Kitabı oku: «Wunderwelten», sayfa 5

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11. Die Schrecken des Mars.

Heinz hatte die zweite Nachtwache.

Ihm war etwas unheimlich zumute auf diesem fremden Weltkörper, der völlig neue und unbekannte Gefahren bergen mochte. Eigentliche Angst hatte der junge Mann zwar nicht, dazu besaß er zuviel persönlichen Mut, verbunden mit körperlicher und geistiger Gesundheit; aber eines eigentümlichen, beklemmenden Gefühls konnte er sich nicht erwehren.

Das Lager befand sich auf einem breiten Hügelrücken, auf dem die Sannah gelandet war und der sich ins Unendliche zu erstrecken schien. Ebenso unendlich hatte bei Tageslicht der Sumpf ausgesehen, der die etwa 200 Kilometer breite Vertiefung zwischen dieser und der nächsten Hügelkette ausfüllte.

Und diese sumpfige Niederung schien bei Nacht in unheimliche Lebendigkeit zu geraten.

Bestimmte Laute konnte der junge Wächter nicht vernehmen, wohl aber ein dumpfes Gemeng von Tönen, als ob da Tausende von Geschöpfen raschelten und plätscherten.

Unwillkürlich kamen dem Aufhorchenden die unsterblichen Verse aus Schillers Taucher in den Sinn:

„Da unten aber ist’s fürchterlich,

Und der Mensch versuche die Götter nicht,

Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,

Was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen.“

Und weiter:

„Das Auge mit Schaudern hinunter sah,

Wie’s von Salamandern und Molchen und Drachen

Sich regt’ in dem furchtbaren Höllenrachen.

Schwarz wimmelten da, in grausem Gemisch,

Zu scheußlichen Klumpen geballt,

Der stachlichte Roche, der Klippenfisch,

Des Hammers greuliche Ungestalt.

Und schaudernd dacht’ ich’s, — da kroch’s heran,

Regte hundert Gelenke zugleich ...

Soweit war Heinz in seinen Gedanken gekommen, da kroch wirklich etwas heran. Es schien eine Schlange zu sein, an und für sich kein besonders großes Tier, etwa armsdick und ungefähr drei Meter lang; aber als der Schein des Feuers den glatten, feuchten, rötlichen Leib erleuchtete, kam es dem Jüngling doch wie ein grauenerregendes Ungeheuer vor; denn es glich einem Regenwurm, und für einen solchen war seine Größe doch geradezu riesenhaft.

Der spitz zulaufende Kopf zeigte zwei äußerst kleine, blasse Augen, die kaum als solche zu erkennen waren; der Mund glich nur einem runden Loch und schien zum Saugen und nicht zum Beißen bestimmt.

Der widerliche Wurm kroch geradenwegs auf Heinz zu und kümmerte sich nicht um das Feuer. Hinter ihm tauchte ein Zweiter auf und dann ein Dritter, — ja der ganze Abhang schien sich zu beleben. In Scharen rückte das Gewürm an, als habe der Sumpf seine Heere ausgesandt, die unberufenen Eindringlinge auf dem Mars zu vernichten.

Zunächst sandte Heinz dem vordersten Wurm eine Explosionskugel in den Leib, die ihm jedoch nur eine kleine Wunde beibrachte, da sie in der weichen Masse auf keinen Widerstand traf und daher überhaupt nicht zum Platzen kam.

Der Wurm krümmte und wand sich, schnellte dann aber plötzlich vor und ringelte sich um des Schützen Fuß, in raschen Windungen an ihm hinaufkriechend.

Von Schauer und Ekel erfasst, griff der junge Mann nach seinem Dolchmesser und bearbeitete das Tier mit Stichen und Schnitten; allein er sah sich auf einmal von allen Seiten angegriffen: Da erhob sich ein schlüpfriges Haupt, dort ein zweites und drittes; und sie wanden sich an ihm empor, all diese unheimlichen Geschöpfe und so viel Köpfe er abschnitt, seine eigenen Kleider in der Eile der Abwehr zerfetzend, die Zahl war zu groß, er konnte nicht mit ihnen fertig werden!

Ein stechender Schmerz im Nacken ließ ihn nach hinten greifen: Er berührte den kalten schleimigen Leib eines der Würmer, der sich dort festgesogen hatte und ihm das Blut aussaugte; und schon hing ein andrer der grässlichen Köpfe an seiner Wange.

Heinz warf sich zu Boden und wälzte sich wie wahnsinnig umher. Aber er kam nicht los: Nur immer neue schlüpfrige Ringe spürte er sich um seine Glieder ziehen.

Flitmore war durch den Schuss geweckt worden und trat aus seinem Zelt. Mit lautem Hallo weckte er die Genossen und stürzte sich selber mit dem Messer auf das überall sich ringelnde Gewürm; denn mit dem Gewehr war hier nichts anzufangen, das sah er gleich.

Es gelang dem Lord, den jungen Freund frei zu machen; aber er selber war bereits von einigen der Würmer umschlungen und auch Heinz wurde alsbald wieder angefallen.

Laut kreischend stürzte Mietje aus ihrem Zelt: Die widerlichen Sumpftiere waren dort eingedrungen und eines davon hing an ihrem weißen Arm.

Aber wie sah es hier draußen aus! Sie schauderte, denn überall trat ihr Fuß auf ähnliche ekelhafte Geschöpfe, die sich krümmten und an ihr emporwanden.

Inzwischen war auch Schultze auf dem Plan aufgetaucht. Die wimmelnden und sich bäumenden Geschöpfe, die den Boden bedeckten, erregten zunächst sein wissenschaftliches Interesse.

„Das sind ja Ringelwürmer von fabelhafter Größe“, rief er aus: „Lumbriciden oder Regenwürmer, nichts andres! Wirklich kolossale Geschöpfe! Aber eigentlich nichts Auffallendes: Gab es Schalentiere, Schneckenarten von riesenhaften Formen, warum nicht auch Nacktschnecken und Würmer? Ich vermute sogar, dass ähnliche Geschöpfe zur Zeit der Ammoniten auch die Erde bevölkerten; Spuren ihres Daseins konnten sie natürlich nicht hinterlassen, da sie knochenlose Weichtiere sind.“

„Helfen Sie uns lieber, Professor“, keuchte Heinz: „Später wollen wir dann meinetwegen eine wissenschaftliche Unterhaltung über diese Höllenbrut beginnen, falls wir mit heiler Haut davonkommen.“

„Sie haben recht“, sagte Schultze: „Das scheinen ja in der Tat ganz verflixte Kumpane zu sein: sie gehen ja geradewegs auf mich los! Aber meine Hochachtung, junger Freund! Sie kämpfen wahrhaftig nach Schwabenart. Bravo! Das war wieder ein Schwabenstreich!“

„Der wackre Schwabe forcht sich nit!“, zitierte Münchhausen, der nun ebenfalls, gleichzeitig mit John, auf der Bildfläche auftauchte: „Zur Rechten sieht man, wie zur Linken, einen halben Türken hinuntersinken.“

Heinz hatte wirklich mit einem wohlgezielten Hieb den Leib eines Ringelwurms in der Mitte durchgetrennt, so dass das Zitat gut passte.

„Wenn nur die andern kalter Graus packte“, meinte der junge Held, der sich am Ende seiner Kräfte fühlte: „Aber da hat es gute Wege!“

„Hu, hu! Mich packt der kalte Graus!“ schrie Münchhausen, dem sich eines der Tiere um den Hals schlang. Er riss es los und schleuderte es zu Boden, um es mit der Wucht seiner breiten Füße zu Brei zu zertreten.

Der Professor und der Diener waren bereits in den wütendsten Kampf verwickelt: Sie hieben wie rasend mit den Messern um sich; allein der Sumpf musste Tausende dieser Ungeheuer beherbergen und alle just auf den Lagerplatz der Unseligen loslassen; der Kampf schien aussichtslos.

Was waren diese Geschöpfe? Weichtiere, die ein Fußtritt, ein Dolchhieb unschädlich machte! Sie besaßen keine Tatzen, keine Krallen, kein Gebiss; sie waren nicht gefährlicher als Blutegel: Aber ihre unerschöpfliche Zahl machte sie unüberwindlich, und unsre Freunde sahen ein grässliches Ende vor Augen. Viel lieber hätten sie mit den wildesten Raubtieren, mit Löwen, Tigern, mit einem Rudel Elefanten oder einer Büffelherde gekämpft.

Die Schimpansen Dick und Bobs hausten mörderisch unter den Angreifern: sie schienen rasend vor Wut. Sie warfen sich auf den Boden und würgten, zerrissen mit vier Händen zugleich, während sie gleichzeitig mit ihrem scharfen Gebiss Dutzende der Lumbriciden unschädlich machten.

Aber was half’s? Immer neue Scharen rückten an!

Münchhausen, der sich ohnehin nur schwerfällig bewegen und nicht leicht bücken konnte, hatte sofort erkannt, dass seine wirksamste Waffe in seinem kolossalen Körpergewicht bestand.

Er führte einen wahren Indianertanz auf, sprang so hoch er nur immer konnte und zerquetschte unter seinen gewaltigen Fußsohlen alles zu Brei, was sich unter ihm regte.

Es wäre ein Anblick zum Totlachen gewesen, wie der dicke Kapitän umherhopste, als wolle er sich zur Balllettänzerin ausbilden, wenn nicht das Gefährliche der Lage alle Lust zur Heiterkeit erstickt hätte.

Münchhausen floss der Schweiß in Strömen herab, und doch war sein Gehüpfe umsonst: auch er fühlte sich umringelt und umwunden, und nun glitt er gar auf dem gar zu schlüpfrig gewordenen Boden aus, fiel hin und rollte mitten unter das blutdürstige Ungeziefer, nicht ohne eine ganze Anzahl davon plattzudrücken.

Die Kämpfenden, die alle mehr oder weniger Blut lassen mussten, waren erschöpft, und noch immer kroch es in dichten Massen den Abhang herauf. Wenn sie sich nur zu der Strickleiter hätten flüchten und in dem Weltschiff bergen können! Aber sie hatten ihr Lager wohl hundert Meter weit davon aufgeschlagen und zwischen ihnen und der Sannah wimmelte es von dichten schwarzen Massen, die sich übereinander zu türmen schienen.

Da erschollen schrille, heißere Schreie in der Luft; dann dumpfe Flügelschläge, und gespenstisch rauschten mächtige schwarze Gestalten herab.

Im Schein des immer noch hochaufflackernden Feuers ließen sich einige dieser neuen Geschöpfe, die sich in dessen Nähe niedergelassen hatten, erkennen.

Sie boten keinen ermutigenden Anblick, vielmehr erschienen sie selber als schreckliche Ungeheuer: Es waren Vögel, die nichts Vogelähnliches hatten als die ungeheuren Fledermausflügel. Am ehesten erinnerten sie an den Pterodaktylus der irdischen Urzeit; ein plumper Kopf mit tiefeingeschnittenem Rachen und scharfen Zähnen gab ihnen Ähnlichkeit mit diesem erstaunlichen Vogel. Ihre Größe übertraf die des Adlers, um das Doppelte; das Merkwürdigste jedoch war, dass sie vier Füße besaßen, die mit gewaltigen Krallen bewehrt waren.

So unheimlich und gefährlich diese Vögel aussahen, wenn man sie überhaupt als Vögel bezeichnen konnte, so erschienen sie doch als Retter in höchster Not; denn sie räumten mit fabelhafter Gewandtheit und Mordgier unter den Ringelwürmern auf und kamen in solchen Scharen, dass sie sich auch der wimmelnden Mengen gewachsen zeigten.

Sie ließen sich namentlich am Rande des Hügels nieder und packten mit ihren Krallen und Zähnen alles, was da heraufkriechen wollte. Und nun, da keine neuen Nachschübe kamen, nahm die Zahl der Angreifer auf der Höhe sichtlich ab und mit neuem Mut ließen unsre Freunde wieder ihre Messer arbeiten.

Endlich erhob kein Wurm mehr sein drohendes Haupt, wenn auch die verstümmelten Leiber am Boden sich ringelten und wanden, zuckten und schnellten, als ob sie überhaupt nicht völlig tot zu kriegen seien.

Schultze eilte auf Münchhausen zu, der immer noch auf dem Boden umherrollte und nicht auf die Beine kommen konnte. Und jetzt, da die Gefahr beseitigt schien, lachte der Professor aus vollem Halse über den erheiternden Anblick: Da wälzte sich der runde Kapitän wie eine Tonne auf stürmischer See; an seinem Haupte hingen zwei Würmer gleich Schmachtlocken zu beiden Seiten herab und um seinen Hals wand sich ein allerdings geköpftes Tier wie ein dickes Halstuch.

Trotz seiner Heiterkeit beeilte sich Schultze doch, den dicken Freund von seinen Peinigern zu befreien und ihm mit Unterstützung des inzwischen ebenfalls herbeigeeilten Heinz auf die Beine zu helfen.

Dann ging es an das Verpflastern und Verbinden der Wunden, die merkwürdigerweise nur äußerst klein waren. Alle hatten mehr oder weniger Blut hergeben müssen, Münchhausen aber war entschieden am stärksten angezapft worden.

„Tut nichts!“, meinte er humorvoll: „Ich habe Vorrat und die Biester haben bei mir mehr Fett als Blut geholt, wie ich vermute; das kann mir bloß gut tun. Ich fühle mich geradezu erfrischt und erleichtert.“

„Aber einen Tanz haben Sie aufgeführt, Kapitän“, lachte Schultze: „Ich sage Ihnen, eine ägyptische Bauchtänzerin ist nichts dagegen.“

„Kunststück!“, sagte Münchhausen: „Wo hat eine ägyptische Tänzerin auch solch stattlichen Bauch?“

12. Eine Entdeckungsreise auf dem Mars.

John übernahm die Wache, während sich die andern wieder zur Ruhe niederlegten.

Am Morgen wurden zunächst die Zelte wieder ins Weltschiff gebracht; denn ein zweites Mal auf dem Mars im Freien zu nächtigen, dazu verspürte niemand mehr Lust.

Das Frühstück wurde in der Nähe der Sannah eingenommen fern von den immer noch zuckenden Leibern der erlegten Lumbriciden auf dem nächtlichen Schlachtfeld.

„Ich schlage eine Entdeckungsreise auf dem Mars vor“, begann Schultze, als der Imbiss vertilgt war.

Alle waren damit einverstanden.

„John“, sagte Flitmore, „du bleibst als Wache zurück; man weiß ja nicht, was hier vorkommt. Am besten begibst du dich auf die oberste Plattform, wo du nach allen Seiten hin weite Ausschau halten kannst. Erblickst du etwas Verdächtiges, so lässt du die große Sirene ertönen.“

Als Rieger sich mit der pneumatisch betriebenen Sirene auf der Höhe der Kugel befand, marschierte die kleine Gesellschaft ab; Bobs wurde mitgenommen, während Dick dem Wächter Gesellschaft leistete.

Drunten im Sumpf sah man nichts von den widerlichen Geschöpfen, die er beherbergte; aber an den Bewegungen der Pflanzendecke konnte man deutlich erkennen, dass der Morast von gelenkigen Bewohnern wimmelte.

Inzwischen ging man auf dem Höhenrücken einem nahen Walde zu, der aus niedrigen, rotbelaubten Bäumen bestand.

Diese Bäume erweckten besonders Schultzes lebhaftes Interesse, denn sie zeigten ganz eigentümliche Formen. Die meisten hatten weder Äste noch Zweige; die großen Blätter entsprossten an langen, dicken Stielen direkt dem Stamm, der sich an der Spitze in ein Bündel solcher beblätterter Stiele auflöste.

Die Blätter waren meist rund und tellergroß, andre kleeblattförmig, aus drei vereinigten Rundscheiben bestehend; wieder andre zeigten dreieckige, viereckige und mehreckige Bildung, boten also einen Anblick, der Erdbewohnern völlig neu und ungewohnt war.

Einzelne Baumarten, die reich verästelt waren, hatten Doppelblätter, die sich gleich Austernschalen auf- und zuklappten und offenbar den Insektenfang betrieben.

Übrigens war von Insekten nur wenig zu sehen: einige merkwürdige Mücken, durchsichtig wie Glas, und Käfer ohne Beine, die fliegenden Raupen und fliegenden Würmern glichen und sich am Boden und an den Bäumen auch gleich solchen fortbewegten, ja geflügelte Schnecken, die einen bläulichen Schleim aussonderten, zweibeinige Ameisen und Spinnen, das waren die Wunder, die Schultze seinen Sammlungen einverleibte.

Auch Vögel waren nur in wenigen Arten vertreten: Sie hatten alle die Eigentümlichkeit, vierbeinig zu sein, ein Anblick, der den an irdische Geschöpfe gewöhnten Augen äußerst sonderbar vorkam. Dazu gesellte sich der Umstand, dass diese Vögel nicht gefiedert waren, sondern einen behaarten oder mit Schuppen bedeckten Leib hatten, der aber in wunderbaren bunten Farben von metallischem Glanze strahlte. Die Schnäbel wiesen meist ein gezahntes Gebiss auf und die Flügel bestanden vorwiegend aus fächerartig übereinandergreifenden langen und starken Schuppen oder dünnen Hornscheiben.

Als die Wanderer eine Lichtung betraten, rauschte es im Gebüsch und das erste Wild, das sie auf dem Mars erblickten, zeigte sich ihren Augen.

Es erschien ebenso seltsam wie die Insekten- und Vogelwelt. Groß war es nicht, kaum größer als ein Esel; aber es hatte ein schreckliches Gebiss, wie überhaupt der platte, lange Kopf an ein Krokodil erinnerte. Von der Mitte des Hauptes stieg ein äußerst scharfes Horn senkrecht empor und zu beiden Seiten über den Ohren ragten zwei kürzere Hörner wagrecht hervor, die Spitzen nach vorne gebogen. Das Seltsamste aber war: Dieses gefährlich aussehende Tier war dreibeinig! Es hatte zwei Vorderfüße, aber nur einen Hinterfuß am Ende des nach hinten sich birnenförmig zuspitzenden Leibes.

Späterhin wurden noch verschiedene Tierarten getroffen, alle klein, aber scharf bewehrt, und alle dreibeinig wie das zuerst geschaute.

„Da hört sich doch aber alle Wissenschaft auf!“, rief der Professor ein über das andere Mal: „Vierbeinige Vögel, dreibeinige Säugetiere und zweibeinige Insekten! Das glaubt mir ja drunten auf der Erde kein Mensch, selbst wenn ich die wohlpräparierten Beweisstücke auf den Tisch der Wissenschaft niederlege!“

„So seid ihr Professoren!“, tadelte Münchhausen: „Wenn ihr so ungefähr innehabt, wie die Naturprodukte auf eurer kleinen Erde aussehen, so glaubt ihr, das ganze unendliche Weltall erschöpft zu haben und bildet euch ein, die unerschöpfliche Natur sei nie und nirgends imstande, etwas zu schaffen, das nicht aufs Haar mit dem übereinstimmt, was sie euch auf eurem weltverlorenen kleinen Sandkörnchen vor die Nase zu führen beliebt.“

Schultze bedauerte unendlich, dass er nicht den Vögeln und Insekten und Pflanzenproben, die er sich aneignete, auch ein Exemplar jeder Tiergattung beifügen konnte. Dafür gelangen dem Lord mehrere Momentaufnahmen, so dass die eigenartige Tierwelt wenigstens in getreuen photographischen Abbildungen mitgenommen werden konnte. Ein besonders merkwürdiges Säugetier, das zum Transport nicht zu schwer schien, erlegte Heinz auf des Professors Bitte mit einem wohlgezielten Schuss.

Dieses Wild hatte die Größe eines Ebers, einen schlanken, beweglichen, doch starknackigen Hals, auf dem sich hoch oben ein rundlicher, possierlicher Kopf mit einer breiten Schnauze wiegte; es war dreibeinig wie alle anderen Marssäuger und aus seinem Schädel wuchsen starke spitzige Hörner wie die Stacheln eines Igels, im ganzen 15 Stück, wie nach der Erlegung festgestellt wurde.

„Ich danke! Wenn solch ein Vieh mit gesenktem Kopf auf einen losstürmt!“ sagte Münchhausen.

„Ja, das würde Ihre geschätzte Leibeswölbung in ein Sieb verwandeln“, lachte der Professor.

„Ich bin nur begierig, wie die Marsbewohner aussehen“, fuhr der Kapitän fort: „Sind die Insekten hier zweibeinig, so vermute ich, dass die Menschen zum mindesten sechsbeinig sind; denn dass die Natur hier besonders mit der Zahl der Beine verblüffende Experimente macht, dürfte nach all dem Gesehenen feststehen.“

„An die Marsmenschen glaube ich nicht“, sagte Schultze.

„Hören Sie, Professor, was Sie glauben, ist völlig belanglos, indem Sie ein Mann der Wissenschaft sind. Haben Sie etwa an vierbeinige Vögel, dreibeinige Wildsäue und zweibeinige Spinnen geglaubt, ehe Sie solche hier sahen?“

„Nee! Das freilich nicht; aber — — —“

„Nichts ‚aber‘! Wenn Sie also an keine sechsbeinigen Marsmenschen glauben, so spricht das sehr für deren Vorhandensein, und ich gedenke unter allen Umständen, wenn wir auf die Erde zurückkehren, sehr viel und sehr Unterhaltendes von diesen Marsmenschen zu erzählen, auch wenn wir keine zu sehen bekommen, und da hoffe ich, dass Sie mir nie widersprechen werden, da Sie doch nun deutlich gesehen haben, dass eben das, woran Sie nicht glauben, der Wirklichkeit entspricht.“

Inzwischen war das Ende des Waldes erreicht, der nur etwa zwei Kilometer in der Breite maß.

An dieser Stelle verband ein von der Seite her kommender Hügelwall die Anhöhen, auf denen die Wanderer marschierten, mit den parallel laufenden Hügelstreifen.

Diese quer laufende Kette war besonders breit und konnte als Hochebene bezeichnet werden; sie war aber durchaus nicht völlig eben, sondern zeigte mehrere gebirgsartige Erhebungen, die allerdings nirgends viel mehr als zwei- bis dreihundert Meter Höhe erreichen mochten.

Es wurde beschlossen, rechts abzubiegen und das nächstgelegene dieser kleinen Gebirge näher zu untersuchen.

13. Die Marsbewohner.

Nach einer halbstündigen Wanderung war der Fuß der Berge erreicht. Nach einer weiteren halben Stunde die erste Anhöhe erklommen.

Der Ausblick, der sich hier unseren Freunden bot, überzeugte sie sofort, dass die Sage von den Marsmenschen keine reine Phantasie der Astronomen sein konnte; denn vor ihren Blicken öffnete sich ein Hochtal, das von einer ganzen Anzahl von Bauten erfüllt war, die zweifellos vernunftbegabten Wesen ihren Ursprung verdankten.

Auch diese Bauwerke hatten ihre auffallenden Eigentümlichkeiten: Zum Ersten waren sie schmal und hoch, turmartig aufgeführt; zum Zweiten erschienen sie alle dreieckig, zum Dritten sahen sie wie aus einem Guss gefertigt aus.

Der Professor, der für alles eine Erklärung suchte und auch gleich bei der Hand hatte, ließ sich also vernehmen:

„Die Marsbewohner bauen offenbar in die Höhe wie die Newyorker, jedenfalls auch aus demselben Grund: Sie müssen an Platz sparen. In der Tat erreicht die gesamte Oberfläche des Mars noch keine drei Zehntel der Erdoberfläche; da überdies die schrecklichen breiten Sümpfe einen großen Teil des Festlandes einzunehmen scheinen, so müssen sie an Bauplatz sparen. Dreieckig sind die Häuser aufgeführt, um den Orkanen und den Wasserfluten bei der Schneeschmelze wirksamen Widerstand bieten zu können; dass sie so glatt und ungegliedert aussehen, weist auf eine besondere Masse hin, mit der die Baumeister die Gebäude von außen gleichmäßig bestreichen, auf einen Mörtel, der vielleicht dem Mars eigentümlich ist.“

„Scharfsinnig, wie immer, Professor!“ lachte der Kapitän. „Aber gestatten Sie mir diesmal, den Zweifler zu spielen: Wir haben auf unserer ganzen Wanderung weder Dörfer noch Städte, ja nicht einmal angebautes Land getroffen oder auch nur von ferne erblickt. Also haben die Marsbewohner noch keinen Mangel an Bauplätzen; zum andern dürfte in diesem geschützten Tale kaum je ein heftiger Orkan wehen, auch ist es so hoch gelegen, dass keine Wasserfluten es bedrohen. Abgesehen von diesen Kleinigkeiten mögen Sie ja immerhin recht haben.“

„Na!“ sagte Schultze: „Sie oller Zweifler! Lassen wir das einstweilen dahingestellt und untersuchen wir die Häuser. Verlassen oder ausgestorben scheint ja die Stadt zu sein.“

Das, was Schultze eine „Stadt“ nannte, waren etwa hundert zumeist gleich geformte Bauwerke von mäßigem Umfang. Sie leuchteten in allen Regenbogenfarben, eines blau, das andere rot, das Dritte grün; einige schneeweiß, andere schwarz; daneben gelbe, braune, orangerote, violette Türme in allen Farbenabstufungen.

Im Innern erwiesen sie sich sämtlich ganz ähnlich angelegt; statt einer Treppe führte ein gewundener Gang empor, von schmalen Seitenfenstern erhellt. Ganz oben befand sich ein dreieckiges Gemach, in welchem auf erhöhten Matten — Leichen lagen.

Ja, nur Leichen!

„Eine Begräbnisstätte, ein Friedhof“, rief Heinz aus.

„Wenigstens eine Totenstadt“, entgegnete Schultze, „da von Gräbern und Begräbnis hier nicht die Rede ist.“

Die Leichen waren alle in lange Gewänder von einem eigentümlichen glatten und sehr schmiegsamen Stoffe gekleidet, der keine Fäden, kein Gewebe erkennen ließ. Entweder war dieser auf Erden unbekannte Stoff aus einer äußerst zähen Gummiart papierdünn gewalzt, wobei der Gummi jegliche Elastizität verloren hatte, oder er war aus einem nur den Marsbewohnern bekannten Material gegossen.

Die Gewänder glänzten auch in den verschiedensten lebhaften Farben. Die Körper unterschieden sich nicht wesentlich von menschlichen Körpern; sie waren aber alle sehr klein, schlank und zierlich und jedenfalls wiesen sie eine Rasseneigentümlichkeit auf, die auf Erden nicht zu finden war. Diese Eigentümlichkeit bestand im Wesentlichen in einer auffallenden Schädelform: Man hätte meinen können, jedes dieser Häupter trage eine Kappe; denn über der Stirne eingeschnürt, saß eine zweite mäßig gewölbte und dichtbehaarte Schädelkammer.

„Zwei Stockwerke!“, rief Münchhausen in ehrlichem Staunen: „Ein zweistöckiges Gehirn haben diese Marsiten besessen! Nein, müssen die gescheit gewesen sein!“

Die rosige Haut des Gesichts und der Hände, so weich und zart sie aussah, erwies sich nichtsdestoweniger bei der Berührung als ungeheuer zäh, wie Leder oder wie die Haut eines Elefanten.

Schultze machte, nicht aus sträflicher Neugier, sondern aus wissenschaftlichem Interesse, einen Versuch, die Haut einer Hand mit seinem Dolche zu ritzen; doch als er schließlich auch alle Gewalt anwendete, es gelang ihm nicht, das Gewebe zu verletzen; das Messer hinterließ nur eine vertiefte Spur, die bald wieder verschwand.

„Die waren ausgerüstet für den Kampf ums Dasein!“, sagte er: „Die scharfen Hörner der wilden Tiere, die Klauen und Gebisse der Vögel und die blutsaugerischen Schnauzen des Gewürms konnten ihnen nichts anhaben. Um so mehr dürfen wir erwarten, bald auf lebende Marsbewohner zu stoßen: Ein solches Geschlecht stirbt nicht aus!“

Der Professor kannte die Schrecken des Mars noch allzu wenig!

Flitmore photographierte das Innere der Leichenhalle, so wie einige besonders charakteristische Mumien. Nach Verlassen der Totenstadt nahm er auch diese von einer Anhöhe aus auf; dann verließen unsere Freunde den Ort durch ein gewundenes, bergabführendes Tal.

Am Ausgange der Schlucht lehnte an der Bergwand ein niedriger, dreieckiger Bau aus „Gußstein“; denn so hatte Schultze das steinerne Material, das gleichmäßig glatt war und keine Lücken aufwies, benannt. Er vermutete, dass die Marsbewohner eine besondere Steinart wie Lava zu schmelzen verstünden, im flüssigen Zustand färbten und dann ihre Häuser in einem Block in Erdformen gossen.

Dafür sprach der Umstand, dass die Bauten in der Totenstadt eine beschränkte Anzahl von Formen aufwiesen, die in genau den gleichen Abmessungen immer wiederkehrten. Der Bruch einzelner beschädigter Steine zeigte, dass die Färbung den ganzen Stein durchdrang und dass tatsächlich nirgends eine Fuge vorhanden war, sondern alles aus einem Block bestand.

Vor dem neuentdeckten Hause nun saß ein steinaltes Männlein, dessen Doppelschädel den Eindruck machte, als trage er eine Mütze aus Eisbärenfell; denn schneeweis war sein dichtes Pelzhaar, das zottig herabhing, jedoch nicht länger als es bei einem Tierpelz zu wachsen pflegt.

Ein ebenso zottiger kurzer Bart umrahmte sein Gesicht.

Mit den großen, gescheiten Augen betrachtete er die Ankömmlinge, offenbar sehr interessiert, aber durchaus nicht mit der Verwunderung oder gar dem Entsetzen, welche diese sich geschmeichelt hatten, bei dem ersten Marsbewohner zu erregen, der ihre fremdartige Erscheinung gewahren würde.

Als sie sich ihm nahten, erhob er sich langsam. Ein leuchtendes rotes Gewand umfloss seine schlanken Glieder.

Und nun zeigte Schultze den unentwegten Professor: er redete den Marsgreis im elegantesten Latein an, das ihm zur Verfügung stand; denn er dachte, Latein sei eine Weltsprache, die von gebildeten Wesen überall verstanden werden müsse. Er bedachte nicht, dass die alten Römer, so unternehmungslustig sie waren, die Grenzen ihres Reichs doch nicht über den Erdball ausgedehnt hatten.

Übrigens war der Marsite stocktaub, wie er durch ein beredtes Berühren seiner Ohren und sein trüblächelndes Kopfschütteln zu verstehen gab.

Da er jedoch an Schultzes beweglichen Lippen erkannt hatte, dass dieser ihn anredete, mochte er meinen, die seltsamen Besucher sprächen die Marssprache; denn er ließ einige wohllautende Worte vernehmen, merkte aber bald an des Professors Kopfschütteln, dass man ihn nicht verstand.

Da deutete er auf die Gruppe, die ihn anstaunte, und erhob den Blick gen Himmel. Gleichzeitig streckte er den Arm empor und wies auf einen blassen Stern.

Das war die Erde!

Da die Erde dem Mars weit näher steht als die Sonne, und diese ihm infolge ihrer Entfernung nicht so blendend leuchtet, wie uns, konnte man die Erde hier bei Tageslicht am Himmel stehen sehen.

So sehr Lord Flitmore an Selbstbeherrschung gewohnt war, die Gebärde des Greises brachte ihn doch aus der Fassung.

„Allmächtiger!“, rief er aus: „Sollte man das für möglich halten? Dieser Marsmensch vermutet, dass wir von der Erde her kommen! Offenbar ist ihm das Vorhandensein von Menschen dort bekannt und man rechnete hier damit, eines Tages einen Besuch vom Nachbarsterne her zu erhalten.“

„Nein! Welche Hilfsmittel müssen diese Marsmenschen besitzen!“ meinte Schultze verwundert.

„Ich glaube fast, ihre Augen ersetzen ihnen das beste Teleskop“, bemerkte Heinz: „Sehen Sie doch nur, wie der Mann seine Augen weit heraustreten lässt, wenn er nach der Erde schaut, und wie tief er sie in die Höhlen zurückzieht, wenn er uns betrachtet.“

In der Tat bemerkten jetzt alle dieses seltsame Augenspiel, je nachdem der Marsite den Blick auf nähere oder entferntere Gegenstände richtete.

„Fragen Sie doch den Alten, wo wir noch mehr seinesgleichen treffen können“, wandte sich Münchhausen ironisch an Schultze, der mit seinem Latein zu Ende war nach dem ersten vergeblichen und etwas törichten Verständigungsversuch.

Heinz Friedung aber bewies, dass er einer solchen Aufgabe gewachsen war: Er unternahm es, die gewünschte Auskunft zu erhalten.

Das griff der intelligente junge Mann folgendermaßen an:

Er wies auf die eigene Brust und streckte den Daumen der geschlossenen linken Hand empor; dann deutete er der Reihe nach auf Flitmore, Mietje, Schultze und Münchhausen, jedes Mal einen weiteren Finger der Linken ausstreckend.

Der Marsite folgte aufmerksam diesem Gebärdenspiel, das besagen wollte: „Wir sind fünf.“

Als Heinz dann seine Hand wieder schloss, zeigte der Alte, dass er begriffen habe und des Zählens mächtig sei; denn mit einer Handbewegung wies er auf die Gruppe und streckte dann fünf Finger aus, als wollte er sagen: „Das stimmt, ihr seid zu fünft.“

Jetzt zeigte Hans auf den Marsiten und streckte wieder den Daumen allein vor. Das hieß: „Du bist nur einer.“ Dann sah sich der junge Mann forschend und fragend nach allen Seiten um mit hilflosen Handbewegungen, aus denen der Marsbewohner sofort die Frage erriet: „Wo sind die andern Bewohner des Mars?“

Da schüttelte er den Kopf und eine tiefe Traurigkeit überzog seine milden Züge: Eindringlich streckte er den einen Daumen empor, berührte seine Brust, wies dann mit dem Arm im Kreise umher, immer kopfschüttelnd und zugleich die Hand verneinend schwenkend, als wollte er sagen: „Ich bin allein da! Sonst ist nirgends mehr jemand vorhanden.“

Erstaunt glotzten unsere Freunde ihn an; da winkte er ihnen, ihm zu folgen.

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