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Kitabı oku: «Eine Mutter», sayfa 25

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»War das der Herr, dem wir auf der Treppe begegneten?«

»Ja wohl, mit den kurzen Haaren und dem mopsigen Gesichte; aber er hat's hinter den Ohren. Na, ich muß jetzt fort; vergessen Sie nicht, um zwölf Uhr. Guten Morgen, meine Herren!« Und wie ein Pfeil schoß er wieder aus der Thür hinaus.

»Und wohin soll ich Sie begleiten?«

»Das war der Theaterdiener, nicht wahr?«

»Ja, Peters.«

»Wohin Sie mich begleiten sollen? Wohin Sie wahrscheinlich recht gern mitgehen,« lächelte der kleine Mann. »Sie wissen, was mein Schwager Pfeffer von Ihrer Bewerbung um Jettchen hielt – bitte, lassen Sie mich ausreden. Pfeffer kennt das Theater durch und durch, und mit keiner Aussicht, daß Sie sich je eine unabhängige Stellung dabei erringen könnten, hielt er es für seine Pflicht, ein Verhältniß abzubrechen, das, wie er fürchtete, für Jettchen nur vergebliche Hoffnungen hatte und aus dem doch nie etwas Ernstes werden konnte. Gestern Abend nun, oder vielmehr noch diese Nacht, habe ich mit ihm die Sache überlegt, und wir sind Beide zu dem Schluß gekommen, daß Sie…« Hier stak er fest, denn er wußte jetzt nicht recht, wie er dem ihm mit hochgerötheten Wangen gegenüber sitzenden jungen Mann die Sache weiter auseinander setzen sollte.

»Und erlauben Sie mir, daß ich Henriette wiedersehen darf?« sagte endlich Rebe mit leiser Stimme.

»Hurrjeh, deshalb bin ich ja hergekommen,« rief Jeremias, der sich dadurch mit Einem Mal aller Verlegenheit enthoben sah. »Jetzt, auf den Ruck wollen wir hingehen! Ich sage Ihnen, daheim ist es ein wahrer Jammer die Zeit über gewesen, so hat sich das arme Ding, das Jettchen, heimlich gesorgt und abgequält, und die Mutter ist dabei immer elender und miserabeler geworden. Heute blüht Jettchen wie eine junge Rose und singt im Hause herum, daß es eine Lust ist.«

»Mein lieber Herr Stelzhammer!«

»Machen Sie nur rasch, mir brennt's ordentlich unter den Sohlen,« rief Jeremias; »weiß Gott, es war kein Spaß, das Leiden den ganzen Tag mit anzusehen und nichts dabei thun zu können! Der Hamlet hat die ganze Geschichte wieder auf die Strümpfe gebracht, und wenn Sie jetzt in Gang bleiben, ist mir auch nicht bange.«

Es mochte etwa elf Uhr Morgens sein, als der junge Graf Hubert, sein braves Pferd in Schweiß gebadet, in die Stadt zurückkehrte. Er war seit Tagesanbruch draußen gewesen und sah wild und verstört aus. Sein Gesicht glühte dabei und seine Augen waren wie mit Blut unterlaufen.

Den Weg herunter kam in einem scharfen Trab George. Er hatte Hubert's Pferd erkannt und wollte ihn sprechen.

»Um Gottes willen, Hubert, wo bist Du gewesen?« rief er den Freund erschreckt an. »Wie siehst Du aus?«

»Du freilich siehst aus, als ob Du von einer Morgenpromenade kämest,« erwiderte gereizt der junge Graf. »Wo ich war? Und das fragst Du auch noch? Den Flüchtigen nach. Beim ewigen Gott, hätte ich ihn erreicht, seine Minuten wären gezählt gewesen!«

»Und Du hättest Dich selbst unglücklich dadurch gemacht!«

»Unglücklich? Beim Teufel, glaubst Du, daß ich jetzt glücklich bin, wo die ganze Stadt mit Fingern auf mich deuten wird? Tod und Hölle, ich möchte rasend werden, wenn ich darüber nachdenke!«

George seufzte tief auf. Wie gern hätte er den Freund getröstet, aber war er nicht selber jeden Trostes bar? Seine arme, arme Paula! –

»Handor hat wie ein Schuft gehandelt!« sagte er endlich düster.

»Wer?« schrie Hubert mit einer vor innerer Bewegung fast unhörbaren Stimme, indem er den Arm George's krampfhaft ergriff und nur wieder loslassen mußte, weil er sein Pferd zugleich mit den Sporen berührte und dieses mit ihm nach vorn sprang. Hubert, überdies schon zum Äußersten gereizt, stieß ihm die Sporen jetzt fest in die Seiten, und zugleich es am Zügel zurückreißend, mißhandelte er das Thier, daß es vor Angst und Schmerz kaum stehen konnte. Aber er hatte keinen Sinn für sein Roß, nur gegen George zu riß er es wieder herum, und mit heiserer Stimme wiederholte er: »Wer, sagtest Du, wer?«

»Handor, der Schauspieler,« erwiderte George; »es ist kein Zweifel mehr, und Gott nur weiß es, wie er das Herz des armen Kindes so zu berücken wußte!«

»Handor? Hahahahahaha,« lachte Hubert jetzt wild und grell auf, »das ist zum Todtschießen! Handor, der Komödiant, mit der Comtesse Monford, der Braut des Grafen Bolten, bei Nacht und Nebel und vom Verlobungsschmaus weg, so recht zum Hohn entflohen! Und daher Deine Freundschaft mit diesem Menschen, die ich mir bisher nicht zu erklären wußte; daher Deine heimlichen Zusammenkünfte und Berathungen mit ihm!«

»Hubert, Du weißt nicht, was Du sprichst!« rief George.

»Weiß ich's nicht?« lachte Hubert in aufkochendem Zorn. »Und weil Ihr mich zum Tölpel gemacht und meine Gutmüthigkeit benutzt habt, glaubst Du, daß ich meine Sinne nicht wiederfände?«

»Du bist rasend, die Leute werden schon aufmerksam!«

»Aufmerksam? Hahaha, in der ganzen Stadt wird wahrscheinlich jetzt von nichts Anderem gesprochen, und mit Fingern werden sie gleich auf uns zeigen: Da, das ist der Bräutigam, dem die Braut davongelaufen, und das da der Bruder, der sie zusammengekuppelt hat!«

»Du bist von Sinnen, Hubert!« rief George, der Mitleid mit der Leidenschaft des Freundes fühlte. »Reite nach Hause und beruhige Dich erst, dann wollen wir Alles besprechen; jetzt und in diesem Zustand kannst Du mich nicht beleidigen.« Und damit lenkte er sein Pferd ab und wollte den Weg hinabreiten.

»Kann ich Dich nicht beleidigen, Kuppler?« schrie in diesem Augenblick der fast außer sich Gerathene, indem er sein schon überdies halb wild gewordenes Thier mit den Sporen in mächtigen Sprüngen nach vorn trieb, daß es in wenigen Sätzen George's Pferd eingeholt hatte. »So nimm das wenigstens zum Lohn!« Und ehe es George verhindern oder den Schlag pariren konnte, hieb er ihm mit der schweren Reitpeitsche mit voller Kraft am Kinn herunter über die Brust.

George zügelte im Nu sein Thier ein. Er war todtenbleich geworden; aber so bleich und starr sein Antlitz war, so ruhig hielt er sich im Sattel, und wie Hubert sein springendes Thier nur erst einmal wieder gebändigt, sagte George mit eisiger Kälte:

»Gott vergebe Dir Deinen Wahnsinn, ich kann es nicht, das fordert Blut!«

»Hab' ich Dich endlich warm gemacht?« lachte der junge Graf höhnisch, und seinem Pferd die Zügel lassend, flog er mit ihm in Carrière die Allee entlang.

25.
Wie das Glück wechselt

In ihrem freundlichen Boudoir saß Helene, scheinbar mit einer kleinen Arbeit beschäftigt; aber ihre Gedanken waren weit von da, und nicht einmal der Kinder achtete sie mehr, die neben ihr auf dem Teppich spielten und aus einem mächtigen Baukasten Schlösser aufzurichten suchten, um sie nachher von Günther's Bleisoldaten stürmen und der Erde gleichmachen zu lassen. Und wie sie dann jubelten und lachten, wenn der stattliche Bau, den sie schon wenigstens noch einmal so hoch als Mamas Fußbank aufgerichtet, polternd in sich zusammenstürzte und Helenchen dann mit den kleinen Patschchen, vor Freude aufkreischend, dazwischen herumstrich, damit auch nicht ein Stein auf dem andern blieb!

Man sagt: Kinder zerstören gern; aber es ist nicht wahr. Nur neubilden wollen sie, nur dem, was sie besitzen, eine andere Form und Gestalt geben, und daß sie dabei leichtsinnig mit dem, was ihnen gegeben, umgehen und nach der Zerstörung oft nicht wieder im Stande sind, das Geschehene ungeschehen zu machen – ist es ihre Schuld, und thun wir großen, erwachsenen Menschen nicht so oft, oh, so entsetzlich oft im Leben genau dasselbe?

Und die Mutter sah das Alles nicht, hörte nicht einmal den Jubel der Lieblinge über eine vollbrachte diminutive Heldenthat, und leise tropften dann und wann große, helle Thränen von ihren Wangen nieder und auf die Arbeit, daß sie das Tuch zu Hülfe nehmen mußte, um nur wieder klar sehen zu können.

Geräuschlos war Felix eingetreten; aber kaum hatten ihn die Kinder bemerkt, als sie aufsprangen und sich jubelnd an seine Kniee hingen; er konnte sich ihrer kaum erwehren, und die Mutter wischte indessen rasch und verstohlen die verrätherischen Tropfen weg, daß der Gatte sie nicht sehen sollte.

»Helene,« sagte Felix und schlang leise seinen Arm um sie, »mein liebes, liebes Frauchen, immer noch die trüben, traurigen Gedanken?«

»Ach, Felix,« seufzte die junge Frau, »soll ich fröhlich sein, wenn ich an das Schicksal der armen Paula denke?«

»Es ist unerklärlich,« rief Graf Rottack, indem er sie losließ und zum Fenster trat, »rein unerklärlich, wie das scheue, schüchterne Wesen nicht allein zu diesem Entschlusse, nein, zu der Ausführung desselben gelangte; denn hätte mir Jemand vorher gesagt, daß gerade Paula so selbstständig, so rücksichtslos selbstständig auftreten könne, ich würde ihn für thöricht erklärt haben.«

»Und ist es bestätigt, daß sie mit jenem Schauspieler entflohen ist?«

»Das Gerücht in der ganzen Stadt sagt allerdings Ja, und es bleibt uns beinahe nichts Anderes zu glauben übrig, als ihm beizustimmen. Handor ist gestern Abend, etwa zu der nämlichen Zeit verschwunden, so daß ein junger Anfänger im Theater seine Rolle übernehmen mußte, und leider lautet das, was ich über jenen Handor heute Morgen in der Stadt hörte, trostlos genug für Paula's künftiges Lebensglück.«

»Arme, arme Paula!«

»Daß sich die Eltern versöhnen ließen, daran ist nun vollends kein Gedanke,« fuhr Felix fort, »und ich fürchte, ich fürchte, das unglückliche junge Mädchen hat einem leichtsinnigen, gewissenlosen Menschen ihre ganze Zukunft anvertraut!«

»Und kann denn gar nichts geschehen, um sie zu retten?«

»Es ist die Frage,« sagte Felix ernst, »ob ihr Vater unter dem ersten Eindruck dieser tödtlichen Kränkung auch nur den Versuch dazu machen wird, und nachher – ist es zu spät. – Aber wer ist das? George Monford – großer Gott, wie todtenbleich er aussieht!«

Es war in der That George, der in diesem Augenblick vor dem Gartenthor abstieg und sein Pferd am Zügel in die innere Einfriedigung hineinziehen wollte. Felix sandte augenblicklich einen Diener hinaus, um es ihm abzunehmen, und wenige Minuten später betrat der junge Graf das Zimmer, in dem die beiden Gatten sich befanden.

Beide begrüßten ihn auf das Herzlichste. George selber war aber so bewegt, daß er anfangs gar nicht im Stande schien, ihre freundlichen Worte zu erwidern. Endlich sagte er leise:

»Was müssen Sie von mir denken, wenn ich schon wieder mit einer Bitte nahe, die aber dieses Mal freilich keinen heitern Scherz betrifft!«

»Lieber Graf,« sagte Rottack herzlich, »Sie wissen, wie willkommen Sie uns immer waren, aber nie mehr, als gerade jetzt, wenn Sie uns Hoffnung machen, daß wir Ihnen in Ihrem Schmerze beistehen können!«

George erwiderte kein Wort, aber er preßte fest die Hand, die er in der seinigen hielt. Sie wurden gestört, denn die Bonne kam herein, um die Kinder abzuholen, und Helenchen wollte nicht mitgehen, weil Günther noch einen kleinen Thurm aufgebaut hatte, den sie vorher umwerfen mußte. Der Vater ließ sie gewähren, und indeß sie das Zimmer verließen, hatte George auch seine volle Ruhe wiedergewonnen. – Kaum schloß sich die Thür hinter ihnen, als er leise sagte:

»Sie wissen Alles, was gestern vorgefallen, und insofern ist es mir eine Erleichterung, daß ich das Entsetzliche nicht zu wiederholen brauche. Wohin sich Paula gewandt, ist unbestimmt, nur die Richtung, welche der Wagen letzte Nacht genommen haben muß, oder wir würden ihn sicher überholt haben, macht es wahrscheinlich, daß sie nach dem Rhein zu geflohen. Wer aber soll sie dort in jetziger Zeit, wo Tausende von Fremden auf und ab schwärmen, verfolgen? Trotzdem hatte ich die Absicht, die Reise heut Abend anzutreten; es ist aber möglich, daß ich daran verhindert werde, und in diesem Fall möchte ich Sie dringend bitten, Ihre Bemühungen mit den meinigen zu vereinigen.«

»Oh, so gern, so gern,« rief Helene, »wenn wir nur eine Andeutung bekommen können, nach welcher Himmelsgegend das unglückliche Kind entflohen!«

»Wohl ist sie ein unglückliches Kind,« sagte George ernst, »denn ich fürchte, sie gerieth in schlimme Hände; aber das zu bedenken ist jetzt zu spät, und nur den Versuch müssen wir noch machen, sie zu retten, ehe sie ganz verloren geht.«

»Und was sagen Ihre Eltern?«

»Von denen ist nichts zu hoffen,« seufzte George. »Die Mutter ist unerbittlich, und nur den Vater könnte ich vielleicht noch gewinnen, wenn nicht ein anderes Hinderniß dazwischen träte. Paula war immer des Vaters Liebling, mit seiner ganzen Seele hing er an der Schwester; deshalb traf ihn auch gestern die Schreckenskunde mit so furchtbarer Schärfe, daß wir schon das Schlimmste fürchteten. Er war ganz außer sich und phantasirte mit offenen Augen. Heute hat er sich erholt; er scheint die Nacht ruhig geschlafen zu haben und war heute Morgen, als ich das Schloß verließ, schon auf und am Fenster. Armer alter Mann, und was steht ihm vielleicht noch bevor!«

»Geben Sie die Hoffnung noch nicht auf,« rief Helene bewegt, »Gott kann noch Alles zum Besten lenken!«

»Ja,« sagte George leise, »aber bis dahin müssen wir thun, was in unseren Kräften steht. Ich weiß nicht, woher es kommt,« fuhr er nach einer kurzen Pause fort, »aber zu Ihnen, Frau Gräfin, und zu Ihrem Gatten habe ich mich vom ersten Moment hingezogen gefühlt, habe Vertrauen zu Ihnen gefaßt, und es war mir wunderbarer Weise immer, als ob wir uns eigentlich gar nicht so fremd, als ob wir schon lange mit einander bekannt, befreundet gewesen wären. Das gab mir damals den Muth, sogleich ohne Weiteres zu Ihnen zu kommen und Sie um Beistand in einer Sache zu bitten, die jetzt freilich anders geendet hat, als ich damals dachte. Ihnen, Frau Gräfin, empfehle ich jetzt auch meine Paula. Ich weiß, mit welcher Liebe die Schwester, der es genau so ging, an Ihnen hing, wie oft sie in der kurzen Zeit von Ihnen sprach. Seien Sie ihr eine Schwester, wenn ich – vielleicht verhindert werden sollte, das auszuführen, was ich heute begonnen.«

»Hier haben Sie meine Hand darauf,« sagte Helene, während sich ihre Augen mit Thränen füllten; »wir werden sie wiederfinden, und was treue Liebe vermag, sie zu trösten, ihr zu helfen, soll gewiß geschehen.«

»Ich danke Ihnen,« sagte George gerührt; »ich war davon überzeugt, ehe ich zu Ihnen kam, und jetzt gehe ich fröhlicher an meine Arbeit, da ich weiß, daß ich meine arme Paula nicht fremd, nicht hülflos ihrem Geschick begegnen sehe. Sie haben mir eine schwere Last von der Seele genommen.«

»Aber wollen Sie denn fort von hier?«

»Wahrscheinlich auf eine kurze Zeit, es ist wenigstens möglich, und da ich rasch abgerufen werden könnte, wollte ich doch nichts versäumt haben. Ich komme auch eben vom Telegraphenamte, wo ich in jener Richtung an vier verschiedene Freunde in verschiedenen Orten telegraphirt habe. Für den Fall aber, daß ich nicht hier sein sollte, gab ich Ihre Adresse auf; Sie sehen, Frau Gräfin, wie fest ich auf Ihre Güte rechnete.«

»Aber Paula wird doch gewiß unmittelbar an ihre Eltern schreiben,« sagte Felix.

»Ich glaube es auch, aber ich fürchte, meine Mutter nimmt, in der ersten Zeit wenigstens, keine Briefe von ihr an, und der Vater ist so leidend, daß ich nicht auf ihn rechnen kann.«

»Großer Gott,« seufzte Helene, »welches Unheil kann ein einziger schlechter Mensch über eine glückliche Familie bringen, und wie furchtbar schnell fiel der Schlag!«

»Furchtbar schnell,« wiederholte George leise und fast tonlos die Worte, »ganz furchtbar schnell, und wir waren so glücklich, so ahnungslos glücklich! Aber es hat nicht sein sollen,« fuhr er plötzlich mit fester Stimme und sich wieder hoch aufrichtend fort, »und da es einmal geschehen, müssen wir dem Schicksal trotzig die Stirn bieten.«

»Sie wollen schon fort?«

»Ja, ich habe heute Morgen noch viel zu thun.«

»Sie sind ganz blutig am Kinn, Graf George.«

»Noch ein Andenken dieser Nacht,« sagte George, während ihm das Blut in die Schläfe stieg, »ich hatte einen wilden Ritt. So leben Sie wohl, Herr Graf, leben Sie wohl, Frau Gräfin, Gott schütze Sie und lohne Ihnen, was Sie an meiner Schwester thun!«

Er drückte Beiden die Hand, wandte sich rasch ab und verließ das Haus, um draußen sein Pferd wieder zu besteigen.

In der nämlichen Zeit, in welcher George Monford Rottacks besuchte, schritt Rebe an Jeremias' Seite Pfeffer's Wohnung zu, und wie leicht und wie glücklich schlug ihm dabei das Herz!

Noch hatte er nicht alle Schwierigkeiten besiegt, das wußte er recht gut, ja, eigentlich war nur der erste Schritt auf seiner Bahn gethan; aber er war doch gethan, es war ihm doch gestattet worden, in die Arena einzutreten, und seiner eigenen Kraft anheimgestellt, den Sieg zu erringen, und mehr verlangte er ja nicht, mehr hatte er nie verlangt. Was jetzt auch kommen mochte, er konnte doch erproben, ob er wirklich im Stande sei, eine ehrenvolle Stellung auszufüllen, und dann, wenn das nicht möglich war, mit dem Bewußtsein zurücktreten, sein Äußerstes versucht zu haben. Gelang es ihm aber, blieb er Sieger, dann war auch sein heißester Seelenwunsch erfüllt, das Ziel seines ganzen Strebens erreicht, und er sah eine Laufbahn vor sich, deren Lasten und Mühen selbst nur so viel Genüsse für ihn waren, weil eben seine ganze Seele daran hing, sein ganzes Streben dem gewidmet war.

Und wie lieb und freundlich wurde er oben im Hause von Allen empfangen! Wie hold erröthend trat ihm Henriette entgegen, und wie ganz verändert war selbst der sonst immer mürrische und verdrießliche Fürchtegott Pfeffer gegen ihn geworden!

»Rebe,« sagte er, sowie dieser nur das Zimmer betrat, indem er ihn bei einem Knopf erwischte, »Sie sind ein verfluchter Kerl. Sie haben sich gestern Abend vortrefflich herausgebissen, und wenn Sie auch wirklich nicht in Haßburg bleiben, was aber doch vielleicht der Fall ist, so werden Sie Ihr Glück auf jeder Bühne machen.«

»Herr Pfeffer, Sie glauben gar nicht, wie ich mich freue…«

»Ist auch gar nicht nöthig,« unterbrach ihn Pfeffer, »ich wollte Ihnen auch nur sagen, daß es mir leid thut, früher grob gegen Sie gewesen zu sein; aber Sie dürfen es mir auch nicht übel nehmen, denn was für ein trauriges Exemplar der menschlichen Gesellschaft ein schlechter Schauspieler ist, wissen Sie wahrscheinlich besser, als ich es Ihnen sagen könnte.«

»Aber, Fürchtegott, so laß uns auch einmal zu Worte kommen,« bat die Frau, welche heute aber viel wohler schien, als sie bis jetzt gewesen. Ihre Wangen hatten ordentlich etwas Farbe bekommen und ein liebes, freundliches Lächeln spielte um ihre Lippen.

»Bin schon fertig,« brummte Pfeffer; »'s ist doch merkwürdig, daß Frauen nie leiden können, wenn ein Anderer spricht.«

»Mein lieber Herr Rebe,« sagte Henriettens Mutter, dem jungen Mann die abgemagerte Hand entgegenstreckend, »es hat uns Alle recht herzlich gefreut, als wir Ihren gestrigen Erfolg gehört; Gott wird Sie ja weiter führen und noch Alles zum Guten lenken.«

»Meine liebe, verehrte Frau,« rief Rebe bewegt, »seien Sie versichert, daß ich alles in meinen Kräften Stehende thun werde, um weiter zu kommen, und schon daß ich Ihnen dies sagen darf, ist mir ein großer Trost.«

»Er stichelt,« meinte Pfeffer.

»Und Jettchen?« sagte Rebe leise, indem er seine Hand gegen sie ausstreckte.

»Ich habe es fest geglaubt, daß Sie Ihr Ziel erreichen würden,« flüsterte das junge Mädchen, das wie mit Purpur übergossen da stand, indem es die dargebotene Hand schüchtern nahm.

»Na, dann ist die Geschichte ja abgemacht,« rief Pfeffer, »und viel besser, als ich gedacht habe, denn ich hatte mich schon wieder vor einer Überschwemmung gefürchtet. Aber wo willst Du denn hin, Jeremias?«

»Bin gleich wieder da, warte nur einen Augenblick,« rief der kleine Mann. Er hatte bis jetzt an der Thür gestanden und ein paar Mal hinausgehorcht. Jetzt kam Jemand die Treppe herauf, und wenige Minuten später kehrte Jettchen's Vater mit einer Flasche Champagner unter jedem Arm zurück, die er unbedingt unterwegs bestellt haben mußte.

»So,« rief er, »und nun trinken wir vor allen Dingen erst einmal die Gesundheit des neuen Liebhabers – und Guste auch mit.«

»Aber darf ich Wein trinken?«

»Du? Erst recht, daß Du wieder zu Kräften kommst,« rief Pfeffer. »Der Rebe scheint überhaupt auch, wie er bis jetzt ein heimlicher erster Liebhaber war, ein heimlicher erster Doctor zu sein, denn die Geschichte von gestern Abend hat Dich mehr auf den Strumpf gebracht, als bisher alle Medicinflaschen. Apropos, Rebe, haben Sie den Director schon gesprochen?«

»Ich erhielt vor einer halben Stunde etwa einen Brief von ihm, worin er mich bittet, um zwölf Uhr auf das Bureau zu kommen.«

»Bittet – so? Haben Sie ihn bei sich.«

»Hier ist er.«

»Lassen Sie einmal sehen. »Mein lieber Herr Rebe!« Wie der Lump freundlich sein kann, wenn's ihm auf den Nägeln brennt. »Sie würden mich sehr verbinden, wenn Sie mich um zwölf Uhr heute Morgen auf meinem Bureau besuchen wollten. Ich habe Ihnen eine erfreuliche Mittheilung zu machen.« Glaub' ich ihm, dem Cujon! »Ihr ganz ergebenster Krüger, Director.« 's ist unglaublich,« rief Pfeffer, mit der Hand in den Brief schlagend, »und wie schreibt er sonst!«

»Aber, Onkel,« sagte Jettchen, »Herr Rebe ist ja doch nicht mehr bei ihm engagirt!«

»Ach was da, er hätte 'mal gestern nicht sollen den Hamlet spielen und heute Morgen Herrn Director Krüger um eine Unterredung gebeten haben, möchte sehen, wie der Brief gelautet haben würde! Aber wie viel Uhr ist's jetzt?«

»Halb Zwölf.«

»Also nun erst anstoßen auf das Wohl unseres ersten jugendlichen Liebhabers,« rief Jeremias und ließ in dem nämlichen Augenblick einen Pfropfen knallen, als ein scharfer Schrei in der Thür ausgestoßen wurde.

»Oh, mein Gott, haben Sie mich erschreckt!« stöhnte Fräulein Bassini, die auf der Schwelle stand.

»Ob die nicht jedesmal zum rechten Moment kommt,« rief Pfeffer lachend; »na, her, Alte – noch ein Glas, Jettchen!«

»Alte? Fürchtegott, ich verbitte mir Deine Grobheiten! Aber, mein lieber Herr Rebe, Sie haben uns Alle gestern Abend…«

»Die Geschichte ist lange abgemacht,« rief Pfeffer, ihren Arm fassend und sie auf einen Stuhl ziehend.

»Aber ich darf doch…«

»Champagner trinken, gewiß; da stoß mit Horatius an, denn er muß fort, um ein neues Engagement abzuschließen.«

»Also wirklich?« rief Fräulein Bassini entzückt. »Oh, da gratulire ich von ganzem Herzen!«

»Und Rebe soll leben, vivat hoch!« rief Pfeffer.

Pfeffer war überhaupt in einer überaus aufgeregten Stimmung, litt aber trotzdem nicht, daß Rebe über eine Minute seiner Zeit blieb, damit er den Director nicht warten ließ. Das schickte sich nicht für einen jungen Künstler, wie er meinte. Er mußte aber versprechen, ihnen gleich nachher das Resultat mitzutheilen, und dann drückte er ihm selber den Hut auf den Kopf und schob ihn zur Thür hinaus.

Rebe fand den Director in seinem Bureau mit auf den Rücken gelegten Händen auf und ab gehen.

»Mein lieber Herr Rebe,« rief er und streckte ihm die Hand entgegen, »es freut mich ausnehmend, daß Sie meinem Wunsche so pünktlich nachkommen; eben schlägt es Zwölf.«

»Herr Director, Sie werden mir das Zeugniß geben, daß ich nie säumig gewesen bin.«

»Nie, gewiß nicht, nein wahrhaftig! Sie hielten immer musterhaft auf Ordnung; aber bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen?«

Rebe setzte sich und merkte dem Director an, daß er sich in irgend einer Verlegenheit befand. Er schien wirklich nicht recht zu wissen, wie er beginnen sollte, und rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her.

»Nun, wie haben Sie diese Nacht geschlafen?« begann er endlich. »Nicht wahr, vortrefflich? Dachte es mir. Auf Lorbeern schläft sich's vorzüglich,« setzte er lächelnd hinzu, »und ich muß Ihnen gestehen, daß Sie die gestern reichlich und verdient geerntet haben.«

»Sie sind so gütig.«

»Bitte, Sie wissen, ich schmeichle nie; ein Theaterdirector kann das auch nicht. Übrigens haben Sie doch wohl erfahren, welchen Streich mir Herr Handor gespielt?«

»Ich muß Ihnen gestehen, daß ich seine Flucht nicht begreife.«

»Es ist die bodenloseste Undankbarkeit, die mir je im Leben vorgekommen; sie ist eigentlich undenkbar, classisch großartig, und er hat mich dadurch in die furchtbarste Verlegenheit gesetzt.«

Rebe schwieg. Er war fest entschlossen, sich nicht anzutragen, und Director Krüger durch den Ausruf in eine Sackgasse gerathen.

»Ja, furchtbarste Verlegenheit,« fuhr er nach einer etwas zu langen Kunstpause fort, »aus der Sie uns allerdings für gestern Abend durch Ihr kühnes Einspringen gerissen. Aber was jetzt weiter? Haben Sie sich schon wieder engagirt, Herr Rebe?«

Rebe lächelte. »Sie wissen wohl, Herr Director, daß die Zeit dazu doch etwas zu kurz gewesen wäre.«

»Hm, ja, und – und hätten Sie Lust, an unserer Bühne noch ein paar Versuche zu machen?«

»Mein Engagement ist mit dem heutigen Tage abgelaufen. Sie meinen auf Gastrollen?«

»Hm, ja, und – wenn auch –« Der Director rückte wieder herum. Er hatte jedenfalls etwas, und Rebe konnte sich nicht denken, was es sein möchte. »Hören Sie, Herr Rebe,« platzte er endlich heraus; »es kann nichts helfen, ich muß aufrichtig mit Ihnen reden, denn das Drumherumgehen ist meine Sache nicht; ich bring's nicht fertig.«

»Und ist das bei mir nöthig, Herr Director?«

»Ich will Ihnen etwas sagen,« fuhr Krüger entschlossen fort. »Sie wissen, daß Sie gestern dem Publikum ausnehmend gefallen haben; es hat Ihnen davon jeden Beweis gegeben. Auch der Erbprinz war entzückt von Ihrem Spiel. Das will aber Alles noch nichts sagen, denn allen Respect vor Seiner Königlichen Hoheit, aber ein Urtheil in solchen Dingen haben die Herren sehr selten. Die Hauptsache jedoch bleibt die, Sie haben mir gefallen, Herr Rebe, Sie haben mich hingerissen, die Thränen sind mir altem Esel in die Augen gekommen, was mir, so lange ich fast denken kann, nicht passirt ist, und gestern Abend, ja noch heute Morgen bis etwa vor einer Stunde, war ich fest entschlossen, Sie unter jeder nur einigermaßen annehmbaren Bedingung an unsere Bühne zu fesseln.«

»Und jetzt?« sagte Rebe erwartungsvoll.

»Da bekam ich,« fuhr der Director fort, »vor etwa einer halben Stunde den Wisch da.« Und er zeigte auf einen neben Rebe auf dem Tisch liegenden Brief. »Lesen Sie.«

Rebe nahm den Brief und las ihn laut:

»Mein lieber Herr Director! Ich möchte keine Zeit versäumen, Sie wohlmeinend vor einem voreiligen Schritt zu warnen. Rebe hat gestern Abend den Hamlet gespielt, und das Publikum, dadurch bestochen, daß er eine so große Rolle so rasch übernehmen konnte, war artig genug, ihn für die Gefälligkeit zu honoriren. Die Gegenwart des Erbprinzen trug dazu bei, die Leute etwas aufzuregen. Ich selber hatte eine Claque für Handor besorgt, die aus mißverstandenem Diensteifer das auf seinen augenblicklichen Nachfolger übertrug, und für den Abend war das gut. Lassen Sie sich aber um Gottes willen nicht verleiten, dem unglücklichen Menschen auch nur noch Eine Rolle anzuvertrauen. Er hat auch nicht die Spur von Talent, und ich werde ihm und dem Publikum das in meiner morgen erscheinenden Recension beweisen. Danken Sie Gott, daß Sie ihn los sind, denn Sie dürfen das Publikum gar nicht so in's Gesicht schlagen, ihm ein Subject wie diesen jungen Anfänger für einen Künstler einzuschieben. Aber meine Furcht ist gewiß grundlos, Sie denken wahrscheinlich eben so wenig daran, wie ich es hoffe. Nur das Interesse für unser Institut konnte mich bewegen, diese Zeilen an Sie zu richten.

Hochachtungsvoll Ihr ergebenster
Feodor Strohwisch.«

»Nun, was sagen Sie dazu?« fragte der Director.

»Weiter nichts,« lächelte Rebe, »als daß dieser selbe Herr Strohwisch heute Morgen in aller Frühe bei mir war, mir zu meinem gestern entwickelten Talent gratulirte und mir gegen ein mäßiges Honorar jede Unterstützung versprach.«

»Aber das ist doch nicht möglich! Sie sagten es ihm doch zu?«

»Ich gab ihm zu verstehen,« sagte Rebe, während ihm das Blut in die Schläfe stieg, »daß ich ihn, wenn er sich nicht gutwillig entfernte, die Treppe hinunterwerfen würde!«

»Da haben wir's!« rief der Director aus, indem er wie besessen von seinem Stuhl emporsprang und im Zimmer herumlief. »Unglückliches Menschenkind, wissen Sie denn nicht, daß Sie der Recensent – mit Respect zu melden – da wir doch unter uns sind – hier todt machen kann und auch wirktodt macht?«

»Durch sein Schimpfen?« sagte Rebe. »Mein lieber Herr Director, wenn ich mir dadurch meinen Platz am Theater wahren könnte, daß ich einen dieser erbärmlichen Lohnschreiber bezahlte, um mich zu loben, dann würde ich noch heute der Bühne, an der ich mit ganzer Seele hänge, den Rücken kehren.«

»Aber ändern Sie einmal die Welt,« rief der Director; »das Publikum glaubt nun einmal, was es gedruckt sieht.«

»Und wer schreibt denn überhaupt all' diese Recensionen?« fuhr Rebe fort. »Gehen Sie all' unsere Kritiker durch, und unter den Tausenden, die davon leben, haben Sie kaum fünfzehn oder zwanzig ehrenwerthe und tüchtige Männer, die auch wirklich selber etwas schaffen können. Die Anderen sind lauter heruntergekommene oder noch nie oben gewesene Literaten, die, nicht im Stande, etwas Selbstständiges zu arbeiten, sich nun auf's hohe Pferd setzen und an uns armen Schauspielern, wenn wir ihnen nicht das Blutgeld zahlen, oder an anderen Schriftstellern ihr Gift und ihre Galle auslassen!«

»Aber was hilft Ihnen das? Es ist einmal so, und gegen den Strom kann kein Mensch schwimmen.«

»Oh doch, Herr Director,« lächelte Rebe; »es geht allerdings etwas langsamer, aber es geht.«

»Fangen Sie mit dem an,« rief Krüger, »der scheut sich vor keiner schmutzigen Arbeit!«

»Das glaube ich Ihnen, das thun alle diese Herren nicht; aber ich bezweifle doch, daß er das Publikum so in seiner Gewalt hat, um über einzelne Individuen nach Belieben zu disponiren.«

»Passen Sie auf,« rief Krüger, »ich gebe Ihnen mein Wort, wenn er Sie in seiner nächsten Nummer richtig herunter macht – und das thut er jetzt, darauf können Sie Gift nehmen, – dann rührt sich am nächsten Abend keine Hand, und was das Schlimmste ist, die Leute gehen vielleicht noch ein- oder zweimal aus Neugierde in's Theater, wenn Sie spielen, aber nachher bleiben sie aus wie Röhrwasser.«

»Ich muß es abwarten.«

»Bedenken Sie doch nur,« fuhr Krüger fort, »einem bösen Hunde giebt man zwei Knochen. Was haben Sie denn davon, wenn Sie Tag um Tag im Blatt heruntergerissen werden?«

»Aber wie kann ich's hindern?«

»Gleichen Sie's aus,« rief Krüger rasch, »Strohwisch ist kein Unmensch; mit Geld ist Alles zu machen, und hier – Apropos, lieber Rebe, eh' ich's vergesse, hier habe ich auch Ihr Spielhonorar für gestern Abend.«

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
28 eylül 2017
Hacim:
620 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain