Kitabı oku: «Sternenfrau Eve», sayfa 5

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Die Harfenstation

Die Harfenstation

David rannte, seine Verfolger waren ihm dicht auf den Fersen. Als er um die nächste Ecke hetzte, hatte er Glück, niemand da. Er sprang. Annie wartete schon eine ganze Weile in ihrer neuen Wohnung auf ihn. Obwohl sie es gewohnt war, erschrak sie immer noch, wenn er unvermittelt vor ihr aus dem Nichts materialisierte.

„Wir müssen fort!“, keuchte er noch ganz außer Atem. „Pack schnell das Nötigste zusammen und nichts wie weg!“

Sie hasste diese Worte. Wieder einmal mussten sie sich ein neues Leben zimmern und es wurde von Jahrzehnt zu Jahrzehnt schwieriger. Sie konnten der Überwachung durch immer perfidere Technologien kaum noch entgehen. Nun war es wieder Zeit für eine neue Identität. Einhundert und sieben und zwanzig Jahre waren vergangen und wider Erwarten waren die Menschen auf der Erde nicht bereit, andersartige Menschen zu tolerieren. Sie wurden als entartet verleumdet und ständig verfolgt.

In den ersten Jahren nach ihrer Verwandlung besuchten sie Genetiker in vielen Ländern, doch keiner konnte mit Bestimmtheit sagen, was eigentlich mit ihnen passiert war. In einem waren sich jedoch alle einig: Auf eine unbekannte Art und Weise waren ihre Gene manipuliert worden. Sie waren zwar weiterhin menschlich, doch ihre Gensequenzen bargen mehr Informationen als sonst normalerweise üblich oder gar zu jener Zeit messbar. Immer noch gab die überaus komplexe Arbeitsweise des menschlichen Gehirns Forschern und anderen Interessierten Rätsel auf. Erst die Verknüpfung einzelner Gehirnareale durch neuronale Netze ermöglicht es Menschen, verschiedene Dinge zur selben Zeit zu unternehmen, ohne dabei geistig ins stolpern zu geraten, meistens zumindest.

Doch bei Annie und David ging die Funktionsweise dieser Netzwerke und damit die Nutzung der Areale noch immer über das bekannte Wissen hinaus. So waren sie in der Lage, neue Verknüpfungen zu bilden, die zuvor niemand für möglich gehalten hätte. Ein fotografisches Gedächtnis ist eine Sache, es dafür zu verwenden, logische Schlussfolgerungen zu ziehen und neue Erkenntnisse zu erreichen, eine andere. Egal, an welcher Universität sie mit neuer Identität auftauchten, immer profitierte die Uni von neuen Entdeckungen der beiden Ausnahmetalente. Der Nachteil war, dass sie Aufmerksamkeit erregten, wo sie keine gebrauchen konnten. Das Ergebnis war Flucht, immer wieder. Bald zogen sie sich ganz aus dem Forschungsleben zurück. Es war zu gefährlich geworden. Sie waren fast schon zu Geistern geworden, die hin und wieder auftauchten und genauso geheimnisvoll wieder verschwanden, wie sie gekommen waren. Ihre mangelnde Alterung stellte ebenfalls ein Problem dar. Sie sahen immer noch aus wie Anfang zwanzig und es schien sich in absehbarer Zeit nicht zu ändern. Mittlerweile waren Annie und David jedoch bereits einhundert und drei und sechzig und einhundert und neun und sechzig Jahre alt. Es tat noch immer weh, dass keiner ihrer Verwandten oder Freunde mehr lebte und um Trennungs- und Verlustschmerz vorzubeugen, vermieden sie es, neue Freundschaften zu schließen. Sie waren allein und einsam. Zweimal nahmen sie sich selbst Auszeiten und trennten sich für mehrere Jahre. So wollten sie die Entstehung von Überdruss vermeiden, um sich nicht gegenseitig auf die Nerven zu gehen. Länger hielten sie es jedoch ohne den anderen nicht aus. In ihrem überlangen Leben mussten sie sich, so oft sie flüchteten und eine neue Identität annahmen, neue Bankkonten eröffnen. Natürlich verdienten sie in dieser langen Zeit viel mehr Geld als Normalsterbliche. Und das mussten sie auch, denn die immer wieder wechselnden Identitäten verschlangen viel.

Annie packte schnell das notwendigste. „Weißt du schon, wohin wir diesmal gehen sollen?“

„Ich habe keine Ahnung“, antwortete David schulterzuckend.

„Ich bin es leid, flüchten zu müssen. Gibt es denn keine gottverdammte, einsame Insel, auf die wir fliehen können?“

„Ich befürchte, wir haben sie alle schon abgeklappert. Du weißt genau, wie sehr wir uns nach nicht langer Zeit gelangweilt haben. Egal, wie sehr uns die Menschen auch ablehnen für das, was wir sind, wir können nicht lange ohne ihre Gesellschaft sein.“

„Mir hat es hier gut gefallen. Ich verstehe überhaupt nicht, was daran so schlimm ist, dass wir die Leute aus dem Feuer geholt haben?“

„Nicht, dass wir es getan haben finden die Leute merkwürdig, sondern wie wir es getan haben. Denk doch mal an früher zurück, als wir noch wie alle anderen waren. Ehrlich gesagt wüsste ich nicht, wie ich reagieren würde, wenn plötzlich zwei Leute aus dem Nichts auftauchen und in der Luft schwebend mit ein paar Armbewegungen Wasser aus einem nahegelegenem See auf ein Haus herunter regnen lassen. Und dann auch noch immer wieder in das Haus springen und die gefährdeten Menschen herausholen und das in einer geheimnisvollen Blase, durch die weder Wasser noch Feuer dringt! So etwas kann man doch keinem erklären. Ist doch völlig absurd. Also, ich hätte bestimmt auch blöd geguckt, du etwa nicht?“

Annie sah ihren grinsenden Gatten an und musste selbst schmunzeln. „Oh ja, ich glaube, ich wäre in die Klapsmühle gegangen. Die Feuerwehr war aber auch wirklich langsam. Dieses Feuer war irgendwie unheimlich, findest du nicht?“ „Hm, jetzt wo du das sagst - stimmt. Es kroch immer nur an einer Seite der Treppe hinauf, als ob jemand einen Pfad für das Feuer gelegt hätte. Ich hatte auch ein Gefühl, als ob unter den Zuschauern jemand stand, der sich daran erfreute. Also haben wir es hier mit einem Brandstifter zu tun. Den sollten wir zumindest noch fangen. Mir gefällt der Gedanke nicht, dass so einer irgendwann Menschen töten könnte!“

„Gut, hinter dem Haus hab' ich einen Baum gesehen, wir könnten erst mal dorthin springen und dann sehen, wie wir weiter vorgehen.“

Sie sprangen. Vom Baum aus hielten sie Ausschau. Sie bemerkten, dass sie in das beschädigte Haus springen konnten, ohne gesehen zu werden. Noch standen Feuerwehr, Polizei und die üblichen Schaulustigen auf der Straße. Annie und David konzentrierten sich und ließen ihre Sinne schweifen. Sie vernahmen die Gedanken der vor dem Haus stehenden und empfanden ihre gemischten Gefühle. Erstaunen, Ungläubigkeit und Wut herrschten vor. Sie konzentrierten sich auf die Wut und fanden einen sechzehnjährigen Jungen, der etwas abseits der Menge stand. Sie drangen weiter in seine Gedankenwelt vor. Annie erstaunte diese aufgestaute Wut. Sie schrak zurück vor der Wucht dieses Gefühls und war für kurze Zeit unkonzentriert. Da David sich davon nicht beirren ließ, suchte Annie sich ein neues Ziel. Verachtung? Jemand empfand Verachtung. Für wen oder was? Annie suchte tiefer. Die junge Frau, die dieses vehemente Gefühl aussandte, war eine Bewohnerin des Hauses. Ihre Verachtung wandte sich eindeutig gegen einen Familienvater, der eine Ebene unter ihr gewohnt hatte. Oh, sie hatten ein Verhältnis. Die Frau betrachtete den Mann, der sich liebevoll um seine Frau und Kinder kümmerte. Je weiter Annie die Gedanken dieser Frau erforschte, desto mehr konnte sie neben dem vorherrschenden Gefühl der Verachtung auch eine Enttäuschung darüber feststellen, dass der Mann noch lebte. Annie drang weiter vor. Nun hatte sie die Erinnerung der Frau erreicht. Sie sah mit den Augen der Frau wie sie die Treppe hinabstieg und eine Weile vor der Tür des Angebeteten stehen blieb und an dieser lauschte. Sie hörte Lachen aus der Wohnung und spürte die Einsamkeit der Frau. Dann kam die kalte Wut. Annie fröstelte. Die Frau ging die Treppe hoch zurück in ihre Wohnung. Dort holte sie zwei Kanister mit Reinigungsalkohol, die sie einige Tage zuvor besorgt hatte und schlich leise die Treppe hinab ins Erdgeschoss. Vorsichtig laute Geräusche vermeidend schüttete sie die Flüssigkeit an der Treppenwand entlang, bis sie wieder vor ihrer Wohnung stand. Dort holte sie einen Kerzenstummel aus ihrem Wohnzimmerschrank und nahm ein Feuerzeug vom Tisch. So bewaffnet huschte sie die Treppe hinunter. Sie stellte den Stummel in eine Lache, die sich bereits durch die Flüssigkeit am Fuße der Treppe gebildet hatte und zündete sie an. Dann huschte sie in ihre Wohnung zurück, wickelte sich sorgsam in eine kuschelige Decke auf ihrem Sofa und wartete. Es ging schneller als sie gedacht hatte. Sie sah den Feuerschein durch die Türritze und wickelte sich fester in die Decke. Sie war entschlossen, im Feuer zu sterben und alle mit sich zu nehmen. Annie zog sich zurück und weinte lautlos. Sie empfand Mitleid für die Frau, auch wenn sie nicht billigte, was sie getan hatte.

David hatte mittlerweile herausgefunden, dass der Teenager noch neu war in diesem Haus. Er hatte gerade eine neue Pflegefamilie gefunden. Nun war das Haus abgebrannt. David empfing neben der Wut die Angst des Jungen, Angst wieder zurück zu müssen. Es hatte ihm gut gefallen in der neuen Familie und er war fest entschlossen, das Beste für sich daraus zu machen. Die Neuen waren nett und sie bemühten sich sehr um ihn. Das hatte ihm gefallen. Doch was, wenn sie ihm die Schuld an dem Feuer gäben? Das Pflegekind bekam immer die Schuld. Wut und Angst vermischten sich und der Junge fing an, zu weinen. David entfernte sich vorsichtig aus dem Kopf des Jungen. Er betrachtete seine Frau, die in dem ausgebrannten Zimmer stand und weinte. Er spürte, dass sie herausgefunden hatte, was passiert war, ging zu ihr und nahm sie in den Arm.

„Komm Annie, du kannst es nicht mehr ändern, wir haben keinen Einfluss auf Vergangenheit und Zukunft. Sag mir, was du gefunden hast!“

Annie schmiegte sich in seine Arme und schilderte ihm, was passiert war.

„Wir werden der Polizei ein Schreiben zukommen lassen, weiter können wir nichts tun“, versuchte David sie zu trösten.

Doch Annie hörte ihm nicht zu. Sie verschwand direkt vor ihm und er ahnte, wohin sie sprang. Schon hörte er aus dem Tumult vor dem Haus die Stimme seiner Frau heraus.

„Sie haben das Leben so vieler Menschen bedroht, nur um sich Befriedigung am Tod dieses Mannes zu verschaffen! War er das wert? Schauen Sie doch hin! Dort steht er mit seiner Familie und würdigt Sie keines Blickes. Hat er Sie schon gefragt, ob es Ihnen gut geht? Nein hat er nicht, er schert sich keinen Deut um Sie! Ihr Brandanschlag war vergeblich! Alle leben noch, Sie auch, aber es geht Ihnen nicht besser und ich kann Ihnen sagen, im Gefängnis wird sich das auch nicht ändern!“

Annie war wütend und bemerkte nicht, wie sich von hinten ein Polizist näherte. Er hatte seine Waffe gezogen und wollte sich eigentlich gerade die fremde Frau vornehmen, die wie aus heiterem Himmel in der Menge aufgetaucht war, um sie zu verhaften als er bemerkte, was sie sagte. Er blickte die junge Frau an, die von Annie beschuldigt wurde und sah das schlechte Gewissen in ihrem Gesicht. Die Feuerwehr hatte ihn bereits darauf aufmerksam gemacht, dass der Brand womöglich gelegt worden sei. Nun erschien es ihm erst mal wichtiger, die andere Frau wegen Brandstiftung zu verhaften. David war auf dem Sprung, um seine Frau vor der vermeintlichen Bedrohung durch den Polizisten zu retten, als er dessen Sinneswandel bemerkte. Erleichtert nickte er ihr zu und Annie verschwand vor den Augen der verblüfften Menge, bevor sich die Aufmerksamkeit der Ordnungskraft wieder ihr zuwenden konnte.

Superhelden gibt es in Comics. In Wirklichkeit wollen die Leute aber lieber niemanden, der so entschieden anders ist als sie selbst. Die unglaublichen Fähigkeiten, die Annie und David entwickelt hatten, schützten sie nicht vor einem aufgebrachtem Mob. Immer wieder hatten sie es mit Angst, Verwunderung, Ungläubigkeit und Wut zu tun. Trotzdem konnten sie nicht widerstehen. Sahen sie eine Möglichkeit, in ein Chaos einzugreifen, taten sie es. Sie konnten nicht anders, sie waren gute Menschen. Warum konnte man sie nicht einfach in Ruhe lassen? Sie haben nie jemandem wehgetan, niemandem Schaden zugefügt. Und doch waren sie ständig auf der Flucht. Wenn man im Internet nach ungewöhnlichen Dingen suchte, tauchten nicht selten Bilder von ihnen auf, selbst solche, deren Entstehung schon mehr als fünfzig Jahre zurücklag. In einem Video aus dem Jahre 2115 sah man, wie Annie und David bei einem Erdbeben eine Brücke stützten, die einzustürzen drohte. So konnten alle Autos auf der Brücke sicher auf die andere Seite fahren. Dann brach die Brücke krachend zusammen. In der riesigen Staubwolke entkamen sie, bevor die Militärpolizei aus dem nahegelegenen Stützpunkt den Unglücksort erreichte. Jahre später tauchte ein Video auf, in dem zu sehen war, wie sie einem Flugzeug zu einer sicheren Landung verhalfen, in dem ein Brand ausgebrochen war. Sie schwebten neben dem Flugzeug und geleiteten es, bis es auf der Landepiste aufgesetzt hatte. Dann verschwanden sie wieder.

Besonders kurios erschien ein Fall von Wunderheilung. Als ein berühmter Aidsforscher erfuhr, dass er an Pankreaskrebs litt, suchte er Informationen im Internet über Behandlungen und Heilmöglichkeiten. Bevor er fündig wurde, standen unversehens ein Mann und eine Frau in seinem Zimmer. Die Frau berührte seinen Körper mit einer Hand und schloss ihre Augen, während der Mann aufpasste, dass niemand störte. Nach einer Weile verspürte der Kranke ein leichtes Kribbeln im gesamten Körper. Als er zu seiner Heilerin aufsah, erschrak er. Sie sah jetzt so krank aus, als hätte sie seine Krankheit aufgesaugt. Bald löste sich die Frau von ihm und war so geschwächt, dass ihr Mann sie helfend stützen musste. Sie käme gleich wieder in Ordnung versicherte er und tatsächlich verbesserte sich ihr Zustand sichtlich. Bald sah sie wieder aus wie das blühende Leben. Sie lächelte dem Geheilten zu und wünschte ihm noch viel Erfolg bei seiner Forschung. So still und leise, wie sie auftauchten, verschwanden sie auch wieder, jedoch nicht, ohne einen gewichtigen medizinischen Fachartikel zu hinterlassen. Mit seiner Hilfe konnte der Geheilte seine Forschung fünfzehn Jahre später beenden. So ging die lange Suche nach einer Therapie gegen das schreckliche AIDS erfolgreich zu Ende. Der Forscher gab an, nicht der alleinige Entwickler der Therapie zu sein und berichtete mehrere Male von seinem Heilerlebnis. Die Öffentlichkeit war skeptisch, niemand glaubte ihm. Auch den Angaben anderer ehrlicher Wissenschaftler, die über ähnliche Besuche durch ein Heilerpaar berichteten, wollte niemand glauben.

Immer wieder tauchten Annie und David wie Phantome in verschiedenen Videos auf. Die Diskussionen über die beiden merkwürdigen Personen nahmen kein Ende. Die Meinungen waren sehr unterschiedlich. Selbstverständlich wurde auch der Wahrheitsgehalt der Videos angezweifelt. Die Technik war schon vor hundert Jahren in der Lage, solche Filme zu fälschen. Als Begründung für Zweifel an der Echtheit der in den Videos dokumentierten Taten und Ereignisse wurde auch das Alter der beiden angeführt, welches ja in allen Videos gleich blieb. Doch war es bis jetzt noch niemandem gelungen, Fakes oder Fälschungen zu beweisen. Trotzdem blieb die öffentliche Meinung skeptisch. So prallten wohlmeinende und feindliche Meinungen für lange Zeit aufeinander. Superhelden, Mutierte, Außerirdische wurde spekuliert. Keiner kam auf die Idee, sie als normale Menschen mit allerdings außergewöhnlichen Extrafähigkeiten zu sehen. So blieb es auch in den folgenden zweihundert Jahren. Die Globalisierung von Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur war weit fortgeschritten. Schon seit über fünfzig Jahren gab es keinen Krieg mehr auf der Welt mit Ausnahme kleinerer bewaffneter Rechthabereien durch Waffensüchtige in speziell eingerichteten Kriegszonen in der Sahara und in Sibirien. Die erste Siedlung auf dem Mond war schon lange errichtet und an den Rändern des Sonnensystems sammelten automatisierte Kondensatoren Gase wie Helium und Wasserstoff in riesigen Lagertanks für eventuelle zukünftige Unternehmungen.

Ein neues Zeitalter war angebrochen, doch für Annie und David blieb sozial alles beim alten. Sie existierten immer noch am Rande einer Gesellschaft, zu der sie selbst mehr oder weniger bewusst ihren Teil beigetragen hatten. Die unsinnige Furcht vor ihnen schweißte die Nationen zusammen. Wenn auch die Medien leugneten, dass es sie gab, so wussten die Regierungen der Länder nicht nur, dass die beiden real existierten, sondern auch, dass in den letzten Jahren an vielen Orten noch andere Menschen aufgetaucht waren, die ebenfalls über außerordentliche Fähigkeiten verfügten. Mit allen Mitteln versuchten Regierungen und Ministerien, das Bekanntwerden dieser Menschen zu unterdrücken. Doch die Vorkommnisse mit mental und körperlich besonderen Menschen häuften sich.

Keiner bemerkte das seltsame Wesen, das in einer Seitengasse unter einer Dachrinne hing und von dieser exponierten Stelle aus alles auf der Straße unter sich beobachtete. Die krallenbewehrten Hände und Füße des Jungen hinterließen kleine Kratzer, als er übers Dach davonschlich. In seinem Zimmer auf der anderen Seite kam er gerade an, als seine Mutter an die Tür klopfte. Schnell zog er sich Strümpfe und Handschuhe an und öffnete seiner Mutter.

„Caleb!“ rief seine Mutter aus, als sie ihren tropfnassen Sohn sah.

„Wie oft haben wir dir gesagt, du sollst nicht über die Dächer klettern? Wenn dich jemand sieht!?“

„Ach, bei dem Regen schauen doch alle auf ihre Füße um nicht nass zu werden. Da sieht keiner einen komischen Jungen. Ich brauche auch mal frische Luft!“, antwortete Caleb trotzig.

Seine Mutter sah ihren Sohn traurig an und wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Sie wollte ihn doch nur schützen. Als Caleb zur Welt kam, galt er als medizinische Sensation. Die Ärzte staunten nicht schlecht über das Baby mit Krallen an Händen und Füßen. Ständig wollten sie ihn beobachten und untersuchen, als ob er kein Mensch sei. Als er älter wurde, stellte sich heraus, dass seine Arme im Vergleich zu Gleichaltrigen ein anderes Längenverhältnis von Ober- zu Unterarm hatte und er gleichwohl wunderbar mit allen vier Extremitäten greifen konnte. Insgesamt waren seine Arme deutlich länger als normal und sehr kräftig, Grund genug für viele seiner Mitschüler, ihn bei jeder Gelegenheit zu quälen, zu hänseln und auszugrenzen. Als dann zu allem Überfluss von medizinischer Seite verbreitet wurde, er sei eher ein haarloser Affe als ein Mensch, verließ seine Mutter die quälende und immer feindlichere Umgebung und versteckte sich mit ihm. Sie unterrichtete ihn so gut es ging zu Hause. Doch nun war der Junge dreizehn. Ein schwieriges Alter, das wusste sie und sie stand ganz allein da. Sein Vater war weggelaufen, so sehr hatte er sich seines Sohnes geschämt. So hatte Calebs Mutter in letzter Zeit versucht, herauszufinden, ob es noch andere wie ihn gab. In einigen Tagen sollte ein erstes Treffen mit einer Gruppe von Leuten stattfinden, die sich die 'New Naturals' nannten. Sie wusste nicht, was sie dort erwarten würde, aber sie übte sich in Hoffnung und Zuversicht.

Benta fand es großartig, zu springen, ihre Eltern weniger, denn Benta konnte sehr weit springen. Allerdings schaffte sie es einfach nicht, den Weg zurück ebenfalls zu springen. So mussten sie ständig ihre Tochter aus allen möglichen Gegenden abholen und lernten dabei Land und Leute gut kennen. Langsam gingen ihren Eltern die Ausreden aus, wie ihre Tochter von Hamburg nach München oder in den Harz oder zur Edertalsperre gelangt war, ohne Eltern, ohne andere erwachsene Begleitung. Benta war acht und langsam aber sicher fand das Jugendamt die Ausflüge des kleinen Mädchens verdächtig. Verzweifelt versuchten die Eltern, übers Internet andere Betroffene zu finden. Nach einigen Fehlschlägen fanden sie zu den New Naturals.

!Kurukus Lebensweg war für den Rat der Ältesten völlig klar, er sollte Schamane werden. Schon als Kind hatte er Visionen und im zarten Alter von sechs Jahren sah er das verseuchte Wasser in der kleinen Ebene, sah, dass !Bandera sich den Arm brechen würde und dass die jüngste Kuh im Dorf Zwillinge bekommen würde. Nun war er sechzehn und seine Visionen wurden deutlicher. Aus den umliegenden Dörfern der Kalahari kamen die Menschen, um seinen geschätzten Rat zu erbitten. So wurde sein Dorf das am meisten geachtete der Gegend. !Kuruku hielt sich für einen ganz normalen jungen Mann und wollte gerne die schöne !Ibari heiraten. Doch das kam nach Meinung seines Volkes für einen Schamanen nicht in Frage. Eine Frau könnte ihn seiner Seherkraft berauben und so einen großen Schaden für die Gemeinschaft anrichten. So fügte sich !Kuruku.

Sinta gefiel es, Dinge im Raum schweben zu lassen. dass sie dies konnte, ohne sich selbst zu bewegen, fanden ihre Eltern nicht so gut. Als sie eines Tages ihren schreienden Bruder Rahul in seinem Kinderbettchen ins Nachbarzimmer bewegte, weil sie sein Geschrei nicht mehr ertragen konnte, bekam sie Hausarrest. Die Großmutter bekam fast einen Herzinfarkt, als sie plötzlich das schwebende Bett neben sich sah. Sinta musste versprechen, so etwas nie wieder zu tun und die Eltern flehten in ihren Gebeten zu den Ahnen um Besserung ihrer Tochter. Die verschreckte Großmutter wurde nun, ganz ohne böse Absicht und ohne die Folgen zu erahnen, zur Quelle des Gerüchts, Sinta sei eine Zauberin. Eines Tages stand eine hochgewachsene weiße Frau vor der Tür und gab an, ihnen bei ihrem kleinen Problem helfen zu können. Nach einem längeren Gespräch und dem Wechsel einer größeren Summe Rupien nahm die fremde Frau Sinta mit sich.

Karla wusste schon sehr früh, dass irgendetwas mit ihr nicht stimmte. Am Anfang glaubte sie, Stimmen von Leuten zu hören, die gar nicht sprachen. Bald erkannte sie, dass die Stimmen Gedanken anderer waren und dass die anderen es überhaupt nicht gut fanden, wenn sie ihre Gedanken aussprach. Bald lernte sie, die auf diese ungewöhnliche Weise gesammelten Informationen für sich zu nutzen. Im Alter von siebenundzwanzig Jahren wurde sie von den New Naturals entdeckt. Sie suchte Menschen mit ungewöhnlichen Fähigkeiten auf, untersuchte deren Umfeld und nahm sie, wenn die Lebenssituationen schwierig waren, mit sich. Bei Kindern zahlte ihre Organisation auch schon mal Geld, um die Eltern für ihren vermeintlichen Verlust zu entschädigen. Doch einen wirklich traurigen Eindruck machten diese Eltern eigentlich nie. Sie schienen eher erleichtert zu sein. Tatsächlich hatte Karla noch nie Eltern angetroffen, die fragten, was denn nun mit ihren Kindern geschehen würde. Das machte sie traurig. Als sie Sinta mit sich nahm, konnte sie sogar Hass und Furcht in den Augen einiger Dorfbewohner sehen, an denen sie mit ihr vorbeiging. Sie vermied es sorgfältig, deren Gedanken zu hören und beeilte sich, so schnell wie möglich wegzukommen.

Die Evolution des Menschen, wie auch die der Pflanzen und Tiere, ist ein langwieriger, mächtiger und komplexer Prozess, der beständig voranschreitet, allerdings nicht mit gleichbleibender Geschwindigkeit, sondern offensichtlich mit kürzer werdenden Entwicklungsabschnitten. So dauerte die Entwicklung vom Australopithecus zum Homo Erectus nach heutigem Wissen ungefähr dreieinhalb bis vier Millionen, vom Homo Erectus zum Neandertaler etwa zwei bis zwei komma drei Millionen, vom Neandertaler zum Homo Sapiens ca. einhundert und fünfzigtausend und vom Homo Sapiens zum Homo Sapiens Sapiens nur noch um die vierzigtausend Jahre. Dieser Evolutionsschritt liegt etwa zwanzigtausend Jahre zurück, welcher wird der nächste sein und wann wird er abgeschlossen sein? Ob der Neandertaler Angst vor dem Aussterben hatte, als er den Homo Sapiens sah? Vermutlich. Hatte der Homo Sapiens Angst, als der Homo Sapiens Sapiens kam? Vielleicht. Aber wie viel von ihnen ist in der evolutionären Entwicklung erhalten geblieben? Wie viel Neandertaler und Sapiens steckt in Sapiens Sapiens? Welche ihrer Erfahrungen tragen wir in uns? Welche Ängste, welche Freuden teilen wir mit unseren evolutionären Vorgängern?

Wir wissen es nicht. Wir können es nur vermuten, in der Wissenschaft heisst das These oder Hypothese. Man kann vieles vermuten, aber nur wenig beweisen und wenn etwas nach dem gegenwärtigen Stand des Wissens als bewiesen gilt, kommen meist irgendwann neue Informationen und Entdeckungen, die den Erkenntnisstand verändern. Je weiter wir in unserer Forschung vordringen, desto weiter werden wir in unseren vorhandenen Ergebnissen zurückgeworfen. Es scheint paradox: Je mehr Fragen durch Forschung beantwortet werden, desto mehr neue Fragen stellen sich. Schon Sokrates wusste 'Ich weiß, dass ich nichts weiß'. Alle Eltern kennen das Problem, wenn ihre Kinder zu jeder noch so ausgefeilten Erklärung trotzdem ein „Warum?“ von ihren Lippen trotzen. Am Ende bleibt dann oft nur noch ein gequältes „Weil es so ist und nun Schluss mit der Fragerei!“ Tief im Inneren können aber auch Erwachsene manchmal ebenfalls ein leise seufzendes warum? vernehmen. Die menschliche Neugier ist unersättlich. Sie treibt uns stets voran. Ist sie etwa eine evolutionäre Antriebsfeder? Haben unsere Vorfahren das auch so gesehen? Die Evolution macht Sprünge, das ist aus vielen Untersuchungen in der Genforschung bekannt. Das wissen wir, weil wir diese Sprünge Tag für Tag essen, sie sogar als Begleiter, in Form unser geliebten Haustiere, halten. Manchmal haben wir diese Sprünge gefördert. Wer hätte es vor zweihundert Jahren für möglich gehalten, Pflanzen in der Wüste zu sehen, die irgendwie so entstanden sind? Wir haben daraus gelernt, dass Evolution nicht aufzuhalten ist. Sie ist Teil dieser Natur, in der wir nicht nur leben, sondern zu der wir genauso gehören wie der Kaktus in der Wüste oder das Känguru in Australien. Auch wir entwickeln uns evolutionär weiter wie jedes andere Lebewesen auf dieser Welt, auch wenn es aus der Sicht eines kleinen Menschenlebens manchmal scheint, als stünde die Evolution still.

„Oh nein, wir müssen nicht auf den nächsten Sprung in der Evolution des Menschen warten. Er ist bereits geschehen. Lassen sie uns die nächste Generation begrüßen!“, sagte Professor Singler bei einer Podiumsdiskussion der Natural Science Foundation in Wien im Jahre 2323. Professor Singlers Rede erregte auch Annies und Davids Aufmerksamkeit. In letzter Zeit hatten sich Gerüchte über andere mental und sogar körperlich Begabte verdichtet. Sie waren nicht mehr allein.

Annie spürte als erste die gewaltige Sonneneruption. Sie spürte und sie wusste, dass etwas Schlimmes passieren würde. Doch nicht hier auf der Erde, sondern auf dem Mond. Die Kolonie war in Gefahr. Sie hinterließ eine Nachricht für David, der gerade unterwegs war, und sprang. Das All war leer und still. So dunkel hatte Annie sich das nicht vorgestellt. Zum Glück war sie in der Lage, die Materie um sich herum so zu manipulieren, dass sie in einer Blase aus Luft schwebte. Der Mond war noch so weit weg. Annie nahm alle ihre Kräfte zusammen, sprang erneut und schaffte das ihr eben noch unmöglich erscheinende. Sie erreichte den Mond. Vor sich sah sie die Kuppelgebäude der Kolonie, in der anderen Richtung den überschallschnell heranrasenden Sonnenorkan mit seiner tödlichen Energie- und Teilchenstrahlung. Annie hatte Angst. Sie stellte sich auf die höchste Kuppel und bildete nur durch ihre Gedankenkraft ein überstarkes Magnetfeld um das gesamte Kuppelgebiet. Sie hatte keinen Blick für die am Fuße der Kuppel zusammenlaufenden Menschen, die zu ihr hinauf zeigten. Schon brandete der Strahlungsorkan der Eruption gegen ihr Schutzfeld an. Sie verstärkte das Feld und hielt stand. Nach wenigen Minuten war alles vorbei. Annie war erschöpft. Sie ließ das Energiefeld abklingen und sackte zusammen. Viel länger hätte sie dem Orkan nicht widerstehen können, aber egal, die Kolonie war gerettet. Sie spürte kaum noch, wie jemand sie sanft anhob und in die Kuppel brachte. Dann wurde es schwarz um sie.

Winston hatte die fremde Frau, die plötzlich wie aus dem Nichts auf der höchsten Kuppel der Station stand, als erster gesehen. Da er verantwortlicher Sicherheitsbeamter war, konnte er nicht zulassen, dass die Irre dort oben einfach stehenblieb. Er stutzte. Woher bekam sie eigentlich die Atemluft, die sie außerhalb der Stationsgebäude brauchte? Er lief zur nächsten Luftschleuse und zog sich einen außenanzug an, um schon im nächsten Moment aus der Schleuse zu springen. Eine schmale Treppe führte auf das Dach der Kuppel. Vorsichtig kämpfte sich Winston nach oben. Ein falscher Tritt und er konnte weit von seinem jetzigen Standort abgetrieben werden, das wäre das Scheitern seiner Rettungsmission. Als er bereits auf dem oberen Teil angekommen war, die Frau nur einige Meter vor sich, hörte er ein gewaltiges Brausen über sich. Unwillkürlich schaute er hoch. Etwa fünf Meter über ihnen funkelte eine Art Kraftfeld. Er wunderte sich, wusste er doch, dass die Mondstation so etwas nicht besaß. Blitzartig erahnte er, dass die Frau etwas damit zu tun hatte und instinktiv schreckte er zurück, um sie nicht bei dem zu stören, was auch immer sie gerade tat. Wenige Minuten später wurde es wieder so ruhig, wie er es auf der luftleeren Mondoberfläche gewohnt war. Er sah, wie die Fremde zusammenbrach und beeilte sich, vorsichtig und so schnell, wie die Umstände es zuließen, zu ihr zu kommen. Er sicherte sich mit dem Rettungsseil des Raumanzugs an einem Metallteil der Kuppelspitze, hob die Fremde hoch und begann den Abstieg. Er konnte nichts an der Frau entdecken, was ihm verriet, woher sie ihre Atemluft bekam. Bei genauerem hinsehen stellte er fest, dass er sie zwar in den Armen hielt aber zwischen ihr und seinen Armen eine Art Pufferraum war. Er beschloss, das Geheimnis später zu ergründen, denn schon hatte er den Eingang zur Luftschleuse erreicht und trug sie vorsichtig hinein. Er legte die Frau auf den Boden und überließ die weitere Versorgung den Sanitätern, die seine Rettungsaktion beobachtet hatten und ihn bereits erwarteten. Dann rief er Prof. Körner an und fragte, ob er irgendetwas über dem Mond bemerkt hätte. Prof. Körner war aufgebracht.

„Irgend etwas bemerkt?“ schrie er mühsam beherrscht. „Irgend etwas bemerkt!? Wir wären fast verkohlt worden und nun erklären sie mir mal, warum das nicht der Fall ist. Diese gewaltige Sonneneruption sollte uns eigentlich längst zu Asche verwandelt haben, aber wir sind noch am Leben! Entweder gibt es einen Gott, der es gut mit uns meint oder sie haben einen Energieschirm aktiviert, der die tödliche Strahlung von uns abgewendet hat. Aber so etwas haben wir gar nicht. Wir sollten tot sein!“

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