Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 103

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Die Nation als Ideal und Wirklichkeit

[Die Neue Rundschau, 12.1921, S. 1233-1248]

I

Indem ich anhebe, die Frage des Nationalgefühls als eine Frage zu behandeln, während sie seit 1914 nur als Antwort zu existieren scheint, als leidenschaftliche, unbekümmerte Bejahung oder Verneinung, indem ich dies mitten in einem überaus kritischen Abschnitt unseres Schicksals versuche, wo scheinbar jeder Zweifel am Begriff der Nation vermieden sein sollte, muß ich dennoch die Entschuldigung abweisen, ich tue es, weil ich eine neue Antwort weiß und mich der Prophet treibt, sie zu verkünden. Ich kenne in der Tat nur Teilantworten oder Antworten, die nur zum Teil befriedigen. Aber gerade in diesem Mangel, der ungeachtet allen Bemühens, ihn zu beheben, bestehen bleibt, erkenne ich die Notwendigkeit, daß einer einmal nicht in fertiger Überzeugung von der Sache spricht, sondern aus der unverhohlenen Hilflosigkeit heraus, in der wir uns trotz aller Phrasen ihr gegenüber befinden.

II

Die, für welche die Nation einfach nicht existiert, machen es sich zu leicht. Dieser Geist, der sich im Namen des Geistes für exterritorial und übernational erklärt, treibt angesichts der auf uns allen lastenden Verachtung und Sklaverei Vogelstraußpolitik; er steckt den Kopf in den Sand, was nicht hindern kann, daß ihn die uns allen geltenden Schläge dort treffen werden, wo seine Straußfedern sitzen.

Dieser individualistische Separationsgeist übersieht aber noch eines: jenes bekannte Sommererlebnis im Jahre 1914, den sogenannten Aufschwung zur großen Zeit, und ich meine das durchaus nicht nur ironisch. Im Gegenteil, was man anfangs stammelte und später zur Phrase entarten ließ, daß der Krieg ein seltsames, dem religiösen verwandtes Erlebnis gewesen sei, kennzeichnet unzweifelhaft eine Tatsache; Entartung beweist nichts gegen den ursprünglichen Charakter. Es ist zu einer Phrase gemacht worden, in der üblichen Weise eben dadurch, daß man es ein religiöses Erlebnis nannte und ihm damit eine archaistische Maske gab, statt zu fragen, was da eigentlich an einen doch längst entschlafenen Vorstellungs- und Gefühlsbereich so heftig seltsam poche: dennoch läßt sich nicht leugnen, daß die Menschheit zu jener Zeit (und natürlich alle Völker in der gleichen Weise) von etwas Irrationalem, Unvernünftigem, aber Ungeheurem berührt worden ist, das fremd, nicht von der gewohnten Erde, war und deshalb, noch bevor die eigentlichen Kriegsenttäuschungen kamen, einfach weil es sich bei seiner atmosphärisch unbestimmten Natur nicht fassen und halten ließ, schon als eine Halluzination oder ein Gespenst erklärt wurde.

Darin war auch das berauschende Gefühl enthalten, zum erstenmal mit jedem Deutschen etwas gemeinsam zu haben. Man war plötzlich Teilchen geworden, demütig aufgelöst in ein überpersönliches Geschehen, und spürte, von ihr eingeschlossen, die Nation geradezu leibhaft; es war, als ob mystische Ureigenschaften, welche in einem Wort eingeschlossen die Jahrhunderte verschlafen hatten, plötzlich so real erwachten wie die Fabriken und Kontore am Morgen. Man muß schon ein kurzes Gedächtnis oder ein weites Gewissen haben, um über späterer Besinnung das zu vergessen. – Selbst die Wenigen, die sich diesem ungeheuren Druck entziehen wollten, konnten es nicht durch ruhiges Beharren tun, sondern nur durch Gegenstoß. Wer schon zu Beginn Kriegsgegner war, mußte es fanatisch sein; er spie der Nation ins Gesicht, er meuchelte sie und bewies damit nur – die Konträrfaszination.

Will man nun glauben, daß es nichts gewesen sei, wenn Millionen Menschen, die zuvor nur für den Eigennutz und in übertünchter Angst vor dem Tode gelebt hatten, plötzlich mit Jubel dem Tod für die Nation entgegenliefen? Man muß schon ein sehr ungebildetes Ohr für das Leben haben, um über der pazifistischen Gewissensstimme diese Stimme des Geschehens nicht gehört zu haben. Und selbst wenn Millionen von Menschen sich, ihre Existenz, ihre Lebensziele, ihre Nächsten, ihren Gesamtbesitz an Heroismus bloß einem Phantom geopfert haben sollten: kann man denn da einfach wieder zu Bewußtsein erwachen, aufstehen und weggehen wie nach einem Rausch, das Ganze eine Trunkenheit, eine Psychose, eine Massensuggestion, ein Blendwerk des Kapitalismus, Nationalismus oder was immer nennend? – Man kann es ganz gewiß nicht, ohne dadurch ein Erlebnis zu unterdrücken, das nicht erledigt ist, und gerade dadurch die Ursprünge einer ungeheuerlichen Hysterie in die Seele der Nation zu senken!

III

Aber auch die, für welche die Idee der Übernationalität nicht existiert, machen es sich zu bequem. Braucht man das eigentlich zu sagen?

Wenn aber nicht, warum hört man dann so selten die Anklage gegen den Betrug erheben, der an uns beim Kriegsende durch Wilson und sein trojanisches Pferd der vierzehn Punkte begangen worden ist? Gewiß waren wir damals am Ende; aber in dem Augenblick, wo wir die zum Ekel gewordenen Waffen fallen ließen, hatte sie etwas uns aus der Hand geschlagen oder geschmeichelt? War nicht eine österliche Weltstimmung da: verfrüht wie ein warmer Februartag, die Überzeugung, daß eine neue Zeit für die Menschheit anhebt? Und auch sie war, verglichen mit dem erschütternden Dementi, das sie erlitt, nur eine Trunkenheit, eine Psychose, eine Massensuggestion, ein Blendwerk gewesen.

Wir haben also zwei große, einander entgegengesetzte Illusionen und beider Zusammenbruch erlebt, empfindlicher erlebt als andere Nationen: ist es zu verwundern, daß wir daran geistig niedergebrochen sind? Der wilde Haß, der in der deutschen Nation zwischen den zur Wiederermannung Eifernden und den dagegen Eifernden aufriß, die durcheinandergellenden Appelle an die nationale Erhebung von 1813 und an die internationale Erhebung von Moskau, der Kontrast zwischen den vor der Entente palmwedelnden Pazifisten und den Morden an unseren eigenen Politikern, die leidenschaftlichste Trauer um die verlorene Selbständigkeit der Nation gleichzeitig mit unerlaubten Auslandsgeschäften, Florieren der Schieber, der Tanzsäle und tausenderlei wenn selbst nicht unerlaubtem, so doch unangebrachtem Gedeihen, endlich die ungeheure seelische Ermattung und der Zerfall der Nation in müde, mürrische, einander fremd gewordene Teile: das entspricht nicht mehr bloß der Schwere erlittener materieller Verletzungen, sondern zeigt die geistige Erschütterung an.

IV

Zur Wiederaufrichtung gehört wohl eine klare und feste Seele; ist es richtig, daß jene Illusionen und ihr Zusammenbruch uns geschwächt haben, und daß wir eigentlich an einem seelischen Vakuum leiden, so haben wir wenig Dringenderes zu tun, als uns mit ihnen auseinanderzusetzen.

Wie falsch, die leider oft in Deutschland zu hörende Schulbubenausrede: Wir haben’s nicht getan! Sondern die Kaiser, die Generäle, die Diplomaten! Natürlich haben wir’s getan: wir haben es gewähren lassen; es hat es getan, ohne daß es von uns gehindert worden wäre. Bei uns wie bei den andern. Wie falsch auch die andere oft zu hörende Rede: wir hätten bloß nicht genug Festigkeit gehabt und hätten uns betören lassen. Das übersieht das wahrhaft Neue, zu dem sich damals der Wille bilden wollte. Wenn man aber die Verhandlungen von Versailles in den französischen Blättern nachliest, so sieht man es sich listig, nein fast mechanisch, hilflos und mit Notwendigkeit gegenbilden, was diesen Willen bezweifelte, so wie er auch bei uns bezweifelt wird, verdächtig machte mit alten Erfahrungen und ihn mit einer Mentalität umfing, deren Apparat nicht anders konnte, als die junge Saat zerdrücken. Versailles war ein Brennspiegel des europäischen politischen Denkens. Der Einzelne aber war der gleiche vor 1914, im Sommer 1914, bei Brest-Litowsk, bei den vierzehn Punkten, in Versailles; der gleiche in Frankreich und Deutschland; er hat bloß die entsetzlichsten Gegensätze erlebt, fast ohne die Übergänge zu merken; er hat sich bloß als zu allem fähig erwiesen und hat es gewähren lassen; bei voller Illusion eigenen Willens folgte er willenlos. Wir haben’s getan, sie haben’s getan; das ist keiner, das ist »Es«.

Betrachten wir dieses Es.

Daß der Wille der Gesamtheit nicht die Summe der Einzelwillen darstellt, ist nichts Neues; wenn nicht früher, so findet man bei Lagarde diesem Gedanken Wichtigkeit beigemessen, und seither ist er ein oft erörtertes und genau untersuchtes Thema geworden. Selbst eine Urabstimmung drückt nicht allein die Stimme der Befragten aus, sondern auch die des dazu aufgebotenen Apparats, und so sind alle Äußerungen eines Volks nicht nur es selbst, sondern sind mitbestimmt von seinen Apparaten der Bureaukratie, der Gesetze, der Zeitungen, der wirtschaftlichen und ungezählter anderer Einrichtungen bis in die scheinbar individuellsten und doch teilweise abhängigen Leistungen der Literatur hinein. Ein Volk ist die Summe der Einzelnen plus ihrer Organisation, und da diese Organisation in vieler Hinsicht ein selbständiges Leben führt, so ergibt sich – nimmt man noch die in hohem Maß zufällige Zusammensetzung der öffentlichen Ideenatmosphäre eines bestimmten Augenblicks hinzu – jenes Es, von dem die Rede war. Seine Bildung soll in der Folge als genügend bekannt und ungenügend durchschaut vorausgesetzt werden; es ist merkwürdig, wie wenig ausgenützt diese doch schon feststehenden Wahrheiten werden, und es würde nicht viel dazu beitragen, obgleich es sehr umfänglich wäre, wenn ich sie hier wiederzugeben versuchte.

Hingegen ist das ideologische Gewand, in dem dieses Es auftritt, im Zeitpunkt vor einer Erneuerung mit pflichtschuldigem Argwohn zu betrachten.

V

Es dürfte nicht viele Menschen geben, welche, direkt befragt, Nation mit Rasse gleichsetzen würden – alle Welt weiß schließlich, daß die Nationen Rassengemische sind –, aber merkwürdigerweise wird trotzdem im Leben immer wieder ganz unbefangen der Begriff der Rasse dem der Nation unterschoben, und es wird mit ihm hantiert, als wäre er so eindeutig wie der Begriff eines Würfels: darin liegt die Erscheinung, welche hier betrachtet werden soll. Es ist mir ferne, mich über die Rassenfrage verbreiten zu wollen, aber um zu ihrer ethischen Bedeutung zu gelangen, ist es allerdings nötig, an die theoretische Eigenart des Rassegedankens anzuknüpfen.

Wenn sich von einem bestimmten Augenblick ab die Tische durch Zeugung statt durch Bestellung vermehren würden, so würden wir alsbald aus den jetzt lebenden Tischen (und zwar mit der gleichen Evidenz, mit der wir in einem Friesen den Friesen erkennen) die Rassen der vierbeinig-rechteckigen, der einbeinig-ovalen und dergleichen mehr Tischrassen entstehen sehn. Es wäre gar nichts geschehn, als daß je zwei Tische einen dritten zeugten, der ihnen nach einem bestimmten Mischungsgesetz der Eigenheiten ähnelte und die Eigenschaft besäße, sich in der gleichen Weise weiter fortzupflanzen. Daß dabei ein Teil der Eigenschaften während mehrerer Generationen bloß in den Keimanlagen weitergereicht werden kann, ohne sonst in Erscheinung zu treten, ändert gar nichts daran, daß sich alles nur zwischen und an Individuen abspielt. Bei der ganzen Angelegenheit hat die Rasse nichts zu tun, als daß sie schließlich da ist, weil sie gar nirgends anders sein kann; so wie der Regen da ist, wenn Tropfen vom Himmel fallen. Sie selbst hat keine andere Möglichkeit, in das reale Sein einzutreten, als durch die Individuen, und keine andere Wirkungen als die Wirkungen von Individuen; eine solche Existenz ist aber eben eine nur gedachte, ein Kollektivbegriff. Natürlich gibt es Rassen, aber die Individuen bilden die Rasse.

Ist das der Sachverhalt, so ist seine Umkehrung durchaus nicht berechtigt, und diese fast theologische Verdrehung lautet: das Individuum wird von Rassen gebildet. Bekanntlich ist gerade diese Formel die des Alltagsgebrauchs.

Es bleibt nach ihr von einem Menschen so wenig übrig wie von einem Strumpf nach Abzug der sich verkreuzenden Maschen. Meist mag es ja nur eine Bequemlichkeit der Verständigung sein, wonach ein Mensch zuerst durch seine Zugehörigkeit zu einer Gruppe gekennzeichnet wird – kann es die Familie X. sein, warum also nicht auch die germanische Rasse? –, und es klingt uns heute schon fast natürlich, wenn Bismarck sagt, »das Fällen von Bäumen ist kein germanischer, sondern ein slawischer Zug«, oder ein jüdischer Kritiker von Wassermanns Buch »Mein Weg als Jude und Deutscher« behauptet, »es ist für einen Juden unmöglich, ein rein deutscher Künstler zu werden«: trotzdem ist es gerade in den harmlosen Fällen ein gefährliches Zugeständnis an eine lasterhafte Denkgewohnheit. Man kennt ja jene Literatur, die sie verursacht hat und von ihr verursacht wurde. Sie hat nicht Schädelindizes, Augenfarbe und Skelettproportionen, was nur wenig Menschen anlockt, zum Gegenstand, sondern Eigenschaften wie religiösen Sinn, Rechtlichkeit, staatsbildende Kraft, Wissenschaftlichkeit, Intuition, Kunstbegabung oder Toleranz des Denkens, von denen wir insgesamt kaum anzugeben wissen, worin sie bestehn, und spricht sie mit Hilfe eines anthropologischen Küchenlateins den angeblichen Rassen zu oder ab, weil sie glaubt, der Nation Würde durchs Ohr zu flößen zu können, wenn sie mit der Stimme der Jahrtausende vor ihr bauchredet.

Man wird nicht leugnen können, daß ein gut Teil unseres nationalen Idealismus in dieser Denkkrankheit besteht.

Wohin das führen muß, ist nicht schwer zu sehen. Wenn im Guten und Bösen für alles nicht der Einzelne verantwortlich gemacht wird, sondern die Rasse, wirkt das genau so, wie wenn man sich immer auf einen anderen ausredet; die Folge ist nicht nur, daß Wahrhaftigkeit und intellektuelle Feinheit abstumpfen, sondern eine Entartung aller Keimzellen der Moral. Wo die Tugend durch Prädestination zum Nationaleigentum erklärt wird, ist der Weinberg des Herrn expropriiert, und niemand braucht fortab in ihm zu arbeiten. Es wird dem Einzelnen vorgeschmeichelt, er besitze alles Wünschenswerte, so er sich nur auf die Tugenden seiner Rasse besinne: offenbar ein moralisches Schlaraffenland, unser glückliches Deutschland, wo die gebratenen Tugenden ins Maul fliegen!

Schwieriger scheint sich erkennen zu lassen, woher es kommt. Man sagt Antisemitismus, aber das ist fast nur ein anderes Wort für die Erscheinung selbst; das Wesentliche ist, daß sich hinter ihr ein echter Idealismus birgt, ein typischer Fall jenes regressiven Ideenbedürfnisses, das jeden Gedanken auf ältere, ewige, für erhaben geltende zurückbezieht statt ihn auszudenken; kurz eben das, was hierzulande für Idealismus gilt. Das erzeugt den Menschen mit dem festen Rezept und den erhaben einfachen Regeln, der sich des geistigen Erlebens überhebt, den Pharisäer. Es ist bei uns ein sonderbares und äußerst gefährliches Verhältnis entstanden: die Respektlosigkeit vor dem Geist im Namen des deutschen Geistes. Weite – und fast möchte man sagen die bestwilligen – Kreise unseres Volks haben es verlernt, eine Leistung nach ihrem Gehalt zu empfinden, und prüfen sie nur nach ihrer Herkunft und darauf, wie sie ins System der Vorurteile paßt; es wird das Weite am Engen gemessen, der mannigfaltige Geist an einer seiner Ausgeburten; die Aufmerksamkeit hat sich von den Werten zu ihren Nebenumständen abgewendet, von der Wirklichkeit zur Hypothese, und es hat sich derer, die zu folgen berufen sind, eine sektiererisch anmaßende Besserwisserei bemächtigt. Da mit etwas so Urtümlichen, wie es die Rasse ist, überdies nur urtümliche Tugenden verknüpft sein können, werden schließlich auch die Geister, welche sich des gleichen Bluts berühmen dürfen wie ihre Richter, nicht mehr ans Ohr der Nation gelassen, falls sie nicht so schreiben wie Herr Walter Bloem oder so denken wie Herr Hilthy, also nicht treu, tapfer, keusch sind und mit weiteren fünf deutschen Indianertugenden ihr Auslangen finden. Auf diesem Wege des Idealismus ist der Rassengedanke zur deutschen Selbstbeschädigung geworden und saugt der Nation in jahrzehntelangem Mißbrauch das Mark aus.

VI

Unter allen ideologischen Bekleidungsstücken der Nation ist aber der Staat das leibhafteste. Fast möchte man schlechtweg sagen: er ist ihr Leib; aber er ist ja mehr, er ist ja leider fast auch ihre Seele. Siehe das alte kaiserliche Reich, siehe aber auch das neue Rußland. Er ist eine alle inneren Teile durch und durch wuchernde Schutzkapsel.

Es ist überaus merkwürdig, wie in der Geschichte des Denkens von den Griechen bis auf den heutigen Tag maßlose Hochstellung des Staates mit maßloser Tiefstellung fast in der Regelmäßigkeit von Pendelschwingungen wechseln. Er wird bald für die höchste menschliche Erziehungsanstalt oder den Inbegriff aller Güter angesehn, bald für den alles Höhere verschlingenden Leviathan, und wenn schon für unentbehrlich, so doch für ein unentbehrliches Übel. Es ist klar, daß so hartnäckige Widersprüche nicht nur theoretischer Natur sein können, sonst hätte sich im Lauf der Zeit, wie bei allen Verstandesfragen, ein Ausgleich herausgebildet. Sie erweisen sich auch als unabhängig von den großen Weltanschauungstypen; Hellas, das katholische Mittelalter und die Aufklärungszeit mußten gleichermaßen beiden Auffassungen in sich Raum geben. Da er nicht zu schlichten ist, hängt der Streit wahrscheinlich mit einem Gefühlsverhältnis zusammen; da er sich aber auch den tiefsten Unterschieden des Weltgefühls gegenüber als unbeeinflußbar erweist, dürfte er auf einen noch tieferen Unterschied hinabreichen; es liegt nahe, diesen in dem Gegensatz von Einzel- und Gesellschaftswesen zu suchen, der vor die Anfänge der menschlichen in die tierische Gesellschaft hinabreicht und von jedem in sich getragen wird. Jeder Einzelne ist gespalten in Liebe und Haß der Gesellschaft gegenüber, wenn auch die Lebensumstände eines von beiden oft nicht bemerken lassen oder beide zur Gleichgültigkeit abschwächen.

Dieses widerspruchsvolle Verhältnis des Menschen zum Staat äußert sich nun auch in dem folgenden fürchterlichen Rechenexempel: Die einzelnen Menschen sind, wenn man auf die Übertreibungen der Rassenidee verzichtet, in den verschiedenen Staaten einander nahezu gleich; die Staaten sind, wenn man sie als Apparate miteinander vergleicht, auch nahezu immer dieselben – dennoch ergibt Einzelne plus Staat jene vernichtenden Gegensätze, die sich in Kriegen entladen und zu Friedenszeiten in dem seltsamen Zeremoniell von Gesandtschaften, Noten, Empfängen und Demarchen äußern, das so genau dem ähnelt, nach welchem Hunde auf der Straße einander begegnen. Sucht man diesen Widerspruch, daß die gleichen Menschen, in gleicher Weise organisiert, einen dauernden Gegensatz bilden, aufzulösen, so kann seine Ursache nur in der Art der Organisation zu suchen sein. Schon die flüchtigste Prüfung unter dieser Fragestellung ergibt vor allem, daß der Staat so etwas wie eine verhärtete Haut ist, eine geschlossene Fläche, welche den größeren Teil der in ihrem Raum wirkenden Kräfte nach innen zurückwirft und nur den weitaus kleineren durchläßt; ein Isolator; Meinungsaustausch, Verkehr, geistige Organisation, kirchliche Gemeinschaft, selbst Sozialismus, dieser aller »Kraftfelder« sind außen sehr viel verdünnter als innen. Es kommt dies daher, daß nahezu nur der Staat wirksame »Organe« ausgebildet hat; die Nation hat ja fast keine; die, welche sie hat, sind der Staat. Deshalb denkt, fühlt, entscheidet, handelt er in den meisten Fällen für die Einzelnen mit einer Generalprokura, die sich jeder Kontrolle entzieht; denn die Kontrolle ist, wenn man den Begriff des Staates nur in genügend weitem Sinn nimmt, wieder er selbst. Es bilden ja nicht nur die Regierung und die Exekutive diesen Apparat des sogenannten gemeinsamen Willens, sondern auch die Parteien und die Interessenvertretungen jeder Art; es besteht da ein durchgehendes, sozusagen histologisches Aufbaugesetz, wonach die Elemente der Organisation wieder nur Organisationen sind, und es wird anscheinend desto fühlbarer, je weiter ins Demokratische die Entwicklung geht. Demokratie ist nicht Herrschaft des Demos, sondern seiner Teilorganisationen.

Immer aber, wenn eine Gruppe für die Einzelnen handelt, wird ein Rest zu finden sein, ein Opfer, eine Duldung; nur dann nicht, wenn ein starker Schwung, die Einstellung auf eine besondere Leistung, ein erregter Herzschlag sie wegspült, nicht zu Bewußtsein läßt. In so großen, inhomogenen, gealterten Gruppen, wie sie die Staaten sind, wird das nur in besonders gehobenen Augenblicken geschehn; gewöhnlich »drückt« der Staat den Menschen, wo er mit ihm in Berührung kommt. Man braucht also kein Antietatist zu sein und kann die große Bedeutung des Staates voll anerkennen, so bleibt es doch angesichts dieser Verhältnisse eine tatsachenwidrige Ideologie, in ihm den Vertreter der höchsten, weil allen gemeinsamen Güter zu sehn und ihm dafür eine Art Überwillen zuzusprechen oder ihn für irgendeine Art menschlicher Vervollkommnungsanstalt zu halten. Das ist ein Ideenrest aus der Zeit des Obrigkeitsstaats, der sich in die Sprüchlein der Erzieher des jungen Deutschen Reichs gerettet hatte und leider auf dem besten Wege ist, im Sozialismus wieder aufzuleben, dessen Ethik im Altruismus einer Brüderschaft stecken zu bleiben scheint. Es ist auch ein Fall jenes »Überwälzungsidealismus«, der die Würde, die der Mensch für sein persönliches Leben nicht zu gewinnen vermag, auf dessen Hintergrund überträgt, auf die Rasse, auf seinen Kaiser, auf einen Verein, auf die Erhabenheit des Sittengesetzes oder sonst eine Tapete.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
10 haziran 2026
Hacim:
5257 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9782377871742
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