Kitabı oku: «Sonnenkaiser», sayfa 4

Yazı tipi:

3.

Es waren gerade etwas mehr als zehn Jahre vergangen, seit die Regierung neben dem größten Teil des staatlichen Eigentums auch einen Teil der staatlichen Aufgaben an die Privatwirtschaft abgegeben hatte. Der Staatsbankrott hatte viel verändert, nicht nur in diesem Land. Es war geradezu bemerkenswert gewesen, in welche Sturheit mehrere Regierungen den Weg in den absehbaren Finanzkollaps verfolgt hatten. Anhäufen exorbitanter Schulden, Absenken der Marktzinsen in den Minusbereich, quasi unlimitierte Ausweitung der Geldmenge zur Stimulierung von Wirtschaftswachstum, Ausweitung der Staatsbudgets und kontinuierliche Steuererhöhungen. Nur gingen Staatswirtschaft und Wirtschaftswachstum nicht zusammen. Das Ende waren massive Währungsspekulationen gegen die europäische Hauptwährung und ein gewaltiger Abfluss von Investitionsmitteln aus Europa. Mehrere große Volkswirtschaften kamen ihren selbst auferlegten Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nach. Der Versuch, über die Europäische Zentralbank die benötigten Mittel quasi herbeizaubern zu lassen, scheiterte. Die Währung kollabierte, wertete gewaltig ab, die Staaten waren zahlungsunfähig.

Eigentlich hätte man erwartet, die europäischen Staaten würden ihre Macht nutzen, um sich mit ein paar eleganten Gesetzen aus der Affäre zu ziehen. Mit einer neuen Währung Staatsschulden abwerten, den Gläubigern einen Schuldenschnitt verordnen, Startkapital für die nächste Runde in Form von Zwangsmaßnahmen bei den Bürgern eintreiben, wie es schon vorher zahlreiche Staaten über die Jahrhunderte immer wieder gemacht hatten, um nach einigen Jahrzehnten wieder am gleichen Punkt anzukommen.

Nur dieses Mal funktionierte es nicht so. Global agierende Unternehmen und Banken, große Kapitalfonds und Investoren sahen vor allem das in Europa in Staatsanleihen angelegtes Kapital in Gefahr und organisierten sich. Den Regierungen Europas wurde der wirtschaftliche Boykott angedroht, sollten sie ihre Schulden einfach mit ein paar Tricks verschwinden lassen.

So kam es zur größten Privatisierungswelle, die Westeuropa je erlebt hatte. Die Staatsschulden wurden in Kapitalfonds gebündelt, die in den Ländern auf Shoppingtour gingen. Die Straßennetze, insbesondere Autobahnen, gingen an die Fonds, jegliche staatlich aufgebaute Infrastruktur, Schulen, Grundstücke, Wälder, Universitäten, Seen, Flüsse, Kanäle, staatliche Liegenschaften jeder Art, staatliche Unternehmensanteile. Die Liste der Käufer, die eigentlich nur verliehenes Kapital gegen Sachwerte tauschten, war ziemlich lang. Mit dem Übergang der Sachwerte gründeten sich aus den Fonds Unternehmen, die den Kapitalfonds gehörten.

In einem zweiten Schritt wurden Gesetze durch Vorgaben der Fonds an die neuen Umstände angepasst. Die staatlichen Haushalte der Bankrottstaaten wurden mit Schuldensperren belegt. Das bedeutete die zukünftige Begrenzung aller Staatsausgaben. Die Parlamentarier winkten den Input nur hilflos durch.

Natürlich wurden als erstes die sozialen Sicherungssysteme deutlich ausgedünnt, Subventionen gekürzt. Aber auch staatliche Aufgaben wurden reduziert. Ein angenehmer Effekt etwa der Autobahnprivatisierung war, dass die Instandhaltung nun nicht mehr mit Steuern bezahlt werden musste, sondern Sache der neuen Eigentümer war, ebenso aber der Neuausbau von Fernstraßen, der nun maßgeblich von ihnen geplant und von den entsprechenden Ministerien nur noch der Form halber abgesegnet wurde.

Die Reduzierung der Polizeikräfte war insbesondere in Deutschland schon vor dem Staatsbankrott bedeutend vorangeschritten. Nun übernahmen einige große Sicherheitsunternehmen die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, während die Polizei sich selbst aus diesen Aufgaben weitgehend zurückzog.

Dazu gehörten nicht einfach nur private Wagen mit der Aufschrift Polizei, die durch die Straßen fuhren und deren Insassen nach Falschparkern Ausschau hielten.

Die Unruhen, die mit dem Staatsbankrott einhergingen, die wochenlangen Demonstrationen, die in vielen Großstädten in Ausschreitungen und Plünderungen übergegangen waren, hatten zahlreiche Städte in einem angeschlagenen Zustand hinterlassen. Die Bekanntgabe, dass die Millionen Arbeitslosen, deren Zahl mit der Staatspleite und den damit verbundenen Auswirkungen auf die Wirtschaft noch gewaltig wuchs, nur noch mit minimaler staatlicher Unterstützung rechnen konnten, wirkte wie ein Doping für die Ausschreitungen, die von Stadtzentren auf Vororte übergriffen und Tausende von Bürgern in bessergestellten Gegenden obdachlos machten, weil deren Häuser von besinnungslos wütenden Demonstranten abgebrannt wurden.

Als Folge wurden in vielen Innenstädten Schutzzonen eingerichtet, in denen die neue private Polizei für Sicherheit sorgte. In Stadtteilen, deren Bewohner es sich leisten konnten, wurden Sicherheitsdienste mit dem Schutz des Eigentums vieler Bürger beauftragt. Weitflächig wurden solche Zonen mit Kameraüberwachung und elektronischen Sicherheitssystemen ausgestattet. Da das kaum genügte, Gewalt und gesetzeswidrige Handlungen einzudämmen, erhielten die Sicherheitsunternehmen umfassende Vollmachten und das Recht, ihre Mitarbeiter angemessen auszustatten.

Taser, wie der, mit dem der Randalierer im Amt zur Ruhe gebracht wurde, waren noch die harmlosere Ausstattung von sogenannten SecGuards, den Mitarbeitern der Sicherheitsfirmen. Schusswaffen gehörten ebenfalls zu ihrer Ausrüstung und waren gesetzlich legitimiert. SecGuards erhielten damit Rechte, die denen der staatlichen Ordnungskräfte glichen.

Das Geschäft mit der Sicherheit florierte. Viele ehemalige Polizisten fanden neue Arbeit bei solchen Firmen. Natürlich zogen diese Unternehmen auch alle möglichen anderen Interessierten an. Und der Rekrutierungsprozess wurde zunehmend verschärft, nachdem der Waffengebrauch auf den Straßen spürbar zunahm.

Für Daniel schied eine Bewerbung bei Firmen wie GlobSecure, ProtectionGuard oder CountryGuard aus. Dort suchte man körperlich überdurchschnittlich befähigte Mitarbeiter. Bereits beim ersten sportlichen Eignungstest, einem Spurt über einhundert Meter, wäre er mit einem unter der Belastung merkwürdig wegdrehenden linken Bein grandios gescheitert und hätte eine neue schlechteste Laufzeit aller Bewerber abgeliefert.

Daniel schlenderte langsam in Richtung der nahe gelegenen Einkaufsmeile. Ein Spaziergang über einen Kilometer gehörte zu den Dingen, die er problemlos bewältigen konnte. Sein Kontostand erlaubte ihm keine Shoppingtour, aber für einen Kaffee würde es reichen. Hoffentlich kam das erste Hilfsgeld tatsächlich noch an diesem Tag.

Der Termin war sehr glimpflich für ihn abgelaufen. Sein Knie hatte ihm eine Schonfrist verschafft, nur würde die auch enden und dann fand er keine Gnade mehr vor Frau Wolenski und ihren Kollegen. Dieser Termin war der notwendige Weckruf für ihn gewesen. Er hatte noch ein paar Monate Zeit, wieder Ordnung in seinen Tagesablauf zu bringen und herauszufinden, womit er in Zukunft seinen Lebensunterhalt verdienen konnte. Schaffte er das nicht, würde er nicht nur seine Wohnung verlieren. Was dann folgen würde, mochte er sich nicht vorstellen. Er kannte die Orte, an denen sich die Leute aufhielten, die die Gesellschaft ausspuckte, weil sie keine Verwendung mehr für sie hatte. Auch in dieser Stadt gab es die Bezirke mit den baufälligen bis zerstörten Häusern, die von ihren Besitzern aufgegeben worden waren und in denen nun die quasi Obdachlosen hausten. No-Go-Areas nannte man solche Gegenden, in denen sich nicht nur Armut, sondern auch Gesetzlosigkeit breitgemacht hatte. Polizei oder Sicherheitskräfte ließen sich dort grundsätzlich nicht mehr blicken. Jede Strafverfolgung endete an den Rändern dieser Gebiete, in denen das Tragen einer Uniform den Einsatz von Schusswaffen provozieren konnte.

Daniel ärgerte sich mittlerweile über sich selbst. Er hatte wertvolle Zeit damit vergeudet, vor der Realität wegzulaufen.

In seiner Tasche machte sich sein Smartphone durch einen intensiven Summton bemerkbar. Eine Mitteilung wartete darauf, von ihm gelesen zu werden. Er blieb am Zugang zu einer U-Bahnstation stehen, direkt unter einer der Kameras, die in regelmäßigen Abständen an hohen Masten hingen. Ein SecGuard stand ein Stück weiter und beobachtete ihn.

Daniel zog das Smartphone aus der Tasche und schaute auf das Display. Die Nachricht war vom Amt für Arbeit. Der Absender hieß Wolenski. Neugierig öffnete Daniel die Mitteilung. Er zuckte leicht zusammen, als er die ersten Zeilen nach einer kurzen bürokratischen Einleitung las.

>>Ich habe über eine Personalagentur ein Stellenangebot in der Nähe von Berlin bekommen. Ihr Profil entspricht in hohem Maße den Anforderungen. Stellen Sie sich unverzüglich persönlich vor. Ich erwarte Ihre Rückmeldung bis zum Nachmittag. Weitere Details finden Sie im angehängten Link. Es handelt sich um eine Stelle als privater Ermittler.<<

Das war unerwartet schnell gegangen. Frau Wolenski schien ihn vielleicht irgendwie ein wenig gemocht zu haben.

4.

Die Kolonne aus einem Dutzend Fahrzeugen rollte über eine Kreuzung mit gemächlichem Tempo auf eine mehrspurige Hauptstraße. Es gab keinen Verkehr, den die Wagen behindern konnten, denn die Verkehrswege waren großräumig abgesperrt. Die an diesem Tag beginnende Tagung erwartete Vertreter wichtiger europäischer Unternehmen, Teilnehmer von Think Tanks und bedeutende Vertreter der europäischen Politik für einen mehrtägigen Gedankenaustausch zum Thema der kontinentalen Energiesicherheit. Ein solch bedeutendes Ereignis rechtfertigte umfassende Sicherheitsmaßnahmen, um für die anreisenden Teilnehmer jegliche Gefahr auszuschließen.

Daher war auch der Luftraum bis auf eine Vielzahl von Überwachungsdrohnen und bewaffneten Fluggeräten über mehrere Dutzende Quadratkilometer geräumt. Die beiden Insassen des mittleren Fahrzeugs der Kolonne beschäftigten solche Gedanken nicht. Für sie waren Aspekte, die ihr Leben nahezu ständig umgaben, eine für sie selbst quasi unsichtbare Selbstverständlichkeit.

Der hagere Mann in einem akkurat sitzenden dunklen Anzug strich mit einer leicht altersfleckigen Hand langsam über seine faltige Wange und kontrollierte unbewusst die Qualität seiner Rasur. Sein noch recht vollständiges Haupthaar war zu einer Bürste frisiert und wirkte wesentlich progressiver als die Frisur der Frau. Er saß ihr gegenüber, mit dem Rücken in Fahrtrichtung. Das voll automatisierte Fahrzeug orientierte sich am vorausfahrenden Wagen.

>>Vielen Dank noch mal, Hurley, dass Sie Zeit gefunden haben, mich am Flughafen zu treffen. Während der Tagung werden wir kaum noch Gelegenheit haben, ungestört miteinander zu reden!<<

Hurley neigte seinen Kopf bedächtig seiner Gesprächspartnerin zu.

>>Wie sind Ihre neuesten Eindrücke aus Brüssel?<<, setzte die Frau eine Frage hinterher. Hurley schien kurz nachzudenken.

>>Eigentlich ist alles wie immer. Kommission und Parlament folgen artig den Vorgaben der Kapitalfonds. Früher nannte man so etwas Lobbyarbeit. Heute sind das etablierte Einrichtungen, die völlig ungeniert Einfluss nehmen. Wie die Zeiten sich ändern!<<

>>Demokratie kann tatsächlich käuflich sein!<<, erwiderte sie leicht säuerlich.

>>Das war sie doch schon immer, nur nicht so öffentlich<<, nickte Hurley.

>>Das haben wir oft genug erörtert. Diese Geier fliegen auch ständig um meinen Bundestag herum und hinein. Und ich würde es begrüßen. Sie endlich auf Abstand halten zu können.<<

Die Augen der Frau wurden zu schmalen Schlitzen und um ihre Lippen erschienen zahlreiche kleine Falten, als sie sie zusammenpresste, um ihren Zorn zu kontrollieren.

>>Hurley, wir haben uns ein konkretes Ziel ausgesucht, um einen Schritt in diese Richtung zu gehen, aber wenn wir nicht endlich in diesem Thema weiterkommen, wird DesertEnergy uns bald gänzlich auf dem Kopf herumtanzen<<, sagte die Frau in einem fast vorwurfsvollen Ton. In ihrem dunkelgrünen Hosenanzug wirkte sie nicht sehr feminin, auch weil sie flache Schnürschuhe trug, die an einem Mann nicht als modische Entgleisung aufgefallen wären, ebenso wie ihr schlichter Kurzhaarschnitt.

>>Frau Reinders-Winkelmann, es tut mir leid, aber ich kann mit dem mir zur Verfügung stehenden Mitteln leider nicht zaubern. Die Überwachung geschieht im gesetzlichen Rahmen. So lange wir kein belastendes Material haben, können wir nicht aktiv werden. Das wäre ein klares Vergehen gegen Gesetze. Käme so etwas raus, würde das EU-Parlament meine Behörde unter begeistertem Applaus verschiedener Wirtschaftsverbände und Kapitalfonds richtig an die Leine legen.<<

Hurley, Leiter des Intelligence Analysis and Situation Centre, INTCEN, des Nachrichtendienstes der Europäischen Union, lehnte seinen Kopf an die Kopfstütze seines Sitzes. Das Fahrzeug neigte sich leicht zur Kurveninnenseite, ohne das Tempo zu reduzieren.

Reinders-Winkelmann winkte müde ab.

>>Ich bin mir dessen bewusst. ProtectCapital hat dem Konzern ausgezeichnete Voraussetzungen mitgegeben, bald ein Monopol auf die Energieversorgung in Europa zu schaffen. Mir steht dieser Mist, den meine Vorgängerin damals abgenickt hat, bis hier!<<

Demonstrativ wischte die Bundeskanzlerin mit einer flachen Hand an ihrem Hals entlang.

>>Das Europaparlament ist nicht gewillt, die Gesetzeslage für den EU-Raum anzupassen, um solche Marktverwerfungen zu unterbinden. Die Angst vor den Reaktionen aus der Finanzwirtschaft ist beträchtlich!<<, entgegnete Hurley mit einem vielsagenden Augenbrauenzucken.

>>Die meisten unserer von mir eher weniger geschätzten Kollegen haben wohl eher Angst um ihre zukünftigen lukrativen Posten in Aufsichtsräten und Beraterjobs, wenn sie ihren späteren Chefs vors Knie treten<<, spottete Reinders-Winkelmann, was der Leiter von INTCEN mit einem beifälligen Nicken beantwortete.

>>Ich bin alt genug. Mein Berufsleben werde ich nächstes Jahr in diesem Job beschließen. Es scheint, ich leide nicht an solchen Befindlichkeitsstörungen. Deswegen habe ich mir auch die Freiheit genommen, Ihren Umweltminister observieren zu lassen! Unter anderem!<<

>>Ich habe diesen schmierigen Kriecher nicht für seinen Posten ausgesucht. Er war ein freundliches Angebot unseres ökologisch korrekten Koalitionspartners, der alles durchwinkt, was irgendwie nach besserer Welt klingt, egal, um welchen Preis!<<

>>Lauffert pflegt auffällig häufig Kontakt zu Raedick, einem der Vorstandsmitglieder von DesertEnergy! Ich denke, sein nächster Karriereschritt ist vorgezeichnet! Bis dahin wird er den Weg für das Unternehmen noch ein wenig ebnen. Seine Bemühungen um die europaweite Ausschaltung lokaler Stromerzeuger werden der Energiebranche weitere Geschäfte bescheren.<<

>>Haben Sie wenigstens endlich etwas gegen Lauffert in der Hand? Und es ist mir egal ob er Raedick mit jungen Frauen aus dem Osten versorgt, oder ob er Strom stiehlt.<<

Hurley schüttelte bedauernd den Kopf.

>>Tut mir leid! Aber Lauffert scheint nur aus Politik und Korrektheit zu bestehen.<<

>>Gut, es gibt also nichts Neues! Auch zu DesertEnergy vermutlich nicht!<<

Mit resignierter Miene winkte die Kanzlerin ab. Das Fahrzeug hielt kurz hinter dem vorausfahrenden Wagen. Als dieser sich wieder in Bewegung setzte, folgte es ihm mit wenigen Metern Abstand.

>>Nun ja, es ist nicht ganz einfach!<<

Reinders-Winkelmann zog Luft hörbar durch ihre Nase ein. Die Nasenflügel zogen sich sichtlich zusammen.

>>Sie liefern mir Raedick oder Jacobs also nicht mehr in dieser Legislaturperiode.<<

Die Kanzlerin schaute nachdenklich nach draußen. Hurley spürte ihre resignierte Stimmung.

>>Dieser großartige kollektive Staatsbankrott hat uns ein wunderbares neues System verpasst. Ausverkauf an profitgierige Konzerne. Gesetzesbeschlüsse auf Wunsch wirtschaftlicher Interessengruppen. Wir haben neue große Spieler in Europa, die uns auf dem Kopf herumtanzen. Und zu viele Politiker machen ihnen auch noch den Hof. Ich frage mich manchmal, warum man sich damals nicht gleich darauf geeinigt hat, die Regierungen auch durch die Gläubiger bestimmen zu lassen.<<

Reinders-Winkelmann schaute auf ihre Fingernägel herunter.

>>Mein Optimismus, das durch neue politische Impulse ändern zu können, war leider völlig an der Realität vorbei. Und jetzt habe ich eine Reihe von Baustellen, auf denen es nicht vorwärtsgeht. Ich möchte ungern völlig erfolglos als die Kanzlerin abtreten, die nur weiter verwaltet hat. Was ist mit FreePeople? Wenn diese Terroristen uns nicht regelmäßig irgendwelche Blackouts bescheren würden, fände ich unsere heimische Guerilla fast sympathisch. Die richten mehr gegen DesertEnergy aus als wir.<<

Ihr Gegenüber nickte gefällig.

>>In der Tat kann ich Ihnen dazu etwas berichten.<<

Reinders-Winkelmann schaute Hurley überrascht an.

>>Sie schaffen es endlich, die Zugänge von FreePeople ins Internet über russische Satelliten zu unterbinden?<<

Die Kanzlerin setzte sich gespannt auf.

>>Leider nein! Dazu müsste entweder Russland seine Position zu uns massiv ändern oder die Amerikaner ihre militärische Abenteuerlust in den Weltraum ausweiten und diese Satelliten ausschalten. Es wird sich also in dieser Hinsicht absehbar nichts ändern!<<

Die Kanzlerin setzte zu einem genervten Augenrollen an.

>>Machen Sie es nicht so spannend.<<

Hurley schien die nächsten Momente zu genießen. Er betrachtete seine Fingernägel und zog dann die Mundwinkel hoch.

>>GlobSecure hat eine neue Task Force gegründet, um Lohring endlich dingfest zu machen!<<

Die Kanzlerin rollte mit den Augen.

>>Sie gehen heute alle unsere Baustellen mit mir durch, oder? Unsere Freunde vom Service für innere Sicherheit. Ich könnte diese dumme Kuh von Vorgängerin samt ihrer Mandatsbande noch immer dafür steinigen, dass sie auch diesen Blödsinn durchwinken ließ. Aufgabe hoheitlicher Rechte und Übergabe von Sicherheitsaufgaben an private Unternehmen, aufgeweichte Waffengesetze. Wir haben mehr SecGuards im Land als Polizisten. GlobSecure besitzt mehr bewaffnete Jetkopter, als die Bundeswehr insgesamt an Fluggerät aufbieten kann.<<

Wütend schlug sie mit der Faust auf ihre Armlehne und zuckte kurz zusammen, als ein Schmerz in ihren Unterarm schoss. Stirnrunzelnd rieb sie sich den Arm.

>>Berichten Sie!<<

>>Die Taskforce ist auf der Suche nach einem Mann, der eine für uns sehr nützliche Freundschaft zu pflegen scheint.<<

Die Kanzlerin beugte sich interessiert nach vorne. Ihre schlechte Laune wirkte plötzlich wie weggefegt.

>>Erzählen Sie mehr! Das klingt vielversprechend! Aber fassen Sie sich kurz. Wir sind gleich da!<<

Hurley seufzte kurz und spulte seine Neuigkeiten in Rekordzeit herunter.

5.

>>Guten Abend, Minister Lauffert!<<

Der Mann mit dem sichtlichen Übergewicht reichte dem Minister, einem behäbig wirkenden Endvierziger mit kinnlangen Haaren und einem dünnen Kotelettenbart, die Hand. Der Handschlag wurde mit weichem nachgiebigem Druck erwidert.

>>Herr Raedick, ich freue mich, dass Sie es doch noch hierher geschafft haben.<<

Laufferts Mimik drückte große Begeisterung aus. Kurz schielte der Umweltminister an Raedick vorbei, der ihn direkt am Ausgang des Sitzungssaals abgefangen hatte.

>>Ja, es war mir wichtig, die Umweltminister von Spanien und Deutschland zu treffen und zu dem Thema dieser Tagung Ihre Meinungen persönlich zu hören, statt nur als Meeting Note.<<

Lauffert nickte etwas zu übereifrig.

Weitere Teilnehmer der Tagung strömten aus dem Ausgang und verteilten sich auf die Stehtische und Sitzecken. Ein großes Rudel Servicekräfte schwärmte sofort aus, um den Gästen die Auswahl des Catering anzubieten. Im Hintergrund erklang leise Musik.

Raedick deutete in Richtung eines Panoramafensters gegenüber dem Sitzungssaal.

>>Lassen Sie uns einen Platz suchen. Ich stehe nicht sehr gerne!<<

Die beiden Männer hielten auf eine kleine Sitzgruppe, bestehend aus drei breiten dunkelroten Ledersesseln und einem kleinen Glastisch, zu. Raedick bestimmte mit seinem bedächtigen Gang aufgrund seiner Körperfülle das Tempo, schob dabei ungerührt einige Personen zur Seite.

Bevor eine Frau in einem dunklen Hosenanzug Platz nehmen konnte, schob Raedick auch sie mit seiner Körpermaße weg und ließ sich in einen der Sessel fallen. Mit einem unwirschen Kommentar und einem stechenden Blick wich die Frau zum nächsten Stehtisch aus.

>>Das war die Pressesprecherin der deutschen Kanzlerin!<<

Lauffert schaute der Frau hinterher, die den Vorfall scheinbar schon wieder vergessen hatte und sich mit ihrem Smartphone beschäftigte.

>>Sie hätte sich ja auf den freien Platz setzen können.<<

Mit einem Taschentuch wischte Raedick sich über das füllige Gesicht.

>>Lauffert! Ich freue mich, Sie wiederzusehen. Ich bin gerade rechtzeitig zu Ihrer Ansprache gekommen. Sie haben interessante Ansätze geliefert, wenn auch viele Fragen nicht beantwortet sind.<<

Eine Servicekraft in schwarzer Hose und gestreiftem Hemd, die ein Tablett mit Gläsern auf einer Hand balancierte, umrundete mit elegantem Schwung eine kleine Gruppe, die in knappem Abstand von der Sitzecke stand und beugte sich leicht vor. Lauffert nickte dem Mann zu und nahm zwei Sektgläser von dem Tablett herunter.

>>Konsistente Sicherheitsaspekte kontinentaler klimaneutraler Energieversorgung.<<

Raedick nahm eines der Gläser entgegen, prostete Lauffert zu und nahm einen großen Schluck. Der Sekt war ihm zwar nicht trocken genug, aber er leerte das Glas trotzdem mit einem zweiten Schluck. Immerhin war das Messezentrum gut klimatisiert und er schwitzte unter seinem Anzug nicht allzu sehr.

>>Wer kommt auf solche hochtrabenden Titel für Tagungen<<?

>>Irgendeinen Namen muss das Kind ja haben. Und die Regierungen von Frankreich, Spanien und Deutschland haben ein klares Interesse an einer hundertprozentig sicheren und ökologisch einwandfreien Energieversorgung. Ihr Unternehmen trägt dazu maßgeblich bei.<<

>>Ich habe Ihre Ideen bereits hinreichend nachgelesen und überdacht. Wen wollen Sie dafür begeistern, Milliarden auszugeben? Sollen unsere Kunden diese Rechnung bezahlen?<<

Lauffert hob beschwichtigend die Hände.

>>Natürlich ist der Bau zusätzlicher mehrerer tausend Wasserstoffkavernen samt Elektrolyteinheiten in diesen Ländern ein gewaltiges Unterfangen, aber notwendig, um eine mehrtägige Sicherheitsreserve aufzubauen. Und wir gehen von einem Planungshorizont von zehn Jahren aus.<<

Raedick schüttelte den Kopf.

>>Das wird noch ein steiniger Weg für Sie. Aber vielleicht finden wir einen Weg zu einem gesunden Kompromiss.<<

>>Ich habe Ihren Vorstandskollegen Carné auch schon gesehen! Wird Herr Jacobs auch noch eintreffen?<<

Der Umweltminister deutete zu einer Gruppe von Männern, die ein Stück weiter in angeregter Unterhaltung standen. Ein Mann mit fast klassisch anmutenden Gesichtszügen, denen eines Schauspielers aus den Fünfzigerjahren nicht unähnlich, und dichtem schwarzen Haarschopf stand in einem perfekt sitzenden mittelgrauen Anzug neben einem kräftigen Mann mit fleckiger Kopfhaut, schütterem nach hinten gekämmten grauen Haaren und buschigen Augenbrauen, der trotz seiner dem Anlass angemessenen Kleidung eher wie ein Türsteher in einer Vorstadtdisco wirkte.

Der Schauspielertyp war Carné, Vorstandsmitglied von DesertEnergy, zuständig für das Geschäft in Frankreich. Der Vorstadtgorilla hieß Henderson, der einen solchen Posten bei GlobSecure bekleidete. Während der erste eine geradlinige Karriere in europäischen Finanzunternehmen absolviert hatte, bevor er den Weg zu DesertEnergy gefunden hatte, hatte Henderson eine militärische Laufbahn hinter sich gebracht, bis er aus einer Position als Major im NATO-Verbund in eine der bestbezahlten Positionen der europäischen Unternehmenslandschaft wechselte. Ihm wurde nachgesagt, er hätte sogar einige Jahre bei der Fremdenlegion verbracht und recht erfolgreich vor der asiatischen Küste Piraten gejagt.

>>Nein, unser Vorstandsvorsitzender hat neben einigen internen wichtigen Terminen heute und morgen Besuch vom ägyptischen Staatsminister. Es geht um die Erörterungen zum Aufbau von Beziehungen für zukünftige Expansion unseres Unternehmens. Sie kennen das!<<

Lauffert nickte verständig. Er beugte sich vor und sprach etwas leiser weiter, als er sich nahe genug an Raedicks fleischigem Ohr befand. Der Mann dünstete eine Geruchswolke mit einer Mischung aus einem wahrnehmbaren Schweißgeruch und einem Rasierwasser mit einer fruchtigen Note, ähnlich einem überreifen Apfel, aus. Lauffert schien das nicht im Geringsten zu stören.

>>Wir werden Ihnen bezüglich der Förderanträge von Vattengreen und RWE Solar keine Nachteile bescheren.<<

Zwei Männer blieben vor der Sitzecke stehen, nickten den beiden freundlich zu und wanderten ins Gespräch vertieft weiter.

>>Wenn man vom Teufel spricht!<<, schnaufte Raedick.

>>Vielleicht hätte ich die beiden Herren von Vattengreen mal fragen sollen, wie ihre Verhandlungen mit Griechenland bezüglich ihrer neuen HGÜ-Leitung verlaufen!<<

Ein leicht abfälliges Grinsen schlich sich in Raedicks Gesicht.

>>Wo ist eigentlich Ihre Kanzlerin? Ich habe sie im Saal gesehen, aber die Regierungsgesandten scheinen ja bis auf wenige Ausnahmen lieber unter sich zu bleiben.<<

Er schaute sich suchend um.

>>Frau Reinders-Winkelmann hat unerwartet Besuch von einem Funktionär aus Brüssel bekommen. Die beiden haben sich in einen der Besprechungsräume zurückgezogen. Es scheint sich um eine dringende Angelegenheit zu handeln. Haben Sie einen Termin mit ihr?<<, fragte Lauffert.

>>Während dieser Veranstaltung nicht. Aber Herr Jacobs wird mit ihr in ein paar Wochen über die Verteilung der zusätzlichen Strommengen sprechen, die bald über die erweiterten HGÜ-Leitungen aus Marokko nach Europa fließen.<<

Raedick schaute sich weiter um, entdeckte aber keinen weiteren interessanten Gesprächspartner. Konversation mit Lauffert war nett, aber nach gewisser Zeit langweilte sie ihn einfach. Der Mann war nützlich, mehr nicht. Nach seiner politischen Karriere würde er einen gut bezahlten Posten im Wirtschaftsgremium von DesertEnergy in Brüssel bekommen, aber dafür musste der Minister noch ein wenig strampeln und die Konkurrenz von DesertEnergy bremsen, was ihm recht gut gelang.

>>Ich bin immer wieder davon beeindruckt, wie engagiert DesertEnergy den Ausbau seiner Kapazitäten betreibt<<, setzte der Umweltminister seine Gefallensstrategie fort.

>>Wir wollen die absolute Nummer Eins der Energieversorger werden. Das wird man nicht durch Stillhalten. Aber dank Ihnen ist der Weg nicht ganz so steinig.<<

Lauffert kniff kurz etwas zu vertraulich ein Auge zu und beugte sich leicht vor.

>>Der Neuentwurf des Gesetzes zum Betrieb von regionalen Stromerzeugern wird Ihnen sehr entgegenkommen! Ein paar Steine weniger!<<

Sven Raedick nickte dem Umweltminister zu, während der weitersprach.

>>Das Gesetz ist auch in Bezug auf die Sicherheitsaspekte relevant. Wenn lokale Versorger ausfallen, kann das sehr bedenkliche Auswirkungen haben. Dann wäre es gut, wenn diese abgeschotteten Versorgungsnetze wieder an das landesübergreifende Netz angeschlossen wären.<<

>>Ich kann Ihnen da nur beipflichten. DesertEnergy wird in absehbarer Zeit in der Lage sein, das europäische Stromnetz mit deutlich größeren Energiemengen zu beliefern. Dann macht es Sinn, auch die autonomen Kleinversorger durch uns unterstützen zu lassen. Und Sie als Umweltminister sehen ohnehin auch die ökologische Relevanz.<<

Lauffert nickte eifrig.

>>Ja, gerade die sogenannten Biogasanlagen sind immer noch ein Problem bezüglich der CO2-Problematik. Wir haben unsere Ziele noch nicht erfüllt.<<

Schwerfällig erhob sich Raedick, als er endlich den Mann entdeckte, mit dem er unbedingt noch sprechen wollte.

>>Lassen Sie uns das noch einmal in Ruhe erörtern. Was halten Sie davon, wenn Sie mich nächste Woche auf meiner Jacht besuchen? Sie könnten mich auf einer kurzen Reise von Marseille nach Barcelona begleiten. Dann hätten wir genug Zeit, uns eingehend zu unterhalten.<<

Der Umweltminister strahlte über das ganze Gesicht, während er aufsprang und Raedicks breite Hand schüttelte.

>>Diese Einladung werde ich nur zu gerne annehmen. Ihr Schiff soll ja sehr eindrucksvoll sein. Und ein Brennstoffzellenantrieb. Das würde ich mir nur zu gerne einmal ansehen.<<

>>Lassen Sie uns in der nächsten Pause noch einmal ein wenig reden! Jetzt muss ich dringend noch jemand begrüßen!<<

Er drückte sich aus seinem Sessel, stapfte davon und ließ Lauffert stehen. An der dem Tagungssaal gegenüberliegenden Seite des Raumes befanden sich einige kleine Besprechungsräume, hinter deren Milchglasscheiben genügend Anonymität und Ungestörtheit zu finden war. Mehrere Sicherheitskräfte riegelten den Bereich ab und sorgten zusätzlich für Zugangsbeschränkungen zu diesen Räumen.

An einem einzelnen Stehtisch direkt davor stand jetzt Henderson neben einem zweiten groß gewachsenen Mann mit stoppelkurzen dunklen Haaren und einem Drei-Tage-Bart. Unter dem Sakko konnte man die kräftige Statur gut erkennen. Die beiden Männer wirkten fast wie Brüder, waren aber nur beruflich miteinander verbunden.

>>Herr VanDreed! Was für eine Überraschung!<<

Den Wettbewerb um den kräftigeren Händedruck verlor Raedick eindeutig. Der eher wie ein Soldat wirkende Vorstandsmanager von GlobSecure, nickte mit kühler Freundlichkeit, in die sich ein Hauch von Spott mischte.

>>Schau an! Einer unserer Sonnenkaiser! Wie gefällt Ihnen die Show da drinnen? Wird ganz schön teuer für Sie, wenn Reinders-Winkelmann und Präsident Benoir diese Sicherheitsreserven durchsetzen.<<

Raedick zuckte mit den Schultern. Der andere GlobSecure-Manager schaute auf sein Smartphone, nickte beiden Männern kurz zu und schlenderte in Richtung der Besprechungsräume.

>>Zum Glück sind solche Entscheidungen auf Parlamentsebene nicht einmal in Brüssel zeitnah umsetzungsfähig.<<

₺212,20

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
1060 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783754172469
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi: