Kitabı oku: «Tigermädchen», sayfa 5

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Als Emma und Melanie das Zimmer erreichten, waren die meisten Stühle schon besetzt und die beiden ergatterten nur noch einen Platz ganz vorne. Gleich zu Beginn musste sich Melanie mit Namen, Alter und Herkunft vorstellen, was aber außer dem Lehrer bereits alle wussten.

Doch dies hielt auch den Englischlehrer und den Chemielehrer nicht davon ab, dasselbe zu fragen. Den restlichen Unterricht hindurch versuchte sie, den jeweiligen Lehrern zu folgen, doch hin und wieder wurde sie von Emma abgelenkt. Diese zeichnete nämlich mit einem komischen Stift Spinnen und Spinnennetze auf ihre Arme, und obwohl sie dem Lehrer anscheinend nicht zuhörte, konnte sie jede Frage beantworten, die ihr oder Melanie gestellt wurde.

Am Nachmittag fand jedoch kein festgelegter Unterricht statt. Stattdessen musste man ein Wahlfach wählen, wie Emma ihr während des Mittagessens erklärte.

„Heute gibt es Reiten, Dolchkampf oder Individuelles“, meinte sie. „Und danach noch als festes Fach Schmieden, aber das ist kaum Unterricht der normalen Sorte.“

„Individuelles?“

„Da kommst du in die Arena und kannst etwas nach deiner Wahl üben, aber es ist immer ein Lehrer dabei – meistens John – der dir hilft oder einfach zuschaut.“ Sie überlegte kurz. „Aber Dolchkampf und Individuelles kannst du auch an anderen Tagen wählen, also ...“ Sie ließ die Worte in der Luft hängen, aber Melanie verstand dennoch, was sie sagen wollte.

„Dann ... nehme ich Reiten“, stammelte sie vorsichtig.

Emma lächelte. „Cool, dann bist du bei mir!“

Melanie atmete erleichtert auf. Sie kannte sich noch immer zu wenig mit der Schule und dem ganzen System aus, als dass sie es sich zugetraut hätte, ohne jemanden, den sie kannte, in ein unbekanntes Fach wie Dolchkampf zu gehen. Obwohl das gar nicht so schlecht klang...

Also erhoben sich Emma und Melanie schon bald, um rechtzeitig zum Reitunterricht zu erscheinen.

„Kannst du schon ein bisschen reiten?“, fragte Emma plötzlich, als sie gerade das Hauptgebäude verließen.

„Äh ... Ich war zwei Mal mit meinen Eltern auf einem Reiterhof und habe ein wenig reiten gelernt, aber nicht so richtig ...“, erklärte Melanie verwirrt und blickte Emma in die Augen. Die fand sie, ob mit oder ohne Wimperntusche, sehr interessant. Sie hatten, von den normalen Gefühlen in den Augen jedes Menschen mal abgesehen, irgendetwas, was Melanie nicht verstehen konnte. Etwas, das aussah wie eine tiefe Leere.

Emma wandte den Blick ab. „Gut“, meinte sie. „Dann wird es dir sicher leichtfallen, mitzukommen, wir haben erst seit einem halben Jahr Reiten.“

Danach wechselten sie das Thema und Melanie sprach zum ersten Mal seit Jahren mit einem Mädchen über Dinge, die man mit Mädchen eben besprach. Es tat ihr gut, sich mit Emma zu unterhalten. Sie war sehr klug und hatte etwas Ernstes an sich, aber gleichzeitig war sie humorvoll und mitfühlend. Und, das Wichtigste, sie war Melanies erste richtige Freundin seit Jahren.

„Bist du mit Emanuel zusammen?“, fragte Melanie, als sie vor einer umzäunten Wiese stehen geblieben waren, hinter der der Unterricht stattfinden würde.

Emma erstarrte kaum merklich und hatte zum Glück nichts in der Hand, das sie fallen lassen konnte. „Ähm ... nein?“

„Aber ihr seid ineinander verliebt.“

Emma warf ihr einen Blick zu. „Ich bin in ihn verliebt“, gab sie zu. „Das heißt aber noch nichts.“

„Da lässt sich doch was machen!“ Melanie stieß sie spielerisch an der Schulter an. „Er mag dich auf jeden Fall!“

Emma zog zweifelnd die Augenbrauen zusammen. „Ach ja, hast du ihn gefragt?“

Melanie lachte wieder einmal. „Nein, aber ... Ich vermute es einfach.“

Emmas Miene wechselte von skeptisch zu gespielt entrüstet. „Du machst mir einfach unbegründete Hoffnungen!“, warf sie ihr lachend vor.

„So bin ich eben“, stimmte Melanie mit ein. Am liebsten hätte sie sich nach diesem Satz die Zunge abgebissen. Musste sie denn schon in der ersten Woche so arrogant wirken? Doch Emma sagte nichts dergleichen, sondern deutete bloß auf das Metalltor, durch das man auf die

Wiese gelangte. „Es ist Zeit, wir müssen rein.“

Melanie folgte ihr in die Umkleidekabine und sie zogen sich reittauglich um. Dann stellten sie sich auf die große Wiese und warteten, bis die ganze Reitgruppe bereit war. Tatsächlich waren circa 15 Schüler auf der Wiese versammelt und ebenso viele Pferde, die friedlich grasten. Die Hindernisse in der Mitte der Arena deuteten jedoch auf einen weniger friedlichen Unterricht hin. Kurz darauf erschien ein hochgewachsener Lehrer und bat um Ruhe.

Der Unterricht begann. Obwohl Melanie schon das ein oder andere Mal auf einem Pferd geritten war, hatte sie ihre Schwierigkeiten mit den Hindernissen. Sie konnte knapp Trab und Galopp, an Kunststücke war also gar nicht zu denken. Das schien dem Lehrer aber völlig egal zu sein, als er erklärte, wie man das Pferd über ein circa ein Meter hohes Hindernis springen ließ. Melanie saß angespannt in ihrem Sattel, als Jack seinen Hengst neben Melanies Schimmel dirigierte. „Und? Schon mal geritten?“ Er grinste anzüglich.

Melanie warf ihm einen finsteren Blick zu und probierte, mit halbem Ohr dem Lehrer weiterhin zuzuhören. „Ja“, bekräftigte sie, ihre Angst verbergend. „Aber keine Hindernisse.“

„Pass einfach auf, dass du nicht hinfällst, das Pferd könnte sich verletzten“, erwiderte Jack trocken.

Melanies Blick wurde, wenn möglich, noch finsterer. „Vielen Dank für deine bekräftigenden Worte, auf die Idee wäre ich nie gekommen“, konterte sie nicht minder trocken und gab es auf, dem Lehrer zuhören zu wollen. „Du scheinst dich ja bestens auszukennen, Mister Witzig. Mach doch mal vor.“

Jacks Grinsen wich keine Sekunde von seinem Gesicht – er ließ sich nicht provozieren. „Wenn du es wünschst.“

Melanie unterdrückte den Drang, ihn vom Pferd zu stoßen und ließ ihn sich vordrängeln. Im Vorbeigehen flüsterte er ihr tatsächlich etwas Nützliches zu: „Fühle mit dem Pferd, nicht dagegen.“ Doch er sagte es so leise, dass sich Melanie nicht sicher war, ob sie sich verhört hatte. Sie starrte eine Weile auf seinen Hinterkopf und stellte überrascht fest, dass seine Haare nur eine Nuance heller waren als ihre eigenen. Plötzlich blickte sie in dunkle Augen, blinzelte und realisierte, dass Jack sich umgedreht hatte und sie direkt ansah.

„Daniel hat dich hergebracht, oder?“, fragte er unvermittelt.

Melanie runzelte fragend die Stirn. „Wohin?“

„Ins Land der Nacht.“

„Ja … wieso?“

Jack zuckte mit den Schultern. „Nur so.“ Nach einer Weile fügte er hinzu: „Hat dir offenbar nicht erzählt, was an den ersten Tagen so drankommt, was?“

Melanies Stirnrunzeln vertiefte sich. Sie mochte es nicht, wenn jemand über andere lästerte, ohne dass diese dabei waren, erst recht nicht, wenn sie die betreffenden Personen nett fand. Aber was beabsichtigte Jack mit dem leicht höhnischen Unterton? Wollte er Daniel etwa vorwerfen, dass er ihr nicht gleich das ganze Schulsystem erklärt hatte oder verstand Melanie die Botschaft bloß falsch? Sie biss die Zähne zusammen, bevor sie antwortete: „Wir haben uns über andere Dinge unterhalten.“

Jack hob die Augenbrauen und nickte. Sein Blick war immer noch auf sie gerichtet, als überlege er sich, ob er ihr ein Geheimnis verraten solle. Schließlich drehte er sich aber um, damit er einen Blick auf die Warteschlange erhaschen konnte, ohne nochmals etwas zu sagen.

Die Reihe vor ihnen lichtete sich allmählich und Melanies Nervosität wuchs mit jeder Sekunde. Emma, die vor Jack in der Reihe stand, nahm gerade die Zügel in die Hand und ritt elegant auf das Hindernis zu, drosselte das Tempo ein wenig und sprang in einer perfekten Bogen über den Balken. Dann galoppierte sie etwas weiter nach links, wo die Hälfte der Gruppe bereits wartete. Jack kam dran und tat es Emma gleich – Melanie konnte sein triumphierendes Grinsen bis hierhin spüren, obwohl sie sein Gesicht nicht sah. Jetzt war sie dran. Sie stieß ihrem Schimmel die Hacken in die Flanke und das Pferd trabte los. Der Wind brachte ihr pechschwarzes Haar in Bewegung, aber das immer näherkommende Hindernis verhinderte jedes Aufkommen von Glücksgefühlen. Wie Jack ihr geraten hatte, probierte sie zu fühlen wie ihr Pferd und beugte sich tiefer über dessen Hals. Dann grub sie die Erinnerungen an die Worte des Lehrers aus, die sie schon verdrängt hatte und, ehe sie es sich versah, sprang der Schimmel über das Hindernis und galoppierte wie von selbst zu seinen Artgenossen. Emma und Jack erwarteten sie grinsend.

„Gar nicht schlecht“, sagte Jack. Melanie wäre gerne mal nachts schauen gegangen, ob Jack auch im Schlaf dieses Grinsen auf dem Gesicht trug. Aber sie lachte nur und strich sich eine Haarsträhne hinter die Ohren, die ihr die Sicht verdeckt hatte.

Melanie stand neben Emma im Schmiedeunterricht und hörte John gebannt zu. Obwohl sie eigentlich Schmieden hatten, befanden sie sich in einem normalen Zimmer – die Schmiede war momentan besetzt, hatte Emma erklärt.

„Diesen Monat ist unser Gebäude wieder mal mit einem Waffenwettbewerb dran. Es wird zwei Gruppen geben, die jeweils eine Waffe schmieden und sie mir gegen Ende des Monats abgeben. Die Gruppe mit der besseren Waffe gewinnt“, sagte John. Aufgeregtes Murmeln ging durch die Reihen. „Der Gewinn wird eine gute Note in Schmieden sein.“ Kollektives Aufstöhnen. John erlaubte sich ein Lächeln. „Die Regeln lauten: Man darf die andere Gruppe nicht beeinflussen und sich nicht mit ihr absprechen. Und man darf nichts „erfinden“, was es schon gibt. Die Waffe wird nach Schönheit, Umgänglichkeit, Gefahrengrad und Nutzen bewertet. Bei Fragen wendet ihr euch ungeniert an mich.

Nun bildet die Gruppen!“

Melanie unterdrückte ein Lachen. John schien kein Mann langer Sätze zu sein – er sagte nie einen Satz, der mehr als ein Komma besaß. Doch nach seinen Worten brach Tumult aus, jeder wollte mit den Besten in der Gruppe sein, welche sich als Ramón und Daniel herausstellten. Nach langem Hin-und-her-Gerede standen die beiden Gruppen fest. Sam, Jack, Emma, Emanuel und Melanie waren in einer Gruppe, in der anderen waren Daniel, Caroline, Ramón und Zoé. Dort würde Laura noch hinzukommen, wenn sie zurückkam.

John musterte die Gruppen mit zusammengekniffenen Augen, er schien nicht ganz zufrieden zu sein. „Beim Schmieden darf man sich trotzdem Tipps holen gehen, sonst wären Ramón und Daniel zu sehr im Vorteil. Ich merke es aber, wenn ihr euch gegenseitig helft!“ Besagte Jungs grinsten sich an und es war deutlich, dass sie nicht im Traum daran dachten, der anderen Gruppe mehr als nötig zu helfen.

In der nächsten Stunde ging es an die Arbeit. Melanies Gruppe setzte sich zusammen und begann zu planen.

„Was für eine Sorte Waffe wollen wir machen? Was ist am nützlichsten?“, dachte Emma laut nach und kaute auf einem Bleistift herum.

„Vielleicht etwas nicht allzu großes, damit man es gut verstecken kann ...?“, meinte Melanie und dachte an ihre Messer, die in ihren beiden Stiefeln steckten.

Sam runzelte ihre sonnengebräunte Stirn. „Wenn du in den Kampf ziehst, brauchst du die Waffe doch nicht zu verstecken.“

Melanie sah erstaunt und gleichzeitig verärgert auf. „Es gibt auch andere Momente als nur den Krieg, in denen man eine Waffe brauchen kann. Und wenn du im Nahkampf gegen jemanden steckst, ist eine Joker-Waffe immer nützlich ...“, wandte sie möglichst diplomatisch ein und fügte stumm in Gedanken hinzu: Zum Beispiel, um dir deine gefärbten Haare abzuschneiden. Aber sie wollte nicht an ihrem ersten Schultag einen Streit vom Zaun brechen, deshalb behielt sie diesen Teil für sich.

„Oh, da scheint sich ja jemand auszukennen“, gab Sam höhnisch zurück und Melanie mochte sie mit jeder Sekunde weniger. Sie atmete tief ein und versuchte, die Selbstbeherrschung zu wahren, die ihr in der alten Schule das Leben gerettet hatte.

Jack machte mit einem Winken auf sich aufmerksam. „Mädels, hört auf zu streiten!“ Melanie blickte dankbar zu ihm. „Das solltet ihr erst machen, wenn die Waffe fertig ist.“

Jegliche Dankbarkeit verschwand wieder.

„Melanie hat Recht. Sie sollte möglichst schmal sein, damit man sie gut in den Kleidern verbergen kann“, mischte sich Emanuel ein und lenkte somit die Aufmerksamkeit wieder auf die eigentliche Sache.

„Okay“, nickte Emma und schrieb das Kriterium auf.

„Am besten ist es etwas, mit dem man schneiden kann und Schläge austeilen“, ergänzte Emanuel.

„Etwas Leichtes auch noch“, meinte Jack.

„Schön muss es auch sein!“, warf Sam ein und Melanie unterdrückte ein Stöhnen.

„Wie wär‘s mit einer Art Schwert, das auf der einen Seite scharf ist, auf der anderen hart und vorne spitz?“ Emma sah fragend in die Runde.

Melanie schaute sie gleichzeitig überrascht und begeistert an. „Das ist doch gut!“, rief sie aus. Wie schnell das hier vorwärts ging, war echt erstaunlich.

Auch den anderen gefiel die Idee und Emma schrieb das Ganze eifrig auf. „Okay“, meinte sie zum Schluss. „Jetzt müssen wir uns nur noch an die Ästhetik machen.“

Melanie, Emanuel und Jack, die bisher am Tisch gelehnt hatten, zogen sich nun einen Stuhl heran und gemeinsam begannen sie, eine Skizze anzufertigen.

Melanie ging gemächlich auf das Camp Cataara zu. Es war zwei Uhr und für jeden anderen Menschen stockfinster und tiefe Nacht. Aber da Melanie ihre vier benötigten Stunden schon geschlafen hatte, hatte sie keine Ruhe mehr gefunden und war aufgestanden. Jetzt lief sie zurück und spielte am Griff ihres Messers herum, das aus ihrem Gürtel hervorlugte.

Ein plötzliches Geräusch zu ihrer Rechten ließ Melanie in Alarmbereitschaft aufhorchen. Sie blickte in die Richtung und erkannte in einer schmalen Gasse mehrere Gestalten, die aufeinander losgingen. Als sie genauer hinsah, stellte sie fest, dass es sich um drei Jungs und ein Mädchen handelte. Ein Mädchen mit einem goldblonden Zopf und schiefergrauen Augen. Emma.

Melanie sog überrascht die Luft ein. Was suchte Emma um diese Zeit hier unten? Sie rannte los, auf ihre Freundin zu. Die drei Jungs hatten sie umzingelt und kamen immer näher. Einer hatte ein Messer in der Hand, aber da sie nicht direkt angriffen, nahm Melanie an, dass sie etwas von ihr wollten. Falsch gedacht. Der Junge ganz links griff mit seiner starken Hand nach Emma und drückte ihr den Hals zu. Emma riss die Augen auf und schnappte verzweifelt nach Luft.

„Lass sie los!“, schrie Melanie, zog ihr Messer aus dem Gürtel und warf es gezielt nach dem Jungen. Nicht töten, ermahnte sie sich. Es segelte mit beispielhafter Präzision auf den Jungen zu und drehte sich im Flug um die eigene Achse. Dann blieb es in seinem Ziel stecken: In seinem Arm. Der Junge heulte auf, ließ Emma los und beschimpfte Melanie wild, doch diese beachtete ihn längst nicht mehr. Das nächste Messer steckte im Bein desjenigen, der gerade in Begriff gewesen war, Emma hinterlistig einen Dolch in den Bauch zu stoßen. Der dritte Junge sah sie keuchend und voller Angst an.

„Spinnst du?“, kreischte er hysterisch. Melanie bückte sich, langte in ihren Stiefel und zog mit einer einzigen Bewegung ein Messer hinaus, bevor es auch schon in der Hand des Dritten steckte. Auch dieser hatte ein Messer hervorholen wollen, hatte sich jedoch ungeschickter angestellt. Jetzt jaulte er leidend auf und zog das Messer wütend wieder heraus. Er rannte auf Melanie zu, sie kam ihm entgegen. Zur selben Zeit, als Melanie zum Schlag ausholte, hatte der Junge ihr in den Bauch gekickt. Sie stöhnte und trat einen Schritt zurück. Dank ihrer Nachtsicht erkannte sie, wie der Angreifer ihr Messer auf sie zuwarf, das jedoch völlig schief daherkam.

Auch wenn ich blind wäre, würde mich das Messer nicht mal annähernd berühren.

Melanie fing es auf und steckte es in den Stiefel, dann holte sie aus und kickte dem Jungen gegen die Brust. Er flog nach hinten und landete auf dem Rücken. Melanie setzte ihm nach und beugte sich, rasend vor Wut, über ihn.

„Du rührst meine Freundin noch einmal an und mein Messer steckt in deiner Brust! Hast du mich verstanden?“, fauchte sie. Der Teenager nickte eifrig und robbte schnell aus ihrer Reichweite. Dann ging Melanie zu seinen Kumpels und nahm die Messer an sich.

„Die behalte ich gerne“, murmelte sie, als ihr plötzlich Emma wieder in den Sinn kam. Schlagartig drehte sie sich zu ihr um und ging langsam auf sie zu.

„Emma?“ Beschwichtigend streckte Melanie eine Hand nach ihr aus. Emma presste sich noch dichter an die Wand und zitterte unkontrolliert, sie war ganz bleich.

Sanft legte ihr Melanie die Hand auf die Schulter und schaute ihr in die Augen. „Emma, alles ist gut, ich tue dir nichts.“

Emma biss sich auf die Lippe und eine einzelne Träne rann ihr über die Wange.

Bestürzt wischte Melanie sie fort. „Haben sie dir wehgetan?“

Emma schüttelte den Kopf, sie schien in Panik zu sein. Sie zitterte noch immer, ihr Atem ging unregelmäßig und sie stützte sich ganz offensichtlich an der Wand ab. „D-danke“, brachte sie hervor. „Ich ... sie haben mich einfach überrascht, das ist alles. Ich ... ich bin ...“ Sie brach ab und wandte den Kopf ein wenig von Melanie ab. Ihre Unterlippe zitterte und ihr Blick huschte unruhig umher.

Melanie nahm sie behutsam bei der Hand und drückte diese. „Schon okay. Atme ganz ruhig, Emma.“ Da sie selber mit 13 Jahren monatelang an Panikattacken gelitten hatte, kannte sie sich damit aus. Langsam beruhigte sich Emma und sie wagte einen Blick in Melanies Augen. „Kämpfst du immer so?“ Ihre Stimme zitterte.

Melanie errötete. „Nein ... normalerweise mache ich es schon besser ...“

Emmas Mundwinkel zuckten. „Ich meinte so gut!“

„Ach so“, entfuhr es Melanie angespannt und sie zuckte mit den Schultern. „Danke. Ich hatte Glück, dass ich die Messer dabei hatte ...“

Emma zuckte beim Wort Messer zusammen, was Melanie besorgt beobachtete. „Du bist aber nicht verletzt?“, fragte sie erneut.

„Nein.“ Emma schüttelte abermals den Kopf. „Ich habe nur Angst bekommen.“

Melanie verzog mitfühlend das Gesicht. „Kann ich verstehen.“ Nach einer Weile fügte sie hinzu: „Was wollten sie denn?“ Sie spürte, wie sie um alles in der Welt wollte, dass es Emma gut ging, dass sie keine Angst mehr haben musste.

„Sie haben etwas von einem Tigermädchen geschwafelt, das wir verstecken würden ...“ Emma schüttelte verwirrt den Kopf. „Das ist aber normal. Es kommen immer wieder Blacks hierher bis an die Grenze und wollen Informationen über das Tigermädchen.“

Erstaunt hob Melanie die Augenbrauen. „Die sind ja echt aufdringlich.“

Emma gelang ein Lächeln. „Wir sollten ja auch nicht nachts rausgehen. Ich ... äh ... hab dich gesucht.“ Sie warf Melanie einen fragenden Blick zu. „Du warst nicht da. Wo bist du hergekommen?“

Melanie biss sich auf die Lippe. Emma war ihretwegen angegriffen worden! Sie hätte ihr eine Nachricht hinterlassen sollen. „Ich bin rausgegangen, weil mir langweilig war. Tut mir leid. Ich brauche nur circa vier Stunden Schlaf, weißt du?“

„Das ist echt cool!“, rief Emma aus, die ihr nicht mehr böse zu sein schien, und stand nun schon eigenständig auf beiden Beinen. „Warst du schon lange da draußen?“

Melanie schüttelte den Kopf. „Höchstens eine halbe Stunde.“

Die beiden Mädchen machten sich stumm und langsam auf den Weg zum Gebäude 3.1. Melanie hielt immer noch Emmas zitternde Hand fest und Emma blickte zu Boden. Sie kamen am Gebäude an und schlichen die Treppe hoch zu ihrem Zimmer.

„Das nächste Mal musst du dir keine Sorgen machen, okay?“, bat Melanie flüsternd.

Emma nickte. „Außer du bist morgens noch nicht da. Und bitte, sei vorsichtig.“

„Klar“, versicherte Melanie, selbst nicht ganz sicher, ob sie es ernst oder sarkastisch meinte.

Die Zeitung schien etwas sehr Wichtiges zu sein im Land der Nacht.

Wahrscheinlich, weil sie die einzige Verbindung zur Außenwelt war. Im Frühstücksraum hatte sich Emanuel die aktuelle „TagesBild“ geschnappt und las laut vor: „Die dunkle Retterin ist zurück! Heute Nacht ist Die dunkle Retterin wieder in Aktion getreten und hat gleich zwei Opfer gerettet. Die beiden sind zum Glück unbeschadet davongekommen. Das Mädchen in Schwarz war offenbar voller Eifer dabei; obwohl sich die beiden Fälle an anderen Schauplätzen abgespielt haben, war sie bei beiden anwesend. Gegen Mitternacht wurden die beiden Übeltäter bei der Polizei gemeldet, aber es fehlt bisher jede Spur von ihnen. Die dunkle Retterin schien sich nicht anders verhalten zu haben als zuvor, es ist immer noch ein Rätsel, wieso sie nach drei Jahren diese Auszeit von drei Tagen genommen hat. Ist sie wegen der Aufrufe in den Zeitungen nun doch wieder aufgetaucht oder hat sie ganz andere Gründe? Wahrscheinlich wird das Rätsel nie gelöst werden, aber die Opfer sind dankbar: Das eine Mädchen bat die Polizei ausdrücklich, bekannt zu machen, wie sehr sie die Hilfe des Mädchens in Schwarz schätze.“ Emanuel endete und sah auf.

„Das ist ... echt nett von dem Mädchen“, bemerkte Melanie.

„Diese Auszeit ist echt komisch ...“, sagte Daniel nachdenklich, der hinter Melanie stand. „Also, ich finde es ja okay, aber verstehen tue ich es trotzdem nicht.“

„Ich auch nicht“, meinte Caroline. „Aber das ist doch echt egal. Was ich mich frage, ist, wie dieses Mädchen kämpfen gelernt hat. Und ob sie in die Schule geht und Eltern hat.“

Bei dem Wort Eltern zuckten sowohl Emma als auch Daniel zusammen. Die anderen schauten Caroline nur mit einem seltsamen Blick an – keiner hatte sich bisher solche Gedanken gemacht.

„Du hast Recht!“ Emma klang erstaunt.

„Warum sollte sie keine Eltern haben?“, fragte Melanie und schaute möglichst unauffällig zu Daniel; ihr war schon bei ihrer ersten Begegnung aufgefallen, dass er auf dieses Thema sensibel reagierte. Was war denn mit seinen Eltern geschehen? Und mit Emmas? Irgendwie schienen hier alle nicht im Paradies großgeworden zu sein. Andererseits gab es bei ihr auch Tabuthemen …

Caroline zuckte als Antwort auf Melanies Frage mit den Schultern. „Wissen die, dass ihre Tochter solche Sachen macht, und machen sich gar keine Sorgen? Und wenn nicht: Wie kann sie sich aus dem Haus schleichen?“

Darauf wusste wieder einmal keiner eine Antwort, und die dunkle Retterin war erneut das Hauptgesprächsthema bis zum Unterrichtsbeginn.

Am Nachmittag wusste Melanie nicht, was sie machen sollte. Emma hatte gerade den Gemeinschaftsraum verlassen, um in ein Wahlfach zu gehen. Den Namen hatte Melanie schon wieder vergessen, aber es hatte auf jeden Fall mit Mathematik zu tun gehabt. Gerade als auch sie ihre Sachen zusammenpackte und in ihr Zimmer gehen wollte, kam Caroline zu ihr. „Hey, ist dir langweilig?“ Sie lächelte.

Melanie sah erstaunt auf. „Ehm ... Ja, wieso?“

„Du könntest mal mit in die Schmiede kommen, das ist echt interessant.“

Tatsächlich wusste sie wenig über das Schmieden und sie würde gerne mal zuschauen. Jetzt, da sie im Unterricht ein Schmiedeprojekt ausarbeiteten, wäre es bestimmt hilfreich, wenn sie sich ein Bild von dieser Tätigkeit verschaffen könnte. Also stimmte Melanie zu, erhob sich und folgte Caroline aus dem Gemeinschaftsraum zu einer dicken Tür, die neben der nach oben führenden Treppe kaum sichtbar war.

Caroline drehte sich kurz zu ihr um. „Vielleicht solltest du die Jacke ausziehen, da unten ist es ziemlich heiß.“

Melanie schlüpfte aus ihrem schwarzen Hoodie. Darunter trug sie nur ein schwarzes Tanktop mit einem feinen, silbernen Muster darauf. Caroline öffnete die Tür und augenblicklich schlug ihr eine atemberaubende Hitze entgegen. Caroline hatte nicht übertrieben, es war in der Tat wärmer als in allen Strandferien, in denen Melanie je war – was sich auf zwei beschränkte. Schon oben an der Treppe war die Luft stickig und glühte fast.

Caroline stieg eine schmale Treppe herunter, die in eine erstaunlich große Schmiede führte. Rechts von der Treppe lief eine Wand entlang, links erstreckte sich ein Raum, mindestens so groß wie Melanies Schlafzimmer. An der Wand, die am weitesten von der Treppe entfernt war, waren drei Schmieden eingebaut, daneben stand eine große Werkbank mit einem Amboss und einer Schüssel Wasser. Die eine Schmiede war kalt und verlassen, die anderen beiden standen regelrecht in Flammen. Und davor saßen Daniel und Ramón, beide der Hitze wegen in schlichte Muskelshirts gekleidet. Ebenso trugen sie Handschuhe und Schutzbrillen – auch wenn sie die Brillen auf die Stirn geschoben hatten. Caroline stupste Melanie in die Seite und jene blinzelte, ganz vertieft in die Betrachtung der Schmiede. Oder Ähnliches ...

Jetzt schienen die beiden Jungs die Gäste gehört zu haben, denn sie drehten sich auf ihren Hockern um. Caroline lächelte Ramón warm zu und er erwiderte die Geste. Daniel begrüßte sie ebenfalls lächelnd und nickte Caroline zu. Sie war wahrscheinlich oft in der Schmiede, da Ramón ständig hier war.

„Hi Melanie, bist du zum ersten Mal hier unten?“, wandte sich Daniel an Melanie.

Melanie nickte, unsicher, was sie sagen oder tun sollte. „Gar nicht gewusst, dass das sozusagen euer Hobby ist.“

Die beiden lachten und winkten sie etwas näher heran. „Schau doch mal bei unserem Hobby zu“, meinte Daniel und Melanie fragte sich, ob er sie veräppeln wollte, kam aber trotzdem näher. Caroline war schon neben Ramón getreten und hatte einen Arm auf seine Schulter gelegt. „Keine Angst, normalerweise werfen sie keine Neuen ins Feuer“, scherzte Caroline und ihre Augen blitzten belustigt.

„Erst, wenn sie schon seit langem hier sind?“, lachte Melanie. „Pass auf, dass du nicht zu nah ran gehst, Caroline.“

Caroline, die hinter ihrem Freund stand, machte demonstrativ einen Schritt zurück und grinste.

„Wir haben unsere Methode zu anzünden geändert“, protestierte Daniel und hob zum Beweis ein an der Spitze glühendes Schwert hoch, das er gerade mit einem Hammer auf dem Amboss bearbeitete. So nah am Feuer war es noch heißer und Melanie bemerkte, dass Ramón und Daniel ins Schwitzen gekommen waren. Um sich davon abzulenken, dass Daniel komischerweise attraktiv aussah, während ihm der Schweiß an der Haut abperlte, fragte sie: „Meinte John deshalb, dass wir uns bei euch Tipps holen sollen?“

Daniel nickte. „Ich denke schon. Obwohl wir euch natürlich nie helfen würden!“ Sein Lächeln aber sagte genau das Gegenteil, als er sich halb zur Schmiede zurückdrehte und weiter auf das Schwert eindrosch. Interessiert trat Melanie näher und betrachtete mehrere Stäbe aus Metall, welche zwischen Daniel und Ramón auf einer Ablagefläche lagen. Ein Stab leuchtete in einem wunderschönen Gold und Melanie streckte, ohne zu überlegen, die Hand aus, um ihn zu berühren. Eine Sekunde, bevor sie das Metall anfassen konnte, schnellte Daniels Hand vor, die gerade noch am Griff des Schwertes gelegen hatte, und packte ihre Hand. Ruckartig zog er sie vom Stab weg. „Achtung!“, rief er erschrocken. „Das ist heiß.“

Melanie zuckte erschrocken von seiner heftigen Reaktion zusammen. „Sorry.“

Besorgt musterte Daniel Melanies Finger und suchte sie nach Brandwunden ab. „Schon okay. Hast du dich verbrannt, mi cielo?“

Melanie schüttelte errötend den Kopf. „Nein, du warst echt schnell

... Danke.“

Daniel atmete erleichtert aus und ließ ihre Hand los, die augenblicklich kälter wurde. „Gut. Die Feuer wird je nach dem über 1000°C heiß – im Land der Nacht haben wir noch andere, spezielle Arten von Metall. Vermutlich ziemlich schmerzhaft.“

„Ich dachte, ihr zündet manchmal Leute an. Habt ihr sie danach nicht gefragt?“, witzelte Melanie, von seiner plötzlichen Fürsorge überrascht.

Daniel grinste ein Bad Boy-Lächeln. „Meistens wollten sie danach unverständlicherweise nicht mehr mit uns reden ...“, erwiderte er und brachte somit alle vier zum Lachen.

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