Kitabı oku: «Heimweg», sayfa 3
»Wir müssen Sie bitten, morgen Früh ins Büro zu kommen«, unterbrach ich ihn. »Um eine Aussage zu machen.«
»Gibt es irgendwelche Hinweise?«, fragte er schwach. »Wer es … wer es getan haben könnte?«
Ich überging die Frage. »Sie könnten uns bei den Ermittlungen sehr helfen, wenn Sie morgen ins Büro kommen.«
Er nickte nur schwach. »Es tut mir leid«, wiederholte ich und stand auf. Ich drückte ihn kurz an der Schulter, dann nickte ich Eddie zu. Wir verließen die Wohnung. Brandner bewegte sich nicht.
Nachdem Eddie die Tür hinter uns geschlossen hatte und wir im dunklen Gang des Wohnhauses standen, drehte er sich noch einmal um und blickte zur Wohnung. »Ich glaube nicht, dass er es war«, sagte er.
Bei einem Mordfall sind die Menschen in der nächsten Umgebung des Opfers die ersten Verdächtigen. Reine Statistik.
»Einvernehmen müssen wir ihn morgen trotzdem«, sagte ich.
»Natürlich«, sagte Eddie.
Dann fuhren wir in die Berggasse zurück und machten uns sofort daran, Akten über Männer auszuheben, die in letzter Zeit wegen irgendeines Sexualdelikts in der Nähe des Tatorts angezeigt worden waren. Es waren hunderte.
Es war gegen zwei Uhr früh, als ich in meiner Wohnung ankam, um zumindest noch für ein paar Stunden die Augen zu schließen. Eva schlief längst, genau wie unsere kleine Tochter Katja. Dass ich spät nach Hause kam, war für meine Frau keine Überraschung. Wir hatten uns im Polizeidienst kennengelernt, sie arbeitete als Verwaltungsbeamtin und war meine unregelmäßigen Arbeitszeiten gewohnt. Ich zog mich möglichst leise um, putzte mir die Zähne und schlüpfte unter die Decke.
»Wie war dein Lauf?«, murmelte sie im Halbschlaf.
»Welcher Lauf?«, fragte ich zurück. Dann erinnerte ich mich. Vor nicht einmal 17 Stunden war ich durch den Lainzer Tiergarten gelaufen. Das alles schien ewig her. Wo war mein verschwitztes Laufgewand? Vermutlich noch irgendwo im Büro.
Ich dachte an den kleinen grünbraunen Fleck, die Karikatur einer Oase inmitten einer tristen Betonwüste. Kein Sonnenstrahl hatte es geschafft, sich durch die Wolken zu schlagen, das Licht war trübe und matt gewesen. Ich dachte an den kahlen Baum in der Mitte und an die junge Frau, die daran gebunden worden war. Ich dachte daran, dass dieser Ort der letzte war, den sie jemals gesehen hatte.
»War ganz in Ordnung«, sagte ich nur, doch Eva war bereits wieder eingeschlafen.
Ich schloss die Augen und hoffte auf einen traumlosen Schlaf.
Donnerstag, 27. Oktober Berggasse, Wien-Alsergrund
Um acht Uhr Früh wuchtete ich mich hinter meinen Eichenholzschreibtisch, Standardausstattung für leitende Beamte des Sicherheitsbüros. Sie waren alle alt und knarzten bedenklich, wenn man sich darauflehnte.
Das Büro, das mir als zweiter Referent der Mordkommission zugeteilt worden war, war nicht besonders groß, sodass der Schreibtisch wie ein überdimensionaler Fremdkörper wirkte. Noch war ich allein, der Schreibtisch gegenüber, hinter dem sonst meine Sekretärin saß, war noch leer. Ein Becher Kaffee dampfte neben mir und leistete mir in diesen frühen Stunden Gesellschaft.
Außerdem stand ein langer Schrank an der Wand, gefüllt mit Akten und Ordnern. Diese Akten, sowie zwei persönliche Fotos, waren die einzigen Gegenstände, mit denen ich mich während der Arbeitsstunden beschäftigte. Ein Foto zeigte mich mit meiner Frau und unserer Tochter Katja. Es war vor einem Jahr in Schönbrunn aufgenommen worden, an einem warmen Spätsommertag. Katja grinste darauf breit in die Kamera und offenbarte einige Zahnlücken. Als wären Glück und Unschuld genug, um alles Böse zu vertreiben. Wäre dem so, sie würde ihren Vater auf einen Schlag sowohl arbeitslos als auch sehr glücklich machen.
Das andere Bild war eine Aufnahme in Schwarz-Weiß eines alten, mit Schnee bedeckten Bauernhauses, hinter dem sich ein mächtiger Gebirgszug abzeichnete.
Es war das Haus, in dem ich meine Kindheit verbracht hatte. Es stand in einem kleinen Dorf am Fuße des Schneebergs. Ich wuchs als Einzelkind auf, mein Vater starb, als ich 14 Jahre alt war. Ich besuchte die einklassige Volksschule des Dorfes, in der mehrere Jahrgänge gemeinsam unterrichtet wurden. Als ich durch ein Stipendium ein Gymnasium besuchen konnte, war das eine große Sache für meine Mutter und mich. Jeden Tag ging ich die vier Kilometer in den nächstgelegenen Ort zu Fuß, um dort den Zug zu nehmen, egal bei welchem Wetter. Dieser Zug brachte mich nach Wiener Neustadt.
Die Zugfahrten waren lang, und ich langweilte mich oft, also suchte ich etwas, um mir die Zeit zu vertreiben. So entdeckte ich meine Liebe zu den Romanheften über Interpol, die von spannenden Fällen in ganz Europa handelten. Mittlerweile wusste ich, dass die echte Arbeitsweise der Interpol ganz anders aussah, als es diese Hefte beschrieben hatten. Doch mein Interesse war geweckt. Kriminelle aufspüren und hinter Gitter bringen? Das klang nach einem erstrebenswerten Ziel für mich.
Gegenüber meiner Mutter wagte ich es nicht, diesen Wunsch zu äußern. Ich fühlte stets, dass ich meiner Familie gegenüber eine Verantwortung trug, selbst wenn es meine Mutter nicht aussprach. So studierte ich zunächst etwas, mit dem ich meine Familie am besten zu unterstützen hoffte: Rechtswissenschaften.
Während ich mich durch meine Prüfungen kämpfte, fragte ich mich jedoch, was ich damit überhaupt anfangen wollte. Denn obwohl eine Karriere in der Juristerei einträglich sein konnte, interessierte ich mich nicht gerade für die Berufe Rechtsanwalt oder Richter. Aber was sonst sollte ich tun?
Damals hatte ich eine Freundin, deren Vater Staatsanwalt war. »Komm doch zu uns«, riet er mir bei einem Abendessen freundlich und klopfte mir herzlich auf die Schulter. »Wir könnten Männer wie dich brauchen.«
Ich begann wenig glamourös am Bezirksgericht für Handelssachen. Das Bezirksgericht für Handelssachen ist zur Entscheidung in erster Instanz für Streitigkeiten aus Handelsgeschäften zuständig. Und genauso spannend, wie es klang, war es dann auch.
Ich suchte verzweifelt nach einer Möglichkeit, von dort loszukommen. Und eines Tages, als ich das Gebäude verließ, stieß ich darauf: An einem Brett in der Eingangshalle hing ein Plakat, auf dem stand: »Wiener Polizei sucht Juristen.« Das war meine Chance. Ich überlegte nicht zweimal.
Ich absolvierte eine verkürzte Polizeiausbildung, in der ich unter anderem lernte, wie ich mit einer Waffe umging, ohne mich selbst zu verletzen. Dann wurde ich 1978 dem Kommissariat des Stadtteils Hietzing zugeteilt und konnte meine Laufbahn in der Verbrechensbekämpfung beginnen. Natürlich bekam ich es nicht sofort mit Serienmördern oder Meisterdieben zu tun. Zunächst bearbeitete ich Berge von Papier, meist ging es um einfache Verwaltungsstrafen.
Es gab damals einige Juristen bei der Wiener Polizei, die meisten in Führungsebenen. Sie mussten einen Fall bearbeiten, bis er vor Gericht kam – dort übernahm ihn dann ein Staatsanwalt.
Wir Juristen kümmerten uns nicht bloß um die rechtliche Seite von Fällen, sondern erledigten auch Polizeiarbeit wie Einvernahmen, Strafanzeigen und Tatbestandsaufnahmen. Doch es hielt mich nicht lang in Hietzing. Ich wusste, wo ich hinwollte: ins Sicherheitsbüro. Wenn jemand bei der Polizei ehrgeizig ist, dann will er ins Gewaltreferat, zuständig für Mord, schweren Raub und Sexualdelikte. Dort spielt man ganz oben mit. Vier Jahre später zog ich in der Berggasse ein und fing im Referat für Diebstahl, Einbruch und Prostitution an. Für die meisten Beamten ist das die erste Station im Sicherheitsbüro.
Ich arbeitete hart. 1988 wurde ich zweiter Referent im Mordreferat. Endlich war ich dort angekommen, wo ich seit zehn Jahren hinwollte: hinter diesen schweren Schreibtisch, auf dem mich jeden Tag unzählige Papiere erwarteten, die Ränder von Kaffeeflecken dunkel gefärbt und unleserlich mit Kugelschreiber bekritzelt.
Das war meine Welt. Es war keine schöne, keine heile Welt. Fast alle von uns tranken und rauchten. Wir trafen uns bei spätabendlichen Runden in Wirtshäusern, bei denen wir über Dinge sprachen, von denen andere Menschen – Zivilisten – nicht einmal in ihren schlimmsten Albträumen etwas ahnten. Kein gesundes Leben. Ich habe mehr als einen Kollegen mit fünfzig oder sechzig an ein überanstrengtes Herz verloren. Viele von ihnen traten völlig ausgebrannt frühzeitig in den Ruhestand, konnten sich aber nicht mehr lang daran erfreuen. Wollte ich so enden? Nein. Aber wollte ich irgendetwas anderes machen? Absolut nicht.
Ich ging gedankenverloren meiner üblichen Morgenroutine nach und blätterte in den aktuellen Tageszeitungen, um mir ein Bild davon zu machen, was die Presse über den Fall und unsere Arbeit zu sagen hatte.
Als ich ein bekanntes Boulevardblatt zur Hand nahm, traf mich beinahe der Schlag. Mir blickte das lächelnde Gesicht von Alexandra Schriefl entgegen, fröhlich und lebendig. Im ersten Moment dachte ich, mein Verstand hätte mir einen schrecklichen Streich gespielt und sie wäre gar nicht gestorben, sondern würde jetzt genau so herumspazieren, mit diesem warmen Blick und den kleinen Grübchen in ihren Wangen, die dieses Foto zeigte. Doch eine gewöhnliche Verkäuferin, sei sie auch jung und hübsch, schaffte es nicht lebendig auf die Titelseite der größten Tageszeitung des Landes. Und mit dieser Erkenntnis war der Spuk vorbei.
Verdammt, die waren schnell gewesen. In jeder größeren Zeitung gab es einen Journalisten für den Lokalteil, der bei uns in der Berggasse ein und aus ging. Fast täglich kam einer von ihnen auf einen Kaffee und einen kleinen Tratsch vorbei. Auch ich hatte schon öfter mit einigen von ihnen zu tun gehabt. Aber über Nacht diese Schlagzeile zu drucken, wo noch nicht mal die gesamte Polizeibelegschaft auf dem neuesten Stand war? Da musste jemand sehr motiviert und bestens vernetzt sein.
Ich blätterte die Zeitung durch. Vier Seiten, die voll waren von Spekulationen, aber auch einigen sehr konkreten Informationen zur Tat. Noch waren die Medien in der Phase ungeteilter Trauer und der Forderung nach Gerechtigkeit. In dieser Phase würden sie vermutlich viele Falschinformationen verbreiten, besonders ein so aufsehenerregender Fall wie dieser lud zu wilden Spekulationen ein. Aber sie würden unsere Arbeit nicht kritisieren. Das kam erst, wenn wir nach einigen Tagen keine Ergebnisse liefern konnten. Dann wurde uns gern Inkompetenz oder ähnlich charmante Dinge vorgeworfen.
»Dr. Geiger.« Die Stimme meiner Sekretärin Margit riss mich aus meinen Gedanken. Margit war 44, trug das braune Haar immer zu einem adretten Dutt hochgesteckt, mit Vorliebe Röcke, die zwischen den Weltkriegen wohl kurz mal in Mode gewesen waren, und ein Parfüm, das mich an die landwirtschaftliche Idylle meines Heimatdorfs erinnerte. Sie lächelte nicht oft und war mir sehr sympathisch.
Sie hängte ihren Mantel über die Lehne ihres Sessels und setzte sich mir gegenüber. Den Blick auf einen Stapel Akten gerichtet, den sie penibel sortierte, sagte sie: »Hofrat Edelbacher will Sie sprechen.«
Das war zu erwarten gewesen. Ich trank meinen Kaffee aus, der mittlerweile kalt geworden war, legte die Zeitung weg und machte mich auf den Weg. Ich musste zwei Flure durchqueren, bevor ich vor seiner Tür stand. Ich klopfte und trat ein.
»Ah, Ernst, bitte, komm nur rein«, sagte er lächelnd und winkte mir von seinem Schreibtisch aus zu. Edelbacher war für seine Fähigkeiten innerhalb der Polizei hoch angesehen.
Unsere Karrieren wiesen einige Parallelen auf: Er hatte als Polizeijurist in Meidling begonnen, sechs Jahre vor mir. Er wurde 1976 ins Sicherheitsbüro versetzt, ebenfalls zuerst in die Abteilung Diebstahl. In seiner Zeit dort konnte er ein paar große Fälle lösen: Er fasste die Mercedes-Bande, die in ganz Europa Autos knackte. Auch die Verhaftung der österreichischen Hardrock-Damenband »Why Not« ging auf sein Konto. Die illustren Damen pflegten nicht nur das Image der harten Frauen auf der Bühne, abseits davon betätigten sie sich als Falschgeldverteilerinnen. Seit 1988 war er Leiter des Sicherheitsbüros, und es war sein großes Ziel, die Polizeiarbeit zu modernisieren.
»Keinen entspannten Feiertag gehabt, was?«, fragte Edelbacher.
Ich ließ mich in einen der Ledersessel fallen, die vor seinem Schreibtisch standen, und seufzte. »Das kann man sagen. Ich war auf Abruf, als es passiert ist.«
»Schon die Zeitungen gesehen?«
Ich nickte düster.
»Das wird sicher noch eine Woche so gehen, wenn wir keine Ergebnisse liefern. Junges, hübsches Mädchen, Sexualmord … Das ist für die Presse ein gefundenes Fressen. Es ist die Sorte Verbrechen, die eine Stadt in Hysterie und Panik versetzt. Die Bestie von Favoriten und solche Titel.«
»Wir beginnen heute mit den Vernehmungen«, sagte ich nur.
»Irgendwelche Spuren?«
»Nein«, sagte ich und musterte Edelbachers Miene. »Du weißt, wie der Tatort ausgesehen hat?«
»Natürlich«, sagte Edelbacher nur.
»So etwas habe ich noch nie gesehen«, sagte ich. »Es war wie in einem Film. Einem von der Sorte, für die man sich als Kind spätabends die Treppe runterschleicht, um ihn still und leise zu schauen, obwohl es die Eltern nie erlauben würden. Und dann wochenlang nicht schlafen kann.«
Eine bedeutungsschwere Stille legte sich über den Raum. Mein Blick verharrte auf Edelbachers Schreibtisch, der aufgeräumt und beinahe leer wirkte. Vor allem das Fehlen eines Aschenbechers, normalerweise Standardausrüstung, fiel auf. Edelbacher, ein leidenschaftlicher Tennisspieler, war strikter Nichtraucher und auch damit eine Ausnahme in der Berggasse.
»Umso wichtiger, dass wir den Fall schnell lösen«, sagte Edelbacher, den Blick nach vorne gerichtet. »Brandstätter soll sich um das Tagesgeschäft kümmern, für dich liegt die ganze Priorität auf diesem Fall.«
Ich nickte. Fritz Brandstätter war der erste Mordreferent. Wenn ich an diesem Feiertag nicht auf Abruf gewesen wäre, dann säße jetzt er statt mir hier.
»Was denkst du?«, fragte mich Edelbacher nach einer kurzen Pause.
»Nicht viel«, antwortete ich und zuckte mit den Schultern. »Es gibt wenige Informationen, Spuren auch nicht viele. Hoffentlich findet die Gerichtsmedizin etwas, die haben zumindest Spermaspuren aufgenommen. Und die Vernehmungen.«
»Mich interessiert dein erster Eindruck.«
Ich ließ mir mit meiner Antwort Zeit. »Wer auch immer das getan hat, wollte, dass wir sie so finden. Hat sie hergerichtet für uns. Das war überlegt und kalkuliert. So etwas tut man nur, wenn man eine Botschaft übermitteln will. Es kann gut sein, dass der Täter sein Opfer überhaupt nicht persönlich kannte, dass es ihm nur um die Tat selbst ging. Wenn das der Fall ist«, sagte ich und stand auf, »dann wird es schwer, eine Verbindung herzustellen. Und gleichzeitig erhöht das die Chancen, dass er noch einmal zuschlägt.«
»Dann tun wir alles, damit wir diesen Psychopathen so schnell wie möglich finden.« Edelbachers Ton ließ keinen Zweifel daran aufkommen, wie wichtig ihm diese Angelegenheit war. Und in wessen Verantwortung sie fiel.
Ich nickte und verließ das Büro. Es war Zeit für die ersten Vernehmungen.
Die wenigsten Leute mögen es glauben, aber ein großer Teil der Polizeiarbeit besteht darin, mit Menschen zu sprechen. Mit den unterschiedlichsten Menschen: mit wütenden und ängstlichen, besorgten und panischen, mit reservierten und auch mit sehr, sehr unhöflichen. Wer keine Menschenkenntnis hat, wird es in der Polizei nie weit bringen. Denn oft genug hängt die Auflösung eines Falls davon ab, ob dir dein Gesprächspartner vertraut. Ob du ihm das Gefühl geben kannst, du wärst auf seiner Seite, selbst wenn er nur Millimeter von seiner Verhaftung entfernt ist und ihn nur ein falsches Wort vom Verhörraum in die Zelle bringen könnte. Ein guter Polizist erweckt in seinem Gesprächspartner ein ganz eigenartiges Gefühl, das für die meisten dieser Leute unbekannt ist: In ihnen entsteht die Sehnsucht, sich zu öffnen. Und die Hoffnung, dass es ihnen dann besser gehen wird.
Ein alter Kollege, damals bereits knapp vor dem Ruhestand und nicht nur aufgrund seiner allmählich ergrauenden Haare großväterlich wirkend, gab mir zu meiner Anfangszeit im Sicherheitsbüro einen Rat, der sich mir eingebrannt hatte.
Ich arbeitete damals noch im Referat für Diebstahl. Wir mussten einen jungen Serben vernehmen, der so gut wie kein Wort Deutsch sprach. Ich verbrachte Stunden mit ihm in einem unserer Büros, damals ein kleiner, schlecht belüfteter Raum, in dem wir unsere Vernehmungen durchführten.
Ich stellte ihm immer wieder dieselben Fragen, wie ein Wahnsinniger. Es ging um Geschäftseinbrüche. Am Ende fühlte ich mich, als wäre ich es, der hier eingesperrt war. Resigniert verließ ich den Raum und trat in den dunklen Korridor davor. Mein älterer Kollege löste mich ab und ging zu dem jungen Mann hinein. Ich blickte durch die geöffnete Tür. Der Kollege setzte sich neben den Serben, und die beiden steckten die Köpfe zusammen. Ich konnte sehen, wie mein Kollege eindringlich auf ihn einredete. Dabei sprach er kein einziges Wort Serbisch!
Zeit verstrich, ich holte mir einen Kaffee, ging eine rauchen, erledigte Büroarbeit. Und immer, wenn ich kurz beim Vernehmungszimmer vorbeischaute, sah ich meinen Kollegen mit dem Mann sprechen. Er muss vier oder fünf Stunden dort drin gewesen sein.
Irgendwann kam er in mein Büro. »Er ist jetzt so weit«, sagte er nur. Ich folgte ihm zum Verhörraum, wir setzten uns dem jungen Serben gegenüber, und in brüchigem Deutsch gestand er die Einbrüche.
Diese Episode erinnerte mich immer daran, was ein gutes Gespräch ausmachte: Vorbereitung und eine gute Verbindung waren elementar. Ich musste wissen, mit wem ich sprach und über welches Thema. Im besten Fall wusste ich über das Privatleben meines Gesprächspartners Bescheid, über seine Neigungen und Sorgen, über seine Situation in der Familie und im Beruf. Eine gute Verbindung herzustellen, war schon schwieriger. Manchmal geriet ich an einen Kerl, mit dem ich einfach nicht konnte. Dann wurde recht schnell klar, dass ein Gespräch sinnlos war, und ein anderer Kollege musste übernehmen.
Das Wichtigste ist aber nicht die Vorbereitung oder eine persönliche Verbindung. Das Wichtigste, erklärte mir mein Kollege damals, ist Verständnis. Selbst wenn ich einen Verbrecher aufgrund seiner Taten zutiefst verachte, muss ich ihm im Gespräch das Gefühl geben, ihn zu verstehen. Meistens hat man es in solchen Verhören mit knallharten Typen zu tun, die schnell dichtmachen und keinen Ton von sich geben. Furcht oder Angst verspüren sie kaum. Aber Verständnis vermag sie zu berühren und diese Mauer zu durchbrechen.
Daher traf es mich besonders, als uns die Medien vor einigen Jahren mit Artikeln bombardierten, die behaupteten, wir würden Foltermethoden bei den Verhören anwenden. Menschen Plastiksäcke über die Köpfe ziehen und solche Sachen. Natürlich konnte es manchmal hitzig werden, nicht jedes Verhör lief gesittet ab, und ich hatte auch schon erlebt, dass Ohrfeigen verteilt wurden. Dabei war es stets die verhörte Person, meist nicht gerade ein Unschuldsengel, die das Handgemenge anzettelte. Aber ermittlungstaktisch betrachtet, wären solche Methoden der reine Irrsinn gewesen. Die meisten Kriminellen waren mit Schmerzen vertraut. Wenn sie geschlagen wurden, zogen sie sich völlig zurück, wurden stumm und apathisch. So bekam man keinen Satz aus ihnen heraus.
Was sie nicht gewöhnt waren, war Empathie. »Komm, wir wollen doch beide nach Hause gehen«, sagte man ihnen dann. Und manchmal half das.
Im Fall von Alexandra Schriefl half es nicht viel. Niemand, den wir vernahmen, schien irgendetwas über Alexandra zu wissen. Wir hatten keine einzige brauchbare Spur und hunderte mögliche Verdächtige. Alle Beamten, die wir dafür abstellen konnten, waren mit Vernehmungen beschäftigt. Die Büros waren an diesem Donnerstag zum Bersten voll.
Nach vielen Bitten, Drängen und dem Versprechen, alles vertraulich zu behandeln, hatten wir von den Mitarbeitern des Clubs eine Liste mit ein paar Dutzend Namen von Besuchern bekommen, an die sie sich erinnern konnten. Dazu gehörten überwiegend Stammkunden. Der Großteil der Gäste blieb weiterhin unauffindbar.
Wir hatten bereits eine Zeitungsanzeige aufgegeben, die sich an alle richtete, die während besagter Nacht im Azzurro gewesen waren. Wir hofften darauf, dass sich diese Leute bei uns melden würden.
Ich hatte mich in mein Büro zurückgezogen und wurde laufend mit Vernehmungsprotokollen beliefert, die ich nach irgendwelchen hilfreichen Anhaltspunkten durchsah. Nachdem ich einmal mehr eine lückenhafte Aussage durchgelesen hatte, die nichts anderes über den Abend verriet als die Tatsache, dass der Zeuge zu viel getrunken hatte, kam Eddie in mein Büro.
»Der Freund ist da«, sagte er. »Außerdem die Freundinnen, mit denen Alexandra am Abend der Tat in der Disco war. Vielleicht wollen wir uns die gemeinsam vornehmen?«
»Gern«, sagte ich. »Bisher waren die Einvernahmen nicht besonders ergiebig.«
Ich folgte Eddie in den Besprechungsraum des Mordreferats. Das war gemütlicher als die Vernehmungsräume.
Brandner saß bereits auf einem Stuhl, ähnlich zusammengesunken wie gestern Abend. Sonst war nur noch eine Sekretärin im Raum, vor ihr eine Schreibmaschine und ein Stapel Papier.
Ich erkannte, dass Brandner sein weißes T-Shirt gegen ein blaues Hemd getauscht hatte, das ihm um mindestens eine Nummer zu groß war.
»Guten Tag, Herr Brandner«, begrüßte ich ihn. Er schreckte auf, und ich sah, dass er wohl mindestens so wenig geschlafen hatte wie wir.
»Dürfen wir Ihnen etwas zu trinken anbieten? Wasser, Kaffee vielleicht?«
Brandner schüttelte den Kopf.
»Dann bringen wir es hinter uns.« Eddie und ich setzten uns schräg vor ihn, sodass wir ihn jeder von einer Seite ansehen konnten.
»Bitte geben Sie fürs Protokoll Ihren Namen, Ihr Alter, Ihren Beruf und Ihren Wohnort bekannt.«
»Georg Brandner, 22 Jahre, Elektrotechniker, Altgrabenstraße 14, Stiege 2, Tür 23, Favoriten.«
»Wie war Ihre Beziehung zu Alexandra Schriefl?«, fragte Eddie und versuchte dabei, eine Note Mitgefühl in seine Stimme zu legen.
»Sie war meine Freundin«, sagte Brandner. Er sprach mehr mit dem Tisch vor sich als mit uns. »Wir waren seit ungefähr zwei Jahren ein Paar. Haben uns beim Fortgehen kennengelernt, wir wohnten auch nicht weit voneinander entfernt. Sind ein paarmal ins Kino gegangen und in den Prater. Ich hab sie auf ein Eis beim Tichy eingeladen, dort haben wir uns zum ersten Mal geküsst.« Seine Stimme bebte leicht.
»Kam es öfter vor, dass Alexandra allein ausging und von Ihnen abgeholt wurde?«
»Hin und wieder«, antwortete Brandner. »Manchmal wollte sie mit ihren Freundinnen allein weggehen. Aber sie hatte kein Auto. Also hab ich sie abgeholt.«
»Hat sie Ihnen gegenüber erwähnt, belästigt worden zu sein? Gab es Vorfälle in diese Richtung?«
Brandner reagierte anders, als ich erwartet hatte: Er lachte trocken. »Ob sie belästigt wurde? Was glauben Sie denn? Alexandra war zwanzig Jahre alt, hübsch, beliebt und trug gern Röcke. Das reicht doch schon. Jeder zweite Typ hat ihr irgendwas Dummes nachgerufen. Aber die Xandi hat sich wehren können, die war nicht auf den Mund gefallen. Und sie war ja immer mit ihren Freundinnen unterwegs, da haben die Idioten nach ein paar blöden Sprüchen meist Ruhe gegeben.«
»Gab es eifersüchtige Ex-Freunde? Irgendjemanden, der Alexandra häufiger blöd anredete?«
»Nicht dass ich wüsste«, sagte Brandner. »Sie ging auch gar nicht so oft aus. Während der Woche arbeitete sie in einem Modegeschäft als Verkäuferin, im ersten Bezirk. Sie hat ihrer Mutter viel zu Hause geholfen, vor allem seit ihr Vater vor zwei Jahren gestorben ist. Hat ja auch einen kleinen Bruder. Ich war ihr erster Freund …« Er brach wieder ab.
»Verstehe«, sagte ich. »Es wäre wichtig, dass Sie uns noch einmal sehr genau schildern, was aus Ihrer Sicht am 25. Oktober passiert ist.«
Brandner sammelte sich kurz, holte tief Luft und begann zu erzählen: »Xandi hatte an dem Tag schon früh Feierabend. Ich hab sie abgeholt, und wir sind in der Innenstadt spazieren gegangen. Ich fragte sie, ob sie heute was vorhätte, und sie meinte, ein paar Freundinnen wollen ins Azzurro. Mir war schon klar, dass sie mich in so einer Mädchenrunde eher nicht dabeihaben wollte. Aber sie hat mich gefragt, ob ich sie abholen könnte, so würden wir uns trotzdem sehen. Ich habe sie dann nach Hause gebracht und bin zu mir in die Wohnung, habe ferngesehen und bin auf der Couch gelegen.«
»Kann das irgendjemand bestätigen?«, fragte Eddie.
Zum ersten Mal blickte ihn Brandner direkt an. »Bestätigen? Warum?«
»Reine Routinemaßnahme«, versuchte ich ihn zu beschwichtigen.
»Sie glauben doch nicht, dass ich …? Ich hab sie doch gesucht!«
»Das ist eine reine Formalität«, sagte ich. »Bitte regen Sie sich nicht auf. Hatten Sie mit irgendjemandem Kontakt?«
»Nein, ich war allein«, sagte Brandner matt.
»Und dann kam der Anruf?«
»Ja, gegen 2 Uhr früh rief sie mich an. Sagte, ich sollte sie vor dem Azzurro abholen.«
»Wie lang haben Sie hingebraucht?«
»Nicht lange«, sagte Brandner. »Ich war ja vorbereitet, angezogen und alles. Ich würde schätzen, irgendwann zwischen 2 und halb 3 Uhr war ich dort.«
»Aber Alexandra haben Sie nicht gesehen?«
Brandner schüttelte den Kopf. »Zunächst habe ich sicher fünf Minuten vor dem Bahnübergang gewartet, weil ein Güterzug mit ungefähr dreißig Waggons vorbeigefahren ist.«
Ich nickte Eddie kurz zu. Diese Information würden wir überprüfen. Womöglich ließe sich der Zeitpunkt von Alexandras Verschwinden so besser bestimmen.
»Als ich endlich weiterfahren konnte, bin ich zuerst zur Tankstelle gefahren, wie vereinbart, aber dort stand sie nicht. Als Nächstes bin ich vor die Disco, bin ausgestiegen und durch die Leute gelaufen, nichts. Dann bin ich die Himberger Straße abgefahren, weil ich dachte, sie ist mir vielleicht entgegengenkommen und ich habe sie verpasst, aber keine Spur.«
»Danach sind Sie heimgefahren?«
»Ich bin die Straße sicher dreimal auf- und abgefahren.«
»Kam Ihnen das nicht verdächtig vor? Dass Alexandra Sie bittet, Taxi zu spielen, und dann nicht zum vereinbarten Treffpunkt erscheint?«
In Brandners Blick lag nun pure Verzweiflung. »Na klar kam mir das seltsam vor. Aber es war 2 Uhr 30 morgens, und ich dachte, wahrscheinlich ist eine ihrer Freundinnen vorbeigefahren und hat sie gleich mitgenommen. Oder es gab ein Missverständnis, wir haben uns irgendwie verpasst, sie wollte nicht mehr warten und hat ein Taxi genommen … Ich dachte doch nicht, dass …«
Bevor er sich in Überlegungen verlieren konnte, fragte Eddie: »Ist Ihnen irgendetwas aufgefallen, als Sie die Straße entlanggefahren sind?«
Brandner schüttelte den Kopf. »Ein paar Betrunkene, klar, und vor der Disco war ein großer Auflauf. Aber sonst nichts.«
»Wann sind Sie wieder in Ihre Wohnung gekommen?«
»Muss gegen halb 3 gewesen sein«, sagte Brandner. »Ich habe nur meine Sachen ausgezogen, das Licht abgedreht und bin ins Bett gefallen. Aber ich habe mir fest vorgenommen, gleich nach dem Aufstehen bei Xandi zu Hause anzurufen.«
»Und?«
»Das habe ich auch gemacht. Ihre Mutter hat in ihr Zimmer geschaut, aber da war sie nicht. Ich habe gleich als Nächstes eine Freundin von Xandi angerufen, Lisa Berger, die an dem Abend mit ihr unterwegs war. Aber Lisa meinte, Xandi hätte die Disco gegen 2 Uhr Früh verlassen. Danach hat Lisa sie nicht mehr gesehen. Ihr Vater ist ja auch Polizist, und Lisa meinte, sie wird mit ihm reden. Sie sagte mir, sie wird mich wieder anrufen, wenn sie mehr weiß. Aber ich habe den ganzen Tag auf ihren Rückruf gewartet, vergeblich. Sie war auch nicht mehr zu erreichen. Und am Abend sind Sie gekommen.«
Ich warf Eddie einen Blick zu. »Danke, Herr Brandner. Ich bin sicher, dass das nicht einfach für Sie war. Wir sind fürs Erste fertig. Es kann sein, dass wir wieder auf Sie zurückkommen müssen, wenn sich neue Fragen ergeben.«
»Können Sie mir sagen …«, begann Brandner, doch seine Stimme brach. Er versuchte es erneut: »Können Sie mir sagen, wann es passiert ist? War es, während ich … Bin ich womöglich vorbeigefahren?« In seinem Gesicht stand jetzt blankes Entsetzen. Seine Augen waren so weit aufgerissen, dass ich beinahe sehen konnte, wie es in seinem Kopf arbeitete. Die Selbstvorwürfe, die Was-wäre-wenn-Fragen, die Schuld und die Scham.
»Hören Sie«, sagte ich. »Es hat keinen Sinn, sich den Kopf darüber zu zerbrechen. Sie trifft keine Schuld. Sie hätten nichts tun können, gar nichts. Und wenn ich Ihnen einen Tipp geben darf: Lesen Sie in den nächsten Wochen keine Zeitung. Nehmen Sie sich frei und umgeben Sie sich mit Familie und Freunden.«
Brandner schwieg. Eddie nahm ihn am Ellbogen, half ihm beim Aufstehen und führte ihn sachte nach draußen. Danach ließ er sich mit lautem Seufzen in einen Sessel fallen.
»Scheiße«, sagte er. »Der Junge tut mir leid. Die nächsten Tage werden die Hölle für ihn. Die Journalisten werden ihm die Bude einrennen, und überall wird er Fotos von Alexandra sehen.«
Ich nickte. »Wenn seine Angaben stimmen, haben wir es hier mit einem fast unmöglichen Verbrechen zu tun«, sagte ich. »Alexandra ruft ihn um 2 Uhr Früh an. Keine halbe Stunde später ist er vor Ort. Von ihr fehlt jede Spur. Also sucht er sie. Er hört keine Schreie, nichts. Vermutlich war sie zu der Zeit bereits bewusstlos. Die ganze Sache muss schnell gegangen sein, vor allem wenn wir bedenken, wie viel Mühe sich der Mörder mit dem Tatort gegeben hat. Noch dazu war es dunkel, da dauert das doppelt so lang. Womöglich hat der Täter Alexandra tatsächlich genau in dem Zeitfenster verschleppt, als Brandner vor dem geschlossenen Bahnschranken stand.«
Wir verfielen in Schweigen, jeder hing seinen Gedanken nach. Eddies Miene verriet nicht, woran genau er dachte, aber ich konnte es mir vorstellen.
Ein kurzes Klopfen, dann ging die Tür auf. Ein Beamter brachte eine junge Frau ins Zimmer, sie war stark geschminkt und hatte langes, schwarzes Haar. Ich kannte sie von Fotos aus dem Büro ihres Vaters: Lisa Berger.
