Kitabı oku: «Ein Kampf um Rom», sayfa 20
VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL
Einige Wochen später finden wir zu Rom in dem uns wohl erinnerlichen Schreibgemach mit der Cäsarstatue Cethegus, den Präfekten, und unsern neuen Bekannten, Petros, des Kaisers oder vielmehr der Kaiserin Gesandten.
Die beiden Männer hatten unter lebhaftem Gespräch und wechselseitigem Erinnern an frühere Zeiten — sie waren Studiengenossen, wie wir erfuhren — zu einfachem Mahl einen Krug alten Massikers geleert und waren soeben aus dem Speisesaal in das abgelegene Arbeitszimmer getreten, um jetzt ungestört von den bedienenden Sklaven Geheimeres zu besprechen.
»Sobald ich mich überzeugt hatte«, schloß Cethegus seinen Bericht über die letzten Ereignisse, »daß die Schreckensnachrichten aus Ravenna nur erst Gerüchte waren, vielleicht erdichtet, jedenfalls übertrieben, setzte ich der Aufregung und dem Eifer meiner Freunde die größte Ruhe entgegen. Der Feuerkopf Lucius Licinius mit seiner törichten Begeisterung für mich hätte bald alles verdorben. Unablässig forderte er meine Diktatur, buchstäblich setzte er mir das Schwert auf die Brust und schrie, man müsse mich zwingen, das Vaterland zu retten. Er schwatzte so viel aus der Schule, daß es nur ein Glück war, der schwarze Korse — der es mit den Barbaren zu halten scheint, niemand weiß recht, warum — nahm ihn für mehr berauscht als er war. Endlich kam die Nachricht, Amalaswintha sei zurückgekehrt, und so beruhigten sich allmählich Volk und Senat.«
»Du aber«, sagte Petros, »hattest zum zweitenmal Rom vor der Rache der Barbaren gerettet — ein unvergeßliches Verdienst, das dir die ganze Welt, zunächst aber die Regentin, danken muß.« — »Die Regentin — arme Frau!« meinte Cethegus achselzuckend, »wer weiß, wie lange die Goten oder deine Gebieter zu Byzanz sie noch werden auf dem Throne lassen.«— »Wie? Da irrst du sehr!« fiel Petros eifrig ein. »Meine Sendung hat vor allem den Zweck, ihren Thron zu stützen; und bei dir wollte ich eben anfragen, wie man das am besten könne«, setzte er pfiffig hinzu.
Aber der Präfekt lehnte sein Haupt zurück an die Marmorwand und sah den Gesandten lächelnd an: »O Petros, o Petre«, sagte er, »warum so verdeckt? Ich dächte doch, wir kennten uns besser.«
»Was meinst du?« fragte der Byzantiner befangen.
»Ich meine, daß wir nicht umsonst Recht und Geschichte miteinander studiert haben zu Berytus und Athen. Ich meine, daß wir damals schon unzählige Male als Jünglinge, lustwandelnd und Weisheit austauschend, zu dem Ergebnis gelangten: der Kaiser müsse diese Barbaren austreiben aus Italien und wieder zu Rom herrschen wie zu Byzanz. Und da nun ich noch denke wie dazumal, wirst wohl auch du nicht ein andrer geworden sein.« — »Ich habe meine Ansicht der meines Herrn zu unterwerfen, und Justinian« — »Erglüht natürlich für die Herrschaft der Barbaren in Italien.« — »Freilich«, sagte der Rhetor verlegen, »es könnten Fälle eintreten —«
»Petre«, rief jetzt Cethegus, sich unwillig aufrichtend, »keine Phrasen und keine Lügen. Sie sind nicht angewandt bei mir. Sieh, Petros, es ist wieder dein alter Fehler: du bist immer zu pfiffig, um klug zu sein. Du meinst, es muß immer gelogen sein, und hast nie den Mut zur Wahrheit. Man muß aber nur dann lügen, wenn man in seiner Lüge ganz sicher ist. Wie kannst du mich darüber täuschen wollen, daß der Kaiser Italien wieder haben will? Ob er die Regentin stürzen oder halten will, hängt davon ab, ob er glaubt, ohne oder mit ihr leichter ans Ziel zu kommen. Wie er hierüber denkt, das soll ich nicht erfahren. Aber sieh, trotz all deiner Verschmitztheit, sobald wir noch einmal zusammengewesen, sag’ ich dir ins Gesicht, was dein Kaiser hierin vorhat.«
Ein boshaftes und bittres Lächeln spielte um des Gesandten Mund: »Noch immer so stolz, wie in der Dialektik zu Athen«, sagte er giftig. — »Jawohl, und du weißt, zu Athen war ich immer der Erste, Prokopius der Zweite, und erst der Dritte warst du.«
Da trat Syphax ein:
»Eine verhüllte Frau, o Herr«, meldete er, »sie wartet dein im Zeussaal.«
Sehr froh, diese Unterredung abgebrochen zu sehen, denn er fühlte sich dem Präfekten nicht gewachsen, grinste Petros: »Nun, ich wünsche Glück zu solcher Störung.«
»Ja, dir!« lächelte Cethegus und ging hinaus.
»Hochmütiger, du sollst noch deinen Spott bereuen«, dachte der Byzantiner.
Cethegus fand in dem Saale, der von einer schönen Zeusstatue des Glykon von Athen den Namen trug, eine in gotischer Tracht reich gekleidete Frau; sie schlug bei seinem Eintritt die Kapuze des braunen Mantels zurück.
»Fürstin Gothelindis«, fragte der Präfekt überrascht, »was führt dich zu mir.
»Die Rache!« erwiderte eine heisere, unschöne Stimme, und die Gotin trat dicht an ihn heran. Sie zeigte scharfe, aber nicht häßliche Züge: und man hätte sie sogar schön nennen müssen, wenn nicht das linke Auge ausgeflossen und die ganze linke Wange durch eine große Narbe entstellt gewesen wäre: diese Wunde schien jetzt frisch zu bluten, da dem leidenschaftlichen Weibe die Röte in die Wangen schoß, wie sie bei jenem Wort die Faust ballte. So tödlicher Haß loderte aus dem einen grauen Auge, daß Cethegus unwillkürlich von ihr zurücktrat.
»Rache?« fragte er, »an wem?«
»An — davon später. Vergib«, sagte sie, sich fassend, »daß ich euch störe. Dein Freund Petros, der Rhetor von Byzanz, ist bei dir, nicht wahr?«
»Ja. Woher weißt du —«
»Oh, ich sah ihn vor der Coena durch deine Portikus eintreten«, sagte sie gleichgültig.
»Das ist nicht wahr«, sprach Cethegus im Geiste, »ich hab’ ihn ja zur Gartentür hereinführen lassen. Also haben sich die beiden hier zusammenbestellt. Ich soll das nicht ahnen. Aber was haben sie mit mir vor?«
»Ich will dich nicht lange hier festhalten«, fuhr Gothelindis fort. »Ich habe nur eine Frage an dich. Antworte kurz ja oder nein. Ich kann das Weib — die Tochter Theoderichs — stürzen, und ich will’s: bist du darin für mich oder gegen mich?«
»Oh, Freund Petros«, dachte der Präfekt, »jetzt weiß ich bereits, was du mit Amalaswinthen vorhast. Aber wir wollen sehen, wie weit ihr schon seid.«
»Gothelindis«, hob er ausholend an, »du willst die Regentin stürzen — das glaub’ ich dir — aber daß du’s kannst, bezweifle ich.«
»Höre, dann entscheide, ob ich’s kann. Das Weib hat die drei Herzoge ermorden lassen.«
Cethegus zuckte die Achseln: »Das glauben manche Leute.«
»Aber ich kann es beweisen.«
»Das wäre«, meinte Cethegus ungläubig. — »Herzog Thulun, wie du weißt, starb nicht sofort. Er ward auf der ämilischen Straße überfallen, nahe bei meiner Villa zu Tannetum: meine Colonen fanden ihn und brachten ihn in mein Haus. Du weißt, er war mein Vetter — ich bin aus dem Hause der Balten — er verschied in meinen Armen.«
»Nun, und was sagte der Kranke im Wundfieber?«
»Nichts Wundfieber! Herzog Thulun traf noch im Stürzen den Mörder mit dem Schwert: er entkam nicht weit; meine Colonen suchten ihn und fanden ihn sterbend im nächsten Walde: er hat mir alles gestanden.«
Cethegus drückte nur unmerklich die Lippen zusammen. »Nun, wer war er? Was hat er ausgesagt?«
»Er war«, sprach Gothelindis scharf, »ein isaurischer Söldner, ein Aufseher der Schanzarbeiten zu Rom, und sagte aus: Cethegus, der Präfekt, hat mich zur Regentin, die Regentin zu Herzog Thulun gesendet.«
»Wer hörte dies Geständnis außer dir?« fragte Cethegus lauernd.
»Niemand. Und niemand soll davon hören, wenn du zu mir stehest. Wenn aber nicht, dann —«
»Gothelindis«, unterbrach der Präfekt, »keine Drohung: sie nützt dir nichts. Du solltest einsehen, daß du mich dadurch nur erbittern, nicht zwingen kannst. Ich lasse es im Notfall zur offnen Anklage kommen: du bist als grimmige Feindin Amalaswinthens bekannt: dein Zeugnis allein — du warst unvorsichtig genug, zu gestehen, daß niemand sonst das Geständnis gehört — wird weder sie noch mich verderben. Zwingen kannst du mich zum Kampfe gegen die Regentin nicht: höchstens überreden, wenn du mir’s als meinen eignen Vorteil darstellen kannst. Und dazu will ich selbst dir einen Verbündeten schaffen. Du kennst doch Petros, meinen Freund?«
»Genau, seit lange.«
»Erlaube, daß ich ihn zu dieser Unterredung herbeihole.«
Er ging in das Studierzimmer zurück. »Petros, mein Besuch ist die Fürstin Gothelindis, Theodahads Gemahlin. Sie wünscht uns beide zu sprechen. Kennst du sie?«
»Ich? O nein; ich habe sie nie gesehen!« sagte der Rhetor rasch.
»Gut; folge mir.« Sowie sie in den Saal des Zeus traten, rief Gothelindis ihm entgegen:
»Gegrüßt, alter Freund, welch überraschend Wiedersehn.«
Petros verstummte.
Cethegus, die Hände auf den Rücken gelegt, weidete sich an der Bestürzung des Diplomaten von Byzanz. Nach einer peinlichen Pause hob er an: »Du siehst, Petros, immer zu pfiffig, immer unnötige Feinheiten. Aber komm, laß dich eine entdeckte List mehr nicht so niederschlagen. Ihr beide habt euch also verbunden, die Regentin zu stürzen. Mich wollt ihr gewinnen, euch dabei zu helfen. Dazu muß ich genau wissen, was ihr weiter vorhabt. Wen wollt ihr auf Amalaswinthens Thron setzen? Denn noch ist der Weg für Justinian nicht frei.«
Beide schwiegen eine Weile. Es überraschte sie sein klares Durchschauen der Lage. Endlich sprach Gothelindis: »Theodahad, meinen Gemahl, den letzten Amelungen.«
»Theodahad, den letzten, der Amelungen«, wiederholte Cethegus langsam. Indessen überlegte er alle Gründe für und wider. Er bedachte, daß Theodahad, unbeliebt bei den Goten, durch Petros erhoben, bald ganz in der Hand der Byzantiner stehen und die Katastrophe durch Herbeirufung des Kaisers anders, früher als er wollte, herbeiführen würde.
Er bedachte, daß er jedenfalls die Heere der Oströmer möglichst lange fernhalten müsse, und er beschloß bei sich, die gegenwärtige Lage und Amalaswintha aufrechtzuerhalten, da sie ihm Zeit zu seinen Vorbereitungen ließen. All das hatte er im Augenblick gedacht, erwogen, beschlossen. »Und wie wollt ihr nun eure Sache angehn?« fragte er ruhig.
»Wir werden das Weib auffordern, zugunsten meines Gatten abzudanken, unter Androhung, sie des Mordes anzuklagen.«
»Und wenn sie’s darauf wagt?«
»So vollführen wir die Drohung«, sagte Petros, »und erregen unter den Goten einen Sturm, der ihr —«
»Das Leben kostet«, rief Gothelindis.
»Vielleicht die Krone kostet«, sagte Cethegus. »Aber gewiß sie nicht Theodahad zuwendet. Nein, wenn die Goten einen König wählen, heißt er nicht Theodahad.«
»Nur zu wahr!« knirschte Gothelindis.
»Dann könnte leicht ein König kommen, der uns allen viel unerfreulicher wäre als Amalaswintha.
Und deshalb sag’ ich euch offen: ich bin nicht für euch, ich halte die Regentin.«
»Wohlan«, rief Gothelindis grimmig, sich zur Tür wendend, »also Kampf zwischen uns, komm, Petros.«
»Gemach, ihr Freunde«, sprach der Byzantiner.
»Vielleicht ändert Cethegus seinen Sinn, wenn er dies Blatt gelesen.«
Und er reichte dem Präfekten jenen Brief, den Alexandros von Amalaswintha an Justinian überbracht.
Cethegus las: seine Züge verfinsterten sich.
»Nun«, meinte Petros höhnisch, »willst du noch die Königin stützen, die dich dem Untergang geweiht? Wo warst du, wenn sie ihren Plan durchführte und deine Freunde nicht für dich wachten.«
Cethegus hörte ihn kaum an. »Armseliger«, dachte er, »als ob es das wäre! Als ob die Regentin daran nicht ganz recht hätte. Als ob ich ihr das verargen könnte! Aber die Unvorsichtige hat bereits getan, was ich von Theodahad erst fürchtete: sie hat sich selbst vernichtet und all meine Pläne bedroht: sie hat die Byzantiner schon ins Land gerufen, und sie werden jetzt kommen, ob sie noch will oder nicht. Solange Amalaswintha Königin, wird Justinian ihren Beschützer spielen.« Und nun wandte er sich scheinbar in großer Bestürzung an den Gesandten, den Brief zurückgebend: »Und wenn sie ihren Entschluß durchführte, wenn sie auf dem Thron bliebe — bis wann können eure Heere landen?«
»Belisar ist schon auf dem Wege nach Sizilien«, sagte Petros, stolz darauf, den Hochmütigen eingeschüchtert zu haben, »In einer Woche kann er vor Rom liegen.«
»Unerhört«, rief Cethegus in unverstellter Bewegung.
»Du siehst«, sprach Gothelindis, welcher Petros inzwischen den Brief gereicht, »die du halten wolltest, will dich verderben. Komm ihr zuvor.«
»Und im Namen des Kaisers, meines Herrn, fordre ich dich auf, mir beizustehn, dies Gotenreich zu vernichten und Italien seine Freiheit wiederzugeben. Man weiß am Kaiserhof dich und deinen Geist zu schätzen, und nach dem Siege verheißt dir Justinian — die Würde eines Senators zu Byzanz.«
»Ist’s möglich!« rief Cethegus. »Aber nicht einmal diese höchste Ehre treibt mich dringender in euren Bund als die Entrüstung über die Undankbare, die zum Lohn für meine Dienste mein Leben bedroht. — Du bist doch gewiß«, fragte er ängstlich, »daß Belisar noch nicht sobald landen wird?«
»Beruhige dich«, lächelte Petros, »diese meine Hand ist’s, die ihn herbeiwinkt, wenn es Zeit. Erst muß Amalaswintha durch Theodahad ersetzt sein.«
»Gut«, dachte Cethegus, »Zeit gewonnen, alles gewonnen. Und nicht eher soll der Byzantiner landen, bis ich ihn an der Spitze des bewaffneten Italiens empfangen kann.« — »Ich bin der Eure«, sprach er, »und ich denke, ich werde die Regentin dahin bringen, deinem Gatten mit eigner Hand die Krone aufs Haupt zu setzen. Amalaswintha soll dem Zepter entsagen.«
»Nie tut sie das!« rief Gothelindis.
»Vielleicht doch! Ihr Edelmut ist noch größer als ihr Herrscherstolz. Man kann seine Feinde auch durch ihre Tugenden verderben«, sagte Cethegus nachsinnend. »Ich bin meiner Sache gewiß, und ich grüße dich, Königin der Goten!« schloß er mit leichter Verbeugung.
FÜNFUNDZWANZIGSTES KAPITEL
Die Regentin Amalaswintha stand in der Zeit nach der Beseitigung der drei Herzoge in einer abwartenden Haltung.
Hatte sie durch den Fall der Häupter des ihr feindlichen Adels etwas mehr freie Hand gewonnen, so stand doch die Volksversammlung zu Regeta bei Rom in naher Aussicht, in der sie sich von dem Verdacht des Mordes völlig reinigen oder die Krone, vielleicht das Leben, lassen mußte. Nur bis dahin hatten ihr Witichis und die Seinen ihren Schutz zugesagt. Sie spannte deshalb ihre Kräfte an, ihre Stellung bis zu jener Entscheidung nach allen Kräften zu befestigen.
Von Cethegus hoffte sie nichts mehr: sie hatte seine kalte Selbstsucht durchschaut; doch vertraute sie, daß die Italier und die Verschworenen in den Katakomben, an deren Spitze ja ihr Name stand, ihre römerfreundliche Herrschaft einem aus der rauhen Gotenpartei hervorgegangenen König vorziehen würden. Sehnlich wünschte sie das Eintreffen der vom Kaiser erbetenen Leibwache herbei, um für den ersten Augenblick der Gefahr eine Stütze zu haben: und eifrig war sie bemüht, unter den Goten selbst die Zahl ihrer Freunde zu vermehren.
Sie berief mehrere der alten Gefolgsleute ihres Vaters, eifrige Anhänger des Hauses der Amaler, greise Helden von großem Namen im Volk, Waffenbrüder und beinahe Jugendgenossen des alten Hildebrand, zu sich nach Ravenna, besonders den weißbärtigen Grippa, den Mundschenk Theoderichs, der dem Waffenmeister an Ruhm und Ansehn kaum nachstand: sie überhäufte ihn und die andern Gefolgen mit Ehren, übertrug Grippa und seinen Freunden das Kastell von Ravenna und ließ sie schwören, diese Feste dem Geschlecht der Amaler sicher zu erhalten.
Wenn die Verbindung mit diesen im Volk beliebten Namen eine Art von Gegengewicht wider Hildebrand, Witichis und ihre Freunde schaffen sollte — und Witichis konnte die Auszeichnung der Freunde Theoderichs nicht als staatsgefährlich verhindern —, so sah sich die Königin auch gegen die Adelspartei der Balten und ihrer Bluträcher nach einer Stütze um. Sie erkannte diese mit scharfem Blick in dem edlen Hause der Wölsungen, nach den Amalern und Balten der dritthöchsten Adelssippe unter den Goten, reich begütert und einflußreich in dem mittleren Italien, deren Häupter dermalen zwei Brüder, Herzog Guntharis und Graf Arahad, waren. Diese zu gewinnen, hatte sie ein besonders wirksames Mittel ersonnen: sie bot für die Freundschaft der Wölsungen keinen geringeren Preis als die Hand ihrer schönen Tochter. —
Zu Ravenna in einem reich geschmückten Gemach standen Mutter und Tochter in ernstem, aber nicht vertraulichem Gespräch hierüber.
Mit hastigen Schritten, fremd ihrer sonstigen Ruhe, durchmaß die junonische Gestalt der Regentin den schmalen Raum, manchmal mit einem zornigen Blick das herrliche Geschöpf messend, welches ruhig und gesenkten Auges vor ihr stand, die linke Hand in die Hüfte, die Rechte auf die Platte des Marmortisches gestützt.
»Besinne dich wohl«, rief Amalaswintha heftig, plötzlich stehen bleibend, »besinne dich anders. Ich gebe dir noch drei Tage Bedenkzeit.«
»Das ist umsonst: ich werde immer sprechen wie heute«, sagte Mataswintha, die Augen nicht erhebend.
»So sage nur, was du an Graf Arahad auszusetzen hast.«
»Nichts, als daß ich ihn nicht liebe.«
Die Königin schien das gar nicht zu hören. »Es ist doch in diesem Fall ganz anders als damals, da du mit Cyprianus vermählt werden solltest. Er war alt und — was in deinen Augen vielleicht ein Nachteil« — fügte sie bitter hinzu — »ein Römer!«
»Und doch ward ich um meiner Weigerung willen nach Tarentum verbannt.«
»Ich hoffte, Strenge würde dich heilen. Mondelang halt’ ich dich ferne von meinem Hof, von meinem Mutterherzen« —
Mataswintha verzog die schöne Lippe zu einem herben Lächeln.
»Umsonst! Ich rufe dich zurück« —
»Du irrst. Mein Bruder Athalarich hat mich zurückgerufen.«
»Ein andrer Freier wird dir vorgeschlagen. Jung, blühend schön, ein Gote von edelstem Adel, sein Haus jetzt das zweite im Reich. Du weißt, du ahnst wenigstens, wie sehr mein rings bedrängter Thron der Stütze bedarf: er und sein kriegsgewalt’ger Bruder verheißen uns die Hilfe ihrer ganzen Macht: Graf Arahad liebt dich, und du — du schlägst ihn aus! Warum? Sage, warum?«
»Weil ich ihn nicht liebe.«
»Albernes Mädchengerede. Du bist eine Königstochter — du hast dich deinem Hause, deinem Reiche zu opfern.«
»Ich bin ein Weib«, sagte Mataswintha, die blitzenden Augen aufschlagend, »und opfre mein Herz keiner Macht im Himmel und auf Erden.«
»Und so spricht meine Tochter! Sieh auf mich, törichtes Kind. Großes hab’ ich erstrebt und erreicht. Solange Menschen das Hohe bewundern, werden sie meinen Namen nennen. Ich habe alles gewonnen, was das Leben Herrlichstes bietet, und doch hab’ ich —«
»Nie geliebt. Ich weiß es«, seufzte ihre Tochter.
»Du weißt es?«
»Ja, es war der Fluch meiner Kindheit. Wohl war ich noch ein Kind, als mein geliebter Vater starb: ich wußte es nicht zu sagen, aber ich konnte es empfinden, damals schon, daß seinem Herzen etwas fehlte, wenn er seufzend, mit schmerzlicher Liebe, Athalarich und mich umfing und küßte und wieder seufzte.
Und ich liebte ihn darum um so inniger, daß ich fühlte, er suchte Liebe, die ihm fehlte. Jetzt freilich weiß ich längst, was mich damals unerklärlich peinigte: du wardst unseres Vaters Weib, weil er nach Theoderich der nächste am Thron: aus Herrschsucht, nicht aus Liebe, wardst du sein, und nur kalten Stolz hattest du für sein warmes Herz.«
Überrascht blieb Amalaswintha stehen: »Du bist sehr kühn.«
»Ich bin deine Tochter.«
»Du redest von der Liebe so vertraut — du kennst sie besser, scheint’s, mit zwanzig als ich mit vierzig Jahren — du liebst!« rief sie schnell, »und daher dieser Starrsinn.«
Mataswintha errötete und schwieg.
»Rede«, rief die erzürnte Mutter, »gesteh’ es oder leugne!«
Mataswintha senkte die Augen und schwieg: nie war sie so schön gewesen.
»Willst du die Wahrheit verleugnen? Bist du feige, Amelungentochter?«
Stolz schlug das Mädchen die Augen auf:
»Ich bin nicht feige, und ich verleugne die Wahrheit nicht. Ja, ich liebe.«
»Und wen, Unselige?«
»Das wird mir kein Gott entreißen.«
Und so entschieden sah sie dabei aus, daß Amalaswintha keinen Versuch machte, es zu erfahren.
»Wohlan«, sagte sie, »meine Tochter ist kein gewöhnlich Wesen. So fordere ich das Ungewöhnliche von dir: Dein Alles dem Höchsten zu opfern.«
»Ja, Mutter, ich trage im Herzen einen hohen Traum. Er ist mein Höchstes. Ihm will ich alles opfern.«
»Mataswintha«, sprach die Regentin, »wie unköniglich! Sieh, dich hat Gott vor Tausenden gesegnet an Herrlichkeit des Leibes und der Seele: du bist zur Königin geboren.«
»Eine Königin der Liebe will ich werden. Sie preisen mich alle um meine Weibesschönheit: wohlan, ich hab’ mir’s vorgesteckt, liebend und geliebt, beglückend und beglückt, ein Weib zu sein.«
»Ein Weib! Ist das dein ganzer Ehrgeiz?«
»Mein ganzer. O wär’ es auch der deine gewesen!«
»Und der Enkelin Theoderichs gilt das Reich und die Krone nichts? Und nichts dein Volk, die Goten?«
»Nein, Mutter«, sagte Mataswintha ernst: »es schmerzt mich beinahe, es beschämt mich, aber ich kann mich nicht zwingen zu dem, was ich nicht fühle: ich empfinde nichts bei dem Worte, ‘Goten’. Vielleicht ist es nicht meine Schuld: du hast von jeher die Goten verachtet, diese Barbaren gering geschätzt: das waren die ersten Eindrücke: sie sind geblieben. Und ich hasse diese Krone, dieses Gotenreich: es hat in deiner Brust dem Vater, dem Bruder, mir den Platz fortgenommen. Diese Gotenkrone, nichts ist sie mir von je gewesen und geblieben als eine verhaßte, feindliche Macht.«
»O mein Kind, weh mir, wenn ich das verschuldet hätte! Und tust du’s nicht um des Reiches, o tu’s um meinetwillen. Ich bin so gut wie verloren ohne die Wölsungen. Tu’s um meiner Liebe willen.«
Und sie faßte ihre Hand.
Mataswintha entzog sie mit bittrem Lächeln: »Mutter, entweihe den höchsten Namen nicht. Deine Liebe! Du hast mich nie geliebt. Nicht mich, nicht den Bruder, nicht den Vater.«
»Mein Kind! Was hätt’ ich geliebt, wenn nicht euch!«
»Die Krone, Mutter, und diese verhaßte Herrschaft. Wie oft hast du mich von dir gestoßen vor Athalarichs Geburt, weil ich ein Mädchen war und du einen Thronerben wolltest. Denke an meines Vaters Grab und an —«
»Laß ab«, winkte Amalaswintha.
»Und Athalarich? Hast du ihn geliebt, oder vielmehr sein Recht auf den Thron? O wie oft haben wir armen Kinder geweint, wenn wir die Mutter suchten und die Königin fanden.«
»Du hast mir nie geklagt. Erst jetzt, da du mir Opfer bringen sollst.«
»Mutter, es gilt ja auch jetzt nicht dir, nur deiner Krone, deiner Herrschaft. Leg’ diese Krone ab, und du bist aller Sorgen frei. Die Krone hat dir und uns allen kein Glück, nur Schmerzen gebracht. Nicht du bist bedroht: dir wollt’ ich alles opfern — nur dein Thron, nur der goldne Reif des Gotenreichs, der Götze deines Herzens, der Fluch meines Lebens: nie werd’ ich dieser Krone meine Liebe opfern, nie, nie, nie!«
Und sie kreuzte die weißen Arme über ihrer Brust, als wollte sie die Liebe darin beschirmen.
»Ah«, sagte die Königin zürnend, »selbstisches, herzloses Kind! Du gestehst, daß du kein Herz hast für dein Volk, für die Krone deiner großen Ahnen — du gehorchst nicht freiwillig der Stimme der Ehre, des Ruhmes deines Hauses — wohlan, so gehorche dem Zwang. Du sprichst mir die Liebe ab, so erfahre meine Strenge. Zur Stunde verläßt du mit deinem Gefolge Ravenna.
Du gehst als Gast nach Florentia in das Haus des Herzogs Gunthari: seine Gattin hat dich geladen. Graf Arahad wird deine Reise begleiten. Verlaß mich. Die Zeit wird dich beugen.«
»Mich?« sprach Mataswintha, sich hoch aufrichtend: »keine Ewigkeit!«
Schweigend blickte ihr die Königin nach. Die Anklagen der Tochter hatten einen mächtigeren Eindruck auf sie gemacht, als sie zeigen wollte. »Herrschsucht?« sagte sie zu sich selbst. »Nein, das ist es nicht, was mich erfüllt. Ich fühlte, daß ich dies Reich schirmen und beglücken konnte, darum liebte ich die Krone. Und gewiß, ich könnte, wie mein Leben, so meine Krone opfern, verlangte es das Heil meines Volkes. Könntest du das, Amalaswintha?« fragte sie sich, zweifelnd die Linke auf die Brust legend.
Sie ward aus ihrem Sinnen geweckt durch Cassiodor, der langsam und gesenkten Hauptes eintrat.
»Nun«, rief Amalaswintha, erschreckt von dem Ausdruck seiner Züge, »bringst du ein Unglück?«
»Nein, nur eine Frage.«
»Welche Frage?«
»Königin«, hob der Alte feierlich an, »ich habe deinem Vater und dir dreißig Jahre lang gedient, treu und eifrig, ein Römer den Barbaren, weil ich eure Tugenden ehrte, und weil ich glaubte, Italien, der Freiheit nicht mehr fähig, sei unter eurer Herrschaft am sichersten geborgen: denn eure Herrschaft war gerecht und mild. Ich habe fort gedient, obwohl ich meiner Freunde Boëthius und Symmachus Blut fließen sah, wie ich glaube, unschuldig Blut: aber sie starben durch offenes Gericht, nicht durch Mord. Ich mußte deinen Vater ehren, auch wo ich ihn nicht loben konnte. Jetzt aber —«
»Nun, jetzt aber?« fragte die Königin stolz.
»Jetzt komme ich, von meiner vieljährigen Freundin, ich darf sagen, meiner Schülerin —«
»Du darfst es sagen«, sprach Amalaswintha weicher.
»Von des großen Theoderich edler Tochter ein einfach schlichtes Wort, ein Ja zu erbitten. Kannst du dies Ja sprechen — ich flehe zu Gott, daß du es könntest —, so will ich dir dienen treu wie je, solang es dieses greise Haupt vermag.«
»Und kann ich’s nicht?«
»Und könntest du es nicht, o Königin«, rief der Alte schmerzlich, »oh, dann Lebewohl dir und meiner letzten Freude an dieser Welt.«
»Und was hast du zu fragen?«
»Amalaswintha, du weißt, ich war fern an der Nordgrenze des Reichs, als hier Aufstand losbrach, als jene furchtbare Kunde, jene furchtbare Anklage sich erhob. Ich glaubte nichts — ich flog hierher — von Tridentum. Seit zwei Tagen bin ich hier, und keine Stunde vergeht, keinen Goten spreche ich, ohne daß die schwere Klage mir schwerer aufs Herz fällt. Und auch du bist verwandelt, ungleich, unstet, unruhig — und doch will ich’s nicht glauben. — Ein treues Wort von dir soll all diese Nebel zerstreuen.«
»Wozu die vielen Reden«, rief sie, auf die Armlehne des Thrones sich stützend, »sage kurz, was hast du zu fragen?«
»Sprich nur ein schlichtes Ja: bist du schuldlos an dem Tod der drei Herzoge?«
»Und wenn ich es nicht wäre — haben sie nicht reichlich den Tod verdient?«
»Amalaswintha, ich bitte dich: sage ja.«
»Du nimmst ja auf einmal großen Anteil an den gotischen Rebellen!«
»Ich beschwöre dich«, rief der Greis, auf die Knie fallend, »Tochter Theoderichs, sage ja, wenn du kannst.«
»Steh auf«, sprach sie finster sich abwendend, »du hast kein Recht, so zu fragen.«
»Nein«, sagte der Alte, ruhig aufstehend, »nein, jetzt nicht mehr. Denn von diesem Augenblick an gehör’ ich der Welt nicht mehr an.«
»Cassiodor!« rief die Königin erschrocken.
»Hier ist der Schlüssel zu meinen Gemächern in dieser Königsburg: du findest darin alle Geschenke, die ich von dir und Theoderich erhalten, die Urkunden meiner Würden, die Abzeichen meiner Ämter. Ich gehe.«
»Wohin, mein alter Freund, wohin?«
»In das Kloster, das ich gegründet zu Squillacium in Apulien. Fortan werd’ ich, fern von den Werken der Könige, nur die Werke Gottes auf Erden verwalten: längst verlangt meine Seele nach Frieden, und jetzt hab’ ich auf Erden nichts mehr, was mir teuer. Noch einen Rat will ich dir scheidend geben: lege das Zepter aus der blutbefleckten Hand: sie kann diesem Reiche nicht mehr Segen, nur Fluch kann sie ihm bringen. Denke an das Heil deiner Seele, Tochter Theoderichs: Gott sei dir gnädig.«
Und ehe sie sich von ihrer Bestürzung erholt, war er verschwunden.
Sie wollte ihm nacheilen, ihn zurückrufen, aber an dem Vorhang trat ihr Petros, der Gesandte von Byzanz, entgegen.
»Königin«, sagte er rasch und leise, »bleib’ und höre mich. Es gilt ein dringendes Wort. Man folgt mir auf dem Fuß.«
»Wer folgt dir?«
»Leute, die es nicht so gut meinen mit dir als ich. Täusche dich nicht länger: die Geschicke dieses Reiches erfüllen sich: du hältst sie nicht mehr auf, so rette für dich, was zu retten ist: ich wiederhole meinen Vorschlag.«
»Welchen Vorschlag?«
»Den von gestern.«
»Den der Schande, des Verrats! Niemals! Ich werde diese Beleidigung deinem Herrn, dem Kaiser, melden und ihn bitten, dich abzurufen. Mit dir verhandle ich nicht mehr.«
»Königin, es ist nicht mehr Zeit, dich zu schonen. Der nächste Gesandte Justinians heißt Belisar und kommt mit einem Heere.«
»Unmöglich!« rief die verlassene Fürstin. »Ich nehme meine Bitte zurück.«
»Zu spät. Belisars Flotte liegt schon bei Sizilien. Den Vorschlag, den ich dir gestern als meinen Gedanken mitteilte, hast du als solchen verworfen. Vernimm: nicht ich, der Kaiser Justinian selbst ist es, der ihn ausspricht als letztes Zeichen seiner Huld.«
»Justinian, mein Freund, mein Schützer, will mich und mein Reich verderben!« rief Amalaswintha, der es schrecklich tagte.
»Nicht dich verderben, dich erretten! Wiedergewinnen will er dies Italien, die Wiege des römischen Reichs: dieser unnatürliche, unmögliche Staat der Goten, er ist gerichtet und verloren. Trenne dich von dem sinkenden Fahrzeug. Justinian reicht dir die Freundeshand, die Kaiserin bietet dir ein Asyl an ihrem Herzen, wenn du Neapolis, Rom, Ravenna und alle Festungen in Belisars Hände lieferst und geschehen läßt, daß die Goten entwaffnet über die Alpen geführt werden.«
»Elender, soll ich mein Volk verraten, wie ihr mich? Zu spät erkenne ich eure Tücke! Eure Hilfe rief ich an, und ihr wollt mich verderben.«
»Nicht dich, nur die Barbaren.«
»Diese Barbaren sind mein Volk, sind meine einzigen Freunde: ich erkenne es jetzt, und ich stehe zu ihnen in Tod und Leben.«
»Aber sie stehn nicht mehr zu dir.«
»Verwegner! Fort aus meinen Augen, fort von meinem Hof.«
»Du willst nicht hören? Merke wohl, o Königin, nur unter jener Bedingung bürg’ ich für dein Leben.«
»Für mein Leben bürgt mein Volk in Waffen.«
»Schwerlich. Zum letztenmal frag’ ich dich«
