Kitabı oku: «Das Osmanische Reich», sayfa 10
Istanbul und der afroeurasische Handel
Die Eroberung von Konstantinopel verschaffte den Osmanen einen entscheidenden Vorteil in einem weitgespannten Konflikt um die Handelswege und Schifffahrtsrouten im Schwarzen Meer, in der Ägäis und im östlichen Mittelmeer.132 Vier große und sieben kleinere Mächte waren in den Konflikt verwickelt. Neben den Osmanen waren die bedeutenden Akteure Venedig, das Ägypten der Mamluken und das Akkoyunlu-Sultanat mit Sitz in Täbris, das Aserbaidschan, Iran und Irak beherrschte. Von Zeit zu Zeit betraten die kleineren Akteure die Bühne, darunter der Johanniterorden auf Rhodos und die muslimischen Sultanate Karaman in Kappadokien, Ramazan in Kilikien und Dulkadır östlich des Taurus. Durch aggressive Diplomatie, Einschüchterung und Gewalt hatten die Osmanen bis 1541 jede zentral gelegene Stadt und sämtliche Landwege zwischen Buda und Bagdad, Kairo und der Krim in ihre Hand gebracht. Auch sämtliche bedeutenden islamischen Wallfahrtsorte – Mekka, Medina, Jerusalem, Nadschaf und Kerbela – waren in Händen der Osmanen.
Umorientierung
Sobald Konstantinopel wieder zum Zentrum des Handelslebens geworden war, erfuhren Routen eine Wiederbelebung, die seit Jahrzehnten vernachlässigt worden waren. Die Blockade der Meerenge endete, und die Seeverbindung mit Schwarzmeerhäfen wie dem 1461 von Mehmed eingenommenen Trapezunt (Trabzon) und dem 1475 eroberten Kefe (Kaffa) wurde wiederhergestellt. Westlich der Meerenge funktionierten die alten Landwege noch. Die antike römische Via militaris führte von der Hauptstadt nach Belgrad, die Via Egnatia nach Westen zur Adria und die Konstantinopolitaner Straße nordwärts nach Varna. Die Strecke zwischen Edirne und Bursa verlor ihre Bedeutung zwar nicht, aber auch eine Schiffsverbindung zwischen Istanbul und Bursa war möglich. Auf diese Art brauchte es kaum weitere Anstrengungen, um Istanbul wieder an die Seidenstraßen anzuschließen. Ferner bestand ein Interesse an unterentwickelten Regionen und Routen. Viele neue Städte wurden gegründet.133 Ein Beispiel war Novi Pasar auf dem Weg von Sarajevo nach Skopje über das Kosovo. Gegründet wurde die Stadt durch einen Statthalter, Gazi Isa Bey von Skopje, sie bekam eine Moschee, ein Bad, eine Herberge, eine Suppenküche und 56 Läden.134
Ein weiteres Beispiel war Sarajevo, die Quintessenz einer osmanischen Stadt, geschaffen aus den Stiftungsvermögen zweier Beylerbeyis. Ishak Bey Ishaković wählte den Ort aus. Er profitierte von einem kleinen Nebenfluss in der Nähe der Bosna, der Hauptwasserstraße Bosniens von Norden nach Süden, und der Neretva, die an Mostar vorbei nach Westen zur Adria fließt. An dem Brückenkopf erbaute Ishak Bey eine Moschee, die er zu Ehren Mehmeds II. die Eroberer (Fatih)-Moschee nannte. Ihre Stiftungsurkunde (1462) sah außerdem ein Bad, eine Tekke für Derwische, eine Karawanserei, einen Markt und eine Mühle vor. Das Minarett der Moschee und die Kuppeln der anderen Gebäude, die mit typischen gewölbten Tonziegeln gedeckt waren, boten von den umliegenden Hügeln herab den Anblick einer osmanischen Stadt.135 Bis 1477 hatte Sarajevo bereits mehr als 150 Siedlerfamilien angezogen, von denen zwei Drittel Christen waren. Bei einem Angriff von Ungarn und Slawen wurde 1480 alles bis auf die Grundmauern niedergebrannt, aber 40 Jahre später garantierten die Eroberung Belgrads und der Sieg über Ungarn die Sicherheit Bosniens, und Sarajevo wurde von einem zweiten großen Wohltäter – ebenfalls ein Statthalter, Gazi Hüsrev Bey, ein Enkel Sultan Bayezids – wieder aufgebaut.136 Sarajevo entwickelte sich schnell zu einer großen osmanischen Stadt und einem Zentrum islamischer Kultur in den südslawischen Ländern.137
Ein Schlüsselinstrument der gewerblichen Einmischung war die Münzpolitik. Die Monetarisierung des Wirtschaftslebens und die steigende Nachfrage nach Bargeld übten chronischen Druck auf die Geldmenge aus. Zwar ergänzte man die osmanische Standardmünze, den Silber-Akçe, durch venezianische Golddukaten, die in der osmanischen Münzstätte überprägt wurden, sowie durch andere ausländische Münzsorten, aber das reichte nicht. Sechsmal wertete Mehmed II. den Akçe ab, davon allein dreimal in seinen letzten zehn Regierungsjahren. Zusätzlich begann die osmanische Münze mit der Prägung einer kleinen Menge ihrer eigenen Goldmünzen. Die Abwertungsstrategie war vermutlich zum Scheitern verurteilt, weil die Inflation die Preise zwangsläufig wieder auf ihren realen Marktwert zurückführte. Aber indem er die alten Akçes verbot und für den Umtausch in die neuen eine saftige Gebühr erhob, strich der Palast einen schnellen Profit ein, genau wie mit der Umprägung der venezianischen Dukaten.138
Sultan Mehmed und die osmanische Expansion
Der Krieg um den afroeurasischen Handel entzündete sich an der Eroberung der südslawischen Länder Serbien, Bosnien und Herzegowina durch Sultan Mehmed zu Beginn der 1460er-Jahre. Sie verschaffte den Osmanen die Kontrolle über die Landwege zur Adria und schuf eine Grenze entlang der Donau-Save-Linie, die in ihren Grundzügen bis in die 1520er-Jahre stabil blieb. Durch die Niederlage des albanischen Kriegsherrn Skanderbeg drang die osmanische Macht bis an die Adriaküste vor – Dubrovnik (Ragusa) kapitulierte freiwillig im Austausch gegen Handelsprivilegien. Die Eroberung der Morea provozierte einen Krieg mit Venedig. In dessen erster Phase fielen Mytilene, die Insel Lesbos und Negroponte (Euböa) an die osmanische Flotte. Mit den Werften von Gallipoli als Operationsbasis hatte sie ständig ein wachsames Auge auf Piraten in der Ägäis und schützte den Handel mit Sklaven, Gewürzen und Seide ebenso wie den lokalen Getreideumschlag.139
Als Ibrahim von Karaman 1464 starb, weitete sich der Krieg aus. Mehmed eroberte Konya, schickte die verschiedenen karamanidischen Thronanwärter ins Exil und machte aus dem Königreich eine osmanische Provinz. Venedig und das Akkoyunlu-Sultanat unter Uzun Hassan bildeten eine Koalition zur Unterstützung der Möchtegern-Nachfolger der Karamaniden. Uzun Hassan plünderte Tokat, eine Durchgangsstadt für den Seidenhandel, und eroberte 1472 Konya. Anschließend forderte er die Mamluken heraus, indem er mehrere Festungen auf dem Weg nach Aleppo einnahm, darunter Malatya und Ayntab. Im August 1473 traf ein venezianischer Gesandter gerade rechtzeitig am Akkoyunlu-Hof in Täbris ein, um mitzuerleben, wie die osmanische Armee Uzun Hasan in der Schlacht von Başkent in die Flucht jagte.140 Sultan Mehmed nahm indirekt die Verfolgung auf – er gewährte Uzun Hasans Sohn Asyl, setzte ihn als osmanischen Sancakbeyi von Sivas ein und gab ihm seine Tochter zur Frau.
Der entscheidende Schlag in dem Krieg war die osmanische Eroberung zweier genuesischer Festungen auf der Krim, Kefe (Kaffa/Feodosija) und Azak (Asow). Uzun Hassans Tod 1471 und die Belagerung von Shkodër (Skutari) an der Adria durch Mehmed erhöhten den Druck auf Venedig. Der Senat sah sich gezwungen, um Frieden zu bitten und Tribut zu entrichten. Da das griechische Königreich Trapezunt bereits kapituliert hatte, beherrschte die osmanische Flotte nun das Schwarze Meer. Osmanische Zollpächter übernahmen die Gebührenerhebung in Kefe, das Endpunkt der Landroute durch das zentrale Eurasien, Exportzentrum für Getreide und vor allem wichtigster Hafen des Sklavenhandels war.141 Letzterer bildete die wirtschaftliche Basis des Krimkhanats, eines Bundes halbnomadischer türkischer Clans in der Steppe unter Führung der Giray-Dynastie, die jetzt zu osmanischen Vasallen wurde. Ihre Sklavenraubzüge reichten bis tief nach Osteuropa und Südrussland hinein, und ihre reichhaltige Fracht strömte auf den Sklavenmarkt von Istanbul.
Vielleicht das größte Aufsehen erregte die osmanische Landung in Otranto auf der italienischen Halbinsel im Jahr 1481. Beabsichtigt war weniger ein Vorstoß auf Rom als die Verhinderung venezianischer Hilfe für den Mamlukensultan in Ägypten. Einen ähnlichen Zweck dürfte die gleichzeitige Belagerung von Rhodos verfolgt haben. Sie scheiterte, doch osmanische Truppen hielten ein Jahr lang Otranto besetzt und zogen sich erst zurück, als Mehmed starb und zwischen seinen beiden Söhnen ein Kampf um die Nachfolge ausbrach.
Bayezid und Cem
Von den zwei Söhnen Mehmeds genoss Cem die meiste Unterstützung in jenen Kreisen der osmanischen Gesellschaft, die sich weitgehend mit der Königsmacht statt mit dem alten türkischen Adel identifizierten und von Mehmeds expansionistischer Außenpolitik profitierten. Bayezid dagegen pflegte Beziehungen mit denen, die durch Mehmeds Fiskalpolitik der letzten Jahre Schaden erlitten hatten.
Diese Interessengruppen waren nicht wechselseitig exklusiv, und der Thronstreit stellte keine von beiden völlig zufrieden. Mal identifizierten sich die Ulema mit dem Palast (die Medrese als Institution existierte dank der Stiftungen des Sultans), mal wurden sie Opfer der Beschlagnahme privater Besitzungen und von vakıf-Gütern, und den Derwischgruppen erging es ebenso. Die Janitscharen bevorzugten die energische militärische Haltung des Sultanats, spürten aber die nachteiligen Folgen der Münzverschlechterungen. Als Bayezid dann über Cem triumphierte, machte er tatsächlich einige der umstrittensten fiskalischen Maßnahmen Mehmeds II. rückgängig. Er gab einen Teil des beschlagnahmten Stiftungsvermögens und Privatbesitzes zurück. Indem er der Münzverschlechterung ein Ende machte, stabilisierte er den Akçe. Dem lokalen türkischen Adel dürfte gefallen haben, dass Bayezid Timare an „wahrhaft gezeugte Söhne“ (sahih sulbi oglı) früherer Sipahis vergab – und nicht stillschweigend an Söhne aus dem Haushalt des Palastes.142 Dass Bayezid reichsweit die cizye, die angestammte Kopfsteuer für Nichtmuslime, einzog, gefiel wahrscheinlich jenen Muslimen, die deutliche Unterscheidungen zwischen den Gemeinschaften befürworteten.
Bayezid setzte die expansionistischen Aktivitäten seines Vaters fort, wurde aber gestört, weil mehrere angrenzende Staaten in ihrem verzweifelten Bemühen, Druck auf die Osmanen auszuüben, Cem gegen ihn auszuspielen versuchten. Die Mamluken weigerten sich, Bayezid beim Herrschaftsantritt die übliche Ergebenheitsadresse zu senden, und hielten den Abgesandten des Bahmani-Sultanats auf dem Dekkan und seine osmanische Eskorte in Dschidda fest.143 Kairo war auch das erste Fluchtziel Cems, und dort lebte seine Familie weiterhin während seiner langen Leidenszeit. Bayezid holte alte Pläne Mehmeds für einen Feldzug gegen Ägypten aus der Schublade, aber der Krieg, der sich hauptsächlich in den benachbarten Ramazan- und Dulkadır-Sultanaten Kilikiens und des Taurus abspielte, brachte kein klares Ergebnis. Cem floh zu den Johanniterrittern auf Rhodos und endete schließlich als Geisel des Papstes unter Arrest im Vatikan.144 Im Februar 1495 kamen Bayezids Agenten in Rom an Cem heran und vergifteten ihn.145
Die Ardabil-Sufis und die osmanische Autorität
Wie Aşıkpaşazade vermerkte, nahmen gegen Ende des Jahrhunderts die noch verbliebenen Anti-Establishment-Impulse in einer neuen religiösen Bewegung theologische und politische Gestalt an. Diese sogenannte Kızılbaş stand in enger Verbindung mit der Sufi-Tekke in Ardabil im Kaukasus.
Die Sache hatte eine lange Vorgeschichte. Die Ausprägungen der Frömmigkeit im Kaukasus, am oberen Tigris und am Euphrat waren in der nachmongolischen islamischen Welt schon immer misstrauisch beäugt worden. Diese Hochebene war in den 1240er-Jahren von der Baba’i-Rebellion erschüttert worden. Im Jahr 1323 bezeichnete der mamlukische Statthalter Syriens die Länder „jenseits des Euphrat“ abfällig als Gebiete voller Unglauben, Heuchelei und Ketzerei.146 Noch anderthalb Jahrhunderte später sprach ein persischer Historiker von „den Narren aus Rum, die eine Ansammlung des Irrtums und ein Heer teuflischer Phantasie sind“.147 Die kumulative Wirkung von Migration, Kriegen und kulturellen Moden macht die religiöse Stratigraphie dieses geographischen Raums oft undurchschaubar.148 Wanderasketen waren in diesem Gebiet ein Dauerphänomen, faszinierend und abstoßend zugleich, und offensichtlich gefiel ihnen die Ironie ihrer eigenen sonderbaren Beliebtheit.149 Manche scheuten ein allzu auffälliges Äußeres, andere hingegen legten eine freche Gleichgültigkeit hinsichtlich der Wirkung ihrer äußeren Erscheinung an den Tag und schienen sich über die Verurteilung ihres offenkundig antisozialen Verhaltens regelrecht zu freuen.150 Sie trugen Schaffelle oder andere markante Kleidungsstücke oder rasierten sich die Köpfe, und sie hatten Wahrzeichen und Musikinstrumente dabei – Kastagnetten, Hörner, Pferdeschweife, Beutel. Aufgebrachte Kritiker verfassten flammende Schmähschriften, die sie als Scharlatane oder Verrückte denunzierten, und hatten kaum mehr als Verachtung übrig für ein unwissendes, naives Publikum, das sich allzu leicht hinters Licht führen ließ.151
Eine weitere Welle folgte auf den Heiligen Fazlullah von Astarabad, der gegen 1400 in einer Höhle nördlich von Täbris lebte. Da er die gesamte Schöpfung als Manifestation der Namen Gottes ernst nahm, verstand er die Menschheit als eine ständig sich entfaltende Offenbarung. Er entwickelte eine esoterische Zahlendeutung, die nach den Buchstaben des heiligen Textes als „Hurufismus“ bekannt ist (hurūf ist der arabische Plural von harf, „Buchstabe“); diese Zeichen seien auch überall auf den menschlichen Körper geschrieben. Timur ließ ihn hinrichten, aber Fazlullahs spirituelle Erkenntnisse sickerten in den Boden ein und tauchten anderswo, bei den Bektaşis und vielen anderen Gruppen, wieder auf. Offensichtlich lauschte Sultan Mehmed II. einmal im Jahr 1444 in Edirne gebannt einer Hurufi-Predigt. Die Ulema waren nicht beeindruckt und ließen den Prediger auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Der Dichter Nesimi, ein enger Freund Fazlullahs, wurde in Aleppo bei lebendigem Leibe gehäutet, eine grausig passende Vergeltung. Derartiges Leid wurde von denen, die es erduldeten, als Theodizee erlebt.
Die Kızılbaş
Es wirkt unerhört, dass selbst in dieser libertären spirituellen Landschaft die Kızılbaş-Bewegung solche Beben auslösen konnte. Die Kızılbaş bekannten sich zum Konzept des Imamats, des spirituellen Königtums Alis und seiner Nachfahren. Da Ali Fatima, die Tochter des Propheten Mohammed, geheiratet hatte, waren ihre Söhne Hasan und Hussein die Enkel des Propheten. Den Glauben an das Imamat und die-Verehrung der Linie Alis, die über Hasan, Hussein und die späteren Imame lief, teilten sie mit der Hauptrichtung der Schia und mit anderen osmanischen Gruppen, namentlich den Bektaşis. Was genau die Bektaşis lehrten und wie sie beteten, war ein Geheimnis und daher einigermaßen unklar. Recht bekannt war ihre Ali-Verehrung, doch davon abgesehen hoben sie sich durch das eklektische Ritual und die Mythologie der Bektaşis ab – beispielsweise ihre Geringschätzung des Gottesdienstes in der Moschee, ihre Praxis eines gemeinsamen eucharistischen Mahls und Vorstellungen wie die Seelenwanderung. Aber die Janitscharen waren glühende Bektaşi-Anhänger, und sie waren die treuesten aller osmanischen Truppen. Daher war der Bektaşismus keinesfalls eine exotische Randerscheinung im Osmanischen Reich. Und dennoch galten die Kızılbaş als etwas völlig anderes.
Die Intensität ihrer Frömmigkeit und ihre ekstatische Spiritualität machten die Kızılbaş unergründlich, aber auch bedrohlich. Sie machten ein Geheimnis um ihren Glauben und dessen Vollzug, ein Umstand, der dadurch verkompliziert wurde, dass sie sich angeblich bewusst verstellten (takiyye), wenn man sie befragte. Fasten, Gebete und andere öffentliche Glaubensbekundungen verschmähten sie. Es hieß, sie verfluchten die vier rechtgeleiteten Kalifen. Man verdächtigte sie des „Inkarnationalismus“, der Überzeugung, Gott könne gewöhnliche weltliche Gestalt annehmen. Die Behauptung, man könne das Göttliche plötzlich in einer beliebigen Person, einem beliebigen Ort oder Umstand als real wahrnehmen, konnten sehr viele osmanische Mystiker aus eigener Erfahrung bestätigen. Doch zu glauben, das Göttliche verkörpere sich selbst auf besondere Weise in den charismatischen Scheichs aus dem Safawidenorden in Ardabil, war etwas völlig anderes. Es stellte die religiösen und spirituellen Grundfesten der osmanischen Macht in Frage.
Der Safawiden-Orden
Die Frühgeschichte des Ordens, der mit der Tekke von Scheich Safiüddin in Ardabil verbunden war – daher die Bezeichnung „Safawiden“ – scheint unspektakulär verlaufen zu sein. Doch gegen 1450 kam es zu einem ominösen Schisma, als der damalige Meister des Ordens mit Unterstützung des Sultans der Karakoyunlu-Turkmenen seinen Neffen und Rivalen Scheich Cüneyd verbannte. Cüneyd trat daraufhin an den Osmanensultan Murad II. heran. Glaubt man der Geschichte in Aşıkpaşazades Taten und Daten, bot er ihm drei Totems an – einen Gebetsteppich, einen Koran und eine Gebetskette. Das war keine bloße Bitte um Asyl, es war eine Aufforderung, Cüneyds Schüler zu werden. Unheilvoll erklärte der Wesir Halil Pascha Çandarlı: „Auf einem Thron können keine zwei Könige sitzen.“ Murad zog es vor, die Äußerung nicht übelzunehmen, und schickte Cüneyd 200 Goldflorine und 1000 Silberakçes zur Verteilung an seine Derwische. Sein Ersuchen um einen sicheren Zufluchtsort lehnte er ab.
Eine Zeit lang hielt sich Cüneyd an der Tekke Sadreddin Konavis in Konya auf, zerstritt sich dann aber mit dem Meister. Er entzog sich dem Zugriff Ibrahims von Karaman, entging knapp der Gefangennahme durch den Mamluken-Statthalter von Aleppo, floh an die Schwarzmeerküste und fand schließlich Gehör im christlichen, noch nicht eroberten Trapezunt, dessen Herrscher aus der Komnenendynastie durch die Ehe seiner Tochter mit Uzun Hasan verbunden war. Uzun Hasan erkannte den Wert eines solchen Bündnisses. Er ging auf Cüneyds Angebot von 20 000 Reitern ein und verheiratete seine Schwester Hadice Begam mit ihm. Jetzt belagerte Cüneyd seine angestammte Tekke in Ardabil, doch der Angriff wurde niedergeschlagen. Besiegt floh er nach Norden ins Schirwan-Tal, das sich längs des Kaspischen Meeres erstreckt, und tat seine Absicht kund, eine Gaza gegen die Ungläubigen von Abchasien und Georgien zu führen. Laut Aşıkpaşazade befahl der empörte ortsansässige muslimische Fürst, Cüneyd solle seine christlichen Untertanen in Frieden lassen. Er schickte ein Heer aus, das Scheich Cüneyd zum Kampf stellte und tötete.152
Cüneyds Sohn und Nachfolger Scheich Haydar konnte Ardabil dann aber einnehmen. Während Haydars 30-jähriger Karriere voller Gaza, Plünderungen und Versklavungen wurden die safawidischen Sufis aus Ardabil als Kızılbaş, „die Rotmützen“, bekannt – nach ihrer roten Kopfbedeckung aus Filz, deren zwölf Falten für die Zwölf Imame standen.153 Haydar verdoppelte das Bündnis des Ordens mit Uzun Hasan – indem er dessen Tochter heiratete, wurde der Neffe zugleich zum Schwiegersohn. Als Haydar bei Kämpfen im Kaukasus fiel, ging die Nachfolge zunächst auf seinen älteren Sohn über. Nachdem dieser im Sommer 1494 getötet worden war, folgte ihm Haydars jüngerer Sohn Ismail nach, der erst sieben Jahre alt war.154 Das zehnte islamische Jahrhundert begann im Oktober.
3. Eine Sicht auf die Welt, 1494–1591
Das zehnte islamische Jahrhundert begann mit einer faszinierenden Konvergenz der Kalender. Auf einer Pilgerfahrt nach Ardabil tauchte am heiligen Aschura-Tag des islamischen Jahres 905 Ismail Safavi aus der Verborgenheit auf. In diesem gesegneten Kind, väterlicherseits der Enkel von Scheich Cüneyd und mütterlicherseits von Uzun Hasan, außerdem über seine christliche Großmutter der Erbe des verwaisten Thrones von Trapezunt – in diesem Glück verheißenden Kind erschien der Avatar des Imams Ali, die Verkörperung des Verborgenen Imam. Das Aschura-Fest, der zehnte Tag im ersten Monat des islamischen Jahres, erinnert an das Martyrium von Hussein, Sohn Alis und Enkel des Propheten Mohammed, der 680 n. Chr. in Kerbela starb. In diesem besonderen Jahr nun, dem Jahr 905 der Hidschra und obendrein dem Jahr 1499 n. Chr., fiel Aschura auf Anfang August, auf das Fest in der Mitte des Jahresviertels zwischen Sonnenwende und Äquinoktien. Ismail rief seine Anhänger auf, sich zum Nowruz-Fest im folgenden Jahr zu versammeln – so kam es, dass Ismail zu den Frühlingsäquinoktien des Jahres 1500 erschien, genau in der Mitte des zweiten christlichen Jahrtausends.
Die Luft knisterte. Die osmanischen Provinzgouverneure waren in höchster Alarmbereitschaft und hatten Befehl, Kızılbaş-Pilger aufzugreifen, ihren Besitz zu beschlagnahmen und sie aufzuhängen.1 Das vorrückende Osmanenheer schlug einen Aufstand von Sympathisanten in Karaman nieder. Dank derartiger osmanischer Sicherheitsmaßnahmen schafften es nur „siebentausend“ Kızılbaş zur Versammlung. Doch triumphierend zogen die Armeen der Kızılbaş im Herbst 1501 in Täbris ein. Ismail wurde zum Schah ausgerufen, das alte Reich der Turkmenen war wieder vereint.2 Die neue Ordnung begann mit einer gerechten Rache, die das heilige Haus der Safawiden vollzog. Im Lauf des nächsten Jahrzehnts eroberten safawidische Truppen die iranische Hochebene und leisteten Abbitte bei den zwölferschiitischen Ulema im Iran. Im Jahr 1508 eroberte Schah Ismail Bagdad.