Kitabı oku: «Die Katholizität der Kirche», sayfa 3
3.2Bedeutungserweiterung im dritten und vierten Jahrhundert
Ein zum Erweis der Orthodoxie unterscheidendes Kriterium mischt sich ab der Mitte des dritten Jahrhunderts in die Bedeutungsvielfalt des Terminus „katholisch“, wenn etwa Cyprian mit Nachdruck die aktuelle Präsenz des Ursprungs in jeder Kirche mit diesem Begriff zum Ausdruck bringt.40 Auch bei Hippolyt, Tertullian, Clemens von Alexandrien und Enkratios von Thenis41 meint „katholisch“ fortan immer auch die „wahre“, „echte“, „einzigartige“, „authentische“ Kirche des Ursprungs in Absetzung von häretischen und schismatischen Kreisen, die sich von der immer größer werdenden Großkirche absondern. Das Adjektiv „katholisch“ gereicht somit zum Synonym für „rechtgläubig“, „exklusiv“ und „einzig“.42 Diese offenbarungstheologische – mehr polemische – Bedeutung ergänzt die geographische, anthropologische, soteriologische und christologische und wird fortan zum festen Bestandteil der Katholizität.
In den Katechesen des Cyrill von Jerusalem (gest. 386 o. 387 n.Chr.) findet man einen beeindruckenden Beleg dafür, wie vielschichtig der Begriff „katholisch“ verstanden und wie diese Vielschichtigkeit vornehmlich qualitativ begründet wurde:43
„Die Kirche heißt katholisch, weil sie auf dem ganzen Erdkreis, von dem einen Ende bis zum anderen, ausgebreitet ist, weil sie allgemein und ohne Unterlass all das lehrt, was der Mensch von dem Sichtbaren und Unsichtbaren, von dem Himmlischen und Irdischen wissen muss, weil sie das ganze Menschengeschlecht, Herrscher und Untertanen, Gebildete und Ungebildete, zur Gottesverehrung führt, weil sie allgemein jede Art von Sünden, die mit der Seele und dem Leibe begangen werden, behandelt und heilt, endlich weil sie in sich jede Art von Tugend, die es gibt, besitzt, mag sich dieselbe in Werken oder Worten oder in irgendwelchen Gnadengaben offenbaren“44.
Cyrill lässt die offenbarungstheologische Dimension der Katholizität deutlich erkennen, wenn er in seinen Katechesen weiter schreibt: „Mit Grund könnte also jemand behaupten: die Versammlung der ruchlosen Häretiker, der Marcioniten und Manichäer usw. sind tatsächlich auch eine Kirche. Deshalb versichert dir nun das Glaubensbekenntnis: ‚und an eine heilige, katholische Kirche‘. Die hässlichen Versammlungen der Häretiker sollst du nämlich meiden, der heiligen, katholischen Kirche aber, in der du wiedergeboren wurdest, stets treu anhangen!“45
In der Folgezeit findet der Begriff „katholisch“ Niederschlag in den Symbola (erstmals im Papyrus von Dêr-Balyzeh) und erhält durch die Aufnahme ins Nicänum (325 n. Chr.) und Apostolicum (381 n. Chr.) dogmatische Dignität.46 Fortan werden von der Kirche vier Grundeigenschaften (notae ecclesiae) als Erkennungszeichen der wahren Kirche Jesu Christi verbindlich ausgesagt: „Wir glauben die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“ (DH 15047).48
3.3Weiterentwicklung bei Augustinus
Eine Weiterentwicklung erfährt der Begriff in der Auseinandersetzung mit den Donatisten. Diese sprechen der Katholizität das Kriterium einer weltweiten Verbreitung ab und blenden zugunsten einer betont qualitativen (sakramentalen) Sicht deren geographische Dimension aus. Ihrer Ansicht nach ist nur diejenige Kirche „katholisch“, die die Fülle der Sakramente und die Reinheit des apostolischen Ursprungs bewahrt habe. Auch da – besser: nur da – sei Kirche „katholisch“, wo sie, selbst wenn nur lokal ansässig, ihre Reinheit und Heiligkeit betone sowie daraus ableitend die persönliche Heiligkeit des Sakramentenspenders rigoristisch vertrete. Dies sei aber – so die Meinung der Donatisten – lediglich in der Kirche Afrikas gewährleistet, folglich dessen nur sie „wahre“ Kirche Jesu Christi genannt werden könne.49
Augustinus (354–430 n. Chr.) akzentuiert in Abwehr dieser separatistischen Gruppe und ihres betont qualitativen (sakramentalen) Katholizitäts-Verständnisses das quantitative (geographische) Moment der Katholizität.50 Das Pfingstereignis habe bereits der nachösterlichen Kirche eine Sendung für die ganze Welt erwiesen;51 daher bedeute Katholischsein zuallererst „communicare orbi terrarum“52, „Mit-allen-auf-dem-ganzen-Erdkreis-in-Einheit-verbunden-sein“.53 Rechtgläubige Kirche ist in den Augen Augustins nur die universale Gemeinschaft der „Catholica“. Nur diese ist – im Unterschied zu den Donatisten und anderen häretischen Gruppen, welche nur an vereinzelten Orten vertreten sind –, mit ihrer Heils- und Lehrfülle überall und an allen Orten, über den ganzen Erdkreis verbreitet und darüber hinaus geeint.54 Katholizität kommt dabei sowohl der Universalkirche als auch den Ortskirchen zu.55
Will man Augustinus an dieser Stelle ein rein quantitatives Verständnis der Katholizität unterstellen, greift eine solche Interpretation sicher zu kurz.56 Wenn er in der Auseinandersetzung mit den Donatisten zweifelsohne die geographische Dimension der Katholizität besonders hervorhebt – was in der Folge, vor allem in der Abwehr weiterer häretischer Gruppen, nicht ohne Wirkung bleibt – so ist ihm an einer qualitativen Bestimmung der Katholizität durchaus gelegen. So betont Augustinus etwa die Einheit der Kirche, die er als Bedingung der Möglichkeit ihrer Heilsvollkommenheit versteht.57 Diese Einheit werde durch das Band der Liebe gewährleistet, die in der Trinität, näherhin im Verhältnis zwischen Gott Vater und Jesus Christus, ihren Ursprung habe und in der Feier der Eucharistie je neu verwirklicht werde.58 Gegen diese Liebe aber – und hierin zielt seine qualitative Argumentation gegen die afrikanische Kirche – sieht Augustinus die Donatisten sich versündigen, beabsichtigten diese doch, die Liebe allein auf die Grenzen Afrikas zu beschränken. Gottes Liebe aber, so der Bischof von Hippo, sei ohne Schranken, folglich dessen die Donatisten aus der Liebe herausfielen und nicht katholisch seien.59
3.4Akzentuierung bei Vinzenz von Lérins
In der Folge betont Vinzenz von Lérins (gest. um 435 n. Chr.) stärker die auch schon bei Augustinus anklingende zeitlich ausgeweitete anthropologische Dimension der Katholizität und unterstreicht damit zugleich den offenbarungstheologischen Aspekt der Katholizität. Ihm geht es um eine – noch nicht institutionell gedachte – normative Instanz, welche Synkretismen sowie Häresien vermeiden hilft.60 Bei ihm werden „universitas“, „antiquitas“ und „consensio“ wesentliche Hauptbestandteile der Katholizität. Er sieht die universal verbreitete Catholica deshalb als rechtgläubig an, weil sie in Kontinuität (traditio) zu dem steht, was immer schon zu allen Zeiten überall allgemein gelehrt und von allen geglaubt wird.61 Damit hebt er die Katholizität als ein kontinuierliches, unveränderliches und notwendiges Wesensmerkmal (nota ecclesiae) der Kirche heraus;62 die Katholizität wird durch den Kontinuitätsgedanken als Identität interpretierbar.63
3.5Verwendung in der mittelalterlichen Theologie
Die von Augustinus und Vinzenz von Lérins betonte geographische und offenbarungstheologische Dimension der Katholizität wird für das Mittelalter bestimmend.64 Damit geht ein neues Kirchenverständnis einher, dem von Papst Leo dem Großen (440–461 n.Chr.) der Weg geebnet wird und die römische Kirche neben den anderen sich herausbildenden Patriarchaten zunehmend zu einer ordnenden Leitungsgewalt werden lässt. Leo baut nicht nur die Idee der Petrus-Nachfolge des römischen Bischofs weiter aus, dem fortan der Titel „Papst“ zukommt, sondern er verbindet die Idee der Petrusnachfolge mit der Leitungsvollmacht über die ganze Kirche: Der Bischof von Rom erhält neben Synode und Konzil Anteil an der Legislative der universalen (katholischen) Kirche.65
In Folge des Boethius (475/480–525 n.Chr.), der in seinem Werk „De trinitate“66 erstmals von der „fides catholica“ spricht, verbindet man die Idee der Katholizität immer mehr mit der des rechten Glaubens. Dabei kommt der Katholizität sowohl das qualitative Moment der Orthodoxie als auch der quantitative Aspekt der universalen Verbreitung zu.
Die wichtigsten Vertreter der Hochscholastik wie Albert der Große (1193–1280) und Thomas von Aquin (1225–1274) folgen diesem Verständnis. Sie messen der „ecclesia“ die gleichen Eigenschaften wie der „fides“ bei und verstehen die Katholizität im qualitativen Sinne als die „Fülle des Heils“, die der Kirche durch Christus als ihrem Haupt immer schon, d.h. wesentlich (essentiell) zu eigen ist und ihr universale Geltung verleiht.67 Insofern der Glaube aber – weil er sich an alle Menschen aller Orten und aller Zeiten richtet sowie auf letzte Fragen verbindliche Aussagen zu treffen vermag – immer schon universell ausgerichtet ist, kommt der Katholizität neben ihrer qualitativen Dimension zugleich das quantitative Moment der Kontinuität hinzu.68
Diese qualitativ wie quantitativ geprägte Idee der „ecclesia universalis“ bleibt im gesamten Mittelalter bestimmend. Zugleich kristallisiert sich in Folge der von Humbert von Silva Candida herausgegebenen Ekklesiologie „De sancta romana ecclesia“ (1053) und der von Papst Gregor VII. (1073-1085) initiierten Gregorianischen Reform die Kirche von Rom als jene – bei Vinzenz von Lérins noch unbestimmt gebliebene – normative Instanz heraus, welche die offenbarungstheologische Dimension der Katholizität garantiert. Die Kirche von Rom und mit ihr deren Bischof garantieren zunehmend die „Authentizität des universellen katholischen Glaubens […] etwa im Sinne ‚Römisch‘ garantiert ‚katholisch‘ […][und beanspruchten] die Entscheidungskompetenz im Blick auf Einheit und Katholizität der ganzen Kirche“69. Galt die Kirche von Rom seit dem vierten Jahrhundert lediglich als Appellations- und Schiedsinstanz, die in Streitfragen zwischen anderen Ortskirchen vermittelnd eingriff70, vertritt man nunmehr die Auffassung, „mater omnium catholicorum“ zu sein. Da Christus nach Mt 16,18f die Kirche auf Petrus gegründet habe, dieser aber in der römischen Kirche samt ihren Bischöfen fortlebe, sei die römische Kirche als Ursprung und Quelle aller anderen Kirchen anzuerkennen.71 Dies hat zur Folge, dass als „katholisch“ zunehmend das gilt, was „römisch“ ist, d.h. was vom römischen Lehramt (Papst und Bischofskollegium) als verbindlich zu glauben verkündet wird.72 Zwar ist die römische Kirche genauso Ortskirche der Universalkirche wie alle anderen Ortskirchen auch; dennoch gereicht die Kirche von Rom mit ihrem besonderen Bischofssitz über den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus zur Spitze der anderen Ortskirchen. „‘Römischer‘ Glaube ist der durch Petrus geprüfte und entschiedene ‚katholische‘ Glaube. […] Sie [umfasst] in ihrer Romanitas und durch ihren Bischof […] all das authentisch, was die anderen Kirchen zu heiligen, apostolischen und katholischen Kirchen macht“73. Die ursprünglich der Abwehr von Häretikern, der Authentizität des wahren katholischen Glaubens und der Vermittlung in Auseinandersetzungen dienende Vorrangstellung Roms verselbständigt sich immer mehr zum späteren „una sola catholica“-Denken, welches die Herausbildung der „ecclesia Romana“ begünstigt. Durch das „Dictatus papae“ Gregors VII. (1075) und späteren Bestimmungen des IV. Laterankonzils (1215) wird der Primat des Papstes zum einzigen Prinzip der kirchlichen Einheit. Innozenz III. (1198–1216) verbindet die „Katholizität“ mit der „plenitudo potestatis“ des römischen Bischofs, um die Vorrangstellung des Papstes als kirchliche und weltliche Macht zu begründen.74 Weil fortan allein dem Papst die „plenitudo potestatis“ zukommt, hat er ein uneingeschränktes und unmittelbares Eingriffsrecht in alle Angelegenheiten der Ortskirchen. „Damit wird die altkirchliche Idee und Wirklichkeit einer Communio der Bischöfe, deren Kollegialität und Vollmacht einen eigenständigen apostolischen Ursprung besaßen, […] praktisch aufgegeben“75. Mit der römischen Ortskirche an der Spitze der anderen Ortskirchen zeichnet sich nicht mehr nur eine Hierarchie innerhalb der einen katholischen Kirche ab; vielmehr „ist die weltweite Kirche erst durch den Vorsitz der ‚Römischen Kirche‘ katholisch, sozusagen ‚römisch-katholisch‘“76.
Der spanische Dominikaner Johannes de Torquemada (1388–1468) ist es schließlich, der in seiner „Summa de Ecclesia“ die „ecclesia universalis“ mit der „ecclesia Romana“ gleichsetzt und sie mit dem Inhaber des Stuhles Petri identifiziert.77 Er sieht die Katholizität der „ecclesia universalis“ im Papst verwirklicht: Als Haupt der Kirche kommt ihm von Christus her – vor allen anderen und für die anderen – die Fülle der kirchlichen Gewalt zu. So ist der Bischof von Rom als Ursprung und Quelle aller kirchlichen Gewalt das Ganze der Kirche. Damit wird die Kirche von Rom „zum Inbegriff und zur Vollendung der katholischen Kirche und ihrer Teilkirchen, damit auch des katholischen und des mit ihm verbundenen teilkirchlichen Glaubens. Die ‚Römische Kirche‘ wird zur eigentlichen allgemeinen katholische[n] Kirche“78. Mit der Bulle „Unam sanctam“ Papst Bonifatius VIII. (1302) war zudem die Gemeinschaft mit dem Bischof von Rom als heilsnotwendig bestimmt worden (vgl. DH 870–872). „Damit erfüllt nur die römische Kirche den gesamt-kirchlich-katholischen Heilsauftrag. ‚Katholisch‘ ist nur in ‚römischer‘ Gestalt heilbedeutsam. […] Weil es nur noch eine einzige universell-katholische Kirche, eben die universell-römische gibt, gibt es als den einen katholisch rechtgläubigen Glauben nur den ‚römischen‘“79. Diese Sichtweise der Römischen Kirche und die damit zusammenhängende Identifizierung von „katholisch“ und „römisch“ bestimmte die katholische Ekklesiologie bis zum Konzil von Trient und darüber hinaus.80
4. „Katholisch“ im Zuge der Spaltungen der Catholica
Heute blicken wir auf eine geschichtlich gewachsene Pluralität von christlichen Konfessionen zurück, die allesamt Katholizität für sich beanspruchen, die Begriffe „katholisch“ bzw. „Katholizität“ jedoch unterschiedlich mit Inhalt füllen und gewichten. In Westeuropa beheimatete Christen werden, wenn von Konfessionen die Rede ist, vor allem an die katholische Kirche denken, zu denen die weniger geläufigen unierten Ostkirchen hinzuzurechnen sind, ferner an die traditionellen evangelischen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften mitsamt der Anglikanischen Kirche, an die evangelischen Freikirchen sowie an die Altkatholische Kirche; manchen wird noch die große, aber wenig vertraute Gemeinschaft der (byzantinisch-)orthodoxen Kirchen einfallen. All diese Kirchen und kirchliche Gemeinschaften entwickelten sich auf dem geographischen Gebiet des alten Römischen Reiches. Daneben gibt es noch weitere christliche Kirchen, deren Wurzeln gleichermaßen bis zu den Aposteln zurückreichen, die jedoch am Rande bzw. außerhalb des geographischen Gebiets des alten Römischen Reiches eine je eigene Geschichte entwickelt haben und folglich westlich geprägten Christen kaum bis gar nicht im Bewusstsein stehen: die Gemeinschaft der altorientalischen Kirchen. In konfessionskundlicher Hinsicht unterscheidet man hierbei nochmal zwischen der Assyrischen Kirche des Ostens, deren Wurzeln außerhalb des alten Römischen Reiches liegen, und den orientalisch-orthodoxen Kirchen, zu denen die syrisch-orthodoxe, die koptisch-orthodoxe, die äthiopisch-orthodoxe, die armenisch-apostolische, die erithreische sowie die malankarisch-orthodoxe Kirche gerechnet werden.81 Sowohl diese „vorchalkedonischen“ altorientalischen Kirchen als auch die uns mehr vertrauten sogenannten „chalkedonischen“ Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften auf dem Gebiet der alten Reichskirche bekennen sich zur einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche des Nizäno-Konstantinopolitanums, ein Bekenntnis, das älter ist als alle späteren historischen Aufspaltungen der ursprünglich einen Catholica.
Zur ersten Spaltung der einst ungeteilten Catholica kam es mit dem Schisma des fünften Jahrhunderts. Im Zuge der christologischen Streitigkeiten um das Verhältnis von wahrem Menschsein Jesu und seiner wahren Gottheit in der Einheit der Person (Zwei-Naturen-Lehre) trennten sich die orientalisch-orthodoxen Kirchen von der alten Großkirche ab, da sie vor allem die christologische Entscheidung des Konzils von Chalcedon (451) nicht mittragen konnten. Bereits zuvor hatte sich parallel zur Reichskirche außerhalb des geographischen Gebiets des römisch-byzantinischen Reiches die Assyrische Kirche des Ostens herausgebildet, die an den reichskirchlichen Konzilien nicht beteiligt war, deren Beschlüsse aber – mit Ausnahme der Bestimmungen des Konzils von Ephesus (431) – nachträglich übernahm. Dem Bruch der orientalisch-orthodoxen Christen mit der Reichskirche folgte mit dem Schisma zwischen Rom und den östlichen Patriarchaten (1054) eine weitere Aufspaltung der Catholica, aus der die (byzantinisch-)orthodoxen Kirchen hervorgegangen sind. Durch die Konfessionalisierung im Zuge der Reformation des 16. Jahrhunderts auf dem geographischen Gebiet der weströmischen Kirche verselbständigten sich schließlich die traditionellen evangelischen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften sowie die Anglikanische Kirche, später die evangelischen Freikirchen. Im 19. Jahrhundert ging aus der (römisch-)katholischen Kirche schließlich die Altkatholische Kirche hervor; bis heute entwickeln sich auf allen Kontinenten selbständige kirchliche Gemeinschaften.
Dieser vereinfachte konfessionskundliche Abriss vermag veranschaulichen, dass sich in der zweitausendjährigen Kirchengeschichte immer wieder neue Denominationen ausbildeten, mit denen verschiedene, konfessionell geprägte Bedeutungsvarianten der Begriffe „katholisch“ und „Katholizität“ einhergehen. Denn jede Konfession meint nicht immer dasselbe, wenn sie das Attribut „katholisch“ für sich in Anspruch nimmt. Diese verschiedenen Bedeutungsvarianten sind von dem für Kirche typischen Spannungsverhältnis Einheit–Vielfalt je unterschiedlich geprägt und betonen einmal mehr die qualitative oder die quantitative Dimension des Begriffs „katholisch“. Bevor wir in dieser Studie herauszuschälen versuchen, wie die (römisch-)katholische Kirche beide Begriffe mit Inhalt füllt und was sie eigentlich meint, wenn sie von der „katholischen Kirche“ spricht, seien im Folgenden Grundzüge nichtkatholischer Auffassungen von Katholizität grob skizziert, ohne damit den Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu wollen.
Bei einer solchen Darstellung müsste, was die Kirchen des Ostens anbetrifft, strenggenommen zwischen altorientalischem und orthodoxem Katholizitätsverständnis unterschieden werden. Da dies jedoch zu vielen Überschneidungen und unnötigen Wiederholungen führen würde, soll das Katholizitätsverständnis der Ostkirchen insgesamt in den Blick genommen und nur dort differenzierter werden, wo es aus Warte dieser Untersuchung nennenswerte Besonderheiten anzumerken gibt. Ähnliches gilt für die kaum überschaubare Gruppe der evangelischen Freikirchen. Diese werden, um den Rahmen dieser Studie nicht zu sprengen, nicht gegliedert nach einzelnen freikirchlichen Traditionen, sondern allgemein in den Blick genommen. Dass bei der gesamten nun folgenden Darstellung mit Unschärfen und Ungenauigkeiten zu rechnen ist, versteht sich von selbst. Diese genauer zu analysieren, könnte Gegenstand einer eigenen Studie sein.
4.1Katholizität nach ostkirchlichem Verständnis
Typisch für die Theologie der östlichen Kirchen ist, dass sie ihre Identität weniger in dogmatischen Sätzen begründet sehen, denn in der liturgischen Tradition ihrer jeweiligen Ritusfamilie sowie in den Schriften der Kirchenväter.82 Wegen ihrer stark ausgeprägten Orientierung an der patristischen Lehre verstehen sich die Kirchen des Ostens als legitime Erben der apostolischen und patristischen Tradition, weshalb sie sich in Absetzung von den anderen christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften oft als die einzige wahre katholische und apostolische Kirche verstehen. Die Universalkirche betrachten sie als den vollständigen, aus den Ortskirchen im Heiligen Geist geeinten Leib Christi. Insoweit wird die Ekklesiologie als Fortsetzung der Christologie gesehen83, wenngleich ostkirchliche Theologie insgesamt einen trinitarischen Grundduktus aufweist. Diese trinitarische Grundlegung des Wesens der Kirche will das heilsökonomische Zusammenspiel aller drei innertrinitarischen Personen gleichermaßen betont wissen. Dadurch soll einem Christomonismus gleichermaßen gewehrt werden wie einer einseitigen und übermäßigen Betonung des Heiligen Geistes.84
Mit dem für die ostkirchliche Theologie typischen apophatischen Charakter, d.h. mit dem bewussten Verzicht, den Glaubens bis ins kleinste Detail begrifflich definieren zu wollen, geht für die Kirchen des Ostens ein Kirchenverständnis einher, das die Kirche in erster Linie als Geheimnis (mysterion) begreift, dessen Wesen nicht mittels dogmatischer Sätze vollends erfasst werden kann. Kirche ist zwar eine äußere (sichtbare) Größe, d.h. konkrete Gemeinschaft (koinonia), die in jeder Eucharistiefeier vor Ort symbolisch erfahrbar und konkret erlebbar wird. Sie ist aber auch und vor allem der καθ?λικον σόκα του ιριστου, d.h. der ganze pneumatische Leib Christi, durch den die Gläubigen mit Gott verbunden werden. Einzig die vier im Glaubensbekenntnis benannten notae ecclesiae markieren bis heute die dogmatischen Grundlinien der Ostkirchen, die die einzelnen autokephalen Kirchen zu realisieren suchen.85 Die Katholizität der Kirche garantiert dabei einerseits die der Kirche von der Trinität her zukommende Heilsfülle, andererseits demonstriert sie deren sichtbare Einheit. Sie tut dies in einer sowohl quantitativen als auch qualitativen Weise, wobei in der ostkirchlichen Tradition die qualitative Dimension stärker betont wird als die quantitative. Dabei wird die Katholizität nie losgelöst von den anderen drei notae betrachtet.86
Die quantitative Dimension der Kirche resultiert nach orthodoxem Verständnis aus ihrer Sendung, allen Menschen an allen Orten und zu allen Zeiten das Evangelium Jesu Christi zum Heil der ganzen Welt zu verkünden (vgl. Apg 1,8; 13,47; Mt 28,19f, Joh 10,16). Dadurch, dass die Kirche gemäß ihrer Sendung gehandelt hat, ist sie faktisch an vielen Orten präsent und für alle Menschen zu allen Zeiten die eine, wahre und katholische Kirche Jesu Christi. Dies wird äußerlich am deutlichsten in ihrer autokephalen Struktur: In den selbständigen Ortskirchen findet die Universalkirche Eingang in die je unterschiedlichen Völker, ohne dabei ihre pneumatische Einheit als der eine Leib Christi und ihre durch Christus im Heiligen Geist geschenkte Heilsfülle Gottes einbüßen zu müssen. Auch wenn die enge Zusammenarbeit zwischen Staat und Kirche sowie das entwickelte Autokephaliesystem die quantitative Dimension der Katholizität im Laufe der Jahrhunderte schwächte und vernachlässigte, verlor diese nie an theologischer Bedeutung, sondern formte sich je neu heraus.87
Die qualitative Dimension der Katholizität resümiert aus einem Urbild-Abbild-Denken, nach welchem die Katholizität der Kirche qua natura von Gott her gegeben ist, die Fülle und das Heilshandeln der ökonomischen Trinität widerspiegelt und diese geschichtlich fortsetzt, bis sie – schon jetzt durch den Heiligen Geist das ewige Leben der göttlichen Fülle innehabend – im Eschaton einst vervollkommnet wird.88 Die Kirche als Stiftung und Abbild Gottes ist mit „derselben Wirkkraft wie er [sc. Gott], freilich in Nachahmung und Nachbild, ausgerüstet“89 und verinnerlicht die in ihm zuteil gewordene innertrinitarische Universalität, die ihr je neu in den Sakramenten – vor allem aber in der Eucharistie – zukommt.90 Damit ist die qualitative (intensive) Katholizität weder eine abstrakte Eigenschaft noch eine platonische Idee, sondern Verwirklichung der in Christus geschenkten Heilsfülle.91
Die Eucharistie ist der Ort, an dem die Gemeinschaft Gottes mit den Menschen sakramental begründet sowie liturgisch vollzogen wird. In ihr verwirklicht sich ontologisch die Heilsfülle der Kirche im Heiligen Geist.92 Daher verwirklicht sich nach orthodoxem Verständnis Kirche primär in jeder Ortskirche, d.h. an jedem Ort, wo die im Namen Jesu versammelte Gemeinde in Gemeinschaft mit ihrem Bischof vereint Eucharistie feiert. Die Eucharistie ist dabei nicht zu trennen vom bischöflichen Amt. Denn die Gemeinschaft mit dem Bischof ist notwendige Voraussetzung dafür, dass die Versammlung der Gläubigen tatsächlich Eucharistiegemeinschaft wird.93 Der Ortsbischof vergegenwärtigt durch seinen eucharistischen Dienst nicht nur die Gegenwart Christi in den eucharistischen Gaben, sondern sichert jeder Eucharistie feiernden Ortskirche zugleich die Fülle des Heils sowie die Einheit der Kirche, letztlich deren Katholizität, zu. Jede Eucharistiegemeinschaft ist, wo sie sich um ihren Bischof im Heiligen Geist versammelt, durch den Dienst des Bischofs und nur durch diesen Kirche im vollen Sinne, d.h. „katholische“ Kirche in ihrer originären Erscheinungsform: autokephaler Teil der sichtbar-institutionellen Universalkirche. Der Bischof ist die Bedingung der Möglichkeit der Katholizität jeder Ortskirche und ermöglicht ihnen, aber auch jedem einzelnen Gläubigen, Anteil an der Einheit sowie an der Katholizität der Kirche.94
Zu dieser Katholizität der Ortskirchen kommt unzertrennlich und notwendig die Katholizität der Universalkirche hinzu, welche als Gemeinschaft von Ortskirchen verstanden wird, die durch den gemeinsamen Glauben, die gemeinsame Feier der Liturgie und die Gemeinschaft der Bischöfe untereinander verbunden sind.95 Die Universalkirche gibt dem orthodoxen Episkopat seine kollegiale Ordnung und eint die Ortskirchen im Glauben sowie im Ritus, ohne dass die Gleichberechtigung der Bischöfe untereinander sowie die Selbständigkeit der einzelnen Ortskirchen geschmälert werden. Dabei stehen ekklesiale Einheit und Vielfalt oft in einem inneren Spannungsverhältnis. Dies belegen etwa immer wieder aufkeimende Differenzen zwischen den – verallgemeinernd gesagt – griechischsprachigen und slawischsprachigen Ostkirchen.96 Nichtsdestotrotz garantiert der jeweilige Ortsbischof durch seinen eucharistischen Dienst einerseits die Katholizität der Ortskirche, andererseits ermöglicht er als Bindeglied zu den anderen Ortskirchen die Katholizität der ganzen universalen Kirche. Die Katholizität einer Ortskirche verliert sich, wo sie nicht mehr eingebunden ist in die Katholizität der Universalkirche, oder anders gesagt: Eine Ortskirche hört dort auf, katholisch zu sein, wo sie entweder nicht mehr in Gemeinschaft mit ihrem Bischof oder wo ein Ortsbischof nicht mehr in Gemeinschaft mit den anderen Bischöfen steht.
Das Verhältnis von Ortskirchen und Universalkirche bzw. von kirchlicher Vielfalt und Einheit ist nach ostkirchlichem Verständnis im trinitarischen Wesensverständnis der Kirche grundgelegt. Nach diesem wird die Kirche als „Ikone der Trinität“ verstanden, gemäß einer Urbild-Abbild-Dialektik als Abbild der göttlichen Dreifaltigkeit: „Die Einheit und Vielfalt der Kirche ist Ausfluss der trinitarischen Wesenseinheit und der personalen Vielfalt der Dreieinigkeit.“97 Analog der Einheit der drei göttlichen Personen durchdringen sich Ortskirchen und Universalkirche in einer Art Perichorese gegenseitig und kennen keine Präexistenz sowohl der einen als auch der anderen. Beide Größen sind in der einen, beide Erscheinungsformen der Kirche gleichermaßen durchdringenden inneren Katholizität begründet.98
Ausdruck der sowohl für die Katholizität der Ortskirchen als auch für die der Gesamtkirche notwendigen Kollegialität der Bischöfe ist die Synode, auf der die von ihrem Amt her völlig gleichrangigen Ortsbischöfe zusammenkommen und Dinge regeln, die entweder eine oder mehrere Ortskirchen oder die Universalkirche betreffen.99 Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang die als „Sobornostj“ bezeichnete und im 19. Jahrhundert in Russland entwickelte Lehre von der Konziliarität bzw. Synodalität der Kirche. „Sobornostj“ kann sowohl mit „Katholizität“ als auch mit „Konziliarität“ übersetzt werden. Den inneren Zusammenhang beider Begriffe markiert die im russischen Glaubensbekenntnis vorgenommene Ersetzung des griechischen Wortes „katholike“ durch das russische Wort „sobornaja“ (von „sobor“ – „Konzil“).100
Auf eine Besonderheit sei am Ende noch hingewiesen, die die Assyrische Kirche des Ostens betrifft. Diese nimmt aufgrund ihrer oben geschilderten besonderen historischen Entwicklung unter den ostkirchlichen Kirchen eine Sonderstellung ein, welche die Ökumene mit den anderen Ostkirchen nachhaltig betrifft. Denn sie steht mit den anderen orientalisch-orthodoxen sowie mit den (byzantinisch-)orthodoxen Kirchen bislang nicht in Kirchengemeinschaft. Lediglich mit der mit Rom unierten Chaldäischen Kirche pflegt die Assyrische Kirche des Ostens Kommuniongemeinschaft, was deren extensive Katholizität ökumenisch erfahrbar werden lässt.101
Eine terminologische Besonderheit soll an dieser Stelle ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Wie alle christlichen Kirchen des Ostens sind auch die altorientalischen Kirchen bischöflich verfasst.102 Ihre Eparchien (Diözesen) unterstehen jeweils der Leitung eines Bischofs, die entweder als Metropolit, Erzbischof, Bischof oder Exarch tituliert werden. Bei der Bezeichnung des Primas unter den Bischöfen einer autokephalen Ostkirche taucht neben den Bezeichnungen Patriarch, Metropolit oder Erzbischof in einigen altorientalischen Kirchen der Titel „Katholikos“ zur Herausstellung des „allgemeinen“ (höherrangigen) Bischofs gegenüber den anderen („normalen“) Bischöfen.103 So ist diese Bezeichnung beispielsweise im Bereich der ostsyrischen Kirche seit dem fünften bzw. sechsten Jahrhundert belegt. Mit dieser Titulierung demonstrierten die ostsyrischen Bischöfe schon früh ihre beanspruchte Gleichberechtigung mit den übergeordneten Patriarchen, besonders demjenigen von Antiochia. Auch für die westsyrische Kirche ist diese Titulierung zur Bezeichnung ihres Kirchenoberhaupts gelegentlich belegt. In der Armenischen Kirche nannte man seit dem sechsten Jahrhundert das kirchliche Oberhaupt „Katholikos“, wobei aufgrund von Spaltungen mehrere Katholikate entstanden, wovon inzwischen der Katholikos von Edschmiatzin die geistliche Oberhoheit über alle Armenier innehat. In der äthiopischen Kirche nannte man den Ersthierarchen zweitweise „Patriarch-Katholikos“; heute trägt er nur noch den Titel „Patriarch“.