leute hier?“ Emma nickte.
„Und wo schlafen die Leiter?“ Wenn sie nun beschloss, dass sie sich nicht in einem verrückten Traum befand, wollte sie alles genau wissen.
„Die haben ein separates Gebäude. Du hast bisher erst John kennengelernt, aber es gibt über den zehn Leitern noch einen Chef, Anthony.“
Melanie hob ihre Jeans aus dem Koffer. „Ne, den kenne ich noch nicht.“
„Macht nichts.“
Melanie hob die Augenbrauen. „Ist er nicht nett?“
„Er nimmt seine Aufgabe sehr ernst“, wich Emma aus.
Melanie hatte fertig ausgepackt und schob den Koffer unter ihr Bett. „Aha.“
Das klingt ja erfreulich ...
„Was ist denn mit dem Gebäude, in dem Daniel mich verarztet hat und wo Johns Büro war?“
„Das ist quasi das „Krankenhausgebäude“. Dort haben auch die Leiter ihre Büros. Die meisten Leiter sind auch im medizinischen Bereich geschult und helfen dort oft aus. Wir haben aber auch professionelle Krankenschwestern.“
Melanie schloss die laut quietschende Schranktür und speicherte die Information gedanklich ab. „Wieso sind eigentlich so viele im Gemeinschaftsraum, wenn sie gar nicht hier wohnen?“, überlegte sie laut.
Emma zuckte die Schultern. „Wahrscheinlich war es gerade näher für sie, in unseren Gemeinschaftsraum zu kommen, als in ihren eigenen zu gehen. Das ist aber nicht immer so.“
„Verstehe.“ Melanie musste sich immer noch an all das Neue gewöhnen. Es gab wahrlich sehr viele Dinge, die man hier tun konnte, wie sie bereits gemerkt und gesehen hatte. Ob es auch eine Möglichkeit zum Klettern gab? Sie liebte das Klettern, seit sie mit acht Jahren in einen Kletterpark gegangen war, und sie würde das Hobby gerne fortführen … Sie merkte, dass sie gar nicht mehr in Erwähnung zog, nicht hierzubleiben, auch wenn sie dieses seltsame Land erst seit einem halben Tag kannte.
„Was denkst du?“, fragte Emma und schaute sie von der Seite her an.
„Hm“, machte Melanie. „Ob man hier klettern kann.“
Emma riss erstaunt die Augen auf. „Du kletterst?“
Melanie lächelte. „Ja, also, als Hobby.“
Emma war nahe daran, vor Freude auf der Stelle zu hüpfen. „Ich auch! Du bist die Erste hier, die auch außerhalb des Unterrichts klettert!“
Melanie konnte kaum fassen, dass Emma tatsächlich auch kletterte. Sie schaffte es nicht, das Strahlen zu verbergen, das sich auf ihr Gesicht drängte. „Dann kann man hier klettern?“, wollte sie wissen.
Emma nickte heftig. „Im Wald darfst du auf jeden Baum, solange du gesichert bist. Und es wurde eine Art Kletterpark ausgebaut, auch für den Kampfunterricht.“
Melanies Augen wurden groß. „Wir müssen unbedingt mal zusammen dahin!“
Da war Emma mehr als einverstanden, auch wenn sie nichts sagte. Denn jetzt fiel Melanie auf, was sie noch erwähnt hatte. „Du hast was vom Kampfunterricht gesagt …?“
„Ja, im Unterricht kämpfen wir sehr selten auch auf den Bäumen. Training für das Gleichgewicht und so.“ Sie grinste.
„Wow.“ Melanie dachte unwillkürlich an die vielen Kampffilme, die sie gesehen hatte. „Klingt aber ganz schön gefährlich …“ Eine schrille Glocke unterbrach ihre Unterhaltung.
Melanie zuckte zusammen. „Was war das?“
„Es gibt Essen. Komm mit.“
Emma nahm sie an der Hand und zog sie die vier Treppen zum Erdgeschoss in den Essensraum hinunter.