Kitabı oku: «Heimweg», sayfa 2

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1988

Mittwoch, 26. Oktober Lainzer Tiergarten, Wien-Hietzing

Laufen ist kein Sport. Es ist Konzentration in Bewegung. Der ganze Körper gehorcht einem einzigen Rhythmus: das flache Einatmen, das lange Ausatmen; die Beine, die den Körper in perfekter Synchronisation über den Boden tragen; selbst die Arme schießen gegengleich vor und zurück, als würden sie den Läufer durch die Luft ziehen. Das Faszinierende am Laufen ist der Moment, in dem alles zu kippen beginnt. An dem das Laufen zur einzig vorstellbaren Aktivität wird. Plötzlich ist der Lauf kein Mittel zum Zweck, keine Fortbewegung von einem Punkt zum anderen. Er ist zum Zentrum aller Gedanken geworden. An diesem Punkt hat die Bewegung alles eingenommen, jede andere Möglichkeit verdrängt. Gäbe es keine Ziellinie, die den Läufer gewaltsam in die Wirklichkeit aus Jubel und Gratulanten und Schulterklopfer zurückholt, er würde niemals stehen bleiben. Immer weiterlaufen.

Ich spürte den Zustand dieses Rausches herannahen, als mich der Piepser aus dem Korridor riss, zu dem sich meine Wahrnehmung verengt hatte. Meine Schritte verlangsamten sich, bis ich am Wegesrand zum Stehen kam. Ich holte einige Male tief Luft, um meinen Puls zu senken. Langsam blickte ich mich um, während Menschen an mir vorbeiliefen. Vermutlich hatte ich gerade mal die Hälfte der Strecke durch den Lainzer Tiergarten zurückgelegt, etwa fünf von zehn Kilometern. Ich beneidete die Kollegen nicht, die gerade zu irgendwelchen Paraden unterwegs waren, um dort dafür zu sorgen, dass die Neutralität der Republik Österreich ohne Zwischenfälle gefeiert werden konnte. Ich hatte an diesem Feiertag nur Bereitschaftsdienst und mich deshalb für einen Lauf durch den Lainzer Tiergarten angemeldet, ein großes Waldgebiet, das vom Westen Wiens bis in das benachbarte Niederösterreich hineinragt. Unter den Habsburgern noch als Jagdrevier genutzt, lebten nun Hirsche und Wildschweine frei im Tiergarten. Es war ein Ort der Ruhe und Entspannung.

Da ich am Feiertag auf Abruf war, hatte ich einen Piepser für Notfälle dabei. Offenbar war ein solcher eingetreten.

Ich blickte auf. Keine zwanzig Meter von mir entfernt sah ich eine Wildschweinfamilie zwischen ein paar Bäumen hindurchspazieren.

Ich seufzte, und mein Atem stieg als Wolke in den kühlen Oktoberhimmel. Mit dem Laufen hatte ich aus einem ganz pragmatischen Grund begonnen. Im Polizeidienst waren Bier, Wein und Zigaretten genauso dienstüblich wie eine Käsekrainer, eine Wurstsemmel oder ähnlich nahrhafte Mahlzeiten. Die Rechnung war einfach: je größer der Stress, desto ungesünder die Lebensweise. Und in der Berggasse, der Zentrale des Sicherheitsbüros, noch dazu im Referat für Mord, war der abendliche Absacker schon lange ein gut gepflegtes Ritual, und der Geruch von schwerem Zigarrettenrauch war so sehr Teil der Möbel, dass ungeübte Besucher husten mussten, wenn sie sich in einen Sessel sinken ließen.

Natürlich trank und rauchte ich auch, das gehörte beinahe schon zur Berufsbeschreibung. Aber das Laufen war mein Ausgleich, mein persönlicher Zufluchtsort. Es half mir, den Kopf freizubekommen. Wer sich bewegte, blieb nicht bei einer Erinnerung oder einem Erlebnis stehen. Weitergehen, das war eine Fähigkeit, die man im Mordreferat schnell lernen musste.

Mit einem Knopfdruck brachte ich den Piepser zum Schweigen.

Ich warf noch einen Blick Richtung Waldrand. Ein großes, fettes Wildschwein blickte zwischen den Bäumen hervor, die kleinen, schwarzen Knopfaugen starrten mir entgegen, aber nicht feindselig, sondern seltsam versöhnlich.

Ich atmete noch einmal tief aus und sammelte meine Kräfte. Dann, bevor die Kälte in meine Muskeln kriechen konnte, lief ich zügig in Richtung des nächsten Ausgangs.

Die Zentrale des Sicherheitsbüros lag an der Ecke Rossauer Lände/Berggasse. Die Fassade des Komplexes, um die Jahrhundertwende entstanden, war weiß und mit schlanken Linien relativ nüchtern gehalten, die ganze Aufmerksamkeit lag auf dem Haupteingang: Ein Eckturm ragte knapp vierzig Meter in die Höhe und schloss mit einer Kuppel ab, die an die Baukunst der Secession erinnert. Während die Rossauer Kaserne ein paar Meter weiter mit ihren Backsteinen eher an die berühmte Rote Burg in Berlin erinnert, in der im frühen 20. Jahrhundert die Polizeiarbeit revolutioniert wurde, brauchte sich auch die Berggasse nicht zu verstecken. Die Ermittlungserfolge der österreichischen Polizei erlaubten durchaus einen Vergleich mit der Roten Burg, die während der Weimarer Republik ein Vorbild für die internationale Polizeiarbeit gewesen war.

Ich eilte in mein Büro, zog mir die nassgeschwitzten Laufsachen aus und einen grauen Anzug an, den ich für Notfälle dort aufbewahrte.

Während ich mich umzog, trat Eddie Müller hinter mich. Ich konnte sein Aftershave beinahe auf einen Kilometer Entfernung riechen.

»Bist du heute auf Abruf?«

»Sieht ganz so aus«, sagte ich, während ich mir meine Walther PPK in den Holster steckte.

Ich drehte mich um. Eddies schwarzes Haar fiel ihm wild in die Stirn, und seine Augen deuteten darauf hin, dass ihm einige Stunden Schlaf fehlten. Sein athletischer Körper bewegte sich hektisch, ruckartig. Er wirkte, als wäre er gerade von der Polizeischule gekommen, und tatsächlich war er erst einige Wochen im Mordreferat.

Als er in mein Büro gekommen war, um sich vorzustellen, war er mir auf Anhieb sympathisch gewesen.

»Wenn du glaubst, du hast schon alles gesehen«, hatte ich ihm nach der kurzen Vorstellung mit auf den Weg gegeben, »dann schicken sie dich ins Mordreferat.«

»Warum?«, hatte er gefragt und dabei selbstsicher gelächelt, wie das bei jungen Polizeibeamten gerne mal vorkommt. »Damit du dann den Rest siehst?«

»Nein«, hatte ich ihm geantwortet. »Damit du erkennst, wie begrenzt deine Vorstellungen sind.«

Er hatte mich nur angeschaut und nicht genau gewusst, was ich damit meinte.

»Das war es wohl mit deinem freien Tag«, sagte Eddie.

»Mal abwarten«, sagte ich. »Vielleicht falscher Alarm.«

»Du hast es also noch nicht gehört?«, fragte er.

»Nein, was?«

»Im Studium hast du sowas jedenfalls sicher noch nicht gesehen«, sagte er nur. Es war mittlerweile Tradition geworden, mein Studium zur Sprache zu bringen. Normalerweise hätte Eddie als rangniedrigerer Kollege nicht so große Töne spucken dürfen, aber wir hatten uns in den wenigen Wochen bereits gut angefreundet. Das Mordreferat war eine kleine Truppe, und dessen Mitglieder arbeiteten noch enger zusammen als in andere Gruppen. Wir waren ein eingeschworener Haufen und konnten uns aufeinander verlassen. Hierarchien waren nicht mehr so wichtig, wenn einen nachts die gleichen Bilder wach hielten. Dann entwickelte man ganz automatisch ein Verständnis füreinander.

»Du würdest dich wundern, was man dort alles lernt«, sagte ich nur.

Ich hatte nicht den klassischen polizeilichen Berufspfad zurückgelegt, sondern mich erst nach dem Studium der Rechtswissenschaften dazu entschlossen, eine Karriere als Gesetzeshüter einzuschlagen. Als Polizeijurist nahm ich eine gewisse Sonderrolle ein. Ich bekleidete die Rolle eines Oberkommissärs und war gegenüber Polizeibeamten weisungsbefugt.

Ich folgte Eddie nach draußen, wo wir in einen Streifenwagen stiegen. Kaum hatte ich mich angeschnallt, schaltete er das Blaulicht ein. Ich warf ihm einen Blick zu. Weil wir meist an einen Tatort kamen, wenn das Verbrechen bereits begangen worden war, brauchten wir derartige Effekte für gewöhnlich nicht.

Eddies Miene war unbewegt. Ich entschied, ihn nicht weiter zu drängen. In wenigen Minuten würde ich ohnehin wissen, was los war.

Wir rasten den Donaukanal Richtung Erdberg entlang. Eddie blickte stur auf die Straße. Autos fuhren auf die Randsteine auf, um uns Platz zu machen.

Ich dachte an die paradoxe Situation, in der wir uns befanden. Wir nahmen unsere Ermittlungen auf, wenn wir dem Opfer schon nicht mehr helfen konnten, denn das war für gewöhnlich tot. Doch unsere Pflicht erstreckte sich über das Opfer hinaus, es war eine Pflicht der Gesellschaft gegenüber: einen Menschen zu finden, der gegen das grundlegendste Prinzip unseres Rechtsstaats verstoßen hatte. Einen Menschen, der einen anderen umgebracht hatte. Die Jagd nach Mördern hatte jedoch etwas von einer Katze, die ihren Schwanz zu fangen versucht. Wir liefen etwas hinterher, was letztlich immer uneinholbar hinter uns lag.

Für gewöhnlich plagten mich solche Gedanken nicht. Ich war mittlerweile geübt darin, meine Arbeit professionell und ohne große gedankliche Abschweifungen auszuführen. Aber es beunruhigte mich, als ich sah, wie fest Eddie das Lenkrad umklammert hielt. Die Adern auf seinen Handrücken traten deutlich hervor.

Er bog scharf ab. Wir überquerten den Donaukanal und fuhren die Tangente bis zum Verteilerkreis entlang. Das Schweigen begleitete unsere Fahrt wie eine böse Vorahnung.

Was erwartete ich? Das Übliche. Die meisten Gewaltverbrechen mit Todesfolge finden in einem kleinen Kreis statt, innerhalb der Familie oder zwischen Bekannten. Manchmal kommt es zu Schlägereien oder Überfällen, die tödlich enden. Oftmals handeln die Täter dabei impulsiv, unüberlegt und hinterlassen Spuren. Wir hatten zu dieser Zeit vielleicht vierzig bis fünfzig vollendete Tötungsdelikte jährlich. Wir klärten natürlich nicht alle auf, aber genug. Ich war 1982 ins Sicherheitsbüro gekommen und erst seit einigen Jahren im Mordreferat tätig. Doch Tatorte mit unschönen Szenen waren schnell zum Bestandteil meines Berufs geworden. Ich hatte mich daran gewöhnt. Und genau das erwartete ich auch von diesem hier.

Ein guter Ermittler lernt, dass er zunächst mit dem wahrscheinlichsten, dem einfachsten Fall rechnen soll. Immerhin ist das Leben kein Sherlock-Holmes-Roman. Menschen sind keine raffinierten Meisterverbrecher, die elaborierte Mordpläne ersinnen. Doch manchmal können sie noch viel schlimmer sein. Manchmal sind sie Bestien, Monster, die alles Zivilisierte abwerfen. Sie bringen etwas zum Vorschein, was sich die guten Bürger gar nicht vorstellen können, sich gar nicht vorstellen dürfen. Denn diese Bestien führen uns eindrucksvoll vor, wie fragil das Gerüst der Gesellschaft ist.

Wir passierten den Verteilerkreis und fuhren die Himberger Straße entlang, die durch den zehnten Wiener Gemeindebezirk, Favoriten, führte. Gemeindebauten zogen vorüber, vereinzelt hingen rotweiß-rote Fahnen aus den Fenstern, um dem Nationalfeiertag Respekt zu erweisen.

Was die Menschen, die wir jagten, zum Vorschein brachten, war die dünne Grenze zwischen Ordnung und Chaos. Die meisten von uns halten sich ihr ganzes Leben lang an die gesellschaftlich akzeptierten Normen und Gesetze. Auch wenn wir noch nie einen Blick in Gesetzestexte geworfen haben, wissen wir, was wir tun dürfen und was nicht. Wir kennen den Unterschied zwischen Recht und Unrecht ganz instinktiv.

Doch einige wenige unter uns durchbrechen diese Grenze und entlarven sie als Illusion. Eine überlebenswichtige Illusion zwar, die aber jeden Tag aufs Neue in Gefahr ist, ignoriert, überschritten, zerrissen zu werden. Und genau diese Fälle waren mein Beruf.

Eddie setzte einen Blinker und fuhr mit dem Polizeiauto an den Bordsteinrand. Das Blaulicht ließ er eingeschaltet. Neben uns ragte eine Plakatwand empor, das Blech rostig, das Plakat darauf verblichen. Es zeigte eine Familie in bester Vorstadt-Idylle: Vater, Mutter, zwei Kinder. Bloß war das Papier so spröde geworden, dass die Gesichter der Eltern seltsam verzerrt waren, Grimassen, die auf den Betrachter hinabstarrten. »Genießen Sie die Wärme des Sommers«, stand dort. Offenbar die Werbung für einen neuen Gartengrill.

Zwischen Straßenrand und Gehsteig war ein kleiner Streifen Gras, auf dem Bäume standen, die im kalten Oktober bereits ihre Blätter verloren hatten. Wir sahen in einigen Metern Entfernung zwei andere Polizeiwagen stehen, darunter den »Mordwagen«, einen Fiat Ducato, in dem sich Material zur Spurensicherung, aber auch ein Klapptisch und eine Schreibmaschine befanden, sodass wir bereits am Tatort mit der Dokumentation beginnen konnten.

Ich erkannte auch den Mercedes von Dr. Ruben, dem Gerichtsmediziner.

Ein Polizist hatte uns entdeckt und kam uns entgegen.

»Dr. Geiger«, begrüßte er mich. »Eddie«, nickte er meinem Partner zu.

»Was haben wir hier?«, fragte ich.

Der Polizist, ein junger Mann mit wachen Augen und hellblonden Haaren, schien nicht so recht zu wissen, was er uns sagen sollte. Sein Blick richtete sich auf seine Zehenspitzen.

»Am besten, Sie schauen sich das selbst an«, sagte er. »Hinter der Plakatwand …« Es schien, als wolle er noch etwas hinzufügen, also wartete ich.

Endlich hob er den Blick. In seinen Augen glaubte ich Unverständnis zu sehen, als würde sein Verstand verzweifelt versuchen, Informationen zu verarbeiten, die aber mit keiner ihm bekannten Methode einzuordnen waren.

»Ich will Sie nur warnen«, sagte er endlich und schluckte danach schwer, als müsste er etwas unterdrücken. »Sowas hat hier noch niemand gesehen.«

Eddie warf mir einen Blick zu. Ob er an unser erstes Gespräch dachte? War dies ein Bild, das er sich nicht hatte vorstellen können?

Ich nickte ihm zu. Dann traten wir hinter die Plakatwand.

Das Erste, was mir auffiel, war der bordeauxrote Pullover. Als hätte jemand einen einzigen Farbklecks in dieses triste Bild geworfen, um der Grausamkeit etwas entgegenzusetzen. Doch das führte bloß dazu, dass ich plötzlich eine Verzweiflung spürte, die mich zu überwältigen drohte. Es dauerte jedoch nur einen Augenblick, dann war die Empfindung vorüber.

Ich betrachtete den Tatort. Der Polizist hatte uns hinter eine der Blechwände geführt. Dort befand sich ein Areal von etwa zehn Meter Breite und dreißig Meter Länge. Gras und Büsche hatten sich im Wildwuchs diesen kleinen Fleck zwischen Asphalt und Blech zurückgeholt und hielten ihn trotzig besetzt. Einige Hagebuttensträucher und Rosenhecken fristeten ein tristes Dasein und zeugten von einer Natur, die sich bereits seit langer Zeit in Auflösung befand.

Beinahe exakt in der Mitte dieses Rechtecks, die Symmetrie spottete dem Grauen des Ortes, wuchs ein kleiner, kahler Baum aus dem Boden. Er trug bloß einige dünne Äste und kaum Blätter. An diesen Baum war sie gebunden worden.

Der erste klare Gedanke, den ich fassen konnte, war: Das ist eine Inszenierung. Ich schauderte.

Bei den meisten Morden handelt es sich um Beziehungsdelikte, es besteht also eine Verbindung zwischen dem Täter und seinem Opfer. Ein Streit, der außer Kontrolle gerät, oder ein Schlag, der härter ausfällt, als man sich das selbst hätte vorstellen können. Es ist eine Tat im Rausch, im Affekt, beherrscht von animalischen Trieben. Im Angesicht des Todes jedoch verfallen die meisten Täter in eine Phase des Schocks, den man mit Ruhe verwechseln könnte. Sie versuchen, ihre Opfer irgendwie zu verstecken, je nach Tatort begraben sie es unter Blättern und Zweigen, legen es in einen Kellerschacht oder an einen anderen weniger zugänglichen Ort. Sie versuchen so, einen Vorsprung vor der Polizei zu gewinnen. Vielleicht sind manche auch von der irrationalen Hoffnung getrieben, dass sie den Mord ungeschehen machen können, wenn die Leiche nur niemals gefunden wird.

Doch das hier war anders. Hier hatte jemand einen Menschen auf grausame Weise zu Tode gebracht und danach keinen Ekel, keine Abscheu empfunden. Der Täter war geblieben und hatte sich die Zeit genommen, den Ort seines Verbrechens herzurichten. Was hier vor mir lag, hatte eine Weile gedauert. Es war Arbeit gewesen.

Die junge Frau saß an den Baumstamm gelehnt, die Füße in einer Grätsche nach vorne ausgestreckt. Ihr Blick war gesenkt, zwischen die Beine gerichtet. Sie war völlig nackt. Mit ihrem Pullover und ihrer Strumpfhose war ihr Hals an den kahlen Baumstamm gebunden, sodass sie in dieser Position verharren musste. Alles an diesem Bild, vom Winkel des Kopfes bis zur Position der Beine, war arrangiert. Sie sollte genauso gefunden werden.

»Angriff gegen den Hals«, riss mich die tiefe, schleppende Stimme von Dr. Ruben aus meinen Gedanken. Der Gerichtsmediziner war zusammen mit dem Erkennungsdienst offenbar schon einige Zeit hier, doch ich bemerkte die Kollegen erst jetzt.

Die Abteilung Erkennungsdienst, Kriminaltechnik und Fahndung, kurz EKF, hatte bereits mit der Spurensicherung begonnen. Die Arbeit der EKF-Beamten bestand gewöhnlich darin, Fotos zu schießen, Entfernungen abzumessen, mögliche Beweise einzusammeln und den Tatort auf Schuhabdrücke zu untersuchen. Dr. Ruben inspizierte währenddessen die Opfer und gab eine erste Einschätzung ab.

So auch hier. »Sie ist erdrosselt worden«, erklärte Dr. Ruben. Er war ein älterer, stets elegant gekleideter Herr, der dennoch den Eindruck machte, immer am falschen Ort zu sein. Oft stand er gedankenverloren in der Gegend und betrachtete die Szenerie, als wüsste er nicht genau, wo er sich befand. Er war bereits seit Jahrzehnten als Gerichtsmediziner tätig und Herrscher der Sensengasse Nr. 2, wo sich das Institut befand. Wenn ich an den alten Mann inmitten der Leichenberge dachte, kam mir Hades in den Sinn, der griechische Gott der Unterwelt.

Dr. Ruben sah die Leiche mit schiefem Blick an, als würde er abzuschätzen versuchen, was da vor ihm lag. Diesmal machte ich ihm keine Vorwürfe für seine Zerstreutheit.

»Vermutlich hat der Täter versucht, sie zu vergewaltigen«, fuhr er fort. »Soweit wir sehen können, weist sie keine Abwehrverletzungen auf. Wir können davon ausgehen, dass der Täter viel stärker als sein Opfer war.«

»Gott«, sagte Eddie und verbarg sein Gesicht in seinen Handflächen.

»Was ist … mit der Position?«, fragte ich leise, als würde das Mädchen vor uns nur schlafen und dürfte nicht geweckt werden.

»Hören Sie, die Kinder der Nacht, wie sie Musik machen«, murmelte Dr. Ruben.

»Wie bitte?«, fragte Eddie.

»Nichts, nichts«, sagte der Mediziner. »Ein Zitat aus Werner Herzogs Nosferatu, ein Film über die schrecklichste aller Krankheiten: die Unfähigkeit zu lieben. Nur ein solcher Mensch scheint mir in der Lage, so etwas zu tun.« Der Doktor fuhr sich durch das ergraute Haar.

»Das Opfer wurde definitiv post mortem in diese Position gebracht. Wir konnten noch nicht feststellen, wie weit der Täter kam, aber es findet sich Sperma auf dem Oberschenkel. Noch können wir es nicht sicher sagen, aber ich gehe stark davon aus, dass er sie erdrosselt und erst dann ausgezogen hat. Sie ist definitiv nicht mit dem Pullover oder der Strumpfhose erwürgt worden. Die dienen bloß als Requisiten.«

»Das ist eigenartig«, sagte Eddie, nachdem er die Hände von seinem Gesicht genommen und sich wieder gefasst hatte.

Ich trat einige Schritte nach vorne. Blonde Locken, ein lippenstiftroter Mund, ein hübsches, junges Gesicht. Das sind Details, die in einer solchen Situation erst später auffallen. Es ist von großer Bedeutung, schnell entscheiden zu können, welche Informationen zur Lösung des Falls beitragen können und welche nicht. Diese gehörten nicht dazu, und doch konnte ich sie nicht ignorieren.

»Haben wir einen Namen?«, fragte ich.

»Alexandra Schriefl.«

Ich wandte mich um und erkannte Ferdinand »Ferdl« Gennad, der im Erkennungsdienst für seinen präzisen Blick und seine nüchterne Sprache geschätzt wurde.

Sein rundes Gesicht zeigte höchste Konzentration. Nur das Zupfen an seinem Schnauzer verriet, dass dieser ungewöhnliche Tatort auch ihn nicht kalt ließ.

»20 Jahre alt, wohnhaft in Favoriten. Sie war gestern mit Freundinnen in der Diskothek Azzurro, nur ein paar Minuten die Straße runter. Sie hat gegen halb drei ihren Freund angerufen, damit er sie an der Tankstelle nicht weit von hier abholt. Ihr Freund wohnt auch in der Nähe. Doch als er zur Tankstelle kam, war Alexandra verschwunden. Er fuhr die Gegend ab, doch er konnte sie nicht finden. Also nahm er an, sie wäre mit einer Freundin nach Hause gekommen.« Gennad zögerte. Er war bekannt dafür, Informationen dramaturgisch präzise einzustreuen. »Eine ihrer Freundinnen ist Lisa Berger, die Tochter von Konrad Berger.«

Konrad Berger war einer unserer Kollegen im Sicherheitsbüro, er arbeitete im Dezernat für Diebstahl. »Der hat dann sofort einen Suchbefehl ausgeschickt. Es dauerte nicht lange, und wir hatten sie gefunden.«

Ich nickte und begann, bedächtig den Tatort abzuschreiten. Die erste Frage, die sich ein Ermittler stellt, ist nicht: Warum wurde diese Tat begangen? Wer könnte der Täter sein? Man muss viel kleiner beginnen: Warum sieht der Tatort so aus, wie er aussieht? Gibt es Spuren – etwas, was hier sein sollte, aber nicht hier ist? Oder was hier ist, obwohl es nicht hierher passt? Es lagen ein paar Kleidungsstücke auf dem Boden verstreut, ich konnte einen Schuh entdecken, einen schwarzen Stöckelschuh.

»Wo ist der zweite?«, fragte ich.

»War keiner hier«, antwortete Gennad.

»Und Tasche?«, fragte ich. Ein junges Mädchen hatte bestimmt eine Handtasche dabei, wenn es in die Disco ging.

»Auch nicht.«

Ich überlegte. Es kam mir unwahrscheinlich vor, dass der Täter die Handtasche bloß wegen der Geldbörse mitgenommen haben könnte. Noch dazu hätte er dann wohl kaum einen Schuh mitgenommen. »Trophäen«, sagte ich.

»Wie bitte?«, fragte Eddie.

»Der Täter hat Gegenstände mitgenommen, die seinem Opfer gehört haben. Es sollen wohl Trophäen sein.« Langsam ließ ich meinen Blick über die Sträucher und den Boden gleiten. Die Nacht war kalt gewesen, der Körper des Opfers hatte bereits eine leicht bläuliche Färbung angenommen. Tau lag über dem Boden. Aber außer dem Fehlen der Handtasche und des Schuhs konnte ich nichts erkennen.

»Er hat nichts zurückgelassen«, bestätigte der EKF-Beamte meinen Verdacht. »Aber vielleicht kommen wir weiter, wenn das Sperma untersucht wird.«

»Ich bin fertig, die Herren«, meldete sich Dr. Ruben wieder zu Wort. »Wenn Sie nichts dagegen haben, nehme ich die Leiche mit in die Sensengasse.«

Ich nickte. Nachdem ich mir alle Details so gut wie möglich eingeprägt und mir ein paar Überlegungen notiert hatte, warf ich Eddie einen Blick zu.

»Ich bin so weit.« Mein Kollege schien nichts dagegen zu haben, diesen Ort so schnell wie möglich zu verlassen. Nachdem alle Spuren gesichert und jeder Winkel des Tatorts fotografiert worden war, banden die EKF-Beamten Alexandra Schriefl los und legten sie in den Transportsarg. Vom Leichenabholdienst wurde sie in die Sensengasse zur Obduktion gebracht, begleitet von Dr. Ruben und Gennad, der die braune Tatbestandsmappe unter dem Arm trug. Dort würde er alle Erkenntnisse der Untersuchung vermerken und sie dann in die Berggasse bringen. Meine Arbeit hier war getan – und würde doch jetzt erst so richtig beginnen.

Als wir wieder im Streifenwagen saßen, steckte Eddie den Schlüssel ins Zündschloss, ohne den Wagen zu starten.

»Hast du sowas schon mal gesehen?«, fragte er mich. Er klang ungläubig, fast so, als wäre er aus einem seltsamen Traum erwacht und würde sich überzeugen wollen, dass alles nur Einbildung gewesen war.

»Nein«, sagte ich. »Das ist kein normales Verbrechen. Die Endlage der Leiche ist völlig untyptisch. Der Täter hat sein Opfer in Szene gesetzt, er hat es zur Schau gestellt. Fast wie bei einem Ritual. Das hat Zeit und Mühe gekostet. Und er hat es für uns getan.« Ich blickte auf das Plakat. Die Familie und der Grill. Sommer, Idylle, glückliches Zusammensein. Was Werbungen eben so versprachen. »Wollte er uns damit etwas mitteilen? Und wenn ja, was?«

»Zumindest haben wir schon einige Anhaltspunkte«, sagte Eddie. »Wir wissen, wer das Opfer ist und wo sie gestern Abend unterwegs war. Wir können ihren Weg rekonstruieren.«

Das stimmte. Normalerweise half es uns bei den Ermittlungen schon weiter, wenn wir die Identität des Opfers schnell klären konnten und alle Freunde und Bekannten zur Einvernahme vorluden. Vor allem, wenn der Täter aus dem Bekanntenkreis kam.

»Du magst recht haben«, sagte ich. »Aber vergiss nicht, jeder in der Diskothek könnte der Täter sein. Das werden ganz schön viele Gespräche. Wir können nur hoffen, dass jemand etwas gesehen hat und nüchtern genug war, um sich daran zu erinnern.«

Eddie startete den Wagen. Er schaltete erneut das Blaulicht ein. Je schneller wir in die Berggasse kamen, desto besser.

Wir hatten viel Arbeit vor uns.

Eddie und ich begannen sofort mit den Ermittlungen. Zunächst klapperten wir die bekannten Kontakte ab. Wir schickten zwei Beamte los, die der Mutter die traurige Nachricht überbringen sollten. Alexandras Vater war vor zwei Jahren verstorben, außerdem gab es noch einen kleinen Bruder. Obwohl das Überbringen solcher Nachrichten zu unserem Job gehörte, kostete der Abstand zwischen Zeigefinger und Türklingel jedes Mal aufs Neue Überwindung. Schon bald würden wir mit der Mutter reden müssen, doch ein Gespräch hatte zu diesem Zeitpunkt keinen Sinn. Der erste Schock würde alles fortspülen, würde jede Erinnerung an Alexandra in eine dumpfe Bedeutungslosigkeit ziehen, die nur ein einziges Gefühl erweckte: Trauer. So verständlich dieser Prozess war, so wenig würde er uns bei unseren Ermittlungen helfen.

Wir telefonierten mit dem Besitzer der Diskothek Azzurro, der aber wie erwartet keine Ahnung hatte, wer bei ihm ein und aus gegangen war.

»Das waren zweihundert Leute, Mann«, erklärte er uns über das Telefon. Er klang, als hätte er mit einer Stange Marlboro gegurgelt. »Bei den Ausweisen schauen wir aufs Alter, nicht auf den Namen, verstehst du? Und wir führen keine Listen oder so. Wir sind nicht die Kirche.«

»Das ist mir klar«, entgegnete ich ruhig. »Waren Sie an dem Abend dort?«

»Kannst mich ruhig duzen, bin der Jürgen«, hörte ich es durch den Apparat krächzen. »Nein, ich war nicht dort, aber ich kann dir unseren Manager vorbeischicken.« Ich nahm an, dass Manager die Bezeichnung für die Person war, die den ganzen Abend nüchtern verbringen und ein Auge auf Türsteher und Barkeeper werfen musste. Vermutlich ein Cousin von Jürgen.

»Bitte, mach das«, sagte ich. »Und alle, die an dem Abend gearbeitet haben. Türsteher und Personal. Sollen sich alle morgen in der Berggasse melden.«

»Verstanden, Chef«, sagte Jürgen.

Wenn wir Glück hatten, war irgendein Gast unangenehm aufgefallen, und wir konnten vielleicht eine Beschreibung bekommen. Aber meistens war das Gedächtnis der Mitarbeiter lückenhaft und nebulös. Sie wollten bloß keinen Ärger bekommen und hatten im Zweifelsfall nichts gesehen.

Unser letzter Weg an diesem Tag führte uns zu Alexandras Freund, Georg Brandner. Wir wussten, dass er Alexandra in der Nacht des Mordes hätte abholen sollen. Vielleicht hatte er etwas gesehen, was uns weiterhelfen konnte.

Brandner bewohnte eine kleine Wohnung in einem Favoritner Gemeindebau, nicht weit vom Tatort. Der Lift war defekt, also stiegen wir vier Stockwerke nach oben. Vor Tür 27 blieben wir stehen. Eddie atmete verdächtig schwer. Er war zwar jünger als ich, aber in seiner Freizeit stemmte er lieber Gewichte als zu laufen.

»Spar’s dir«, sagte er, als er meinen Blick bemerkte. Dann läutete er an.

Die Tür ging auf, ein runder Kopf mit feinen, fast femininen Gesichtszügen blickte uns entgegen, und ich sah, dass sich die Farbe langsam aus seinem Gesicht zurückzog, wie aus einem Bild, das man in der Sonne liegen lässt.

Georg Brandner war ein hübscher Kerl: groß, breite Statur, markante Wangenknochen und wallendes schwarzes Haar, das ihm bis zu den Schultern reichte, wie es gerade Mode war. Doch aus seinen Augen schlugen uns Müdigkeit und Sorge entgegen.

Er trug Jeans und ein weißes Shirt mit tiefem Ausschnitt, das sein Brusthaar zeigte.

»Wir kommen wegen Alexandra«, sagte ich zu ihm. Er nickte nur matt, drehte sich um und ging durch den schmalen Eingangsbereich in ein kleines Wohnzimmer mit Kochnische. Ein winziger runder Tisch stand an der Wand, davor zwei Klappsessel. Eddie lehnte sich in den Türrahmen, ich nahm gegenüber Brandner Platz.

»Was ist mit Xandi?«, fragte er schließlich.

Wir brauchten uns nichts vorzumachen. Zwei Polizisten, die am Abend bei ihm auftauchten, mit finsteren Mienen und ohne ein Zeichen von seiner Freundin. Er wusste, was das bedeutete. Aber die Leute müssen es hören. Irgendjemand muss es laut aussprechen, andernfalls können sie es nicht glauben.

»Sie ist tot«, sagte ich. »Sie wurde heute Vormittag bei einer Suchaktion gefunden. Nahe der Diskothek Azzurro. Jemand muss sie gestern Abend auf dem Heimweg abgefangen haben. Es tut mir leid.«

Eine Weile sagte er gar nichts. Er verarbeitete, was er vermutlich ohnehin schon längst geahnt hatte. »Ich habe keine zwanzig Minuten gebraucht«, sagte er dann leise. »Sie hat mich zu Mittag noch gefragt, ob ich sie abholen kann. Sie wollte mit ihren Freundinnen fortgehen. Klar, hab ich gesagt. Ruf einfach an. Und als sie um halb drei Uhr Früh anrief, war ich wach. Ich habe nur auf ihren Anruf gewartet. Sie hat sich sogar noch bedankt. Ist so lieb von dir, Georg, hat sie gesagt. Ich bin sofort los. Aber ich konnte sie nicht finden …« Er brach ab. Seinen Blick hielt er auf den kleinen, runden Plastiktisch gerichtet. Es waren ganz banale Dinge, die einem in so einem Moment auffielen. Ich bemerkte einen blauen Kaffeebecher mit einem Herz in der Spüle. Er wirkte seltsam deplatziert.

Ich blinzelte, und meine volle Konzentration lag wieder auf Brandner, der zusammengesunken vor mir saß, den Kopf weit nach vorne geneigt.

»Da war dieser Güterzug … Das Azzurro war hundert Meter vor mir, ich konnte schon die Leute hören, da ist der Bahnschranken runtergegangen, und ich musste stehenbleiben …« Brandner blickte mich fassungslos an. In nüchterne Worte gewandelt, zwang ihn die Sprache, die logischen Konsequenzen der Geschehnisse anzuerkennen. »Ich stand fünf Minuten dort, während ein schwerer Güterzug an mir vorbeirauschte … Ich spürte das Vibrieren des Asphalts … Und dann endlich war der Zug vorüber, die Schranken gingen in die Höhe, das rote Licht erlosch, und ich bin vor das Azzurro gefahren. Von der Xandi keine Spur … Drei- oder viermal bin ich die Himberger Straße abgefahren, aber ich konnte sie nicht finden … Also dachte ich, sie wäre mit ihren Freundinnen heimgefahren …« Er brach erneut ab. »Wissen Sie, was ich mir gedacht habe, als sie als vermisst gemeldet wurde? Was wäre, wenn dieser Zug nicht gekommen wäre …«

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