Kitabı oku: «Sonnenkaiser», sayfa 12

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Er schaute sich das Bild genauer an.

Jacobs Sohn ähnelte seinem Vater äußerlich sehr. Er hatte die gleichen gerade geschnittenen Gesichtszüge und dunklen Augen. Die beiden hätten als kleiner und großer Bruder durchgehen können, was aber auch ein Ergebnis gewisser operativer Maßnahmen an Frederic Jacobs Gesicht sein konnte.

Was Daniel vermisste, war irgendeine Ähnlichkeit Marcs mit seiner Mutter. Jacobs Gene schienen wie er selbst zu sein, dominant.

>>Das sind wohl hauptsächlich Freunde von Marc aus Frankfurt. Hier in Berlin hat er keine nennenswerten Kontakte. Wir haben uns die Nummern besorgt, die Marc angerufen hat und die ihn in den letzten Wochen angerufen haben. Dazu hat uns GlobSecure mit den Adressen und Namen zu den Nummern versorgt<<, informierte Jacobs ihn.

Freunde? Als Ergebnis von Anruflisten. Die Jacobs schienen entweder naiv oder hinsichtlich des Lebens ihres Sohnes sehr unbedarft zu sein. In der Liste steckten womöglich ein paar Überraschungen.

>>Haben Sie nicht selbst versucht, diese Leute zu kontaktieren?<<

>>Natürlich sind wir schon selbst auf diese Idee gekommen, aber auf den meisten nicht öffentlichen Nummern nimmt niemand ab.

Die Freunde, die wir erreichen konnten, wussten nichts über Marcs Verbleib. Zu den Adressen haben wir GlobSecure bereits mit Nachforschungen beauftragt.<<

Frederic Jacobs Stimme hatte einen verächtlichen Klang. Eine Frage nach solchen Selbstverständlichkeiten bewertete er eindeutig als Angriff auf seinen Intellekt.

>>Vielleicht haben Sie mehr Glück mit denen.<<

Daniel warf noch einmal einen Blick auf die kurze Liste. Ein paar Nummern gehörten zu öffentlichen Einrichtungen, zu Bereichen der Universität, zu ein paar Firmen. Besonders fielen ihm vier Namen mit Adressen auf, die die besagten Freunde sein konnten. Dahinter befanden sich ein paar Seiten, die auf den ersten Blick ein paar Informationen über den Gesuchten preisgaben.

>>Hat Ihr Sohn eine Partnerin oder einen Partner?<<

Frau Jacobs schüttelte den Kopf.

>>Davon wissen wir nichts! Er hatte letztes Jahr eine Freundin, aber die beiden haben sich getrennt. Seitdem hat Marc von niemandem mehr gesprochen! Über kurzfristige Liebschaften wird er verständlicherweise seinen Eltern gegenüber weniger berichten wollen.<<

>>Unser Sohn hat eben seinen Fokus auf sein Studium gelegt!<<, fügte Frederic Jacobs hinzu.

Natürlich. Ganz der Vater. Geradlinig, präzise, scharfsinnig, intelligent. Der Fokus war nur in den letzten Wochen ein wenig weggerutscht. Wohin blieb herauszufinden.

>>Aber GlobSecure hat die junge Dame auch überprüft! In ihren Telefonverbindungen und Internetaktivitäten hat sie tatsächlich seit damals keinen Kontakt mehr zu Marc gehabt.<<

Daniel war sprachlos. Er wagte nicht, zu fragen, warum die Jacobs GlobSecure nicht weiter mit der Suche beauftragen wollten. Scheinbar war der Sicherheitsdienst bereit, für seine Auftraggeber in den privaten Angelegenheiten beliebiger Personen herumzuschnüffeln, und besaß auch die Möglichkeiten dazu. Ein schlechtes Gewissen schienen die Jacobs auch nicht zu haben. Dass Persönlichkeitsrechte und Datenschutz nur im öffentlichen Raum wahrgenommen wurden, wusste Daniel aus seiner Polizeiarbeit. Die Strafverfolgung durfte diese Rechte großzügig ignorieren. Nur war dies hier keine polizeiliche Ermittlung. Marc war wohl nicht einmal von den Jacobs als vermisst gemeldet worden.

Aber er hatte sich, trotz der Erkenntnis, dass Daten für die, die sie sammeln konnten, stets im Zugriff standen und in jeglicher erdenklichen Hinsicht analysierbar waren, eingeredet, allein die Masse an Informationen gewährleiste eine gewisse Anonymität für jeden. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem das Interesse derer, die auf die Daten zugreifen konnten, sich auf eine bestimmte Fragestellung oder eine bestimmte Person konzentrierte, womit diese Anonymität verloren ging.

Die Antwort auf die Frage, wer diesen Zugriff hatte, war erstaunlich. Staatliche Instanzen hatten zwar das Recht, Kommunikationsinformationen bei Providern jederzeit umfassend einsehen zu können, aber wer genügend Geld auf den Tisch legte, bekam eindeutig nicht weniger geboten. Oder hatte eigene Möglichkeiten der Datenbeschaffung.

>>Ihr Sohn hat doch bestimmt auch hier ein Zimmer? Es könnte Sinn machen, mich dort umzusehen!<<

>>Nein! Er benutzt das Zimmer nur zur Übernachtung, wenn er hier ist. Wir haben es gründlich durchsucht, aber nur Kleidung und Badezimmerartikel gefunden.<<

Die Antwort kam so schnell und in einem spürbar scharfen Ton, dass Daniel sofort die Idee kam, Frederic Jacobs wollte ihm den Zugang in die Wohnräume nicht gestatten, und ihm damit einen Einblick in die Welt der Familie zu verwehren. Eine Verschärfung der Diskretionsforderung.

Daniel verzichtete darauf, das Thema weiter zu erörtern, was absehbar nur zu einer weiteren Abwehrreaktion führen konnte. Möglicherweise würde Jacobs ihn sogar hinauswerfen lassen, wenn Daniel seinen Unmut wecken würde. Und letztendlich lockte in Sichtweite eine Entlohnung. Frau Wolenskis Gesicht tauchte in seinen Gedanken auf. Er schüttelte sich innerlich.

>> Haben Sie weitere Kinder?<<, fragte Daniel, um elegant von diesem Thema umzuschwenken.

>>Nein, Marc ist unser einziges Kind<<, antwortete Diana Jacobs.

Ihr Mann stieß sich von der Fensterbank ab und ging einen Schritt nach vorne.

>>Jetzt wollen Sie wahrscheinlich noch wissen, was Ihnen der Auftrag einbringt?<<

Jacobs Blick hatte etwas Stechendes. Bei Daniel wollte keine Sympathie für diesen Mann aufkommen.

>>Ich gebe Ihnen eine Woche Zeit, um etwas Interessantes vorzuweisen. Sollten Sie unseren Sohn vorher finden, bekommen Sie die Woche trotzdem bezahlt und ich lege eine Prämie dazu. Haben Sie Marc nicht in dieser Zeit gefunden, entscheide ich, ob Sie der Sache gewachsen sind und weitermachen. Für die Begleichung von Spesen wird ebenso gesorgt. Pro Tag bekommen Sie zweitausend als Honorar und zwanzigtausend am Ende als Prämie im Fall des Erfolgs. Das ist mehr, als ein Privatdetektiv üblicherweise erwarten kann!<<

Damit hatte er absolut recht, dachte Daniel und erinnerte sich an das Gespräch mit Antall.

>>Ich nehme an, Sie sind einverstanden, oder hatten Sie andere Vorstellungen?<<

>>Nein, das Angebot ist sehr großzügig!<<

Was auch sonst. Je später er wieder zu dieser Wolenski musste, umso besser.

>>Gut! Sie erhalten diese Vereinbarung zugestellt. Eine Kopie geht an die Vermittlungsagentur.<<

Jacobs nickte knapp.

Diana Jacobs warf Daniel einen dankbaren Blick zu. Für sie schien er ein echter Rettungsanker zu sein, im Gegensatz zu ihrem Mann.

>>Vielen Dank, dass Sie unseren Sohn suchen werden!<<

>>Ich werde mein Möglichstes versuchen! Das möchte ich Ihnen zusichern!<<

Er nahm einen Schluck Kaffee und noch einmal die Gelegenheit, das fantastische Aroma einzuatmen, das ihm aus der Tasse entgegenwehte. Alles war wieder gut. Das Leben konnte manchmal richtig schön sein, wenn das Glück im richtigen Moment arbeitswillig war.

Für einen kurzen Moment.

>>Da wir Sie nicht kennen und Ihnen daher kein unbegrenztes Vertrauen schenken können, und auch nicht wissen, wohin Sie Ihre Suche führt, werden Sie zur allseitigen Absicherung einen Begleiter bekommen!<<

Frederic Jacobs ging zur Tür. Leise sprach er in den Eingangsbereich, in dem vermutlich Charleen darauf wartete, gebraucht zu werden. Er kam zurück und setzte sich in den zweiten Lehnsessel der Sitzgruppe, in der Frau Jacobs und Daniel saßen.

Jacobs schien ein durch und durch misstrauischer Mensch zu sein. Daniel spürte genau, der Mann hielt Informationen zurück. Die Daten auf dem Touchpad, die Absage an die Besichtigung von Marcs Zimmer. Jacobs hielt definitiv Informationen zurück. Und nun auch noch ein Aufpasser.

Im Eingangsbereich öffnete sich die Haustür. Als der den Türrahmen füllende dunkle Schatten den Raum betrat, hatte Daniel eine Ahnung, was nun kommen würde. Wie es aussah, war das Glück an diesem Tag sehr wankelmütig.

Der SecGuard blieb im Eingang des Salons stehen und nahm die Haltung eines Türstehers ein, leicht breitbeinig mit vor dem Körper zusammengeführten Händen. Sein Blick ging stoisch geradeaus, als würde er die Anwesenden nicht wahrnehmen.

Jacobs machte eine Handbewegung zum Eingang.

>>Sie werden von einem Mitarbeiter von GlobSecure begleitet. Sie kennen ihn schon. SecGuard Vermont hat Sie vom Flughafen hierher gefahren. Er wird Ihnen sehr hilfreich sein, wenn Sie unangenehmen Mitmenschen begegnen sollten. Und er sorgt für die Begleichung der anfallenden Spesen!<<

Vermont stand immer noch ohne Regung in der Tür und machte den Eindruck, dass er sich noch mit dem Verdauen eines Typs beschäftigte, der ihm quer gekommen war.

>>Das wird eine bemerkenswert unterhaltsame Woche werden<<, dachte sich Daniel.

>>Ja, wir haben bereits die allgemeinen Verhaltensregeln abgestimmt, die bei GlobSecure gelten.<<

Kaum hatte er das gesagt, hätte er sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Aber der Drang dazu, Vermont aus der Reserve zu locken, war zu stark gewesen. Doch der lebende Kleiderschrank reagierte überhaupt nicht. Sein Gesicht blieb eine unbewegliche Maske.

>>Herr Vermont ist ständig für die Betreuung meiner Familie zuständig. Ich schätze ihn für seine Verschwiegenheit und Loyalität.<<

Diese Worte und Jacobs anerkennender Blick in Richtung des humorlosen Kahlschädels ließen keinen Zweifel daran, dass ihm diese Maximalkonzentration an Muskelkraft samt sonstiger Eigenschaften imponierte.

>>Sie sollten jetzt keine weitere Zeit verschwenden! Wenn ich Sie richtig verstanden habe, werden Sie zunächst nach Frankfurt fliegen. Der Jet steht für Sie ebenfalls in dieser Woche bereit! Herr Vermont wird als Ihr Fahrer fungieren. Er ist über alle Ergebnisse der Nachforschungen durch GlobSecure in Kenntnis gesetzt worden. Und wenn Ihr Bein Probleme macht, übernimmt er auch jegliche Laufarbeit.<<

Lediglich Vermonts Augen bewegten sich bei diesen Worten. Daniel spürte fast den stechenden Blick seinen Körper durchdringen.

Jacobs stand auf.

>>Ich denke, wir sind am Ende unserer Unterhaltung. Wenn Sie weitere Fragen haben, können Sie sich an den Sicherheitsdienst wenden. Herr Vermont wird Ihnen bei der Kontaktaufnahme helfen. Brauchen Sie noch etwas?<<

Nach dieser Unterhaltung wirkte die Frage eher rhetorisch.

Daniel erhob sich und nickte den Jacobs freundlich zu. Frau Jacobs lächelte ihn mit ihrem hoffnungsvollen Blick an.

>>Nein danke! Ich habe erst einmal alles, was ich brauche!<<

Frederic Jacobs schaute auf seine Uhr.

>> Gut, Sie sollten sich beeilen. Je schneller Sie an Ihrem Ziel eintreffen, umso eher werden Sie Ergebnisse erzielen!<<

Damit schien die Unterhaltung für ihn beendet. Wie auf ein unhörbares Kommando machte Vermont den Weg aus dem Salon frei und Jacobs verließ den Raum. Diana Jacobs erhob sich langsam und reichte Daniel die Hand erneut. Sie lächelte zaghaft.

>>Herr Neumann! Ich bin sicher, Sie werden Ihr Bestes geben! Und schauen Sie sich das Touchbook noch einmal gut an! Sie werden am Ende vielleicht noch wichtige Details finden! Enttäuschen Sie mich bitte nicht. Ich liebe meinen Sohn über alles und ich verspüre momentan Angst um ihn!<<

Daniel horchte auf. Das klang irgendwie nach einer verschlüsselten Botschaft. Ein leichter Hauch von Intrige zog durch die Luft. Es kribbelte ihn in den Fingern, das Touchbook sofort zu öffnen, aber das musste noch warten.

Frau Jacobs verließ den Raum ebenfalls und ließ Daniel und den SecGuard allein zurück. Vermont deutete mit dem Kopf nach draußen.

>>Verschwenden Sie keine Zeit! Herrn Jacobs Geduld ist sehr begrenzt!<<

Daniel seufzte in Erwartung spannender Gespräche mit seinem Zwangsbegleiter. Dann folgte er dem SecGuard zum Wagen.

16.

Die Fahrt zurück zum Flughafen verließ erwartungsgemäß. Vermont verlor kein überflüssiges Wort, was einem ausgiebigen Schweigen entsprach. Daniel schaute sich daher gespannt das Touchbook an. Die Kontaktdaten von Marcs Telefon versprachen noch am ehesten Nutzen. Das, was über ihn an Informationen geboten wurde, war so dürftig, er konnte fast annehmen, Frederic Jacobs wollte keinen wirklichen Sucherfolg. Wertvolle Hinweise über Marcs Leben, die Anhaltspunkte bieten konnten, fehlten beinahe völlig. Hatte Frederic Jacobs die Sorge um Diskretion dazu veranlasst, oder hatte das einen anderen Grund?

Er würde wohl nach der Untersuchung des Apartments zuerst Marc Jacobs Freunde aufsuchen, um sich ein Bild zu machen. Wie ergiebig das sein würde, war abzuwarten. Bei ganzen vier Namen erwartete Daniel keine Wunder. Ohnehin blieb die Frage, warum GlobSecure diese Leute nicht schon befragt hatte, oder warum er über die Gespräche keine Informationen erhalten hatte.

Die merkwürdige Betonung in der letzten Äußerung von Frau Jacobs ging ihm nicht aus dem Kopf. Daniel wollte das Gerät bereits abschalten, als ihm ein kleines Symbol in der oberen Informationsleiste auffiel. Ein Download hatte gerade stattgefunden, das Gerät befand sich im Netzbereich eines Routers. Daniel tippte auf das Symbol und sofort öffnete sich ein weiteres Dokument.

Fassungslos las Daniel die geschriebenen Worte:

>>Danke, dass Sie meinen Sohn suchen! Das ist sehr wichtig für mich! Informieren Sie mich, wenn Sie etwas herausfinden! Ich stehe Ihnen auch für Fragen zur Verfügung! Erwähnen Sie hiervon nichts meinem Mann und dem Sicherheitsdienst gegenüber! Senden Sie mir eine Textnachricht, damit ich mich auf Ihren Anruf vorbereiten kann! Ich melde mich dann bei Ihnen! Ich hoffe sehr auf Ihre Diskretion!<<

Darunter stand eine weitere Telefonnummer.

Das war ganz bestimmt kein Beweis für das tiefe Vertrauen, das man innerhalb einer Familie finden sollte, in der man sich umeinander sorgte und in der alle eine sehr harmonische Beziehung zueinander pflegten. Frau Jacobs schien ihrem Mann nur bedingt zu vertrauen und beide hatten offensichtlich unterschiedliches Interesse an dieser Suche.

Daniel warf einen heimlichen Blick auf Vermont, der sich auf das Fahren konzentrierte und überhaupt nicht für seinen Passagier zu interessieren schien.

>>Verschwiegenheit und Loyalität<<

Jacobs Einschätzung von Daniels Begleiter sollte ihm wohl eher Warnung als Beruhigung sein. Der Auftrag hatte es mehr in sich, als Daniel zunächst geglaubt hatte. Wieder stellte er sich die Frage, warum die Wahl auf ihn gefallen war. Die Begründung von Jacobs, ebenso die des Personalvermittlers erschien ihm fragwürdiger als zuvor. Ein eher nur bedingt geeigneter Ermittler, losgeschickt mit wenigen bereits überprüften Informationen, überwacht von einem Sicherheitsmitarbeiter, der das besondere Vertrauen des Auftraggebers genoss, und eine Ehefrau, die ihrem eigenen Mann nicht traute.

Wie es schien, war er weniger an einen aufregenden Auftrag als vielmehr in ein intrigantes Spiel in der Upperclass geraten. Das kurze Gezerre des Paares darum, dass er eventuell nicht legal ermitteln würde und dafür möglicherweise Rückendeckung gebrauchen konnte, hatte jetzt einen schlechten Beigeschmack. Jacobs würde eher noch nachtreten, wenn er seine Hilfe benötigte.

Ihm wurde prompt wieder flau im Magen. Wenn er mit seiner Einschätzung nicht völlig falsch lag, dann hatte er gerade einen Job als Marionette in einem familiären Schmierentheater angenommen. Und an den Schnüren, an denen er hing, zogen Frederic Jacobs und in seinem Auftrag GlobSecure.

Daniel schaltete das Touchpad ab und verstaute es in seiner Tasche. Er musste sich schnellstens darüber klar werden, ob er sich in einem Interessenkonflikt befand. Er konnte das Theater ein wenig mitspielen, seine Unfähigkeit eingestehen und sich aus dem Staub machen. Oder er nahm den Hilferuf von Diana Jacobs ernst und versuchte sein Bestes, den Verschwundenen wiederzufinden.

Der glatzköpfige Aufpasser in seinem Nacken konnte möglicherweise eine riskante Angelegenheit werden. Das stand für Daniel außer Frage. Ein direktes Kräftemessen mit dem SecGuard würde er eindeutig verlieren. Das bedeutete, er musste den SecGuard im geeigneten Moment loswerden oder gezielt in die Irre führen.

Die Anzahl an Fragen, auf die er eine Antwort finden musste, wuchs momentan noch. Das sollte er schnellstens ändern, um nicht wirklich nur die Marionette im Spiel zu geben, das hier getrieben wurde. Denn für ihn stand fest, dass das genau die Rolle war, die er nicht übernehmen wollte.

Erst im Flugzeug hatte er Gelegenheit, sein Touchbook aus der Tasche zu nehmen. Er beeilte sich, den Wagen zu verlassen und vor dem SecGuard das Flugzeug zu betreten, um sich in die letzte Reihe setzen zu können. So konnte er verhindern, dass Vermont ihm bei seiner Arbeit zuschauen konnte. Verwundert stellte er fest, dass der SecGuard ohne Gepäck in das Flugzeug stieg. Wollte der Glatzkopf in dieser Woche seine Bekleidung nicht wechseln oder hatte er einen anderen Zeitplan?

Vermont hatte sich prompt auf den einzelnen Platz neben Daniel gesetzt. Bequem schien er das mit seinen Körpermaßen jedoch nicht zu finden. Kurz darauf breitete er sich auf den beiden Sitzen direkt vor Daniel aus.

Jetzt konnte ihm der Aufpasser nicht sofort über die Schulter schauen. Also zog Daniel das Kabel mit dem Antennenadapter aus der Decke über sich und suchte dann nach einem Stromanschluss, den er zwischen den Sitzen vor sich fand. Er schob die Tastatur des Touchbooks unter dem Display heraus und arretierte sie. Dann wählte er sich ins Internet ein. Das Gerät besaß ein paar sehr nützliche Funktionen. So konnte er anonym surfen. Da er jedoch die Antenne des Flugzeugs benutzte, konnte er nicht ausschließen, dass sein Auftraggeber entsprechende Vorkehrungen getroffen hatte, den Datenstrom zwischen seinem Touchbook und den von ihm aufgerufenen Adressen aufzuzeichnen und auszuwerten. Für bestimmte Adressen konnte er dem jedoch durch geeignete Verschlüsselungen entgegenwirken.

Kaum hatte das Flugzeug abgehoben, loggte Daniel sich in einem Netzwerk der Polizei ein, das für externe Mitarbeiter eingerichtet war. Er wusste, dass die Zugänge in diesem Bereich nur unregelmäßig kontrolliert und bereinigt wurden. Kurz nach seiner Kündigung hatte er sich diesen Zugang über einen Freund verschafft, um mit seinen Kollegen auch während der Arbeitszeit in Verbindung bleiben zu können. Damals hatte er keine Ahnung gehabt, ob das nützlich sein würde. Benutzt hatte er den Zugang seitdem nicht. Nun war er froh, diese Möglichkeit wahrnehmen zu können.

Er bekam über eine verschlüsselte Verbindung Zugriff auf ein internes Kommunikationstool, CommPol. Eine Namensliste mit farbigen Markierungen wurde eingeblendet. Daniel wählte einen Namen aus, neben dem ein grüner Punkt angezeigt wurde, und öffnete eine Chatbox.

>>Hallo Harry! Ich hoffe, es geht Dir gut!<<

Harry Meinhofen, der ihm den CommPol-Zugang verschafft hatte, war ein Kollege Daniels in der Ermittlungsgruppe für Internetdelikte gewesen. Kurz bevor Daniel seine Entlassung erhielt, hatte Harry sich auf eine freie Stelle bei der Mordkommission beworben und war dort angenommen worden.

Sie hatten eine lockere Freundschaft gepflegt. Wenn Harrys Familie ihm dazu Zeit ließ, hatten sie sich ein paar Mal zum Sport mit anschließendem Feierabendbier verabredet. Sie trainierten mit Gewichten, eine der wenigen Sportarten, die Daniel nicht über sein Knie stolpern ließen. Sie lagen bei ihren Ansichten sehr nah beieinander und verstanden sich sehr gut.

Daniel hatte jedoch nach seiner Entlassung ein neues Hobby gepflegt, das sich zu sehr mit dem Feierabendbier beschäftigte. Da sie sich auch nicht mehr auf dem Kommissariat begegneten, war der letzte Kontakt zwischen ihnen einige Wochen her.

Daniel hoffte, dass Harry nicht nachtragend war.

Es dauerte ein paar Momente, bevor eine Antwort angezeigt wurde.

>>Hallo Daniel! Alles gut bei mir! Unser letztes Gespräch ist ja schon länger her. Wie geht es Dir? Wo arbeitest Du jetzt?<<

Ein leicht tadelnder Zeigefinger zwischen den Buchstaben. Und eine unangenehme Frage. Daniel zögerte, bevor er eine Antwort tippte.

>>Tut mir leid, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Ich habe eine etwas schwierige Zeit hinter mir. Und mein Job hat sich ziemlich geändert!<<

Eine elegante Notlüge. Die Verkündung der Wahrheit bedurfte einer Vorbereitung.

>>Du brauchst Dich nicht zu entschuldigen. So etwas kommt vor. <<

Daniel atmete erleichtert auf. Zumindest brauchte er nicht um die Tatsachen herumreden.

>>Warum schreibst Du? Kannst Du nicht sprechen?<<

Das Symbol mit dem Telefonhörer blinkte in der Funktionsleiste des Chats.

In unmittelbarer Nähe zu seinem Aufpasser war eine Sprechverbindung zu seinem ehemaligen Kollegen keine gute Idee. Aber auch der musste nicht unbedingt durch unbedachte Äußerungen unnötige Aufmerksamkeit in seinem Büro wecken. Möglicherweise war dieser Zugang Daniel noch sehr hilfreich.

>>Ist gerade nicht günstig! Ich sitze in einem Flugzeug und habe hier jemand sitzen, der nicht zuzuhören braucht!<<

>>Du bist kaum auf dem Weg in den Urlaub, oder? Was machst Du denn nun?<<

Harry war mit seiner Neugier ein Berufstalent.

>>Ich habe einen Job als Privatermittler bekommen.<<

Vermont streckte sich in seinem Sitz aus. Die Lehne drückte sich ein Stück nach hinten und Daniels Touchbook rutschte fast von dem kleinen Tischchen im Sitzrücken. Vermont drehte sich zu ihm um. Sein Gesicht wirkte immer noch wie eine Maske.

>>Wollen Sie auch etwas trinken?<<

Daniel nickte.

>>Ein Wasser wäre prima! Danke!<<

Der Glatzkopf grunzte etwas, schob sich aus seinem Sitz, der dankbar knarrend seine ursprüngliche Lage einnahm, und stapfte gebückt nach vorne, wo sich die Holzklassebox befand.

Auf dem Display erschien Harrys Antwort.

>>Glückwunsch! Ich hoffe, Du hast einen interessanten Auftrag an Land gezogen!<<

>>Eher einen ziemlich merkwürdigen Suchauftrag! Für mich sieht es aus, als wolle der Auftraggeber gar nicht, dass ich den Job erledige!<<

>>Versicherungsangelegenheit?<<, schrieb Harry zurück.

>>Familiäre Geschichte! Jemand wird vermisst!<<

>>Du wirst beauftragt und sollst die Person nicht finden? Was ist denn die Logik dahinter? Hast Du auch einen Aufpasser bekommen?<<

Harry zog seine Schlüsse schnell und zielsicher. Die Mordkommission hatte damals scheinbar auf seine Bewerbung gewartet.

Noch bevor Daniel seinen eigenen Stuhl räumen musste, hatte Harry seine ersten Erfolge als Mörderjäger eingefahren. Definitiv lag ihm die Spurenanalyse mehr, als das durchaus stupide Suchen nach solchen Spuren vor einem Monitor.

>>Genau das!<<

>>Wie kann ich Dir helfen?<<

Vermont kam wieder durch den schmalen Gang. Er hielt in jeder Hand eine bereits geöffnete Flasche. Vor Daniel blieb er stehen und reichte ihm eine. Kurz warf er einen Blick auf das auf dem Tischchen liegende Gerät und machte es sich dann wieder in seiner Sitzreihe bequem. Daniel nahm einen Schluck und stellte die Flasche auf den Sitz neben sich.

>>Daniel? Bist Du noch da?<<

Daniel konzentrierte sich wieder auf die Unterhaltung.

>>Entschuldigung! Mein Aufpasser hat mir was zu trinken gebracht!<<

>>Ich hoffe, er hat Dir keine KO-Tropfen serviert, um Dich so schnell wie möglich abzuservieren!<<

Daniel lief kurz ein Schauer über den Rücken. Die Gelegenheit wäre tatsächlich günstig gewesen. Wenn Vermont ihn kaltstellen sollte, wäre ihm Daniel gerade völlig arglos in die Falle gegangen. Aber so etwas machte keinen Sinn. Wenn er Marc Jacobs nicht finden sollte, würde es wichtig sein, dass er aus eigenen Kräften versagte und nicht schon in der ersten Stunde nach der Beauftragung von der Bildfläche verschwand. Vermont würde eher darauf achten, dass er mögliche Spuren nicht fand oder nicht erkannte. Das wäre eine sinnvolle Rolle für den SecGuard.

>>Quatsch!<<

So kurz wie möglich beschrieb er das Gespräch mit den Jacobs und das, was er auf dem Touchbook gefunden hatte, vermied dabei aber, die Namen seiner Auftraggeber zu erwähnen.

>>Da ist eindeutig was faul<<, kommentierte Harry, nachdem Daniel seinen Bericht beendet hatte.

>>Wenn Du mir jetzt noch Namen nennst, kann ich mal unsere Datenbanken durchforsten und Dir das Ergebnis mitteilen.<<

Daniel fühlte sich mit einem Mal sehr erleichtert.

>>Harry, ich kann Dir gar nicht sagen, wie sehr Du mir damit hilfst!<<

Statt einer Antwort erschien eine kleine Figur im langen Mantel mit Al Capone Hut, die den Betrachter unter ihrer dunklen Brille angrinste. Dann folgte doch ein Text.

>>Immer gerne, Daniel! Würde gerne wieder ein paar böse Jungs mit Dir jagen! Hat damals Spaß gemacht!<<

>>Gut! Dann müsstest Du noch den Namen der verschwundenen Person wissen! Halt Dich fest!<<

>>Brauchen wir ein wenig Trommelwirbel? <<

Das las sich ein wenig ironisch. Aber Daniel hatte keinen pseudowichtigen Z-Klasse-Prominentennamen zu bieten.

>>Sagt Dir der Name Jacobs etwas? Marc Jacobs?<<

Wieder ein paar Momente Pause. Daniel grinste. Scheinbar hallte der Trommelwirbel bei Harry noch nach.

>>Bist Du Dir sicher, Du hast den Namen richtig verstanden?<<

>>Ganz sicher! Ich habe sogar ein Bild von ihm. Und ich habe mit seinen Eltern von Angesicht zu Angesicht gesprochen!<<

>>Den Einstieg als Detektiv hättest Du nicht ein paar Nummern kleiner gehabt? Warum um Himmels Willen gerade der Sohn des CEO von Europas mächtigstem Energiekonzern?<<

Die Unterhaltung zog sich, weil das Schreiben Zeit beanspruchte. Zwischen den einzelnen Wortwechseln warf Daniel einen Blick nach draußen in den wolkenlosen blauen Himmel.

>>Das Angebot an Aufträgen war überschaubar! Die Alternative wäre ein Hausmeisterjob gewesen. Aber ich sehe, Du kennst den Namen!<<

Für die nächste Kontaktaufnahme zu Harry würde er seinen Aufpasser abhängen müssen. Sprechen beanspruchte deutlich weniger Zeit.

>>Wer kennt den nicht? Uns liegt nur keine Vermisstenmeldung im Zentralregister vor.<<

Natürlich hatte Harry nicht sekundenlang starr vor Ehrfurcht beim Lesen des Namens auf seinem Stuhl verharrt, sondern sofort eine Abfrage auf den Datenbanken der Bundespolizei abgesetzt.

>>Hatte ich auch nicht erwartet!<<

>>Dann war das hier nur ein Hallo, um herauszufinden, ob ich noch mit Dir rede?<<

>>Irgendwie schon! Wir sollten mal wieder in Ruhe was trinken gehen, wenn ich das hier erledigt habe! Dann erzähle ich Dir, was bei mir in den letzten Monaten los war. Ich glaube aber, das war nichts, wofür ich ein Lob verdiene!<<

Vermont drehte sich zu ihm herum.

>>Mann, Sie tippen da wie ein Irrer auf Ihrer Tastatur herum. Ich hoffe, Sie beschäftigen sich mit Ihrem Auftrag und chatten nicht schon nur aus Heimweh mit Ihrer Freundin!<<, knurrte er, wandte sich aber sofort wieder nach vorne.

Daniel rollte mit den Augen. Er verbiss sich eine Erwiderung. Vermont schien auch nicht mit einer Antwort zu rechnen.

>>Ich kann mir vorstellen, was mit Dir los ist. Ohne Job bist Du heutzutage schneller bei der Armenspeisung, als man sich vorstellen kann. Mach Dir keine Gedanken! Ich helfe Dir gerne, so gut ich kann. Als ehemaliger Kollege und als Freund!<<, erschien Harrys Antwort auf dem Bildschirm.

Daniel atmete erleichtert auf.

>>Danke!<<

>>Ist selbstverständlich! Gibt es schon etwas, das Du wissen musst?<<

>>Am liebsten hätte ich vollständige Dossiers über die gesamte Familie Jacobs. Aber das ist wohl etwas viel verlangt.<<

>>Ich schaue, was ich herausbekommen kann. Aber wenn von denen noch keiner mit dem Gesetz aneinandergeraten ist, wird das nicht viel werden.<<

Daniel brannte eine weitere Frage unter den Fingern.

>>Kannst Du mal den Namen Vermont überprüfen. Er ist SecGuard bei GlobSecure. Als besondere Kennzeichen hat er eine schmale Narbe über dem Stirnbein und eine weitere auf dem Hinterkopf. Momentan trägt er Glatze und Fu Manchu Bärtchen.<<

>>Einen Moment!<<

Daniel wartete, bis Harry die Abfrage durchgeführt hatte. Ein schnelles Ergebnis hatte der aber nicht zu bieten. Die Zeit verstrich. Nach quälend langen Minuten erschien endlich eine Antwort. Harry hatte wohl einen Text aus dem Abfrageergebnis kopiert.

>>Rob Vermont, Mitarbeiter bei GlobSecure. Die Daten dieser Person unterliegen einem Sperrvermerk der Stufe Vier. Weitere Auskünfte werden nur auf staatsanwaltlichen Antrag erteilt.<<

Daniel schluckte. Diesen Satz kannte er. Vermont hatte eine besondere Beziehung zu einer staatlichen Institution, oder eine besondere Vergangenheit. Auf jeden Fall hielt man in obersten Kreisen des Staates die Hand über diesen Mann. Die Sicherheitseinstufung bürgte dafür. Es dauerte ein paar Sekunden, dann folgte ein weiterer Satz.

>>An Deiner Stelle würde ich den Kerl genau beobachten. Der bricht Dir möglicherweise das Genick und wirft Dich weg, wenn Du Deinen Job nicht wie gewünscht erledigst.<<

Daniel wurde mit einem Mal ziemlich flau im Magen.

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