Kitabı oku: «Ein Kampf um Rom», sayfa 51
DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL
Mehrere Tage waren vergangen, bis die Königin Mataswintha sich aus den wirren Fieberphantasien und aus dem von wilden Träumen gequälten Schlummer, der auf dieselben gefolgt war, erhoben hatte.
Teilnahmslos und stumpf stand sie der ganzen Außenwelt und den gewaltigen Entscheidungen gegenüber, die sich damals vorbereiteten. Sie schien keine Empfindung mehr zu haben, als das eine Gefühl ihrer ungeheuern frevelhaften Taten.
Und rasch hatte sich der wild frohlockende Triumph des Hasses, mit dem sie, die Fackel in der Hand, durch die Nacht gestürmt war, in zerstörende Reue, in Grauen und Entsetzen verwandelt. In dem Augenblick, da sie die arge Tat getan, hatte sie der Erdstoß in die Knie geworfen: und ihr von allen Leidenschaften erregter Sinn, ihr im Augenblick des vollendeten Frevels erwachendes Gewissen glaubte, die Erde wolle sich über ihre Untat empören: sie sah die Rache des Himmel hereinbrechen über ihr schuldiges Haupt.
Und als sie nun, in ihrem Gemache wieder angelangt, alsbald die Lohe, die ihre Hand entzündet, riesengroß emporsteigen sah, als sie das tausendstimmige Wehgeschrei der Ravennaten und Goten vernahm, da schien jede Flamme an ihrem Herzen zu nagen und jede der klagenden Stimmen sie zu verfluchen. Sie verlor das Bewußtsein: sie brach zusammen unter den Folgen ihrer Tat.
Als sie die Besinnung wiedergefunden und sich allmählich des Geschehenen wieder erinnert hatte, war die Kraft ihres Hasses gegen den König völlig gebrochen. Ihre Seele war geknickt. Tiefste Reue über ihre Tat, zitternde Scheu, je wieder vor sein Antlitz treten zu sollen, erfüllten sie ganz.
Um so mehr, als sie selbst wußte und von allen Seiten vernahm, wie der Untergang der Speicher den König zur Ergebung an seine Feinde zwingen werde.
Ihn selber sah sie nicht. Auch als er einmal einen Augenblick Zeit fand, selbst nach ihrem Zustand in ihren Gemächern sich zu erkundigen, beschwor sie die staunende Aspa, um keinen Preis den König vor ihr Antlitz treten zu lassen: obwohl sie wieder seit mehreren Tagen das Lager verlassen und häufig arme Leute aus der Stadt empfangen hatte, ja die Darbenden auffordern ließ, sich bei ihr zu melden. Sie pflegte dann eigenhändig die für sie und ihren Hof bestimmten Speisen und mit maßloser Freigebigkeit Schmuck, Gold und Kostbarkeiten an sie zu verteilen.
Solchen Besuch eines Bettlers erwartete sie, als ein Mann in braunem Mantel und einer Sturmhaube wiederholt und dringend sie um die Gnade gebeten hatte, sie möchte nicht ihm, sondern einer armen Frau ihres Volkes die Gunst einer Unterredung ohne Zeugen gewähren.
Es gelte des Königs Heil: es gelte zu warnen vor tätigem, überführbarem Verrat, der seine Krone, vielleicht sein Leben bedrohe. Mataswintha gewährte eifrig die Bitte.
Mochte es ein Irrtum, ein Vorwand sein: sie durfte nicht mehr abweisen, was auch nur mit dem Vorwand seiner Rettung an sie trat. Auf Sonnenuntergang bestellte sie das Weib.
Die Sonne war gesunken. Der Süden kennt fast keine Dämmerung. Es war finster beinahe, als der schon lange im Vorsaal harrenden Frau eine Sklavin winkte. Die Königin, krank und schlaflos des Nachts, habe erst zur achten Stunde Schlummer gefunden. Eben erst erwacht, sei sie sehr schwach. Gleichwohl solle die Bittende vorgelassen werden, da es dem König gelte.
»Ist das aber auch gewiß wahr?« forschte die Sklavin. »Nicht unnütz möcht’ ich meine Herrin mühen«: — es war Aspa — »wenn ihr nur Geld damit erlisten wolltet, sagt es mir frei. Ihr sollt mehr haben, als ihr begehrt: — nur schont meine Herrin. Gilt es dem König wirklich?«
»Es gilt dem König!« Seufzend führte Aspa die Frau in das Gemach Mataswinthens.
Diese erhob sich, das Haupt und Haar von dichtem Tuch umwunden, ganz in leichtes, weißes Krankengewand gekleidet, im Hintergrund des großen Gemaches von dem Lager, an welchem ein runder Mosaiktisch stand. Die goldene Ampel, die über demselben in die Wand eingelassen war, brannte bereits mit mattem Licht. Sie blieb auf dem Rand des Lagers müde sitzen. »Tritt näher«, sprach sie. »Es gilt dem König? Warum zögerst du? Rede.«
Das Weib deutete auf Aspa. »Sie ist verschwiegen und treu.« — »Sie ist ein Weib.« Auf einen Wink Mataswinthens entfernte sich ungern das Mädchen.
»Amalungentochter — ich weiß: nur des Reiches Not, nicht Liebe, hat dich zu ihm geführt. (Wie wunderschön ist sie obzwar todesblaß!) Doch, Gotenkönigin bist du, seine Königin — ob du ihn auch nicht liebst: sein Reich, sein Sieg muß dir das Höchste sein.«
Mataswintha griff nach der Goldlehne des Lagers. »So denkt jede Bettlerin im Gotenvolk!« seufzte sie.
»Zu ihm kann ich nicht sprechen. Aus eignen Gründen.
So sprech’ ich denn zu dir, der es am meisten zusteht, ihn vor Verrat zu warnen. Höre mich.« Und sie trat näher, scharf auf die Königin blickend. »Wie seltsam«, sprach sie zu sich selbst. »Welche Ähnlichkeit der Gestalt.«
»Verrat! Noch mehr Verrat?« — »So ahnst auch du Verrat?« — »Gleichviel. Von wem? Von Byzanz? Von außen? Von dem Präfekten?«
»Nein«, sprach das Weib kopfschüttelnd. »Nicht von außen. Von innen. Nicht von einem Mann. Von einem Weib.«
»Was redest du?« sprach Mataswintha, noch bleicher werdend. »Wie kann ein Weib —«
»Dem Helden schaden? Durch höllische Bosheit des Herzens! Nicht mit Gewalt. Mit List und Verrat. Vielleicht bald mit heimtückischem Gift oder, wie schon geschehen — mit heimtückischem Feuer.«
»Halt ein!« Mataswintha, die sich erhoben hatte, wankte zurück an den Mosaiktisch, sich daran lehnend.
Aber das Weib folgte ihr, leise flüsternd: »Wisse das Unglaubliche, das Schändliche! Der König glaubt und das Volk: der Blitz des Himmels habe sein Korn verbrannt. Ich aber weiß es besser. Und auch er soll es wissen. Wissen, gewarnt durch deinen Mund, zu erforschen und zu entwaffnen die Bosheit. Ich sah in jener Nacht eine Fackel durch die Speichergänge eilen, und ein Weib hat sie hineingeschleudert. Du schauderst? Ja, ein Weib.
Du willst hinweg? Nein, höre nur noch ein Wort. Dann will ich dich lassen. Den Namen? Ich weiß ihn nicht. Aber sie brach vor mir zusammen und entkam mir: doch verlor sie als Wahrzeichen, als Erkennungszeichen — diese Schlange von Smaragd.«
Und die Frau trat hart an den Tisch, dicht unter den Schein der Ampel, den Armreif erhebend.
Da fuhr die Gepeinigte hoch empor. Vor das Antlitz hob sie die beiden nackten Arme. Von der hastigen Bewegung fiel die Kopfhülle. Ihr rotes Haar flutete nieder, und durch das Haar hindurch schimmerte an ihrem Arm deutlich eine Goldspange mit smaragdner Schlange.
»Ah!« schrie das Weib laut auf. »Beim Gott der Treue! Du! Du selber bist’s!
Seine Königin! Sein Weib hat ihn verraten! Fluch über dich! Das soll er wissen!«
Mit gellendem Aufschrei fiel Mataswintha auf ihr Antlitz in die Kissen zurück. Der Aufschrei brachte Aspa aus dem Nebengemach zur Stelle. Aber als sie eintrat, war die Königin schon allein. Der Vorhang des großen Eingangs rauschte. Die Bettlerin war verschwunden.
VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL
Am andern Morgen schon sahen die Ravennaten mit Staunen Prokop, Johannes, Demetrius, Bessas, Acacius, Vitalius und eine Reihe andrer belisarischer Heerführer in den Palast des Königs ziehen. Sie berieten dort mit ihm die näheren Bedingungen und die Formen der Übergabe.
Unter den Goten verlautete einstweilen nur: der Friede sei geschlossen. Die beiden Hauptwünsche, um derentwillen das Volk den ganzen schweren Kampf getragen, würden erreicht: sie würden frei sein und im ungeteilten Besitz des fruchtbaren Südlands bleiben, das ihnen so teuer geworden war. Das war weitaus mehr, als nach dem schlimmen Stand der gotischen Sache seit dem Abzug von Rom und dem unvermeidlich gewordnen Verlust von Ravenna zu erwarten war. Und die Häupter der Sippen und sonst die einflußreichsten Männer im Heere, die jetzt von dem bevorstehenden Schritt Belisars verständigt wurden, billigten vollständig die beschlossenen Bedingungen.
Die wenigen, welche die Zustimmung weigerten, erhielten freien Abzug aus Ravenna und Italien. Aber auch abgesehen hiervon wurde das in Ravenna stehende Gotenheer nach allen Richtungen zerstreut. Witichis sah die Unmöglichkeit ein, in der ausgezogenen Landschaft außer den Truppen Belisars mit dessen Vorräten auch noch das gotische Heer und die Bevölkerung zu versorgen: und so bewilligte er die Forderung Belisars, daß die Goten, in Gruppen von Hunderten und Tausenden, zu allen Toren der Stadt hinausgeführt und in allen Richtungen nach ihren Heimstätten entlassen würden.
Belisars fürchtete den Ausbruch gotischer Verzweiflung, wenn der arge Verrat, den man vorhatte, ruchbar würde: und er wünschte deshalb die Verteilung des aufgelösten Heeres. War er einmal im sichern Besitz von Ravenna, so erhoffte er etwaige Erhebungen auf dem flachen Lande leicht zu dämpfen. Und Tarvisium, Verona und Ticinum, die letzten festen Plätze der Goten in ganz Italien, konnten dann nicht lange mehr seiner gesamten gegen sie gewendeten Macht widerstehen.
Die Ausführung dieser Maßregeln erforderte mehrere Tage Zeit.
Erst als nur mehr wenige Mann Goten in Ravenna versammelt waren, beschloß Belisar seinen Einzug. Und auch von diesem geringen Rest wurde die Hälfte in das byzantinische Lager verlegt, die andre Hälfte in den Quartieren der Stadt verteilt unter dem Vorwand, den etwaigen Widerstand von hartnäckigen Anhängern Justinians zu brechen.
Was aber die Ravennaten und die in den Plan nicht eingeweihten Goten am meisten wunderte, war, daß nach wie vor die blaue gotische Fahne auf den Zinnen des Palastes wehte. Freilich stand ein Lanzenträger Belisars dort oben bei ihr Wache. Denn auch der Palast war schon voll von Byzantinern.
Gegen einen etwaigen Versuch des Präfekten, sich wie in Rom durch Besetzung der wichtigsten Punkte zum Herrn der Stadt zu machen, hatte Belisar vorsichtige Maßregeln getroffen. Cethegus durchschaute sie und lächelte. Er tat nichts dagegen.
Am Morgen des zum Einzug bestimmten Tags trat Cethegus in glänzender Rüstung in das Zelt Belisars.
Er traf nur Prokop. »Seid ihr bereit?« fragte er. »Vollständig.« — »Welches ist der Moment?« — »Der Augenblick, in dem der König im Schloßhof zu Pferde steigt, uns entgegenzureiten. Wir haben alles bedacht.«
»Wieder einmal alles?« lächelte der Präfekt. »Eins habt ihr mir doch noch übriggelassen. Es wird nicht ausbleiben, daß die Barbaren, sowie unser Plan gelungen und bekannt ist, im ganzen Land in heller Wut auflodern werden. Mitleid und Rachedurst für ihren König könnten sie zu sehr wilden Taten führen.
Die ganze Begeisterung für Witichis und die Entrüstung gegen uns würde nun im Keim erstickt, und die Goten sähen sich nicht von uns, sondern von ihrem König verraten, wenn dieser selbst schriftlich bezeugen würde, er habe die Stadt nicht an Belisar als Gotenkönig und Rebellen gegen Justinian, sondern einfach an den Feldherrn Justinians übergeben. Jene Empörung Belisars, die ja auch wirklich ausbleibt, erscheint dann den Goten als eine bloße von ihrem König ersonnene Lüge, die Schande der Ergebung ihnen zu verhüllen.«
»Das wäre vortrefflich; aber Witichis wird das nicht tun.«
»Wissentlich schwerlich. Aber vielleicht unwissentlich. Ihr habt ihn den Vertrag doch nur im Original unterschreiben lassen?«
»Er hat nur einmal unterschrieben.«
»Diese Urkunde ist in seinem Besitz? Gut, ich werde ihn hier dies von mir aufgesetzte Duplikat unterzeichnen lassen, auf daß auch Belisar«, lächelte er, »das wertvolle Schriftstück besitze.«
Prokop blickte hinein. — »Wenn er das unterzeichnet, hebt sich freilich kein gotisch Schwert mehr für ihn. Aber —«
»Laß die Aber mich besiegen. Entweder unterschreibt er heute freiwillig, im Drang des Augenblicks, ohne zu lesen« —
»Oder?«
»Oder«, vollendete Cethegus finster, »er unterschreibt später. Unfreiwillig. — — Ich eile voraus. Entschuldige, wenn ich euern Triumphzug nicht begleite. Meinen Glückwunsch an Belisar.«
Aber da trat Belisar in das Zelt. Antonina folgte ihm. Er war nicht gerüstet und blickte düster vor sich hin.
»Eile, Feldherr«, mahnte Prokop, »Ravenna harrt ihres Besiegers. Der Einzug —«
»Nichts von Einzug«, sprach Belisar grimmig. »Ruf’ die Soldaten ab. Mich reut der ganze Handel.«
Cethegus blieb an dem Ausgang des Zeltes stehen.
»Belisar!« rief Prokop entsetzt, »welcher Dämon hat dir das eingeblasen?« — »Ich!« sagte Antonina stolz, »was sagst du nun?« — »Ich sage, daß große Staatsmänner keine Frauen haben sollten!« rief Prokop ärgerlich. »Belisar entdeckte mir erst in dieser Nacht euer Vorhaben. Und ich hab’ ihn unter Tränen... —«
»Versteht sich«, brummte Prokop, »die kommen stets zu rechter Zeit.« — »Unter Tränen beschworen, abzustehen. Ich kann meinen Helden nicht von so schwerem Verrat befleckt sehen.«
»Und ich will’s nicht sein. Lieber reit’ ich besiegt im Orkus ein, denn also als ein Sieger in Ravenna. Meine Briefe an den Kaiser sind noch nicht abgegangen. — Also ist’s noch Zeit.«
»Nein«, sagte Cethegus herrisch, von der Tür ins Zelt schreitend. »Zum Glück für dich ist’s nicht mehr Zeit. Wisse: ich habe schon vor acht Tagen an den Kaiser geschrieben, ihm alles mitgeteilt und Glück gewünscht, daß sein Feldherr ohne mindesten Verlust Ravenna gewonnen hat und den Krieg beendet.«
»Ah, Präfekt«, rief Belisar. »Du bist ja sehr dienstfertig. Woher dieser Eifer?«
»Weil ich Belisarius kenne und seinen Wankelmut. Weil man dich zu deinem Glücke zwingen muß. Und weil ich ein Ende des Krieges will, der mein Italien zerfleischt.« Und drohend trat er gegen die Frau heran, die auch jetzt der dämonischen beherrschenden Gewalt seines Blickes nicht zu entgehen vermochte. »Wag’ es, versuch’ es jetzt! Tritt zurück, enttäusche Witichis und opfre einer Grille deines Weibes Ravenna, Italien und dein Heer. Siehe zu, ob dir das Justinianus je vergeben kann. Auf Antoninas Seele diese Schuld! Horch, die Trompeten rufen: rüste dich! Es bleibt dir keine Wahl!« Und er eilte hinaus.
Bestürzt sah ihm Antonina nach. »Prokop«, fragte sie dann, »weiß es der Kaiser wirklich schon?«
»Und wenn er es noch nicht wüßte, — zu viele sind schon in das Geheimnis eingeweiht. Nachträglich erfährt er jedenfalls, daß Ravenna und Italien sein war, und — daß Belisar um die Gotenkrone, die Kaiserkrone warb. Nur daß er sie erlangt und — abgeliefert, kann ihn rechtfertigen vor Justinian.«
»Ja«, sagte Belisar seufzend, »er hat recht. Es bleibt mir keine Wahl.«
»So geh«, sprach Antonina eingeschüchtert, »Mir aber sei’s erlassen, bei diesem Einzug dich zu begleiten: — es ist ein Schlingenlegen, kein Triumph!«
Die Bevölkerung von Ravenna, wenn auch im unklaren über die näheren Bestimmungen, war doch gewiß, daß der Friede geschlossen und den langen und schweren Leiden des verheerenden Kampfes ein Ende gemacht sei.
Und die Bürger hatten in aufatmender Freude über diese Erlösung die Trümmer, die das Erdbeben auf sehr viele Straßen geworfen, hinweggeräumt und ihre befreite Stadt festlich geschmückt. Laubgewinde, Fahnen und Teppiche zierten die Straßen, das Volk drängte sich auf den großen Fora, in den Lagunenkanälen und in den Bädern und Basiliken in freudiger Bewegung, begierig, den Helden Belisar und das Heer zu sehen, die so lange ihre Mauern bedroht und endlich die Barbaren überwunden hatten.
Schon zogen starke Abteilungen von Byzantinern stolz und triumphierend ein, während die in schwachen Zahlen überall zerstreuten gotischen Posten mit Schweigen und mit Widerwillen die verhaßten Feinde in die Residenz Theoderichs einrücken sahen.
In dem ebenfalls reichgeschmückten Königspalast versammelten sich die vornehmsten Goten in einer Halle neben den Gemächern des Königs. Dieser bereitete sich, als die für den Einzug Belisars anberaumte Stunde nahte, die königlichen Kleider anzulegen: — mit Befriedigung, denn es war ja das letztemal, daß er die Anzeichen einer Würde tragen sollte, die ihm nur Schmerz und Unheil gebracht.
»Geh, Herzog Guntharis«, sprach er zu dem Wölsung, »Hildebad, mein ungetreuer Kämmerer, hat mich verlassen. Vertritt du dies eine Mal seine Stelle: die Diener werden dir im Königsschatz die goldene Truhe zeigen, die Krone, Helm und Purpurmantel, Schwert und Schild Theoderichs verwahren. Ich werde sie heute zum ersten— und letztenmal anlegen, sie dem Helden abzuliefern, der sie nicht unwürdig tragen wird. Was gibt es dort für Lärm!«
»Herr, ein Weib«, antwortete Graf Wisand, »eine gotische Bettlerin. Sie hat sich schon dreimal herangedrängt. Sie will ihren Namen dir nur nennen! Weise sie hinaus! —«
»Nein, sagt ihr, ich will sie hören: — heute abend soll sie im Palast nach mir fragen.«
Als Guntharis das Gemach verlassen, trat Bessas ein mit Cethegus. Der Präfekt hatte diesem, ohne ihn einzuweihen, die Abschrift des Vertrages übergeben, die der Gotenkönig noch unterschreiben sollte. Aus dieser unverdächtigen Hand, glaubte er, würde jener die Urkunde argloser nehmen.
Witichis begrüßte die Eintretenden. Bei dem Anblick des Präfekten flog über sein Antlitz, das heute heller als seit langen Monden glänzte, ein dunkler Schatten. Doch bezwang er sich und sprach: »Du hier, Präfekt von Rom? Anders hat dieser Kampf geendet, als wir meinten! Jedoch, du kannst auch damit zufrieden sein. Wenigstens kein Griechenkaiser, kein Justinianus wird dein Rom beherrschen.«
»Und soll es nicht, solange ich lebe.«
»Ich komme, König der Goten«, fiel Bessas ein, »dir den Vertrag mit Belisar zur Unterschrift vorzulegen.«
»Ich hab’ ihn schon unterschrieben.« — »Es ist die für meinen Herrn bestimmte Doppelschrift.«
»So gib«, sprach Witichis und wollte das Pergament aus des Byzantiners Hand nehmen.
Da trat Herzog Guntharis mit den Dienern eilfertig ins Gemach: »Witichis«, rief er, »der Königsschmuck ist verschwunden.«
»Was ist das?« fragte Witichis. »Hildebad allein führte die Schlüssel davon.«
»Die ganze Goldtruhe, auch noch andere Truhen sind fort. In der leeren Nische, da sie sonst standen, lag dieser Streif Pergament. Es sind die Schriftzüge von Hildebads Schreiber.«
Der König nahm und las: »’Krone, Helm und Schwert, Purpur und Schild Theoderichs sind in meinem Gewahrsam. Wenn Belisar sie will soll er sie von mir holen.’ Die Rune H — für Hildebad.«
»Man muß ihn verfolgen«, sagte Cethegus finster, »bis er sich fügt.« Da eilten Johannes und Demetrius herein. »Eile dich, König Witichis«, drängten sie. »Hörst du die Tubatöne? Belisar hat schon die Porta des Stilicho erreicht.«
»So laßt uns gehn«, sprach Witichis, ließ sich von den Dienern den Purpurmantel, den sie statt des verschwundenen mitgebracht, um die Schultern werfen und drückte einen goldenen Reif auf das Haupt. Statt des Schwertes reichte man ihm ein Zepter. Und so wandte er sich zur Tür.
»Du hast nicht unterschrieben, Herr«, mahnte Bessas.
»So gib«, und er nahm die Schrift jetzt aus der Hand des Byzantiners. »Die Urkunde ist sehr lang«, sagte er hineinblickend und hob an zu lesen. »Eile, König«, mahnte Johannes.
»Zum Lesen ist nicht mehr Zeit«, sagte Cethegus gleichgültig und reichte ihm die Schilffeder von dem Tisch. »Dann auch nicht zum Schreiben«, antwortete der König. »Du weißt: ich war ein König von Bauernart, wie die Leute sagten. Bauern unterschreiben keine Zeile, ehe sie sie genau gelesen, gehen wir.« Und lächelnd gab er die Urkunde an den Präfekten und schritt hinaus. Die Byzantiner und alle Anwesenden folgten.
Cethegus drückte das Pergament zusammen: »Warte nur«, flüsterte er grimmig, »du sollst doch noch unterschreiben.« Langsam folgte er den andern.
Die Halle vor dem Gemach des Königs war bereits leer.
Der Präfekt schritt hinaus auf den gewölbten Bogengang, der im Viereck den ersten Stock des Palastes umgab, und dessen byzantinisch-romanische Rundbogen den freien Blick in den weiten Hofraum gewährten. Derselbe war von Bewaffneten dicht gefüllt. An allen vier Toren standen die Lanzenträger Belisars. Cethegus lehnte hinter einem Bogenpfeiler und sprach, dem Gang der Ereignisse folgend, mit sich selbst: »Nun, Byzantiner genug, um ein kleines Heer gefangenzunehmen! Freund Prokop ist vorsichtig Da! — Witichis erscheint im Portal! Seine Goten sind noch weit hinter ihm auf der Treppe. Des Königs Pferd wird vorgeführt. Bessas hält dem König den Bügel. Witichis tritt heran, er hebt den Fuß. — Jetzt ein Trompetenstoß. — Die Treppentüre des Palastes fällt zu und schließt die Goten in den Treppenbau. Auf dem Dache reißt Prokop das Gotenbanner nieder. Johannes faßt seinen rechten Arm, brav Johannes. — Der König ruft: ‘Verrat, Verrat!’ Er wehrt sich mächtig. Aber der lange Mantel hemmt ihn. — Da, da, er strauchelt. — Er stürzt zu Boden. — Da liegt das Reich der Goten.« — —
»Da liegt das Reich der Goten!« Mit diesen Worten begann auch Prokop die Sätze, die er an diesem Abend in sein Tagebuch eintrug: »Ein wichtig Stück Weltgeschichte hab’ ich heut bei Tage machen helfen und zeichne ich nun nachts hier ein.
Als ich heute das römische Heer seinen Einzug halten sah in die Tore und Königsburg von Ravenna, kam mir abermals der Gedanke: nicht Tugend oder Zahl oder Verdienst entscheidet den Erfolg in der Geschichte.
Es gibt eine höhere Gewalt, die unentrinnbare Notwendigkeit.
An Zahl und an Heldentum waren uns die Goten überlegen: und sie haben es nicht fehlen lassen an irgend denkbarer Anstrengung. Die gotischen Frauen in Ravenna schmähten heute ihre Männer laut ins Angesicht, als sie die kleinen Gestalten, die nicht zahlreichen Scharen unserer einziehenden Truppen sahen. Summa: in gerechtester Sache, in heldenmütigster Anstrengung kann ein Mann, kann ein Volk doch erliegen, wenn übermächtige Gewalten entgegentreten, die durchaus nicht immer das bessere Recht für sich haben.
Mir schlug das Herz im Bewußtsein des Unrechts, als ich das Gotenbanner heute niederriß und den Golddrachen Justinians an seine Stelle setzte, die Fahne des Unrechts erhob über dem Banner des Rechts.
Nicht die Gerechtigkeit, eine unserem Denken undurchdringbare Notwendigkeit beherrscht die Geschicke der Menschen und der Völker.
Aber den rechten Mann macht das nicht irre. Denn nicht was wir ertragen, erleben und erleiden — wie wir es tragen, das macht den Mann zum Helden. Ehrenvoller ist der Goten Untergang denn unser Sieg. Und diese Hand, die sein Banner herabriß, wird den Ruhm dieses Volkes aufzeichnen für die kommenden Geschlechter. Jedoch, wie immer dem sei: da liegt das Reich der Goten.«
