Kitabı oku: «Game over», sayfa 3
Die beiden Bevollmächtigten verstanden und erhoben sich, grüßten so knapp wie nachlässig und verließen den Raum. Im Aufzug schüttelte Uslar einigermaßen ungläubig den Kopf.
»Jetzt muss ich also den Konzernen den Hintern retten. Den gleichen Konzernen, die seit Jahren versuchen, mir das Licht auszublasen. Ich fasse es nicht. Ich lebe in einem Film, der in einem Zoo aufgeführt wird. Was für eine Zeit.«
Johimbe wusste, was er an dieser Stelle immer sagte und mit rollenden Augen näselte sie im Chor mit, als er das Wort mit Abscheu ausspuckte: »Psychozoikum!«
*
Johimbe und Uslar hatten kaum den Raum verlassen, da öffnete sich die Vertäfelung der Wand und ein sehr weise und unglaublich alt aussehender Mann trat heraus und setzte sich wie selbstverständlich mit erstaunlicher Leichtigkeit auf die Kante des Schreibtisches. Mit leiser Stimme, dabei prüfend auf seine Finger schauend, gab er seine Bedenken bekannt. »Glauben Sie wirklich, mit diesem schrägen Pärchen die Richtigen beauftragt zu haben? Sie scheinen sich aufgrund ihrer vollständigen Gegensätzlichkeit nicht besonders zu mögen. Konflikte dieser Art führen erschreckend häufig zu Fehlschlägen.«
Der Chef zupfte gemächlich nicht vorhandene Stäubchen von seinem Designer-Anzug, trank die Tasse aus und drehte sie langsam in den Händen, als er sich endlich zu einer Antwort bequemte.
»Sie übersehen, dass Uslar und Johimbe bereits seit zwei Jahren zusammenarbeiten. In dieser Zeit gab es keinen einzigen Fehlschlag, obgleich sie sich von Anfang an so benahmen.«
Der Mann auf der Schreibtischkante blickte spöttisch lächelnd ein an der Wand hängendes Bild an.
»Nun, da kann man sicherlich unterschiedlicher Ansicht sein. Vor vier Monaten beispielsweise, die Ermittlungen gegen DigiTransMed. Ihre beiden Elitekrieger haben das gesamte Management liquidiert.«
Der Chef lächelte hintersinnig. Er wusste, worauf sein Besucher hinaus wollte, und dennoch erwiderte er leichthin: »Darin sehe ich noch nichts Nachteiliges.«
Der uralte Mann fiel darauf herein und raunzte zurück: »Inklusive der halben Stadtteil-Bevölkerung, in dem diese Leute wohnten. Man kann das ohne Weiteres als terroristischen Akt definieren.«
Der Chef stellte die Tasse weg und sah seinem Gegenüber ernst in die Augen.
»Das ist immer noch kein Nachteil, im Gegenteil. Ich kann mir keine bessere Tarnung vorstellen. In diesen Zeiten werden täglich mehrere Anschläge gemeldet, und sogleich als üblich und wenig aufregend abgeheftet. Die Welt hat zu viele Probleme dieser Art, da fällt dieser eine Akt der Barbarei nicht weiter auf. Außerdem wissen Sie so gut wie ich, dass für unsere Arbeit nur der Erfolg zählt, sonst nichts. Die Zahl der Opfer spielt ebenso wenig eine Rolle wie die Frage nach Rechtsstaatlichkeit oder der Verhältnismäßigkeit der Mittel. Im Grunde liegt in der Vernachlässigung dieser Parameter die wesentliche Ursache für unsere Erfolge. Schließlich greifen wir erst ein, wenn die Staatengemeinschaft aufgegeben hat.«
Der uralte Mann seufzte leise.
»Was sie in letzter Zeit andauernd tut. Nun, ich möchte nicht, dass unsere Leute ihren Freiraum allzu bedenkenlos und selbstverständlich nutzen. Uns allen ist doch klar, dass die Angehörigen unserer Organisation schon aufgrund ihrer Vorgehensweise sehr plötzlich die Seite wechseln könnten. Die gleichen Methoden werden ohnehin bereits überall angewendet. Unversehens könnten wir schlimmer sein als das, was wir bekämpfen.«
»Wir sind ganz sicher schlimmer als diejenigen, die wir bekämpfen. Ansonsten wären wir ähnlich erfolglos wie die Stellen, die mit rechtsstaatlichen Mitteln gegen das Chaos kämpfen. Es gibt keine andere Lösung. Die Menschheit treibt führungslos von Katastrophe zu Katastrophe, und wir wissen noch nicht einmal, welche der vielen Möglichkeiten der Selbstvernichtung mit einiger Wahrscheinlichkeit eintreten wird. Die Menschheit arbeitet an allen Fronten daran, sich selbst oder und diesen Planeten ein für alle Mal auszulöschen, vielgestaltig sind die Vorgänge, die alle gleichzeitig aus dem Ruder laufen. Unternehmen wir nichts, bricht morgen womöglich schon der letzte Tag an. Insofern ist mir jede Aktion recht, wenn sie nur geeignet erscheint, diesen letzten Tag zumindest aufzuschieben.«
Der Mann auf dem Schreibtisch lächelte nun, ein Vorgang, der seinen zahllosen Altersfalten noch einige mehr hinzufügte.
»Sie sind dafür bekannt, Ihren Leuten den Rücken frei zu halten und auch für Ihre politischen Ansichten. Andererseits weiß niemand mit Sicherheit vorherzusagen, was am nächsten Tag passieren wird, auch kann niemand sicher vorhersagen, welche Aktion oder Entscheidung sich am Ende des Tages positiv auswirkt, ob sie sich überhaupt irgendwie positiv auswirkt. Wie auch immer, ich möchte Sie nur noch einmal darauf hinweisen, dass meine mathematischen Berechnungen sehr beunruhigende Ergebnisse erbrachten. Es ist durchaus möglich, mit einer vermeintlich gutwilligen Intervention dem Bösen zum Durchbruch zu verhelfen.«
Der Chef lehnte sich zurück und blickte leicht pikiert in das uralte Gesicht.
»Sie meinen also, wir sollten uns zum Christentum bekennen und alles voller Liebe hinnehmen?«
»Seien Sie nicht sarkastisch. Würde ich die Alternative kennen, verbrächte ich die Zeit nicht mit Geplauder. Ich möchte nur eines: Denken Sie an meine Worte und seien Sie wachsam. Ganz sicher kommt demnächst der einmalige Zeitpunkt auf uns zu, an dem sich das Schicksal der Welt entscheiden wird. Dann müssen Sie Ihre Wahl treffen. Handeln oder nicht handeln, davon wird es abhängen. Und natürlich von der intellektuellen Klasse Ihrer beiden Streithanseln. Und nun wünsche ich eine gute Nacht.«
Der Mann verschwand so geräuschlos, wie er gekommen war. Der Chef stand auf, ging zum Fenster und schaute lange regungslos hinaus. Er mochte es ganz und gar nicht, im Unklaren gelassen zu werden, und doch: Der Weise hatte recht. Da draußen braute sich etwas zusammen, was sich mit Gewalt allein nicht würde beherrschen lassen. Dabei vermochte er wirklich nicht zu sagen, ob Uslar und Johimbe tatsächlich fähig genug waren, dieser Herausforderung zu begegnen. Nur leider verfügte er über keine besser geeigneten Mitarbeiter.
*
Auf verschlungenen Umwegen gelangten die T73-Bevollmächtigten zu der Wohnanlage, die für die nächsten Tage ihr Stützpunkt sein sollte. Es gab nur noch wenige Gegenden, die sich ganztägig Strom, Müllabfuhr und Sicherheit gleichzeitig leisten konnten. Auf Teile von Bad Godesberg traf dies zu. Auf einem Hügel gegenüber des Drachenfels hatten sich vermögende Rentner und junge Emporkömmlinge in Eigenheimen zusammengefunden, ein kleines Kraftwerk gebaut, das gesamte Areal eingezäunt, den Zaun vermint, beleuchtet und mit Sensoren gespickt, und nun ließen sie sich von schwer bewaffneten Wachposten schützen.
Der Chef hatte in einem der wenigen verfügbaren Mietshäuser eine kleine Wohnung für sie angemietet. Uslar fand die Wohnung deshalb praktisch, weil sie im obersten Stockwerk lag und eine gute Fernsicht bot. Johimbe war dagegen daran gelegen, ein Zimmer für sich allein beanspruchen zu können. Kaum eingetroffen machten sie sich an die Arbeit. Die Schränke warteten mit reichhaltigen Vorräten auf, der PC stand genau richtig vor dem Panoramafenster und die Haustür überzeugte durch schwere Panzerung.
Sie gingen in der gewohnten Arbeitsteilung vor. Uslar klemmte seinen Bauch hinter die Tastatur des Rechners und begann mit der Recherche. Zwischendurch betrachtete er immer wieder einige Minuten lang reglos die Erhebungen des Siebengebirges, um sich dann wieder mit rasender Eile an dem Rechner zu schaffen zu machen. Er jonglierte mit drei verschiedenen Browsern, von denen jeder mehrere Fenster gleichzeitig lud und bediente nebenher noch weitere Programme, mit denen er sich neugierige Hacker vom Leib hielt. Auf seinem Spezialgebiet galt er als einer der Besten weltweit, er vermochte sich in die Datennetze regelrecht hineinzudenken. Er tauchte ab und nahm seine Umgebung nicht mehr wahr.
Johimbe achtete nicht auf ihn, sondern hängte sich ans Telefon und plauschte in der Folge ausdauernd mit verschiedenen Kontaktpersonen. So verging die Zeit, jeder vertiefte sich in seine Art der Recherche, bis es dunkel wurde. Wie auf ein geheimes Kommando hin unterbrachen beide zur gleichen Zeit ihre Arbeit und bestellten sich beim für diese Siedlung lizenzierten Pizzadienst etwas Essbares. Beim Essen besprachen sie sich, wenn auch auf ihre Weise. Mit vollem Mund fragte Uslar: »Na, hat einer deiner hirntoten Lover wider Erwarten etwas Brauchbares zu berichten gewusst?«
Sie fauchte zurück, beinahe sprangen ihr einige Nudeln aus dem Mund: »Gerade ein Soziopath wie du muss von hirntot sprechen. Meine Erkundigungen bringen immer neue und wichtige Informationen. Das solltest du eigentlich wissen, wenn es mit dem Kurzzeitgedächtnis einigermaßen klappen würde. F03, würde ich vermuten.«
Uslar gluckste und wischte sich den Mund mit dem freien Handrücken sauber. Er kannte den medizinischen Code für Demenz; er fand es possierlich, nicht mit dem Code für Alzheimer, sondern nur mit der allgemeinen Diagnose der Altersverwirrtheit tituliert zu werden.
»Oh, sicher weiß ich das. Schwanzparaden bringen zumindest statistisch immer etwas. Mal abgesehen von der Frage, warum eigentlich gut gebaute Jünglinge so scharf darauf sind, von dir fertiggemacht zu werden. Das kann niemand beantworten. Die Erfüllung kann es ja wohl nicht sein.«
Sein vermeintlicher Wortwitz brachte ihn zum Lachen, krampfhaft hielt er den Mund zu, bis er den Bissen herunterschlucken konnte. Johimbe betrachtete Uslar mit distanzierter Abscheu. So, wie er da gebeugt saß und unter Zuckungen seines schmalen Oberkörpers vor sich hin gluckste, wirkte er wie einer dieser Gnome aus den Zeichentrickfilmen ihrer Kindheit. Wieder einmal fragte sich, wieso dieser offensichtlich für verantwortliche Aufgaben völlig ungeeignete Kerl eigentlich für die Guten arbeitete. Dessen ungeachtet würde sie ihm keinen Zentimeter Freiraum lassen.
»Uslar, du bist eine verdammte Pestbeule! Wenn du Sex blöd findest, warum wirst du dann nicht Priester? Mit deinem Astralkörper kannst du ganz locker einen achtzigjährigen Papst spielen. Da hast du dann wirklich die Macht, Frauen fertigzumachen, wenn auch nur die. Bei allen anderen Gruppierungen hat der Unfehlbare ja ziemlich den Schwanz eingezogen, wenn ich das mal so sagen darf. Ich jedenfalls mache lieber Männer fertig, den Papst und Konsorten eingeschlossen, und wenn du dich nicht zusammenreißt, bist du unversehens der Nächste.«
Uslar sah keinen Grund, mit dem unterdrückten Lachen aufzuhören. Er kratzte sich am Kopf, was einen milden Schauer Schuppen herausregnen ließ und meinte mit ätzender Ironie: »Ich werde ganz sicher kein Priester. Ich stehe nicht auf Messdiener, versiffte Kollegen, superschüchterne Wohlstandskinder und Jugendfahrten. Und ganz sicher will ich mein Leben nicht mit einer Haushälterin verbringen, die aus Sicherheitsgründen zwanzig Jahre älter ist als ich, aber genau so spitz.«
Sie beugte sich mit falschem Lächeln über ihre Mahlzeit hinweg zu ihm hinüber, bis sein Schweißgeruch sie innehalten ließ.
»Darf ich das als Geständnis werten?«
Der kleine, bucklige Mann zerrupfte ungerührt einige Brocken, schob sie sich in den Mund und nuschelte kauend, ohne sie direkt anzusehen: »Nein, als Metapher. Um auf die ursprüngliche Fragestellung zurückzukommen: Was bringen dir die Lover an Informationen?«
Sie lächelte maliziös zurück. Er hatte seinen Angriff eingestellt, das stimmte sie gnädig.
»Teile eines Puzzles, wie immer. Ich habe mich an Leute herangefragt, die diesen Sohns und seine Eigenheiten kennen.«
Mäßig interessiert schob sich Uslar einen weiteren Bissen in den Mund und schaute sie nun auffordernd an. Also sprach sie weiter.
»Harry S. Sohns ist ein Waisenkind. Eltern unbekannt. Woher er sein Startkapital hat, bleibt ebenfalls im Dunkeln. Er hat auch nie geheiratet. Er geht nicht aus, verbringt seine ganze Zeit im bewachten Bereich seiner Zentrale, bewegt sich in seinem Büro, seinen Labors oder in seiner Wohnung, die sich allesamt auf dem gleichen Gelände befinden. Er hasst öffentliche Auftritte, für solche Dinge beschäftigt er extra einen Vorstand für Kommunikation. Daher kennen ihn nicht allzu viele Leute aus erster Hand. Fotos sind nur ganz wenige im Umlauf, Medienberichte ebenfalls. Der gute Mann schätzt die Diskretion.«
Uslar meinte schmatzend: »Das überrascht mich nicht. So ein Aufstieg ist ohne die Sektierer-Attitüde nicht zu bewerkstelligen, ob nun mit Tricks oder ohne. Dann darf ich also zusammenfassen, dass du nichts Wesentliches gefunden hast. Deine Jüngelchen vermögen nichts zu erzählen. Mithin ist er nicht schwul.«
»Das habe ich doch noch gar nicht ausgeschlossen, oder?«, warf Johimbe ein, ergötzte sich einen Augenblick lang an dem erstaunten Gesicht ihres Partners und fuhr dann fort: »Allerdings scheint er wirklich nicht schwul zu sein. Mit der dortigen Homo-Bruderschaft hat er auch in der Tat keine Berührungspunkte. Allerdings pflegt er ein Hobby, das ihn uns näher bringen wird.«
»Ah ja?« Uslar beendete seine Mahlzeit und eine Beendigung dieses Gespräches lag für ihn nun auch nahe.
»Ja, auch ein Sektierer benötigt dann und wann eine Frau. In seinem Fall ist es so, dass er sie sich in einem Harem hält.«
Nun wurde es für Uslar doch noch interessant.
»Aha, er verlässt also seinen Bau für erotische Abenteuer? Dann schnappe ich ihn mir.«
Johimbe schüttelte nur den Kopf.
»Uslar, du denkst mal wieder eine Kante zu schlicht. Wir sollen etwas herausfinden. Wenn du den Mann umlegst, haben wir nichts gewonnen. Ein Nachfolger wird die Firma und die Methode erben und der wird dann gewarnt sein. Also machen wir es auf die weibliche Art.«
Für die große Frau bestand gar kein Zweifel, bei Bedarf würde niemand sie aufhalten können, Sohns zu töten. Noch nie hatte sie jemand aufhalten können, allein wegen dieses Umstandes lebten die vom T73 Bevollmächtigten noch. Zurzeit lautete der Auftrag aber anders, die Tötung des Konzernchefs würde der Erfüllung ihrer Aufgabe im Gegenteil sehr entgegen stehen, was auch ihr verschrobener Partner einsehen musste. Bevollmächtigter Uslar sah sie dennoch trübe an, verzog die Mundwinkel noch weiter nach unten und schnaubte sachte: »Die weibliche Art, wie schön. Du wirst den Mann also beschlafen, ja? Abgesehen von dem Problem, erst einmal seine Favoritin zu werden: Wie kommst du eigentlich auf das schmale Brett, dass er nur darauf wartet, dir alles zu erzählen?«
Nun lachte Johimbe böse auf und strich sich aufreizend über den Körper.
»Welcher Mann hat mir jemals widerstehen können?«
»Ich.«
»Du bist kein Mann. Du bist ein kleiner, verschrobener Zwerg ohne Ahnung vom richtigen Leben, der bösartig wurde, weil er nie eine Frau abbekam. Die Verhaltensforscher nennen so etwas Übersprungsreaktion. Die sexuelle Energie schlägt mangels Sex in Gewalttätigkeit um. Ziemlich leicht zu durchschauen, mein Herr.«
Er grinste nur falsch zurück.
»Deshalb passen wir so gut zusammen. Nur jemand wie ich ist in der Lage, mit einer sexsüchtigen Schlampe zusammenzuarbeiten, ohne sie aus Eifersucht oder gesunder Überzeugung zu erschlagen.«
Sie griff zum Teller, nur um enttäuscht festzustellen, dass er aus Granoplast bestand, eine Substanz, die von selbst zerbröselte, wenn man sie gegen etwas warf. Einer der völlig untauglichen Versuche des EU-Direktorats, häusliche Gewalt zu verhindern. Uslar nutzte die Sekunde, um erstaunlich behände aufzustehen und sich in sein Zimmer zurückzuziehen. Johimbe sah noch eine kurze Weile den Teller an. Dann beschloss sie, noch ein paar Telefonate zu führen.
*
Gar nicht so weit weg von Bad Godesberg fand ein Treffen statt. In einem reichlich vergammelten Hochhaus im Norden von Bonn wohnten mehr schlecht als recht etwa neunzig Studenten und allein lebende Beamte in Einzelzimmern. Sie bildeten in diesem Viertel den Rest dessen, was einmal die untere Mittelschicht gewesen war. Unter den augenblicklich in Europa herrschenden Bedingungen bedeutete dies, dass die Mieter einerseits nicht mittellos waren und ergo nicht betteln gehen oder sich einer militanten Organisation anschließen mussten, um an Nahrung zu kommen.
Andererseits ging es ihnen aber auch nicht wirklich gut, denn auf Heizung oder Strom musste man überwiegend verzichten und die Gefahr eines gewaltsamen Todes bestand zu jeder Zeit. Das Hochhaus lag an der Pariser Straße, die sich fest in der Hand türkischer Drogendealer befand, weil dieser Straßenzug aktuell von keiner Firma und keiner anderen Interessengruppe beansprucht wurde. Seit Jahren traute sich keine Polizeistreife mehr hierhin, was aber nicht als Verlust gesehen wurde, seit die Beamten Schutzsteuern erhoben und doch nie eingriffen.
Im siebten Stock des Hauses Nummer vierundfünfzig trafen sich drei Araber mit einem ebenfalls arabischen Neuankömmling in einer der kleinen Stundenwohnungen. Sie scheuchten die blonden Prostituierten fort und hockten sich gemütlich um eine Wasserpfeife. Sie ließen sich Zeit, rauchten zusammen, verspeisten größere Mengen scharf gewürzten Gebäcks und sprachen über Belangloses. Der Neuankömmling legte schließlich die Pfeife weg und eröffnete den offiziellen Teil der Besprechung. Er sprach sehr formell, als fände dieses Gespräch in einem Gerichtssaal statt, wobei er selbst die Rolle des Staatsanwaltes inne hatte.
»Jussuf, deine Männer haben versagt. Weil sie das Flugzeug nicht zum Absturz bringen konnten, haben wir den Angriff auf die Bank abbrechen müssen. Was ist deine Entschuldigung?«
Der Angesprochene duckte sich und wagte den anderen nicht anzusehen.
»Tarkan, mein Führer, ich bin untröstlich. Meine besten Männer habe ich mit dem heiligen Auftrag in dieses Flugzeug geschickt. Sie waren zu dritt, und sie haben alles richtig gemacht. Sie töteten die Piloten und waren bereit, für die Sache zu sterben. Doch dann wurden sie überwältigt.«
Tarkan schnaubte verächtlich. Seine Wut sprang ihm förmlich aus den schwarzen Augen.
»Die besten Männer, ha! Bewaffnete Männer lassen sich von einer Frau töten. Was hast du diesen Schwächlingen beigebracht? Sie trugen Waffen und keine Besen, warum also haben sie nicht geschossen?«
Jussuf wurde noch kleiner. Seine Stimme wurde vor Angst ganz hell.
»Herr, es war nicht nur die Frau. Ein Mann war bei ihr.«
Herrisch wischte Tarkan den Einwand beiseite.
»Das war kein Mann. Ein Zwerg war es, unbewaffnet und ungelenk, ein Niemand. Ein Zwerg und eine Frau haben den Stolz deiner Kampfgruppe besiegt. Das ist unverzeihlich.«
Jussuf quiekte fast, als er das magische Wort hörte. In seiner Not wagte er einen weiteren Einwand: »Herr, mein Führer, diese beiden waren keine normalen Menschen. Es geht das Gerücht, sie wären Bevollmächtigten des T73. Die besten Kämpfer unter der Sonne. Niemand konnte damit rechnen, dass zwei von ihnen an Bord waren und der Mann auch noch die Maschine fliegen konnte.«
Tarkan lachte böse auf.
»Jussuf, Du bist ein Narr! T73 gibt es nicht. Es ist nichts weiter als eine Legende, ein Mythos der Imperialisten, der herrschenden Geld-Clique, mit dem man uns Freiheitskämpfern Furcht einflößen will. Bei dir jedenfalls scheint es gelungen zu sein, und deine Kämpfer hast du allem Anschein nach ebenfalls mit dieser sinnlosen Furcht angesteckt. Genug davon. Ich gebe dir eine letzte Gelegenheit, dich zu rehabilitieren.«
Er erklärte Jussuf seinen Auftrag und entließ ihn anschließend mit einer unwirschen Handbewegung. Leichenblass und mit zitternden Knien verließ Jussuf die Studentenwohnung. Tarkan wandte sich den beiden verbliebenen Zuhörern zu.
»Nun? Was wisst Ihr von diesen beiden Gestalten?«
Einer antwortete zögernd: »Wir konnten keine Hinweise darauf finden, dass sie einer Organisation namens T73 angehören. Es handelt sich um Mitarbeiter der UNHCR. Die Frau ist Sozialarbeiterin, der Mann nur ein Buchhalter.«
Tarkan runzelte die Stirn.
»Diese Berufe befähigen niemanden dazu, unsere Kämpfer zu überwinden.«
»Nein«, gab ihm sein Gegenüber recht. »Allerdings sind beide vorbestraft. Die Frau wegen Mordes an ihrem Liebhaber.«
»Hure!«, entfuhr es Tarkan fast anerkennend. »Wo befindet sie sich jetzt?«
»In einer sicheren Wohnung. Zusammen mit dem Mann.«
Tarkan lächelte fast bei der Vorstellung, was eine Frau wie diese wohl mit einem Zwerg anstellen würde. Er besann sich aber rasch und fuhr fort: »Die beiden müssen sterben. Es ist unerlässlich, unsere Kämpfer zu rächen. Werdet ihr zwei dieser Aufgabe gewachsen sein?«
Der Mann, der bisher nicht gesprochen hatte, ergriff nun das Wort.
»Wir werden zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Wir locken die beiden zur Bank und rauben sie aus, während sie dort sind. Dabei werden wir sie töten.«
Tarkan lächelte nun wirklich.
»Der Plan gefällt mir. Lasst uns über Einzelheiten reden.«
Sie besprachen die Planung ausführlich, bis alle Fragen geklärt waren. Tarkan rauchte noch ein wenig und verabschiedete sich dann. Draußen warteten sein Panzerwagen und eine ganze Formation Leibwächter. Im Wagen griff er zum Telefon, und als die Verbindung stand, sagte er nur einen Satz: »Unternehmen Sie alles, um T73 zu vernichten.«
