Kitabı oku: «Casmilda's Gewinn durch Verlust», sayfa 3

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„Denke einmal darüber nach, warum du immer und immer wieder verlassen wirst!“, entgegnete sie kühl , ohne mit der Wimper zu zucken. Sie bemühte sich, Haltung zu wahren und verließ langsamen Schrittes den Vorraum des WCs. Ihr innerer Schockzustand drang nicht nach außen, sie war eine perfekte Schauspielerin. Dennoch wühlte sie die Tatsache auf, vor wenigen Minuten Casmilda in überzeugenden Tönen von lesbischen Beziehungen erzählt zu haben, und kurze Zeit später mit der Wahrheit einer verrückten, homosexuellen Frau konfrontiert zu werden, mit der sie früher ihre Gefühle geteilt hatte.

Sie atmete tief durch setzte sich wieder zu Casmy an den Tisch. Sie wollte diesen Vorfall einfach verdrängen und biss gedankenverloren in ihren Burger. Casmilda verspeiste genüsslich ihr Dessert, und bemerkte Valys Miene nicht. Wenige Minuten später wurde die Toilettentür gewaltsam aufgerissen, sodass alle Gäste ihre Aufmerksamkeit auf den Knall richteten, den sie hinterlassen hatte. Tatjana rannte schnurstracks nach draußen, nachdem sie Valy im Innenbereich des Restaurants nicht gefunden hatte.

„Valetta, du Schlampe! Wo bist du?“, schrie sie.

Sie gab der Eingangstür einen kräftigen Schubs und beschleunigte ihre Schritte, als sie Valetta draußen erblickte. An ihrem Tisch angekommen sagte sie beinahe seelenruhig: „Ist das deine Neue, du Flittchen?“ Ihr zynisches Lächeln trieb Valetta zur Weißglut, doch sie spielte ihre Rolle weiterhin gut, während sich in ihrem Inneren Aggressionen aufstauten, die sie nur schwer zu bändigen vermochte. Dennoch reagierte sie lässig, als sie erwiderte: „Geh' nachhause, Tatti, lass' uns zufrieden, oder ich rufe die Polizei und erzähle den Bullen von deinem köstlichen Cocktail.“

Casmilda war der Appetit vergangen. Sie wartete ungeduldig auf eine Analyse der Situation, während sie nervös an ihren Fingernägeln herumkaute.

„Wir sehen uns wieder!“, brachte Tatjana aufgebracht hervor, „spätestens, wenn du dich wieder einsam fühlst.“ Mit diesen letzten Worten machte sie auf dem Absatz kehrt und marschierte in Richtung U-Bahn. Casmilda starrte ihr hinterher, verwundert über den wackligen Gang, den diese für sie eigenartige Emanze benützte, um sich fortzubewegen. Sie legte die Stirn in Falten.

„Wer ist diese niveaulose Person? Daniels Auftritt war dagegen harmlos!“, empörte sich Casmilda, ohne ihren Blick von Tatti abzuwenden. Als sie ihre Aufmerksamkeit wieder Valetta entgegenbrachte, da sie registrierte, keine Antwort von ihr erhalten zu haben, bemerkte sie die Tränen in deren Augen. Von Betroffenheit ergriffen richtete Casmy ihre Augenbrauen nach unten.

„Komm, wir gehen irgendwohin, wo wir ungestört miteinander reden können,“ versuchte sie, ihre Freundin zu beschwichtigen.

Sie packten ihre Sachen und suchten sich ein gemütliches Plätzchen auf einer Straßenbank, weit weg von all den neugierigen Schaulustigen, die sie bei Junk Food Mood beobachtet hatten, als Tatti ihre Worte zum Besten gegeben hatte. Casmilda wusste, dass Valetta in solch schwachen Momenten nicht in den Arm genommen werden wollte, also ließ sie sie in ihrer verschlossenen Haltung verharren. Wenige Minuten später ließ Valy ihren Tränen freien Lauf, während Casmilda ihre Neugierde nun vollkommen durch ein Gefühl der Empathie ersetzt hatte. Sie drückte ihr ein Taschentuch in die Hand. Nachdem sich Valy geschnäuzt hatte, atmete sie tief durch, biss wütend die Zähne zusammen und ließ wieder locker, um den Mund zu öffnen und Casmilda aufzuklären. In ihrem Bewusstsein wurde eine Erinnerung wachgerufen, die sie trotz aller Verdrängung in diesem Moment der Verwirrtheit und Zerrissenheit klar und deutlich aufrüttelte.

Langsam drehte sie ihr tränenbenetztes Gesicht Casmilda zu, die den Wink des Blickes verstand, ihre volle Aufmerksamkeit nun auf das Folgende zu konzentrieren.

Und dann erzählte Valy ihrer Freundin eine entsetzliche Wahrheit : „Ich war zwanzig, als es geschah. Der Typ drückte mich in der Toilette gegen die Wand, es war zwei Uhr morgens, in einer Diskothek in Vorarlberg. Er wollte in mich eindringen, hatte bereits seine Hose und Unterhose heruntergezogen.“ Bei dieser Erinnerung zuckte sie zusammen, sprach aber mit brüchiger Stimme weiter. „, Ich sagte ihm, er solle sich zum Teufel scheren und mich in Ruhe lassen, doch es schien ihm eine gewisse Genugtuung zu verleihen, dass ich unter meiner aggressiv gestimmten Aussage eine höllische Angst verstecken wollte, die ihm wohl nicht ganz entging.“ Nach einer kurzen Atempause fuhr sie unbeirrt fort, so als hätte sich das Ereignis erst vor kurzer Zeit zugetragen. „Mit lüsternem Lächeln gab er mir zu verstehen, ich solle mich fügen, denn es könnte mich sowieso keine Menschenseele hören, falls ich schrie, denn die Leute in der unmittelbaren Umgebung seien derart zugedröhnt, dass sie meine Laute als alles andere deuten würden, als das, was sie in Wahrheit wären. Dennoch schrie ich natürlich aus tiefer Kehle, als er mich mit einer Hand festhielt und mit der anderen meinen Hosenknopf öffnete. Gewaltsam zerriss er meinen Slip, während die Zahl meiner Herzschläge sich verdoppelte.“

Valetta verzog ihr Gesicht zu einem Ausdruck des Ekels und Zorns, als sie die Nase rümpfte und die Augenbrauen mit aller Kraft nach unten presste, um ihren Hass gegenüber ihrem Vergewaltiger auszudrücken.

„Ich werde niemals das pulsierende Zucken seines Penis vergessen, dessen Erregung des Trägers sich sichtlich steigerte, als er merkte, wie ängstlich und klein ich mich fühlte, als mir die Tränen die Wangen hinunterliefen und meine Aggression diesen Emotionen wich, oder sein widerwärtiges Lächeln, als er mit heftigen Bewegungen sein Geschäft verrichtete . Ich wich seinem Blick aus, so gut ich konnte, doch während er mit der einen Hand meine Taille fixierte, drückte er mein Gesicht mit der anderen in das Blickfeld seiner niederträchtig wirkenden Visage. Dieser Akt der Grausamkeit schien ewig anzudauern. Ich weiß nicht, wie lange er seine gewalttätigen Stöße gegen meinen Willen einsetzte. Ich weiß aber, dass er mich einfach auf dem kalten Fliesenboden liegen gelassen, nachdem er seinen Samen auf meinem Rock verteilt hatte, und mich anspuckte. Dann ging er.“ Valy sagte nichts mehr. Ihre leisen Tränen, die sich in große Sturzbäche der puren Verzweiflung auszudrücken schienen, sprachen Bände. Das laute Treiben der hektischen Menschen auf der Straße ging an den beiden jungen Frauen spurlos vorüber. Casmilda hatte ihrer Freundin gebannt zugehört, und wusste nicht, ob sie sie aufgrund dieser körperlich und seelisch grausamen Erfahrung in die Arme nehmen oder stillschweigend ihren Schmerz alleine ausweinen lassen sollte. Valettas emotionsgeladene Schilderungen ihrer Vergewaltigung lösten beklemmende Bilder in ihr aus, die ihre Augen weiteten, weil sie sich während ihrer Konzentration auf Valys Worte in ihre Lage versetzt hatte. Während des seelischen Beistandes musste sie sich jedoch emotional abgrenzen, um sich selbst zu schützen, da ihr diese Geschichte schier den Atem raubte.

Casmy lockerte ihre Arme, die sie fest um ihren Körper gepresst hatte, um ihrem inneren Selbstschutz Ausdruck zu verleihen. Sie wollte am liebsten auch weinen, verdrängte jedoch ihren eigenen Schmerz des Mitgefühls, um ihrer Freundin eine seelische Stütze zu sein, also schwieg sie, unsicher und verzweifelt, weil sie nicht wusste, wie sie Valy helfen konnte. Der Widerspruch zwischen ihrem Wunsch, sie seelisch zu stützen, und nicht zu wissen wie, war ihr dabei deutlich bewusst, wobei sie diese Tatsache noch ein wenig verzweifelter stimmte, doch sie tat ihr Bestes, um Ruhe zu bewahren. Valy wurde unterdessen langsam bewusst, warum Tatjana sie an ihren damaligen sexuellen Missbrauch erinnert hatte. Als sie ihre Ex-Freundin bei Junk-Food-Mood versehentlich zu Boden geworfen hatte, wurden jene Erinnerungen in ihr wachgerufen. Valetta tupfte sich mit dem Taschentuch das tränennasse Gesicht ab und wandte sich wieder an Casmilda, die eine Erleichterung verspürte, weil sie scheinbar das Richtige getan , und nichts unternommen hatte, um Valy zu trösten. „ Dieses Erlebnis legte den Grundstein meiner Homosexualität“, erklärte sie mit zittriger Stimme. „Die Menschen lassen sich ständig darüber aus, was für ihr seelisches Wohlbefinden gut bzw. förderlich ist – sei es die Beziehung zu einem Mann, oder zu einer Frau, aber ich gehöre zu den Personen, die nicht unbedingt das Gefühl in sich aufkommen lassen, eine Wahl zu haben. Mein Vertrauen zu Männern ist jedenfalls gebrochen, das weiß ich. Frauen sind für mich Wesen, denen ich mich körperlich und seelisch hingeben kann, weil sie niemals in der Lage sind, mich mit einem männlichen Glied in einem der eben genannten Punkte zu verletzen. Das mag sich vielleicht seltsam anhören, aber es ist meine persönliche Wahrheit. Ich habe Angst vor Männern.“ Beim letzten Satz verbarg Valetta ihr Gesicht in ihren Händen. Sie schämte sich, diese Angst laut auszusprechen, obwohl ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern kennzeichnete.

Casmy versuchte, ihren Schock zu verbergen, der sich durch dicke Schweißperlen auf ihrer Stirn abzeichnete. Ihr fiel jedoch ebenso auf, wie viel Verständnis sie durch diesen Akt des Vertrauens ihrer Freundin gewonnen hatte.

Nun schien sich alles aufzuklären: Valettas Mangel an Geduld, ihr resolutes, kaltes Wesen, ihre Aggressionen. Casmilda überkam erneut eine Welle des tiefen Mitgefühls für Valy, und sie hatte ein weiteres Mal begriffen, wie wichtig es war, niemanden für das zu verurteilen, was sein Dasein ausmachte, solange die Hintergründe für sein Verhalten unbekannt waren. Sie hatte Valetta niemals verurteilt, aber sich oft über ihr Auftreten gewundert. Doch sie begriff, dass Hintergründe sich als diese benannten, weil sie nichts Sicht – oder Greifbares darstellten, das für die Außenwelt bestimmt war, sondern einen sehr persönlichen Teil eines Menschen verkörperten, der seine Präsenz im Verborgenen ausdrückte. Hintergründe beschrieben ein intimes Geheimnis, und manche Leuten wussten gar nicht Bescheid, welch intensiven Einfluss dieser Teil auf sie ausübte, Tag für Tag. Valetta kannte ihren Schmerz, und dennoch fühlte sie sich dadurch nicht besser.

Casmilda brachte ihren Rücken in eine gerade Lage, der während des Gespräches eine krumme Haltung der Traurigkeit angenommen hatte. Sie wollte mithilfe dieser Körperhaltung ihre Gedanken zum Fließen bringen, doch ihr fiel nichts ein, was sie hätte sagen können. Nach langem Überlegen jedoch brach sie das Schweigen, das auch Valetta erreicht hatte. Sie wollte die Gesprächslücke füllen, da ihr die Stille nach einem Ausdruck solch heftiger Emotionen ein wenig Angst einjagte. Sie stellte Valy aufgrund ihrer Unbeholfenheit eine Frage, deren Insensibilität ihr in aller Deutlichkeit auffiel.

„Wie…, war es, ich meine, wie kamst du damit klar?“, fragte sie schließlich, und bereute ihre Worte, sobald sie sie ausgesprochen hatte.

„Wie bitte?“, entgegnete Valetta in schnippischem Ton. „Von Klarkommen kann doch nicht die Rede sein!“ Schließlich sah sie in Casmys Augen eine gewisse Hilflosigkeit, und versuchte, das Thema ein wenig lockerer zu betrachten, was ihr einerseits schwerfiel, andererseits die Stimmung, die zwischen ihnen herrschte, ein bisschen aufhellen sollte. „Mein Leben lang dachte ich, dass ich diese Existenz als Geschenk betrachten sollte, jetzt scheint es eher ein Gewinn durch Verlust zu sein!“ sagte sie in gespielt theatralischem Ton, und wippte ihre Hüften hin und her, um der dramatischen Situation ein wenig Komik zu verleihen.

„Philosophierst du jetzt?“, fragte eine verwirrte Casmilda, die sich eine Haarsträhne hinters Ohr schob.

„Nimm es, wie du es willst!“

Gewinn durch Verlust - diese Worte faszinierten Casmy. Erneut entstand eine Gesprächspause, und für Casmilda eine gewisse Weile, die sie wieder einmal zum Nachdenken nutzte. Wenn sie Valettas Worte richtig interpretierte, bedeutete es, die Sichtweise eines Geschenkes in der eigenen Wahrnehmung zu verändern. Da kam ihr ein Geisterblitz.

„Oh, ich habe gerade eine interessante Eingebung“, rief Casmilda laut aus, und hob ihren rechten Zeigefinger geradewegs zum Himmel gestreckt, „du willst also damit sagen, dass das Leben für dich ein Geschenk war, und du einige Dinge verlieren musstest, um dieses Geschenk erneut als Gewinn betrachten zu können!“

„Richtig!“, entgegnete Valetta in beinahe gleichgültigem Ton, weil dieses Detail für sie als selbstverständlich galt. „Um genau zu sein bin ich noch immer damit beschäftigt, dieses Phänomen zu verstehen. Ich war bereits in einer Psychotherapie, die mich wieder ein Stück weiter zu mir selbst gebracht hat, und dennoch erarbeitete ich mir mit dieser Philosophie sehr viele neue Einstellungen, die ich heute gut in mein Leben integriert habe, ganz unabhängig von den therapeutischen Sitzungen. Aber ich will jetzt nicht mehr darüber sprechen. Ich kann dir nur eines sagen“ - bei diesen Worten stand sie auf, legte sich ihre Tasche leger über die rechte Schulter, und blickte Casmilda durchdringend an - „ wenn du etwas in deinem Leben verändern möchtest, musst du genau die inneren Überzeugungen loslassen, sozusagen, verlieren, die dafür sorgen, dass du an einem gewohnten, meist lähmenden Verhaltensmuster festhältst. Dieser befreiende Akt wirkt jedoch vorerst wie eine innere Katastrophe und Leere, weil kein Halt anwesend ist, an den du dich klammern kannst.“

Valy bemühte sich um einen autoritären, belehrenden Tonfall, merkte aber bei den letzten Worten, wie brüchig sich ihre eigene Stimme anhörte. Sie hielt kurz inne, holte tief Luft, und sprach weiter: „Aus diesem Verlust jedoch entstehen neue Ideen und Konzepte für dein Leben, somit lohnt es sich, zu verlieren, denn der Gewinn ist darin enthalten.“

Casmilda lächelte zufrieden, als sie diese Worte vernahm. Ein Anflug schlechten Gewissens durchfuhr sie, und sie legte besorgt eine Hand auf ihre rechte Wange. Sollte sie jetzt nicht eigentlich bestürzt und besorgt um ihre Freundin sein, die ihr gerade ihr Herz ausgeschüttet hatte? Nichtsdestotrotz verstand sie, wie wenig hilfreich ein solch schlechtes Gewissen war, es half weder ihr selbst noch Valetta. Sie wusste, sie konnte diese Lebensweisheit gut gebrauchen, sie schien wie ein Rezept gegen gewisse psychische Leiden zu fungieren.

Wie aus dem Nichts erschien plötzlich ein Schmetterling und setzte sich auf Casmildas Nase. Sie musste heftig niesen. „Ich gewann eine Berührung, und befreite mich dadurch von Viren, und diesen Verlust kann ich positiv für mich verbuchen, da ich diese Krankheitserreger sowieso nicht mehr brauche!“, rief sie wie von Sinnen, als sie freudig in die Hände klatschte und zufrieden grinste, bevor Valy „Gesundheit“ sagen konnte.

„Hör’ jetzt bitte auf mit deinen Philosophien, ich habe diesen sexuellen Missbrauch als demütigend empfunden, daher wirkt die Theorie des ,Gewinnes durch Verlust' im Zusammenhang mit einem Schmetterling nicht unbedingt sehr einfühlsam!“ Valetta hatte ihre Hände in die Hüften gestemmt und blickte ein wenig verärgert auf Casmy hinab, die bei diesen Worten ihre Arme verschränkte, und den Kopf senkte, während sie immer noch auf der Bank saß.

„Entschuldige, du hast recht!“, erwiderte Casmilda. Doch innerlich freute sie sich weiterhin über ihre neu gewonnene theoretische Erkenntnis. Valetta hingegen fühlte, wie das Durcheinander ihrer Emotionen sich auf ihrer Stirn in Form von dicken Schweißperlen ausdrückte, die von der lauen Märzsonne vergrößert wurden. Sie wusste, wie schwierig es war, in der Gesellschaft weiterhin gut zu funktionieren, und diverse Rollen zu spielen, die das Leben ihr abverlangte, da die Vergewaltigung Tag für Tag schwer auf ihrer Seele lastete, heute nicht mehr derart grausam wie früher, aber ein Restschmerz war ihr geblieben.

In ihrer Vorstellung konnte überall jemand lauern, der ihr selbiges noch einmal antat. Sie hatte die Möglichkeit, diesen Gedanken ins Unterbewusstsein zu verdrängen, aber sie vermochte es nicht, diese Angst vollkommen auszulöschen. Trotz ihrer Lebenserkenntnis des Gewinnes durch Verlust fiel es ihr äußerst schwer, die alten Wunden loszulassen, bzw. daraus neue, bereichernde Erkenntnisse zu erzielen. Oft fühlte sich ihre Theorie speziell auf ihre eigene Situation bezogen ziemlich makaber und widersprüchlich an. Dennoch empfand sie ein wenig gönnerhaftes Wohlwollen unter ihrer harten Schale, da sie Casmilda eine neue Information mit auf den Weg gegeben hatte, die sie offensichtlich begeisterte. Somit war dieses Gespräch äußerst produktiv verlaufen, Casmilda hatte etwas dazugelernt und Valetta fühlte sich ein bisschen besser. Sie hatte Casmilda ein intimes Geheimnis anvertraut, über das außer ihrer Therapeutin bisher niemand Bescheid gewusst hatte. Und sie bereute es nicht, Casmy eingeweiht zu haben. Nun hatte sie eine zweite Ansprechpartnerin, mit der sie über ihre Ängste, die noch lange nicht überwunden waren, sprechen konnte. Außerdem empfand sie eine gewisse Erleichterung, von Casmilda nicht gefragt worden zu sein, ob sie die Polizei verständigt hätte, um den Vergewaltiger aufzuspüren und festnehmen zu lassen. Dass er sich wenige Tage später nach seinem gewaltsamen Akt erhängt hatte, brauchte sie nicht zu wissen, und Valetta wollte nicht darüber sprechen – zu viele Erinnerungen an Grausamkeiten konnte sie in diesem Moment nicht gebrauchen. Sie merkte ohnehin, wie rücksichtslos ihr die Realität der Erinnerung an den sexuellen Missbrauch ihre Kraft zu rauben schien, und erlaubte sich, in ihrem Kopf einen Ohrwurm entstehen zu lassen, der sie ablenken sollte. Manchmal störte es sie immens, dass gewisse Songs in ihr Bewusstsein drangen, aber es geschah meistens dann, wenn sie einen tief sitzenden Schmerz verdrängen wollte, so wie jetzt in diesem Moment. Doch die Lieder trugen Botschaften, die ihr Unterbewusstsein mit der aktuellen Situation verglich. Valys Gedanken wählten „Let it be“ von den Beatles, der Situation nach zu urteilen war das kein Zufall. Ab und zu schien es Valetta, als könnte sie ihre Gedanken und Gefühle nicht kontrollieren, ebenso wie die Ohrwürmer, die einfach aus dem Nichts in ihrem Bewusstsein aufflackerten.

Um 15 Uhr verdunkelten sich langsam die Wolken, und es begann zu regnen und zu donnern. Valetta wurde von kühlen Regentropfen aus ihrer Illusion der beruhigenden Beatles-Melodie gerissen, als auch Casmilda sich schließlich von der Bank erhob und beschloss, das Gedankenspiel über ihre neue Lebensphilosophie zu einem späteren Zeitpunkt fortzusetzen. Valetta fluchte, weil sie sich über derartige Witterungsverhältnisse prinzipiell ärgerte, und sie in ihrer emotional immer noch aufgewühlten Situation das Gefühl hatte, im wahrsten und auch symbolischen Sinne ein begossener Pudel zu sein. Casmy hingegen empfand Gewitter als etwas Interessantes, ja, sie liebte sie, weil sie ihres Erachtens nach zeigten, dass auch die Natur einen Charakter besaß, den diese auslebte. Behände schnappte sie sich ihre Handtasche, nahm Valy intuitiv bei der Hand, was sie noch niemals getan hatte, und so liefen sie gemeinsam zur U-Bahn, bereits ein wenig durchnässt.

Die geplante, gemütliche Shopping – Tour fiel damit ins Wasser, man konnte es nicht treffender ausdrücken. Angesichts des aufwühlenden Gesprächs der letzten halben Stunde war es für Beide jedoch ohnehin das Beste, ruhige Gefilde aufzusuchen. Casmilda wollte für Valy da sein. Langsam und bedächtig stiegen sie die Stufen hinunter, die zur U-Bahn führten. Valetta bemühte sich um einen entwaffnenden Witz, als sie sich auf die Wartebank bei den Gleisen niederließen: „Na, Frau Haargenau, wo ist denn nun Ihr batteriebetriebener Fön und Ihre Rundbürste, um Ihre zerzauste Frisur in Ordnung zu bringen?“ Casmilda lachte laut auf, und warf den Kopf in den Nacken, doch ihr Lachen galt mehr der Freude, die sie empfand, weil Valy zumindest versuchte, für ein bisschen heitere Stimmung zu sorgen. Valetta lächelte kurz zurück. Casmy versuchte es zu verbergen, aber das Gespräch von vorhin wühlte sie immer noch sehr auf. Obwohl sie sich zwischenzeitlich abgegrenzt hatte, spürte sie in diesem Moment eine nachhaltige Wirkung der tiefen Besorgnis um Valetta in ihrem Herzen. Außerdem nahm sie sich für ihr eigenes Leben fest vor, Männer in Zukunft sehr genau zu beobachten und kennenzulernen, bevor sie mit ihnen den sexuellen Akt praktizierte. Als sie sich mit diesen Gedanken des Selbstschutzes auseinandersetzte, ließen langsam auch die roten Flecken auf der Stirn nach, die sich aufgrund ihrer emotionalen Befindlichkeit gebildet hatten. Trotz aller gut gemeinten Empathie, die sie für ihr Gegenüber aufgebracht hatte, musste sie sich eingestehen, dieses Abebben der Flecken der Konzentration auf ihre eigenen Bedürfnisse zuschreiben zu müssen.

„Wie geht es dir ?“, fragte Valetta, als sie auf die U-Bahn warteten. „Bei aller Aufmerksamkeit, die ich von dir gefordert habe, fielen mir die roten Flecken auf deiner Stirn kaum auf, aber jetzt sind sie beinahe verschwunden.“

„Mach' dir um mich keine Sorgen, mir geht es gut, und vor allen Dingen gut genug, um für dich da zu sein. Danke für dein Vertrauen, dein Geheimnis ist bei mir gut aufgehoben“, sagte Casmilda lächelnd, während sie ihrer Freundin mit einem wohlgemeinten Augenzwinkern sanft eine Hand auf ihre Schulter legte.

„Das ist nett von dir“, erwiderte Valy kurz und blickte mit starren Augen in die andere Richtung. Casmy wusste jedoch, wie sehr sie sich über diese kleine Geste des Zusammenhalts freute, dies jedoch nach außen hin nicht zeigen wollte.

Die U-Bahn rollte eine Minute später in der Station ein. Die jungen Damen wählten einen Platz in der Mitte des Waggons, wobei Casmilda ihre Überraschung kaum zu verbergen wusste, als Valy sich direkt neben sie setzte. Ein wenig verwirrt hob Casmy daher die Augenbrauen, als Valy sie verzweifelt ansah und kaum hörbar flüsterte: „ Ich brauche jetzt Nähe, und kann mir denken, wie seltsam dieser Wunsch wohl auf dich wirken muss, da ich in typischen Situationen ein kühles, abweisendes Verhalten an den Tag lege, aber glaube mir, das hier ist keine typische Situation.“ Ihr kühler Blick ruhte traurig auf Casmildas Augen, die am liebsten den Kopf geschüttelt hätte, um sich selbst innerlich aufzuwecken und daran zu erinnern, wie deutlich sich die Verhaltensweise ihrer Freundin von ihren sonstigen unterschied, bis ihr einfiel, dass Valy dieses Kopfschütteln vielleicht als Zurückweisung empfinden würde. Einfühlsam erwiderte Casmy den Blick ihres Gegenübers. Am liebsten hätte sie sie in die Arme genommen. Schließlich öffnete Casmilda diese intuitiv ein wenig. Valetta tat es ihr gleich, als sie mit heftiger Wucht das Angebot der Geborgenheit entgegennahm, und sich einfach fallen ließ. Casmy beruhigte ihren Schrecken über das Ausmaß des festen Druckes, das sich in Valys haltsuchenden Fingern, die sich in Casmildas Fleisch der Oberarme gruben, ausdrückte, mit dem Gedanken, Valy würde den Druck verringern, sobald sie merkte, dass ihr Gegenüber sie nicht verletzte, so wie damals ihr sexueller Peiniger, sondern ihr einfach nur bedingungslosen Trost spenden. Wenige Augenblicke später lockerte Valetta tatsächlich ihre Finger. Casmy spürte die heißen Tränen an ihrem Hals, doch sie wischte sie nicht hinfort, sondern hielt vertraulich die Stellung, die ihrer Freundin nun gut tat. Casmy drückte sie fest zu sich und strich ihr über den Kopf, tröstete sie mit beschwichtigenden Worten, darauf bedacht, die neugierigen und missbilligenden Blicke der anderen Fahrgäste zu ignorieren. Auch für sie bedeutete es ein gewisses Maß an Überwindung, so viel Kraft für ihre Freundin aufzuwenden, da sie eine solch immense Forderung der Geborgenheit von Valetta ausgehend noch nie zuvor erlebt hatte. Und es überraschte sie immer noch ein wenig, dass Valys ach so harte Schale einen weichen Kern in sich trug.

Es hatte aufgehört zu regnen, und den Rest des Nachmittags blitzten ein paar vereinzelte Sonnenstrahlen vom Himmel herab, die die jungen Damen dazu einluden, die Restwärme des Tages bei einer Tasse Kakao im JWH auf der Terrasse zu genießen. Sie saßen einander auf einer großen, hölzernen Bank gegenüber. Casmilda begann zu träumen, als sie die rote Rosenhecke erblickte, die sich aus dem nahe gelegenen Garten des Nachbargrundstückes erstreckte. Marco würde mich niemals zum Sex zwingen, dachte sie bei sich.

„Manchmal trieb mich dieses Schwein zu den grausamsten Selbstmordfantasien!“

Valettas laute Stimme der Entrüstung riss Casmilda aus ihren Gedanken, die sie mit einem Kopfschütteln hinwegfegte, um Valy erneut ihr Ohr zu leihen. Doch sie wollte und konnte sich mit diesem Kapitel aus dem Leben ihrer Freundin nicht mehr auseinandersetzen, weil es ihre innerste Substanz auslaugte. Also wechselte sie das Thema.

„Darf ich dich noch etwas fragen?“

„Ja, okay“, brachte Valetta mit runzelnder Stirn und aggressiver Stimme hervor.

„Wer ist diese komische Rothaarige bei Junk Food Mood gewesen?“

Valetta verschränkte entschieden die Arme vor ihrer Brust und verdrehte die Augen bei der Erinnerung an die Person, die sie als primitiv und asozial empfand, und dennoch ihre Ex-Freundin verkörperte.

„Ach so, die meinst du, dieses Drogenwrack. Sie heißt Tatjana, wir waren kurz zusammen, das ist aber schon ein halbes Jahr her. In ihrem Delirium redet sie ständig von irgendwelchem Kauderwelsch, den sie wohl nicht einmal selbst versteht. Wer drogenabhängig ist, kann sich aus seiner Sucht nur schwer befreien. In der Zeit, als wir eine Beziehung führten, habe ich auch ab und zu ein paar Pillen eingeworfen. Aber ich bin froh, diese Phase hinter mich gebracht zu haben.“

„Du meinst, die ,Tatjana-Phase'?“, witzelte Casmilda und grinste.

„Ja genau, wenn du so willst!“

Sie lachten. Dann wurde Valetta wieder ernst.

„Es ist wirklich schlimm, was passiert ist, aber ich muss damit leben, Tag für Tag. Doch die Frage, ob ich aus tiefster Überzeugung an Frauen interessiert bin, kann ich mir nicht beantworten. Ich lernte Tatti kennen, als ich kurz nach der Vergewaltigung neue Wege für mich finden wollte, die mich leider zu der abtrünnigen Persönlichkeit führten, die sie darstellt. Sie ist ein schlechter Umgang für mich. Aber jetzt empfinde ich nichts mehr für sie, außer vielleicht ein wenig Ekel und trotz ihrem provokanten Charakter und Auftreten ein Quäntchen Mitleid.“

Casmilda nickte stumm. Der Themenwechsel schien keine goldenen Früchte zu tragen, sodass sie nicht wusste, was sie sagen sollte. Also zündete sie sich mit flinken Handbewegungen eine Zigarette an, um zumindest irgendetwas zu tun, das ihr ein bisschen Sicherheit vermittelte.

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