Kitabı oku: «Sonnenkaiser», sayfa 13
17.
Die verbleibende Flugzeit verbrachte Daniel damit, nach Marc Jacobs Spuren im Internet zu suchen. Einige Artikel des Vermissten brachten ihm einen ersten Eindruck, der seinen Erwartungen gerecht wurde.
Marc Jacobs war seit drei Jahren Student der Energietechnik. Außerdem hatte er eine Assistentenstelle am Lehrstuhl für Brennstoffzellentechnik. Ein schneller Blick über die Internetseite des Fachbereichs brachte Daniel zu der Auffassung, dass Marc ein sehr fleißiger Verfasser von Publikationen war. Es gab zahlreiche Links zu Fachmagazinen und Verbänden, bei denen Marc Jacobs als Autor genannt wurde. Er hatte einige Fachartikel veröffentlicht, in denen es um verschiedene Themen der Energietechnik ging. Bilder von ihm gab es keine in den Veröffentlichungen.
Daniel verstand mit Mühe, worum es inhaltlich grundsätzlich ging, bevor die Artikel sich in der Beschreibung von mathematischen Formeln und technischen Komponenten ausbreiteten. Es war für Daniel schwierig, einzuschätzen, ob die Ausführungen einfach nur Pflichtübungen waren, um in der akademischen Welt wahrgenommen zu werden, oder ob es um Marcs besondere Interessengebiete ging.
Die Aufsätze über die Zukunft der solaren Energiewirtschaft fand Daniel noch leicht verständlich. Sie erklärten, warum Unternehmen wie DesertEnergy in Zukunft den Energiemarkt optimal ausstatten und steuern würden. Was sollte jemand aus der Familie von Frederic Jacobs auch sonst schreiben. Weitere Artikel beschrieben technische Verfahren, Komponenten von Energieanlagen, Produktionsprozesse und Optimierungsansätze. Der Fokus lag dabei weitgehend auf Brennstoffzellen. Solche Zellen kannte er selbst hauptsächlich aus Autos, in denen sie aus Wasserstoff Elektrizität für den Fahrzeugantrieb erzeugten. Der große Vorteil dieser Technik gegenüber konventionellen Elektrofahrzeugen war die immer noch größere Reichweite gegenüber Akkus. Die Technik war allerdings aufwendig. Wasserstoff wurde in flüssiger Form unter hohem Druck gelagert oder gebunden in Methangas. Das Tankstellennetz war überschaubar und die Fahrzeuge, die mit dieser Antriebsform fuhren, waren teuer und einer entsprechend zahlungskräftigen Klientel vorbehalten.
Marc Jacobs Interesse und Wissen waren also eindeutig bei Dingen angesiedelt, die in seiner finanziell gut ausgestatteten Welt einen festen Platz hatten. Immerhin ging es um Elektrizität, und damit war eine Verbindung zu DesertEnergy vorhanden. Marc Jacobs schien zumindest grundsätzlich der klassischen Idee zu folgen, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten.
Daniel legte eine Datei an, in der er alle Links, die er zu Marc Jacobs fand, speicherte, und fügte ein paar Stichworte zu jeder Quelle hinzu. Eine allgemeine Suche zur Person des Vermissten ergab keine weiteren Erkenntnisse. Das Privatleben von Marc spielte sich nicht im elektronischen Gedächtnis der Welt ab. Es gab offensichtlich nur wenige Artikel der Boulevardpresse über die Jacobs.
Zu Frederic fand Daniel Ergebnisse, die sich ausnahmslos mit seiner Arbeit beschäftigten. Hauptversammlungen, Geschäftsberichte, Interviews in der Presse. Das Übliche eben für einen CEO, einen Chief Executive Officer. Ein paar Berichte und Fotos über Treffen mit Politikern, vornehmlich mit europäischen, marokkanischen und algerischen Ministern und Regierungschefs. Das war es aber auch. Nichts über seine Zeit vor DesertEnergy.
Die Familie schien kein Privatleben zu haben, das für die Presse interessant war, oder das in Reichweite der Presse stattfand. Keine Fotos von Urlauben, Treffen mit Prominenten oder persönliche Dinge. Nicht einmal Marc fiel durch irgendwelche studententypischen Eskapaden auf. Es gab keine Berichte von alkoholisierten Ausfällen, feuchten Partys, Beziehungsgeschichten, groben Späßen oder anderem aus dem Unterhaltungsrepertoire junger Menschen aus diesen Gesellschaftsschichten.
Daniel führte mit Marcs Bild vom Touchpad eine Bildsuche im Internet durch. Er war fast erfreut, als die Suche tatsächlich ein paar Treffer lieferte. Bei genauerer Prüfung entpuppten sich die Ergebnisse jedoch alle als Fehler. Natürlich suchte die Software anhand des Frontalfotos auch mithilfe von Extrapolationen Gesichter bis hin zu Seitenansichten. Zu kleine Bilder wurden wegen mangelhafter Auflösung nicht berücksichtigt. Ab einer gewissen Größe und Auflösung wurden Wahrscheinlichkeiten für Übereinstimmungen ermittelt. Was dann keine ausreichende Erkennungsrate erreichte, sortierte die Software aus. Doch die Fehlerquote war immer noch hoch genug. Frontalbilder waren bei den Suchergebnissen nicht dabei. Die ermittelten Bilder zeigten Gesichter mehr als fünfundvierzig Grad aus der Frontalsicht abgewendet.
Somit ergaben sich Treffer für ein Model auf einem Cat walk in Brasilia, gekleidet in eine schnitttechnisch anspruchsvolle Komposition einer Jacke mit überbreiten kantigen Schultern, unter denen der Rest des Kleidungsstücks als Korsage angelegt war, in einem wilden Farbmix, und einen Schauspieler an der Hamburger Flemmingoper in einem blauen Arbeitsoverall mit einem Zweispitz auf dem Kopf und Gummistiefeln an den Füßen. Dazu zwei Profilfotos auf einem sozialen Netzwerk, in Partylaune mit Bierflasche und zwischen den nackten Oberschenkeln einer Frau aufgenommen. Die Herkunft der Personen lautete auf irgendwelche Kleinstädte in Nordamerika.
Weitere Bilder waren aus Presseberichten, einem Gerichtsverfahren gegen einen Geisterfahrer, und einen etwas übergewichtigen Castingshow Teilnehmer. Überraschend war für Daniel, die große Ähnlichkeit des Bewerber, der auf dem Foto gerade seinen Auftritt durchstand, zu Marc Jacobs. Aber die Show war in Russland aufgezeichnet worden. Also war auch dieser Fund kein Erfolg.
Daniel lehnte sich zurück und schaute nachdenklich aus dem Fenster. Er war binnen eines Tages in eine mehr als merkwürdige Geschichte hineingeschoben worden. Ein sehr vermögender Unternehmer ließ nach seinem Sohn suchen und schien ihn gar nicht wiederfinden zu wollen. Daher wurde ein arbeitsloser Niemand engagiert, dessen Fähigkeiten geeignet schienen, seiner Frau vorzuspielen, der Suchauftrag sei in guten Händen, aber seine eigene Frau traute ihm nicht. Jetzt saß der ausgewählte Hobbydetektiv in einem Flugzeug und begann seine Suche, kontrolliert von einem gut gekleideten Schläger.
Das sah eher nach einer Geschichte für eine Telenovela aus. Gelangweilte Reiche führten ihre Kleinkriege um Macht und Geld. Und die Rollen waren klar verteilt. Frederic Jacobs hatte die Rolle des Bösen übernommen. Aus irgendeinem Grund war er nicht unglücklich darüber, dass sein Sohn nicht auffindbar war, vielleicht hatte er sogar diese Situation arrangiert, weil Marc ihm im Weg gestanden hatte. Die Mutter war nicht ganz ahnungslos und klammerte sich in ihrer Hilflosigkeit an die verbliebene Hoffnung, ihn, Daniel, der möglicherweise ihr letztes Mittel im Krieg gegen ihren Mann war.
Daniel fragte sich, was passieren würde, wenn er mit dieser Eingebung recht hatte und seinen Auftrag erfolgreich erledigen würde. Wie weit würde der Glatzköpfige ihn kommen lassen, bevor er Daniel stoppen und vielleicht sogar eliminieren würde?
Daniel schüttelte sich und drehte den Kopf vom Fenster weg. Noch hatte er nur Indizien und seinen Instinkt, die ihm eindeutig anzeigten, dass hier war mehr als ein netter kleiner Zeitvertreib mit großzügigen Verdienstmöglichkeiten. Dass man ihm einen besonderen SecGuard als Aufpasser mitgegeben hatte, lieferte jedoch nur eine weitere Frage. Warum arbeitete dieser Mann mit Aktensperrvermerk als Aufpasser?
Über der Lehne des Sitzes vor ihm ragte der haarlose Kopf von Vermont. Daniel betrachtete die mehr als zehn Zentimeter lange Narbe, die längs über den Hinterkopf verlief und eine sehr schmale Wulst hatte. Vermont hatte wohl schon einiges einstecken müssen. Wenn er schon zwei Narben am Kopf trug, wie mochte er dann wohl an seinem Körper aussehen, auf ewig gezeichnet von Taten, die ihm vielleicht seine Sicherheitseinstufung eingebracht haben. Was hatte es mit diesem Mann auf sich?
Daniel beschäftigte sich wieder mit seinem Touchbook. Er hatte noch ein wenig Zeit und wollte vor der Landung ein möglichst gutes Bild der Situation haben. Momentan blieb ihm noch die Suche in Foren und Communities. Harry hatte ihm Hilfe zugesagt, aber auch sofort geschrieben, er würde mindestens einen Tag benötigen, um Ergebnisse zu bekommen.
>>Wie lange dauert der Flug noch?<<, fragte Daniel den SecGuard, der sich für die Antwort nicht einmal herumdrehte.
>>Es dauert solange, wie es dauert!<<
Daniel gab dem Drang nach, eine Faust zu ballen und dabei den Mittelfinger auszulassen. Was hinter dem Rücken des Mannes keine gefährliche Angelegenheit war. Definitiv begann hier keine wunderbare Freundschaft.
Als der Co-Pilot über die Bordsprechanlage den Landeanflug auf den Flughafen Frankfurt ankündigte, war Daniel fast erleichtert. Die Nähe zu dem SecGuard in der Enge der Kabine bereitete Daniel ein klaustophobisches Gefühl.
Da sie die nächsten Tage wohl weiterhin miteinander verbringen würden, konnte es sinnvoll sein, sich an dieses Gefühl zu gewöhnen.
18.
Zu sagen, er hätte nur die Nase von dieser Idee voll, war dezent untertrieben. Warum hatte er sich von Will nur zu dieser blödsinnigen und gefährlichen Reise überreden lassen. Erst tagelang versteckt in einem Auto, um von Kameras nicht erfasst zu werden, dann auf einem schaukelnden und leicht faulig riechenden Boot. Die kurze Zeit in dem schwimmenden Sarg gab der Reise einen erbärmlichen Höhepunkt.
Es war nicht einfach nur ein beklemmendes Gefühl gewesen, in einer dunklen engen Röhre im Meer zu schwimmen. Immer wieder kam Wasser durch das Atemrohr und er hustete. Außerdem wurde ihm allmählich kalt.
Er hatte tatsächlich nach wenigen Minuten bereits Todesangst. Kälte, Übelkeit, Dunkelheit, und keine Gewissheit darüber, ob man ihn finden würde. Was sollte man da schon anderes empfinden?
Der Holzbehälter war ihm schnell wie ein Sarg vorgekommen. Er schwankte in alle erdenklichen Richtungen, trudelte zwischen den Wellen hin und her. Wenn er nicht bereits vorher seinen Magen ausgiebig entleert hätte, wäre das, was prompt folgte, noch viel schlimmer geworden.
Als nach einer Ewigkeit, in der sein Herz raste, sein Puls in seinem Hals zu explodieren schien, der Angstschweiß seine Kleidung tränkte und sein Schwimmbehälter und sein Mantel nach Galle stanken, knallte es laut. Eine Erschütterung ging durch den Torpedo und ein gefühlter elektrischer Schlag durch seinen Körper. Aber der Sarg lag mit einem Mal viel ruhiger im Wasser.
Er atmete vor Schreck noch schneller. Wieder einmal schwappte Wasser durch das Atemrohr und er verschluckte sich erneut an dem salzigen Zeug. Immerhin verdrängte das Meerwasser den anderen Geschmack auf seiner Zunge.
Dann wurde der Torpedo in die Höhe gehoben und geschwenkt. Instinktiv drückte er seine Arme und Beine gegen die Wände, als könnte er damit die unkontrollierte Bewegung seines Sarges verhindern. Hart schlug der Torpedo auf festem Grund auf und schüttelte seinen Passagier unangenehm durch. Sekunden später wurde der Deckel abgenommen. Das Licht stach ihm unangenehm in die Augen, die er zusammenkniff. Die frische Luft vertrieb den unangenehmen Geruch nach Erbrochenem.
>>Du bist Voltage?<<
Die Stimme sprach mit einem starken Akzent auf Englisch.
>>Hallo! Ich hoffe, Deine Reise war nicht zu unangenehm!<<
Eine kurze Pause.
>>Du solltest da raus kommen und die Sauerei auf Deinen Sachen abwaschen!<<
Voltage öffnete langsam die Augen. Ein paar Mal musste er blinzeln, bis er sich an die Helligkeit gewöhnt hatte.
Über ihm stand ein kräftig aussehender Mann mit kurzen schwarzen Haaren und sehr dunkler Haut. Wie es aussah, war der Torpedo tatsächlich von den richtigen Leuten aufgefischt worden. Der Schwarze trug einen ausgewaschenen blauen Overall, an dem sich schon ein ungelernter Schneider mehrfach versucht hatte, um diverse Risse mit groben Nadelstichen zu reparieren. Auf der Brusttasche hing halb abgerissen ein Stoffdreieck mit dem Logo einer Firma, die er nicht kannte.
Voltage setzte sich erst auf und kletterte langsam und zögerlich aus seinem engen Gefängnis. Er zitterte leicht vor Schwäche.
Bereits im Sitzen schwallte wieder der unangenehme gallige Geruch in seine Nase. Er schaute an sich herunter und sein Hals schnürte sich zu. Auf seiner Kleidung zog sich schmieriger Schleim von der Brust in alle Richtungen.
>>Der Seegang ist doch gar nicht so schlimm!<<
Der Schwarze lachte laut und herzhaft.
Voltage schaute sich um. Er befand sich auf einem ähnlichen Schiff, wie dem, auf dem er in den Torpedo gestiegen war. Es sah allerdings ziemlich heruntergekommen aus. Das Deck hatte tiefe Kratzer, der Anstrich war überall weitgehend abgeblättert. Der Ausleger des Krans, der den Torpedo aus dem Wasser gezogen hatte, war arg verbogen, das ganze Gerüst mit Rost überzogen, ebenso die Reling und die Schiffsaufbauten.
Der Schwarze bemerkte seinen entsetzten Blick und lachte.
>>Tut mir leid! Das ist eigentlich unser bestes Schiff! Wir mussten es für diese Tour leider vorzeitig aus der Werft holen. Sonst wäre der neue Anstrich in einem schönen kräftigen Rot noch fertig geworden<<, platzte er in einem polterig harten Englisch heraus.
Der Mann ging zur Bordwand, griff zu einem dort liegenden Eimer an einem langen Seil und warf ihn über Bord. Dann zog er den mit Wasser gefüllten Behälter wieder an Bord und stellte ihn neben dem Torpedo ab. Aus einer Tasche seines Overalls beförderte er einen fleckigen grauen Lappen und warf ihn in den Eimer.
>>Abwaschen! So stinkend kommst Du nicht ins Deckhaus. Und nur da gibt es Frühstück für Dich!<<
Voltage bezweifelte, dass er in der Lage war, auch nur einen Bissen runterzuwürgen, obwohl der Wellengang hier an Bord kaum noch spürbar war. Das Boot hatte Fahrt aufgenommen und schob sich durch das ruhige Wasser.
Er reinigte sich mit dem Lappen, so gut er konnte. Dabei schaute er sich auf dem Boot um. Der Schwarze saß währenddessen auf dem Torpedo und unterhielt sich mit einem anderen Besatzungsmitglied in einer arabisch klingenden Sprache. Der andere war damit beschäftigt, ein Fischernetz nach Schäden zu durchsuchen.
>>Bist Du endlich fertig? Dann lass uns hier draußen verschwinden. Wenn die Küstenwache vorbeikommt, muss die nicht sofort sehen, dass wir mehr als nur Treibgut aufgefischt haben!<<
Voltage warf den Lappen in den Eimer.
>>Wie heißt Du eigentlich?<<
Der Schwarze zuckte mit den Schultern.
>>Nenn mich Black!<<
Er stand auf und ging zum Deckhaus hinüber. Voltage öffnete das Fach im Torpedo und nahm seine Tasche heraus. Erleichtert stellte er fest, dass sie trocken und unbeschädigt war.
Voltage folgte Black in das durch kleine Fenster beleuchtete Deckhaus. Es roch intensiv nach Zigarettenqualm und ranzigem Fischtran. Voltage rümpfte die Nase. Er war Nichtraucher und hatte noch nie verstehen können, was jemand daran fand, Verbrennungsgase in seine Lungen zu ziehen. Und für ihn war Fisch, der so roch wie er hieß, Abfall.
Der Raum war ein Mannschaftsraum oder Pausenraum mit einer kleinen Küchenzeile an einer Wand. In einer Spüle standen ein paar schmutzige Plastikschüsseln aufeinander getürmt. Auf einem kleinen Schrank daneben war ein großer halb voller Wasserkanister platziert, der von einem breiten Metallband in seiner Position gehalten wurde. Der halbdurchsichtige Kanister hatte schwarze und grüne Verfärbungen. Er konnte nicht erkennen, ob diese Verfärbungen innen oder außen an dem Kanister waren und schüttelte sich leicht, als er sich für die Variante Innen entschied.
Black deutete auf eine Sitzecke mit einem Tisch, dessen schmierig graue Platte mit zahlreichen Kreisen bedeckt war, die wie Brandlöcher aussahen.
>>Nimm Platz!<<
Er stellte eine Flasche, zwei Gläser und eine gräuliche Plastikbox auf den Tisch. Zügig füllte er die Gläser aus der Flasche mit einer blassgrünlichen Flüssigkeit, in der kleine Teilchen schwebten.
>>Ich hoffe, das ist kein Alkohol!<<
Voltage schaute argwöhnisch auf das Glas, das Black ihm hinschob.
>>Keine Angst! Das ist nur Wasser mit etwas Geschmack.<<
Er roch an dem Glas und nippte daran. Es schmeckte nach kaltem extrem gesüßtem Pfefferminztee.
>>Tut mir leid. Der Tee ist kalt. Auf See in einem kleinen Fischerboot ist es schwierig, ihn warm zu halten. So ist es für uns einfacher.<<
Voltage entschied sich dafür, dass der Tee nicht mit dem Wasser aus dem Kanister zubereitet worden war. Black setzte sich ihm gegenüber und deutete auf die Tasche, die Voltage auf den Tisch gelegt hatte.
>>Bist Du die wichtige Fracht, oder ist es die Tasche?<<
Voltage zuckte zusammen. Will hatte die gesamte Reise organisiert. Er selbst war völlig davon abhängig, dass Will vertrauenswürdige Leute beauftragt hatte. Er konnte sich vorstellen, dass es in Marokko auch Leute gab, die die Gelegenheit für ein doppeltes Geschäft ausnutzten. Erst die Passage kassieren und dann den Passagier als Sklaven verkaufen.
Black leerte sein Glas und schob die Box zu Voltage herüber.
>>Der Käsefladen ist auch recht gut. Leider auch kalt!<<
>>Wir sind gemeinsam die Fracht! Das eine funktioniert nicht ohne das andere!<<, antwortete Voltage und nahm sich eine Scheibe aus der Box. Der Fladen war etwas zäh. Voltage identifizierte Oliven, Thymian und Schafskäse als Zutaten. Zum Glück kein Fischgeschmack.
>>Das schmeckt gut!<<, kommentierte er kauend. Die Übelkeit war weg. Der gallige Geruch war fast weg und er bekam tatsächlich Hunger.
Black grinste zufrieden.
>>Ich habe die Anweisung, Euch beide nach Jebha zu bringen.<<
>>Muss ich noch mal in diesen Sarg einsteigen?<<
Nicht noch einmal so eine Tour. Dann lieber schwimmen. Geflissentlich verdrängte er den Gedanken an seine Rückreise, denn eigentlich war sein Verbleiben in Marokko nicht im Plan vorgesehen.
>>Nein! Heute ist keine Beerdigung mehr vorgesehen!<<
Black legte den Kopf schief.
>>Unsere Passagiere steigen normalerweise auf diesem Boot in den Torpedo und werden von anderen Booten wieder aufgenommen. Ich habe mich immer gefragt, wie die sich fühlen, wenn die in dem dunklen Ding dahin treiben. Scheint nicht so toll zu sein!<<
Voltage griff nach der Flasche und goss sich Tee nach.
>>Man fühlt sich nach wenigen Minuten wie begraben. Das Geschaukel beruhigt auch nicht. Und immer wieder zieht man durch die Schnorchel Wasser ein!<<
Er nahm einen Schluck Tee.
>>Wie viele Leute habt Ihr damit schon befördert?<<
>>Du bist der Zwanzigste! Aber erst der Zweite, der nach Marokko will! Die anderen wollten alle nach Europa!<<
Voltage fragte sich, ob Will wusste, mit welchen Leuten er zusammenarbeitete.
>>Ihr seid Schleuser!<<
Black zuckte mit den Schultern. Er beförderte ein Päckchen Zigaretten aus einer Tasche seines Overalls.
>>Mit Fischfang ist es schwer, seinen Lebensunterhalt zu verdienen! Für Deinen Transport bekommen wir so viel Geld wie für zehn gute Fänge.<<
Er zündete eine krumme Zigarette an und steckte sie sich in einen Mundwinkel. Mit fragendem Blick zeigte er auf das recht zerdrückte Päckchen auf dem Tisch. Voltage schüttelte ablehnend den Kopf.
>>Wie bekommt Ihr denn den Torpedo wieder zurück, wenn Ihr einen Passagier Richtung Europa schickt?<<
Das Transportkonzept leuchtete ihm nicht ein.
>>Hast Du doch mitbekommen. Wir tauschen über einen Briefkasten im Internet Datum und Koordinaten aus. Und dann wird das Ding ins Wasser geworfen und wieder rausgefischt!<<
Voltage wurde plötzlich wieder leicht übel.
>>Wie viele Male ist das schon schiefgegangen?<<
Black zog an seiner Zigarette und blies den Qualm nach oben.
>>Die Torpedos werden in Spanien gebaut. Bis jetzt haben wir drei verloren.<<
Black zeigte seine weißen Zähne und lachte laut.
>>Es hat erst einen Passagier erwischt! Der treibt jetzt wahrscheinlich irgendwo vor der libyschen Küste, wenn er nicht in eine Schiffsschraube geraten ist. Aber wir haben danach den Peilsender durch ein stärkeres Gerät ausgetauscht. Die anderen beiden Torpedos sind leer gewesen, als sie uns abhandenkamen. Wenn es Dir hilft, wir haben Dich sofort gefunden!<<
>>Und Ihr habt keine Angst, die Küstenwache nimmt Euch hoch?<<
>>Na ja, wir kriegen tatsächlich Ärger, wenn wir als Schlepper aufgegriffen werden. Aber vor der Küste treiben sich eine Menge Boote herum. Da fallen wir nicht sehr auf.<<
Black schlug mit dem Zeigefinger auf die Zigarette und ein Stück Asche fiel auf den Fußboden.
>>Aber wen kümmert es wirklich, wenn jemand nach Marokko will? Einwanderer sind nicht vorgesehen und nicht willkommen. Keiner kümmert sich um solche Leute. Ohne Job kannst Du nur betteln. Dann erwischt die Polizei Dich sowieso! Oder willst Du zu einer der Gruppen, die gerne die Regierung in Marokko stürzen möchten, oder zu irgendeiner Terrortruppe, die einfach gerne Leute abknallt, die ihnen nicht in den Kram passen? Dann erwischt Dich die Armee oder GlobSecure.<<
Black zog wieder langsam und lange an der Zigarette, die nach ein paar Zügen schon zu mehr als der Hälfte verbrannt war. Der unangenehme Geruch im Raum wurde intensiver.
>>Wir sind bald in Jebha. Am Hafen wirst Du von jemand abgeholt!<<
Wer immer das sein mochte. Voltage hatte noch immer kein wirkliches Vertrauen in seine bezahlten Helfer.
>>Dann bekommen wir auch unser Geld!<<
Black drückte seine Zigarette auf der Tischplatte aus. Es roch plötzlich nach verschmortem Kunststoff. Black ließ das zerquetschte Filterstück auf dem Boden fallen.
>>Wer ist dieser Will?<<
Er schaute Voltage direkt ins Gesicht. Der hielt dem Blick stand, obwohl ihm plötzlich kalt wurde. Verunsichert blinzelte er mit den Augen.
>>Hast Du ihn schon mal getroffen?<<
Black richtete sich auf seinem Stuhl auf. Sein Blick blieb auf Voltages Gesicht gerichtet.
>>Ich habe ihn noch nie getroffen. Aber wir bekommen unsere Aufträge von ihm. Und die Leute, die wir transportieren, sind keine normalen Flüchtlinge. Der Typ betreibt da ein merkwürdiges Geschäft. Unsere Passagiere aus Marokko sind keine einfachen Bauern oder so.<<
Voltage war irritiert. Aber Black schien ihm kein Seemannsgarn zu erzählen.
>> Wie kommen Sie denn darauf?<<
>>Na ja, ein paar davon sahen sehr gut trainiert aus, wie Soldaten oder so. Andere schienen ganz schön viel Grips zu haben. Die redeten ziemlich abgehoben daher und hatten wohl viel Ahnung von diesem Computerzeug.<<
Darüber hatte Will nicht mit ihm gesprochen.
>>Will ist der Anführer einer politisch motivierten Gruppe in Deutschland, die sich FreePeople nennt. Sie engagieren sich gegen Großunternehmen, die der Regierung ihren Willen aufdrücken.<<
>>Führen die Krieg gegen die Regierung oder wofür holt er diese Leute? Von so was habe ich noch nicht gehört. Ich dachte, in Europa geht es den Leuten ziemlich gut.<<
>>Wir haben viele Leute, die schlecht bezahlt werden oder keinen Job haben. Seitdem die Regierung ihre Schuld durch Übereignung des halben Landes an große Unternehmen und Investoren getilgt hat, läuft es nicht mehr sehr gut. Es gibt quasi drei Klassen von Menschen. Die mit Geld, die für sie arbeiten und die anderen. Denen mit Geld geht es richtig gut, die in der Mitte leben nicht so schlecht und die anderen beklauen sich gegenseitig oder schlagen sich auch mal die Köpfe ein.<<
>>Klingt nicht anders als in vielen Ländern Afrikas!<<, warf Black ein. Er gähnte und kratzte sich mit zwei Fingern zwischen seinen wild wuchernden Haaren am Kopf.
>>Und was machst Du für diesen Will? Du siehst nicht aus, als wenn Du mit einer Waffe umgehen könntest! Deinem Spitznamen nach hast Du wohl andere Sachen drauf. Willst Du etwas einen der Energieparks sabotieren, die Strom nach Europa liefern?<<
Voltage schüttelte den Kopf.
>>Nein, ich habe keinen Job als Attentäter oder so was! Ich soll jemand treffen!<<
>>Der nicht nach Europa kommen kann!<<, grinste Black und griff wieder nach seinen Zigaretten.
>>Du bist sehr scharfsinnig, Black!<<, erwiderte Voltage.
>>Ist wohl nicht so schwer zu erraten! Aber die Frage ist, wer darf nach Marokko, aber nicht nach Europa?<<
Blacks Augen funkelten. Er ließ seine weißen Zähne zu einem breiten Grinsen aufblitzen.
>>In der Tat. Das ist eine interessante Frage! Leider keine, die ich beantworten kann.<<
Voltage zuckte mit den Schultern und erwiderte das breite Grinsen. Sein Gegenüber zündete sich eine weitere Zigarette an und zog intensiv an ihr. Als er wieder sprach, wurden seine Worte von einem Schwall weißer Wölkchen aus seinem Mund begleitet.
>>Ich denke, Du wirst es trotzdem verraten!<<
Voltage zuckte sichtlich zusammen. Blacks Tonfall war plötzlich scharf. Irgendetwas lief gerade ziemlich schief.
>>Du wirst sogar Deinen richtigen Namen verraten! Und auch was sich in Deiner Tasche befindet.<<
Black stand auf. Die Zigarette wackelte zwischen seinen Lippen. Er griff in eine Beintasche seines Overalls und zog eine Pistole heraus, die er auf Voltage richtete.
>>Sagt Ihr das nicht so bei Euch? Die vollkommene Lüge ist der gebrochene Vertrag.<<
Black grinste breit.
>>Tut mir leid! Wir laufen Jebha nicht an. Es gibt da jemand anderen, der diesen Auftrag deutlich besser bezahlt.<<