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Kitabı oku: «Eine Mutter», sayfa 16

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»Also unter vier Augen,« sagte die Gräfin kalt und fast spöttisch lächelnd, während Helene sich mit einer Verbeugung in das Nebengemach zurückzog, ohne daß die Dame weiter Notiz von ihr genommen hätte. »Sie machen mich wirklich neugierig, Graf Rottack.«

Felix warf den Blick der Richtung zu, nach der sich Helene gewandt; die Thür war verschlossen, und mit vor innerer Bewegung fast unhörbarer Stimme sagte er:

»Es ist in der That etwas Wichtiges, um das es sich hier handelt, Frau Gräfin, denn das Glück des mir theuersten Wesens auf der Welt, das Glück meiner Helene, hängt von dieser Stunde ab!«

»Und stehe ich damit in Verbindung?« sagte die Gräfin kalt und stolz, indem sie dabei fest seinem Blick begegnete.

»Ja,« sagte Felix leise, aber entschlossen, denn er fühlte, daß jetzt die Zeit zum Handeln gekommen sei und er jede andere Rücksicht bei Seite lassen müsse. »Bitte, nehmen Sie Platz, Frau Gräfin, hören Sie mich geduldig nur wenige Minuten, und dann – wenn Ihr eigenes Herz nicht jetzt schon für uns spricht – mögen Sie selber entscheiden, ob die Sache – wichtig genug war, Ihre Zeit in Anspruch zu nehmen.«

»So reden Sie,« sagte die Gräfin, indem sie auf dem ihr gebotenen Fauteuil Platz nahm.

»Erinnern Sie sich, Frau Gräfin,« begann der junge Mann, während es ihm schwer wurde, die ersten Worte hervorzubringen, »daß ich Ihnen neulich in Ihrem eigenen Schlosse sagte, Helene sei die Tochter der Gräfin Baulen, die sich in der Provinz Santa Clara in Brasilien damals aufhielt, vielleicht noch da lebt?«

»Ich glaube, ja…«

»Sie glauben, ja?« fuhr Felix fort, dessen Pulse jetzt rascher an zu schlagen fingen. »Und – ist Ihnen dann Helene weiter nichts, als die Tochter der Gräfin Baulen – oder jener Frau, die sich dort in ihrem albernen Stolze Gräfin nennt?«

Die Gräfin hatte ihm mit einem marmorkalten Antlitz zugehört; nicht ein Zug desselben zuckte oder verrieth, was in ihr vorging, keine Wimper regte sich. Felix kam es so vor, als ob ihre Wangen um einen Schatten bleicher geworden wären, aber das Licht der untergehenden Sonne konnte ihn täuschen, und ruhig und regungslos verharrte sie in ihrer Stellung und erwiderte auch noch kein Wort, als Felix schon eine Zeit lang geschwiegen, als ob sie erwartete, daß er noch einmal fortfahren würde. Endlich sagte sie mit ihrer abgemessenen, leidenschaftslosen Stimme:

»Herr Graf, Sie trauen mir in der That viel Discretion zu, daß Sie mir solcher Art die innersten und zartesten Geheimnisse Ihrer Verwandtschaft mittheilen: ich weiß nicht, ob Sie gut daran thun.«

»Frau Gräfin,« rief Felix, »ist des denn möglich, daß ein menschliches Wesen solche Selbstbeherrschung zu üben vermag, wenn – aber jetzt kann es nichts helfen,« unterbrach er sich rasch, »wir verlieren die kostbare Zeit hier mit einem Wortspiel; Sie müssen Alles wissen: so vernehmen Sie denn, daß Helene erst vor unserer Abreise von dort, vor unserer Vermählung erfahren hat, wer ihre wirkliche Mutter ist – daß sie dabei fühlt, wie sie nie von ihr anerkannt werden kann und wird, es auch nicht verlangt. Das Geheimniß soll bleiben, wie es bis jetzt gewesen, fest und undurchdringlich und nie gebrochen von unseren Lippen – aber Helenens Seele drängt nach dem Augenblick, wo sie einmal an dem Herzen der Mutter liegen, nur einmal den theuren Namen nennen darf, den sie bis jetzt nur von einem Wesen gekannt hat, das sie nie geliebt. Oh, wenn Sie wüßten, was das arme Kind gelitten,« fuhr der junge Mann lebendig fort, als die Gräfin schwieg und leise mit dem Kopf schüttelte – »wenn Sie ahnen könnten, wie es sie mit allen Fasern des Herzens hierher gezogen, nur einmal die Kniee der Mutter umfassen und einmal ihr müdes Haupt an ihre Brust legen zu dürfen, Sie würden Mitleid mit ihr haben…!«

»Herr Graf, nicht weiter, wenn ich bitten darf,« unterbrach ihn die Gräfin, »denn irgend ein Geheimniß liegt hier zu Grunde, das Sie im Begriff sind, einer völlig unbetheiligten und demselben fernstehenden Person zu enthüllen. Hier muß ein Irrthum obwalten, und ich – will nicht weiter nachforschen, inwieweit Sie mich selber da hineingezogen; daß es mir aber nicht angenehm sein kann, werden Sie einsehen, und ich ersuche Sie deshalb, kein Wort mehr darüber zu verlieren.«

»Kein Wort mehr davon?« wiederholte Rottack staunend; »und ist es möglich, daß – aber nein,« unterbrach er sich rasch, »Sie glauben sicherlich, daß nur eine vage unbestimmte Vermuthung mich zu dem Schritt getrieben. Sehen Sie her, Frau Gräfin – kennen Sie diesen Brief? Kennen Sie die Handschrift dieser Zeilen? Dort liegt der andere Brief, den Sie heute Morgen die Güte hatten, meiner Frau mit der Anzeige Ihres heutigen Kommens zu senden – kennen Sie diesen Brief?«

Die Gräfin hatte einen flüchtigen Blick über die Zeilen geworfen, und so riesenstark sie bis jetzt Alles zurückgehalten, was ihre Seele bewegen oder auch nur in Miene oder Ausdruck ihr inneres Gefühl verrathen konnte – dieser Beweis gegen sie kam ihr zu rasch und unerwartet. Ihre Wangen erbleichten sichtlich, und die Hand, welche das Papier hielt, zitterte – aber nicht so lange, als sie Zeit gebrauchte, den Brief zu lesen; ihre Stirn zog sich in Falten; den kleinen, feingeschnittenen Mund umzuckte Trotz und Ärger, und mit finsterem Blick, aber vollkommen fester Stimme sagte sie:

»Also die Ähnlichkeit einer Handschrift soll hier gemißbraucht werden…«

»Um Gottes willen, halten Sie ein, Frau Gräfin,« rief Felix rasch und erschreckt, »auch nur der Schatten eines solchen Argwohns wäre furchtbar! Dieses Papier ist der einzige Beweis auf der weiten Gotteswelt, den wir gegen Sie haben – sehen Sie hier!« – Noch während er sprach, hatte er das Papier wieder aus ihrer Hand genommen und an einem auf dem Kaminsims stehenden Feuerzeug ein Streichholz entzündet; er hielt den Brief darüber – er flackerte auf, und nachdem er ihn zwischen den Fingern hatte vollständig verbrennen lassen, warf er die Asche auf den leeren Rost. – »Glauben Sie jetzt noch, daß hier von einem Mißbrauch die Rede sein kann?«

Die Gräfin hatte sich ebenfalls erhoben, und ihr Blick haftete scharf und forschend auf den edlen Zügen des jungen Mannes. Mit vollkommen wiedererlangter Fassung regte sich aber auch nicht eine Muskel ihres starren Antlitzes, und sie sagte ruhig:

»Ich habe das nicht anders von Ihnen erwartet, Herr Graf. Die Handschrift war allerdings täuschend ähnlich; aber Sie werden auch fühlen, daß ein weiteres Gespräch über diesen Gegenstand nur für beide Theile peinlich werden müßte. Ich glaube, mein Wagen ist vorgefahren.«

»Mutter!« sagte da eine weiche, schmerzdurchbebte Stimme, und als die Frau fast unwillkürlich den Kopf danach wandte, stand Helene, die Augen in Thränen gebadet, die Hände gefaltet, das Antlitz leichenbleich, auf der Schwelle.

Fast unwillkürlich wandte sich die Gräfin halb ab, als ob sie den Platz rasch verlassen wolle; wenn das aber ihre Absicht gewesen, so siegte doch ihr besseres Gefühl.

»Ihre Frau sieht recht angegriffen aus, Herr Graf,« sagte sie; »es thut mir leid, die unschuldige Ursache einer solchen Täuschung gewesen zu sein, aber ich hoffe und wünsche nicht, daß das unsern weitern Verkehr stören möge. Es wird mich immer freuen, Sie Beide bei uns zu sehen.«

Sie wollte fort, aber es war, als ob sie nicht konnte, als ob ihre Füße selber am Boden wurzelten; und Helene kam auf sie zu, langsam und wie ohne eigenen Willen, und ihre Hand faßte die der Gräfin und zog sie an ihre Lippen, und ihre Kniee beugten sich vor der strengen, harten Frau. Aber ehe sie dazu kam, hatte Gräfin Monford ihren Arm gefaßt, und sich an Felix wendend, rief sie:

»Ihre Frau ist krank, Herr Graf, haben Sie Acht auf sie – geistige Überreizung zieht manchmal ebenfalls nachtheilige Folgen nach sich; erklären Sie ihr den Irrthum, das wird sie beruhigen – ich werde morgen nachfragen lassen, wie sie die Nacht geschlafen hat. Wie sie zittert, die arme Frau – Sie dürfen sich nicht so aufregen, liebes Kind – ich hoffe, daß wir uns recht bald wiedersehen, Herr Graf!« Und sich leicht, aber stolz verneigend, während Felix zu Helenen gesprungen war und sie unterstützt hatte, verließ sie den Saal, ohne auch nur noch einmal den Blick zurückzuwenden.

Draußen hielt in der That der Wagen, den der Bediente auf des Grafen strengen Befehl nicht anzumelden gewagt hatte. Wenige Minuten später hörten sie das Knirschen der Räder auf dem Gartenkies, und Helene, ihr Haupt an der Brust des Gatten bergend, rief leise und weinend:

»Verloren – auf immer verloren!«

16.
Vornehme Welt

Gräfin Monford war draußen in ihren Wagen gestiegen und hatte sich nur mit dem einen kleinen Wort »Nach Hause!« zu dem Bedienten, der den Schlag für sie offen hielt, in die Ecke gelehnt. Die Pferde zogen an und der Kutscher hielt draußen rechts ab, um das Gewirr der Schützenwiese zu vermeiden. Es war heute der letzte Tag dieses Volksfestes, und das Gedränge und Toben und Schreien auf dem Platz besonders arg. Noch konnte er aber kaum dreihundert Schritt gefahren sein, als er wieder einzügelte, und als die Gräfin, unzufrieden damit, den Kopf hob, erkannte sie George, der dem Kutscher ein Zeichen gegeben hatte, und den jungen Grafen Hubert zu Pferde, die rechts und links an der Droschke hielten und sie begrüßten.

»Aber, Mama, so lange bist Du bei Rottacks geblieben?« rief George, indem er sein muthiges Pferd kaum zum Stehen brachte. »Nicht wahr, es sind liebe Leute? Ich hatte eben nicht übel Lust, mit Hubert einmal vorzureiten und ihn mit dem Grafen bekannt zu machen.«

»Ah, lieber Hubert, wie geht es Ihnen und Ihrer guten Mutter?« sagte die Gräfin, dem jungen Grafen Bolten freundlich zunickend – »thue das heute lieber nicht, George; die junge Gräfin hat heftige Kopfschmerzen bekommen, und ihr Mann wollte eben nach einem Arzt schicken.«

»Das bedauere ich in der That. Es wird doch nichts von Bedeutung sein?«

»Migräne.«

»Fährst Du direct nach Hause, Mama?«

»Ja; kommt nicht zu spät und laßt mich nicht so lange allein.«

»Nein, gewiß nicht; in einer halben Stunde hole ich Paula ab. Aber die Pferde wollen nicht länger stehen – guten Abend!«

Die Gräfin nickte Beiden freundlich zu, und die Droschke rollte weiter, während die jungen Leute ihre Pferde wieder wandten, um ihren Ritt zu beenden. Die Thiere waren aber durch das Halten ungeduldig geworden, und Hubert's Fuchs besonders, ein englischer Vollbluthengst, stieg und tanzte auf den Hinterbeinen und konnte nur mit Mühe von seinem gerade auch nicht sanftmüthigen Herrn gebändigt werden.

Eben hatte er ihn wieder fest im Zügel, als ein armer Teufel, ein junger Bursch mit einem Schiebkarren voll Töpferwaaren, die er irgendwo zum Verkauf ausstellen oder herumfahren wollte, auf der Straße herabkam und, durch das unruhige Pferd irre gemacht, nicht gleich wußte, nach welcher Seite er ausbiegen sollte. Dadurch that er das Verkehrteste: er blieb dicht vor dem hochgeladenen Karren halten, und als dieses halb davor scheute und, von dem Zügel dabei gerissen, auf die Seite und an den Karren hinantrat, klapperten die Töpfe, und das Pferd schlug erschreckt danach und mitten in die zerbrechlichen Waaren hinein.

Der junge Graf riß es allerdings wieder herum; es begann aber sein Tanzen jetzt von Neuem, und Hubert, irritirt, setzte ihm die Sporen ein, daß es wild zusammen- und an dem Karren vorbeifuhr. Der Reiter aber, der es fest im Zügel hatte, nun er an dem unglücklichen Topf-Fuhrmanne vorüberflog, hieb diesen mit der Reitpeitsche über den Kopf und hatte dann alle Hände voll zu thun, daß der Hengst nicht mitten in die Menschen hinein- und mit ihm durchging. Die Leute hatten aber vor dem scheuen Pferde Platz genug gemacht, und ihm jetzt halb den Zügel lassend, flog er mit ihm die Allee hinab.

»Oh mein Gott, meine Töpfe, mein Kopf!« klagte indeß der arme Karrenführer, der im ersten Augenblick gar nicht wußte, was ihm weher that, der Hieb oder die Vernichtung seiner Waare.

Hubert's Reitknecht sprengte an ihm vorüber, seinem Herrn nach. George aber, dem der arme Bursche leid that, zügelte sein Pferd ein und hielt neben ihm.

»Wie groß ist der Schade?« rief er freundlich. »Ich mache es gut – der Herr da vorn konnte sein Pferd nicht halten…«

»Ach, und wie hart er mich geschlagen hat – ich war doch gewiß nicht schuld daran!«

»Wie groß ist der Schade, wie viel Töpfe sind Dir zerbrochen? Sag' rasch, mein Junge, denn mein Pferd wird auch ungeduldig.«

»Ach, Du lieber Gott,« klagte der arme Teufel, »ich weiß es ja nicht – gewiß über einen Thaler, und der große Topf da unten ist auch entzwei!«

»Da,« rief George, indem er in die Tasche griff und ihm ein Goldstück hinüberwarf, – »so behalte das Andere als Schmerzensgeld!« Und ehe ihm der Bursche danken konnte, ließ er seinem Thier den Zügel und trabte rasch die Allee hinab.

Um die Biegung derselben hatte Hubert seinen Hengst endlich wieder zum Stehen gebracht und erwartete ihn.

»Ob Einem das Lumpenvolk wohl je mit seinem Karren und Fuhrwerk ausweicht!« rief er ihm entgegen – »ich denke, der wird aber das nächste Mal vorsichtiger sein!«

»Der arme Junge konnte nichts dafür, Hubert; Dein Hengst nahm ja die ganze Straße ein – Du bist zu rasch gewesen.«

»Ach was – der Hieb wird ihm gut thun, und seine Töpfe mag er sich wieder zusammenleimen!«

George schwieg, und die beiden jungen Leute setzten jetzt, aus dem Menschengewirr heraus, ihren Spazierritt ruhiger fort, bis sie in die Nähe des Hauses kamen, in dem Paula heute zum Besuch war. George wollte dort absteigen und mit seiner Schwester zurückfahren.

Noch ehe sie das Haus erreichten, kam Handor die Straße herunter und grüßte. George zügelte sein Pferd ein.

»Reite voran, Hubert – ich habe mit dem Herrn dort etwas zu sprechen.«

»Mit dem?« sagte Hubert verwundert – »das ist ja der Schauspieler…«

»Ja – Handor – ich komme gleich nach. – Hier, Karl, nimm mein Pferd, laß ihm aber den Zügel etwas weit; es geht ganz ruhig nebenher, und halte Dich nirgends mehr auf. Du reitest gerade nach Hause.«

»Sehr wohl, Herr Graf.«

Der Reitknecht griff den Zügel des Thieres auf und George, der indessen abgestiegen war, schritt auf den ihn erwartenden Handor zu, dem er die Hand reichte und mit ihm langsam die Straße hinaufging.

Hubert, der sich nicht denken konnte, was Graf Monford mit dem Schauspieler zu verkehren habe, schüttelte den Kopf, trabte aber dann bis zu dem Thorweg des Hauses, mit dessen Insassen er ebenfalls bekannt war, um dort wenigstens Paula begrüßen zu können und George's Rückkehr zu erwarten. –

Die kleine Zwischenscene mit dem übermüthigen jungen Grafen und dem Töpferjungen hatte sich gerade vor Pfeffer's Fenster abgespielt.

Seine Schwester war kränker geworden – möglich, daß die neuliche Aufregung mit dazu beigetragen hatte, aber der Arzt, welcher jetzt täglich und manchmal zweimal am Tage kam, hatte angeordnet, daß ihr Bett in die luftigere Stube geschafft werden und sie dasselbe nicht verlassen sollte. Auch verbot er jedes Rauchen im Zimmer; der scharfe Dampf that der Brust der Kranken weh.

Jeremias wich fast nicht von ihrem Bett, und wenn er ausging, brachte er gewiß irgend etwas mit, von dem er glaubte, daß es ihren Zustand erleichtern oder ihr angenehm sein könne – und wie Vieles gab es da, denn die bisherige Einrichtung der Familie war ja nur auf das Nothdürftigste beschränkt worden und hatte selten oder nie auf eine selbst einfache Bequemlichkeit ausgedehnt werden können!

Und Jettchen sah fast noch kränker aus, als ihre Mutter, denn der Vater hatte ihr seine Unterredung mit Rebe erzählt, und wenn sie ihm auch Recht geben mußte, wenn sie auch fühlte, daß er gehandelt habe, wie er als ehrlicher und selbstständiger Mann handeln sollte, so konnte sie sich doch auch der Überzeugung nicht verschließen, daß damit ihre letzte Hoffnung zerknickt und der Geliebte für sie verloren sei. – Und die Mutter fühlte das mit ihr, und deshalb besonders war ihr Geist so niedergedrückt, der Körper so jeder Lebensthätigkeit beraubt worden, weil die Sorge um das liebe Kind ihr Herz und Sinn erfüllte.

Pfeffer selbst war in einer ganz verzweifelten Stimmung. Die Angst um die Schwester, deren Zustand er vielleicht noch für viel bedenklicher hielt, als er wirklich war, litt ihn nicht in seinem Zimmer, und drüben durfte er nicht rauchen – Haß und Ingrimm erfüllten ihn dabei gegen seinen Director und die Ursache alles dieses Unheil, den »aufgeblasenen Handor«, wie er ihn nannte, ohne daß er irgend ein Mittel wußte, einem von ihnen beizukommen.

Hundertmal im Tage, nachdem er im Krankenzimmer auf und ab gelaufen war und die Kranke ordentlich nervös gemacht hatte, schoß er in seine Stube hinüber, griff eine Pfeife auf, ging damit zum Tabakskasten, fand dort, daß sie schon gestopft sei, und stellte sie unwillig wieder bei Seite. Nachher fing er an seine Dose zu suchen, die er aber in der ewigen Unruhe nie finden konnte und dadurch nur immer irritirter wurde.

Und dabei mußte er Komödie spielen, erst den Schuster in Lumpaci Vagabundus und dann, zwei Abende später, den Grafen in Aschenbrödel – und daheim den Familienjammer; denn wenn er es sich auch nicht merken ließ, ging ihm Jettchen's Herzenskummer fast eben so nahe, wie der Schwester Krankheit. Es war rein zum Tollwerden, und Pfeffer, der überhaupt nicht zu den geduldigsten Naturen gehörte, hätte heute Brunnen vergiften können.

Jetzt stand er wieder am Fenster und sah, wie die Reiter die Allee herabgesprengt kamen, wie das Pferd des einen scheu wurde und dieser den armen Teufel von Schiebkärrner mißhandelte. Und wie fing er da oben am Fenster jetzt an zu schimpfen, und zwar laut hinaus und mit der geballten Faust nach der Allee hinüber drohend, daß Jeremias gar nicht wußte, was er hatte, und zu ihm trat.

»Nun seh' Einer das vornehme Gesindel an!« schrie er – »Sie Lump, Sie! Sie Baron, Sie Junge – na, wenn ich nur unten wäre!«

Übrigens war es sehr gut für ihn, daß er nicht unten war und überhaupt Niemand in der Allee hören konnte, was er rief, denn jedes einzelne Wort hätte Anlaß zu einer Injurienklage geben können.

»Aber was hast Du nur, Fürchtegott?«

»Was ich habe? Ist es denn nicht zum Halsabschneiden, wenn man zusehen muß, wie dieses übermüthige Gesindel den armen Arbeiter behandelt? – Haut ihn mit der Peitsche über den Kopf! Hätt' ich eine Flinte gehabt, vom Pferde hätt' ich den Cujon heruntergeschossen!«

»Aber schrei doch nicht so, die Schwester ängstigt sich ja – sie zittert so schon an allen Gliedern…«

»Und ich wohl nicht? – Aber vor Wuth!«

»Aber der Herr da unten giebt dem Mann ja Geld!«

»Der Andere war's – sein sauberer Compagnon – und das ist nun die »bevorzugte Klasse«, die höhere Schicht der Gesellschaft; das sind die Repräsentanten von Bildung und Intelligenz! Gott straf' mich, wenn man nicht manchmal verrückt werden möchte, nur ein solches Komödienspiel außer der Bühne anzusehen!«

»Wer war es denn?«

»Kenn' ich die Laffen alle, die mit Glacéhandschuhen und einem Titel und Orden in der Welt herumlaufen? Irgend einer der Gesellschaft, ob er nun Herr von so oder Herr von so heißt!«

»Aber, lieber Schwager, wir können die Welt nicht ändern…«

»Und wozu spielen wir denn Komödie?« rief Pfeffer, immer noch in voller Wuth – »weshalb führen wir ihnen denn auf der Bühne immer auf's Neue ihre Albernheiten und Schwachheiten, ihren Stolz und Dünkel, ihre Sünden und Laster vor, als um sie zu bessern? Aber Gott bewahre, da sitzt das verstockte Volk selber im ersten Rang, hört und sieht zu und applaudirt sogar noch mit, wenn man ihnen mit Gift und Galle einmal ordentlich die Wahrheit gegeigt hat! – Aber Gott bewahre, das geht sie ja nichts an, die Canaille, die da gemeint ist, heißt ja Franz Moor oder Präsident so und so – das sind sie ja nicht – sie sind Cavaliere von reinem Blut und Stammbaum – Herrgott von Danzig!« und seine Hausmütze auf's linke Ohr schiebend, rannte er aus dem Zimmer, zog sich drüben an und lief dann direct hinaus in's Freie und weit in den Wald hinein, nur um seinem Ärger und Ingrimm Luft zu machen. –

Handor war eben von seinem Spaziergang in die eigene Wohnung zurückgekehrt. Unten im Hause traf er auf den Theaterdiener, der gerade bei ihm gewesen war, aber wieder fort wollte, da er einen Geldbrief abzugeben hatte. Er nahm ihn mit hinauf in die Stube, da er quittiren mußte.

Er wohnte in der Hauptstraße in der ersten Etage eines nicht großen, aber sehr freundlichen und netten Hauses chambre garnie. Die Einrichtung war elegant: Mahagoni-, mit rothem Plüsch gepolsterte Möbel, großer Spiegel in Goldrahmen, Kupferstiche und Ölbilder an den Wänden. Bücher standen nirgends. Nur auf dem Secretär lagen zwei oder drei ziemlich neue Bände und auf dem Tisch ein paar illustrirte und fünf oder sechs verschiedene Theater-Zeitungen – einige von diesen unter Kreuzband, wie sie von der Post gekommen, und noch nicht einmal geöffnet.

»Bitte, lieber Peters, kommen Sie hier mit herein,« sagte Handor, indem er, von dem Theaterdiener gefolgt, voran in sein Zimmer schritt und noch im Eintreten den Brief erbrach; »ich gebe Ihnen die Quittung gleich wieder mit. Hat der Director nichts weiter gesagt?«

»Gestöhnt hat er,« sagte der Mann, indem er, obwohl schon in der offenen Thür, trotzdem noch gewissenhaft vorher anklopfte – »wie er immer thut, wenn er Geld hergeben soll. Zäh ist er wie der Deubel.«

»Wenn er es nur hergiebt, Peters,« lachte Handor, indem er die Banknoten nachzählte – »das ist die Hauptsache.«

»Ja und er hat's doch, beim Deubel, nicht nöthig,« bemerkte Peters, »denn was für Einnahmen haben wir jetzt gehabt! Beim Lumpaci Vagabundus war das Haus gerappelte voll, und ebenso beim Goldonkel und dem Aschenbrödel, und daß neulich in der Ifagenia Niemand drin war – lieber Gott, das weiß er einmal, daß ihm in den Schäksbier seine Stücke Niemand 'nein will!«

»Das wäre nicht übel, Peters – der Hamlet nächstens soll hoffentlich ein volles Haus machen.«

»Ist er auch von dem?«

»Von Shakespeare? Gewiß!«

Peters zuckte die Achseln und hielt mit seiner Meinung zurück. – »Sagen Sie 'mal, Herr Handor,« fuhr er nach einer Weile fort, »ist es denn wahr, daß Herr Rebe abgeht?«

»Ich glaube, ja; ich weiß es nicht, Peters,« erwiderte Handor, die Noten noch einmal überzählend.

»Schade um das junge Blut,« meinte der Theaterdiener, mit dem Kopf schüttelnd, »ist ein recht ordentlicher Mensch – da hätten wir lieber den Nüßler fortschicken sollen, mit dem ist's nichts, und er lernt nicht einmal. Über den sollten Sie den Mauser reden hören! Wenn der ihm seine Rolle nicht laut vorschrie', gäb's jeden Abend ein Unglück!«

»Ja, mein lieber Peters, das sind Sachen, die mich nichts angehen und um die ich mich nicht bekümmere. Alle Wetter, jetzt ist mir die Dinte wieder eingetrocknet – ach, bitte, springen Sie doch einmal zum Hausmann hinunter, daß der Ihnen ein wenig in das Dintenfaß gießt!«

»Ih, lassen Sie einmal sehen,« sagte Peters, das Dintenfaß schräg gegen das Fenster haltend, denn es dämmerte schon stark – »da gießen wir ein bischen Wasser darauf und dann thut's es noch einmal.«

»Ja, das wird gehen – da steht noch ein Rest Rothwein, nehmen Sie etwas von dem.«

»Würde mich der Sünde scheuen, Herr Handor,« sagte Peters, »die Gottesgabe in die Dinte zu gießen – der Wein erfreut des Menschen Herz.«

»Na, dann trinken Sie ihn und nehmen Wasser,« lachte Handor – »dort auf dem Schränkchen steht die Caraffe.«

»Danke schön, wollen Beides besorgen – es kommt nur immer auf die richtige Eintheilung an, wie ich unserem Secretär wohl zehnmal am Tage sage!« Damit hatte er seine alte Mütze, die er auf der Straße immer keck auf dem linken Ohr trug, abgelegt und die Dinte in wenigen Minuten so verdünnt, daß Handor doch seinen Namen damit unterschreiben konnte und ihm jetzt die Quittung reichte.

»Danke gehorsamst. – Wollen wir den Wein wieder wegstellen?« sagte dann Peters zurückhaltend.

»Den sollten Sie ja trinken!«

»Der Wohlthätigkeit keine Schranken gesetzt, wie auf den Zetteln des Kirchenconcerts steht,« bemerkte Peters, indem er sich selber ein Glas herbeiholte, den Wein hineingoß und den Rest auf einen Zug leerte. »Donnerwetter, das ist guter Stoff, Herr Handor!« fuhr er, sich den Mund wischend, fort – »so etwas kommt eigentlich selten an einen Theaterdiener, immer nur Haßburger Dünnbier, mit Respect zu melden – Fußbad, wie wir's in der »Krone« nennen. Nu, danke auch recht schön!«

»Und das für Botenlohn,« sagte Handor, indem er ihm ein Geldstück in die Hand drückte.

»Auch noch?« bemerkte Peters – »ja, da sieht man gleich, was ein erster Liebhaber ist – ein erster Tenorist zahlt nie ein Trinkgeld, wenn er Vorschuß kriegt; sie meinen immer, es käme zu oft und liefe zu viel in's Geld. Also 'pfehle mich Ihnen, Herr Handor – morgen haben Sie doch nichts zu thun, nicht wahr? Ach so, es ist ja Oper – also vergnügten Abend – nun, mit dem kleinen Paketchen da kann man sich schon einen vergnügten Abend machen, und es reicht auch ein Stück in die Nacht hinein.«

Und damit schoß der gesprächige Diener der Musen wieder zur Thür hinaus, während Handor, der sich indessen Licht angezündet hatte, den Brief des Directors mit den Augen überflog. Bei dem Abschiedsgruß des Burschen nickte er nur mit dem Kopfe.

Der Brief war kurz und lautete:

»Mein lieber Herr Handor! Es ist eigentlich vollkommen gegen meine Grundsätze, irgend einem Mitglied zweimal im Monat Vorschuß oder sogar die erst zum Ersten fällige Gage voraus zu zahlen. Ich will dieses Mal eine Ausnahme machen, da der Erste ja bald ist, und um Sie auch bei guter Laune zu erhalten. Ich hoffe, Sie werden das anerkennen.

Ihr ergebenster Krüger, Director.«

Noch während er las und ein leichtes, spöttisches Lächeln über seine Züge blitzte, klopfte es stark an die Thür. Fast unwillkürlich nahm er das Paket Banknoten, schob sie in die Tasche und rief dann: »Herein!«

Der Anklopfende ließ sich nicht lange bitten.

»Guten Abend, Herr Handor! Das freut mich ja sehr, daß ich Sie endlich einmal zu Hause treffe – ich bin heute schon viermal da gewesen und immer umsonst!«

»Ah, Meister Seilitz,« sagte Handor, der seine Augen mit der Hand gegen das Licht schützen mußte, um ihn zu erkennen – wenn er ihn nicht schon an der Stimme erkannt hatte, denn er schien eben nicht angenehm überrascht von der Entdeckung, – »und was verschafft mir die Ehre Ihres fünfmaligen Besuches?«

»Ja, mein bester Herr Handor, Sie wissen ja wohl – die Rechnung. Dem Fabrikanten muß ich vierteljährlich seine Tuche bezahlen, die Gesellen wöchentlich, und ich bin nicht mehr im Stande, die Auslagen zu bestreiten, wenn mich meine Kunden so im Stich lassen. Ich möchte Sie dringend bitten, mir wenigstens einen Theil meiner Rechnung abzubezahlen!«

»Mein guter Herr Seilitz,« sagte Handor lächelnd, »Sie wissen aber doch, daß ein Schauspieler nie vor dem Ersten Geld hat, und mit dem besten Willen wär' ich jetzt nicht im Stande –«

»Aber Sie erinnern sich doch, Herr Handor, daß ich Ihnen das letzte Jahr hindurch regelmäßig am Ersten meine Aufwartung gemacht habe, und der Himmel weiß, wie es kommt, ich konnte nie den günstigen Moment treffen, denn einmal kam ich eine Stunde zu früh und das andere Mal eine Stunde zu spät – aber es war immer nichts.«

»Sie haben wirklich Unglück gehabt, Meister Seilitz,« sagte Handor, »aber diesmal soll ihnen das nicht wieder so begegnen. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß wir diesmal am Ersten meine Rechnung abschließen – vielleicht noch früher.«

»Ich würde Ihnen unendlich dankbar sein, Herr Handor,« sagte der Schneidermeister, »und da es nur noch ein paar Tage bis zum Ersten sind, so will ich auch nichts weiter dagegen sagen. Dann aber müßte ich wirklich – so leid es mir thun sollte – die Gerichte zu Hülfe rufen, denn ich kann nicht länger warten.«

»Nun, Meister Seilitz, wenn Sie mir auch nicht gerade gleich mit den Gerichten drohen…«

»Es thut mir wirklich leid, Herr Handor, denn ich behandle meine Kunden gern mit Achtung, aber…«

»Jetzt werden Sie doch so freundlich sein und mich verlassen, Herr Seilitz,« sagte Handor, der auch anfing ärgerlich zu werden. »Wenn Sie bis zum Ersten Ihr Geld nicht haben, »so thun Sie nachher, was Ihnen – angenehm ist.«

»Sehr wohl, Herr Handor – Sie haben mir Ihr Wort gegeben, und ich verlasse mich darauf. Sie wissen, wenn ich Ihnen einmal etwas versprochen, habe ich es auch gehalten.«

»Das haben Sie – also für den Augenblick…«

»Ich will Ihnen nicht länger lästig fallen – am Ersten, Morgens zwischen zehn und elf Uhr, werde ich mir wieder erlauben nachzufragen.«

»Sehr wohl, Herr Seilitz.«

»Guten Abend, Herr Handor.«

Handor stand, als ihn der Mann verließ, mit dem rechten Arm auf den Tisch gestützt, die Linke in der Tasche, in die er die Banknoten gesteckt, und blieb in der Stellung noch lange, nachdem sein Gläubiger schon die Stube und das Haus verlassen hatte. Leise nickte er dabei mit dem Kopf und murmelte:

»Das geht nicht mehr länger so – das geht bei Gott nicht mehr! Das ist ein Hundeleben, und keine Existenz – aber bah,« rief er, den Kopf zurückwerfend, daß ihm das lange, lockige Haar aus der Stirn flog, »steh' ich denn nicht am Vorabend großer Ereignisse? Bis zum Ersten? – Bis zum Ersten sind die Würfel gefallen, und Sie bekommen Ihr Geld, Herr Seilitz, oder – Sie bekommen es nicht,« setzte er gleichgültig hinzu, ging zum Secretär, in dem er das eben vom Director erhaltene Geld, den Rest seiner ganzen Gage für diesen Monat, verschloß und den Schlüssel in die Tasche steckte. Dann klingelte er und nahm Hut und Mantel um, blieb aber noch mitten in der Stube, so fertig angezogen zum Ausgehen, stehen, bis die Thür aufging und sein kleiner Laufbursche, der aber eine dünne Goldlitze als Ansatz einer Livrée um den Rockkragen trug, in der Thür erschien.

»Ich gehe aus, Fritz.«

»Sehr wohl, Herr Handor.«

»Weißt Du, wohin ich gehe?«

»In die »Hölle«, Herr Handor.«

»Allerdings, mein Bursche – wenn Dich aber Jemand danach fragen sollte?«

»Bis dahin werd' ich's wohl wieder vergessen haben, Herr Handor.«

»Gute Nacht, mein Bursche,« sagte der junge Mann, ihm mit dem Kopf zunickend, und stieg langsam und leise vor sich hin pfeifend die Treppe hinunter.

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
28 eylül 2017
Hacim:
620 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain