Kitabı oku: «Die Katholizität der Kirche», sayfa 2
0. Einleitung
Die Katholizität der Kirche gehört neben der Einheit, Heiligkeit und Apostolizität zu den vier Attributen, mit denen das nizäno-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis (381 n.Chr.) die wahre Kirche Jesu Christi qualifiziert und gegenüber häretischen Gruppen abgrenzt: „Wir glauben […] an die eine heilige katholische und apostolische Kirche“ (DH 150). Wenn heute von der „katholischen“ Kirche gesprochen wird, dann zumeist in einem konfessionellen, von anderen christlichen Denominationen abgrenzenden Sinne. Ursprünglich dient „katholisch“ jedoch nicht als Konfessionsbezeichnung, sondern als Wesenseigenschaft: Kirche ist „katholisch“ meint, dass sie allumfassend, universal und allgemein ist und dies in einem sowohl quantitativen als auch qualitativen Sinne. Katholizität zeigt an, dass wahre Kirche im Gegensatz zu schismatischen und lokalen Abspaltungen durch die Zeiten hindurch und über den ganzen Erdkreis verbreitet ist, dass sie zu allen Menschen, Völkern, Kulturen und Rassen aller Zeiten und Orte gesandt ist, das Evangelium zu verkünden, und dass sie zur Bewältigung dieser Aufgabe im Besitz aller notwendigen Gnadengaben ist. Katholische Kirche „verkündet den ganzen Glauben und das ganze Heil für den ganzen Menschen und die ganze Menschheit.“3
Während alle christlichen Denominationen einig darin sind, dass sie „katholisch“ und folglich wahre Kirche Jesu Christi sind, so zeigt sich doch ein weites Spektrum, was die jeweiligen Konfessionen unter ihrer „Katholizität“ verstehen und noch mehr: mit welcher inhaltlichen Füllung und mit welcher Gewichtung sie den Begriff „katholisch“ bzw. „Katholizität“ verwenden. Das aber wirft die Frage auf, was genau das Referenzobjekt ist, auf das sich die dritte nota bezieht: Welcher Kirchenbegriff ist vorausgesetzt, wenn von der Katholizität „der“ Kirche die Rede ist? Oder anders gefragt: Welche Wirklichkeit von Kirche, ist Trägerin dieses Wesensmerkmals (Frage nach dem Seinsgrund der Katholizität)?
Wenn jede christliche Konfession gleichermaßen Katholizität für sich in Anspruch nimmt, den Begriff aber unterschiedlich mit Inhalt füllt, ist danach zu fragen, woran genau man „eine der Konfessionskirchen im Bekenntnis zur einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche als deren Repräsentation oder Verwirklichung erkennen“4 kann? Inwieweit lassen sich die von der Kirche aussagbaren Wesenseigenschaften empirisch erfassen, so dass auch von außen gesagt werden kann, dass diese oder jene Wirklichkeit von Kirche eine konkrete Existenzform der einen Kirche Jesu Christi ist (Frage nach dem Erkenntnisgrund der Katholizität)? Auch wird in derartige Überlegungen die Frage mit einbezogen werden müssen, in welcher inneren Korrelation die vier Wesensmerkmale zueinander stehen. Denn „Katholizität ist die Eigenschaft der Kirche, durch die sie als die eine (→ Einheit) und stets ihrem Ursprung verbundene (→ Apostolizität) und dank der Macht der heiligenden Gnade (→ Heiligkeit) universale Kirche existiert.“5
Es gibt noch weitere Fragenhorizonte, die eine Reflexion über die Katholizität aufreißen. Bevor ich mich solchen Fragen widme und den Versuch einer Bestimmung der Katholizität der Kirche in der deutschsprachigen systematischen Theologie seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil betreibe, scheint eine kurze Analyse des Begriffes „katholisch“ und seiner geschichtlichen (konfessionellen) Entwicklung angezeigt. Hierzu wurden in früheren Studien zur Katholizität bereits umfangreiche Erkenntnisse geliefert. Verwiesen sei etwa auf Arbeiten von Henri de Lubac, Yves Congar, Urs von Balthasar, Wolfgang Beinert, Peter Steinacker u.v.a.m.6 Um den Problemhorizont genauer entfalten zu können, vor dem ich meine Untersuchung aus „(römisch-)katholischem“ Blickwinkel anstelle, sollen die unterschiedlichen konfessionellen Konnotationen des Begriffs „katholisch“ mit in den Blick genommen werden. Denn das (römisch-)katholische Verständnis der Katholizität lässt sich nicht widerspruchsfrei entfalten, wenn nicht die Positionen der anderen Denominationen zumindest ansatzweise präsent sind. Dass dies im Rahmen dieser Untersuchung nur ansatzweise geschehen kann, versteht sich von selbst. Ess können nur einige – notgedrungen selektive – Schlaglichter auf diesen weiten Themenkomplex geworfen werden, die am Ende womöglich mehr Fragen aufwerfen als sie Antworten liefern.
1. Profane Bedeutung des Begriffs „katholisch“
Auch wenn sich der Begriff „katholisch“ in adverbialer Form („καθόλον“) sowohl in der Septuaginta als auch im NT finden lässt7, ist er kein originär theologischer Terminus, sondert entspringt dem profanen Bereich der griechischen Antike.
1.1Herkunft des Begriffs
Etymologisch leitet sich der Begriff „katholisch“ vom griechischen Adjektiv καθολικός ab, das aus dem ursprünglicheren Adverb καθόλον gebildet wurde. Das aus der Präposition κατά (mit Genitiv: „von … herab“; „in … hinein“) und dem Adjektiv ὅλος („ganz“) zusammengesetzte Wort lässt sich wörtlich übersetzen mit: „auf ein Ganzes bezogen“, „vom Ganzen her“, „ein Ganzes betreffend“ und kann auf die Grundbedeutung: „umfassend“, „vollständig“, „vollkommen“ subsumiert werden.8 Griechische Antonyme sind etwa ἴδιος („eigen“, als Adverb ἴδιον: „für sich“) und μέϱικος („einzeln“, „zum Teil“). Als lateinische Synonyme lassen sich nennen: „communis“ („gemeinsam“, „im Allgemeinen“), „universalis“ („allgemein“), „totus“ („ganz“, „voll“, „in vollem Umfang“), „perpetualis“ („allgemeingültig“).9
Da die Begriffe καθολικός und καθόλον in der philosophischen Terminologie in reicher Bedeutungsvielfalt anzutreffen sind, seien nachfolgend die wichtigsten Linien ihrer Verwendung in der antiken Profanliteratur nachgezeichnet.
1.2Verwendung in der philosophischen Terminologie
In der griechischen Philosophie sind sowohl das Adverb καθόλον als auch das Adjektiv καθολικός häufig anzutreffen, erstmals belegt bei Platon (5./4. Jh. v. Chr.).10 Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch und damit in die Logik und Metaphysik finden beide Begriffe durch Aristoteles (4. Jh. v. Chr.). Bei ihm bezeichnen καθόλον bzw. καθολικός den Allgemeinbegriff, einen allgemeinen Satz oder das Objekt einer Wissenschaft, welche Allgemeines behandelt.11 Im aristotelischen Sinne können beide Begriffe demnach übersetzt werden mit: „sich auf ein Ganzes beziehend“, „im allgemeinen“. Zeno (4./3. Jh. v. Chr.) überschreibt eines seiner Werke mit dem Wort καθόλικα, das ins Deutsche mit „Über die Universalien“ bzw. „Über die allgemeinen Prinzipien“ übersetzt werden kann.12
Polybios (2. Jh. v. Chr.) verwendet das Adjektiv καθολικός unter anderem im Sinne von „vollkommen“, „allumfassend“, „vollständig“, „allgemein“, „in Fülle bestehend“, „in sich vollständig“, womit in metaphysischem bzw. geschichtlichem Zusammenhang eine organische Ganzheit bzw. ein geistesgeschichtlicher Zusammenhang ausgesagt werden soll.13 Bei Rhetorikern und Naturwissenschaftlern wie etwa Philon (1. Jhd. n. Chr.) wird der Begriff im Sinne von „generell“, „allgemein“ im Gegensatz zu „partikulär“ gebraucht.14
Bei aller hier nur exemplarisch dargelegten Bedeutungsvielfalt lassen sich für καθολικός im nichttheologischen Wortgebrauch zusammenfassend drei Grundbedeutungen herausstellen:
„1. Die raum-zeitliche im Sinne von „vollständig“, „allgemeingültig“; 2. „allgemein“, „generell“ in der Fachterminologie von Logik und Rhetorik; 3. „vollkommen“, „in Fülle“, „richtig, d.h. so, wie es sein soll“15.
Während die erste Bedeutung in der lateinischen und neueren Philosophie ihren Niederschlag findet (etwa bei Johannes Clauberg und Emilie Meyerson16), gewinnt die dritte in der Theologie der Patristik an Relevanz. Bevor diese dritte Bedeutung näher betrachtet werden soll, sei ein kurzer Blick auf den biblischen Befund gelenkt.
2. Biblische Verwendung des Begriffs „katholisch“
Im Neuen Testament ist das Adverb καθόλον lediglich einmal belegt (vgl. Apg 4,18). Dort wird es im Sinne von „gänzlich“, „überhaupt“, „jemals“ verwendet. Mit gleicher Bedeutung findet sich der Begriff an neun Stellen in der Septuaginta. Beide Quellen verwenden καθόλον niemals im theologischen, ekklesiologischen Sinne, etwa als Attribut der Kirche zur Bezeichnung von deren Universalität.17 In diesem Wortsinne lässt sich der Begriff „katholisch“ im Neuen Testament nicht finden. Sehr wohl aber sind der Sache nach begriffliche Äquivalente im Neuen Testament enthalten, die das zum Ausdruck bringen, was mit dem erst später verwendeten Terminus „katholisch“ ausgesagt sein will: den universalen Heilsauftrag der Kirche und ihre umfassende Heilsfülle.18
2.1Der universale Heilsauftrag der Kirche im biblischen Kontext
Vorbereitet wird der Gedanke des universalen Heilsauftrages der Kirche bereits im Alten Testament. Vor allem Deutero-Jesaja hat das Heil für die ganze Welt im Blick (vgl. Jes 40,5; 45,23f; vgl. auch Sach 2,15; Ps 22,28; Jes 25,6ff), welches durch Israel bezeugt wird. Dessen eschatologische Sendung ist es, „Licht für die Völker“ (Jes 42,6; 49,6) zu sein und die Völker zur endzeitlichen Wallfahrt nach Jerusalem zu rufen (Jes 2,2ff; Mich 4,1ff). Seit der Berufung Abrahams ist mit der Geschichte Israels eine „allgemein gültige, universale Verheißung verbunden. Über Israel wird das Heil zu allen Völkern gelangen“19. In diese Sendung weiß sich Christus gestellt, der sich anfangs ausschließlich zum Volk Israel gesandt fühlt (Mt 10,6; 15,24).
Mit seinem nachösterlichen Missionsauftrag: „Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern“ (Mt 28,19) weitet er das ursprünglich eschatologisch verstandene Motiv der Völkerwallfahrt missionarisch auf alle Völker aus. So betont etwa der Evangelist Lukas das in Jesus aufgeschienene Licht, das nicht nur das Volk Israel, sondern „die Heiden erleuchtet“ (Lk 2,32). Und auch der Evangelist Johannes unterstreicht den Gedanken der Heilsuniversalität Jesu, wenn er Metaphern wie „Licht der Welt“ (Joh 8,12; 12,46) oder „Retter der Welt“ (Joh 4,26) auf Christus bezieht.
Sowohl in der Apostelgeschichte als auch bei Paulus lässt sich sodann der Gedanke der weltweiten, universellen Mission „bis an die Grenzen der Erde“ (Apg 1,8; Röm 15,19.24) finden. Zur Kirche gehören sehr bald Juden wie Heiden, wobei der Gedanke von der Sammlung aller (Heiden-)Völker stets mit dem Gedanken der Wiederherstellung des Volkes Israels verbunden bleibt (vgl. Apg 15,13–18). Es setzt sich die Einsicht durch, dass es „keinerlei nationale, rassische, geographische, soziologische, biologische Schranken für die Aufnahme in die christliche Gemeinde geben kann, weil der in Christus sich manifestierende Versöhnungswille Gottes universal ist“20. Das universale Heilsgeschehen in Christus bringen vor allem die paulinische Lehre von der Rechtfertigung (vgl. Gal 2,15–21; Röm 3,21–31) sowie die johannäische Rede von der kosmischen Sendung Jesu zum Heil der Welt (vgl. Joh 3,16f; 12,46f; 1 Joh 4,9) zum Ausdruck.
Die sich sehr bald einstellende Universalität der frühchristlichen Gemeinden schmälert keineswegs Israels originäre heilsgeschichtliche Bedeutung und dessen eschatologische Erwählung. Im Gegenteil: Die Rückbindung der (heiden-)christlichen Kirche an die Sendung Israels wird zum Wesen ihrer universellen – im Epheser- (vgl. Eph 1,10; 1,20; 3,10) und Kolosserbrief (vgl. Kol 1,18) kosmisch ausgeweiteten – Sendung und erweist sich fortan als Merkmal ihrer Katholizität. Dass deren Sendung nicht nur ein geographisches, sondern auch ein zeitlich-universalgeschichtliches Ausmaß haben wird, lässt Paulus anklingen, wenn er davon berichtet, wie er „von Jerusalem aus in weitem Umkreis bis nach Illyrien überallhin das Evangelium Christi gebracht“ (Rom 15,19) hat und darum bemüht ist, „das Wort Gottes in seiner Fülle [zu] verkündige[n]“ (Kol 1,25).
2.2Die Heilsfülle der Kirche in der Pleroma-Theologie
Ausgefaltet wird der Gedanke von der Universalität der Kirche in der deuteropaulinischen πλήϱωμα-Theologie.21 Kolosser- und Epheserbrief bedienen sich des umgangssprachlichen Begriffs πλήϱωμα und verleihen ihm eine soteriologischekklesiologische Bedeutung. Damit wird der Gedanke vom universalen Heilsauftrag der Kirche auf ihre umfassende Heilsfülle ausgeweitet.
Auch wenn sich die jüngere Exegese schwer tut, den in Kol 1,19 verwendeten Terminus πλήϱωμα eindeutig zuzuordnen22, dürfte unumstritten sein, dass Kol 1,15–20 den Kreuzestod Jesu als eine den ganzen Kosmos umspannende Versöhnungstat wertet, die der Kirche als dem „Leib Christi“ (vgl. 1 Kor 12,12–27) wiederum eine kosmische Dimension verleiht. Dadurch kann sowohl die paulinische Völkermission als geschichtliche Antizipation der eschatologischen Sammlung des Volkes Israels verstanden als auch die ἐκκλησία als Verwirklichung bzw. geschichtliche Konkretisierung des in Christus wohnenden Heils interpretiert werden: „Denn in ihm allein wohnt wirklich die ganze Fülle Gottes. Durch ihn seid auch ihr davon erfüllt; denn er ist das Haupt aller Mächte und Gewalten“ (Kol 2,9–10; vgl. Kol 1,24–2,5; Joh 1,14–16).
Der Epheserbrief weitet diese soteriologische Sicht der Kirche aus, wenn er dem universellen Heilsgeschehen in Christus eine ekklesiale Bedeutung beimisst. Eph 1,23 gibt dem Begriff πλήϱωμα einen ekklesiologischen Sinn: „Sie [die Kirche] ist sein Leib und wird von ihm erfüllt, der das All ganz und gar beherrscht“ (Eph 1,23). Eph 4,13 beschreibt Ideal und Sendung einer im Innern und Äußeren gereiften Gemeinde, die den österlichen Christus abbildet, während Eph 2,14–17 das Erlösungswerk Christi als „Türöffner“ zum himmlischen Jerusalem versteht: Juden wie Heiden werden durch Christi Heilstat zu einem neuen Menschen gestaltet und erhalten „zusammen mit ihm einen Platz im Himmel“ (Eph 2,6) sowie – als „Hausgenossen Gottes“ einen direkten „Zugang zum Vater“ (Eph 2,18f).
Dieser nur äußerst knappe Einblick in die Pleroma-Theologie macht deutlich, wie die Katholizität – wenn auch nicht explizit, so doch implizit – bereits in frühchristlicher Zeit der ἐκκλησία zugeordnet wird:
„Die Kirche wird zum Raum der Heilsfülle (πλήϱωμα), durch den Christus als das Haupt über alles das All erfüllt […] [D]as ekklesiale Sosein [wird] zur bleibenden Aufgabe der geschichtlichen Kirche, die die ihr geschenkte Heilsfülle in erkennender Reflexion, sittlicher Erneuerung und missionarischer Bemühung je erst einholen muss“.23
3. Gebrauch des Begriffs „katholisch“ bis zur Reformation
In der Theologie erscheint der Begriff „katholisch“ als Theologumenon erstmals in der Väterzeit. Zunehmend dient er der Ausgestaltung des Selbstverständnisses der jungen Kirche und wird mit unterschiedlichen theologischen Inhalten gefüllt. Dies hängt vom Verständnis des im Begriff „Katholizität“ enthaltenen ὅλος ab. Je nachdem, was mit diesem „Ganzen“ ausgesagt ist, variieren auch die sich teils überschneidenden Bedeutungen der „Katholizität“. Im Folgenden seien die wesentlichen Bedeutungsvarianten in ihrer historischen Entwicklung bis zur Reformation nachgezeichnet.24
3.1Das erste Auftreten bei Ignatius von Antiochien
Als Attribut der Kirche sowie im christlichen Sprachgebrauch überhaupt tritt der Begriff „katholisch“ erstmals bei Ignatius von Antiochien auf. In seinem wohl um 110 n. Chr. verfassten Brief an die Gemeinde in Smyrna heißt es: „Wo der Bischof erscheint, da soll auch die Gemeinde sein, wie da, wo Christus Jesus sich befindet, auch die allgemeine Kirche ist.“25
Ignatius unterscheidet zwischen der allgemeinen Kirche („ἡ καθολικὴ ἐκκλησία“, „wo Christus Jesus sich befindet“) und ihren Ortskirchen („wo der Bischof erscheint“) und stellt zwischen beiden Größen eine Beziehung her. Die Entsprechung zwischen Bischof und Christus auf der einen und irdischer und himmlischer Realität der Kirche auf der anderen Seite ist für die ignatianische Theologie kennzeichnend. Es scheint unbestritten, dass Ignatius das im Kolosser- und Epheserbrief entfaltete soteriologisch-ekklesiologische Begriffsfeld von πλήϱωκα durch das bis dato nur im profanen Sprachgebrauch verwendete καθόλον ersetzte, ohne das dort Gemeinte abzumildern. Die Kirche im urbildlichen, transzendenten Sinne ist „katholisch“, das heißt heilsuniversal und heilsvollkommen, da Christus in ihr gegenwärtig ist. Katholische Kirche meint also hier primär die Universalkirche, die überall dort ist, wo Christus gegenwärtig ist.26 Die je geschichtlich-konkrete Kirche vor Ort bleibt als Abbild notwendig auf ihr Urbild, die Universalkirche, und damit auf Christus bezogen.27 „Katholisch ist die Kirche also letztlich von Christus her; in ihm ist ja Gott in seiner ganzen Fülle (πλήϱωκα) erschienen (Kol 1,19; 2,9) […]. Diese christologische Fülle ist in der vom Bischof geleiteten Ortskirche präsent. Damit gehört sowohl die christologische Begründung wie die bischöfliche Verfasstheit von Anfang an zur Katholizität der Kirche“28.
Gottes Heilswille setzt innergeschichtlich stets an einem Konkretum an. Immer richtet er sich zunächst auf eine partikuläre und sich von anderen Gruppen unterscheidende Heilsgemeinde, um durch sie und mit ihr seinem Heil universale Geltung zu verschaffen. Gottes Heilswille zielt immer schon darauf, die infolge der Sünde auseinander gebrochene Gemeinschaft aller Menschen mit ihm und untereinander wiederherzustellen. Daran mitzuwirken, ist Kirche gerufen und kraft der Katholizität auch befähigt. Die Entsprechung von partikulärer (örtlicher) Heilsgemeinde und dem universalen Heilswillen Gottes zeigt sich in der bereits bei Ignatius anklingenden universalen (katholischen) Weite der Kirche, die ihrerseits in einer unaufhebbaren Spannung zu ihrer strukturellen Form (Verhältnis von Universal- und Ortskirche) steht.29 Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Begriff „Katholizität“ in seiner frühen christlichen Verwendung durch den Märtyrerbischof Ignatius eine geographische, anthropologische, soteriologische und vor allem christologische Bedeutung trägt.30 „Katholisch“ qualifiziert die Kirche als „universell“ und „umfassend“ im Sinne von „vollkommen“ und „ganz“.
Während diese Ansicht von einer Mehrheit der Theologen vertreten wird, meinen einzelne Vertreter31, bei Ignatius bereits eine offenbarungstheologische Bedeutung der Katholizität ausfindig machen zu können. Katholizität meine „die umfassende und (in der Wahrheit und in der Verbundenheit mit Christus) vollkommene Kirche, ja sogar die allein wahre Kirche“32 im Unterschied zu denjenigen Kirchen, die sich zwar Kirche nennen, aber keine im eigentlichen (orthodoxen) Sinne sind. Es bleibt herauszuheben, dass sich die Wissenschaft nicht einig darüber ist, ob der offenbarungstheologische Aspekt bereits bei Ignatius intendiert und somit seinem Begriff von „katholisch“ ein bereits polemischer Unterton gegen häretische Gruppen zu eigen ist. Peter Steinacker warnt davor, allzu voreilig spätere Füllungen des Begriffs „katholisch“ in das von Ignatius Gemeinte hineinzuinterpretieren.33 Unumstritten aber ist, dass die bei Ignatius grundgelegte Bedeutung von „katholisch“ eine „Fülle“ bzw. „Vollkommenheit“ der Kirche zum Ausdruck bringt, die sie nicht für sich behalten, sondern allen Menschen zuteil werden lassen soll: eine Fülle, die in Jesus Christus gründet und sich in der Weite der über den ganzen Erdkreis zerstreuten katholischen Kirche äußert.
Damit aber sind zwei wesentliche und in der Folgezeit an Bedeutung gewinnende Grunddimensionen der Katholizität vorgezeichnet: die quantitative (extensive) Dimension der Katholizität, die auf die universale „Weite“ und globale Ausbreitung der Kirche hinweist, sowie die qualitative (intensive) Dimension der Katholizität, die die christologisch begründete „Fülle“ und Heilsuniversalität der Kirche nach außen trägt.34 Beide Grunddimensionen zeigen sich auch im Bericht vom Martyrium des Bischofs Polykarp (um 160 n. Chr.). Dieser Bericht ist in Briefform an alle Gemeinden der (einen) heiligen katholischen Kirche an allen (vielen) Orten gerichtet.35 Da jede christliche Gemeinde in Christus ihren Hirten erkennt und an seiner Fülle teilhat, sind alle Gemeinden, so die Überzeugung des Verfassers, „katholisch“.36 Die in Christus begründete Fülle der katholischen Kirche korrespondiert mit ihrer sich über den ganzen Erdkreis erstreckenden Weite.37 Entsprechend kann Polykarp als Bischof der katholischen Kirche zu Smyrna bezeichnet werden.38 Wie sich beide Grunddimensionen der Katholizität zueinander verhalten, wird noch zu erörtern sein. Schon jetzt sei aber betont, dass das Adjektiv „katholisch“ von Anfang an eine der Kirche „in allen Verschiedenheiten sich überlegen durchsetzende[…] Identität, Kontinuität […][und] Universalität“39 anzeigt.