Kitabı oku: «Game over», sayfa 4
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Sie mochten sich nicht und sie machten im Umgang miteinander keinen Hehl daraus. Umso erstaunlicher musste dem unbedarften Beobachter die reibungslose Zusammenarbeit der beiden Bevollmächtigten vorkommen, hätte es ihn denn gegeben. Johimbe und Uslar selbst empfanden den jeweils anderen dennoch als Last. Jeder fühlte sich von den kleinen Sticheleien und Reibereien in seiner Arbeitswut gebremst. Diese Arbeitswut verband sie, unter anderem. Sie gingen auf in ihrer Arbeit, widmeten sich ihr mit ganzer Kraft und voller Konzentration.
Und wahrscheinlich bewirkten die Streitereien bei beiden eine gewisse Entspannung, so wie ihre Feinde zur Entspannung rauchten, tranken oder Pornos ansahen. Wahrscheinlich empfanden die beiden dies aber subjektiv nicht so, verbissen sie sich doch ineinander mit der gleichen Entschlossenheit, mit der sie ihre Recherchen betrieben.
Wie üblich kamen sie schnell voran. Johimbe erschien mitten in der Nacht in Uslars Zimmer, schwenkte das Telefon in der Hand und sagte mit tiefer Befriedigung in der Stimme: »Ich habe da was. Ich weiß, woher Sohns die Mädchen bezieht.«
Uslar drehte sich um und betrachtete kritisch ihre Brüste, die durch das schweißnasse T-Shirt drückten. Im Anbetracht der in Aussicht gestellten Fortschritte verzichtete er für dieses Mal auf die Klärung der Frage, auf welche Art und Weise sie ihre Information erlangt hatte. Er wollte auch nicht wirklich in Erfahrung bringen, wie man es beim Telefonieren zu starkem Schwitzen und aufgestellten Brustwarzen bringen konnte.
Bei seinem Eignungstest war damals sein fotografisches Gedächtnis aufgefallen, seine Vorgesetzten schlossen daraus auf einen extrem hohen Intelligenzquotienten und übergroße Kombinationsgabe bis hin zu einer gewissen Form der Allwissenheit. Entgegen der Ansicht seiner Vorgesetzten stufte er sich selbst jedoch ganz und gar nicht als allwissend ein, und gelegentlich empfand er dieses Manko als außerordentlich erleichternd. Also nickte er nur aufmunternd und verkniff sich jeden Kommentar.
»Es gibt da in der Nähe seines Forschungszentrums eine FKK-Sauna. Sie heißt Baldur.«
In milder Verzweiflung fasste er sich an den Kopf. Er würde nie verstehen, was die Menschen dazu trieb, abstruse Bezeichnungen für derartige Etablissements zu finden. Eigentlich war doch einleuchtend, dass in einer Sauna immer FKK betrieben wurde. In Wahrheit ging es aber in so einem Betrieb weder um FKK noch um Sauna. In einer Mischung aus Ergebenheit und Sarkasmus erwiderte er: »Und nun erklärst du mir sicher, warum um alles in der Welt ein Puff Baldur heißen muss.«
»Daran arbeite ich noch«, gab Johimbe lässig zurück, trat zu ihm und beugte sich zu ihm hinunter, sodass er freie Sicht bis zum Bauchnabel erhielt.
»Wie du dir sicher denken kannst, gibt es brennendere Fragen. Fest steht, dass Sohns sich dort telefonisch seine Mädchen bestellt. Immer zwei, immer für die ganze Nacht. Das Interessante dabei ist, dass die Mädchen gelegentlich ziemlich zerrupft zurückkommen.«
»Gelegentlich?«, echote Uslar und besah sich mäßig erfreut ihr Nabelpiercing.
Sie bemerkte es natürlich und bewegte ganz leicht den Oberkörper, um zu sehen, wie er auf den wogenden Busen reagierte. Er tat ihr den Gefallen nicht, also blieb sie beim Thema.
»Genau, mein Kleiner. Gelegentlich kommen sie auch gar nicht mehr zurück. Deshalb ist der Job nicht sehr beliebt bei den Mädchen.«
Uslar lächelte zufrieden.
»Na bitte, ein richtiger kleiner Kriminalfall. So wie früher. Das ist ja witzig.«
Johimbe musterte mit einem gewissen Misstrauen den dreckig grinsenden Gnom. Nur alle paar Monate erfreute ihn eine Sache so sehr, dass er es auch zeigte. Positive Wendungen ergaben sich hieraus hingegen praktisch nie. Im Gegenteil schien er selbst seine kleine Freude eher als Entgleisung zu betrachten und versuchte hinterher durch extra heftigen Zynismus einen Ausgleich zu schaffen. Insofern war Vorsicht geboten, und daher wollte sie ihm die Freude gleich wieder austreiben.
»Uslar, du bist vielleicht ein Hirschkäfer! Das ist kein kleiner Kriminalfall, das ist ein extrem großer Kriminalfall. Hochgerechnet sind auf diesem Wege schon einige Dutzend Mädchen verschwunden. Unsere Zielperson dreht also in jeder Hinsicht ein großes Rad. Tue mir den Gefallen, und befrage deine Maschine nach den Hintergründen.«
Mit einer bezeichnenden Geste in Richtung Computer drehte sie auf dem Absatz um und verschwand wieder in ihrem Zimmer. Uslar knurrte enttäuscht und kratzte sich so ausgiebig am Kopf, dass er die Tastatur anschließend umdrehen und die Schuppen heraus klopfen musste.
»Shit injection! Ich hasse diese zügellosen Kriminellen. Als ob die alle für die nächste Olympiade trainierten. Die hätten damals das Dosenpfand nicht abschaffen dürfen. Seitdem ist alles und jedes vom Einweggedanken beseelt.«
Leise vor sich hin grummelnd machte er sich wieder an die Arbeit. Durch den Anhaltspunkt verlief seine Suche wesentlich zielgerichteter und bereits nach wenigen Minuten hatte er genug Material zusammen, um sich auf den Weg in das andere Zimmer zu machen. Ohne anzuklopfen stieß er Tür so heftig auf, dass sie scheppernd an die Wand krachte. Gleichzeitig versuchte er, möglichst lässig im Türrahmen zu stehen. Johimbe lag auf dem Sofa, irgendwie auch telefonierend, gleichzeitig aber mit beiden Händen beschäftigt. Uslar schlug mit gespielter Fassungslosigkeit eine Hand an die Stirn, während seine halb nackte Partnerin nicht übermäßig hastig das Gespräch beendete und ihre spärliche Kleidung ordnete.
»Ich bin immer wieder erstaunt, wie manche Leute ihr Hobby in den Beruf einbringen. Hast du eigentlich eine eigene Nummer, über die man deine zweifelhaften Dienstleistungen abrufen kann?«
Er wusste genau, dass dem nicht so war, weil er die Hintergründe kannte. Da sie wusste, dass er es wusste, wurde sie noch wütender.
»Ja, Uslar, natürlich. Dies trifft auf sinnliche Superfrauen ebenso zu wie auf kleine voyeuristische, körperlich wie geistig behinderte kranke Soziopathen. Nenne mir einen Grund, dich nicht umzubringen, du Lustzwerg.«
Uslar betrachtete ihre Reize aufmerksam, aber ohne sich angesprochen zu fühlen. Er mochte Frauen nicht, die in jeder optischen Hinsicht perfekt waren. Perfekte Schönheit stieß ihn ab, er empfand es als unnatürlich, in einer fehlerhaften Gesellschaft, bevölkert mit einer Unzahl körperlich und geistig unvollkommener Menschen, einem makellosen Körper zu begegnen. Johimbe stach aus dieser permanenten Niederung menschlicher Fehler und Schwächen heraus wie ein schwarzes Schaf unter weißen Enten.
Erschwerend kam hinzu, dass dieser Körper allein von Mutter Natur derart perfekt geformt worden war. Nur ein einziges Mal hatte ein Chirurg Hand angelegt: um das Hologramm zu implantieren. An seinem eigenen Körper hatte man dagegen schon öfters geschraubt, je öfter, desto verheerender dir Folgen. Glücklicherweise kannte er ihre seelischen Schwächen, sonst wäre eine Zusammenarbeit mit ihr gänzlich unmöglich. Besonders schätzte er an ihr, wie sich ihre weiche dunkle Stimme in Augenblicken wie diesem in das typische weibliche Keifen verwandeln konnte.
Immer, wenn ihm ihre Makellosigkeit zu sehr auf den Nerv ging, provozierte er eine Reaktion wie diese, und schon wurde sie in seinen Augen wieder erträglich. Daher konnte er relativ sanft entgegnen:
»Weil ich etwas weiß, das du nicht weißt. Außerdem wage ich, zu prognostizieren, dass du nicht nur wissen willst, was ich weiß, sondern auch meine Anwesenheit bei der nun folgenden Aktion wünschen wirst.«
Johimbe sah ihn an wie einen Zwölfjährigen, der ihr ein Porno-Heft verkaufen wollte.
»Deine Behauptung halte ich wirklich für reichlich gewagt. Wie also kommst du auf diese abwegige Idee?«
Bereitwillig erklärte er es ihr und ließ es dabei auch nicht an Selbstzufriedenheit mangeln.
»Weil es um Maschinen geht, und um deine erklärten Lieblinge: Banken.«
Nun war es an ihr, ein genervtes Stöhnen auszustoßen. Uslar fuhr derweil mit seinen Ausführungen fort.
»Nun, wie dir sicher bekannt ist, werden Frauen für Dienste, wie sie in diesem ominösen Sauna-Puff-Dingsbums angeboten werden, gelegentlich auch bezahlt. Meist werden jedoch die Beschützer, Agenten, Freunde, oder wie die Zuhälter sonst so genannt werden, bezahlt. Aber egal, Geld hinterlässt immer eine Spur. Ich habe einfach mal angenommen, dass in diesem Fall gegen den herrschenden Zeitgeist die Mädels nicht allesamt liquidiert werden, sondern mit reichlich Kohle wieder nach Hause kommen. Auch der skrupelloseste Massenmörder erlebt seltene Augenblicke der Menschlichkeit. Besonders nach einem Orgasmus. Das hilft dir in deiner Arbeit ja auch so manches Mal nicht unerheblich.«
»Komm’ zum Punkt«, knurrte Johimbe hinter der Hand hervor, mit der sie immer noch ihre Stirn massierte. Manchmal fühlte sie die gleiche Angewidertheit wie ihr sogenannter Kollege, wenn auch aus anderen Gründen.
»Klar doch, geht ganz schnell. Jedenfalls gibt es da ein Konto. Es hat auf den ersten und zweiten Blick nichts mit Sohns oder Baldur zu tun. Unendlich viele Transaktionen laufen über dieses Konto, so viele, dass es wirklich schon nach Verschleierung riecht. Auf den dritten Blick also fällt auf, dass die Damen, die du ermittelt hast, allesamt hohe Geldbeträge von diesem Konto beziehen. Genau genommen erhalten sie nur von diesem Konto Geld. Ansonsten keinerlei Einkünfte.«
Johimbe schüttelte wieder und wieder den Kopf. Schließlich brummte sie leicht ungläubig: »Das verstehe ich nie. Männer! Planen alles bis ins Letzte, aber kommen aus ihrem egozentrischen Weltbild nicht heraus. Die kommen einfach nicht darauf, dass man die Dinge auch von der anderen Seite aufdröseln kann. Unglaublich.«
Uslar stand auf und tätschelte die größere Frau sachte auf die Schulter. Als sie erstaunt zu ihm hinunter blickte, erkannte sie sein sarkastisches Grinsen.
»Nicht aufregen, Johimbe. Solche Gedankengänge sind auch dir nicht so fern, wie du jetzt vielleicht vermutest. Aus diesem Grund hat unser geliebter Boss ja ausgerechnet mich an deine Bettkante gefesselt. Hirn und Körper, du verstehst.«
Sie spannte den angesprochenen Körper, um ihm einen tätlichen Verweis zu erteilen, überlegte es sich aber unmittelbar anders.
»Welche Bank, du Troll?«, schnappte sie stattdessen.
Sein Grinsen verbreiterte sich noch.
»Das wird dir gefallen. Es handelt sich um die LL-Bank, die Bank für Verliebte. Die gleiche Bank, bei der du deine Schwarzgelder parkst.«
Für einen Moment schwirrten einige kurzfristige Planungen durch ihren Kopf, dann hatte sie sich wieder unter Kontrolle. Mit großen Schritten stürmte sie an den Schrank, zog sich an, bewaffnete sich und stand auch schon an der Tür. Uslar benötigte kaum länger, um seine ureigenen Vorbereitungen zu treffen. Beim Hinausgehen knurrte Johimbe: »Erinnere mich daran, auch gleich mein eigenes Konto und alle Spuren zu löschen.«
*
Die Passanten kümmerten sich nicht um die beiden so ungleich aussehenden Figuren, die sich gegenseitig so offensichtlich ablehnten, dennoch eng nebeneinander hergingen. In der EU wie dem Rest der Welt kämpfte jeder für sich und um sein blankes Überleben. Die Konzerne hegten keinerlei Interesse an sozialstaatlicher Attitüde. Soziales Miteinander kannte die überwiegende Mehrheit der Bürger in allen Ländern nicht mehr. Für weite Teile Asiens und Afrikas bedeutete dies keine wirkliche Verschlechterung, für die sogenannten Industriestaaten jedoch geriet die unumschränkte Macht der Konzerne zur Tragödie.
Eine ständig kleiner werdende Minderheit klammerte sich an den Wohlstand, verteidigte ihn mit allen Mitteln und kämpfte ohne jede Rücksicht für die weitere Zugehörigkeit. Diejenigen, die nicht mehr dazu gehörten, kannten nur noch das Gesetz der Straße. Was unter anderem bedeutete: Halte dich von gut gekleideten Leuten fern, du hast von ihnen nichts zu erwarten, außer ernsten Problemen.
Die abgerissenen und hungrigen Menschen wichen angstvoll vor der großen Frau und ihrem schmächtigen Begleiter zurück. Lediglich einige Kinder kannten noch keine Angst und versuchten, sie anzubetteln. Johimbe verscheuchte sie ungnädig, während ihr Begleiter mehrmals in genau der richtigen Lautstärke »Ich hasse Kinder« knurrte. Beide sahen ziemlich Furcht einflößend aus. Die knöchellangen, mit Absicht viel zu weit geschnittenen, bis zu den Knöcheln reichenden Mäntel aus grauer Spezialfaser umloderten die beiden Bevollmächtigten wie ein königlicher Umhang. Er verdeckte aber auch fast vollständig die militärische Bekleidung Uslars ebenso wie das Minikleid seiner sehr aufrecht gehenden Begleiterin. Nach kurzer Zeit erreichten sie ohne Zwischenfälle ihr Ziel.
Das Bankgebäude passte absolut nicht in die Gegend. Der unglaublich riesige Protzbau bildete einen scharfen Kontrast zum umliegenden Verfall. Hier befand sich bis vor wenigen Jahren noch ein pulsierender Stadtkern. Nach den Arbeitslosen-Unruhen vor fünf Jahren hatte niemand mehr die abgebrannten Häuser aufgebaut oder die geplünderten Geschäfte wieder aufgemacht. Nur die Bank thronte über allem, als ob ihr nichts und niemand etwas anhaben könnte. Und genau dies war die Botschaft.
Die beiden Bevollmächtigten stiegen die steile und schier endlose Freitreppe zu dem ausladenden Turm hinauf, dabei argwöhnisch die auf den Treppen lagernden Gestalten beobachtend. Mindestens einhundert Personen taten so, als würden sie hier leben, Zelte, Gaskocher, Matratzen, nichts fehlte. Oben angekommen öffnete sich ein terrassenartiger Vorplatz, zeigte sich jedoch im Gegenteil außerordentlich verschlossen, war er doch mit Zäunen gegen das Elend abgesperrt, bewacht von bewaffneten Männern, die zwar Uniform trugen, ansonsten ebenso elend dreinblickten wie die Leute weiter unten.
Die Bevollmächtigten zeigten ihre Tarn-Ausweise und wurden durchgelassen. Durch eine schwere Drehtür gelangten sie in das Innere der Bank und blieben erst einmal stehen, um sich zu orientieren. Auf den ersten Blick fühlten sie sich in eine Bahnhofshalle aus der Kaiserzeit versetzt, eine weite Fläche lag vor ihnen, umrahmt von hohen Wänden, eingefasst von dorischen Säulen, zwei umlaufenden Galerien mit zahlreichen Türen, teuren Wandverkleidungen und Böden aus dunklem Marmor. Zwei gigantische Kronleuchter hingen von der Decke, alles sehr edel und ungewöhnlich teuer.
Nur Menschen schien es nicht zu geben. Die gesamte freie Fläche lag still vor ihnen. Auf den zweiten Blick erkannten sie dann doch noch einige Personen, einige wenige Bedienstete, die hinter ausladenden Tresen vor Monitoren saßen, darum bemüht, keinen Laut zu verursachen. Lediglich das Bedienen der Tastaturen vereinigte sich zu einem dezenten Scheppern. Es hörte sich an, als würden mehrere Maschinenpistolen mit Schalldämpfer abgefeuert. Sie setzten sich in Bewegung und erkannten sogleich, warum hier jeder versuchte, Lärm zu vermeiden. Obgleich sie Elastron-Schuhe trugen, die fast kein Geräusch verursachten, verstärkte der Saal dieses kleine Restgeräusch genügend, um ein Echo zu erzeugen, welches das ursprüngliche Geräusch um ein Mehrfaches übertraf. Sofort unterbrachen alle Mitarbeiter der Bank ihre Arbeit und schauten auf die Neuankömmlinge.
Nach endlosen Sekunden erreichten sie endlich einen der Tresen, hinter dem eine blonde, operativ aufgewertete Schönheit ihnen nichtssagend entgegenlächelte. Uslar war bereits von dem protzigen Ambiente der Bank bedient, und obwohl er dafür fast zu klein war, legte er ostentativ die Unterarme auf den kalten Marmor des Tresens, hielt den Kopf so, als müsste er über eine Brille schielen und fragte ätzend: »Läuft es nicht mehr für Ihren Laden, oder warum sind hier keine Kunden?«
Johimbe lehnte sich mit dem Rücken an den Tresen und betrachtete die Umgebung. Wenn der Gnom meinte, diese Dinge regeln zu müssen, wollte sie nichts damit zu tun haben. Die Blondine sah ihn an, lächelte offen, was ihn sofort äußerst misstrauisch machte, und gab zurück: »Oh, doch, mein Herr, unser Geschäftsverlauf ist sicherlich als äußerst zufriedenstellend zu bezeichnen. Allerdings werden gerade bei unserem Institut mehr als neunundneunzig Prozent aller Vorgänge per Ultranet abgewickelt. Darüber hinaus bevorzugen es unsere Kunden, in den anderen Fällen eine Filiale an ihrem Wohnort zu konsultieren, sodass unsere Zentrale sich in der Regel keiner allzu großen Kundenpräsenz erfreuen kann. Haben Sie einen besonderen Wunsch?«
Uslar gab ein Geräusch von sich, als ob er gerade in einen Regenwurm gebissen hätte, murmelte vor sich hin: »Ja, die Firmen sollen aufhören, Zombie-Frauen zu züchten.«
Im gleichen Atemzug bemerkte er, wie sein Gemurmel verstärkt als Echo von den Wänden zurückkehrte, und setzte rasch nach, um es noch zu übertönen: »Der Chef hier. Wo ist der? Wir müssen ihn sprechen.«
Immer noch lächelnd gab sie ihm die Antwort: »In welcher Angelegenheit möchten Sie den Herrn Generaldirektor sprechen?«
Im Begriff, ihr eine patzige Antwort zu geben, wurde er unterbrochen, denn ganz plötzlich brandete Lärm auf. Einige Türen auf den umlaufenden Emporen wurden aufgerissen, gleichzeitig bewegte sich die große Drehtür und spuckte ein halbes Dutzend Bewaffnete aus. Johimbe atmete scharf ein und stellte sich in eine Position, die in den nächsten Sekunden taktische Vorteile zu bringen versprach. Uslar hingegen ließ langsam die Stirn auf den kühlen Marmor des Tresens sinken und produzierte ein paar Geräusche, ähnlich denen, die man bei einem Mann vermuten würde, der gerade die fünfzehnte Rechnung des Tages lesen durfte.
Die Angreifer verteilten sich rasch, das halbe Dutzend baute sich in der Halle auf, und von den Emporen drohten nun eben so viele Sturmgewehre. Die Männer waren in lockere Uniform-ähnliche Kleidung gehüllt. Allen gemein waren neben den Sturmgewehren voluminöse Turbane und wilde Blicke. Einer der Männer in der Halle lief nun an den Tresen, baute sich direkt neben Johimbe auf und schnauzte: »Dies ist ein rechtmäßiger Angriff im Namen der Freiheit. Unser Führer ist Tarkan bin Markan, das Licht des Islam. Alles Geld raus. Sofort, oder alle sterben.«
Dabei wanderte sein Blick eigentümlich irritiert von der blonden Frau hinter dem Tresen zu Johimbe und zurück. Uslar hob, offensichtlich unter Mühen, sein Haupt vom Tresen und blies die Backen auf. Wie unter Qualen drehte er sich langsam um und nahm das Bild in sich auf. Seine Augen verrieten seine ganze Geringschätzung für die Bewaffneten. Mit der sanften Bosheit, mit der sonst Chefs ihre dussligen Sekretärinnen tadeln, sprach er den Wortführer der Truppe an.
»Was seid Ihr denn für eine Laien-Schauspieltruppe? In dieser Bank wird doch bis auf ein paar Scheine gar kein Bargeld aufbewahrt. Ihr habt außerdem ganz sicher nicht vor, jemanden leben zu lassen, der von eurer Blödheit berichten könnte, oder? Ihr armseligen Amateure habt wohl euer Know-how aus Versehen vom falschen Fernsehsender bezogen. Der Historien-Kanal taugt für so was nicht.«
Uslar sprach, und Johimbe musterte derweil den Gegner. Aus dem Bauch heraus empfand sie die Situation als irreal. Das hier konnte gar nicht so passieren. Heutzutage überfielen Extremisten solche Banken nicht mehr. Geld beschafften sich diese Typen auf ganz andere Weise. Je länger das dauerte, desto ungewöhnlicher fand sie das Verhalten der Turbanköpfe. Kein echter Extremist würde sich von Uslar volllabern lassen, plante er denn wirklich einen Überfall. Außerdem sahen ihr die anderen Bewaffneten viel zu deutlich nicht in Richtung Geld, sondern zu ihnen hin. Sie schienen auf ein Signal zu warten, und in der Zwischenzeit sahen sie sich Johimbe unverhohlen an. Sie entschied sich in Sekunden. Uslar beendete seinen Dialog, da sagte sie leise und hart nur ein Wort:
»Fünf.«
Der Anführer der scheinbar muslimisch-fundamentalistischen Truppe achtete nicht darauf, sondern hob zu einer fulminanten Erwiderung an: »Richtig, du Atheisten-Schwein. Der Tag ist gekommen, die Sünde vom Antlitz der Welt ...«
Das Augenrollen Uslars bezog der Turbanmann auf seine Ausführungen. Damit lag er falsch. Uslar nahm das Wort fünf zum Anlass, ausgiebig im Genervtsein zu schwelgen. Nach vier Sekunden griff er zeitgleich mit Johimbe unter seinen Mantel. Eine Sekunde später brach die Hölle los.
Die beiden verfügten über eine absolute Geheimwaffe, die nicht unwesentlich zum Ruf der Organisation T73 beigetragen hatte. Nur T73 verfügte über sie. Die Waffe wirkte auf den ersten Blick wie eine Schlagbohrmaschine: Klobig und groß besaß sie nur einen schmalen Griff, aber vor dem Abzug wuchs ein zylinderförmiger Klotz nach unten aus dem Rahmen, der bei einer Bohrmaschine den Motor beherbergt hätte. In diesem Fall handelte es sich um das Magazin. Es enthielt zweihundertsechsundfünfzig Miniraketen, deren Sprengkopf jeweils mit vier Gramm Superneosit befüllt war, dem stärksten und auch seltensten konventionellen Sprengstoff der Weltgeschichte. Superneosit funktionierte nach der Methode der Aerosol-Bomben: Es explodierte weiträumig, verdrängte extrem große Mengen Luft und bewirkte durch Nachexplosion und Zurückfluten der Luft eine anschließende Implosion. Im Ergebnis führte dieser Effekt zur Zerstörung massiver Wände und zum Zerreißen jeglichen organischen Materials. Nicht ohne Grund wurde die Waffe mit dem Tarnnamen Jericho versehen.
Nur Einsatzteams des T73 wurden mit dieser Waffe ausgerüstet, nur sie wagten es, diese Waffe innerhalb eines Gebäudes einzusetzen. Genau genommen zeigten sich nur Bevollmächtigte wie Johimbe und Uslar so skrupellos wie angstfrei im Angesicht des Todes, um eine derart Wahnsinnstat zu begehen. Das war der zweite Baustein zum Ruf der Organisation.
Johimbe benutzte ihre Jericho jedoch zunächst als Keule, indem sie den deklamierenden Turbanträger neben sich den Lauf der fünf Kilo schweren Waffe kurzerhand über den Schädel schlug. Uslar hingegen beschrieb mit einer wischenden Bewegung des Armes einen Halbkreis. Aus der Jericho rasten etwa zehn Miniraketen und detonierten an der gegenüberliegenden Wand. Es wurde sehr hell, sehr laut und ungeheuer windig.
Die Mäntel der beiden Bevollmächtigten bestanden aus einem Material, welches durch eine genau ausgetüftelte Mischung aus Flexibilität und Undurchdringlichkeit einen enormen Panzerschutz gewährte. Aber nur, wenn man sich völlig in den Mantel einhüllte, weshalb diese Bekleidungsstücke auch unangemessen weit geschnitten waren. In einer Wolke aus feinen Trümmern und Stichflammen wurden die beiden Bevollmächtigten relativ ungeschützt von vorne getroffen und hinter den massiven Tresen geschleudert.
Nur die Tatsache, dass die Mäntel mit 3d-Kevlar durchwirkt waren, bewahrte sie immerhin beim Aufprall vor ernsten Verletzungen. Johimbe rollte sich ab, ging in die Hocke und feuerte ihrerseits eine Garbe in die obere Empore. Gleich anschließend ging sie in Deckung und hatte so keine Gelegenheit, den imposanten Zusammenbruch der Empore mitsamt der kompletten Wand zu beobachten. Durch die Verpuffungen wurde der Sauerstoff knapp. Heftige Zugluft brachte zwar Nachschub, leider aber auch neue Probleme. Schreie ertönten aus dem rückwärtigen, noch nicht beschädigten Teil der Bank. Gewehrfeuer knatterte und eine Handgranate kollerte in einigem Abstand herum und detonierte. Johimbe brüllte wütend auf, streifte rasch die Stöckelschuhe ab und stürmte auf den Hintereingang zu. Eine Minirakete klärte die Verhältnisse, sodass Uslar einigermaßen beeindruckt seine Kollegin dabei beobachten konnte, wie sie im Stile einer Zweihundertmeterläuferin durch den hinteren Flur rannte, die Rückendeckung der Attentäter vor sich her treibend.
Gleichzeitig schüttelte er aber auch den Kopf vor so viel kurzsichtigem und überhaupt nicht vorausschauendem Denken und Handeln. Er rappelte sich hoch und bahnte sich einen Weg über Trümmer und Körperteile zum Haupteingang. Draußen lagen die Wachmänner in ihrem Blut, der lagernde Haufen Obdachloser hatte alles stehen und liegen gelassen und erreichte gerade in wilder Flucht das weit entfernte Ende der Straße.
Übellaunig marschierte Uslar mit weiten Schritten die Freitreppe hinunter und stellte sich unten neben einem der gewaltigen Betonkübel auf, die man vor langen Jahren in dem aussichtslosen Unterfangen aufgestellt hatte, den Platz stilistisch etwas aufzulockern. Kaum dort eingetroffen schleuderte ein großer BMW H-Racer um die Ecke. Befriedigt sah Uslar sich bestätigt und änderte eine Einstellung an seiner Waffe. H-Racer wurden üblicherweise wegen ihrer Synthese aus Geschwindigkeit und starker Panzerung gekauft, deshalb wechselte er mit sicherem Griff das Magazin und zielte sorgfältig.
Die KevGlas-Kuppel des BMW war verdunkelt, was auf eine Aktivierung der Panzerung hinwies. Stark beschleunigend brauste der Wagen heran. Offenbar wollte er an der anderen Seite des Betonkübels vorbei zur Hauptstraße Richtung Flughafen durchbrechen. Unbeeindruckt betätigte Uslar konzentriert den Kontakt. Die Jericho feuerte mehrere panzerbrechende Miniraketen ab, die mit kleinen Stichflammen durch die Außenhaut des H-Racers schlugen wie durch Butter. Erst im Innenraum detonierten sie richtig.
Flammenausbrüche irrlichterten hinter der gläsernen Kuppel, der Wagen machte eine abrupte Richtungsänderung und hielt direkt auf Uslar zu. Der hob eine Augenbraue und gab weiter Feuer. Kurz bevor der BMW ihn erreichte, zerbrach die Kuppel von innen her, der schwere Wagen wurde herumgerissen, stellte sich quer und donnerte dicht vor Uslar gegen den Betonkübel. Durch die Wucht verkleinerte sich der H-Racer auf die Hälfte, rutschte noch etwas vom zerbröselnden Beton ab und kam kurz vor Uslars Füßen rauchend und zischend zum Stillstand.
Unwirkliche Ruhe trat ein, kein Laut ertönte, kein Vogel zwitscherte. Der kleine bucklige Mann klinkte das nunmehr überflüssige Magazin aus, ohne hinzusehen. Während es auf dem Boden tanzte, hakte er das ursprüngliche Behältnis wieder ein und steckte die Waffe weg.
»Amateure!«, knurrte er verächtlich und machte sich auf den Weg zurück in die Bank. Wegen dieser Pappnasen musste er sich mit seinen Plattfüßen und dem schmerzenden Fersensporn noch einmal die gekünstelt protzige Freitreppe hoch quälen.
Oben angelangt gewahrte er seine Kollegin, die schwer atmend ein paar Trümmerstücke wegräumte. Er hätte ihr gar nicht zugetraut, sich bei Aufräumarbeiten zu engagieren, und wunderte sich ein wenig. Neugierig geworden trat er näher und sah sich an, was da am Boden lag. Zu seiner Beruhigung interessierte sich Johimbe nicht wirklich für die Trümmer. Sie räumte lediglich ein paar störende Teile beiseite, um das Ziel ihrer Begierde besser zu erreichen. Gemeinsam beugten sie sich nun prüfend vor. Mit gebrochenen Beinen und einer blutenden Wunde am Kopf lag dort der Wortführer der Turbanträger, den Johimbe in der Eile des Gefechtes nicht hart genug auf den Kopf schlagen konnte. Sie grunzte befriedigt, als der Verletzte die Augen aufschlug.
Er blinzelte, stöhnte ein bisschen, bis er seine vermeintlichen Retter erkannte, woraufhin er die Augen aufriss und erstarrte. In diesem Augenblick trat ein kleiner dicker Mann zu ihnen und wollte Streit.
»Sind Sie wahnsinnig? Was haben Sie aus meiner schönen Bank gemacht? Das werden Sie teuer bezahlen müssen. Ich verklage Sie. Bleiben Sie dort stehen, bis die Polizei eintrifft.«
Die beiden richteten sich auf und musterten den Mann. Uslar lachte leise, als er den abfälligen Blick seiner Kollegin bemerkte. Sie stand nicht auf Dicke, die ihren Makel durch teure maßgeschneiderte Kleidung wettzumachen versuchten. Wenn diese Typen dann noch mit der Unverschämtheit des Herrschsüchtigen daher kamen, fand sie es nur noch peinlich. Das ließ sie den Mann auch deutlich spüren, als sie gedehnt antwortete:
»Wer bist du denn? Bisschen gefährlich, ein paar Bewaffnete anzupflaumen, wenn man außer einem Schlips nichts vorzuweisen hat, findest du nicht?«
Der Dicke ließ sich nicht beirren und erwiderte mit fester Stimme: »Ich bin Kevin Rönsch, der Geschäftsführer dieses Institutes. Ich wiederhole noch einmal: Sie werden hier nicht weggehen, bis die Polizei eingetroffen ist.«
Johimbe wurde es zu langweilig, sie drehte sich achselzuckend weg und bedeutete Uslar, die Dinge klarzustellen. Der kleine Mann trat dem am Boden liegenden Attentäter beiläufig in die Rippen, woraufhin der seinen Versuch aufgab, leise weg zu robben. Dann spreizte Uslar mit einem tiefen Durchatmen den Arm weg, so als ob er seine letzten Kräfte für diese Geste mobilisieren müsste, und produzierte das Hologramm. Dabei rasselte er seinen Spruch herunter wie ein Pfarrer, der recht schnell durch die Messe kommen wollte.
»Ich bin Bevollmächtigter 23, Drusus Xerxes Ramses Uslar. Gemäß der unumschränkten Vollmachten, die dem T73 von der Völkergemeinschaft verliehen wurden, erkläre ich alle hier durchgeführten und noch durchzuführenden Maßnahmen für notwendig, rechtmäßig und somit angeordnet. Ersatz wird nicht geleistet, Strafanzeige ist zwecklos. Gegen diese Verfügung können keinerlei Rechtsmittel eingelegt werden. Wer Widerstand leistet, wird exekutiert. Was Widerstand ist, entscheide ich.«
Rönsch wurde kreidebleich und murmelte fassungslos immer wieder: »Es gibt sie wirklich. Es gibt sie wirklich.«
Der Turbanträger am Boden begann stotternd in seiner Heimatsprache zu brabbeln, die Augen weit aufgerissen.
Johimbe hockte sich neben ihn, klopfte ihm ein paar Mal auf die Kopfwunde und herrschte den Mann an: »Hallo! Keiner zu Hause? Wir müssen uns unterhalten.«
Der Verletzte jaulte auf und fand die richtige Sprache wieder. Leider auch seinen Mut.
»Ich werde nichts sagen. Und wenn ihr mich foltert, ich werde nichts sagen.«
Johimbe grinste wölfisch.
»Das heißt also, du weißt was. Und ja: Wir werden dich foltern.«
Uslar mochte nicht tatenlos zusehen, wie ihm seine Kollegin in puncto Unmenschlichkeit den Rang ablief, und setzte nach: »Und am Schluss werden wir deine Überreste in eine Schweinehaut einnähen und dich den Geiern zum Fraß vorwerfen.«
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