Kitabı oku: «Game over», sayfa 2
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»Warum nehmen wir kein Taxi?«
Uslar machte wie üblich aus seiner schlechten Laune keinen Hehl. Johimbe sah auf den kleinen Mann mit dem unverhältnismäßig großen Kopf hinunter und fragte sich wieder einmal, mit welchem Verbrechen sie es verdient hatte, so einen Antikumpel und Miesmacher als Partner zugeteilt zu bekommen. Sicher, ihr fielen einige Taten aus ihrer Jugend ein, dafür jeden Tag diesen hässlichen Gnom ansehen zu müssen, erschien ihr jedoch als Strafe um einiges zu brutal. Sie war stolz auf ihren nahezu perfekten Körper, in den sie jede freie Stunde investierte, und sie verabscheute Menschen mit körperlichen Defekten.
Ihr Partner vereinigte gleich eine ganze Reihe von Defekten auf sich. Er war furchtbar klein, kaum mehr als einen Meter sechzig, seine Beine krümmten sich wie bei einem altgedienten Puszta-Reiter, der Rücken zeigte erste Anzeichen eines Buckels und ganz sicher gab es nirgendwo an diesem Mann mehr Muskeln, als zum Tragen der Knochen unbedingt notwendig war. Auch das Gesicht bestach nicht gerade durch Schönheit. Selbst wenn für einen kurzen Augenblick die Mundwinkel diese unschöne abwärtsgerichtete Hufeisenform des Mundes einmal auflösten, so blieben immer noch die beeindruckend große und mehrfach geknickte Nase und die wächserne, ungesunde Haut. Dazu gesellte sich noch ein mittelprächtiger halbkugelförmiger Bauch, und aus dem wirren, kurzen Haar rieselten bei jeder Bewegung die Schuppen. Glücklicherweise bewegte er sich nur ungern und dann auch nur schleppend vom Fleck.
Unglücklicherweise redete er dafür sehr viel und fast immer in einem Tonfall, mit dem er seine Mitmenschen zuverlässig auf die Palme brachte. So wie jetzt. Sie betrachtete ihn mit einer Mischung aus milder Verachtung und distanzierter Analyse. Es wunderte sie wirklich, wie er immer wieder die Einsätze überlebte. Er war nicht nur schwächer und langsamer als jeder Gegner, er machte seine Mitmenschen auch durch sein Gehabe und seine genervten Sprüche mit erstaunlicher Regelmäßigkeit furchtbar wütend, noch dazu richtete er seine Attacken mit besonderer Vorliebe gegen stärkere und bösere Mitmenschen.
So wirkte er wie eine Art Leuchtfeuer, das den Abschaum der Menschheit auf sich aufmerksam machte. Und zu allem Überfluss demonstrierte er ständig seinen Unwillen, sich an taktische Erfordernisse anzupassen.
»Das ist doch so sonnenklar, sogar ein Herr Uslar müsste das begreifen. Wer mit einem Taxi fährt, wird registriert. Jede verfluchte Reklametafel am Wegesrand ist mit Überwachungselektronik ausgestattet, die ganze Gegend ist voll gepflastert mit diesen Dingern. Jedes Taxi ist verwanzt, jeder Taxifahrer wird von dem einen oder anderen Konzern dafür bezahlt, die Augen offen zu halten, ganz besonders nach unseren Leuten. Wir dürfen aber im Umkreis von sieben Kilometern nicht registriert werden. Direktive Nummer elf. Deshalb fahren wir mit dieser wunderbaren U-Bahn zu unserem Ziel. Das tun wir immer, seit wir bei diesem Verein angeheuert haben. Oh Herr, schmeiß Hirn vom Himmel!«
Uslar grunzte nur, dachte aber nicht daran, klein beizugeben. Er fand es prima, sie genervt zu erleben.
»Quitschi-Quatschi! Ich sitze in diesem Lumpensammler, weil die Zentrale nicht in der Lage ist, die uns betreffenden Reg-Daten in Echtzeit zu löschen. Dauernd haben wir deswegen Probleme.«
Als wollte ihm das Schicksal auf der Stelle recht geben, bremste die Bahn abrupt an einem kleinen Bahnhof ab, gleichzeitig kam in die Menschen Bewegung. Nicht wirklich erstaunt verfolgten sie mit, wie alle Passagiere fluchtartig den Waggon verließen und durch den halb verfallenen Haltepunkt das Weite suchten. Dafür stiegen etwa fünfzehn neue Gäste ein. Die sahen auch gleich mit deutlichem Missfallen, dass da zwei einsame Personen nicht an Flucht dachten, und kamen sofort zur Sache.
Die U-Bahn fuhr wieder an und der Pulk junger, kräftiger Männer verteilte sich aufreizend lässig dicht vor ihnen. Ein paar der Glatzköpfe lehnten sich in ihrer frei interpretierten Militärkleidung an die Haltestangen und tranken aus den mitgebrachten Plastik-Dosen langsam Bier, wobei sie alle Johimbe gierig anstarrten. Für dieses Mal teilte sie Uslars Stimmung, sichtlich genervt durch die nicht erbetene Störung stand sie auf und stellte sich bequem in den Mittelgang.
Ein Zischen ertönte, die Biertrinker schoben sich auseinander und machten einem großen Bodybuilder Platz, der sich dicht vor Johimbe aufbaute. Er beschäftigte sich mit seinem Baseballschläger, den er mit eingestanzten Nägeln aufgewertet hatte und vollführte damit sexistische Bewegungen. Gerade laut genug, um von seinen Kumpels gehört zu werden, sagte er provozierend: »Na Süße, gleich wirst du genagelt. Ich hoffe doch, du wehrst dich ein paar Minuten lang. Ich liebe kräftige Frauen.«
Uslar verspürte keinerlei Freude an dem Geplänkel, was nicht wirklich überraschend war. Er verspürte seit Jahren keine Freude mehr, immer mehr Menschen und Ereignisse kotzten ihn an. Und nun so was, alltäglich heutzutage, doch immer noch ähnlich willkommen wie eine Herde Kakerlaken auf Beutezug. Unverwandt blickte er nach draußen in die Schwärze der Tunnelröhre, während er scheinbar mit sich selbst sprach, wenn auch in der richtigen Lautstärke, um gehört zu werden.
»Tse, Tse, ein Biber ist unter uns. Der Schwanz breit und platt und schlaff.«
Der Bodybuilder wandte ruckartig den Kopf, musterte Uslar von Kopf bis Fuß, und entschied dann, es mit einem harmlosen Irren zu tun zu haben, der wahnsinnig genug war, es mit ihm aufnehmen zu wollen. Daher ätzte er fast nachsichtig: »Schau mal an, ein Jude, der noch lebt. Was hast du mit dem arischen Mädchen vor, du Untermensch, hä? Meinst du, es reicht fürs lecken der Füße?«
Die anderen Glatzen grölten und holten ihre Werkzeuge heraus. Uslar verzog die Mundwinkel zu einem noch verdrießlicheren Ausdruck, rollte kurz mit den Augen, griff gleichzeitig zu der Pistole, die hinten im Hosenbund steckte, brachte sie nach vorne, zielte eher achtlos, aber rasch und ohne anzuhalten, schoss zwei Mal und antwortete in das krachende Umfallen des Bodybuilders mit einer Mischung aus ätzender Stimme und gelangweiltem Tonfall:» Schau mal an, ein Nazi, der plötzlich tot ist. Warum kann Dummheit nicht knistern, dann würde man euch Hirntote schon von Weitem hören. Alles Amateure.«
Johimbe schenkte den sichtlich erschreckten Überlebenden ein falsches Lächeln, zog völlig ungerührt ihrerseits die Waffe und sprach Uslar so laut an, dass es die Anderen gerade noch hören konnten: »Und warum bitteschön legst du die Anderen nicht auch um? Oder hast du die Einsatz-Doktrin sieben vergessen?«
Uslar zuckte die Achseln.
»Ich bin heute nicht in Stimmung. Wir sollen uns in der Zentrale melden, schon vergessen? Das macht mich immer unwirsch. Ging noch nie ohne Anschiss ab.«
Johimbe wandte sich Uslar zu, ließ aber die Glatzen nicht aus den Augen. Die stellten aber keine Gefahr mehr dar, flohen sie doch halbwegs geordnet in den hintersten Teil des Zuges, darauf bedacht, möglichst viel Abstand zu gewinnen. Da der Zug leer war, konnten sie aber auch dort jedes Wort hören, zumal die beiden Streithähne ihre Lautstärke darauf abstimmten. Das Verabreichen von Angstgefühlen machte ihnen Spaß, wenigstens darin waren sie sich einig. Außerdem hatte man sie dazu ausgebildet.
»Ach gar. Und deshalb verschonst du gleich eine ganze Kamarilla von Schmeißfliegen, die per Definition nicht nur vom Boss, sondern auch vom EU-Direktorat zur Liquidation freigegeben sind? Uslar, du arbeitest unsauber, wenn ich das mal sagen darf.«
Uslar nahm den Streit sehr ernst, wie er eigentlich alles furchtbar ernst nahm. Er vermochte es nur nicht ernsthaft genug zu vermitteln, weil er seine zynische Ausdrucksweise nicht abstellen konnte. Wütend schaute er zu ihr hoch. »Unsauber, ja? Das passt ja wieder zu dir, nur die Frau Gedöhnsrat von der heiligen Inkarnation der Schreckschrauben ist berufen, alles perfekt zu machen. Warum hast du dann nicht mal eben diese lästige Kleinigkeit erledigt, als es darum ging, das Flugzeug zu landen? Nicht perfekt genug, darf ich das so annehmen?«
Johimbe wurde es zu bunt. Dass dieser Gnom auch aus allem und jedem immer eine Grundsatzfrage machen musste.
»Nein, du Troll-Imitation. Das nennt man Arbeitsteilung. Ich die Menschen, du die Maschinen, so halten wir es doch seit ein paar Jahren. Unglaublich lange und mühselige Jahre, wie ich hinzufügen möchte. Insofern hättest du diese Kerle ruhig mir überlassen können. Dafür bin ich zuständig.«
»Oh, schön, Du hast aber nicht reagiert. Das pomadige Anstarren männlicher Muskelberge kann man wohl kaum als tätige Gegenwehr bezeichnen. Ergo musste ich ran, ich, der gar nicht perfekte Troll hat schneller reagiert als die gnadenlose Killer-Queen. Somit warst du zu langsam und damit nicht perfekt. Tor für Luxemburg.«
Er machte eine verächtliche Siegergeste und traf Anstalten, den Zug zu verlassen. Gerade fuhren sie an der richtigen Haltestelle vor und aus dem hinteren Eingang quoll ein Trupp glatzköpfiger Schläger und rannte, was das Zeug hielt. Uslar und Johimbe traten aus dem am weitesten entfernten Ausgang am anderen Ende des Zuges und kümmerten sich überhaupt nicht um die Fliehenden. Im Gehen stritten sie weiter, Johimbe wechselte langsam zu grundsätzlicheren Themen.
»Zu schnell sein, das Hauptübel von euch Kerlen. Gleich nach der Unsitte, Gespräche nicht bis zum Ende durchstehen zu können. Würdest du die Güte haben und deinen Job machen, anstatt hier patzige Vorträge zu halten?«
Uslar blieb stehen, drehte sich um und fauchte: »Ich mache meinen Job. Wenn nur ganz wenige Leute ihren Job so machen würden wie ich, säße die Menschheit heute nicht bis zu den Nasenlöchern in der Scheiße. Abgesehen davon haben sich die Nazis so verhalten, wie man es von ihnen erwartet: Sie sind beim ersten Anzeichen von ernsthaftem Widerstand geflohen und haben ihren Freund zurückgelassen. Und ganz unter uns: Ich habe Zeit gewinnen wollen. Wenn man sich auf die wirklich wichtigen Ziele beschränkt, erreicht man damit einen unfassbar großen Zeitvorteil. Ein Zeitvorteil, den du in typisch weiblicher Manier durch heilloses Gesabbel soeben verspielt hast.«
Die letzten Worte spuckte er vor ihre Füße und wandte sich danach endgültig ab, um im Sturmschritt die Unterwelt zu verlassen. Sie knirschte mit den Zähnen, und bevor sie ihm folgte, knurrte sie vor sich hin: »Häng mir noch einmal typisch weibliche Fehler an und ich schneide dir die Ohren ab und verspeise sie zum Frühstück.«
*
Nicht weit von der U-Bahn-Station entfernt befand sich ihr Ziel. Die Seniorenwohnanlage Sonnenstift lag zwischen Rhein und ehemaliger Bundesstraße mitten im Bettler-Viertel. In diesen harten Zeiten befanden sich alle Altenheime in Bettler-Vierteln, zum einen, weil dies angesichts des allgemeinen Verfalls schlicht sehr wahrscheinlich war, zum anderen wegen der Abneigung der verbliebenen gut situierten Bürger, hilfebedürftige Personen in ihren Vierteln zu dulden. Bettler jeden Alters prägten denn auch das Straßenbild, von ihren persönlichen Müllhaufen streckten sie teils barmend, teils aggressiv den beiden ihre offenen Hände entgegen.
Die Häuserzeilen befanden sich im Endstadium des Verfalls, keine intakten Fenster weit und breit, kein Wasser, hie und da eine Fassade bereits zusammengebrochen, überall Spuren gewalttätiger Auseinandersetzungen. Niemand aus den besseren Stadtteilen wagte sich in die Gegend, wenn es keinen guten Grund hierfür gab, und den gab es eigentlich nur einmal: Um die eigene Oma abzuliefern.
Entsprechend aufgeregt verhielten sich die Bettler, die rigoros um die besten Plätze entlang des Weges rangelten. Die zerlumpten Gestalten konnten sich offenkundig nicht einmal auf einheitliche Plätze zur Verrichtung der Notdurft einigen, es stank höchst einheitlich, öfters gab es am Wegesrand auch den Grund hierfür zu besichtigen. Aus diesem Bild des Schreckens ragte das Hochhaus der Seniorenwohnanlage wie ein schmutzig-grauer Leuchtturm heraus. Wachmänner mit Schrotflinten und E-Schockern bewachten mit grimmigen Mienen die Zufahrt.
Johimbe und Uslar zeigten ihre Ausweise und wurden durchgelassen. Im Gebäude angelangt achteten sie nicht auf die verstörte Ansammlung halbwegs gut gekleideter, aber sehr alter Menschen, die durch die großen Scheiben fassungslos auf das Treiben auf der Straße blickten, sondern durchmaßen zielstrebig die Eingangshalle und das angrenzende Bistro und betraten schließlich einen Fahrstuhl mit der Aufschrift Privat! Zutritt streng verboten.
Sie drückten keine Knöpfe, sondern warteten ab, bis sich die Tür schloss. Dann trat Johimbe vor die rückwärtige Glaswand, streckte ihren linken Arm von der Hüfte aus von sich weg, bildete mit kräftigem Druck eine Faust und ließ dann ruckartig den kleinen und den Zeigefinger aus der Faust herausschnellen. In diesem Augenblick entstand dicht über dem Handgelenk ein Hologramm. Grelle Farben wirbelten durcheinander und formten einen Buchstaben und zwei Zahlen. Johimbe sprach dazu in die Glaswand: »Selina Saskia Johimbe, Bevollmächtigte Nummer neun, T73, Code JP197.«
Sie machte Platz für ihren Begleiter, der mit den gleichen Bewegungen das Hologramm produzierte und der Glaswand seine Identität erklärte: »Drusus Xerxes Ramses Uslar, Bevollmächtigter Nummer dreiundzwanzig, T73, Code JO196.«
Mit einer ruckartigen Bewegung schlossen beide die Fäuste wieder, woraufhin die Hologramme verschwanden. Der Fahrstuhl setzte sich ohne weitere Umstände in Bewegung. Uslar nutzte die Zeit für einen mürrischen Einwand.
»Ich hasse es, T73 auf Englisch auszusprechen. Da komme ich mir vor wie ein Vertreter für Gesundheitstee. Nehmen Sie Tee Nummer 73, und die Prostata kneift nie wieder. Alberner Mummenschanz.«
Johimbe betrachtete den kleinen Mann mit distanzierter Nachdenklichkeit.
»Sag mal, Uslar, gibt es eigentlich irgendetwas auf diesem verfluchten Planeten, was von dir nicht gehasst wird? Eine winzige Kleinigkeit?«
Er sah zu ihr auf und zeigte ihr ein unehrliches Grinsen.
»Nein, meine Schönste. Keine Chance. Ich halte Gott für einen Psychopathen und die Menschheit für sein absolut unterirdischstes Erzeugnis.«
Die Tür öffnete sich und so verzichtete sie auf eine passende Antwort. Ein paar Bewaffnete erwarteten sie und sahen aufmerksam zu, wie ein grauer Mensch im Laborkittel ihre Identität nochmals mit einem tragbaren CT-Scanner überprüfte. Nachdem er den Daumen hob, entspannte sich die Szene und sie durften durch eine gepanzerte Tür treten. Ein großer Raum tat sich auf, an dessen anderem Ende eine Frau mittleren Alters auf sie wartete und ihnen eine weitere, diesmal aus massivem Holz bestehende Tür öffnete.
Damit waren sie am Ziel. Sie befanden sich nun in einem relativ kleinen Raum, der von einem überaus großen und sehr alten Schreibtisch geteilt wurde. Vor dem Schreibtisch standen zwei bequeme Stühle bereit, hinter dem Schreibtisch pendelte ein Mann sachte in seinem schweren Ledersessel hin und her. Ungefragt nahmen die beiden Platz und Uslar ergriff das Wort: »Hey, Chef, was soll das eigentlich mit dieser Identitätsprüfung? Ich hasse diese Typen, die da vorne nur darauf warten, mich umzulegen, falls die Laborratte was falsch macht. Außerdem kann man mich ohnehin nicht fälschen.«
Der Mann hinter dem Schreibtisch lächelte schmal. Nach Johimbes Maßstäben galt er als akzeptabel: Groß und schlank, fast muskulös, wirkte er trotz seiner fast fünfzig Jahre jugendlich und elastisch. Seine Haut glänzte makellos und gut gepflegt, dazu kleidete er sich teuer und nach der letzten Mode. Mit sanfter und fast gelangweilter Stimme erwiderte er: »Mein lieber Drusus, Sie wissen doch sehr genau, zu welchen Schandtaten die Konzerne fähig sind. Man könnte selbst Sie klonen, konditionieren oder in eine Humanbomb umwandeln. Wir haben in der Vergangenheit schon Beauftragte auf diese Weise verloren. Also zieren Sie sich nicht, es ist zu unser aller Schutz notwendig.«
Uslar grummelte ein paar Worte in seinen nicht vorhandenen Bart und ließ es auf sich beruhen. Der Chef lächelte breiter und nahm einen vorsichtigen Schluck aus seiner Espresso-Tasse. Seinen Gästen bot er nichts an. Dann wandte er sich an Johimbe: »Nun, Selina, wie ich höre, war Ihr Einsatz in Cork von Erfolg gekrönt.«
Sie nickte ernst und sagte mit einem Seitenblick auf ihren Kollegen: »Ja, wir konnten diese informelle Übereinkunft zwischen Chemie-Monopol und Drogen-Kartell beerdigen. Leider gab es durch die tätige Mithilfe dieses neben mir sitzenden hirnlosen Wurms etliche Tote unter der Zivilbevölkerung.«
Der Angegriffene maulte zurück: »Wie lustig! Da waren fünfzehn Teilnehmer, jeder hatte ein Dutzend Leibwächter dabei. Dazu noch die komplett eingekaufte Staatspolizei, von den Schützenpanzern gar nicht zu reden. Warum sollte ich da leibhaftig durch die Hallen rennen und jeden einzeln erschießen? Die Zivilbevölkerung, die meine werte Kollegin da anspricht, bestand fast ausschließlich aus militanten Demonstranten von Greenfight. Die wären auch so von den Leibwächtern erledigt worden. Ich war nur etwas schneller, und habe sie alle mit der Neosit-Bombe erwischt. Kein Problem.«
Der Chef nippte an der Tasse und meinte tadelnd: »Drusus, Sie werden nicht für Faulheit bezahlt. Sie verfügen über die Waffen und die Ausbildung, eine solche Versammlung mittels persönlichem Erscheinen und ganz und gar eigenhändig aufzulösen. Durch Ihre kleine Bombe macht man nun nicht Greenfight, sondern die Faschisten von der NSI dafür verantwortlich, was neue Schwierigkeiten heraufbeschwören wird. Sie haben gegen den Plan gearbeitet.«
Schnippisch fragte Uslar: »Und nun? Werde ich jetzt gefeuert? Ich habe es verdient, ja, geben Sie mir die Papiere. Ich ziehe auch ganz sicher nicht vor ein Arbeitsgericht, sofern sich überhaupt noch eines auftreiben ließe.«
Der Chef lachte. Johimbe begrub aufstöhnend das Gesicht hinter den Händen.
»Entzückender Versuch. Nein, mein Lieber, Sie werden nicht gefeuert. Niemals. Statt dessen erhöht sich die Zahl der bis zu Ihrer Demission noch zu erledigenden Aufgaben.«
»Also immer noch Todesstrafe.«
Der Chef nahm den hingespuckten Satz mit einem glucksenden Lachen entgegen.
»Drusus, ich freue mich immer, mit Ihnen zu reden. Ihre Art, haarscharf an den Realitäten vorbei zu argumentieren, ist wirklich erstaunlich. Ob Ihre Tätigkeit beim T73 mit Ihrem Tod endet, liegt doch allein bei Ihnen. Außerdem geht mir bei solchen Äußerungen regelmäßig das Ergebnis Ihrer psychologischen Einstellungsuntersuchung durch den Kopf. Sie wollen sich also wirklich darüber beschweren, dass Sie zu Tode kommen könnten?«
Uslar wehrte mit einer abfälligen Handbewegung ab, hakte die Handflächen unter die Achseln, ließ die herausschauenden Daumen nervös kreisen und verfiel in trotziges Schweigen. Johimbe wollte nun endlich auf den Punkt kommen.
»Also Chef, eigentlich sind wir ja hier, um den neuen Auftrag zu besprechen. Was liegt diesmal wieder an?«
Der Chef lehnte sich lässig zurück, kratzte sich nachlässig am Kopf und gab sinnierend seine Einschätzung kund: »Das Problem in diesem Staat ist, dass die Schwulen an der Macht sind. Darin liegt eine enorme Erschwernis begründet.«
Johimbe hob die Augenbrauen. So einen Spruch hätte sie von diesem Mann nicht erwartet. Er schien bislang immer wertfrei über den Dingen zu stehen.
»Oh, seit wann hegen Sie Vorurteile gegen Schwule? Das kenne ich noch nicht an Ihnen?«
Der Chef beantwortete ihre stichelnde Frage mit einem tadelnden Gesichtsausdruck, mit dem er kundtat, mehr Intelligenz von ihr erwartet zu haben. Uslar wechselte die Pose, verschränkte die dünnen Arme vor seinem Trommelbauch und hörte mäßig interessiert zu.
»Es geht nicht primär darum, dass es sich um Schwule handelt. Das ist nur ein Beispiel, wenn auch ein passendes. Es macht mich regelmäßig nicht glücklich, wenn ich sehe, wie diese Gesellschaft zusehends in Interessengruppen zerfällt. Interessengruppen, die, sobald sie an eine Form von Macht gelangen, dazu neigen, andere Gruppierungen von dieser Macht abzuschneiden. Nebenbei erwachsen hierdurch ganz erhebliche Probleme. Um in meinem Beispiel zu bleiben: In der Politik haben Schwule tatsächlich weite Teile der ehemals demokratischen Parteien unter Kontrolle gebracht.
Abgesehen von dem Umstand, dass es wenig Sinn macht, ein freundliches Klima für Homosexuelle zu schaffen, wenn das Klima durch andere Entwicklungen gleichzeitig höchst unangenehm wird, bedeutet es auch, dass es nunmehr für einen heterosexuellen Familienvater fast unmöglich ist, eine gut bezahlte Position in den Behörden zu ergattern. Auf diesem Wege wird mit dieser Entwicklung langfristig das Rentenproblem verschärft, aktuell steigt die Anzahl der hungernden Kinder, und schon haben wir einen äußerst ernsten Konflikt zwischen Heteros und Homos.
Die in dieser Weise gegeneinander arbeitenden Interessengruppen sind in den letzten Jahren nicht nur zahlreicher geworden, sie haben sich auch verstärkt gegenseitig abgegrenzt. Und nun beginnen sie mehr und mehr, sich auf Kosten anderer zu bereichern.«
»Aha«, sagte Johimbe, die keine Ahnung hatte, worauf der Chef hinaus wollte. Ihr war das zu weit weg von der Realität. In der Realität bekämpften sich zahlreiche Interessengruppen buchstäblich bis aufs Messer. Die Zeit der profanen Intrigen war definitiv vorbei. Und die Homosexuellen galten aktuell ganz sicher nicht als Hauptproblem.
»Ich bitte Sie, Selina. Ihnen macht doch Ihre tägliche Arbeit deutlich, dass jede Schweinerei in dieser Art Geheimbündelei begründet liegt. Jedenfalls werden die Grüppchen immer zahlreicher, hierdurch auch immer kleiner, aber teilweise auch immer mächtiger.«
Uslar ermüdete langsam. Er konnte und wollte anderen Menschen nicht übermäßig lange zuhören. Einzelgänger wie Uslar hassten Diskussionen. Um die Dinge auf den Punkt zu bringen, brummte er mürrisch: »Welche Interessengruppe sollen wir also auslöschen?«
Der Chef vollführte mit dem Zeigefinger eine tadelnde Bewegung.
»Drusus, Ihre Talente in allen Ehren, aber Sie schießen über das Ziel hinaus. Ich stimme Sie lediglich auf das Thema ein. Der Auftrag wird nicht ganz so simpel sein, wie Sie vielleicht annehmen.«
Uslar rollte mit den Augen und sackte ergeben in seinen Stuhl hinein. Es hasste auch Ansprachen, noch mehr allerdings hasste er Aufträge, die nicht ganz so simpel zu werden versprachen, wie er es sich vorstellte. Der Chef fuhr derweil ungerührt mit seinen Ausführungen fort.
»Bei Ihrem neuen Auftrag geht es um eine dieser kleinen, mächtigen Gruppierungen. Genau genommen handelt es sich um die zweitmächtigste Gruppierung des Planeten: die Börsenmakler.«
Uslar brummte etwas von »Endlich sind die auch mal dran«, Johimbe aber wurde hellwach, beugte sich vor und meinte höchst interessiert: »Wieso das? Die Broker kennen doch keine Verwandten und keine Freunde. Allein der Profit zählt. Deshalb dachte ich immer, diese Burschen machen bei Komplotten und Verschwörungen mit anderen Gruppen nicht mit.«
Der Chef kicherte.
»Selina, Sie liegen ein klein wenig neben den Realitäten. Der Börsen-Makler an sich ist gezeichnet von Gier und Eiseskälte, und wie selbstverständlich steht er niemals abseits, wenn es gilt, dem einen Geld aus der Tasche zu ziehen, von dem er auf dem Weg zu anderen ein gutes Stück für sich abzweigen kann. Die einzelnen Broker-Firmen beteiligen sich also im Gegenteil an jeder Verschwörung. Allerdings nie zwei Mal hintereinander für denselben Auftraggeber. Da die Firmen untereinander heftig konkurrieren, und oftmals entgegengesetzte Komplotte betreiben, neutralisieren sie sich in der Regel gegenseitig. Außerdem kümmern sie sich nicht übermäßig um Politik.«
Johimbe kaute auf der Unterlippe, während sich ihr Chef mit frischem Espresso die Lippen befeuchtete.
»Und das ist nun anders?«
»Unsere Analytiker sind dieser Meinung, in der Tat. In diesem Zusammenhang: Welcher Konzern ist in den letzten Jahren am stärksten gewachsen?«
Uslar antwortete am schnellsten. Er hatte genug von Andeutungen und wollte endlich Fakten sehen.
»KroGiTec. Vor fünfzehn Jahren war Kromajong eine kleine Firma für Bio-Chips. Dann haben Sie in der Gitow Corporation einen Geldgeber gefunden und die halbe Autoindustrie gekauft. Seitdem kennt man KroGiTec als aggressive Dampframme, die alles aufkauft, was nicht bei drei auf den Bäumen ist.«
»Richtig, Drusus«, warf der Chef ein, »aber unvollständig. KroGiTec verfügt über das Weltmonopol bei der Bio-Voltaik-Technologie, die mit ihrem extremen Wirkungsgrad alles andere bei Weitem übertrifft. Mit ihren Elektrolyse-Kombinaten in der Steppe Russlands stellt der Konzern aus dem Solar-Strom mehr als vierzig Prozent des Treibstoffs für die neue Generation der Wasserstoff-Automobile her. Da traf es sich gut, auch ein paar Auto-Fabriken zu übernehmen, just am Vorabend wichtiger Entscheidungen, mit denen der Bedarf nach diesen Fahrzeugen ins Gigantische wuchs. Heute ist KroGiTec unendlich reich.«
»Ja. Und? Märchenhafter Reichtum allein ist nicht strafbar.«
»Nein, Drusus, leider nicht. Gelegentlich ruft hingegen die Art und Weise der Erlangung eines solchen Reichtums Leute wie Sie auf den Plan.«
»Dürfte ich dann endlich erfahren, um was für eine Art Abschaum es sich handelt?«
»Natürlich, Drusus. Sie wissen doch, dass ich Sie gerne etwas quäle? Also, zu den Fakten. Der Eigentümer und Chef von Kromajong und dann von KroGiTec ist Harry S. Sohns. Von Haus aus ist er Börsenmakler. Das passt, denn die immensen Geldmittel, die für den Erwerb der vielen Firmen seines Imperiums nötig waren, hat er einzig durch Spekulation an der Börse erlangt.«
Uslar grunzte unzufrieden.
»Soll das heißen, der Mann kungelt mit keinem Staat, keiner Organisation, keiner Partei und keiner anderen Firma, und trotzdem ist er nach oben gekommen? So was gibt es doch nicht.«
»Ganz recht, so eine Karriere fordert genaues Hinsehen. Tatsächlich haben unsere Analytiker nach langer Analyse da etwas gefunden. Er hat spekuliert, Aktien gekauft und verkauft, sehr viel und sehr rasch. Begonnen hat er mit vier Millionen Dollar, heute bewegt er an normalen Tagen zweihundert Milliarden.«
»Wow. Da hat er aber selten verloren.«
»Nicht ganz, Drusus, nicht ganz. Bei genauem Hinsehen lässt sich feststellen, dass er nie verloren hat. Kein einziges Mal. Er gewinnt immer. Als ob er vor einem Spielautomaten steht, für den er eine Fernbedienung besitzt.«
Johimbe und Uslar ließen die Worte des Chefs sacken. Sie wussten alle, dass es so etwas nicht geben konnte, jedenfalls nicht ohne Betrug. Uslar spuckte ungnädig seine Erkenntnis aus: »Ein Komplott. Entweder manipuliert er direkt, oder er verfügt über die entsprechenden Informationen.«
Mit einem hintergründigen wissenden Lächeln schüttelte der Chef sachte seinen Kopf.
»Das wäre zu einfach, um wahr zu sein. In der Vergangenheit haben wir solche Betrügereien stets zügig aufdecken können. Außerdem ist die neidische Konkurrenz in der Regel so freundlich, geheime Verbindungen an uns zu melden, in der Hoffnung, der Blitz schlüge für dieses Mal woanders ein. Aber wer weiß? Die Analytiker haben alles umgedreht, jede Einzelheit genauestens untersucht, und nichts dergleichen gefunden.«
»Aber es muss doch einen Anhaltspunkt geben. Irgendetwas muss er doch tun, um immer richtig zu liegen.«
Johimbe teilte langsam die dunklen Gedanken ihres Kollegen, dem der Sinn überhaupt nicht nach Rätselraten stand. Tatsächlich konnte der Chef nicht viel Erhellendes zum Besten geben. Er gab sich Mühe, immerhin.
»Es gibt nichts. Na, sagen wir: fast nichts. Es lässt sich ein Muster feststellen, wenn auch ein sehr nebulöses. Sohns platziert seine Gelder für gewöhnlich breit gestreut und auch zeitlich nicht festlegbar. Allerdings konnten unsere Spezialisten eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit dafür berechnen, dass der jeweilige Kurs innerhalb weniger Minuten nach Platzierung steigt. Seine Engagements sind mithin überwiegend äußerst kurzfristig. Kein einziges Mal hat er Aktien von Firmen gekauft, deren Wert in der Folge erst nach einigen Wochen stieg. Immer stieg er sofort. Sobald er verkauft, fallen die Kurse wieder.«
»Aha«, brummte Uslar, der immer noch nicht erkennen konnte, wo der Ansatzpunkt für ihn stecken sollte, »vielleicht genügt sein Engagement für sich schon, um Trittbrettfahrer anzulocken, und quasi aus sich selbst heraus die Steigerung des Kurses zu bewirken.«
»Nein, Drusus, das haben wir überprüft. Stutzig macht mich ein Versuch, den wir mit befreundeten Maklern durchgezogen haben. Wir haben die Aktien, die Sohns kaufte, massiv verkauft, um den Wert zu drücken.«
»Und?«
»Als ob er es gewusst hätte, verkaufte er sein Paket eine Minute vor uns. Er kam ohne Schaden aus der Aktion heraus.«
»Und Sie nicht.«
Uslar warf seinen Satz mit einem unterschwelligen Ton von subversiver Schadenfreude in die Runde, dachte aber gleichzeitig weiter. An dieser Stelle kristallisierte sich nunmehr ein Auftrag für ihn heraus. Er hasste Börsenmakler, und ganz besonders hasste er Börsenmakler, die immer reicher wurden, gerade weil die Menschheit gleichzeitig immer näher an den Abgrund ruderte. Er begann, sich auf die Begegnung mit diesem Sohns zu freuen.
Er räusperte sich und meinte geschäftsmäßig: »Also das übliche Vorgehen. Ich schaue mir die Computer an und Johimbe macht sich an den Kerl ran.«
Der Chef nickte zustimmend.
»So in etwa. Ich muss Sie außerdem bitten, ein wenig auf die Geschwindigkeit zu achten. KroGiTec ist kurz davor, das empfindliche Gleichgewicht zwischen den Konzernen zu zerstören. Es herrscht erhebliche Unruhe in den Vorständen. Knapp gesagt gilt es, eine durchaus mögliche feindliche Auseinandersetzung der Konzerne untereinander zu verhindern. Die Bürgerkriege, Terror-Anschläge und Wirtschaftskriege unter den Rumpf-Staaten genügen mir vollauf. Wenn die Konzerne persönlich zu den Waffen greifen und nicht mehr nur Stellvertreter ins Feuer schicken, blicken wir nicht mehr durch. Dann kommen wir dem Ende ein gutes Stück näher. Also geben Sie Ihr Bestes.«
