Kitabı oku: «Ein Kampf um Rom», sayfa 52
FÜNFUNDZWANZIGSTES KAPITEL
Und so schien es.
Auf das glücklichste war, dank den Maßregeln Prokops, der Streich gelungen. Im Augenblick, da auf dem Turme des Palastes die Fahne der Goten fiel und der König ergriffen ward, sahen sich die überraschten Goten überall im Schloßhof, in den Straßen und Lagunen der Stadt, im Lager von weit überlegenen Kräften umstellt: ein Rechen von Lanzen starrte ihnen überall entgegen: fast ausnahmslos legten die Betäubten die Waffen nieder: — die wenigen, welche Widerstand versuchten so die nächste Umgebung des Königs, wurden niedergestoßen. Witichis selbst, Herzog Guntharis, Graf Wisand, Graf Markja und die mit ihnen gefangenen Großen des Heeres wurden in getrennten Gewahrsam gebracht, der König in den »Zwinger Theoderichs«: einen tiefen, starken Turm des Palastes selbst.
Belisars Zug von dem Tore Stilichos nach dem Forum des Honorius wurde nicht gestört. Im Palast angelangt, berief er den Senat, die Dekurionen der Stadt, und nahm sie in Eid und Pflicht für Kaiser Justinianus. Prokopius wurde mit den goldenen Schlüsseln von Neapolis, Rom und Ravenna nach Byzanz gesendet. Er sollte ausführlichen Bericht erstatten und für Belisar Verlängerung des Amtes erbitten bis zur demnächst zu erwartenden völligen Beruhigung Italiens und hierauf, wie nach dem Vandalenkrieg, die Ehre des Triumphes, unter Aufführung des gefangenen Königs der Goten im Hippodrom.
Denn Belisar sah den Krieg für beendet an. Cethegus teilte beinah diesen Glauben. Doch fürchtete er in den Provinzen den Ausbruch gotischen Zornes über den geübten Verrat. Er sorgte daher dafür, daß über die Art des Falles der Stadt vorläufig keine Kunde durch die Tore drang: und er suchte eifrig im Geiste nach einem Mittel, den gefangenen König selbst als ein Werkzeug zur Dämpfung des etwa neu auflodernden Nationalgefühls zu verwerten. — Auch bewog er Belisar, Hildebad, der in der Richtung nach Tarvisium entkommen war, durch Acacius mit den persischen Reitern verfolgen zu lassen.
Vergebens versuchte er, die Königin zu sprechen. Sie hatte sich seit jener Nacht der Schrecken noch immer nicht ganz erholt und ließ niemand vor. Auch die Nachricht von dem Falle der Stadt hatte sie mit dumpfem Schweigen hingenommen. Der Präfekt bestellte ihr eine Ehrenwache — um sich ihrer zu versichern. Denn er hatte noch große Pläne mit ihr vor.
Dann sandte er ihr das Schwert des gefangenen Königs und schrieb ihr dabei: »Mein Wort ist gelöst. König Witichis ist vernichtet. Du bist gerächt und befreit. — Nun erfülle auch du meine Wünsche.«
Einige Tage darauf beschied Belisar, seines treuen Beraters Prokop beraubt, den Präfekten zu sich in den rechten Flügel des Palastes, wo er sein Quartier aufgeschlagen. »Unerhörte Meuterei!« rief er dem Eintretenden entgegen. — »Was ist geschehen?«
»Du weißt, ich habe Bessas mit den lazischen Söldnern in die Schanze des Honorius gelegt, einen der wichtigsten Punkte der Stadt. Ich vernehme daß der Geist dieser Truppen unbotmäßig — ich rufe sie ab und Bessas... —« — »Nun?« — »Weigert den Gehorsam.« — »Ohne Grund? Unmöglich!«
»Lächerlicher Grund! Gestern ist der letzte Tag meiner Amtsgewalt abgelaufen.« — »Nun?« — »Bessas erklärt, seit letzter Mitternacht hätt’ ich ihm nichts mehr zu befehlen.«
»Schändlich. Aber er ist im Recht.«
»Im Recht? In ein paar Tagen trifft des Kaisers Antwort ein, auf mein Gesuch. Natürlich ernennt er mich, nach dem Gewinn von Ravenna, aufs neue zum Feldherrn, bis zur Beendigung des Krieges. Übermorgen kann die Nachricht da sein.«
»Vielleicht schon früher, Belisar. Die Leuchtturmwächter von Classis haben schon bei Sonnenaufgang ein Schiff angemeldet, das von Ariminum her naht. Es soll eine kaiserliche Triere sein. Jede Stunde kann sie einlaufen. Dann löst sich der Knoten von selbst.«
»Ich will ihn aber zuvor durchhauen. Meine Leibwächter sollen die Schanze stürmen und Bessas, den halsstarrigen Kopf... —«
Da eilte Johannes atemlos herein. »Feldherr«, meldete er, »der Kaiser! Kaiser Justinianus selbst ankert soeben im Hafen von Classis.«
Unmerklich zuckte Cethegus zusammen. Sollte ein solcher Blitzstrahl aus heiterer Luft, eine Laune des unberechenbaren Despoten, nach solchen Mühen, das fast vollendete Gebäude seiner Pläne gerade vor der Bekrönung niederwerfen?
Aber Belisar fragte mit leuchtenden Augen: »Mein Kaiser? Woher weißt du?« — »Er selbst kommt, dir für deine Siege zu danken. Solche Ehre ward noch keinem Sterblichen zuteil. Das Schiff von Ariminum trägt die kaiserliche Präsenzflagge. Purpur und Silber. Du weißt, das bedeutet, daß der Kaiser an Bord.«
»Oder ein Glied seines Hauses!« verbesserte Cethegus in Gedanken, aufatmend.
»Eilt in den Hafen, unsern Herrn zu empfangen«, mahnte Belisar.
Sein Stolz und seine Freude wurden enttäuscht, als ihnen auf dem Wege nach Classis die ersten ausgeschifften Höflinge begegneten und im Palast Quartier forderten, nicht für den Kaiser selbst, sondern für dessen Neffen, den Prinzen Germanus.
»So sendet er doch den Ersten nach ihm selbst«, sprach Belisar, sich selber tröstend im Weitergehen zu Cethegus. »Germanus ist der edelste Mann am Hof. Unbestechlich, gerecht und unverführbar rein. Sie nennen ihn: ‘die Lilie im Sumpf’. Aber du hörst mich nicht!«
»Vergib, ich bemerkte dort im Gedränge, unter den eben Gelandeten, meinen jungen Freund Licinius.«
»Salve Cethege!« rief dieser, sich Weg zum Präfekten bahnend.
»Willkommen im befreiten Italien! Was bringst du von der Kaiserin?« fragte er flüsternd.
»Das Abschiedswort: Nike (Viktoria)! und diesen Brief«, flüsterte der Bote ebenso leise. — »Aber«, und seine Stirne furchte sich — »schicke mich nie mehr zu diesem Weibe.« — »Nein, nein, junger Hippolytos, ich denke, es wird nie mehr nötig sein.«
Damit hatten sie die Steindämme des Hafens erreicht, dessen Stufen soeben der kaiserliche Prinz hinanstieg. Die edle Erscheinung, von einem reich geschmückten Gefolge umgeben, ward von den Truppen und dem rasch zusammenströmenden Volk mit Jubelruf und kaiserlichen Ehren empfangen.
Cethegus faßte ihn scharf ins Auge. »Das bleiche Antlitz ist noch bleicher geworden«, sagte er zu Licinius. »Ja, man sagt: die Kaiserin hat ihn vergiftet, weil sie ihn nicht verführen konnte.«
Der Prinz, nach allen Seiten dankend, hatte jetzt Belisarius erreicht, der ihn ehrfurchtsvoll begrüßte. »Gegrüßt auch du, Belisarius«, erwiderte er ernst. »Folge mir sogleich in den Palast. Wo ist Cethegus, der Präfekt? Wo Bessas? Ah, Cethegus«, sagte er, dessen Hand ergreifend, »ich freue mich, den größten Mann Italiens wiederzusehen. Du wirst mich alsbald zu der Enkelin Theoderichs begleiten. Ihr gebührt mein erster Gang. Ich bringe ihr Geschenke Justinians und meine Huldigung. Sie war eine Gefangene in ihrem eigenen Reich. Sie soll eine Königin sein am Hofe zu Byzanz.«
»Das soll sie«, dachte Cethegus. Er verneigte sich tief und sprach: »Ich weiß: du kennst die Fürstin seit lange, ihre Hand war dir bestimmt.«
Eine rasche Glut flog über des Prinzen Wange. »Leider nicht ihr Herz. Ich sah sie hier, vor Jahren, am Hof ihrer Mutter: und seitdem hat mein inneres Auge nichts mehr als ihr Bild gesehen.« — »Ja, sie ist das schönste Weib der Erde«, sagte der Präfekt, ruhig vor sich hin sehend. »Nimm diesen Chrysopras zum Dank für dieses Wort«, sagte Germanus und steckte einen Ring an des Präfekten Finger.
Damit traten sie in das Portal des Palastes.
»Jetzt, Mataswintha«, sprach Cethegus zu sich selbst, »jetzt hebt dein zweites Leben an. Ich kenne kein römisch Weib — ein Mädchen vielleicht ausgenommen, das ich kannte! — das solcher Versuchung widerstehen könnte. Soll diese rohe Germanin widerstehen?« —
Sowie sich der Prinz von den Mühen der Seefahrt einigermaßen erholt und die Reisekleider mit einem Staatsgewand vertauscht hatte, erschien er an der Seite des Präfekten in dem Thronsaal des großen Theoderichs im Mittelbau des Palastes.
An den Wänden der stolz gewölbten Halle hingen noch die Trophäen gotischer Siege. Ein Säulengang lief an drei Seiten des Saales hin: in der Mitte des vierten erhob sich der Thron Theoderichs.
Mit edlem Anstand stieg der Prinz die Stufen hinan. Cethegus blieb mit Belisar, Bessas, Demetrius, Johannes und zahlreichen andern Heerführern im Mittelgrund.
»Im Namen meines kaiserlichen Herrn und Ohms nehme ich Besitz von dieser Stadt Ravenna und von dem abendländischen Römerreich. An dich, Magister Militum, dies Schreiben unseres Herrn, des Kaisers. Erbrich und lies es selbst der Versammlung vor. So befahl Justinianus.«
Belisar trat vor, empfing kniend den kaiserlichen Brief, küßte das Siegel, erhob sich wieder, öffnete und las:
»Justinianus, der Imperator der Römer, Herr des Morgen— und des Abendreichs, Besieger der Perser und Sarazenen, der Vandalen und Alanen, der Lazer und Sabiren, der Hunnen und Bulgaren, der Awaren und Sclavenen und zuletzt der Goten, an Belisar, den Consularen, ehemals Magister Militum.
Wir sind durch Cethegus den Präfekten von den Vorgängen unterrichtet, die zum Fall von Ravenna geführt. Sein Bericht wird, auf seinen Wunsch, dir mitgeteilt werden. Wir aber können seine darin ausgesprochene gute Meinung von dir und deinen Erfolgen wie von deinen Mitteln mitnichten teilen: und wir entheben dich deiner Stelle als Befehlshaber unseres Heeres. Und wir befehlen dir angesichts dieses Briefes sofort nach Byzanz zurückzukehren, um dich vor unserem Throne zu verantworten. Einen Triumph wie nach dem Vandalenkrieg können wir dir um so weniger gewähren, als weder Rom noch Ravenna durch deine Tapferkeit gefallen: sondern Rom durch Übergabe, Ravenna durch Erdbeben, den Zorn Gottes über die Ketzer und höchst verdächtige Verhandlungen, deren Unschuld du, des Hochverrats angeklagt, vor unserem Thron erweisen wirst. Da wir, eingedenk früherer Verdienste, nicht ohne Gehör dich verurteilen wollen, — denn Morgenland und Abendland sollen uns für ferne Zeiten feiern als den Kaiser der Gerechtigkeit — sehen wir von der Verhaftung ab, die deine Ankläger beantragt. Ohne Ketten — nur in den Fesseln deines dich selbst anklagenden Gewissens — wirst du vor unser kaiserliches Antlitz treten.«
Da wankte Belisar. Er konnte nicht weiter lesen: er bedeckte das Gesicht mit den Händen: das Schreiben entfiel ihm.
Bessas hob es auf, küßte es und las weiter: »Zu deinem Nachfolger im Heerbefehl ernennen wir den Strategen Bessas. Ravenna übertragen wir dem Archon Johannes. Die Steuerverwaltung bleibt, trotz der wider ihn von den Italiern erhobenen höchst ungerechten Klagen, dem in unserm Dienst so eifrigen Logotheten Alexandros. Zu unserm Statthalter aber in Italien ernennen wir den hochverdienten Präfekten von Rom, Cornelius Cethegus Cäsarius. Unser Neffe, Germanus, mit kaiserlicher Vollmacht ausgerüstet, haftet mit seinem Haupt dafür, dich unverweilt nach unsrer Flotte auf der Höhe Ariminum zu bringen, auf welcher dich Aerobindos nach Byzanz führen wird.«
Germanus erhob sich und befahl allen, bis auf Belisar und Cethegus, den Saal zu verlassen. Darauf stieg er die Stufen des Thrones herab und schritt auf Belisar zu, der nicht mehr wahrnahm, was um ihn her geschah. Er stand unbeweglich, das Haupt und den linken Arm an eine Säule gelehnt, und starrte zur Erde.
Der Prinz faßte seine Rechte. »Es schmerzt mich, Belisarius, der Träger solcher Botschaft zu sein. Ich übernahm den Auftrag, weil ihn ein Freund milder als einer der vielen Feinde, die sich dazu drängten, ausführen kann. Aber ich verhehle dir nicht: dieser dein letzter Sieg hebt die Ehre deiner früheren auf. Nie hätte ich von dem Helden Belisar solch Lügenspiel erwartet. Cethegus hat sich ausgebeten, daß sein Bericht an den Kaiser dir vorgelegt werde. Er ist deines Lobes voll: hier ist er. Ich glaube, es war die Kaiserin, die Justinians Ungnade gegen dich entzündet hat. Aber du hörst mich nicht —« Und er legte die Hand auf seine Schulter.
Belisar schüttelte die Berührung ab. »Laß mich, Knabe — du bringst mir — du bringst mir den echten Dank der Kronen.«
Vornehm richtete sich Germanus auf. »Belisar, du vergissest, wer ich bin und wer du bist.«
»O nein, ich bin ein Gefangener, und du bist mein Wächter. Ich gehe sofort auf dein Schiff — erspare mir nur Ketten und Bande.«
Erst spät konnte sich der Präfekt von dem Prinzen losmachen, der im vollsten Vertrauen die Angelegenheiten des Staates und seine persönlichen Wünsche mit ihm besprach.
Er eilte, sowie er in seinen Gemächern, die er ebenfalls im Palaste bezogen, allein war, den ihm von Lucius Licinius mitgeteilten Brief der Kaiserin zu lesen.
Er lautete: »Du hast gesiegt, Cethegus.
Als ich dein Schreiben empfing, gedacht’ ich alter Zeiten, da deine Brieflein in dieser Geheimschrift an Theodora nicht von Staaten und Kriegen handelten, sondern von Küssen und Rosen... —«
»Daran müssen sie immer erinnern«, unterbrach sich der Präfekt.
»Aber auch in diesem trocknen Briefe erkannte ich die Unwiderstehlichkeit jenes Geistes, der einst die Frauen von Byzanz noch mehr als deine Jugendschönheit zwang. So gab ich denn auch diesmal den Wünschen des alten Freundes nach, wie einst denen des jungen. Ach, ich dachte gern unsrer Jugend, der süßen. Und ich erkannte wohl, daß Antoninens Gemahl allzu fest in Zukunft stehn würde, wenn er diesmal nicht fiel. So raunte ich denn wie du geschrieben dem Kaiser in die Ohren: ‘Allzu gefährlich sei ein Untertan, der ein solches Spiel mit Kronen und mit Aufruhr treiben könne. Keinen Feldherrn dürfe man lange solcher Versuchung aussetzen. Was er diesmal gegaukelt, könne es ein andermal im Ernst versuchen.’ Diese Worte wogen schwerer als alle Siege Belisars, und alle meine, d. h. deine Forderungen gingen durch.
Denn Mißtraun ist die Seele Justinians. Er traut nur einer Treue auf Erden — der Theodoras. Dein Bote Licinius ist hübsch — unliebenswürdig: er hat nur Rom und Waffen in Gedanken. Ach, Cethegus, mein Freund, es lebt keine Jugend mehr wie die unsre war. ‘Du hast gesiegt, Cethegus’ — — weißt du noch den Abend, da ich dir diese Worte flüsterte? — Aber vergiß nicht, wem du den Sieg verdankst. Und merke dir, Theodora läßt sich nur solang sie selber will als Werkzeug brauchen. Vergiß das nie.«
»Gewiß nicht», sagte Cethegus, das Schreiben sorgfältig zerstörend, »du bist eine zu gefährliche Verbündete, Theodora, nein, Dämonodora! laß sehn, ob du unersetzbar bist. Geduld: In wenig Wochen ist Mataswintha in Byzanz. — Was bringst du?« fragte er den Eintretenden Syphax, der glänzende Waffen trug.
»Herr, ein Abschiedsgeschenk Belisars. Nachdem er deinen Bericht an den Kaiser gelesen, sprach er zu Prokop: ‘Dein Freund hat meinen Dank verdient. Da, nimm meine goldne Rüstung, den Helm mit dem weißen Roßschweif und den runden Buckelschild und schicke sie ihm als letzten Gruß Belisars’.«
SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL
Der Rundturm, in dessen tiefen Gewölben Witichis gefangen saß, lag an dem rechten Eckflügel des Palastes, desselben Querbaues, in dem er als König gewohnt und geherrscht hatte.
Der Turm bildete mit seiner Eisentür den Abschluß eines langen Ganges, der von einem Hof aus zur Rechten lief und von diesem Hof wieder durch eine schwere Eisenpforte abgeschlossen war. Gerade dieser eisernen Hofpforte gegenüber lag im Erdgeschoß auf der linken Seite des Hofes die kleine Wohnung Dromons, des Carcerarius oder Kerkermeisters des Palastes. Sie bestand aus zwei kleinen Gemächern: das erste, von dem zweiten durch einen Vorhang getrennt, war ein bloßes Vorzimmer. Das zweite Gemach gewährte durch ein logenartiges Fenster den Ausblick auf den Hof und den Rundturm. Beide waren von einfachster Einrichtung: ein Strohlager im Innengemach und zwei Stühle und Tische im äußern nebst den Schlüsseln an den Wänden waren ihr ganzes Gerät.
Und auf der Holzbank an jenem Fenster saß Tag und Nacht, unverwandt den Blick auf die Mauerlücke heftend, aus welcher allein Luft und Licht in des Königs Kerker fiel, schweigend und sinnend ein Weib.
Es war Rauthgundis.
Niemals ließ ihr Auge von jenem kleinen Spalt im Turm. »Denn dort«, sagte sie sich, »dort hängt auch sein Blick, dorthin schwebt seine Sehnsucht.« Auch wenn sie mit Wachis, ihrem Begleiter, oder mit dem Kerkermeister, der sie beherbergte, sprach, wandte sie das Auge nicht von dem Turm. Es war, als ob der Bann ihres Blickes Unheil von dem Gefangenen abhalten könne.
Lange, lange war sie heute wieder so gesessen. Es war dunkler Abend geworden.
Drohend und finster ragte der gewaltige Turm und warf einen breiten Schatten über den Hof und diesen linken Flügel des Palastes.
»Dank dir, gütiger Himmelsherr«, sprach sie. »Auch deine schweren Schläge treiben zum Heil.
Wär’ ich in die Felsen der Skaranzia, auf den hohen Arn, zum Vater, wie ich mir ausgesonnen, — nie hätte ich von dem Gang des Elends hier wahrgenommen. Oder doch viel zu spät. Aber mich zog die Sehnsucht nach der Todesstätte des Kindes in die Nähe unsres Ehehauses, — das zwar räumte ich —: wußte ich denn, ob nicht sie, seine Königin, dort einsprechen würde? So hausten wir in der Waldhütte nahe bei Fäsulä.
Und als das Schreckliche kam und eine Nachricht des Mißlingens die andre jagte, und als die Sarazenen unser Haus verbrannten und ich die Flammen leuchten sah bis in mein Versteck, da war’s zu spät, nach Norden zum Vater zu entrinnen; die Welschen sperrten alle Wege und lieferten, was flüchtete mit gelbem Haar, den Massageten aus. Kein Weg blieb offen als der Weg hierher nach der Rabenstadt — wohin ich als sein Weib nie hatte kommen wollen. Als flüchtige Bettlerin kam ich hier an, nur sein Roß Wallada und sein Knecht, nun sein Freigelassener, Wachis, noch mir eigen und treu.
Aber ihm zum Heil, — von Gott hierher gezwungen, — ob ich schon nicht wollte — ihn zu retten, zu befreien von scheußlichem Verrat des eignen Weibes! Und aus seiner Feinde Bosheit. Dank dir, treuer Gott! Ich durfte nicht mehr mit ihm leben — aber — aber ich, — Rauthgundis! — darf ihn retten.« —
Da rasselte ihr gegenüber die eiserne Hofpforte.
Ein Mann mit Licht trat heraus, ging über den Hof und trat alsbald in das Vorzimmer. Es war der alte Kerkerwart.
»Nun? Sprich!« rief Rauthgundis, ihren Sitz verlassend und ihm in das erste Gemach entgegeneilend.
»Geduld — Geduld — laß mich erst die Lampe niederstellen. So! — Nun, also: er hat getrunken. Und es hat ihm wohlgetan.«
Rauthgundis legte die Hand auf die pochende Brust. »Was tut er?« fragte sie dann.
»Er sitzt immer schweigend in der nämlichen Stellung. Auf dem Holzschemel, den Rücken gegen die Tür gewandt, das Haupt in beide Hände gestützt. Er gibt mir keine Antwort, sooft ich ihn anspreche. Er pflegte sich sonst gar nicht zu regen. Ich glaube, der Gram und Schmerz hat ihm was angetan. Aber heute, wie ich ihm den Wein im Holzbecher hinreichte und sprach: ‘Trink, lieber Herr, es kommt von treuen Freunden’: — da blickte er auf. So traurig, so zum Sterben traurig war der Blick und das ganze Antlitz. Und tat einen tiefen Zug und nickte dankend mit dem Haupt und seufzte tief, tief, daß es mir durch die Seele schnitt.«
Rauthgundis bedeckte die Augen mit beiden Händen.
»Weiß Gott, was er Böses mit ihm vorhat!« brummte der Alte leise vor sich hin.
»Was sagst du?«
»Ich sage, du mußt jetzt auch einmal tüchtig essen und trinken. Sonst verlassen dich die Kräfte. Und du wirst sie brauchen, arme Frau.«
»Ich werde sie haben.« — »So nimm wenigstens einen Becher Wein.« — »Von diesem? Nein, der ist für ihn allein.« — Und sie trat in das innere Gemach zurück, wo sie ihren alten Platz einnahm.
»Der Krug reicht ja noch lang«, fuhr der alte Dromon für sich fort. »Und ich fürchte: wir müssen ihn bald retten, wenn er gerettet werden soll. Da kommt Wachis. Wenn er nur gute Nachricht bringt, sonst... —«
Wachis trat ein. Er hatte seit dem Besuch bei der Königin die Sturmhaube und seinen Mantel mit Gewändern Dromons vertauscht. »Gute Botschaft bring’ ich«, sprach er im Eintreten. »Aber wo wart ihr vor einer Stunde? Ich pochte vergeblich.«
»Wir waren beide ausgegangen, Wein zu kaufen.«
»Ach ja, deshalb duftet das ganze Gemach so stark — was seh’ ich? Das ist ja alter, köstlicher Falerner! Womit hast du den bezahlt?«
»Womit?« wiederholte der Alte, »mit dem edelsten Golde der Welt!« Und seine Stimme bebte vor Rührung. »Ich erzählte ihr, daß der Präfekt ihn absichtlich Mangel leiden lasse, daß er elend werde. Seit vielen Tagen hat man mir gar keine Speise für ihn gegeben. Ich habe ihn, gegen mein Gewissen, nur dadurch erhalten, daß ich den andern Gefangenen an dem ihren abbrach. Das wollte sie nicht. Sie sann nach und fragte dann: ‘Nicht wahr, Dromon, die reichen Römerinnen bezahlen immer noch das gelbe Haar der Germaninnen so hoch?’ Und ich, in meiner Einfalt nichts ahnend, sagte ja.
Und sie geht hin und schneidet schweigend ihre reichen, schönen, goldbraunen Flechten und Zöpfe ab und bringt sie mir. Und damit ward der Wein bezahlt.«
Da stürzte Wachis in das nächste Gemach, warf sich vor ihr nieder und bedeckte den Saum ihres Gewandes mit Küssen. »O Herrin« — rief er mit versagender Stimme — »goldne, goldtreue Frau!«
»Was treibst du, Wachis? Steh auf und erzähle.«
»Ja, erzähle«, sprach Dromon hinzutretend, »was rät mein Sohn?«
»Wozu brauchen wir seinen Rat?« sprach die Frau. »Ich, ich allein will es vollenden.«
»Sehr nötig brauchen wir ihn. Der Präfekt hat aus allen jungen Ravennaten, nach dem Muster der römischen, neun Kohorten Legionäre gebildet und meinen Paulus auch eingereiht. Zum Glück hat er diesen Legionären die Bewachung der Stadttore anvertraut.
Die Byzantiner liegen draußen im Hafen, seine Isaurier hier im Palast.«
»Die Tore nun«, fuhr Wachis fort, »werden zur Nacht sorgfältig gesperrt. Aber die Mauerlücke am Turm des Aëtius ist immer noch nicht ausgebaut. Nur die Wachen stehen dort.«
»Wann trifft meinen Sohn die Wache?«
»In zwei Tagen: die dritte Nachtwache.«
»Allen Heiligen sei Dank. Viel länger durft’ es nicht währen: — ich fürchte... —« Und er stockte.
»Was? Sprich«, mahnte Rauthgundis entschlossen. »Ich kann alles hören.«
»Es ist am Ende besser, du weißt es. Denn du bist klüger und findiger als wir beide. Und findest eher Rat als wir. Ich fürchte: sie haben’s schlimm mit ihm vor.
Solange Belisar hier befahl, ging es ihm noch gut.
Aber seit der fortgebracht und der Präfekt, der schweigsam kalte Dämon, Herr im Palast ist, hat’s ein gefährlich Ansehn. Alle Tage besucht er ihn selbst im Kerker.
Und spricht lang und eifrig und drohend in ihn hinein. Ich habe oft im Gang gelauscht. Er muß aber wenig ausrichten. Denn der Herr gibt ihm, glaub’ ich, gar keine Antwort. Und wenn der Präfekt herauskommt, blickt er so finster wie — wie der König der Schatten. Und seit sechs Tagen erhalte ich keinen Wein und keine Speisen für ihn als ein kleines Stück Brot. Und die Luft da unten ist so moderdumpf wie im Grabe.«
Rauthgundis seufzte tief
»Und gestern, als der Präfekt herauf kam — er sah grimmiger als je darein — da fragte er mich... —«
»Nun? Sprich es aus, was es auch sei!«
»Ob die Foltergeräte in Ordnung seien.« Rauthgundis erbleichte, aber sie schwieg. »Der Neiding!« rief Wachis, »was hast du« — »Sorget nicht, eine Weile hat’s noch gute Wege.
‘Clarissime’, antwortete ich — und es ist die reine Wahrheit — die Schrauben und die Zangen, die Gewichte und die Stacheln und das ganze saubere Qualzeug liegt in schönster Ordnung alles beisammen.’ — ‘Wo?’ fragte er. ‘Im tiefen Meer. Ich selbst hab’ es, schon auf König Theoderichs Befehl, hineingeworfen.’ Denn wisset, Frau Rauthgundis: euer Herr hat einmal, da er noch einfacher Graf war, mich gerettet, da die Geräte an mir selbst versucht werden sollten. Da wurde auf sein Bitten das Foltern völlig abgetan: ich schulde ihm mein Leben und meine heilen Glieder. Und darum wag’ ich mit Freuden meinen Hals für ihn. Und will auch, wenn’s nicht anders geht, gern diese Stadt mit euch verlassen. Aber lange dürfen wir nicht säumen. Denn der Präfekt bedarf nicht meiner Zangen und Schrauben, wenn er einem das Mark aus dem Leibe quälen will. Ich fürcht’ ihn wie den Teufel.«
»Ich haß’ ihn wie die Lüge«, sagte Rauthgundis grimmig.
»Darum müssen wir rasch sein, eh’ er seine schwarzen Gedanken vollführen kann. Denn er sinnt Arges gegen den guten König. Ich weiß nicht, was er noch weiter von dem armen Gefangenen will. Also hört und merkt euch meinen Plan. In der dritten Nacht, da mein Paulus die Wache hat, wann ich ihm den Nachttrunk bringe, schließe ich ihm die Ketten los, werfe ihm meinen Mantel über und führe ihn aus dem Kerker und dem Gang in den Hof.
Von da kommt er ungehindert bis an das Tor des Palastes, wo ihn die Torwache um die Losung fragt. Diese werd’ ich ihm sagen.
Ist er auf der Straße, dann rasch an den Turm des Aëtius, wo ihn mein Paulus die Mauerlücke passieren läßt. Draußen im Pinienwald, im Hain der Diana, wenige Schritte vor dem Tore, wartet Wachis auf ihn, der ihn auf Wallada hebt. Begleiten aber darf ihn niemand. Auch du nicht, Rauthgundis. Er flieht am sichersten allein.«
»Was liegt an mir! Frei soll er sein, nicht noch einmal an mich gebunden. Du nennst meinen Namen gar nicht. Ich hab’ ihm nur Unglück gebracht. Ich will ihn nur noch einmal sehen, von diesem Fenster aus, wenn er in die Freiheit tritt.«
Der Präfekt sonnte sich in diesen Tagen im Vollgefühle der Macht.
Er war Statthalter von Italien: in allen Städten wurden auf seine Anordnung die Befestigungen geflickt und verstärkt, die Bürger an die Waffen gewöhnt. Die Vertreter von Byzanz vermochten ihm in keiner Weise Gegengewicht zu halten. Ihre Heerführer hatten kein Glück, die Belagerungen von Tarvisium, Verona und Ticinum machten keine Fortschritte.
Und mit Vergnügen vernahm Cethegus, daß Hildebad, dessen Schar sich durch Zulauf unterwegs auf etwa sechshundert erhöht, Acacius, der ihn mit tausend Perser-Reitern eingeholt und angegriffen, blutig zurückgeschlagen hatte. Eine starke Abteilung von Byzantinern aber, die ihm von Mantua aus entgegenrückte, verlegte ihm alle Wege — er wollte nach Tarvisium zu Totila — und nötigte ihn, sich in das noch von den Goten unter Thorismut besetzte Kastell von Castra Nova zu werfen. Hier hielten ihn die Byzantiner eingeschlossen, vermochten aber nicht, den festen Bau zu nehmen, und schon sah der Präfekt die Stunde kommen, da ihn Acacius zu Hilfe rufen würde, den Goten, der ihm dann nicht mehr entrinnen konnte, zu vernichten.
Es freute ihn, daß die Kriegsmacht von Byzanz seit Belisars Entfernung sich offen vor ganz Italien als unfähig erwies, den letzten Widerstand der Goten zu brechen. Und die Härte der byzantinischen Finanzverwaltung, die Belisar überall, wo er einzog, mit sich führen mußte — er konnte die auf Befehl des Kaisers geübte Aussaugung nicht hindern —, erweckte oder steigerte in den Städten und auf dem flachen Lande die Abneigung gegen die Oströmer. Cethegus hütete sich wohl, wie Belisar getan, den ärgsten Übergriffen der Beamten Justinians zu wehren. Er sah es mit Freude, daß in Neapolis, in Rom wiederholt das Volk gegen die Bedrücker in offnem Aufruhr emporloderte.
Waren die Goten vollends vernichtet, der Byzantiner Macht verächtlich, ihre Tyrannei verhaßt genug geworden, dann konnte Italien aufgerufen werden, frei zu sein, und der Befreier, der Beherrscher hieß Cethegus.
Dabei verließ ihn nur die eine Besorgnis nicht — denn er war fern von Unterschätzung seiner Feinde —, der Gotenkrieg, dessen letzte Funken noch nicht ausgetreten, könne nochmal aufflammen, geschürt durch die Entrüstung des Volkes über den geübten Verrat.
Schwer fiel dem Präfekten ins Gewicht, daß die tiefstgehaßten Führer der Goten, daß Totila und Teja nicht mit im Netze zu Ravenna waren gefangen worden. Um der Gefahr jener begeisterten Volkserhebung zuvorzukommen, trachtete er so eifrig, dem gefangenen Gotenkönig die Erklärung zu entreißen, er habe sich und die Stadt zuletzt ohne Hoffnung und Bedingung unterworfen, und er fordre die Seinen auf, den aussichtslosen Widerstand aufzugeben.
Und auch das Kastell, in welchem der Kriegsschatz Theoderichs geborgen lag, sollte ihm sein Gefangener angeben. In jener Zeit war ein solcher, schon um fremde Fürsten und Söldner zu gewinnen und anzuziehen, von höchster Bedeutung. Verloren ihn die Goten, so verloren sie die letzte Hoffnung, ihre geschwächte Kraft durch fremde Waffen zu ergänzen. Und viel lag dem Präfekten daran, jenen als unermeßlich reich von der Sage gepriesenen Hort nicht in die Hände der Byzantiner fallen zu lassen, deren Geldnot und daher verursachte Tyrannei ein wichtiger Bundesgenosse seiner Pläne war: sondern ihn sich selbst zu sichern — auch seine Mittel waren ja nicht unerschöpflich.
Aber all sein Bemühen schien an der Unerschütterlichkeit seines Gefangenen zu scheitern.
