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Kitabı oku: «Ein Kampf um Rom», sayfa 58
ZEHNTES KAPITEL
Die meisten Regionen von Rom waren durch die Entscheidung auf dem Forum romanum in die Hand der Goten gefallen.
Was Cethegus noch besetzt hielt, war nur der Stadtteil auf dem rechten Tiberufer vom Grabmal Hadrians im Norden bis zur Porta portuensis im Süden, bei welcher über den Fluß der Riegel von Masten und dahinter der zweite von straffgespannten Ketten gezogen war.
Auf dem linken Tiberufer hatte der Präfekt nur noch den kleinen, aber beherrschenden Abschnitt westlich vom Forum romanum inne, dessen Mittelpunkt das Kapitol bildete: abgegrenzt durch Mauern und hohe Schanzen, die sich von dem Tiberufer an den Fluß des kapitolinischen Hügels und um diesen östlich her bis an das Forum Trajans im Norden erstreckten, während sie im Rücken, im Westen des Kapitols, zwischen dem Circus flaminus und dem Theater des Marcellus, jenen preisgebend, dieses noch einschließend, bis an die fabricische Brücke und die Tiberinsel reichten.
Der Rest des Tages verging den befreiten Römern in der Stadt mit jubelnden Festen bei Schmaus und Gelag. Auf den Hauptplätzen der ihm geöffneten Regionen ließ der König die achtzig vierspännigen Wagen voller Vorräte auffahren. Und um sie her lagerte sich auf den Steinen und rasch gezimmerten Bänken das hungernde Volk, Gott, den Heiligen und dem »besten König« dankend.
Der Präfekt hatte sofort die Tore, die von jenem gotisch gewordenen Teil der Stadt durch die Mauern— und Schanzenreihen in sein Rom führten, zumal die Zugänge vom Forum romanum zum Kapitol, dann die porta flumentana, carmentalis und ratumena, sorgfältig verrammeln lassen und die geringe, ihm verbliebene Mannschaft mit raschem Feldherrnblick auf die wichtigsten Punkte verteilt: war es doch ungefähr derselbe Teil von Rom, den er schon früher, unter und gegen Belisar, besetzt gehalten hatte.
»Salvius Julianus erhält noch hundert Isaurier für den Balkenriegel im Fluß! Die abasgischen Pfeilschützen eilen zu Piso an den Fluß an dem Kettenriegel. Marcus Licinius, der Rest der Schanze beim Forum.«
Aber da meldete Lucius Licinius, der Rest der Legionäre, der an der Entscheidung auf dem Forum romanum nicht hatte teilnehmen können, weil er damals in dem nun abgesperrten Teil der Stadt auf Wache stand, werde sehr schwierig.
»Ah«, rief Cethegus, »der Dunst der Braten, um die ihre Vettern da unten die römische Ehre verkauft haben, steigt ihnen kitzelnd in die Nasen. Ich komme.«
Und er ritt aufs Kapitol, wo diese Legionäre, etwa fünfhundert Mann, in Reih und Glied aufgestellt in finsterer, drohender Haltung standen.
Langsam, prüfenden Auges ritt Cethegus die Front entlang. Endlich sprach er:
»Euch wollte ich den Ruhm zuwenden, die Laren und Penaten des Kapitols gegen die Barbaren zu verteidigen. Ich hörte zwar, ihr zieht die Rinderkeulen da unten vor. Aber ich will’s nicht glauben von euch. Ihr werdet den Mann nicht verlassen, der euch nach Jahrhunderten wieder kämpfen und siegen gelehrt hat. Wer’s mit Cethegus hält und mit dem Kapitol, — der hebe das Schwert.«
Aber keiner rührte sich.
»Der Hunger ist ein stärkrer Gott, als der kapitolinische Jupiter«, sagte er verächtlich.
Da trat ein Centurio vor. »Es ist nicht das, Präfekt von Rom. Aber wir wollen nicht fechten gegen unsre Väter und Brüder, die nun auf Seite der Goten stehen.«
»Als Geiseln sollte ich euch behalten für eure Väter und Brüder. Und ihnen, wenn sie stürmen, eure Köpfe entgegenwerfen. Aber ich besorge: es hielte sie nicht auf in ihrer Begeisterung, die aus dem Magen kommt. Geht! Ihr seid nicht würdig, Rom zu retten! Auf, Licinius, mit dem Tor! Laß sie dem Kapitol den Rücken wenden und der Ehre!«
Und die Legionäre zogen ab: bis auf etwa hundert Mann, die unschlüssig stehen blieben, an ihre Speere gelehnt.
»Nun? Was wollt ihr noch hier?« rief Cethegus, dicht an sie heranreitend.
»Sterben mit dir, Präfekt von Rom!« rief einer.
Und die andern wiederholten: »Sterben mit dir!«
»Ich danke euch! Siehst du, Licinius, hundert Römer! Sind sie nicht genug, um neu ein Römerreich zu gründen? Euch geb’ ich den Ehrenplatz: ihr schirmt die Schanze, die ich mit Julius Cäsars Namen geschmückt.«
Er sprang vom Pferd, warf die Zügel Syphax zu, rief seine Tribunen näher an sich heran und sprach: »Nun hört meinen Plan!«
»Du hast schon deinen Plan?«
»Ja, wir greifen an! Wie ich die Barbaren kenne, sind wir heute nacht vor jedem Angriff sicher. Sie haben eine Stadt gewonnen zu drei Vierteln. Dieser Sieg muß erst in hunderttausend Räuschen gefeiert werden, ehe sie an das letzte Viertel denken. Um Mitternacht wird das ganze Heer von goldlockigen Helden und Säufern in Jubel, Wein und Schlaf begraben sein. Und die hungrigen Quiriten da unten werden ihnen heute nicht nachstehen an Völlerei. Seht, wie sie schmausen und springen, mit Kränzen geschmückt. Und nur ein kleiner Teil der Barbaren erst ist in die Stadt gerückt. Das ist unsre Siegeshoffnung! Um Mitternacht brechen wir aus allen unsern Toren auf sie nieder — sie versehen sich keines Angriffs solcher Minderzahl — und schlachten sie im Schlaf.«
»Dein Plan ist todeskühn«, sprach Lucius Licinius. »Doch wenn wir fallen — das Kapitol wird unser Leichenstein.«
»Du lernst von mir«, lächelte Cethegus: — »die Worte, wie die Streiche. Mein Plan ist verzweifelt. Aber er ist der einzig mögliche. Jetzt — die Wachen sind bestellt? — gehe ich in mein Haus und schlafe zwei Stunden. Niemand wecke mich vorher. Nach zwei Stunden weckt mich.«
»Du kannst jetzt schlafen, Feldherr?«
»Ja, ich muß. Und ich hoffe: ich schlafe gut. Ich muß mich, wachend und schlafend, in mir selbst versammeln — nachdem ich das Forum romanum dem Barbarenkönig geräumt. Das war zuviel. Das heischt Erholung! Syphax, ich fragte schon gestern: ist kein Wein mehr aufzutreiben, rechts vom Tiber?«
»Ich forschte, Herr: Nur in den Tempeln eures Gottes. Aber er ist, so sagten eure Priester, bereits geweiht, bestimmt zum Wunder des Altars.«
»Das wird ihn nicht verdorben haben. Nehmt ihn den Priestern fort. Verteilt ihn unter die hundert Römer auf der Schanze des Cäsar. Es ist der einzige Dank, der mir zu spenden geblieben.«
Und langsam ritt er, gefolgt von Syphax, seinem Hause zu. Vor dem Haupteingang hielt er an: auf Syphax’ Ruf erschien der Roßwärter Thrax. Cethegus sprang ab und klopfte des edeln Rappen Bug. »Der nächste Ritt wird scharf, mein Pluto, ob zum Sieg oder in die Flucht. Gebt ihm das weiße Brot, das für mich gespart ward.«
Das Pferd ward in die Ställe neben dem Hauptgebäude abgeführt. Die Marmorraufen waren leer. Pluto teilte den weiten Stall nur noch mit des Syphax Braunen. Alle andern Rosse des Präfekten waren geschlachtet und von den Söldnern verzehrt.
Durch das prachtvolle Vestibulum und Atrium schritt der Hausherr in die Bibliothek. Der alte Ostiarius und Schreibsklave Fidus, der den Speer nicht mehr tragen konnte, war der einzige Diener im Hause. Alle andern Sklaven und Freigelassenen lagen auf den Wällen: — lebend oder tot.
»Reiche mir die Rolle mit dem Cäsar Plutarchs! Und den großen, mit Amethysten besetzten Becher — freilich wird’s kaum des Zaubers der Steine bedürfen — voll Wasser aus dem Springbrunnen.«
Noch weilte der Präfekt in dem Büchersaal. Den Kandelaber, mit köstlichem Nardenöl gefüllt, hatte der Alte, wie in den Tagen des Friedens, entzündet. Cethegus warf einen langen Blick auf die Büsten, Hermen, kleinen Statuen, deren dunkle Schatten das Licht scharf auf den Estrich von kostbaren Mosaiken legte.
Da prangten sie fast alle, die Helden Roms in Krieg und Frieden, in kleinen Marmorbüsten auf Sockeln und Fußgestellen mit kurzen Andeutungen der Namen. Von den mythischen Königen an durch die lange Reihe der Konsuln und Cäsaren bis auf Trajan, Hadrian und Constantin.
Eine besondere dicht gedrängte Gruppe bildeten die eigenen Ahnen der »Cethegi«. Schon war das leere Postament an die Wand gefestigt, das dereinst seine Büste aufnehmen sollte, die letzte an dieser Seite des Saales.
Denn er war der letzte seines Stammes.
Aber zur Linken zeigte sich noch, zur Fortsetzung bestimmt, ein ganzer Bogengang mit leeren Nischen. Nicht Ehe, aber Adoption sollte des Cethegus Namen weiterführen in glänzende Jahrhunderte. —
Zu seinem Erstaunen sah er, an der Reihe der Büsten langsam, gedankenvoll vorüberschreitend, auf dem leeren Sockel, der dereinst seine Büste aufnehmen sollte, ein solches Brustbild heute stehen.
»Was bedeutet das?« fragte er. »Hebe die Lampe hierher, Alter. Welche Büste steht an meinem Platz?«
»Vergib, o Herr! Das Postament des einen, da oben, von den ganz alten, muß ausgebessert werden. Ich mußte es abnehmen. Und da hob ich die Büste, damit sie einstweilen nicht zu Schaden komme, auf diesen leeren Sockel.«
»Leuchte! Noch höher! Wer mag es sein?«
Und Cethegus las auf der Büste die kurzen Worte:
»Tarquinius Superbus, Tyrann von Rom, starb, wegen unerträglicher Gewalt von den Bürgern vertrieben, ferne der Stadt im Exil. Zur Warnung späterer Geschlechter.«
Cethegus selbst hatte — in seiner Jugend — diese Inschrift verfaßt und unter die Büste setzen lassen.
Rasch hob er nun den Marmorkopf herab und stellte ihn abseits nieder. »Fort mit dem Omen«, sprach er.
In ernster Vertiefung trat er in das Studiergemach.
Helm, Schild und Schwert lehnte er an das Lager.
Der Sklave entzündete die auf dem Schildpatt-Tisch stehende Lampe, brachte den Becher und das verlangte Buch und ging. Cethegus ergriff die Rolle.
Aber er legte sie wieder weg.
Die Erzwingung der Ruhe versagte ihm diesmal doch. Sie war zu unnatürlich. Auf dem römischen Forum tranken die Quiriten mit den Barbaren auf das Heil des Gotenkönigs, auf den Untergang des Präfekten von Rom, des princeps Senatus! In zwei Stunden wollte er den Versuch wagen, Rom den Germanen zu entreißen. Er konnte nicht die kurze Pause mit Wiederholung einer Lebensbeschreibung ausfüllen, die er halb auswendig wußte.
Er trank heißdurstig Wasser aus dem Becher. Dann warf er sich auf das Lager. »War es ein Omen?« fragte er sich. »Aber es gibt kein Omen für den, der nicht daran glaubt. Ein Wahrzeichen nur gilt: für die Erde der Heimat zu kämpfen, sagt Homer. Freilich, Cethegus kämpft nicht nur für die Erde der Heimat. Er kämpft fast noch mehr für sich. Aber hat es nicht dieser Tag beschämend gezeigt? — Rom ist Cethegus: und Cethegus ist Rom. Nicht jene Namen-vergessenen Römer. Rom ist heute noch viel mehr Cethegus als — damals Rom Cäsar gewesen. War er nicht auch ein Tyrann im Sinne der Toren?«
Und er sprang unruhig wieder auf und trat an die Kolossalstatue des großen Ahnherrn heran.
»Göttlicher Julius, könnte ich beten: — heute würd’ ich beten — beten zu dir. Hilf, vollende deines Enkels Werk! Wie schwer, wie blutig, wie hart hab’ ich gerungen seit jenem Tage, da mir zuerst aus deinem Marmorhaupt der Gedanke der Erneuerung deines Rom entgegensprang: fertig, in Waffen klirrend, wie Pallas Athene aus dem Haupte des Zeus!
Wie hab’ ich gekämpft mit dem Schwert und dem mehr ermüdenden Gedanken Tag und Nacht!
Und war ich siebenmal zu Boden gerungen von der Übermacht zweier Völker, hab’ ich mich siebenmal wieder emporgerafft: unbezwungen und unverzagt! Vor einem Jahr schien mir das Ziel so nahe. Und jetzt, heute nacht, muß ich um die letzten Häuser Roms, um mein Haus, um mein Leben kämpfen mit diesem Knaben im blonden Haar. Wär’ es denkbar? Sollt’ ich erliegen müssen? Nach soviel Arbeit? Nach solchen Taten? Vor dem Glücksstern eines Jünglings? Soll es denn wirklich unmöglich sein, auch für deinen Enkel unerzwingbar, daß ein Mann sein Volk ersetze, bis er es erneuern, bis es sich selbst erneuern kann? Daß ein Mann der Barbaren— und der Griechen-Welt obsiege? Soll nicht Cethegus das Rad der Dinge erst halten und dann rückwärts rollen können? Muß ich erliegen, weil ich allein stehe, ein Feldherr ohne Heer, ein Mann ohne Volk an seiner Schulter? Soll ich weichen müssen aus deinem, aus meinem Rom? Ich kann es, ich will es nicht denken! Hat nicht auch dein Stern sich verdunkelt kurz vor Pharsalus? Und schwammst du nicht blutend, das Leben zu retten, unter hundert Pfeilen über den Nil? Und doch hast du’s vollbracht. Und zogst im Triumphe wieder ein in deinem Rom. Nicht schlimmer wird es mir, deinem Enkel, ergehen! Nein, ich werde mein Rom nicht verlieren. Nicht mein Haus, nicht dies dein göttergleiches Bild, das mir oft, wie den Christen ihres Kreuzes Anblick, Trost und Hoffnung gespendet.
Und dem zum Wahrzeichen — bleibe dir anvertraut, was unter deinem Schild am sichersten geborgen: — wo auf Erden wäre Sicherheit, wenn nicht bei dir?
Es war eine Stunde der Verzagtheit, da ich diese Geheimnisse und manchen Schatz Syphax zum Vergraben in der Erde anvertrauen wollte. Geht Rom, dies Haus, dies Heiligtum mir verloren, mögen auch diese Aufzeichnungen verloren sein.
Und dann — wer wird die Geheimschrift entziffern?
Nein, wie die Briefe, das Tagebuch, sollst du mir auch diese Schätze wahren.«
Und er zog ein ziemlich großes Ledersäckchen, das er unter dem Panzer und der Tunika auf der Brust getragen, hervor. Kostbarste Perlen und edelste Edelsteine hatte er darin verborgen.
Dann rührte er an die Feder an den linken Rippen der Statue, unterhalb des Schildrandes.
Und er holte aus der schmalen Öffnung, die sich auftat, ein längliches Kästchen von Elfenbein mit kunstvoll geschnitzten Gestalten und mit goldenem Verschluß, das allerlei Aufzeichnungen in kleinen Papyrusrollen enthielt.
Er legte das Säckchen in dies Kästchen.
»Hier, großer Ahnherr: wahre mir Geheimnisse und Schätze. Bei wem sollten sie sicher sein, wenn nicht bei dir?« —
Damit schloß er wieder die Klappe, welche nun nicht durch die schmalste Fuge eine Öffnung verriet. —
»Unter deinem Schild! An deinem Herzen! Zum Pfande, daß ich dir vertraue und meinem cäsarischen Glück. — Daß ich nicht von dir, Rom, abzudrängen bin. — Wenigstens nicht auf die Dauer! Müßte ich selbst weichen, — ich kehre wieder. Und wer sucht meine Schätze und meine Geheimnisse bei dem toten Cäsar! Hüte sie mir.«
Wäre das Wasser in dem Amethystkelch schwerster Wein gewesen, der Trunk hätte nicht berauschender erregen können als dieses ringende Gespräch: halb Selbstgespräch, halb Zwiegespräch mit der wie ein Dämon verehrten Statue.
Die übermenschliche Anspannung aller Kräfte des Geistes und des Leibes in den letzten Wochen: das sieglose Ringen des heutigen Tages auf dem Forum: der sofort nach dem Erliegen neu gefaßte, fast verzweifelte Plan: die Spannung, mit der dessen Ausführung herbeigesehnt wurde, hatte in dem eisernen Mann die Erregung und zugleich die mühsam bekämpfte Erschöpfung aufs äußerste gesteigert. Er dachte, sprach und handelte wie im Fieber.
Ermüdet warf er sich aufs Lager zu Füßen der Statue. Und fast im Augenblick befiel ihn Schlaf.
Aber es war nicht der Schlaf, wie er ihn nach jeder Schuldtat, vor jeder drohenden Gefahr bisher gefunden: die Frucht seiner gewaltigen, allen Erregungen überlegenen Natur. Unruhig war dieser Schlaf. Qualvoll durch wechselnde Träume, die, hastig wie die Gedankenflucht des Fieberkranken, einander jagten. —
Endlich kam Stete in die Gesichte des Träumenden.
Er sah die Cäsarstatue, zu deren Füßen er lag, wachsen und wachsen. Immer höher ragte das majestätische Haupt. Schon hatte sie das Dach des Hauses durchdrungen.
Das Haupt mit dem Lorbeerkranz verschwand jenseits des Nachtgewölks hoch in den Sternen.
»Nimm mich mit dir!« bat Cethegus.
Aber der Halbgott erwiderte: »Ich sehe dich kaum aus meiner Höhe. Du bist zu klein! Du kannst mir nicht nachfolgen.«
Da schien dem Träumenden plötzlich krachend ein Donnerstreich das Dach des Hauses zu treffen.
Und in schmetternden Schlägen fielen die Balken über ihm zusammen, unter den Trümmern dieses Gemaches ihn begrabend. Auch die Cäsarstatue schien zerschlagen zu stürzen.
Noch immer hallten die Schläge: — auf sprang Cethegus und sah um sich.
ELFTES KAPITEL
Noch hallten die dröhnenden Schläge. Sie waren wirklich — nicht geträumt!
Aber sie schmetterten gegen die Tore seines Hauses. Cethegus ergriff Helm und Schwert. Da flogen Syphax und Lucius Licinius in das Gemach. »Auf, Feldherr!« — »Auf, Cethegus!«
»Es können noch nicht zwei Stunden sein. In zwei Stunden erst wollte ich angreifen —«
»Ja, aber die Goten! Sie kamen uns zuvor! Sie stürmen!«
»Verderben über sie! Wo stürmen sie?« Und schon war Cethegus an der Haustüre. »Wo stürmt der König?«
»An der Hafenstadt. Am Stromriegel. Er hat Brander den Fluß hinaufgeschickt. Dromonen mit brennenden Türmen auf Deck, voll Harz, Pech und Schwefel. Der erste Riegel, der Balkenriegel, und alle Schiffe dahinter stehn in Flammen! Salvius Julianus ist verwundet und gefangen. Da, sieh die Lohe steigen im Südost.«
»Der Kettenriegel — hält er noch?«
»Noch hält er! Aber wenn er reißt?« —
»Bin ich, wie einmal schon, der Riegel Roms! Vorwärts!«
Syphax führte den schnaubenden Rappen vor. Cethegus schwang sich hinauf. »Da rechts hinab! Wo ist dein Bruder Marcus?«
»An der Schanze beim Forum.«
Da stießen sie auf die Söldner, Isaurier und Abasgen, die von der Hafenstadt her flüchteten. »Flieht!« riefen diese. »Rettet den Präfekten!« — »Wo ist Cethegus?«
»Hier — um euch zu retten! Wendet euch! Zum Fluß!«
Er sprengte voran. Der Flammenschein der brennenden Balken und Schiffe bezeichnete das Ziel. Am Ufer des Flusses angelangt, sprang er vom Pferd.
Syphax barg es sorgfältig in einer leeren Warenhalle.
»Fackeln her! In die Boote! Dort liegt ein Dutzend kleiner Nachen! Längst bereitet für solche Gefahr. Alle Pfeilschützen hinein! Mir nach! Licinius, du ins zweite Boot. Rudert bis an die Kette! Legt euch hart oberhalb an die Kette. Wer der Kette, den Fluß herauf, nahe kommt — ein Hagel von Pfeilen über ihn. Die turmhohen Wallmauern gehen links und rechts senkrecht in den Fluß. Sie müssen hierher, an die Kette!«
Schon hatten sich einzelne kleine Kähne der Goten zu nahen versucht.
Aber die einen wurden vom Feuer des Balkenriegels und der Boote ergriffen. Andere schlugen in dem Gedräng, in der Dunkelheit, um. Eines, das bis auf halbe Pfeilschußweite dem furchtbar besetzen Kettenriegel genaht war — trieb wieder steuerlos stromabwärts: alle Leute der Bemannung waren den Pfeilen der Abasgen erlegen.
»Seht ihr? Da schwimmt ein Schiff der Toten!
Harret aus! Nichts ist verloren! Aber schafft Fackeln, Brände herbei. Entzündet dort die Schiffswerft. Feuer gegen Feuer!«
»Sieh dorthin, Herr!« warnte Syphax, der nicht von seiner Ferse wich.
»Ja, da schwimmt die Entscheidung heran.«
Es war ein herrlicher Anblick.
Die Goten hatten erkannt, daß durch kleine Nachen die Riegelkette nicht zu überschreiten war. Da hatten sie von der brennenden Balkenkette mit Beilhieben so viel hinweggehauen, daß in der Mitte des Flusses knapp genügender Raum frei wurde, zwischen den brennenden Balkenenden ein großes, ein Kriegsschiff hindurchzusteuern.
Aber mit der Kraft der Ruder allein durch die nahen Flammen langsam stromaufwärts dringen, dem Pfeilregen der Abasgen ausgesetzt — das konnte für das große Schiff noch schlimmer als für den »Nachen der Toten« enden.
Zaudernd hielten die Goten unterhalb der brennenden Balken. Da plötzlich erhob sich ein starker Südwind, die Wellen des Flusses aufwärts kräuselnd.
»Spürt ihr den Hauch? Das ist des Siegesgottes Atem. Die Segel gehißt! Nun folgt mir, meine Goten«, so rief eine frohlockende Stimme.
Die Segel flogen empor und spannten weit die Flügel des gewaltigen Kriegsschiffes der Goten, des »wilden Schwans«.
Und ein prachtvolles Schauspiel war es nun, als das mächtige Fahrzeug, mit aller Leinwand fliegend und von hundert Ruderern geschoben, den Strom heraufkam, von beiden Seiten schauerlich beleuchtet durch die brennenden Balken und Boote der Römer.
Mit ungestümer, verderbendrohender Eile trieb das Schiff stromaufwärts. Zu beiden Seiten des Oberdecks, hoch über dem geschlossenen Unterdeck der Ruderknechte, knieten, dicht geschart, gotische Krieger, die Schilde dicht aneinander gedrängt: eine eherne Schirmwand wider die Pfeile. An dem Schiffsschnabel vorn erhob sich ein riesiger Schwan mit hochgewölbten Schwingen. Zwischen diesen Schwingen aber, auf des Schwanes Rücken, stand König Totila, das Schwert in der Rechten.
»Vorwärts!« befahl er. »Zieht, ihr Ruderer! Mit aller Kraft! Haltet euch bereit, ihr Goten.«
Cethegus erkannte die jugendliche hohe Gestalt. Er erkannte schon auch die Stimme. »Laßt das Schiff nur heran.
Ganz nahe. Auf zwanzig Schritt. Dann erst schießt. Noch nicht. Jetzt. Jetzt! Pfeile los!«
»Deckt euch, ihr Goten!«
Ein Hagel von Pfeilen schlug gegen das Schiff. Aber an der Schildburg prallten sie machtlos ab.
»Verflucht!« rief Piso hinter dem Präfekten. »Sie wollen die Kette sprengen durch des Schiffes Stoß. Und sie werden es sicher, fielen auch alle Mann auf Deck. Die Ruderer sind ja unerreichbar. Und unverwundbar ist dieser Südwind.«
»Feuer in die Segel! Feuer auf das Schiff! Brände herbei!« befahl Cethegus.
Immer näher rauschte der drohende Schwan. Immer näher drohte der verderbliche Prall gegen die straff gespannte Kette. Schon erreichten nun die geschleuderten Brände das Schiff. Einer flog in das Segel des Fockmastes: es brannte rasch auf, dann erlosch es.
Ein zweiter — Cethegus hatte ihn selbst geschleudert — streifte des Gotenkönigs langes flatterndes Goldhaar.
Neben ihm fiel der Brand nieder. Er hatte es nicht bemerkt.
Da sprang ein Knabe hinzu, der, statt aller Schutz und Trutzwaffen, nur einen derben Hirtenstecken führte. Mit den Füßen trat er den Brand aus. Die anderen Brände prallten von den Schilden ins Wasser und erloschen.
Nur acht Schritte noch war der Vorderstachel der Galeere von der Kette entfernt. Die Römer bebten vor dem Anprall.
Da trat Cethegus ganz vor, an die Spitze seines Bootes, einen schweren Wurfspeer erhebend und sorgfältig zielend.
»Gebt acht«, sagte er. »Sowie der König der Barbaren stürzt — rasch neue Brände.«
Nie hatte der waffenkundige Mann besser gezielt.
Und noch einmal den Speer zurückziehend, schleuderte er ihn mit der ganzen Kraft seines Hasses und seines Arms.
Atemlos harrte seine Umgebung. Aber der König stürzte nicht. Er hatte den Zielenden scharf erkannt. Gleichwohl warf er den langen, schmalen Schild nieder. Er sah der Spitze des Speeres entgegen mit zurückgehaltener schildloser Linker. Sausend kam der Speer geflogen, gerade in der Höhe, wo aus dem Panzer der nackte Hals sich hob.
Hart am Leibe erst fing ihn der König mit der linken Hand und — warf ihn sofort mit der Rechten auf den Werfer zurück: er traf den Präfekten in den linken Arm, oberhalb des Schildes: Cethegus fiel ins Knie.
Im gleichen Augenblick traf der Stoß des Schiffes die straffe Kette. Sie barst. Die Römerboote, die an derselben geruht, schlugen um, auch das des Cethegus, oder schossen meisterlos den Fluß herab.
»Sieg!« jauchzte Totila. »Ergebt euch mir, ihr Söldner.«
Cethegus erreichte schwimmend, blutend, das linke Tiberufer. Er sah, wie das Gotenschiff zwei kleine Boote herabließ, in deren eines der König sprang.
Er sah, wie eine ganze Flotille leichter gotischer Fahrzeuge, unter dem Schutz der Königsgaleere heraufgesegelt, nun ebenfalls die Reihe der Boote seiner Pfeilschützen durchbrach und auf beiden Ufern Mannschaften landete.
Er sah, wie seine Abasgen, für den Nahkampf weder gerüstet noch gestimmt, in Scharen sich einzelnen schwertschwingenden Goten ergaben.
Er sah, wie von dem Königsschiff aus nun ein Pfeilregen die Verteidiger des linken Ufers traf.
Er sah, wie das kleine Boot des Königs sich dem Ufer näherte wo er, wassertriefend, stand.
Er hatte den Helm im Wasser verloren, den Schild fallenlassen, um rascher das Land zu gewinnen. Mit dem Schwert wollte er sich dem eben landenden König entgegenwerfen. Da streifte ein Gotenpfeil seinen Hals.
»Getroffen, Haduswinth«, jauchzte ein junger Schütze, »besser als damals am Marmorgrab.« — »Brav, Gunthamund.«
Cethegus wankte. Syphax fing ihn auf.
Gleichzeitig legte sich eine Hand auf seine Schulter. Er erkannte Marcus Licinius. »Du hier! Wo sind deine Krieger?«
»Tot«, sagte Marcus. »Die hundert Römer fielen auf der Schanze. Teja, der schreckliche Teja, hat sie gestürmt. Die Hälfte deiner Isaurier fiel auf dem Wege nach dem Kapitol. Der Rest hält noch die Pforte des Kapitols und die Halbschanze vor deinem Hause. Ich kann nicht mehr. Tejas Beil drang durch meinen Schild in die Rippen. Leb’ wohl, o großer Cethegus! Rette das Kapitol. Aber: siehe hin. Teja ist rasch.« Und Marcus sank zu Boden.
Flammen schlugen hoch in die Nacht vom kapitolinischen Berg.
»Hier am Fluß ist nichts mehr zu retten«, sprach der Präfekt mühsam. Denn sein Blutverlust war groß und schwächte ihn rasch. »Ich rette das Kapitol! Dir, Piso, befehl’ ich den Barbaren-König.
Du hast schon einen Gotenkönig auf der Schwelle Roms getroffen. Triff einen zweiten! Und triff ihn tödlich! Du, räche deinen Bruder, Lucius. Folge mir nicht.«
Cethegus warf noch einen grimmigen Blick auf den König, um dessen Füße sich flehend die Abasgen drängten.
Tief seufzte er auf
»Du wankest, o Herr?« fragte Syphax schmerzlich.
»Rom wankt!« antwortete Cethegus. »Aufs Kapitol!«
Lucius Licinius drückte seinem sterbenden Bruder noch einmal die Hand. »Ich folge ihm doch«, sagte er dann. »Er ist wund.«
Während Cethegus, Syphax, Lucius Licinius in der Nacht verschwanden, duckte sich Piso hinter die Säule einer Basilika, an welcher hart vorbei der Weg den Fluß aufwärts führte.
Inzwischen hatte der König die sich ihm ergebenden Abasgen seinen Gefolgen überwiesen. Er machte einige Schritte stromaufwärts und wies mit dem Schwert nach den Flammen, die vom Kapitol aufstiegen.
Dann wandte er sich, das Antlitz dem Fluß und den langsamer landenden Goten zugekehrt.
»Vorwärts«, mahnte er. »Eile. Es gilt löschen da oben. Der Kampf ist aus. Nun, ihr Goten, schirmt, erhaltet Rom. Denn es ist euer.«
Diesen Augenblick ersah Piso. »Helfer Apollo«, dachte er, »traf je mein Jambus, jetzt laß mein Schwert treffen.«
Und hinter der Säule hervor sprang er mit gezücktem Schwert auf den König zu, der ihm den Rücken zuwandte.
Aber wenige Zoll vor des Königs Leib ließ er, laut aufschreiend, die Klinge fallen. Ein derber Stockhieb hatte seine Hand gelähmt.
Gleich darauf sprang ein junger Hirt an ihm empor und riß ihn nieder. Der Sieger kniete ihm auf der Brust.
»Gib dich, römischer Wolf!« rief eine helle Knabenstimme.
»Ei, Piso, der Jambenpoet...! Er ist dein Gefangener, Knabe«, sprach der König, der nun herzugetreten war. »Und soll sich lösen mit schwerem Gold. Wer aber bist du, junger Hirt, mein Zügelführer?«
»Dein Lebensretter ist er, o Herr«, fiel der alte Haduswinth ein. »Wir sahen den Römer auf dich stürzen. Aber wir waren zu weit zurück, dir zu rufen oder zu helfen. Dem Knaben danken wir dein Leben.«
»Wie heißt du, junger Held?«
»Adalgoth.«
»Was suchst du hier?«
»Cethegus, den Neiding, den Präfekten von Rom! Wo ist er, Herr König? Das sage du mir. Hierher, auf das Schiff, ward ich gewiesen. Hier, hört’ ich, werd’ er deinem Ansturm wehren.«
»Er war hier. Er ist entflohen. Wohl in sein Haus.«
»Willst du mit diesem Stecken den Höllenkönig bezwingen?« fragte Haduswinth.
»Nein«, rief Adalgoth, »nun hab’ ich ja ein Schwert.«
Und er hob vom Boden seines Gefangenen Waffe, schwang sie empor und war in der Nacht verschwunden.
Totila übergab Piso den Goten, die nun in dichten Scharen auf beiden Seiten des Flusses gelandet waren.
»Eilt«, wiederholte er. »Rettet das Kapitol, das die Römer verbrennen.«
