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Kitabı oku: «Eine Mutter», sayfa 26
»Herr Director…«
»Bitte mir's aus, das stand nicht in Ihrem Contract, und wenn mir Jemand gestern Abend das Messer auf die Brust gesetzt hätte, würde ich mit Wonne das Vierfache bezahlt haben. Das dürfen Sie auch nehmen, Sie haben sich's ehrlich und redlich verdient, und mein Dank für Sie bleibt dabei immer noch derselbe.«
Dabei legte er ihm fünf Friedrichsd'or auf den Tisch, und Rebe's Ehrgefühl sträubte sich erst, so nothwendig er das Geld auch brauchte, dagegen, es anzunehmen, weil er gestern eben noch im Engagement gestanden. Allerdings war es ein außerordentlicher Fall gewesen, und Krüger, der, wenn er wollte, ganz liebenswürdig sein konnte – er wollte nur selten, – bewies ihm mit einer solchen Herzlichkeit, daß er ihn selber beleidigen würde, wenn er etwas verweigerte, was eine reine und einfache Schuldsache der Direction sei, daß er es endlich nicht länger ausschlagen konnte.
»Und – nun,« sagte Krüger, »wenn Sie meinem Rathe folgen, gehen Sie ohne Weiteres zu Strohwisch, Umstände brauchen Sie mit ihm nicht zu machen, und drücken ihm zwei davon in die Hand. Sie sollen dann einmal sehen, was für eine Recension morgen erscheint!«
»Da schenkt' ich sie lieber dem ersten armen Menschen, der mir begegnet, Herr Director,« sagte Rebe. »Ich bin fest entschlossen, mir meinen Weg zu erkämpfen; nur so kann ich mir selber genügen und Freude an der Sache behalten. Im andern Falle müßte ich mich vor mir selber schämen.«
»Das ist sehr schön und ehrenwerth von Ihnen,« sagte der Director trocken, »wird Ihnen aber hier den Hals brechen; Sie sollen sehen.«
»Und wollen Sie es trotzdem versuchen?«
»Ich will Ihnen etwas sagen, Rebe,« erwiderte der Director nach einer kurzen Pause. »Es ist wohl nicht nöthig, ein Wort über die Vergangenheit zu verlieren – das ist abgemacht, und ich gestehe ein, daß wir Sie verkannt haben. Sie besitzen in der That ein schönes Talent, und ich muß aufrichtig sagen, daß ich selber neugierig wäre, dessen Entwickelung zu beobachten. Nach dem gestrigen Abend würde ich Ihnen auch augenblicklich einen neuen jährigen Contract mit ganz annehmbaren Bedingungen angeboten haben, wenn Sie sich nicht mit diesem Strohwisch verfeindet hätten. Glauben Sie nicht etwa,« fuhr er rasch fort, als er sah, Rebe wolle etwas darauf erwidern, »daß ich selber nur so viel für das Urtheil jenes Menschen gebe. Er versteht vom Theater so viel wie eine Kuh, aber das Publikum liest trotzdem jeden Morgen sein Blatt, und ich weiß aus Erfahrung, welchen Einfluß es, so absurd das klingen mag, ausübt. Aber ich will Ihnen einen Vorschlag machen; es muß Ihnen selber daran liegen, Ihr Talent auch noch in anderen Rollen zu erproben. Ich engagire Sie deshalb für einen Monat – nennen Sie das Gastrollen, wenn Sie wollen – gebe Ihnen zweihundert Gulden für die Zeit und außerdem das Versprechen, Sie wenigstens in acht großen Rollen zu beschäftigen. Sind Sie das zufrieden?«
»Sie begegnen meinem innigsten Wunsche,« sagte Rebe erfreut, »denn gerade um das hatte ich Sie bitten wollen.«
»Desto besser, die Sache wäre also abgemacht. Wenn Sie denn Courage haben, so beißen Sie sich in der Zeit mit Strohwisch herum, und behaupten Sie das Feld, was ich aber, ehrlich gesagt, bezweifle, so sprechen wir weiter mit einander; behaupten Sie es nicht, nun, so haben Sie in der Zeit wenigstens Ihre Kräfte geprüft und ich selber Zeit gewonnen, mich nach einem andern ersten Liebhaber umzusehen. Ich glaube, das ist ein ehrlicher Handel.«
»Für den ich Ihnen von Herzen dankbar bin,« rief Rebe, in die gebotene Hand einschlagend; »nur Eine Bedingung habe ich noch zu stellen.«
»Und die wäre?«
»Daß Sie den Contract von gestern datiren und die fünf Friedrichsd'or als Abschlagszahlung betrachten.«
»Sie sind ein komischer Kauz,« lachte der Director, »und ich muß Ihnen gestehen, etwas Ähnliches ist mir in meiner Praxis noch nicht vorgekommen. Meier ging gestern Abend gar nicht eher weg, bis er seine versprochenen zehn Thaler hatte.«
»Also es bleibt dabei?«
»Darüber sprechen wir noch. Jetzt muß ich nach Hause, und heute Abend kommen Sie um acht Uhr, wenn Sie können, einmal in meine Wohnung, daß wir mit Sulzer das Repertoire bereden. Also auf Wiedersehen, Rebe, und – halten Sie sich tapfer!«
26.
Der reiche Mann
Die Welt! Wie wunderbar verschieden der Begriff sich stellt. Für den Einen ist es das weite, unermessene Universum mit seinen kreisenden Sonnensystemen, für den Andern das enge Haus, der kleine, beschränkte Raum am eigenen Herd.
Auch unsere Erde nennen wir die Welt, und in wie viel tausend Welten zerspaltet sich ein einzig Städtchen drin, eine jede abgesondert für sich mit ihren Sorgen und Freuden, ihren Leidenschaften, ihrem Ringen und Streben.
Wen von uns Allen ist nicht schon einmal ein solch' Gefühl überkommen, wenn er Abends in später Stunde durch eine Straße wanderte und die verschiedenen, nur durch dünne Mauern getrennten erleuchteten Familienwohnungen sah! Hier Licht und Glanz und laute Fröhlichkeit; dort, dicht daneben, nur durch einen dunkeln Strich geschieden, Jammer und Elend und bleicher Sorge nagende Pein; hier Einigkeit und Liebe in dürftiger Dachkammer, und dicht darunter, daß Eins die Schritte des Andern hört, Haß und Zwietracht.
So bildet jedes Haus, jede für sich abgeschlossene Wohnung in der That eine eigene kleine, abgeschlossene Welt für sich selber. Da drinnen wird geboren, gelebt, gestorben, ohne daß der Nachbar mehr davon erfährt, als wir von jenen Sternen wissen, die Abends vom klaren Nachthimmel niederfunkeln; und während wir heute ein Fest feiern und die Gläser lustig zusammenklingen, drückt nebenan ein armes Weib dem Gatten die müden Augen zu, und weinend knieen am Bett die armen Waisen.
Aber die Welt rollt und mit ihr Fortuna's Rad, den einen Sterblichen hoch empor zu Glück und Freude hebend, während es zu gleicher Zeit vielleicht den Nachbar unter seinem Gewicht zermalmt. Und wie rasch wechselt das; wie sehnen wir thöricht oft den nächsten Tag, die nächste Stunde herbei, anstatt uns der gegenwärtigen zu freuen, und wissen doch nie, was in dem Schooße der herbeigesehnten für uns verborgen liegt; Dank dem Himmel, daß wir es nicht wissen!
Wie wenige Tage, ja Stunden fast, waren erst vergangen, daß man in Haßburg die Monford'sche Familie, über welche alle Gaben des Glücks verschwenderisch ausgestreut schienen, beneidete, und jetzt? Kummer und Leid waren in die prachtvollen Gemächer eingezogen, und doch hatte das Unglück erst begonnen, die gierige Hand nach ihnen auszustrecken.
Still und geräuschlos glitten heute die sonst so übermüthigen Diener durch die leeren Räume; scheu und lautlos thaten sie ihre Arbeit, und wenn einer dem andern etwas zu sagen hatte, geschah es nicht mehr mit fröhlichem Zuruf, sondern in leisem Flüstern.
Drinnen in seinem Zimmer, am offenen Fenster, den Kopf in die Hand gestützt, saß der alte Graf und starrte hinaus in's Leere. Er hatte sich von seinem gestrigen Anfall vollständig erholt, und der Ober-Medicinalrath war schon vor einer Stunde wieder in der gräflichen Equipage zurück in die Stadt gefahren. Was sollte er auch länger hier thun; die beiden Verwundeten konnte sein Famulus besorgen.
Der Graf hatte heute Morgen durch den Haushofmeister erfahren, daß der Maulwurfsfänger durch den Förster beim Wildern ertappt und in's Bein geschossen sei. Die Anzeige war in der Stadt gemacht worden und die Polizei herausgekommen, um den Thatbestand zu untersuchen. Aber was kümmerten den alten Herrn diese gleichgültigen Menschen, er hatte andere Dinge im Kopf; sie sollten ihn damit zufrieden lassen.
Da der Förster übrigens mit einem heftigen Wundfieber ebenfalls im Bette lag, ließ man ihn jetzt gewähren, um den Termin etwas später anzusetzen und zu untersuchen, ob er zu dem Schusse berechtigt gewesen, d. h. ob er ihn in Selbstvertheidigung gethan, und dagegen sprach allerdings, daß der Getroffene den Schuß nicht von vorn, sondern seitwärts und sogar mehr von hinten bekommen hatte. Man wollte den alten Maulwurfsfänger auch in das Krankenhaus bringen, aber der gerade dazu kommende Famulus des Ober-Medicinalraths litt das nicht. Wie er die Wunde genauer untersuchte, stellte sich heraus, daß der Knochen des Oberschenkels zersplittert war, und der Verwundete lag in einem so heftigen Fieber, daß an einen Transport gar nicht gedacht werden durfte. Die Polizei konnte hier vor der Hand gar nichts thun, nicht einmal an Ort und Stelle verhören, denn der Kranke phantasirte wild und toll durcheinander. Von den Beiden lief ihnen auch jetzt Keiner fort, und sie mußten eben ruhig liegen bleiben.
Die Gräfin befand sich in ihrem Zimmer; sie hatte es vermieden, heute Morgen mit ihrem Gatten zusammen zu treffen. Sie wollte ihn nicht wieder auf's Neue aufregen, wie sie dem Haushofmeister sagte. Ruhe war für ihn das Beste. Nach ihrem Sohne hatte sie einigemal gefragt, aber George war noch nicht zurückgekehrt. Sobald er kam, sollte er ihr gemeldet werden.
Es schlug gerade Zwölf auf der Schloßuhr, als er in den Hof einritt. Er stieg langsam die Treppe hinauf, zu dem Zimmer seiner Mutter, die aber erschrak, als sie seiner ansichtig wurde.
»Um Gott, George, wie siehst Du aus?« rief sie ihm entgegen, »Du bist krank; Dein Gesicht gleicht einem Todten.«
»Es ist nichts, liebe Mutter, wie geht es dem Vater?«
»Besser, er ist auf. Der Ober-Medicinalrath meint, es sei nur eine Ohnmacht gewesen und habe nichts zu sagen. Aber Du mußt Dich schonen. Die Aufregung dieser Nacht hat Dich furchtbar angegriffen und Du bist wohl auch ohne Speise und Trank geblieben.« Sie klingelte, und als der Diener das Zimmer betrat, rief sie ihm zu: »Das Frühstück für meinen Sohn; bringen Sie es herein.«
»Ich danke Dir, Mutter, ich fühle weder Hunger noch Durst.«
»Aber Du mußt etwas genießen, daß Du mir nicht auch am Ende krank wirst. Wir haben Elend genug im Hause, das weiß Gott,« sagte sie mit düsterer Stimme.
Wieder schwiegen Beide, und der Diener kam jetzt herein und brachte einige Speisen, zu denen er eine Caraffe mit Portwein auf den Tisch stellte.
George schenkte sich ein Glas Wein ein, das er leerte, und aß ein paar Bissen; dann schob er den Teller zurück. Er war aufgestanden und ging ein paar Mal im Zimmer auf und ab.
»Mutter,« sagte er endlich leise, indem er vor ihr stehen blieb, »Paula wird sicher in diesen Tagen an Dich schreiben.«
»Nenne mir den Namen nicht mehr,« rief die Gräfin heftig, indem ihr Blick selbst finster und drohend wurde, »ich will ihn nicht wieder hören.«
»Es ist der Name Deiner Tochter, Mutter, – Deines Kindes.«
»Ich habe keine Tochter mehr,« sagte die Gräfin, indem sie sich gewaltsam emporrichtete. »Nie hat eine Tochter ihre Eltern tödtlicher beleidigt, nie gewaltsamer die Bande zerrissen, die sie an sie banden. Es ist geschehen, aber deshalb kein Rücktritt auch mehr möglich. Ich kenne sie nicht mehr.«
»Das ist nicht möglich, Mutter,« rief George bewegt, »so unnatürlich kann Dein Herz nicht denken! Paula war unser Aller Liebling, gut und unschuldsvoll, und daß die Zunge eines schlauen, bübischen Verführers sich in ihr Ohr zu stehlen wußte, oh, bedenke, daß es sie schon unglücklich gemacht, laß sie nicht auch damit die letzte Stütze verlieren, die sie auf der Welt hat, die Liebe, den Schutz ihrer Eltern!«
»Der ward ihr im reichsten Maß zu Theil,« entgegnete mit zusammengezogenen Brauen die Frau. »Kein Kind ist mehr geliebt und auf Händen getragen worden, wie dieses falsche, undankbare Geschöpf. Laß sie jetzt ernten, wo sie gesäet; auf unsere Liebe hat sie keinen Anspruch mehr.«
»Aber der Vater wird sie nicht verstoßen,« rief George heftig, »er kann es nicht, sie war von je sein Liebling!« Er wandte sich, als ob er zu ihm eilen und seine Hülfe anflehen wolle.
»Wenn Du ihn tödten willst,« rief die Mutter heftig, »dann gehe jetzt zu ihm und nenne ihm Deiner Schwester Namen! Er hat sich kaum von seiner Schwäche erholt und der Arzt streng befohlen, daß Alles ihm ferngehalten werden müsse, was ihn nur im Geringsten aufregen und an den erlittenen Verlust mahnen könne. Versuch' es, aber die Folgen auf Dich selber!«
»Großer Gott,« stöhnte George, »was für Hülfe kann die Unglückliche von fremden Menschen erhoffen, wenn die eigenen Eltern ihr Herz vor ihr verschließen?«
»Sie hat sich fremden Menschen in die Arme geworfen,« sagte die Mutter kalt, »fremde Menschen mögen ihr denn auch das ersetzen, was sie hier muthwillig von sich gestoßen; sie hat keine Eltern mehr.«
»Arme Paula!« seufzte George. »Aber Eins versprich mir, Mutter. Bist Du wirklich im Stande, ein Kind so von Deinem Herzen zu reißen, dann gestatte wenigstens fremden Menschen, sich desselben anzunehmen, und kommt ein Brief von Paula – sie wird und muß ja schreiben, – so sende ihn an Rottacks, die mir zugesagt…«
»Bist Du wahnsinnig?« rief die Mutter, ordentlich erschreckt emporfahrend. »An Rottacks? Und was haben die mit unserem Hause zu thun?«
»Es sind brave, treffliche Menschen, die Paula von Herzen lieb haben,« sagte George bewegt; »bei denen kann sie dann wenigstens Rath und Trost und vielleicht auch wieder den Weg zurück zum Herzen der Eltern finden. Willst Du mir das versprechen, Mutter?«
»Du bist von Sinnen!« sagte die stolze Frau finster. »Soll ich selber Fremden unserer Familie Schmach aufdecken? Ich begreife Dich nicht, George. Aber,« fuhr sie plötzlich aufmerksam werdend fort, »was sollen all' diese Reden? Bleibst Du denn nicht selber hier? Du sprichst gerade, als ob Du Vorbereitungen zu einer größeren Reise träfest.«
»Es ist möglich, daß ich in diesen Tagen auf einige Zeit fortgehe,« sagte George leise; »ich weiß es noch nicht, ich muß erst mit dem Vater darüber sprechen.«
»Und willst Du uns nicht nach Italien begleiten?«
»Vielleicht – vielleicht komme ich nach.«
»Du bist so sonderbar, George. Was hast Du?«
»Nichts, liebe Mutter; der Kopf thut mir weh vom vielen Denken und Grübeln.«
Die Gräfin nickte leise vor sich hin, sie kannte das Gefühl selber. »Wohin willst Du jetzt?«
»Zum Vater hinüber.«
»Rege ihn nicht auf; ich wollte lieber, Du miedest ihn für ein paar Tage.«
»Er würde unruhiger werden,« sagte George, »wenn er mich nicht wie gewöhnlich sähe.«
»Du willst mit ihm über – die Entflohene sprechen?«
»Nein, Mama, fürchte das nicht. Ich muß es Gott anheimgeben, daß er Eure Herzen wieder dem Kinde zuwendet; ich fühle, daß meine Stimme zu schwach dafür ist. Lebe wohl, Mutter!«
Er nahm ihre Hand, sah ihr einen Moment ernst und traurig in die Augen, schloß sie dann in die Arme und küßte ihre Wange.
Die Gräfin erwiderte die Umarmung nicht, sie duldete sie nur, sagte auch kein Wort, und George verließ rasch das Zimmer.
Den Vater fand er noch immer in der nämlichen Stellung, wie er schon Stunden lang gesessen. Erst als George sein Zimmer betrat, wandte er zuerst rasch und wie erschreckt das Antlitz der Thür zu, stand dann auf und sagte leise: »Ah, Du bist es, George!«
»Ja, lieber Vater. Ist Dir jetzt besser?«
»Gewiß, gewiß. Wo ist Deine Mutter?«
»In ihrem Zimmer drüben.«
»Ich werde zu ihr hinübergehen; es ist so einsam hier.«
»Recht einsam, Vater.«
Der alte Graf sah ihn rasch und streng an, strich sich aber dann mit der Hand über die Stirn und sagte: »Es ist gut so, ich habe es gern, ich bin gern allein. Aber wo hast Du denn den ganzen Morgen gesteckt?«
»Ich war in der Stadt, Vater; ich wollte…«
»Ich brauche nicht zu wissen, was Du wolltest.«
»Mein lieber, lieber Vater!« Er hatte des Vaters Hand ergriffen und hielt sie fest in der seinigen.
Der alte Graf sah ihn an; dann legte er ihm die andere Hand auf den Kopf und sagte leise: »Ich will zu Deiner Mutter gehen; laß mich jetzt los, George.«
»Lebe wohl, Vater!«
»Gehst Du wieder fort?«
»Ja, ich habe versprochen um vier Uhr in der Stadt zu sein.«
»Gut, gut, aber bleibe nicht zu lange.«
George küßte die Hand, die er in der seinigen hielt. Der alte Graf aber, als ob er fürchte, daß der Sohn noch von etwas Anderem sprechen werde, machte sich los, winkte ihm mit der Hand und verließ dann rasch das Zimmer.
Eine Viertelstunde später ritt George wieder langsam zum Thor hinaus. Der Himmel hatte sich umzogen, der Wind heulte das Thal hinauf und ein feiner Regen begann zu fallen. Er fühlte es nicht. Draußen vor dem Thor hielt er sein Thier noch einmal an und wandte den Blick zurück auf das Schloß.
»Lebt wohl!« sagte er leise und bewegt. »Gott beschütze Euch!« Und das Pferd wieder herumwerfend, trabte er rasch auf der Straße hinab, die nach Haßburg führte.
Über die bewaldeten Berge zogen die Wolken in wilder Hast; von dort herüber leuchtete auch schon fahler Blitze Schein und der Wind riß an den alten Bäumen, als ob er ihre Kraft und Zähigkeit erproben wolle.
Es war eine sehr lange Zeit in Haßburg schönes und trockenes Wetter gewesen. Jetzt schien es, als ob sich die Elemente dafür entschädigen wollten, um mit verstärkter Wuth ihren Reigen aufzuführen. Ein zündender Blitz, als wenn sich das Firmament öffnete, und hinterdrein ein Donnerschlag, der die Erde erbeben machte, und alle Schleusen des Himmels öffneten sich.
Drin im Walde, am obern Ende des Parkes, mit dem Blick nach dem freien Feld, lag das Häuschen des alten Gärtners Jonas, von ihm allein, seiner elfjährigen Enkelin, die er zu sich genommen, weil ihre Eltern sie nicht ernähren konnten, und einer alten Verwandten bewohnt. Das Haus aber, zu einer Gärtnerwohnung eingerichtet, hatte mehr Räumlichkeiten, als der alte Mann benutzen konnte, und der kleine Erker, der sich aber im Winter nicht gut heizen ließ, stand deshalb vollkommen leer.
Hierher hatte man den armen Verwundeten gebracht, und vom Schlosse selber war schon heute Morgen, nachdem man ihn gestern Abend nur nothdürftig auf Laub und eine wollene Decke gelegt, ein ordentliches und weiches Bett heruntergeschafft, damit ihm wenigstens diese Bequemlichkeit nicht fehle.
Der junge Famulus, Rebe's Freund, Frank Hesse, stand neben seinem Lager. Er hatte eben die furchtbare Wunde untersucht und verbunden und der Kranke kaum den Schmerz überwunden, den er dabei gefühlt, wenn er auch keinen Klagelaut ausstieß, sondern die Qual wie ein Mann ertrug.
»Nun, Herr Doctor,« sagte er endlich, als sich seine Nerven wieder ein wenig beruhigt und er die Lippen von einander bringen konnte, »glauben Sie, daß ich's noch lange mache?«
»Lieber Freund,« lautete die ermuthigende Antwort, »gebt Euch keinen solch' traurigen Gedanken hin; es ist ja nur ein Schuß in's Bein, der kann bald wieder heilen.«
»Aber der Knochen ist gebrochen,« sagte der Maulwurfsfänger; »ich fühl's, morsch entzwei, und ob der sich wieder zusammenleimen läßt, der Teufel weiß es.«
»Der Knochen ist allerdings gebrochen,« sagte der junge Arzt, »aber darum doch nicht alle Hoffnung verloren. Der Schuß muß außerordentlich nahe abgefeuert sein.«
»Viel Zeit hatte er allerdings nicht,« brummte der Maulwurfsfänger, bitter vor sich hinlachend, »denn ich war eigentlich schon in den Büschen drin; es können vielleicht eine acht oder zehn Schritt gewesen sein, vielleicht nicht so viel. Die Schrote haben höllisch zusammengehalten, nicht wahr?«
»Es ist beinahe wie ein Kugelschuß,« bestätigte der Arzt. »Habt Ihr denn noch Schmerzen?«
»Nicht mehr, als um einen gewöhnlichen Menschen verrückt zu machen,« sagte der arme Teufel; »ich kann aber einen Puff vertragen. Wie lange leb' ich noch, Doctor?«
»Unsinn, schwatzt nicht solches Zeug! Ihr werdet noch manchem Maulwurf gefährlich werden.«
»Glaub's kaum,« brummte der Alte, »so viel versteh' ich auch von der Geschichte. Schienen kann man den alten Knochen da oben nicht mehr, abnehmen auch nicht, also friß, Vogel, oder stirb. Wir müssen's abwarten, wie Schrader in der Gosse. Ich will auch gar nicht wissen, wie lang's noch dauern könnte, wenn sich der Schuß ausheilen sollte, ich meine nur, wenn – der Brand dazu käm', wie viel Zeit ich dann noch etwa zum Leben hätte.«
»Darüber sprechen wir später,« sagte Frank, dem besonders daran lag, daß sich der Verwundete keinen trüben Gedanken hingeben und dadurch seine Lage verschlimmern sollte. »Jetzt seid guten Muths, Freund, es geschieht hier Alles, was für Euch geschehen kann, und bis Ihr transportirt werden könnt, müßt Ihr nun schon hier aushalten.«
»Transportirt? Ja,« brummte der Verwundete, »ich weiß schon, auf dem alten, verdammten schwarzen Leichenkasten – thut mir nachher kein Finger und kein Bein mehr weh.«
»Vor der Hand noch nicht,« lachte Frank. »Übrigens hütet Euch vor spirituösen Getränken – keinen Branntwein, keinen Wein und kein Bier; den Kaffee hier könnt Ihr trinken, der regt nicht auf.«
»Nein, das weiß Gott,« sagte der Maulwurfsfänger, »höchstens die Galle, daß man ein solches Spülwasser Kaffee nennt; also auf Wasser und Brod gesetzt?«
»Nur für kurze Zeit; sobald das Wundfieber vorüber ist, dürft Ihr wieder kräftige Nahrung zu Euch nehmen.«
»Aber das ist vorüber.«
»Doch nicht ganz; heute Morgen habt Ihr noch eine Menge tolles Zeug geschwatzt.«
»Bah, das thu' ich immer,« sagte der Alte; »aber meinetwegen – nur Einen Wunsch hätt' ich.«
»Und der ist?«
»Den Förster möcht' ich gern einmal anschau'n, wie dem sein Gesicht heut' Morgen aussieht,« lachte der Verwundete ingrimmig in sich hinein. »Ruhig, Spitz,« fuhr er aber gleich darauf, den Hund beschwichtigend, fort, als dieser plötzlich zu knurren anfing. »Ob der nur den Titel des Schuftes hören kann, ohne sich selber zu giften! Ruhig, mein Hund, unsere Zeit kommt doch vielleicht noch einmal!«
Er fiel matt und erschöpft auf sein Lager zurück, denn das viele Sprechen hatte ihn angestrengt, und der junge Arzt suchte jetzt dem kleinen Mädchen – denn mit dem alten, tauben Jonas war nichts zu reden – begreiflich zu machen, in welcher Art sie den Kranken zu behandeln habe. Das Kind fürchtete sich aber vor dem alten, ungeselligen Burschen, der, wenn er allein war, immer vor sich hin lachte oder fluchte; ebenso auch vor dem kleinen, bissigen Hund, der sie immer anknurrte, wenn sie zum Lager wollte, und Frank beschloß deshalb, selber hinüber in das Dorf zu gehen, um eine erfahrene Wärterin zu engagiren. Der Zustand der Wunde war allerdings bedenklich und es durfte in der Behandlung derselben nichts versäumt werden.
Das Gewitter hatte nachgelassen, der Wind sich aber von Südwest nach Nordwest herumgedreht, und ein feiner, kalter Regen peitschte auf die Erde nieder. Wie der Abend endlich dämmerte, war es recht kalt und unfreundlich geworden, ja, so rauh, daß die Gräfin dem einen Diener befahl, in ihrem Kamin ein kleines Feuer anzuzünden. Es fröstelte sie, und der Raum kam ihr heute überdies so öde vor.
Es war völlig Nacht geworden und der Haushofmeister, von einem Diener begleitet, der zwei große silberne und prachtvoll gearbeitete Armleuchter auf den Tisch stellte, hatte die schwerseidenen Gardinen vorgezogen.
Am Kamin, den Blick stier und nachdenkend auf die glühenden Kohlen darin geheftet, saß die Gräfin, neben ihr am Tisch, mit einem Haufen von Zeitungen und Büchern vor sich, der Graf. Aber kein Wort wurde zwischen ihnen gewechselt, keine Frage gestellt, und der alte Herr hielt eben eine große, bunt und elegant gedruckte Karte zwischen den Fingern, die Einladung zu dem heutigen Ball in Haßburg. Nur sein Blick haftete darauf und seine Lippen zogen sich zu einem bittern Lächeln zusammen.
»Wo nur George heute bleibt?« sagte die Gräfin endlich, aber mehr zu sich selber, als zu ihrem Gemahl sprechend, leise vor sich hin. »Er weiß, wie allein wir hier sind.«
Die Thür ging auf und sie wandte rasch den Kopf; aber es war nur der Haushofmeister, der die Theemaschine mit den Tassen hereinbringen ließ.
Draußen heulte der Nordwest und fegte die Terrasse rein; die dichtbelaubten Bäume rauschten und schüttelten schon hier und da einige vergilbte Blätter los, die vom Sturm weit hinab in's Thal getragen wurden.
»Ist der Briefträger noch nicht dagewesen?« fragte der Graf.
»Noch nicht,« erwiderte der Haushofmeister, »aber er kann jeden Augenblick kommen; es ist jetzt seine Zeit, Herr Graf.«
»Wie das da draußen stürmt!«
»Der Regen hat nachgelassen, Herr Graf; aber einen solchen Sturm weiß ich mich nicht zu entsinnen, seit wir hier oben wohnen. Es ist, als ob er die Bäume aus der Erde reißen wollte.«
»Arme Menschen, die jetzt draußen in Wind und Wetter sind,« nickte der Graf, »arme Menschen!«
Der Haushofmeister seufzte tief auf, aber er wagte nicht weiter etwas zu sagen, ordnete das Theeservice, rückte den kleinen Tisch mit der Maschine etwas näher zu seiner Herrin hin, und verließ dann das Gemach.
So verging wieder eine halbe Stunde. Draußen wurde die Vorsaalthür geöffnet und schlug gleich darauf, vom Sturm gefaßt, wieder heftig zu. Der Graf schreckte empor, beruhigte sich aber wieder und nippte an einer Tasse Thee, die ihm die Gattin eingeschenkt.
Schritte draußen – der Haushofmeister kam selber herein; er trug einen silbernen Teller in der Hand, auf dem ein Brief lag. Aber seine Hand zitterte, und mit vor Freude fast bebender Stimme rief er: »Ein Brief, Herr Graf, ein Brief, der Postbote hat ihn eben gebracht!«
Unwillkürlich streckte der Graf die Hand danach aus, aber er ließ sie wieder sinken. »Woher ist er?« fragte er leise.
»Ja, mein bester Herr, das Postzeichen kann ich nicht erkennen, es schwimmt mir Alles vor den Augen; aber die Schriftzüge kenn' ich, die lieben Schriftzüge!«
»Ich will ihn nicht haben,« sagte der Graf und wandte den Kopf zur Seite, als ob er sich seiner Schwäche bewußt sei; »ich will ihn nicht haben.«
»Aber die gnädige Frau Gräfin nimmt ihn dann,« sagte der alte Mann; »oh, dem Himmel sei Dank, da kommt doch endlich Nachricht!«
Er hielt den Teller der Gräfin hin, und sein Blick dankte ihr, als sie den Arm danach ausstreckte.
Finster und schweigend nahm die Gräfin den Brief; nur Einen Blick warf sie auf die Adresse – es waren die Schriftzüge ihrer Tochter – und ohne weiter ein Wort zu sagen, schleuderte sie den Brief auf die glühenden Kohlen im Kamin.
»Frau Gräfin!« schrie der alte treue Diener fast entsetzt auf, »er ist von Ihrer Tochter, von der lieben, lieben Comtesse!« Und fast unwillkürlich wollte er zuspringen, um das auflodernde Papier noch zu retten.
»Halt!« sagte die Gräfin streng, indem sie den Arm abwehrend vorstreckte. »Hußmann, Ihr überschreitet Eure Grenzen!«
Der alte Herr hatte ebenfalls fast unwillkürlich eine Bewegung gemacht, als das Papier in die Flamme flog, aber es war nur ein Moment gewesen; dann nickte er wie zustimmend mit dem Kopf und murmelte leise vor sich hin: »Es muß sein, es muß sein; es geht nicht anders!«
Eine Rettung des Briefes war nicht mehr möglich. Die Gluthhitze des Kamins hatte ihn in wenigen Secunden zerstört, nur noch ein kleiner Haufe schwarzer, krustender Asche lag auf den Kohlen. Der alte Mann ließ den Teller, den er in der Hand hielt, sinken, und ein paar helle Thränen glänzten ihm in den Augen; aber er sagte kein Wort weiter – er durfte nicht. Die Frau Gräfin hatte ihn ja schon in seine Schranken zurückgewiesen, und das noch nie nöthig gehabt, noch nie, so lange er zurückdenken konnte, die vielen, vielen Jahre. Er konnte nichts weiter sagen, es war ihm verboten worden, und daß er das Kind, die gnädige Comtesse, hatte mit erziehen helfen und ihre Jugend mit fast Vaterliebe überwacht, lieber Gott, er war ja nur ein Diener des Hauses, und das vielleicht mehr als seine Schuldigkeit gewesen; wie hätte er können Ansprüche darauf gründen, die ihm noch nie, selbst im Traum nicht, eingefallen waren!
Nur das Eine stand fest, das arme, verlassene Mädchen hatte geschrieben, an ihre Eltern geschrieben; in ihrer Macht war es gewesen zu erfahren, wo sie jetzt weile, wie es ihr gehe – und der Brief von der Flamme rettungslos und für immer zerstört worden! Mit dem Bewußtsein verbeugte sich der alte Mann demüthig, und mit einem recht schmerzlichen Blick auf seinen Herrn, der über den Tisch gebeugt saß und nur immer leise vor sich hin mit dem Kopf nickte, verließ er das Zimmer.
»Es ist Alles vorbei,« sagte der Graf flüsternd, als der Haushofmeister schon lange die Thür wieder hinter sich zugezogen hatte – »Alles vorbei, Alles vorbei! Wo nur George bleibt? Und so glücklich hätten wir sein können, so glücklich!«
Er nahm eine Zeitung auf, als ob er darin lesen wollte; aber die Buchstaben tanzten ihm vor den Augen, er sah nur ein großes Blatt Papier mit flimmernden Zeichen, und nur manchmal warf er den Blick fast wie vorwurfsvoll nach der Gattin hinüber – aber sie hatte doch Recht gehabt. Es durfte ja nicht sein, es durfte ja nicht sein, die Ehre des Hauses, stand auf dem Spiel, und der mußte jedes Opfer gebracht werden, jedes – selbst das eigene Kind!
Aber die Ehre des Hauses forderte noch mehr.
Wieder war eine kleine Zeit verflossen, da wurden draußen vor dem Hause Stimmen laut, als ob eine Anzahl fremder Menschen unten im Garten ankäme.
Die Gräfin horchte dort hinüber; jetzt war Alles wieder ruhig und die Hausthür ging auf und fiel wieder zu. Dann sprangen einzelne Leute im Schloß selber rasch vorüber. Was war das?
Sie ergriff die neben ihr stehende Glocke und drückte darauf, daß der Ton hell und laut durch den stillen Raum schallte. Niemand gehorchte dem Ruf. Wo war der Diener, den seine Pflicht in das Vorzimmer bannte? Die Gräfin wiederholte ungeduldig das Zeichen.
Da öffnete sich rasch die Thür und einer der jüngsten Lakaien stürzte mit verstörtem Angesicht herein.
»Was ist, Charles? Was habt Ihr da draußen? Weshalb hört Niemand?«
»Ach, gnädige Frau Gräfin,« rief der junge Bursche ganz entsetzt, »sie – sie bringen ihn!«
»Ihn – wen?« rief der Graf und sprang von seinem Sitz empor.
»Den jungen Herrn Grafen.«
»George?« schrie die Gräfin, und Leichenblässe deckte ihre Züge.
»Ja,« jammerte der junge Mensch, »ganz blutig und so blaß!«
Der Graf gab keinen Laut von sich; einen der schweren silbernen Armleuchter griff er auf und schritt der Thür zu.
»Ich bitte Dich um Gottes willen, George, bleib hier!« rief die Gräfin, die ebenfalls aufgesprungen war und seinen Arm faßte.
Der Graf sah sie mit einem eisig kalten Blick an. »Willst Du mich auch noch von meinem letzten Kinde trennen?« sagte er mit einer Stimme, die gar keinen irdischen Ton mehr hatte, und als ihn die Gräfin erschreckt, entsetzt frei ließ, verließ er das Zimmer, aus dem sie ihm fast willenlos, an allen Gliedern zitternd, folgte.
