Kitabı oku: «Sternenfrau Eve», sayfa 3

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„Du willst dich doch damit nicht etwa bei deinen Gästen sehen lassen? Die werden an deiner geistigen Gesundheit zweifeln, wenn sie dich in Großmutters Schürze erblicken!“

„Ich habe Annie versprochen, bei unserem nächsten Treffen für sie in dieser Schürze zu kochen!“

„Ach so, ich dachte schon, du seist jetzt völlig verrückt geworden!“

„Ja, mein Bruder, ich bin völlig verrückt nach Annie!“

„Dann sag ich dir jetzt was David: wenn du es dir mit diesem Mädel verdirbst, lasse ich dich mitsamt dieser verrückten Schürze einweisen!“

Er musste grinsen, als er aus den Augenwinkeln das verdutzte Gesicht seines Bruders sah während er die Küche verließ. Als David seine Überraschung überwunden hatte, freute er sich über die brüderliche, wenn auch ungewöhnliche Bestätigung, die richtige Frau getroffen zu haben. Jetzt musste er nur noch diesen Kochschürzenauftritt überleben. Jonas ging direkt zu Annie.

„Hallo, Sie müssen die Wunderfrau sein, die meinen Bruder dazu bringt, Großmutters Schürze zu tragen. Er hat sogar die Spitzen bügeln lassen!“

„Ich hab ihm nur gesagt, dass ich nicht glaube, dass er so etwas hat. Nun bin ich aber gespannt!“

„Sie wollen ihn doch damit nicht im Ernst aus der Küche kommen lassen?“

„Aber ich habe doch noch nie eine taubengraue Schürze mit einem Kochtopf drauf und Spitzen dran gesehen. Das wollen Sie mir doch nicht etwa vorenthalten?“

Dem spitzbübischen Lächeln in Annies Gesicht konnte nun auch Jonas nicht widerstehen und lachte herzhaft.

„Sie haben recht, diese Schürze hat Seltenheitswert und sollte unbedingt allen gezeigt werden!“

„Ah, die Schürze! Da kommt sie schon mit meinem Bruder zur Tür herein!“

David betrat das Zimmer mit einer Platte hors d'oeuvre, über dem schwarzen Anzug eine taubengraue Schürze, auf der ein riesiger Kochtopf mit leicht geöffnetem Deckel prangte. Eine Languste streckte ihre Fühler aus dem Topf, als ob sie entkommen wollte. Doch die beiden Kochlöffel rechts und links neben dem Topf sahen gnadenlos aus. Als Annie und Jonas die angesichts dieser recht ungewöhnlichen darstellenden Kunst erstaunten Gesichter der übrigen Besucher sahen, prusteten sie los. Davids empörtes Gesicht gab ihnen den Rest. Sie konnten sich kaum noch halten vor Lachen. Einige der Besucher schmunzelten und es war nicht eindeutig zu erkennen, ob über die Schürze oder die beiden, die so hemmungslos lachten. Ungerührt stellte David die Platte ab und wandte sich seinen Besuchern zu.

„Wie Sie sehen, trage ich heute zu Ehren meiner Großmutter ihre Lieblingsschürze. In Gedenken an sie und weil mich eine gewisse Person dazu herausgefordert hat, serviere ich Ihnen heute eine Auswahl kleiner Leckereien, deren Zubereitung ich einst von Großmutter gelernt habe. Guten Appetit!“

Er drehte sich nonchalant um und verschwand wieder in die Küche. Noch bevor der Applaus seiner Gäste verebbte, ertönte schallendes Gelächter aus der Küche.

„Also Schürze hin oder her, ich habe Hunger!“, rief Cornell Belt und füllte sich einen kleinen Teller mit verlockend duftenden Speisen. Garreth Britt sah noch etwas irritiert aus, griff aber ebenfalls entschlossen zu.

„Ich hoffe, die Languste hat es inzwischen in die Freiheit geschafft“, witzelte Iris, „und liegt nicht hier auf der Platte.“

„Ich fände es nicht schlimm“, meinte Esther, „ich liebe Langusten, aber den Kochlöffeln möchte ich nicht begegnen!“

Sie drehte sich zu David um, der gerade mit der nächsten Platte reinkam.

„Oh David, ich muss schon sagen, dieses grau steht Ihnen wirklich gut. Sie sollten sich einen Anzug in dieser Farbe machen lassen. Allerdings ohne die Spitzen!“

Als Annie sich vorstellte, wie David wohl darin aussehen würde, musste sie wieder lachen.

„Gute Idee Esther Darling, ich habe nächste Woche einen Termin bei meinem Schneider, dann werde ich so einen Anzug in Auftrag geben!“ David amüsierte sich königlich.

Es war ein wundervoller Abend und Annie wurde bewusst, dass sie sich schon lange nicht mehr so gut unterhalten hatte. Trotzdem konnte sie das Ende der Party kaum erwarten. Immer wieder fühlte sie Davids heiße Blicke im Gesicht und hatte ständig Angst, zu erröten.

Als endlich der letzte Gast gegangen und auch Ristorn schon längst zu Hause war, setzte Annie sich in einen der gemütlichen Sessel auf der Terrasse und bestaunte die Lichter der Stadt.

„Und ich habe immer gedacht, dass mir Spitzen besonders gut stehen würden.“

David war leise neben sie getreten und betrachtete andächtig die Schürze, die er in den Händen hielt. Annie nahm die Schürze nochmal in Augenschein.

„Aber nicht mit dieser Schürze. Ich stelle mir eher eine Spitzenkrawatte auf grauseidenem Hemd vor.“

„Warum habe ich nur das dumme Gefühl, du willst mich vor dieser Welt lächerlich machen?“

„Nein, will ich nicht,“ beteuerte Annie. „im Gegenteil, ich will dich in einem besseren Licht zeigen. Stell dir mal vor, das würde der große Moderenner werden, dann wärest du doch ein Vorreiter. Das ist doch etwas, oder?“

„Eher der große Vorspinner.“ David legte seine Hände auf Annies Schulter und massierte sie sanft.

„Vorreiter, Vorspinner, egal, Hauptsache vor.“

Annie legte ihren Kopf in den Nacken und lächelte David an. Langsam senkte er seinen Kopf und küsste sie sanft. Immer fordernder erforschte er mit seiner Zunge ihren aufreizenden Mund. Annie zitterte, sie konnte nicht sagen, ob mehr vor Kälte oder vor Lust. Als David ihre Erregung bemerkte, unterbrach er den Kuss und zog sie vorsichtig aus dem Stuhl.

„Komm Annie, hier draußen ist es kalt geworden.“

Willig ließ sie sich in das warme Zimmer ziehen.

Audon war schon lange vor den anderen ins Hinterland gezogen. Immer mehr von ihnen siedelten sich in dem kleinen Tal an, weit entfernt von den großen Städten. Sie alle flüchteten, obwohl sie nie verfolgt wurden. Doch die anderen Fenrys fühlten sich in ihrer Gegenwart unwohl. Nicht nur ihre Fellfarbe war anders, sondern auch die Dinge, die sie konnten. Da die Fenrys von Natur aus friedliebende Wesen waren, wollten sie Problemen lieber aus dem Weg gehen. Audon sah, wie immer mehr von ihnen ihm folgten und er wusste nicht, was er davon halten sollte. Er gehörte nach wie vor dem Hohen Rat an. Als er bei der letzten Sitzung erschienen war, hatte er ein ehrfürchtiges Staunen bei seinen Ratskollegen bemerkt und ihr Flüstern gehört. Er war sich nicht sicher, wie er damit umgehen sollte und bemühte sich daher, es zu ignorieren. Trotzdem war ihm nicht wohl bei der Sache.

„Warum sind wir so anders, Großvater?“ riss ihn die Stimme seines Enkels Beldin aus den Gedanken. Sorgenvoll betrachtete er das blaue Fell des Jungen.

„Das kann ich dir nicht sagen. Niemand kann sagen, warum wir so sind, wie wir sind. Unsere Fähigkeiten machen anderen Angst, aber sie würden uns nie etwas antun. Wir sind hierher gezogen, um herauszufinden, wie wir unsere ungewöhnlichen Fähigkeiten in den Griff bekommen können. Niemand macht es Spaß, wenn du ihm plötzlich in den Gedanken herumschnüffelst oder Gegenstände vor seiner Nase herumfliegen. Sandron kann ein Schutzschild um sich herum aufbauen und alle stoßen sich daran. Bolgen umflattern ständig kleine Feuerblitze. Zu mir kommen die anderen, wenn sie verletzt sind. Ja und du, du kannst schweben. Wohin soll das noch führen? In ihrer Güte hat die große Weisheit uns Gaben geschenkt und manch einer von uns fängt an, diese Gaben zu seinem Vorteil zu nutzen. Ich glaube nicht, dass das richtig ist. Der Zeitpunkt, an dem wir wissen, welche Aufgaben wir lösen müssen, wird kommen. So lange lernen wir und warten auf den Tag unserer Bestimmung.“

Still setzte sich Beldin neben seinen Großvater und blickte in das grüne Wasser des Sees vor ihnen. Sanfte Hügel umgaben den von blauen Wäldern umsäumten See. Bunte Grimmeln schwirrten hoch über den Bäumen auf der Suche nach Nahrung. Das Pfeifen eines Brag, ein kleiner Ball mit vier Flügeln, scheuchte eine kleine Herde Beasylts auf, die auf der anderen Seite des Sees friedlich zum trinken zusammen standen. Die Beasylts hatten gerade ihre langen Hälse, auf denen ein runder Kopf mit bunten Federn saß, in das Wasser gesenkt, als der Pfiff des Brag ertönte. Schnell sprangen sie mit ihren kurzen aber kräftigen Beinchen auf. Der Brag hatte hoch oben in den Ästen des Sringgarbaumes einen Hevinkli gesehen. Der noch recht junge Räuber hatte ebenfalls Durst und näherte sich der Wasserstelle. Mit ploppenden Geräuschen schlossen sich die Blütenblätter der Kaltiblüten, als die flüchtenden Beasylts vorbei rannten. Ihre feinen Sensoren, die dazu dienten, kleine Insekten zu fangen, spürten die Erschütterung der flüchtenden Tiere. Der Hevinkli schaute den davon sprintenden Beasylts gleichgültig hinterher. Das Blut an seiner Brust zeigte den aufmerksamen Beobachtern, dass er bereits Beute geschlagen hatte und nicht mehr hungrig war. Laut brüllte er der Herde hinterher, wie um ihnen zu sagen, dass er sich später um sie kümmern wolle, dann knickte er seine langen Vorderläufe ein und senkte seinen, mit Federn geschmückten Kopf, tief ins Wasser und trank. Immer wieder hielt er inne, um mit seinen roten Augen, die sich seitlich am länglichen Schädel befanden, die Umgebung zu beobachten. Sein blaues Fell verschmolz mit den Farben der Wälder. Die Muskeln seiner hinteren Sprungbeine blieben stets angespannt. Da er kaum größer als die etwa einen Meter hohen Beasylts war, musste er die größeren Räuber des Waldes genau so fürchten, wie die Beasylts ihn. Bald hatte der Hevinkli genug getrunken und das Blut auf seiner Brust war vom Wasser des Sees weggewaschen. Langsam stand er auf und lief wieder in den Wald hinein. Die zartrosa Kaltiblüten öffneten sich ganz vorsichtig wieder und der Brag kehrte zurück auf seinen Ausguck ganz oben auf dem Sringgarbaum.

Der zweite Mond auf Fenry war gerade angebrochen. Noch brach sich das Licht der grünen Sonne in den weißen Wolken über ihnen, als Audon und Beldin sich schweigend auf den Weg nach Hause machten. Belgan hatte bereits das Essen fertig und nach einer kurzen Danksagung an die große Weisheit aßen sie stillschweigend ihre Mahlzeiten. Belgan, Audons zweite Frau, hatte ein leuchtend gelbes Fell. Sanft kräuselten sich kleine Fellsträhnen über ihre stets Freude ausstrahlenden, grünen Augen. Audon war dankbar dafür, dass seine zweite Frau mit ihm gekommen war. Seine erste Frau konnte sein blaues Fell nicht ertragen und hatte sich einen zu ihrem orangefarbenen Fell besser passenden Mann gesucht. Audon war nach einer Nacht, die er draußen im Wald verbracht hatte, mit blauem Fell aufgewacht. Tief verstört kam er damals nach Hause und sah den Ekel in Barkas Augen, als sie ihn erblickte. Als nach einigen Wochen, in denen er sich mehreren Untersuchungen unterzog, feststand, dass er die blaue Farbe nie mehr loswerden würde, zog Barka aus und nahm die Kinder mit.

In den nachfolgenden Monaten stellte Audon fest, dass Wunden, die er sich bei der Jagd oder zu Hause zuzog, schnell heilten. Auch war ihm so, als ob er die Gedanken seiner Freunde hörte oder dass er empfand, was sie empfanden. Jahre vergingen und Audon war nun in der Lage, andere Fenrys und Lebewesen durch auflegen seiner Pfoten mit den langen Fingergliedern zu heilen. Hatte einer eine Schnittwunde, war sie plötzlich bei ihm an der gleichen Stelle zu sehen. Dort heilte sie dann. Auch Krankheiten konnte er so heilen. Immer wieder kamen auch Schwerkranke zu ihm und obwohl er wusste, welchen Schmerzen er sich mit ihrer Behandlung aussetzte, zögerte er nie und nahm die Krankheiten auf sich. Eines Tages wurde Belgan zu ihm gebracht. Sie hatte sich bei einem Sturz mehrere Knochen gebrochen und innere Verletzungen erlitten. An ihrer Heilung wäre Audon fast gestorben, doch die geheilte Belgan blieb an seiner Seite und pflegte ihn gesund. Nie zuvor hatte sich jemand darum gekümmert, wie es ihm bei der Heilung anderer erging. Er war Belgan genau so dankbar für ihre Anteilnahme, wie sie ihm für ihre Heilung. Auch seine Fellfarbe war für sie überhaupt kein Problem und bald verliebten sie sich ineinander. Das lag nun schon mehrere Jahrzehnte zurück und Audon und Belgan bereuten nie, dass sie ein Paar geworden waren. In dieser Zeit hatten nicht nur sie, sondern auch andere Paare blaufellige Kinder bekommen .

Irgendwann beschloss der Hohe Rat, dass es besser sei, wenn sich jemand dieser Kinder annehmen würde, da einige ihrer Eltern Probleme hatten, mit ihnen fertig zu werden. Audon und Belgan machten den Vorschlag, eine andere Siedlung in der Nähe des Songangebirges zu eröffnen und die problematischen Kinder mitzunehmen. Das Tal, das sie sich aussuchten, lag an einem malerischen, eiskalten See inmitten schneebedeckter Gebirgszüge. Die Wahl des Siedlungsortes stieß auf Zustimmung und wurde genehmigt. So entstand Songani, wie sie ihre neue Siedlung nach den umgebenden Bergen nannten. Dort unterrichtete Audon die Kinder darin, ihre Fähigkeiten zu beherrschen und Belgan, die zuvor schon als Lehrerin gearbeitet hatte, in allem anderen. Auch die Eltern, die weniger Probleme mit ihren außergewöhnlichen Kindern hatten, folgten bereitwillig. Der Hohe Rat und die zurückgebliebenen Fenrys aber waren froh, ein unbequemes Problem auf solch friedliche Weise gelöst zu haben.

Die Impfung

Die Impfung

Leichter Nieselregen fiel auf die staubigen Straßen der von der Sommerhitze ausgetrockneten Stadt. Der langersehnte Regen reinigte die nach Abgasen stinkenden Häuserschluchten und verbreitete einen angenehm frischen Duft feuchter Erde zusammen mit dem der Blumen und Bäume des großen Parks. Um ihn herum schmiegten sich die Häuser wie ein Schutzschild. Nebel kroch an den Wänden der Häuser empor und waberte in den umliegenden Straßen. Die Menschen würdigten den Nebel keines Blickes. Sie hetzten, bereits früh von unsichtbarem Ehrgeiz oder anderen Kräften angetrieben, ihrer Arbeit entgegen. Hin und wieder blieb ein Kind, an der Hand der Mutter auf dem Weg zur Schule oder in den Kindergarten, kurz stehen und reckte schnuppernd die Nase in die Luft, um gleich darauf zur Eile angetrieben zu werden. Im seinem Gesicht leuchtete kurz ein kleines Lächeln, als ob es ein Geheimnis bewahrte, das die Erwachsenen längst vergessen hatten. Unwillig ließ es sich weiter ziehen, in einen ungewissen Tag. Manch ein Vorbeieilender sah die versonnenen Kinder und trauerte seiner verlorenen Kindheit hinterher, in der träumen noch erlaubt war. Andere reckten ebenfalls die Nase in die Luft, um heraus zu finden, was die Kinder zu ihrem seltsamen Verhalten trieb. Längst hatten sie den Geruch der Erde aus ihrem Gedächtnis verloren, war er doch im Laufe ihres Lebens von so vielen anderen mehr oder weniger wichtigen Düften und Gerüchen überlagert worden. Nun weckte er Erinnerungen an verspielte Nachmittage in der Kinderzeit in den ausgedehnten Grünflächen des Parks oder an die kleinen Heimatstädte, die viele verlassen hatten, um in der großen Stadt ihr Glück zu finden. Hier scheiterte manche große Idee, doch andere gingen ihren Weg erfolgreich, nur um festzustellen, dass sie trotzdem nicht glücklich wurden. Fast konnte man die kleinen Seufzer hören, die den Lippen der Menschen entwichen. Doch sie verflogen schnell, denn die Arbeit wartete, der nächste Termin stand bevor und die Zeit hat kein Mitleid für Träumer. Selbst mancher Jogger, der im Park über die dampfenden Wege lief, ignorierte den Duft der Natur.

Annie holte tief Luft, atmete ihre Stadt ein und beobachtete, wie der rötliche Schein der Morgensonne langsam an den umliegenden Hochhäusern empor kroch. An manchen Stellen schillerten kleine Regenbögen in den Fenstern, an denen das Regenwasser langsam ablief. Die Stadt erwachte zum Leben. Auf den Straßen nahm der Verkehr zu, die ersten Krankenwagen jagten mit heulenden Sirenen vorbei und die Blaulichter der Polizeiwagen funkelten in den Fenstern, an denen sie vorbeifuhren. Die Bäckereien liefen auf Hochtouren und der Geruch der feuchten Erde und der Pflanzen im Park vermischte sich nun mit dem von Kaffee und frischen Brötchen. Mit dem zunehmenden Autoverkehr vereinten sich Abgase und Kanalisation zu jenem alles durchdringenden Geruch. Bald war auch der letzte Hauch von Frische, den der Regen herbei gezaubert hatte, verdrängt von den alltäglichen Gerüchen der großen Stadt. Der Nebel löste sich auf und selbst der Regen schien sich vor der Gnadenlosigkeit der modernen Zivilisation zurückzuziehen. Erneut begann die Sonne einen heißen Tageslauf und erstickte die Stadt mit ihrer Hitze.

Annie saß auf Davids Terrasse und schaute versonnen auf das Schauspiel von Licht und Schatten, das einmal mehr mit der morgendlichen Sonne in den Straßen New Yorks begann. Sie war hier aufgewachsen und konnte niemandem erklären, was sie an dieser Stadt liebte. Vielleicht den Lärm, der die Stadt mit rastloser Hektik erfüllte, den Verkehr, der sich wie ein schimmernder Fluss durch die Straßen schlängelte? Wolkenkratzer ragten atemberaubend in die Höhe, scheinbar im Wettstreit mit den Wolken. Ihre Fensterfronten spiegelten nicht nur das Licht, sondern auch das Leben um sie herum in allen möglichen Formen und Farben. Die Sirenen von Polizei und Feuerwehr signalisierten Schutz und Sicherheit in dieser mitunter unbarmherzigen Welt. Sie vermittelten einen Funken Hoffnung, wo an so vielen Straßenecken Hoffnungslosigkeit steht und bettelt, fixt oder sich dem Nächstbesten anbietet. Licht und Schatten in allen Varianten in diesem Dschungel aus Hass, Liebe, Freude, Angst und all den anderen Dingen, die das Menschsein ausmachen. Die große Freiheit zu wählen, wie man sich sein Leben gestalten will, auf engstem Raum. David war neben sie getreten und begnügte sich damit, Annie nur anzusehen. Sie war ihm ein Rätsel, das es zu ergründen galt. So viele Wochen waren nun schon vergangen seit der Party und noch immer wusste David nicht, was ihn an Annie so faszinierte. „Kannst du die kleinen Kaninchen dort hinten auf der Wiese sehen? Sie werden gleich in ihre Bauten springen, um sich vor den Massen, die den Park betreten, zu verstecken. In der Nacht ist der Park ihr Revier, ihre Heimat. Ich frage mich manchmal, wie es sich in den Kaninchenbauten wohl anhört, wenn tausende von Füßen über ihren Köpfen trampeln?“

„Nun, immerhin müssen sie nicht auch noch den Straßenlärm über sich ertragen wie die Millionen von Ratten unter der Stadt, also haben sie es ja noch gut getroffen.“

„Vielleicht knoten sich die Kaninchen ihre langen Löffel einfach eng um den Kopf und schotten sich so von allen störenden Geräuschen ab?“, sinnierte nun auch David. Annie versuchte, sich dies vorzustellen.

„Hm, als ob sie Ohrenschützer tragen würden. Ja, das könnte hinhauen. Allerdings stelle ich mir das recht anstrengend vor, so den ganzen Tag lang. Ich meine, stell dir das mal vor: tausende von Kaninchen mit verknoteten Ohren in ihren Bauten. Meinst du, die merken dann noch, wann der Krach aufhört?“

David war nicht in der Lage, ihr zu antworten, da er sich vor lachen kaum noch halten konnte. Annie sah David an und merkte, wie sich bei ihr langsam aber sicher das Verlangen ausbreitete, mitzulachen. Es gelang ihr nicht, es zu unterdrücken und nun prustete es heftig aus ihr heraus. Ristorn in seiner unendlichen Güte und geschulten Gleichgültigkeit deckte den Frühstückstisch und stellte sich, geduldig auf das Ende des Heiterkeitsausbruchs der beiden wartend, an die Terrassentür, um den gedeckten Tisch zu melden. Als ihm dies endlich gelang und Annie und David ihre Plätze einnahmen, servierte er gelassen das Frühstück.

„Ich wünsche Ihnen eine guten Morgen“, begrüßte er sie nun und verließ hoch erhobenen Kopfes den Raum.

„Ich glaube langsam, dein Butler mag mich immer weniger“, vermutete Annie.

„Unsinn, ich wette, dass er in der Küche gerade meiner Haushälterin erzählt, wie glücklich du mich machst“, lächelte er Annie an und erfreute sich, nicht zum ersten Mal seit er sie kannte, an der leichten, zarten Rötung, die über ihr Gesicht huschte.

Mrs. Truder, Davids Haushälterin, wusste schon lange, was Ristorn von Annie hielt und war mit ihm einer Meinung. Annie tat David gut. Schon lange hatte sie ihren Arbeitgeber nicht mehr so ununterbrochen glücklich gesehen. An jedem Morgen, wenn Annie hier übernachtete, bemerkte sie mittlerweile, dass Ristorn tatsächlich lächeln konnte, wenn er sich unbeobachtet glaubte. Das an sich war schon Wunder genug, dass sie aber jemals so weit gehen könnte, Ristorn als nicht völlig unattraktiv einzustufen, wäre ihr noch vor Wochen nicht im Traum eingefallen. Mrs. Truder war nun schon seit sieben Jahren Witwe und die Arbeit bei David half, ihre kleine Rente aufzubessern, die sie seit dem Tode ihres Mannes bekam. Sie hatte eine geistig behinderte Tochter, die sie so in ein besseres Heim schicken konnte, wo man sie ihren Bedürfnissen entsprechend gut versorgte. Sie war David dankbar und liebte ihn wie einen Sohn. Sie hatte schon oft das mitunter recht zweifelhafte Vergnügen gehabt, die eine oder andere Liebschaft Davids kennen zu lernen. Keine von ihnen war wie Annie und sie hoffte stark, David würde klug genug sein zu sehen, was er an dieser Frau hatte.

Damit stand sie nicht allein. Auch Davids Geschwister fanden, dass ihr Bruder endlich erwachsen geworden sei. So waren sie auch nicht wirklich verwundert, als David ihnen etliche Wochen später einen wunderschönen blaugefärbten Diamantring zeigte, mit dem er bei Annie um ihre Hand anhalten wollte. Tagelang machte er sich Gedanken darum, wie, wo und wann er das am besten tun solle. Ganz sicher hatte er nicht an einen trostlosen, regnerischen und windigen Tag gedacht, an dem seine Sandwiches am Set durch einen Windstoß in eine Pfütze fielen, sein Freund George an diesem Tag zu allem Überfluss krank war, so dass Annie aushalf. Nein, ganz sicher auch nicht an die kleine Stufe des Bürgersteiges, über die er stolperte, während er versuchte, das letzte Tablett mit Leckereien in Sicherheit zu bringen, mit diesem über Annie fiel und ganz sicher nicht, dass er im Dreck hockend verzweifelt auf das kleine Ringetui blicken würde, das aus seiner Tasche direkt vor Annies Füße purzelte. Ebenso wenig hatte er sich vorgestellt, dass seine Angebetete angestrengt versuchte, nicht zu lachen, was ihr definitiv genauso wenig gelang, wie all den anderen, die Davids Sturz mitbekamen. durchnässt und mit Pfützenflecken im Gesicht schnappte er sich das Etui und rutschte auf Knien zu Annie hin.

„Geliebte Annie, könntest du für einen, wenigstens einen kleinen, Moment darauf verzichten, deine Grübchen über meinen triefenden Haaren leuchten zu lassen und mir gefallenem Mann sagen, ob du meine Frau werden willst?“

Damit öffnete er das Etui und hielt es Annie mit tropfendem Gesicht und Mitleid heischendem Dackelblick hin.

Immerhin schaffte er es noch, nach ihrer Hand zu greifen. Dies war, wie sich herausstellte, keine besonders gute Idee, denn ein weiterer Windstoß ließ ihn erneut umkippen und da er sich gerade verzweifelt an Annies Hand festhielt, zog er sie mit sich zu Boden. Da lagen sie nun beide im Dreck. Der Diamant glitzerte mit den Tropfen des Regens in ihren Haaren um die Wette. Um sie herum war das Gelächter verstummt. Man konnte die Stille fast greifen, so gespannt waren alle. Annie schaute David leicht schmunzelnd an:

„Ich bin es ja durchaus schon gewohnt, dass man in deiner Nähe aufpassen muss, nicht mit Essen beworfen zu werden, aber mal ehrlich, ich hätte dich auch schon für ein Sandwich genommen, ein ganzes Tablett scheint mir selbst für meinen Appetit übertrieben zu sein.“

Den Applaus und das Lachen der Umstehenden bekam sie nicht mehr mit, denn David küsste sie so fest, dass es ihr den Atem verschlug.

David spielte mit dem Gedanken, geschäftlich nach Europa zu expandieren. Um erste Kontakte zu knüpfen, fasste er den Besuch des Filmfests in Tromsö ins Auge, das stets zum Ende der dortigen Polarnacht im Januar stattfand. Da die kleine Stadt inmitten der nordnorwegischen Fjorde zudem auch sehr idyllisch liegt, beschlossen David und Annie, dort auch ihre Flitterwochen zu verbringen. Ihre winterliche Hochzeitsreise führte sie in eine kleine Pension mit einem weiten Ausblick auf die Stadt, den Fjord und die scheebedeckten Berge. Nicht lange nach dem Filmfest endete die Polarnacht, die dort von November bis Januar dauert. Eigentlich geht die Sonne am einundzwanzigsten Januar wieder auf, doch Tromsö ist von hohen Bergen umgeben. So kann es schon mal Februar werden, bis die ersten Sonnenstrahlen die Insel inmitten der Fjorde erreichen. Dieses Ereignis wollten sie sich nicht entgehen lassen. Sie unternahmen Ausflüge auf die umliegenden Inseln und manchmal mieteten sie ein kleines Boot um auf Grindöya, einer kleinen Insel südwestlich von Tromsö, in die himmlische Ruhe des menschenleeren Gebietes zu flüchten. Eine Tasche voller kleiner norwegischer Köstlichkeiten, Schlafsäcke und zwei Decken für jeden gegen die eisige Kälte der Polarnächte reichten ihnen für ihre kleinen Picknicks. In der Einsamkeit fanden sie viel Zeit um über ihr Leben, ihre Gefühle, ihre Zukunft zu sprechen. Danach liebten sie sich und schliefen ungeachtet der Kälte ein, friedlich, mit sich und der Welt zufrieden. Jener Abend im Februar, an dem sie sich besonders intensiv liebten, war ein besonderer. Ein unscheinbares Polarlicht flackerte hoch am Himmel über ihren Köpfen. Die kosmische Energie übertrug sich auf ihr Liebesspiel und die empfundene Ekstase brachte sie ans Ende ihrer Kräfte. Sie sanken in einen tiefen Schlaf.

Die Alten waren nun nach Jahrhunderten wieder im Sonnensystem der Menschen angekommen. Sie machten sich bereit, auf dem einzigen dort bewohnten Planeten nach Leben zu schauen. Im Norden der blauen Kugel entdeckten sie ein Menschenpaar, eng umschlungen am Strand einer kleinen Insel. Sie untersuchten den Planeten auf seinen Fortschritt und beschlossen, ihm einen kleinen Entwicklungsschub zu geben. Ihnen war natürlich nicht entgangen, dass sich bereits eine neue emotionale und geistige Entwicklung vollzogen hatte, doch sie suchten nach bestimmten, schon vorhandenen Vorzügen, wie man sie nur bei besonderen Individuen vorfindet. Das Paar entsprach den ihnen vorgegebenen Normen, auch wenn sie nicht mehr wussten, wer ihnen diese Normen gegeben hatte, das war lange her und nicht mehr wichtig. Sie hatten eine Aufgabe und dieser gingen die Alten akribisch nach. Sie besaßen Scanner, mit denen sie aus großer Entfernung das Entwicklungspotenzial eines Individuums ermitteln konnten. Die Analyse des Erbguts versetzte sie dann in die Lage, mit erstaunlicher Genauigkeit einzuschätzen, wie sich Nachkommen eines Paares entwickeln und welche Richtung ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten nehmen würden. Bei einem guten Fund sollten sie die Entwicklung entscheidend vorantreiben. Das taten sie. Zuverlässig und unbeirrbar. Während sich das Polarlicht über der Wolkendecke im Norden ausbreitete, begannen sie mit ihrer Arbeit. Das Menschenpaar merkte in diesem Moment nichts, da es gerade voller Hingabe mit Fortpflanzungsritualen beschäftigt war, eine gute Gelegenheit für die Alten, ihre Arbeit unbemerkt zu verrichten. Das Leuchten des Strahls zur Veränderung der beiden Wesen am Strand vermischte sich mit dem Leuchten in der hohen Magnetosphäre des Planeten. Zurück blieben nur die blau-grün schimmernde Aurora Borealis und das schlafende Paar, während das Schiff der Alten unbeirrbar schon das nächste bewohnte Sternensystem ansteuerte.

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9783754138274
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