Kitabı oku: «Heimweg», sayfa 4

Yazı tipi:

»Hallo, Lisa«, sagte Eddie und lächelte ihr aufmunternd zu. »Bitte, komm nur herein.«

Nervös ging Lisa zu dem Sessel, in dem kurz zuvor noch Brandner gesessen hatte. Sie nahm Platz und legte beide Hände vor sich auf den Tisch. Ich konnte sehen, wie sie zitterte.

»Ganz ruhig«, sagte Eddie, der es ebenfalls bemerkt hatte. »Wir stellen dir nur ein paar Fragen, und dann kannst du gehen. Möchtest du ein Glas Wasser?«

Lisa nickte nervös. Ich stand auf, ging den Korridor hinunter in die kleine Gemeinschaftsküche und füllte ein Glas mit Leitungswasser. Kurz darauf stelle ich es vor sie hin, doch sie schien kaum Notiz davon zu nehmen.

»Erzähl doch mal, wie du den Abend erlebt hast«, forderte Eddie sie freundlich auf. Er war gut darin, eine Verbindung zu jungen Menschen aufzubauen.

Lisa suchte nach Worten. »Wir waren zu dritt – Xandi, Maria und ich. Wir sind mit Marias Auto zum Azzurro gefahren und gegen 10 Uhr abends angekommen. Ich weiß das, weil Maria noch meinte, dass so früh nichts los wäre. Am Anfang war wirklich wenig los, aber das hat uns nicht gestört, so hatten wir mehr Tanzfläche für uns. Wir haben den ganzen Abend viel getanzt und einen der Tische besetzt, es gibt nicht so viele im Azzurro. Das heißt, mindestens eine von uns musste immer sitzen bleiben, während die anderen tanzen gehen konnten.«

»Ist dir irgendetwas aufgefallen? Hat Alexandra mit irgendjemandem gesprochen oder getanzt?«

»Xandi hat doch einen Freund«, sagte Lisa und warf uns einen vorwurfsvollen Blick zu. »Ich meine … hatte … Sie wollte nur tanzen, das hat sie gern gemacht. Ich hab sie nicht den ganzen Abend im Blick gehabt, aber sie hätte nicht erwähnt, dass ihr irgendwer blöd gekommen ist. Obwohl ihr meistens wer blöd kommt. Uns allen. Als Mädel musst du dir ständig irgendwelche Blödheiten anhören. Zuerst bist du hübsch, und wenn du nichts von den Burschen willst, bist du plötzlich hässlich und blöd. Aber man gewöhnt sich dran, und Xandi hatte immer ein paar gute Sprüche parat.«

»Habt ihr getrunken an dem Abend?«

»Klar«, sagte Lisa schüchtern. »Wir sind ja alt genug.«

»Viel?«

»Nicht genug, um nicht mehr zu wissen, was wir wollen, wenn Sie das meinen.«

Ihre Nervosität war verschwunden. Es war, als wäre sie aus einer Schockstarre aufgewacht. Sie funkelte mich an.

»Ich will nichts andeuten, es ist nur eine Frage. Wie ging es dann weiter?«

Sie lehnte sich zurück, die Arme verschränkt. »Gegen 2 Uhr Früh hat sich Alexandra verabschiedet und gemeint, ihr Freund holt sie ab. Ich bin mit Maria noch etwa eine Stunde geblieben. Dann sind wir raus, und Maria hat mich nach Hause gebracht.«

»Von Alexandra habt ihr nichts mehr gesehen?«

»Nein, wir gingen davon aus, dass Georg sie abgeholt hat. Als er mich am nächsten Morgen anrief, war ich verwirrt. Ich habe es sofort meinem Vater erzählt, und der hat eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Und am Abend …«, sie wurde leiser, die Worte kamen nur noch langsam heraus, »am Abend, als er von der Arbeit nach Hause kam, erzählte er mir, was passiert ist.« Die Arme hatte sie nun eng um den Körper geschlungen.

»Wir haben es fast geschafft«, sagte Eddie. »Bitte denk noch einmal genau nach, ob nicht vielleicht doch irgendjemand mit Alexandra geredet hat, jemand, der dir verdächtig vorkam.«

»Nein, mit Alexandra hat niemand geredet …«, sagte Lisa, doch plötzlich schlug sie die Hände vor den Mund. »Mit ihr hat niemand geredet«, brachte sie dann heraus. »Aber mit mir – über sie!«

Eddie und ich waren plötzlich hellwach.

»Daran hab ich gar nicht mehr gedacht, weil es so seltsam war und Alexandra den Kerl gar nicht gesehen hat … Aber als ich allein am Tisch saß, kam ein Typ vorbei, komisches Hemd und viel zu großes Sakko. Zuerst hat er gar nichts herausgebracht, dann hat er nach Alexandra gefragt.«

»Und?«, fragte ich.

»Ich habe gesagt, wenn er mit ihr tanzen will, soll er sie selbst fragen«, sagte Lisa. »Er sah aber nicht so aus, als hätte er damit viel Erfahrung.«

»Weißt du vielleicht noch, wie dieser Kerl aussah?«

Lisa nickte. Ich ließ sofort einen Zeichner holen, um ein Phantombild anfertigen zu lassen.

Es dauerte ungefähr eine halbe Stunde, dann nickte Lisa zufrieden. Ich nahm dem Zeichner das Blatt aus der Hand und sprintete in mein Büro.

Als ich die Tür aufriss, starrte mich Margit an.

»Nehmen Sie das«, sagte ich. »Vervielfältigen. Alle, die im Azzurro waren, sollen es sehen, und so viele Kollegen wie möglich sollen eine Kopie bekommen. Wir suchen nach diesem Mann im Fall Schriefl!«

Sie nahm ehrfurchtsvoll das Blatt entgegen und eilte damit so schnell hinaus, wie es ein damenhafter Schritt ermöglichte.

Kaum war Margit gegangen, nahm ich den Hörer einer unserer schwarzen Telefonapparate, die noch aus den dreißiger Jahren stammten und gerade mal über zehn Anschlüsse verfügten. Wenn ich jemanden außerhalb Wiens erreichen wollte, musste ich bei der Vermittlung anrufen. Zum Glück war das diesmal nicht nötig. Ich ließ die Wählscheibe vor- und zurückspringen.

»Edelbacher«, meldete sich mein Chef.

»Wir haben einen Verdächtigen im Fall Schriefl«, sagte ich.

Einen Moment hörte ich nichts als flaches Atmen.

»Dann sorgen Sie dafür, dass dieser Kerl morgen im Sicherheitsbüro auftaucht.«

Edelbacher legte auf. Was gab es auch mehr zu sagen? Er brauchte nicht zu erwähnen, wie wichtig die Sache war. Wichtig für den ganzen Polizeiapparat und wichtig für die Karriere des leitenden Ermittlers. In diesem Fall also meine.

Ich blieb noch einen Moment in meinem Büro stehen, den Hörer in der Hand. Dann legte ich ebenfalls auf und ging wieder nach draußen, zurück zu den Verhören.

Freitag, 28. Oktober Himberger Straße, Wien-Favoriten

Er war zurückgekehrt. In den vergangenen zwei Tagen war sein Verstand mit diesem fürchterlichen Ziehen in seinem Bauch in ständigem Kampf gelegen. Es war ein beängstigender Drang, erneut jenen Ort aufzusuchen, an dem er seinem Leben eine entscheidende Veränderung gegeben hatte.

Als er am Morgen danach aufgewacht war, hatte er zunächst Schwierigkeiten gehabt, Traum von Wirklichkeit zu unterscheiden. Die Tabletten, die er seit Jahren fast täglich zu sich nahm und die zu Beginn gegen Schmerzen, Schlaflosigkeit und dieses ewige Rauschen in seinem Kopf geholfen hatten, waren zusammen mit dem Alkohol und Haschisch zu einem bewusstseinsbetäubenden Gemisch geworden. Den Raum, in dem er zu sich kam, erkannte er zunächst nicht wieder. Wie war er hierhergekommen?

Er taumelte in die kleine Küche der Gemeindewohnung, öffnete den Kühlschrank und griff sich eine Dose Bier. War er mit einer Frau zusammen gewesen? Konnte gut sein, an vielen Abenden schleppte er im Suff irgendeine von diesen dummen Gänsen ab und hatte seinen Spaß. Manchen war er zu grob, aber das war ihm egal. Wenn sie erst mal in seinem Schlafzimmer waren, bestimmte er. Er hatte zwar eine Freundin, eine Kassiererin, aber die hielt er nur aus, um an ein bisschen Geld zu kommen. Tatsächlich ging sie ihm auf die Nerven. Ständig erklärte sie ihm, er solle Bewerbungen aussenden und weniger mit seinen Freunden trinken. Als könnte ihm so eine sagen, was er zu tun hatte! Nicht selten war ihm seine Hand beinahe ausgerutscht, aber im letzten Moment hatte er sich beherrschen können. Er brauchte sie zumindest noch so lang, bis er eine neue Frau gefunden hatte, mit einer größeren Wohnung und einer bedingungsloseren Liebe. Bis dahin hatte er seine Tabletten und seine Freunde, die ihm gern ein Bett für eine Nacht zur Verfügung stellten.

Ein pochender Schmerz rüttelte seinen Schädel durch. Er beugte sich über die Spüle und erbrach sich. Der ätzende Geruch brachte für einen Augenblick Klarheit und die Erinnerung zurück. Ja, da war eine Frau gewesen, eine junge Frau … Eindrücke zogen an ihm vorbei, und er konnte nicht sagen, ob es sich um Realität oder Fantasie handelte, um Wünsche oder deren Verwirklichung. Er lehnte sich gegen den Kühlschrank und griff sich an den Kopf. Er hatte jetzt keine Zeit, seine Gedanken zu ordnen. Erstmal musste er nach Hause.

Auf dem Küchentisch entdeckte er einen kleinen Zettel, auf dem in schwer leserlicher Schrift geschrieben stand: »Sind eine Runde spazieren. Du riechst wie ein Haufen Hundescheiße.«

Er ging in das kleine Zimmer zurück, in dem die zerschlissene Couch stand, auf der er geschlafen hatte. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er nicht einmal die Hose ausgezogen hatte. Er nahm seinen Pullover, zog ihn über, schlüpfte in Schuhe und Jacke, betrachtete sich lange und gründlich im Spiegel und machte sich dann auf den Weg nach Hause.

Keine zwanzig Minuten später war er in der Wohnung angekommen, die seiner Freundin gehörte. Sie lag in einem monströsen Komplex aus Beton und unrealisierten Träumen von Klassengerechtigkeit. Einst als stolzes Arbeiterheim errichtet, roch es heute in den Ecken nach Pisse, und er hasste die meisten Bewohner, deren Namen er nicht einmal richtig aussprechen konnte.

Er schloss die Tür leise hinter sich, schlüpfte aus Schuhen und Jacke und schlich so leise wie möglich ins Bad, um seine Kleidung in den Wäschekorb zu werfen. Bildfetzen krochen an ihm hoch wie Nebelschwaden und legten sich ihm vor die Augen. Er begutachtete die Kleidung gründlich, versuchte, Spuren der letzten Nacht daran zu finden, Hinweise auf die Wirklichkeit dieser Schattenbilder.

Doch er konnte kein Blut entdecken.

In Unterhosen ging er in die Küche, um sich noch ein Bier aufzumachen und zwei Eier zu braten, die seine Freundin normalerweise immer für ihn im Kühlschrank hatte. Zu seinem Missfallen musste er feststellen, dass ebendiese Freundin bereits in der Küche auf ihn wartete und ihm vorwurfsvolle Blicke zuwarf.

»Du siehst furchtbar aus«, sagte sie. »Was hast du gestern wieder angestellt?«

»Lass mich in Ruhe«, sagte er. »Mein Schädel brummt. Wir hatten einen guten Abend, was dagegen?«

»Wo hast du geschlafen?«

»Das braucht dich nicht zu interessieren.« Er grinste boshaft. Morgen würde er es ihr erzählen müssen, denn dann würde sie weinen und ihn anschreien und damit drohen, ihn endgültig hinauszuwerfen. Aber bis dahin konnte er sie noch ein wenig leiden lassen. »Ich gehe schlafen«, sagte er, drehte sich wieder um und schlurfte ins Schlafzimmer. Kurz nachdem er ins Bett gefallen war, überkam ihn ein tiefer und traumloser Schlaf. Noch immer benebelt von den Nachwirkungen der Tabletten und des Alkohols verbrachte er den Nationalfeiertag vorwiegend im Dämmerzustand.

Am nächsten Tag, seine Freundin hatte die Wohnung bereits verlassen, briet er sich nach dem Aufstehen ein Omelett zum Frühstück und schenkte sich eine Tasse Filterkaffee ein. Noch immer fühlte er sich verkatert. Mit der Zeitung setzte er sich an den Frühstückstisch.

Als er die Titelseite sah, schob er instinktiv sein Frühstück zur Seite. Er brauchte einen Moment, um zu begreifen, dann breitete er die Zeitung vor sich aus und las jedes einzelne Wort sorgfältig.

War es also doch kein Traum gewesen.

In der Zeitung stand, woran er sich während seines Halbschlafs immer wieder erinnert hatte, ohne zu wissen, wem diese Erinnerungen wirklich gehörten. Aber nun kamen die Bilder zurück, fügten sich in der richtigen Reihenfolge zusammen wie ein Film, dem jemand verlorengegangene Szenen wieder hinzugefügt hatte und der nun endlich Sinn ergab.

Er stand auf der Himberger Straße. Ihm war ganz schwindlig von den kleinen, weißen Kapseln, dem Bier und dem Schnaps. Auf der Tanzfläche war ihm der Duft junger Frauen in die Nase gestiegen, die im hellen Licht aufblitzenden Beine und die langen, elegant gekämmten Haare hatten seinen Kopf beinahe explodieren lassen. Er musste raus, war in die kalte Nachtluft getreten und die Straße ein Stück entlangspaziert. Gedankenverloren stand er an einen Baum gelehnt und überlegte, ob er sich vielleicht übergeben sollte, als er auf der gegenüberliegenden Seite eine junge Frau unter schwach beleuchteten Plakatwänden entlanggehen sah.

Er kannte sie. Er hatte sie schon öfters im Azzurro gesehen. Sie war immer umringt von einer Schar schnatternder Mädchen, die bei jeder Gelegenheit in idiotisches Gekicher ausbrachen. Sie trug eine schwarze Lederjacke und darunter einen Pullover, der die Wölbungen ihres Körpers hervorhob. Das blonde Haar fiel ihr über den Rücken. Er hörte die schwarzen Stöckelschuhe über den Asphalt klappern.

Er hatte es gespürt. Es hatte alles verdrängt, den Schwindel, die Übelkeit, die Langeweile. Die Lust war in ihm hochgekrochen wie eine Schlange.

Stolpernd lief er über die Straße. Sie bemerkte ihn erst, als er bereits knapp hinter ihr war. Womöglich hatte sie ihn gerochen, noch bevor sie ihn gehört hatte.

Sie drehte sich um. Er blieb abrupt stehen.

»Hallo«, sagte er und grinste sie an. »Siehst gut aus in dem Pullover, Puppe.«

»Ich bin nicht deine Puppe«, sagte sie.

»Komm mit, in zehn Minuten sind wir in meiner Wohnung«, sagte er, als hörte er sie nicht, »dann mach ich dir einen schönen Abend.«

»Ich werde mir selbst einen schönen Abend machen, danke«, sagte sie und blickte ihn kühl an, »mit meinem Freund. Er steht dort vorne.« Sie deutete die Straße hinab und er folgte ihrem Blick. In der Ferne waren schwach zwei Autoscheinwerfer auszumachen. Ob das wirklich ihr Freund war?

Während er noch darüber nachdachte, spürte er das Vibrieren. Ein lautes Dröhnen erfüllte die Luft. Einen Moment lang zogen wahnhafte Bilder an ihm vorüber. Ein Erdbeben? Oder ein Hirnschlag? Riss der Boden auf oder schoss ihm das Blut aus den Ohren?

Dann fuhr der Güterzug vorbei und verschluckte die Scheinwerfer des Autos. Das Mädchen brauchte einige Momente länger, um zu realisieren, was passiert war.

»Blöd, dass er nicht hier ist, dein Freund«, sagte er. Die Kühle wich aus ihrem Blick. Sie machte einen Schritt zurück, doch entkommen konnte sie nicht.

»Ich brauche auch nur fünf Minuten«, sagte er. Und dann packte er sie.

Der Rest war von der Zeitung ziemlich detailgetreu nachgezeichnet worden. Als er die Zeilen las, war nichts mehr von der Übelkeit der letzten Tage zu spüren. Sein Kopf brummte nicht mehr. Seine Gedanken waren klar und scharf.

Er legte die Zeitung auf den Tisch, stand auf und zog sich an. Sein erster Weg führte in die Himberger Straße hinab, wo er bereits von Weitem ein Polizeiauto stehen sah. Er zog sich die Mütze tief ins Gesicht und drehte wieder um.

Danach suchte er eine kleine Seitengasse zwischen Himberger Straße und jener Wohnung auf, in der er die vorletzte Nacht verbracht hatte. Mülltonnen, Plastiksäcke und Kisten standen dort aufgestapelt. Nach einigen Minuten fand er, wonach er gesucht hatte. Er hatte sich nicht getäuscht. Er zog einen schwarzen Stöckelschuh und die schwarze Handtasche hervor, die er dort versteckt hatte. Ihr Geruch hatte sich in ihre Sachen gefressen.

Er packte die Gegenstände in den Rucksack, den er mitgebracht hatte, und machte sich wieder auf den Rückweg in die Wohnung.

Er hatte noch einige Stunden Zeit, bevor seine Freundin von ihrer Schicht zurückkommen würde. Er ging in sein »Arbeitszimmer«, einen kleinen Abstellraum, in dem er an einigen »Projekten« arbeitete, wie er seiner Freundin erklärte. Tatsächlich lagen auf dem Tisch ein Radio und Teile eines Fernsehers, an denen er vor einigen Monaten herumgeschraubt hatte. Ansonsten bewahrte er hier seine Pillen, Gras und Erotikmagazine auf. Sie lagen in Kisten, die auf einem hohen Abstellregal standen. Er hatte seiner Freundin strikt untersagt, das Zimmer zu betreten, und er wusste, dass sie sich daran halten würde.

Er hob die Kisten herunter und legte den Stöckelschuh sowie die Handtasche hinein. Er ärgerte sich, dass er kein Haar von ihr mitgenommen hatte. Die hatten ihm besonders gut gefallen.

Als er alles gut verstaut hatte, ging er wieder in die Küche. Dort stand sein Frühstück noch unberührt auf dem Tisch. Er setzte sich, nahm einen Schluck kalten Kaffee und aß das Omelett, während er nachdachte. Aus dem Zeitungsbericht ging nicht hervor, ob die Polizei eine Spur hatte. Er dachte angestrengt nach, aber er war sich sicher, nichts am Tatort zurückgelassen zu haben. Bloß etwas von seinem Sperma war womöglich an ihrem Oberschenkel zurückgeblieben.

Zunächst hatte sie sich gewehrt, doch als sie verstand, was er vorhatte, war sie erstarrt. Unter dem alles verschlingenden Dröhnen des Zuges hatte er mit einer seiner großen Hände ihren Mund zugehalten, während er sie hinter eine Plakatwand gezerrt hatte.

Es war wie im Rausch geschehen, und doch hatte er alles so klar vor sich gesehen. Zum ersten Mal hatte er die völlige Kontrolle gehabt, die Kontrolle über alles. Er hatte ihr den Rock hochgerissen und seine Hose geöffnet, als sie sich wieder zu bewegen begann.

Er erkannte, dass es keinen Sinn hatte. Also umschloss er ihren Hals mit seinen Händen und drückte zu. Die Schläge, mit denen sie sein Gesicht bedeckte, wurden schwächer. Schließlich sackte sie zusammen.

Erst da bemerkte er, dass wieder Stille eingekehrt war. Kein Zug war mehr zu hören. Er lauschte in die Dunkelheit. Er hörte, wie ein Auto vorbeifuhr. Aber die Plakatwand schützte ihn vor fremden Blicken.

Schon oft hatte er sich ein solches Szenario vorgestellt. Das Gefühl der Macht hatte ihm Lust verschafft. Und nun, als seine geheimsten Sehnsüchte endlich in der Wirklichkeit einer bitterkalten Oktobernacht angekommen waren, verliehen sie ihm das Gefühl von allumfassender Kontrolle. Ohne nachzudenken, wusste er, was er zu tun hatte. Er wollte zu Ende bringen, was er angefangen hatte.

Eine gute Stunde hatte er gearbeitet und weder Kälte noch Müdigkeit verspürt. Die Möglichkeit, dass jederzeit jemand hinter die Plakatwand blickten konnte, kam ihm kein einziges Mal in den Sinn. Er wurde von einem Gefühl getrieben, das ihm in seiner beengten Gemeindebauwohnung völlig fremd war, das er, ohne Arbeit oder Perspektive oder Interesse an irgendetwas, nicht gekannt hatte. Es war das Gefühl, unbesiegbar zu sein.

Seine Gedanken kehrten in die Gegenwart zurück. Er stellte das Geschirr in die Spüle und blickte noch einmal auf die Titelseite der Zeitung.

Seine Tat versetzte eine ganze Stadt in Angst. Er war der Schrecken, der die Menschen nachts in ihren Albträumen heimsuchte. Mit einem Mal hatte er mehr Macht über die Gefühle dieser unbekannten, unbedeutenden Menschen als irgendjemand sonst. Und das Rauschen, das allumfassende und dröhnende Rauschen in seinem Kopf, war verschwunden.

Doch er war unvorsichtig gewesen. Er war spontan und stümperhaft vorgegangen.

Das würde ihm das nächste Mal nicht passieren.

Freitag, 28. Oktober Berggasse, Wien-Alsergrund

Ein Tag, drei Wochen.

Es gibt Berufe, für die Zeit eine kritische Rolle spielt. Für Ärzte etwa, die in Erfahrung bringen müssen, wie lang das Herz ihres Patienten schon nicht mehr schlägt oder seit wann sein Gehirn nicht mehr mit Sauerstoff versorgt ist. Für Anwälte und Richter sind gewisse Fälle ab einem bestimmten Stichtag verjährt.

Für Ermittlungen der Mordkommission gibt es zwei Fristen, die alle unsere Handlungen begleiten. Die erste Frist beträgt 24 Stunden. Die meisten Mordfälle werden innerhalb eines Tages geklärt, weil die Täter zumeist im direkten Umfeld des Opfers zu finden sind. Manchmal haben sie den Tatort noch nicht einmal verlassen, wenn wir eintreffen, und stellen sich bereitwillig der Polizei.

Die Leiche von Alexandra hatten wir am 26. gefunden, am Nationalfeiertag. Nachdem wir den Tatort gesichert, den Angehörigen Bescheid gegeben und das engste Umfeld befragt hatten, ermittelten wir ab dem 27. im großen Stil.

Es war Freitagvormittag, und damit war unsere Frist von 24 Stunden so gut wie verstrichen. Wenn wir nach Ablauf dieser Frist nichts in Händen hielten, konnten wir uns auf einige lange und harte Wochen einstellen, Wochen ohne allzu viel Schlaf, ohne frühe Feierabende und ohne entspannte Familienausflüge. Dann standen uns langwierige Ermittlungen bevor, deren Ausgang völlig offen war.

Der Mann, der jetzt vor mir saß, war unsere Chance, diese Wochen zu vermeiden. Er war die Möglichkeit, diesen ganzen verdammten Fall hinter uns zu bringen.

»Nennen Sie Ihren Namen, Ihr Alter, Ihren Beruf und Ihre Adresse fürs Protokoll«, hörte ich Eddie sagen.

»Max Klinger, 21 Jahre alt, Bankangestellter, wohnhaft in der Per-Albin-Hansson-Siedlung, Block 2, Tür 34.«

Ich blickte auf. Die Per-Albin-Hansson-Siedlung war nicht weit vom Tatort entfernt. Es war ein Stück Schweden in Wien. Per Albin Hansson war während des Zweiten Weltkriegs der schwedische Ministerpräsident gewesen. Unter seiner Führung hatte Schweden Österreich beim Wiederaufbau nach dem Krieg unterstützt.

In der Siedlung, die drei große Blocks umfasste, gab es Straßen und Gassen, die nach schwedischen Städten wie Malmö oder schwedischen Persönlichkeiten wie Selma Lagerlöf benannt waren. Jedenfalls war es nicht uninteressant, dass der Mann in einer Siedlung wohnte, die vom Tatort zu Fuß erreichbar war.

Wir hatten gestern jeder befragten Person die Phantomzeichnung vorgelegt, die wir nach Lisa Bergers Beschreibung anfertigen konnten. Niemand erkannte den Mann. Doch heute morgen, als wir einen der Barkeeper aus dem Azzurro vernahmen, landeten wir einen Volltreffer.

Der Barkeeper, ein dünner Mann mit zahlreichen Tätowierungen und zwei Ohrringen, die seine Ohrläppchen ungesund weit nach unten zogen, starrte einige Zeit auf das Bild, kratzte sich am Kopf und bekam schließlich große Augen.

»An den erinnere ich mich!«, sagte er. »Der hat sich ganz schön was reingestellt. War viel zu früh da, schien recht nervös, ist den ganzen Abend fast nicht von der Bar weggegangen. Lehnte am Tresen und hat ein Bier nach dem anderen gekippt.«

»Wissen Sie, wie der Mann heißt?«, fragte ich, ohne mir große Hoffnungen zu machen.

»Ich glaube, Krüger oder Klinger«, sagte der Barkeeper und legte den Kopf zur Seite, als ob ihm dann der Name aus dem Ohr purzeln würde. »Der Typ sah aus, als hätte er noch nie ein Bier in der Hand gehabt, und da er einer meiner ersten Gäste war, hab ich ein bisschen mit ihm gesprochen. Glaub, er arbeitet in einer Bank im Vierten oder so.«

Kurz darauf waren wir alle Bankfilialen im vierten Bezirk durchgegangen und tatsächlich: Wir wurden in der Erste Bank fündig. Dort gab es einen Angestellten namens Max Klinger. Zwei Kollegen holten ihn umgehend ab und brachten ihn in die Berggasse.

Und jetzt saß er uns gegenüber, der Mann, der am Abend, an dem sie starb, offenbar unbedingt mit Alexandra tanzen wollte, sich aber nicht zu fragen traute.

Klinger war groß und schlaksig, das schüttere Haar klebten ihm auf der Stirn. Er schien stark zu schwitzen und saß zusammengesunken in seinem Stuhl.

Klinger hatte den Blick starr auf den Tisch gerichtet, versuchte sein Zittern zu unterdrücken und hatte offenbar vergessen, seinen übergroßen grauen Anzug aufzuknöpfen, den er noch immer trug. Diese Person sah so sehr nach Bankangestelltem aus, dass seine Aufmachung beinahe ironisch wirkte.

»Herr Klinger«, sagte ich freundlich.

Sein Kopf zuckte ruckartig in meine Richtung. Seine Augen waren zusammengezogen. Er war offenbar kurzsichtig, doch ich konnte nirgendwo eine Brille entdecken.

»Wollen Sie nicht vielleicht Ihr Sakko ausziehen?«, fragte ich und lächelte.

Klinger schien sich ein wenig zu entspannen. Er hob sich von seinem Stuhl, wackelte kurz gefährlich, blieb dann aber fest stehen. Langsam zog er das Sakko aus und hängte es behutsam über die Lehne. Dann setzte er sich wieder, und wir sahen einander an.

»Ich bin Ernst Geiger und leite die Mordermittlungen im Fall Alexandra Schriefl.« Ich sagte es ganz sachlich und nüchtern, doch die Worte taten ihre Wirkung. Klingers Augen weiteten sich, und ein neuer Schweißfilm trat ihm auf die Stirn.

»Warum … Wieso wollen Sie mit … gerade mit mir sprechen?«, brachte er heraus.

»Reine Routine«, sagte ich und lehnte mich ein wenig zurück.

»Sie waren doch während der Nacht des Mordes in der Disco, nicht wahr?«

Klinger zögerte kurz, bevor er antwortete. »Ja, ich war dort.«

»Sie wissen, von welchem Tag ich spreche?«

Er blickte mich verunsichert an. »Natürlich. Der 25. Oktober. Der Tag vor dem Nationalfeiertag.«

»Sie erinnern sich offenbar gut an diesen Abend.«

Das hatte gesessen. Die Gesichtszüge von Klinger wollten sich verzweifelt aus der Starre befreien, in die sie der Bankbeamte zu zwingen versuchte.

»Nein, denken Sie bitte nicht … Es ist nur …« Seine Stimme wurde leiser. Ängstlich stammelte er: »Ich gehe nicht so oft aus, wissen Sie. Praktisch nie.«

»Warum sind Sie an diesem Abend ausgegangen, Max?«

»Es ging jeder aus. Es war doch der Tag vor dem Nationalfeiertag. Ich hörte die Kollegen reden …«

»Sie hörten die Kollegen reden, und trotzdem waren Sie alleine fort?«

Klinger entfuhr tatsächlich so etwas wie ein Lachen. »Sind Sie mit allen Ihren Kollegen befreundet?«

»Nein.«

»Ich auch nicht«, sagte er.

»Wir wissen, dass Sie sich nach Alexandra erkundigt haben. Kannten Sie sie?«

Klinger schüttelte den Kopf. Ich schwieg und wartete, dass er weiterreden würde.

»Ich hatte sie vor diesem Abend noch nie gesehen. Aber auf der Tanzfläche ist sie mir sofort aufgefallen. Die Locken und der Pullover.«

Die Bilder des Tatorts kamen mir in den Sinn. Ein Pullover, an einen Baumstamm gebunden. Locken, die wie Ranken ein ausdrucksloses Gesicht verdeckten. Ich verdrängte sie und konzentrierte mich wieder auf Klinger.

»Sie hat Ihnen gefallen?«

»Ja«, sagte Klinger. »Ja, sie ist ein sehr hübsches Mädchen.« Er stockte kurz. »Ich meinte, sie war …«

»Erzählen Sie mir, was vorgefallen ist«, sagte ich. »Und lassen Sie nichts aus.«

Klinger seufzte, holte Luft und sagte: »Ich wollte sie ansprechen. Den ganzen Abend schon habe ich mir gedacht, wie wunderbar es wäre, mit ihr zu tanzen. Also bin ich zu einer ihrer Freundinnen und habe gefragt, ob sie mich vorstellen könnte. Aber sie meinte nur, ich solle sie selbst fragen.«

»Was Sie getan haben?«

»Nein«, sagte Klinger beschämt. »Ich habe mich herumgedrückt, und als ich mich endlich überwunden hatte, war sie schon weg. Ich bin nach draußen gelaufen, um nach ihr zu suchen. Ich sah sie in Richtung Tankstelle gehen.«

»Wann war das?«

»Irgendwann zwischen 2 und 2.30 Uhr früh, würde ich schätzen.«

»Was ist dann passiert?«

»Ich ging ihr nach, aber ich glaube nicht, dass sie mich bemerkt hat. Ich konnte sie telefonieren hören, in einer Telefonzelle. Sie sprach offenbar mit ihrem Freund. Können Sie mir das erklären?«, fragte er plötzlich. »Was ist das für ein Kerl? Lässt seine Freundin ganz allein ausgehen. Warum? Kümmert er sich denn nicht um sie? Er muss sie doch beschützen. Ein so schönes Mädchen, ganz allein …«

Ich sagte nichts. Rückblickend betrachtet wäre Alexandra wohl nicht ermordet worden, wäre ihr Freund an diesem verhängnisvollen Abend bei ihr gewesen. Aber wollte ich in einer Welt leben, in der von einer solchen Möglichkeit ausgegangen werden musste, wenn sich junge Mädchen schminkten und hübsch machten, um abends auszugehen? Ich wollte es nicht. Was nichts daran änderte, dass ich mich damit auseinandersetzen musste.

»Was passierte, nachdem sie telefoniert hatte?«, unterbrach ich Klinger, der im selben Tenor fortgefahren war.

Er starrte mich an. »Nichts. Sie ging die Straße hinunter, bis ich sie nicht mehr sehen konnte.«

»Sie haben nicht mit ihr gesprochen?«

»Nein.«

»Sie haben sie den ganzen Abend beobachtet, waren bei einer ihrer Freundinnen, haben sie nach draußen verfolgt, haben sie belauscht – und haben sie nicht angesprochen?«, fragte ich.

»Nein, habe ich nicht«, sagte Klinger.

»Warum nicht?«, fragte ich, und beinahe musste ich lachen. Das klang lächerlich. Offenbar hatte er den ganzen Abend an nichts anderes gedacht.

»Weil ich Angst hatte«, sagte Klinger plötzlich. Seine Stimme war leise. Das Zittern hatte sich von seinen Händen in seine Stimmbänder hinaufgearbeitet.

»Angst wovor?«

Er blickte mich an, als hätte ich soeben die dümmste vorstellbare Frage gestellt.

»Wovor? Was denken Sie denn? Sehen Sie mich doch an!« Das Zittern war aus seiner Stimme verschwunden. Ich warf einen kurzen Blick auf den Polizisten, der mit uns im Zimmer war. Auch ihm war die Veränderung des Tonfalls nicht entgangen. Wachsam blickte er zu uns herüber.

»Sie hätte mich doch bestimmt abgelehnt! Ich hatte Angst … dass sie mich zurückweist, vielleicht sogar auslacht … und was dann? Was bliebe mir dann noch übrig? Sie haben sie doch gesehen, oder?«

Ich nickte.

»Sie war so perfekt … Was würden Sie tun, wenn Sie das Schönste, was Sie je gesehen haben, ablehnt? Was würde das bedeuten?« Ich blickte ihn an. Klinger atmete schwer.

Und als ich ihn vor mir sah, wurde mir klar: Es ist die Angst, die den Traum von der Wirklichkeit trennt.

Eine Weile sagte niemand etwas.

Schließlich fragte ich: »Was ist dann passiert?«

»Dann bin ich heimgefahren.«

»Kann das irgendjemand bestätigen?«

»Ich habe ein Taxi zu meiner Wohnung genommen. Vielleicht kann der Taxifahrer das bestätigen?«

Ich ließ Klinger mit dem Polizisten im Verhörzimmer zurück, ging in mein Büro und telefonierte mit dem Taxiunternehmen, das mir Klinger genannt hatte. Kurz darauf hatte ich einen missmutig klingenden Wiener am Apparat.

»Was wollen Sie denn wissen, Herr Doktor?«, fragte er, nachdem ich ihm die Situation erklärt hatte. »Arbeiten die Doktoren jetzt schon bei der Polizei?«

»Ich müsste wissen, ob Sie sich erinnern, wen Sie am 26. Oktober um 2.30 Uhr Früh gefahren haben.«

»Warten Sie, ich schau schnell nach.«

Ich hörte ein Poltern, offenbar kramte er in irgendeiner Schublade. »Super Nacht, das kann ich Ihnen sagen. Die ganzen jungen Leute haben vor dem Feiertag ordentlich einen draufgemacht. Brauchen dann immer ein Taxi, das sie nach Hause bringt. Ah, da haben wir es.«

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