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Kitabı oku: «Ein Kampf um Rom», sayfa 57

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ACHTES KAPITEL

Inzwischen aber stieg in dem belagerten Rom die Not und die Erschöpfung der Bürger auf den höchsten Grad.

Der Hunger lichtete die ohnehin so dünne Besatzung der weiten Wälle. Umsonst tat der Präfekt sein Äußerstes. Umsonst griff er zu allen Mitteln, bald der Überredung, bald der Gewalt. Umsonst verschwendete er sein Gold, neue Lebensmittel in die Stadt zu schaffen. Denn bis auf die letzten Körner fast waren die Getreidevorräte aufgezehrt, die er aus Sizilien hatte kommen und auf dem Kapitole bergen lassen.

Unerhörte Belohnungen verhieß er jedem Schiff, dem es gelänge, sich mit Vorräten durch die Flotte des Königs zu stehlen, jedem Söldner, der es wagte, sich durch die Tore und die Zelte der Belagerer hinaus— und mit Mundvorrat zurückzuschleichen. Die Wachsamkeit Totilas war nicht zu täuschen. Anfangs hatten einzelne geldgierige Waghälse des Präfekten Lohn zur Nacht hinausgelockt. Als aber Graf Teja jeden Morgen darauf über die Wälle beim flaminischen Tor ihre Köpfe schleudern ließ, verging auch den Begehrlichsten die Lust.

Teuer wurde das Aas der gefallenen Maultiere verkauft. Um das Unkraut und die Brennesseln, die sie gierig aus den Schutthaufen rupften, schlugen sich die hungernden Weiber. Der Hunger hatte längst gelehrt, das Uneßbare gierig zu verschlingen. Und nicht mehr zu zählen waren die Überläufer, die aus den Häusern, von den Mauern zu den Goten eilten. Teja zwar wollte diese mit Speerrechen zurückgetrieben wissen in die Stadt, sie desto früher zum Fall zu bringen. Totila aber befahl, sie alle aufzunehmen, zu speisen und nur darüber fürsorglich zu wachen, daß sie nicht durch plötzliche, maßlose Befriedigung des maßlosen Heißhungers, wie anfangs oft geschehen war, dem Tode verfielen.

Cethegus verbrachte nun jede Nacht auf den Wällen.

In wechselnden Stunden beging er selbst, mit Speer und Schild, musternd die Wachen, auch wohl eine Schildwache ablösend, der Schlaf und Hunger den Lanzenschaft aus der Hand zu lösen drohten. Solch Beispiel wirkte dann freilich wieder eine Weile ermannend auf die Tüchtigen: begeistert standen auch jetzt die Licinier, Piso und Salvius Julianus zu dem Präfekten und die blind ergebenen Isaurier.

Nicht aber alle Römer: so nicht Balbus, der Schlemmer.

»Nein, Piso«, sagte dieser einst, »ich halte es nicht länger mehr aus. Es ist nicht in Menschenart. Wenigstens nicht in meiner. Heiliger Lucullus! Wer hätte das je von mir geglaubt! Ich gab neulich meinen allerletzten, größten Diamanten für einen halben Steinmarder hin«

»Ich weiß die Zeit«, lächelte Piso, »da du den Koch in Eisen schmieden ließest, hatte er den Meerkrebs eine Minute zu lang sieden lassen.«

»O Meerkrebs! Bei der Barmherzigkeit des blassen Heilands! Wie kannst du dies Wort, dies Bild heraufbeschwören! Meine ganze unsterbliche Seele geb’ ich für eine Schere, ja für den Schweif. Und niemals ausschlafen! Weckt nicht der Hunger, weckt das Wächterhorn.«

»Sieh den Präfekten an! Seit vierzehn Tagen hat er nicht vierzehn Stunden geschlafen. Er liegt auf dem harten Schild und trinkt Regenwasser aus dem Helm.«

»Der Präfekt! Der braucht nicht zu essen. Er zehrt von seinem Stolz, wie der Bär von seinem Fett, und saugt an seiner Galle. Ist ja nichts an ihm als Sehnen und Muskeln, Stolz und Haß! Ich aber, ach, ich hatte so lieblich weißes Fett angehäuft, daß mich im Schlaf die Mäuschen anbissen: sie hielten mich für einen spanischen Mastschinken. Weißt du das Neueste? Im Gotenlager ist heute eine ganze Herde feister Rinder eingetrieben worden — lauter apulische: Lieblinge der Götter und Menschen!«

Am andern Morgen früh kam Piso mit Salvius Julianus, den Präfekten zu wecken, der auf dem Wall an der Porta portuensis lag, nahe dem gefährdetsten Punkt, dem Stromriegel. »Vergib, ich störe dich im seltnen Schlaf...«

»Ich schlief nicht. Ich wachte. Melde, Tribun.«

»Balbus ist mit zwanzig Bürgern heute nacht von seinem Posten entflohen. An Seilen haben sie sich herabgelassen an der Porta latina. Dort brüllten die ganze Nacht die apulischen Rinder. Ihr Ruf war, scheint’s, unwiderstehlich.«

Aber das Lächeln verging dem Satirenschreiber, als ihn der Blick des Cethegus traf. »Ein Kreuz, dreißig Fuß hoch, wird errichtet vor dem Hause des Balbus an der Via sacra. Jeder Überläufer, der wieder in unsre Hand fällt, wird darangeschlagen.«

»Feldherr — Kaiser Constantinus hat die Kreuzigungsstrafe abgeschafft, zu Ehren des Heilands«, warnte Salvius Julianus.

»So führ’ ich sie wieder ein, zu Ehren Roms. Jener Kaiser hielt wohl nicht für möglich, daß ein römischer Ritter und Tribun die Stadt Rom um einen Braten verraten werde.«

»Aber noch mehr! Ich kann die Turmwache nicht mehr bestellen an der Porta pinciana. Von den sechzehn Legionären sind neun hungertot oder hungerkrank.«

»Das gleiche fast meldet Marcus Licinius von der Porta tiburtina«, fügte Julianus bei. »Wer soll wehren der überallher drohenden Gefahr?«

»Ich! Und der Mut der Römer. Geh! Laß durch Herolde alle Bürger und alles, was noch in den Häusern ist, berufen an das Forum romanum.«

»Herr, es sind nur noch Weiber, Kinder und Kranke...«

»Gehorche, Tribun!«

Und finstern Blickes stieg der Präfekt vom Wall, schwang sich auf Pluto, sein edles, schwarzes, spanisches Roß, und zog langsam, von einer Schar berittener Isaurier gefolgt, überall die Wachsamkeit der Posten, die Zahl der Truppen prüfend, auf den weitesten Wegen durch einen großen Teil der Stadt: zugleich dadurch den Herolden und den Bürgern Zeit verstattend, zu rufen und zu folgen.

So ritt er auf langem Wege das rechte Tiberufer aufwärts. Aus den Häusern schlich nur spärlich zerlumptes Volk, die Reiter anstarrend in dumpfer Verzweiflung. An der Brücke des Cestius erst wurden die Haufen dichter. Cethegus hielt sein Pferd an, die dort ausgestellten Wachen zu mustern.

Da eilte plötzlich aus der Tür eines niedrigen Hauses ein Weib, mit fliegenden Haaren, ein Kind auf dem Arm. Ein älteres zerrte an den Lumpen ihres Gewandes. »Brot! Brot!« schrie sie. »Ja, werden Steine zu Brot durch Tränen? O nein! Sie bleiben hart! Hart wie — ha, hart wie jener da! Seht, Kinder: das ist der Präfekt von Rom. Der dort, auf dem schwarzen, Roß, mit dem purpurnen Helmbusch, mit dem furchtbaren Blick! Aber ich fürchte ihn nicht mehr. Seht, Kinder: der hat euren Vater auf die Wälle gezwungen, Tag und Nacht, bis er umfiel, tot. Fluch dir, Präfekt von Rom!« Und sie ballte die Fäuste gegen den unbeweglich haltenden Reiter.

»Brot, Mutter! Gib uns zu essen!« heulten die beiden Kinder.

»Zu essen hab’ ich nicht für euch, aber zu trinken vollauf! Hier!« schrie das Weib, umklammerte das ältere Kind mit der Rechten, drückte das kleinere mit der Linken fester an die Brust und schwang sich mit beiden Kindern über das Geländer in die Flut. Ein Schrei des Entsetzens, gefolgt von Flüchen, lief durch die Menge.

»Sie war wahnsinnig!« sprach der Präfekt mit lauter Stimme und ritt weiter.

»Nein, sie war die klügste von uns allen!« antwortete eine Stimme aus der Menge.

»Schweigt! Ihr Legionäre, laßt die Tuba schmettern! Vorwärts! Auf das Forum!« befahl Cethegus, und sausend sprengte die Reiterschar davon.

Und über die fabricische Brücke, durch das carmentalische Tor gelangte der Präfekt an den Fuß des kapitolinischen Hügels auf das Forum romanum.

Leer sah der weite Raum aus: nicht gefüllt durch die paar tausend Menschen, die in elenden Kleidern auf den Stufen der Tempel und Hallen kauerten oder sich mühsam an Speeren und Stäben aufrecht hielten.

»Was will der Präfekt?« — »Was kann er noch wollen?«— »Wir haben nichts mehr als unser Leben.« — »Gerade das will er —« — »Wißt ihr schon? Vorgestern hat sich auch Centumcellä an der Küste den Goten ergeben.« — »Ja, die Bürger haben die Isaurier des Präfekten überwältigt und die Tore geöffnet.« — »Oh, könnten wir’s nachtun.« — »Bald müssen wir’s tun, sonst ist es zu spät.« — »Mein Bruder fiel gestern tot um, die gekochten Brennesseln noch im Munde: er konnte sie nicht mehr verschlingen.« — »Auf dem Forum Boarium ward gestern eine Maus in Gold aufgewogen.« — »Ich bezog heimlich eine Woche gebratenes Fleisch von einem Metzger — roh wollte er’s nicht liefern... —« — »Sei froh! Sie stürmen ja das Haus, wo sie Bratendunst riechen —« — »Aber vorgestern ward er zerrissen vom Volk auf der Straße. Er hatte bettelnde Kinder in sein Haus gelockt — ihr Fleisch hatte er uns verkauft.« — »Der Gotenkönig aber, wißt ihr, wie der mit seinen Kriegsgefangenen umgeht?« — »Wie ein Vater mit seinen hilflosen Kindern.« — »Die meisten treten sofort in seine Dienste.« — »Ja, aber die, welche es nicht wollen, versieht er mit Reisegeld —« — »Ja, und mit Kleidern und Schuhen und Lebensmitteln.« — »Die Wunden und Kranken werden gepflegt.« — »Und er läßt sie durch Wegkundige bis an die Küstenstädte geleiten.« — »Auch die Überfahrt ins Ostreich auf Kauffahrerschiffen hat er ihnen schon bezahlt.«

»Seht, da steigt der Präfekt von dem schwarzen Roß.« — »Wie Pluto sieht er aus.« — »Nicht Princeps senatus mehr, Princeps inferorum.«

»Seht — seinen Blick!« — »Kalt: und doch wie Flammenpfeile.« — »Ja, meine Muhme hat recht. So kann nur blicken, wer kein Herz mehr hat.« — »Das ist was Altes. Strigen und Lamien haben ihm nachts das Herz ausgefressen.« — »Was nicht gar! Es gibt gar keine Lamien. Aber den Teufel gibt es: denn der steht in der Bibel. Und er hat ein Bündnis mit ihm geschlossen. Der Numider, der dort sein schwarzes Roß am Zügel hält, ist der Bote der Hölle, der ihn überall begleitet. Keine Waffe kann dem Präfekten die Haut ritzen. Nicht Nachtwachen noch Hunger verspürt er. Aber er kann auch nie mehr lächeln. Denn er hat seine Seele der Hölle verpfändet.« — »Woher weißt du’s?« — »Der Diakon von Sankt Paul hat’s uns neulich alles gedeutet. Und Sünde ist es, einem solchen länger zu dienen. Hat er doch auch unsern Bischof Silverius dem Kaiser verraten und in Ketten übers Meer geschickt.«

»Und hat er doch neulich sechzig Priester, rechtgläubige und arianische, als des Verrats verdächtig aus der Stadt gewiesen.« — »Das ist wahr.« — »Er muß aber auch dem Teufel gelobt haben, alle Qualen über Rom und die Römer zu bringen.« — »Aber wir wollen’s nicht mehr dulden.« — »Wir sind frei, er hat’s uns oft gesagt. Ich will ihn fragen, mit welchem Recht...«

Aber mitten im Wort verstummte der tapfere Redner: — ein Blick des Präfekten hatte ihn getroffen, der im Emporsteigen zur Rednerbühne die kleine murrende Gruppe streifte.

»Quiriten«, hob er an, »ich rufe euch alle auf, Legionäre zu werden. Hunger und — schmählich zu sagen von römischen Männern! — Verrat lichten die Reihen unsrer Wachen. — Hört ihr die Hammerschläge? Ein Kreuz wird gezimmert für die Überläufer. — Noch größere Opfer fordert Rom von den Römern. Denn ihr habt keine Wahl. Bürger anderer Städte mochten schwanken zwischen Übergabe und Untergang. Wir, erwachsen im Schatten des Kapitols, haben diese Wahl nicht. Hier gehn die Schauer von mehr als tausendjährigem Heldentum. Hier kann kein feiger Gedanke laut werden. Ihr könnt nicht wieder die Barbaren ihre Rosse binden sehen an die Säulen des Trajan. Eine letzte Anstrengung gilt es. Früh reift das Heldenmark in den Knaben des Romulus und Cäsar; spät weicht die Kraft aus den tibertrinkenden Männern. Ich rufe die Knaben vom zwölften, die Männer bis zum achtzigsten Jahre auf die Wälle. Still! Murrt nicht! Ich werde meine Tribunen mit den Lanzenträgern von Haus zu Haus gehen lassen: nur um zu hindern, daß nicht allzu zarte Knaben, allzu müde Greise zu den Waffen greifen. Was murrt ihr da drüben? Weiß jemand bessern Rat der Verteidigung? Er gebe ihn: laut, von diesem Platz herab, den ich ihm dann räumen werde.«

Da ward es still an der Stelle, wohin der Blick des Präfekten geblitzt.

Aber hinter ihm erhob sich, bei denen, die sein Auge nicht bändigen konnte, grollendes Gemurmel. »Brot!« — »Übergabe!« — »Friede!« — »Brot!«

Cethegus wandte sich. »Schämt ihr euch nicht? So viel habt ihr ertragen, eures Namens würdig. Und nun, da es noch kurze Zeit gilt, auszuharren, wollt ihr erlahmen? In wenigen Tagen bringt Belisar Entsatz.«

»Das hast du uns schon siebenmal gesagt.« — »Und nach dem siebenten Male verlor Belisar fast alle Schiffe.« — »Die helfen jetzt mit, unsern Hafen sperren.« — »Du sollst uns eine Frist, ein Ende setzen dieses Elends. Denn mich erbarmt es dieses Volks.«

»Wer bist du?« fragte Cethegus den unsichtbaren Redner. »Du kannst kein Römer sein.«

»Ich bin Pelagius der Diakon, ein Christ und ein Priester des Herrn. Und ich fürchte nicht die Menschen, sondern Gott. Der König der Goten, obwohl ein Ketzer, soll versprochen haben, in allen Städten, die sich unterwerfen, die Kirchen, die seine Mitketzer, die Arianer, den Rechtgläubigen entrissen, zurückzugeben. Schon dreimal soll er Herolde an die Bürger Roms gesendet haben mit gütigsten Bedingungen — man hat sie nie zu uns sprechen lassen.«

»Schweig, Priester. Du hast kein Vaterland als den Himmel, keinen Staat als das Reich Gottes, kein Volk als die Gemeinde der Heiligen, kein Heer als die Engel. Bestelle du dein himmlisch Reich. Männern überlaß das Reich der Römer.«

»Aber der Mann Gottes hat recht.« — »Eine Frist!« — »Einen nahen Termin!« — »Bis dahin wollen wir noch ausharren.« — »Doch verläuft er ohne Entsatz —« — »Dann Übergabe!« — »Dann öffnen wir die Tore.«

Aber diesen Gedanken scheute Cethegus.

Wußte er doch, seit langen Wochen ohne alle Kunde von der Außenwelt, durchaus nicht, wann etwa Belisar vor der Tibermündung erscheinen konnte. »Wie?« rief er. »Soll ich euch eine Frist setzen, wie lang ihr noch Römer sein wollt und von wann ab Memmen und Sklaven? Die Ehre kennt keine Termine.«

»So sprichst du, weil du selbst nicht mehr an Entsatz glaubst.«

»So spreche ich, weil ich an Euch glaube.«

»Aber wir wollen es so. Wir alle. Hörst du? Du sprachst ja immer von der römischen Freiheit. Wohlan, sind wir frei oder dir verfallen, wie deine Söldner? Hörst du? Wir fordern einen Termin. Wir wollen es!« — »Wir wollen es!« wiederholte der Chor.

Da schollen, ehe Cethegus erwidern konnte, Tubarufe von der Südostecke des Forums her: von der sacra Via strömten Volk und Bewaffnete gemischt heran, in ihrer Mitte zwei Reiter in fremden Waffen.

NEUNTES KAPITEL

Lucius Licinius sprengte ihnen allen voraus, sprang ab und flog die Rednerbühne hinan. »Ein Herold der Goten! Ich kam zu spät, ihn wieder, wie sonst, abzuweisen. Die verhungernden Legionäre am tiburtinischen Tor ließen ihn herein.«

»Nieder mit ihm! Er darf nicht reden«, sprach Cethegus, sprang die Tribüne herab und zog das Schwert.

Aber die Menge erriet ihn. Jubelnd, schützend umdrängte sie den Herold. »Friede! Heil! Brot!« — »Friede! Hört den Herold!«

»Nein, hört ihn nicht«, donnerte Cethegus. »Wer ist Präfekt von Rom? Wer verteidigt diese Stadt? Ich: Cornelius Cethegus Caesarius. Und ich sage: hört ihn nicht.«

Und mit dem Schwert warf er sich vorwärts.

Aber dicht, wie ein Bienenschwarm, geballt, hemmten Weiber und Greise seinen Weg, während die Bewaffneten den Herold schützend umwogten.

»Sprich, Bote, was bringst du?« forschten sie.

»Frieden und Erlösung«, rief Thorismut und schwenkte seinen weißen Stab. »Totila, der Italier und der Goten König, entbietet euch Huld und Gruß und fordert freies Geleit, euch Wichtiges zu künden und den Frieden.«

»Heil ihm!« — »Hört ihn!« — »Er soll kommen!«

Cethegus war eilig zu Pferd gestiegen und ließ seine Tubabläser die Schlachtfanfare schmettern.

Da wurde es still auf dem Forum.

»Höre, Herold: ich, der Befehlshaber dieser Stadt, verweigere das Geleit. Jeden Goten, der die Stadt betritt, werd’ ich als Feind behandeln.«

Aber da erscholl tausendstimmiges Geschrei der Wut.

Ein Bürger erklomm die Rednertribüne. »Cornelius Cethegus, bist du unser Tyrann oder unser Beamter? Wir sind frei. Und oft hast du’s gerühmt: das Höchste ist in Rom des römischen Volkes Majestät. Wohlan, das römische Volk befiehlt, den König zu hören. Befiehlst du das nicht, Volk von Rom?« —

»Wir wollen es!« — »Es ist Gesetz«, brüllten die Quiriten. »Hast du’s vernommen? Willst du dem Volk von Rom gehorchen oder trotzen?«

Cethegus stieß das Schwert in die Scheide. Thorismut sprengte davon, seinen König zu holen.

Der Präfekt winkte die jungen Tribunen an sich heran.

»Lucius Licinius«, befahl er, »aufs Kapitol. Salvius Julianus, du deckst den untern, den Balkenstromriegel. Quintus Piso, du deckst den oberen, den Kettenriegel. Marcus Licinius, du hältst die Schanze, die den Aufgang vom Forum zum kapitolinischen Hügel und mein Haus beschützt. Der Rest der Söldner schart sich dicht hinter mir.«

»Was willst du, Feldherr?« fragte Lucius Licinius, ehe er davoneilte.

»Die Barbaren überfallen und verderben.«

Es waren etwa noch fünfzig Reiter und hundert Lanzenträger, die nach Entsendung der Tribunen hinter dem Präfekten hielten.

Nach kurzer banger Spannung schmetterte das gotische Heerhorn die heilige Straße herauf.

Und von dorther bogen auf das Forum ein Thorismut und sechs Hornbläser, Wisand, der Bandalarius, mit der blauen Königsfahne der Goten, der König zwischen Herzog Guntharis und Graf Teja und noch etwa zehn Heerführer und Reiter, fast alle ohne Waffen: nur Teja zeigte deutlich das breite, gefürchtete Beil.

Als eben der Zug sich aus dem Lager der Goten in Bewegung gesetzt hatte, durchs metronische Tor in die Stadt zu reiten, fühlte sich Herzog Guntharis am Mantel gefaßt: er sah neben seinem Pferd einen Knaben oder Jüngling mit kurz-krausem, goldbraunem Haar und blauen Augen und einen Hirtenstock in der Hand.

»Bist du der König? Nein, du bist es nicht. Und jener dort? Das ist der tapfere Teja, der schwarze Graf, wie ihn die Lieder nennen.«

»Was willst du, Bursche, von dem König?«

»Ich will für ihn fechten unter seinen Heerleuten.«

»Du bist noch zu jung und zart. Geh und komm nach zwei Sommern wieder: und hüte derweilen die Ziegen.«

»Ich bin noch jung: aber nicht mehr schwach. Und Ziegen hab’ ich mir genug gehütet. Ha, ich seh’s: das ist der König.«

Und er trat vor Totila, neigte sich zierlich und sprach: »Mit Gunst, Herr König.« Und er langte nach des Pferdes Zügel, es zu führen: als müßte das alles so sein. Und der König sah mit Wohlgefallen auf ihn herab und lächelte ihm zu. Und der Knabe führte sein Pferd am Zaum.

Guntharis aber sprach vor sich hin: »Dieses Knaben Antlitz habe ich schon gesehen. Nein, er gleicht ihm nur, —: doch solche Ähnlichkeit sah ich noch nie: und wie adelig des jungen Hirten Haltung!«

»Heil König Totila! Frieden und Heil«, jauchzte dem Gotenkönig das Volk entgegen.

Der junge Zügelführer aber sah empor in des Königs schimmervolles Antlitz und sang leise, doch mit silbertöniger Stimme, zu ihm hinauf:

 
»Zittre und zage,
Zäher Cethegus:
Nicht taugt dir die Tücke!
Es trümmert den Trotz dir
Teja, der Tapfere:
Und taghell empor taucht,
Wie Maiglanz und Morgen
Aus Nacht und aus Nebel,
Der leuchtende Liebling
Des Himmelsherrn:
Der schimmernd schöne,
Der kühne König.
Ihm öffnen sich alle
Die Türme, die Tore,
Die Hallen und Herzen:
Ihm weicht, überwunden,
Wut, Winter und Weh.«
 

Auf den Wink von des Königs Hand trat Stille ein.

Aber diesen erwarteten Augenblick nutzte Cethegus.

Er trieb seinen Rappen vorwärts in die Volksmenge und rief: »Was willst du, Gote, in dieser meiner Stadt?«

Nach einem lodernden Blick wandte sich Totila von ihm ab: »Mit ihm red’ ich nur mehr mit dem Schwert, dem sechsfachen Lügner, dem Mörder! Zu dir sprech’ ich, unseliges, betörtes Volk von Rom. Der Schmerz um euch zerreißt mein Herz. Ich kam, euer Elend zu enden. Ohne Waffen bin ich gekommen. Denn besser als Schwert und Schild schützt mich des Römervolkes Ehre.«

Er hielt inne. Cethegus unterbrach ihn nicht mehr.

»Quiriten, wohl habt ihr selbst erkannt: längst konnt’ ich mit meinen Tausenden euere Mauern stürmen.

Denn ihr habt nur noch Steine, keine Männer mehr darauf. Aber fiel Rom durch Sturm, ging Rom in Flammen auf. Und ich gesteh’s: lieber will ich niemals Rom betreten als Rom zerstören. Ich will euch nicht vorhalten, wie ihr Theoderichs und der Goten Güte vergolten. Habt ihr die Tage vergessen, da ihr dankbar Münzen schlugt mit der Umschrift: ‘Roma felix’? Wahrlich, ihr seid genug gestraft. Schwerer gestraft durch Hunger und Pest und Byzanz und jenen Dämon, als euch jemals unsere strengste Strafe getroffen hätte. Mehr als achttausend Männer von euch, Weiber und Kinder ungezählt, sind erlegen. Eure verödeten Häuser stürzen ein. Gierig rafft ihr das Gras, das in euren Tempeln wächst. Hohläugig schleicht durch eure Gassen die Verzweiflung.

Menschenfleisch, der eignen Kinder Fleisch, haben hungernde Mütter, römische Mütter verspeist. Und bis heute konnte man euren Widerstand beklagen, aber bewundern. Von heut’ ab ist es Wahnsinn. Eure letzte Hoffnung war Belisar. Wohlan: Belisar ist heimgefahren von Sizilien nach Byzanz. Er gibt euch auf.«

Cethegus ließ die Trompeten schmettern, das Geheul des Volkes zu übertönen. Lang vergeblich. Endlich drangen die ehernen Tubastimmen durch. Als es stiller ward, rief der Präfekt: »Gelogen! Glaubt nicht so plumper Lüge!«

»Haben euch je die Goten, hab’ ich euch belogen, ihr Römer? Aber nur euren eignen Augen und Ohren sollt ihr glauben. Vorwärts mit dir, Mann, nun sprich. Kennt ihr ihn?«

Ein Byzantiner, in reicher Rüstung, ward von den gotischen Reitern vorgeführt.

»Kanon!« — »Belisars Nauarch!« — »Wir kennen ihn!« rief die Menge.

Cethegus aber erbleichte.

»Ihr Männer von Rom«, sprach der Byzantiner, »Belisar, der Magister Militum, hat mich an König Totila geschickt. Heute traf ich ein. Belisar mußte von Sizilien nach Byzanz zurück. Er hat scheidend Rom und Italien der bekannten Güte König Totilas empfohlen. Das mein Auftrag an ihn und an euch.«

»Wohlan«, fiel Cethegus dröhnend ein, »und ist es so: dann ist der Tag gekommen, zu zeigen, ob ihr Römer seid oder Bastarde. Hört es und wißt es wohl! Cethegus, der Präfekt, ergibt sich und sein Rom nie, niemals den Barbaren. Oh, gedenkt der Zeiten nur noch einmal, da ich euch alles war. Da ihr meinen Namen neben Christus, von den Heiligen genannt. Wer hat euch jahrelang Arbeit, Brot und — was mehr ist — Waffen gegeben? Wer hat euch geschirmt — Belisar oder Cethegus? — als dieser Barbaren fünfzehn Myriaden vor euren Wällen lagen? Wer hat Rom mit seinem Herzblut gerettet vor König Witichis? Wohlan, zum letztenmal ruf’ ich euch zum Kampf.

Hört mich, ihr Enkel des Camillus. Wie er die Gallier, die schon die Stadt gewonnen, vom Kapitol herab hinweggefegt, mit der Kraft des römischen Schwertes, so will ich diese Goten hinwegfegen. Schart euch um mich! Zum Ausfall! Und erprobt, was Römerkraft vermag, wenn sie Cethegus führt und die Verzweiflung. Wählt!«

»Ja, wählt!« rief Totila, sich hoch erhebend in den Bügeln. »Wählt zwischen sicherem Untergang und sicherer Freiheit. Folgt ihr noch einmal diesem Wahnwitzigen, kann ich euch nicht mehr schützen. Hört hier Graf Teja von Tarent zu meiner Rechten, ihr kennt ihn, denk’ ich. Ich kann euch nicht länger schützen.«

»Nein«, rief Teja, das mächtige Schlachtbeil erhebend, »dann keine allzu gnädige Gnade mehr, beim Gott des Hasses. Verwerft ihr diese allerletzte Gunst: kein Leben wird verschont in diesen Mauern. Ich hab’s geschworen und Tausende mit mir!«

»Ich biete euch volles Vergessen eurer Schuld und will euch ein milder König sein. Fragt in Neapolis, ob ich’s verstehe. Wählt zwischen mir und dem Präfekten.«

»Heil König Totila! Zum Tode den Präfekten!« scholl es einstimmig in der Runde.

Und, wie auf ein gegebenes Zeichen, warfen sich die Weiber und Kinder, mit erhobenen Händen, wie anbetend, auf die Knie vor dem König, während alle die Tausende von Bewaffneten drohend, fluchend ihre Speere und Schwerter wider den Präfekten erhoben und mancher Wurfspieß gegen ihn flog: es waren die Waffen, die er ihnen selbst geschenkt.

»Hunde sind es! Nicht Römer!« So sprach Cethegus im tiefsten Zornesdrang und riß sein Roß herum. »Aufs Kapitol!«

Und in gewaltigem Satz, hochausgreifend, sprang sein edler Rappe über die Reihe der knienden, kreischenden Frauen hinweg, durch den Hagel von Geschossen, die ihm jetzt die Römer nachschleuderten, die wenigen Beherzten niedertretend, die mit Lanzen ihm den Weg verrennen wollten.

Bald war sein roter Helmbusch verschwunden. Sausend folgten ihm seine Reiter. Die Lanzenträger wichen langsam, in guter Ordnung, manchmal wendend und die Speere fällend. So erreichten sie die hohe Schanze, die, besetzt von Marcus Licinius, den Aufgang auf das Kapitol und den Weg zu des Präfekten Hause sperrte. —

»Was zunächst? Sollen wir folgen?« fragten die Römer den König.

»Nein! Halt! Alle Tore reißt auf. Wagen mit Brot und Fleisch und Wein stehen bereit in unsern Lagern. Diese fahrt in alle Regionen der Stadt. Speiset und tränket drei Tage lang das Volk von Rom. Meine Goten überwachen euch und verhüten das Unmaß.«

»Und der Präfekt?« fragte Herzog Guntharis.

»Cethegus Cäsarius, der Ex-Präfekt von Rom, wird dem Gott der Rache nicht entgehn!« rief Totila sich wendend.

»Und nicht mir!« rief der Hirtenknabe.

»Und nicht mir!« sprach Teja, und sprengte davon.

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
1270 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain