Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 104

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VII

Das gewöhnliche Verhältnis des Einzelnen zu einer so großen Organisation, wie sie der Staat darstellt, ist das Gewährenlassen; überhaupt repräsentiert dieses Wort eine der Formeln der Zeit. Das Zusammenleben der Menschen ist so breit und dick geworden, und die Beziehungen sind so unübersehbar verflochten, daß kein Auge und kein Wille mehr größere Strecken zu durchdringen vermag, und jeder Mensch außerhalb seines engsten Funktionskreises unmündig auf andere angewiesen bleibt; noch nie war der Untertanenverstand so beschränkt wie jetzt, wo er alles schafft. Ob er möchte oder nicht, muß der Einzelne gewähren lassen und tut nicht. Es ließ der Engländer und Amerikaner nicht die Kinder in Mitteleuropa verhungern, sondern er ließ es bloß zu, und wir selbst haben unseren Teil an den Greueln nicht getan, selbst wenn wir die Täter waren, sondern wir haben ihn bloß zugelassen. Wenn man das ändern will, muß man sich aber auch klarmachen, wie notwendig es ist. Wer glaubt – und es scheinen nicht wenig und gerade die eifrigsten Seelen zu sein –, daß da etwas statt durch kaltblütige Organisation von der Wärme des Herzens her zu richten wäre, der schlage an einem beliebigen Morgen seine Zeitung auf und lese, was es alles darin an einem einzigen Tag an Leid und Unglück gibt, das zu verhindern möglich wäre: und wenn er das alles nicht zulassen wollte, ja wenn er bloß die Fähigkeit besäße, es sich leibhaft deutlich zu machen, nein, nur so weit deutlich zu machen, wie es das Wort »mitfühlend« von jedem Menschen verlangt – er würde ein Narr werden! – Das aktive Gegenstück zu diesem Gewährenlassen ist die summarische, allgemeine, aktenmäßige Behandlung menschlicher Fälle; der Akt ist das Symbol der indirekten Beziehung zwischen Staat und Mensch. Er ist das geruch-, geschmack- und gewichtslos gewordene Leben, der Knopf, den man drückt, und wenn deshalb ein Mensch stirbt, so hat man es nicht getan, weil das ganze Bewußtsein von der schwierigen Handhabung des Knopfes erfüllt war; der Akt, das ist das Gerichtsurteil, der Gasangriff, das gute Gewissen unserer Peiniger, er spaltet den Menschen aufs unseligste in die Privatperson und den Funktionär, aber seine Indirektheit der Beziehung ist unter heutigen Verhältnissen eine anscheinend unentbehrliche Hygiene.

Der einfache Mensch korrigiert das darauf ruhende Mißgebilde, indem er stiehlt und auf beliebende Weise die ihm gemachten Vorschriften hintergeht. In der Tat bleiben außerhalb dieses Systems eigentlich nur illegitime und fast als unerlaubt anrüchige Einflüsse: der freie Wirtschafts-, Meinungs- und Lebensverkehr. Es bilden sich immer wieder trotz aller Widerstände Gedanken, die schließlich der Entwicklung eine kleine Änderung geben; auf die verstaatlichte Kirche wirken Häretiker ein, auf den verstaatlichten Geist das freie Schrifttum, und vor allem sind es die Süchte – darunter beherrschend und regelnd die nach dem Geld –, welche das menschliche Gegengewicht zur Organisation bilden. Sie sollten nicht nur angeklagt, sondern verstanden werden als das luziferische Korrektiv zu dem sehr unvollkommenen Gotte Staat. Augustinus schied zwischen dem Staat und der civitas dei, der Sphäre des Gottesreichs, wo sich der einzelne Mensch jedem Zugriff der Allgemeinheit entzieht. Heute stürzt sich die civitas dei ins Kino, gibt die Existenz hin für den Jimmy und schiebt mit Devisen unbekümmert den Staat an den Rand des Grabs. Das ist natürlich Entartung; es ist aber wichtiger, sich einzugestehn, daß es nach der anderen Seite bloß Kehrseite des Staates ist, etwas in seinem Wesen Begründetes, das in den Dombau eingemauerte spukende Menschenopfer.

Die Existenz der Nation war weder als Rasse noch in der Form des Staates zu finden; in diesen beiden hat man sie aber tatsächlich gesucht: der deutsche Gedanke stützte sich entweder auf Rassenphantasien oder auf eine Aufopferungsphilosophie für die Summe aller Summen, welche der Staat sein sollte, fast auf eine Art individueller Erbsündigkeit, die nur durch das Aufgehen im Ganzen abgelöst werden könne. Es blieb außerhalb dieser beiden als drittes die civitas dei, und ihr entspricht als dritte der Fassungen, eben schon berührt, die Nation als Geist. Unsere Ciceros sagen: die überpersönlichen ideellen Güter, der Gemeinschaftsgeist, die dem gemeinsamen Willen entsprossenen Einrichtungen, die gemeinsame Kulturtradition (worin der Komplex Staat nur einen Teil ausmacht) integrierten die Nation. Ohne das leugnen zu müssen, was viel Richtiges enthält, ist es erlaubt, dem ein doch wohl richtigeres Bild entgegenzustellen. Welcher Geist ist denn etwa einer Universität mit einem Zuchthaus gemeinsam – und es sind doch zwei Anstalten, in denen heute die Exponenten der beiden am stärksten entwickelten Tüchtigkeiten stecken? Welcher Geist Herrn Anton Wildgans mit Nietzsche? Gewiß einer, aber das wird so schwer festzustellen sein, daß man ihn besser beiseite läßt. Man achte lieber darauf, daß es da zuhauf viele Millionen Einzelner gibt, die innerhalb eines recht auseinanderklaffenden Zeitraums den Kopf in eine Welt gesteckt haben, welche sie dem Grad und der Art nach sehr verschieden verstehen, von der sie ganz Verschiedenes wollen, von der sie nicht viel mehr sehen als den Faden ihres Erwerbs und einen großen, beziehungslosen Lärm hören, in dem hie und da etwas anklingt, das sie die Ohren spitzen macht. Diese ungeheure, ungleichartige Masse, der sich nichts ganz eindrücken kann, die sich nicht ganz ausdrücken kann, deren Zusammensetzung täglich ebenso wechselt wie die der sie treffenden Reize, diese zwischen fest und flüssig schwankende Masse, Nicht-Masse, dieses Nichts ohne feste Gefühle, Gedanken und Entschluß ist, wenn auch nicht die Nation, so doch die ihr Leben eigentlich erhaltende Substanz.

Von ihr selbst wird jene ideelle Einkleidung als ein falsches »Wir« empfunden. Es ist ein Wir, dem die Wirklichkeit nicht entspricht. Wir Deutsche, das ist die Fiktion einer Gemeinsamkeit zwischen Handarbeitern und Professoren, Schiebern und Idealisten, Dichtern und Kinoregisseuren, die es nicht gibt. Das wahre Wir ist: Wir sind einander nichts. Wir sind Kapitalisten, Proletarier, Geistige, Katholiken … und in Wahrheit viel mehr in unsere Sonderinteressen und über alle Grenzen weg verflochten als untereinander. Der deutsche Bauer steht dem französischen Bauern näher als dem deutschen Städter, wenn es auf das ankommt, was reell ihre Seelen bewegt. Wir – jede Nation für sich allein – verstehen einander wenig und bekämpfen oder betrügen uns wo wir können. Unter einen Hut sind wir allerdings dann zu bringen, wenn er auf dem Kopf einer anderen Nation eingetrieben werden soll; dann freilich sind wir beseligt und haben ein mystisches Gemeinsamkeitserlebnis; aber man darf annehmen, daß die Mystik dieses Erlebnisses darin besteht, daß es so selten für uns eine Realität ist. Noch einmal: das gilt ebenso gut für die anderen wie für uns Deutsche; aber wir Deutsche haben in unseren Krisen den unschätzbaren Vorteil, daß wir die wahre Zusammensetzung deutlicher erkennen können als sie, und auf diese Wahrheit sollten wir unser Vaterlandsgefühl aufbaun und nicht auf die Einbildung, daß wir das Volk von Goethe und Schiller oder von Voltaire und Napoleon sind.

Es bleibt immer und zu allen Zeiten ein Gefühl mangelnder Deckung zwischen öffentlichem und eigentlichem Leben; kann aber überhaupt irgend etwas von öffentlichem Geschehen dessen wahrer Ausdruck sein? Bin denn selbst ich Einzelner das, was ich tue, oder ist es ein Kompromiß zwischen unartikulierten Kräften in mir und bereitstehenden, umformenden Formen für die Verwirklichung? Beim Verhältnis zum Ganzen gewinnt diese kleine Differenz vertausendfachte Bedeutung. Eine unnatürliche Interessenverknüpfung kann außer durch träges Beharren nur durch gemeinsames Interesse an der Gewalt gegen andre zusammengehalten werden, es muß nicht gerade die Gewalt des Kriegs sein. Wenn man aber sagt, in den Zeiten von Kriegsausbrüchen seien Massensuggestionen im Spiel, so ist das nur als das Zerbersten einer Ordnung an ihren ungewollten vernachlässigten Spannungen zu verstehn. Dieser explosive Aufschwung, mit dem sich der Mensch befreite und, in der Luft fliegend, sich mit seinesgleichen fand, war die Absage an das bürgerliche Leben, der Wille lieber zur Unordnung als zur alten Ordnung, der Sprung ins Abenteuer, mochte es noch so moralische Namen erhalten. Der Krieg ist die Flucht vor dem Frieden.

VIII

Gerade gesprochen, ist die Nation eine Einbildung, in allen Fassungen, die man ihr gab.

Es fällt nicht leicht, sich das einzugestehn in einer Zeit, wo andere Nationen sich in ihrer Illusion blähen und uns Menschen deutscher Sprache die Solidarität der Entrechtung, Ausbeutung und Verschleppung in Sklaverei auferlegt haben. Man wird daher einwerfen, selbst wenn Vaterlandsgefühl, Nation und dergleichen nur Illusionen sein sollten, so bliebe dies doch jetzt besser verschwiegen. Unabhängig davon, ob es eine Nation gibt oder nicht, hat die Annahme, daß es sie gebe, einen Wert, ja gerade, weil nicht geleugnet werden kann, daß es in der Praxis mit der Einheitlichkeit der Nation nicht weit her sei, könne gar nicht suggestiv genug von ihrem Vorhandensein gesprochen werden. Es werden das besonders jene sagen, welche in der Nation ein Ideal sehen, das nur in ferner Zukunft verwirklicht werden kann und von Zeit zu Zeit dem Volk gezeigt werden muß, damit es dieses läutere. Aber ein Ideal wie dieses, das sich in Wirklichkeit zu einer läuternden Suggestion sozusagen nur an Feiertagen entfaltet hat und bei Gelegenheiten vom Rang einer Mobilisierung, hat das gleiche Verhältnis zum Menschen wie ein Haus, in dem ein Mann nur alle Schaltjahrspfingsten schläft, während er es sonst vorzieht, auf der sumpfigen Wiese daneben zu schlafen; etwas, das so wirkt, kann nicht unbedingt gut und geeignet sein.

Ja, man kann sagen, alles, was wir bisher sehen mußten, war eigentlich nur ein Spezialfall eines falschen Gebrauchs vom Idealen! So wie die Annahme einer Rasse nicht progressiv aufgefaßt wurde als etwas, worauf man zielen kann, sondern regressiv als ein mystischer Fetisch, wurde der Staat erhöht, indem man ihn dem Verlangen entrückte, ihn für respektlos verbesserbar wie eine Wohnungseinrichtung zu halten, und es wurde der Begriff der Nation nicht institutiv als etwas zu Bildendes zugegeben, sondern konstitutiv als etwas Vorhandenes behauptet, das sich bloß nicht rein äußert. Das ist ein Gebrauch, den wir von allen unseren Idealen machen, wahrscheinlich Rest aus Zeiten, wo es noch schwer war, den einfachsten Regeln Beachtung anders zu schaffen, als indem man sie für tabu erklärte. Dieses prähistorische Tabugepräge trägt heute noch unsere Ethik. Wir stabilisieren unsere Ideale wie die platonisch-pythagoräischen Ideen, unverrückbar und unveränderlich, und wenn die Wirklichkeit ihnen nicht folgt, so sind wir imstande, dies gerade als das Kennzeichnende der Idealität anzusprechen, daß die Wirklichkeit nur ihre »unreine« Verwirklichung ist. Der schwer berechenbaren Kurve des Seins bemühen wir uns das starre Vieleck, das durch unsere moralischen Fixpunkte geht, zu unterlegen, indem wir in immer neuen Ecken die Geradheit unsrer Grundsätze brechen, ohne doch je die Kurve zu gewinnen. Mag sein, daß das innere Leben ein ebensolches Bedürfnis nach festen Beziehungspunkten hat wie das Denken; aber als Ideale haben uns diese dahin geführt, wo es weiter kaum mehr geht, da man – wie jedermann weiß – jedem Ideal so viele Einschränkungen und Widerrufe auferlegen muß, um es der Wirklichkeit zu nähern, daß kaum noch etwas von ihm übrig bleibt. Wenn ein weißer Grund ganz von dunklen Flecken bedeckt ist, wird der Augenblick kommen, wo man mit einem dunklen Grund und weißen Flecken in Gedanken arbeitet; auf ethischem Gebiet ist man noch weit davon. Dieses »Paktieren« mit der Wirklichkeit ist leider gerade das Gegenteil von dem, worin unsere Idealisten die Idealität erblicken. Ich nenne es Idealismus, die Wirklichkeit nach Ideen zu formen (und nur in zweitem Grade Idealismus, den durchgesetzten Ideen zu folgen so lange, bis die nächste Verwirklichungsstufe erreicht ist); wenn daher das Leben einem System von Idealen nicht folgt, so vermag ich in ihnen nicht viel Idealismus zu erkennen. Man sehe nur endlich ein, daß das Leben nicht aus Unfolgsamkeit nicht folgt, wie in der Schule, sondern daß die Fehler bei den Idealen liegen müssen.

Eine Moral, die heute nicht bloß ein Flickwerk sein will – meinethalben eine bloß »zivilisatorische« Moral mit Verzicht auf den schönen Atavismus Kultur, dessen Widerlegung man sich beiläufig aus dem Vorhergehenden ableiten kann –, muß sich auf der Ungestalt aufbaun, welche die europäische Zivilisation und das ungeheure Wachstum ihrer Beziehungen dem Menschen gegeben haben. Ich glaube, daß das seit 1914 Erlebte die meisten gelehrt haben wird, daß der Mensch ethisch nahezu etwas Gestaltloses, unerwartet Plastisches, zu allem Fähiges ist; Gutes und Böses schlagen bei ihm gleich weit aus, wie der Zeiger einer empfindlichen Wage. Es wird voraussichtlich damit noch ärger werden, und die Menschen werden den heute um sie gelegten, ohnedies halb ohnmächtigen ethischen Klammern immer mehr entgleiten. Denn man darf sich den Menschen wohl ursprünglich als ein Geschöpf denken, das ebenso gern gut wie bös ist, nämlich sozial wie egoistisch (beiseite gelassen, ein wie großer Einschlag von Egoismus noch zum Sozialen gehört); aber die Interessen, in welche er heute verflochten wird, sind zu viele, und die Undurchdringlichkeit um ihn, die ungenügende geistige Reizleitungsfähigkeit des sozialen Körpers bringt es mit sich, daß im Augenblick jeder Handlung immer nur ein kleiner Bruchteil der möglichen ethischen Determinanten auf ihn einwirkt. Darum hat heute jedes ethische Geschehen, wenn es wirklich erlebt wird, »Seiten«; nach der einen ist es gut, nach der anderen bös, nach einer dritten irgend etwas, von dem erst recht nicht feststeht, ob es gut oder bös ist. Gut erscheint nicht als Konstante, sondern als variable Funktion. Es ist einfach eine Schwerfälligkeit des Denkens, daß wir für diese Funktion noch keinen logischen Ausdruck gefunden haben, der dem Bedürfnis nach Eindeutigkeit genügt, ohne die Vieldeutigkeit der Tatsachen zu drücken; die Sittlichkeit wird so wenig an ihm zusammenbrechen wie die Mathematik daran gestorben ist, daß die gleiche Zahl das Quadrat zweier verschiedener Zahlen sein kann.

IX

Diese Moral, die unsren Tatsachen gewachsen wäre, haben wir natürlich nicht. Immerhin fordert schon das Bewußtsein des Übergangs, weder Staat noch Nation als Ideale zu behandeln, sondern einfach als Gegenstände, welche ihren Zwecken zu entsprechen haben. Über diese Zwecke, welche sich mit der Zeit ändern, kann aber kein Einzelner Bindendes sagen, außer: man überlasse es der Zivilisation, sie aus sich selbst zu entwickeln. Das heißt aber, wenn man in menschlichen Angelegenheiten den richtigen optimistischen Pessimismus hat – und weder glaubt, daß mit Mythos, Intuition und Klassizität einem Geschlecht von Maschinenbauern und -händlern zu helfen ist, noch die Kräfte übersieht, welche sogar in den Mißbräuchen dieser Zivilisation toben –, es den Menschen selbst zu überlassen, soweit es nur irgend mit dem Zusammenleben verträgIich ist, sich ihren Weg für sich zu suchen und ihren eigenen Interessen zu folgen. Es ist das ein Prinzip, das wir doch schon in der Kinderschule anwenden, weil sich gezeigt hat, daß man dadurch bessere Schüler erzieht, und das wir nur endlich einmal auf die Mündigen zu übertragen brauchten. Proletarier, Kapitalisten, Ichthyologen, Maler und so weiter, das sind schon heute die natürlichen Weltverbände, die in sprachlich nationalem Zusammenschluß eigentlich bloß einen Unterverband darstellen. Die Auffassung, daß das Wirtschaftsleben eine internationale Einheit bildet, und daß staatsegoistische Wirtschaftspolitik statt Arbeitsorganisation im großen treiben, eine kurzsichtige Schikane darstellt, beginnt sich langsam durchzusetzen; braucht man Beweise für die tatsächlich bestehende Internationalität der geistigen Interessen hinzuzufügen? Diplomatische Konferenzen zwischen den Staaten über den Abbau ihrer Gegensätze weisen ein derart lächerliches Mißverhältnis zwischen Erfolg und Aufwand auf, daß man wirklich auf die Idee kommen muß, diese Organisationen seien nicht geeignet, die Entwicklung über den bisher erreichten Zustand hinauszuführen, und der Völkerbund in seiner jetzigen Form eines Staatskonviviums erweist sich immer mehr als eine Groteske. Den Staat abzuwerfen, gelänge aber nur durch die Weltrevolution: ist das Programm für das Leben nach diesem Tode der alten Ordnung fertig, oder erwartet man nicht fast, daß durch recht langes revolutionäres Denken die Evolution einem die Verantwortung der Entscheidung abnehmen werde? Einer natürlichen Gliederung der menschlichen Gesellschaft steht aber nichts ärger im Weg als die Überhebung der beiden Ideale Nation und Staat über den Menschen. Es bleibt nichts übrig, als an der Verstärkung des an ihnen sich vorbei Entwickelnden zu arbeiten und den Gedanken an ihre Überholtheit zu wecken und wach zu erhalten.

Man kann einwenden, daß überall dort, wo internationale Verbindungen sich zur Bedeutung durchkämpfen, schwerste materielle Interessen hinter ihnen stehn, und daß jede Organisation, da sie großer Mittel bedarf, auch nur dort zustande kommen kann, wo ein großer materieller Erfolg im Spiel steht. Man braucht ferner nur einen Blick auf die innere Politik zu werfen, um zu sehen, wie alles Ideelle nicht geht, wie nur die dicksten Interessen die Menschen zusammenzuhalten vermögen, und wie lästerlich gepaart in unsren politischen Parteien sich gealterte Ideenschönheiten von stofflichen Bedürfnissen aushalten lassen. Man sagt sich endlich, daß selbst die innere Rechtsordnung, welche der Ursprung jeder Zivilisation ist, nur durch eine sie ursprünglich setzende Gewalt geschaffen werden konnte, und daß sich auch im Bolschewismus die Gewalt zur Trägerin der Idee machen zu müssen glaubt. Möglich, daß auch die Seite einer zeitgemäßen Lebensform, von der hier die Rede ist, nicht ohne Gewalt zu erreichen sein wird. Aber Ideen weisen der Zukunft überhaupt nicht den Weg, sondern nur die Richtung; sie sind Netze, die einfangend über die Zukunft geworfen werden, von der sie immer zum Teil und nie ganz zerrissen werden. Welche Zukunft haben wir denn? Uns mit der Zeit über erlittene Unbill durch Wiederdickwerden zu trösten? Revanche, ohne die uns entrückten weltpolitischen Ziele? Oder: ein weltpolitisches Ziel zu schaffen! Bei Kriegsausbruch hat die Kirche versagt, hat der Sozialismus versagt, beide unter dem Druck einer Entweder-oder-Ideologie, die eine Aberideologie war. Das Volk, welches am frühsten beginnt, aus der Sackgasse des Imperial-Nationalismus herauszufinden zu einer neuen möglichen Weltordnung und allen seinen Maßnahmen diesen Atem der Zukunft zu leihen vermag, wird bald die Führung der Welt haben und seine berechtigten Wünsche durchsetzen können. Heute kann niemand noch den Weg dahin im einzelnen vorzeichnen; wohl aber gilt es, die Gesinnung zu schaffen, die auf den Weg führt.

Symptomen-Theater I

[Der Neue Merkur, 6.1922, S. 179-186]

Motto: Wenn es zurückgeht, sind die Letzten vorauf. Das ist die Bedeutung, welche Wien als Theaterstadt innerhalb des geistigen Deutschland heute zukommt.

Ein angesehener Wiener Kritiker, ein, wie ich glaube, alter Herr – denn schon als ich die Augen aufschlug, schrieb er in dem gleichen Blatt wie heute gescheite Bemerkungen unterschiedslos zu guten und schlechten Stücken – ein freundlicher alter Herr also, stets bereit, das Gute zu entdecken und das Böse zu übersehn, stets mit hübschen literarhistorischen Anekdoten in der Tasche, als Schriftsteller nicht ohne Qualität, alles in allem daher, wie ausdrücklich betont sein möge, eine begütigende Erscheinung unter denen, welche die Zuber der öffentlichen Meinung umrühren, schrieb, einige Tage bevor ich diese Anmerkungen zu Papier bringe, über ein Stück von Sudermann das Folgende: »Sudermann, diese ganz eigene Mischung von Schiller und Sardou, mit einem eigenen Einschlag des Litauisch-Echten, ist frischestes, noch immer unverbrauchtes Theaterblut, wie es in deutschen Landen nur selten pulsierte. Er hat mehr Temperament als Geschmack, und seine Dialoge sind überglitzert von den falschesten Wortdiamanten. Aber dennoch: Wie er den Bogen eines Aktes, ja nur einer Szene spannt, da ist er ein Meister. Ein Theatermeister, der im Augenblick der schaffenden Tat, wenn ihn die Rage der Bühne packt, alles vergißt, Geschmack, Bildung, Kritik – nur wirken will er, und er wirkt in der Tat. Weil er nämlich, allen Klugschwätzern zum Trotz, dieses Unlernbare besitzt: Temperament und Theater.« – Die Arbeit, von der das gesagt wurde, waren die drei Einakter Morituri.

Ich glaube nicht, daß ein Berliner Kritiker sich das zu schreiben gestatten würde, aber ich gebe dem Wiener recht; er hat sich als Mann von Geschmack und Angehöriger einer »bekanntlich alten Kultur« von allem, was zwischen 1880 und heute geschah, nur gerade soviel von seinem Platz bewegen lassen, als unvermeidlich war, und nun er sich unmerklich zurechtrückt, darf er sich dazu beglückwünschen, daß seine Augen aus der Heysezeit die Welt immer ganz richtig so sahen, wie sie ist. »Temperament und Theater« kutschieren auch heute die deutsche Bühne bergab, nicht minder als zur Zeit von Sudermanns Erfolg, und es ist eigentlich nur ein historischer Zufall, daß man sie ihm übel vermerkt, während man sie an den anderen Dichtern gar nicht wahrnimmt, wo sie viel schädlicher wirken; das gelegentlich Unanständige im Fühlen ehrlicher Menschen ist ja eine viel ernstere Angelegenheit als die Wichtigtuerei eines alten Taschenspielers. Einstweilen nimmt man Temperament und Theater Sudermann übel, während etwa das »Temperament« einen großen Anteil am Erfolg Unruhs hat, und das »Theater« an dem Hauptmanns; diese Dosierungsfrage ist recht ungeklärt.

Was man so an Schauspielern Bühnentemperament nennt, ist immer ein Hohlraum im wirklichen Leben. Dieses »in den Zügeln knirschen« (seht, wie leidenschaftlich ich bin!) der Schauspielerinnen, wenn sie Leidenschaft darstellen sollen bei Vorgängen, die sie im privaten Leben nicht ernst nehmen wie etwa eben die der Leidenschaft, leitet möglichst viel von der allgemeinen Rennpferdnervosität des Stars, von den Aufregungen, die reell nur mit Direktor und Kollegen verknüpft sind, in Dichterworte, deren Sinn neben ihrer Dynamik gar nicht sehr in Betracht kommt (ich habe das selbst von einer sehr bedeutenden Darstellerin der Hedda Gabler gesehn), und die Zorne, Eifersüchte, Trauern und Grausamkeiten ihrer männlichen Kollegen haben sich so oft bei Gelegenheiten entfaltet, die genau betrachtet (nicht nur bei Sudermann) eigentlich lächerlich waren, daß sie die größte Ähnlichkeit mit der Selbstentzündung von Versammlungsrednern haben, einem Zustand, dessen Charakteristikum weniger die stets bereite Möglichkeit des »Abschminkens« ist als seine Banalität. Es ist das im Grunde die gleiche Umschaltung wie beim schlechten Dichter oder glutschaffenden Dilettanten, wie bei der routiniert sentimentalen Courts-Mahler, die gleiche wie bei den epidemischen Sentiments einst der Schäferpoesie und wie überhaupt bei allen Gefühlen zum Quadrat, artifiziellen Gefühlsgefühlen, bei denen die Erregung nicht vom Erlebnis kommt, sondern sich an Gefühlen ansteckt, mit denen dieses Erlebnis allgemein verknüpft wird.

Das Talent, ein Erlebnis so zu formen, daß ein großer Teil der Erregung, die es auf Dichter und Hörer überträgt, nicht aus ihm selbst, sondern aus den rings herum liegenden öffentlichen, dem Schutze des Publikums empfohlenen Gefühlsanlagen zuströmt, ist die spezifische Gabe des auf unseren Theatern erfolgreichen Dramatikers. Er richtet, um bloß ein Beispiel zu geben, über Leben und Tod seiner Figuren nicht mit der tiefen Gewissenhaftigkeit, mit der er wahrscheinlich seinen eigenen Tod bedenken würde, sondern mit den flüchtigen Gefühlen, die beim Lesen von Zeitungen über Todesfälle geäußert werden. Er befindet sich sozusagen gar nicht in einer individuell psychologischen, sondern in einer der massenpsychologischen ähnlichen Erregung. Was so der Zug eines Aktes, der Bogen einer Szene, der Knall eines Schlusses wird, ist in diesem Strohfeuer geschmiedet, das auf seiner anderen Seite jene muffige Situation der Massensuggestion schafft, die aus sonst mehr oder minder vernünftigen Menschen ein »Publikum« macht, das die größten Albernheiten als komisch oder erhaben hinnimmt und die Beschränktheit, welche dem Autor erlaubt, sein Benehmen für ernst zu nehmen, übersieht oder für dramatisch fachkundige Beschränkung hält. Dieses Theater ist nichts als der durch eine höhere Schule der Baumeisterei gegangene Bruder des Kolportageromans. Wichtiger als der Fall des Routiniers ist dabei der des echten Dichters, der sich vom Metier nicht leiten, sondern nur ableiten läßt. Er arbeitet von innen nach außen, aber schon die ganze Art, wie sich sein Inneres gruppiert, ist von dem Rahmen bestimmt, in den es hinein soll; man mache den Versuch, aus unseren berühmtesten Dramatikern der Gegenwart die geistige Bedeutung zu extrahieren, und man wird sehn, wie erschreckend wenig dieses Markes der Dichtung sie enthalten.

Nun kann man freilich das Wort Geist nicht aussprechen, ohne des Expressionismus zu gedenken, der es verdorben hat. Immer, wenn über Kunst gesprochen wird, steht die Wahrheit auf einer schmalen Brücke, und ich greife aus der Praxis den Satz eines geistvollen, nicht selten geistvöllerischen Schriftstellers heraus, welcher behauptete, daß das Wesen des großen Dramatikers (für welchen er an jenem Tag Georg Kaiser erklärte) in der Gabe bestehe, »Geist in Bewegung umzusetzen«. Denn dieses »dynamische« Maß, diese dem Geist eingepflanzte Bewegungsgröße ist gerade der entscheidende Irrtum des dramatischen Expressionismus über sich selbst gewesen. Geist in Bewegung umzuwandeln, setzt das Dasein des Umzuwandelnden voraus, es mehrt nicht den Geist, sondern bewegt ihn bloß; dieses Prinzip bedeutet, wie man wohl sieht, geistig nicht mehr als eine Stagnation, die am Fleck umgerührt wird. Der Expressionismus wurde dementsprechend auch nur in der Form bereichernd, während er im geistigen Wesen banal blieb und nicht über die Evokation ohnedies schon bekannter Ideen hinauskam. Was er mit Vorliebe tut, ist eine Art »Ideen anbellen«, denn in der Tat ist die – mit zwei Ausrufzeichen statt einem Fragezeichen versehene – Anrufung großer Menschheitsideen, wie Leiden, Liebe, Ewigkeit, Güte, Gier, Dirne, Blut, Chaos usw., nicht wertvoller als die lyrische Tätigkeit eines Hundes, der den Mond anbellt, wobei ihm das Gefühl in der Runde antwortet. Es ist allerdings nicht zu übersehen, daß darauf auch der Impressionismus schon die Theorie der Kunst baute, welcher forderte, daß der Dichter nicht denken, sondern fühlen und mit Umgehung zerlegterer geistiger Tätigkeit unmittelbar zu einem common sense des Gefühls sprechen müsse, eine Art Speisung des Genies aus dem Gemeingeiste und des Gemeingeistes aus ihm nach der dunklen Weise von Nahrungsklistieren!

In Wahrheit heißt natürlich Ideen in Bewegung setzen, wenn es nicht ein müßiges Wiederkäuen sein soll, nichts andres als neue Ideen haben. Vor die Wahl zwischen Impressionismus und Expressionismus gestellt, würde ich mich für den zwischen Deutschen von heute so wunderlich wirkenden toten Dilthey entscheiden, der die Sendung des großen Dichters in einer Linie mit der der Propheten, Denker, Weisen, Religionsbildner und andren großen Gestalter des Menschengeistes sah. Man messe einmal deutsche Künstler der Gegenwart an diesem geistigen Maß und man wird verstehn, warum die meisten – ob von dieser oder jener Partei – darauf halten, daß das Dichten eben das Dichten und eine Sache für sich bleiben müsse, welcher zuviel Intellektualität nur schaden kann.2 Diese Unterscheidung in Ehren; aber wann einer und welch einer von den Führern gerade Dichter wird, bildet eine Frage für sich, und warum er in dieser oder jener seiner inneren Situationen zu der einen oder andren »Form« greift, wieviel soziale oder formale Konvention dabei mitspricht, bildet ein Bündel solcher konsekutiver Fragen. Nimmt man jedoch die Grundauffassung an – und das ist mehr eine Frage des Stolzes als eine der Wahrheit –, so folgt wohl schon aus ihr, daß dieser Dichter immer wieder vor der Aufgabe stehen wird, die Konvention der Ausdrucksmittel und Formen, welche auch er nicht entbehren kann, bis zum äußersten Maß ihrer Elastizität zurückzudrängen und auszunützen.

Das ist ungefähr genau das Gegenteil von dem, was heute für sachverständig gilt. Man stellt uns immer vor, wenn bloß einer ein rechter Dramatiker wäre, ein mit allen Salben geschmierter Bühnenpraktikus, der womöglich die Muttermilch mit den Kindesbeinen einzusaugen gekonnt hat, und der wäre dann auch noch dazu ein reiner Dichter, ja dann hätten auch wir unseren Shakespeare. Das steht zwar fast auf einer Stufe mit dem christlichen Wunder, aber es ist auch eine wertvolle Auffassung, und man braucht nicht zu leugnen, daß auch in ihr eine Wurzel der Wahrheit steckt. Bloß frägt man zu selten, warum der Roman in den letzten hundert Jahren aus formlosem Geschwätz in die Höhe einer großen Kunst wuchs, in der heute fast alles steckt, was wir seelisch zu geben haben, während das Theater verkümmert: Und die Antwort wäre so einfach, weil die Verhältnisse gestatteten, daß sich dieser Kunstform neben der Unzahl dummer auch eine Anzahl bedeutender Menschen bedienten, während beim Theater die Überschätzung des Gewohnten dem entgegenwirkt. Es haben sich dort die Verhältnisse verkehrt, das theatralische Mittel steht an erster Stelle und der menschliche Sinn an zweiter.

Es ist damit eigentlich alles gesagt, was von dieser »Saison« zurückbleibt, da sie beginnt, sich in der Glut des Sommers aufzulösen. Dichterstücke, gering an Zahl und Nachhaltigkeit, trieben zwischen einer Fülle von Theaterarbeiten vorbei; manches Reizvolle, Gutherzige darunter; zurückgeblieben ist nichts. Georg Kaisers Kanzlist Krehler ist auszunehmen; grell hebt sich die sketchhafte Kontur dieses Stücks heraus; aber auch hier wird die Idee plakatiert und bleibt dann schrill und unbeweglich hängen, trotzdem sie »bewegt« wird. Auch Franz Werfels zwei neue Dramen Bocksgesang und Der Spiegelmensch stehen abseits; aber kraft eines äußerst anerkennenswerten Widerstandes gegen das Literaturmodische sind sie leider etwas zu nah an die Charybdis des Theaters geraten. In ihre künstlerisch entzückenden Rahmenideen erweist sich enttäuschend wenig hineingebaut. Anklänge – gerade weil unbewußt! – an Fontana, Byron, Ibsen, Goethe, Maeterlinck, ja sogar – ich brauche nichts mehr darüber zu sagen – ans Theatermeisterliche zeigen die geringe persönliche Spannung an, die ja etwas anderes ist als die nervöse; das schöne symbolische Dunkel der Grundidee verflüchtigt sich rasch und läßt einem bloß illuminierenden Geschehen Raum, das der Linie des geringsten geistigen Widerstandes folgt, ein »es könnte so kommen« sofort in ein »es kommt so« verwandelt und deshalb nur flüchtige, allegorische Beziehungen und Anspielungen zwischen recht bekannten Ideen herstellt, die denn auch von der Kritik, soweit sie die Werke nicht wegen der immerhin eingestreuten Schönheiten ablehnte, ganz erstaunlich interpretiert wurden wie etwa als Kampf der Kommunistischen Partei mit dem Bürgertum oder des psychoanalytischen Unterich mit seinem Ober. Werfel selbst gab Aufklärungen. Sie kulminierten darin, daß ein Dramatiker zu wirken habe, und alles andre »Muckerei« sei; da aber ein Dichter bekanntlich selten wirkt – wenigstens sogleich – wenn er sich ernst nimmt, so nehme er das Theater kindlich als den Großen Guckkasten, dessen Dunkel und Geruch und roter Samt Herzklopfen erregt, und gebe etwas von der süßen Opernhaftigkeit des Daseins hinzu. – Ich halte das für eine mögliche Auffassung; aber Werfel übersah eines: Gefühle wollen ernst genommen, nämlich gefühlt sein, auch spielerische; sie verlangen, daß man wirklich spielt, nicht Spiel spielt; die Magie der Kindheit, des Spiels, des Wurstelpraters, der Suggestion, der Zauberei ruht darauf, daß sie geglaubt wird; dadurch, daß man sein Tun nicht ernst nimmt, wird es noch nicht heiter. So kann man wohl sagen, daß er mit einigen tiefen Ideen zu spielen glaubte, aber sie spielten mit ihm. So daß auch aus diesen Werken, trotz des Willens zur Eigenheit und den Ansprüchen, die ihr Dichter an sich stellen dürfte, das Gesicht der Zeit blickt.

2.Es ist hier von Ideen, Geist, Intellektualität die Rede. Von diesen Worten wird in Kunstdiskussionen ein äußerst schwankender Gebrauch gemacht, was auch am Vorwärtskommen hindert. Man möge unter Intellektualität Verstand haben verstehn, im bürgerlichen und im wissenschaftlichen Sinn; unter Geist jene sowohl aus Erlebnissen wie aus ihrem Ordnen, in irgendeinem Verhältnis also sowohl aus viel Verstand wie viel Gefühl bestehende Mischung, welche den inneren Weg weisenden Menschen fast immer ausgezeichnet hat, und unter Ideen jene aus der Mutterlauge des Gefühls niemals ganz auszukristallisierenden Vorstellungen, welche dabei erstehen. Es gab weder der Impressionismus, noch der Expressionismus Ideen; der erstere, sofern er mit Liebe das Tatsächliche aufspürte, schuf zuweilen ihren Rohzustand, aber die Technik, nur Tatsachen und Gefühle sprechen zu lassen, hat zu wenig ideologische Konvergenz; der letztere schuf keine einzige neue Idee, er war daher auch keine Ideenkunst, was er sein wollte, sondern eine ideenlose, er blieb bei einem merkwürdigen Zuviel und Zuwenig sowohl an Verstand wie an Gefühl stehen. Gefühle oder auch Ideen dadurch erregen zu wollen, daß man ihre Hauptwörter ausspricht, ist Rationalismus. Andererseits bedeutet es nichts als Mangel an Verstand im gewöhnlichsten Sinn, wenn man durch »ein rot beleuchtetes Fenster zwischen dunklen Tüchern den Versammlungsort der Kommunisten« andeuten will, wie H. v. Wedderkop in seinem exzellenten Aufsatz »Bühnenexpressionismus« im Maiheft dieser Zeitschrift ausgeführt hat. Dem Sprachgebrauch, daran der »Ideenkunst« schuld zu geben, sollte man jedoch nicht beipflichten.

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Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
10 haziran 2026
Hacim:
5257 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9782377871742
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