Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 105

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Man erhält das deutlichste Bild unseres Weges durch Wildgans. Ich möchte nicht viel Worte über sein Stück Kain verlieren. Dieses biblische Stück ist leer wie eine Gießkanne, auf der einer Beethoven bläst. Aber da sein Schöpfer als der österreichische Nachfolger Gerhart Hauptmanns gepriesen wird, scheint es mir eine zeitkritische Schädeltrepanation zu sein, ihn darzustellen.

Ich beginne mit einem Vers aus dem Gedichtbuch »Mittag«, das durchaus kein Frühwerk ist: »Es kann der Geist im Fertigen von Schuhn / Tiefres Genügen finden und Bewenden / Als in des Denkens höchsten Gegenständen.« In der Tat lassen sich neun Zehntel von Wildgans’ Wesen aus diesen drei Zeilen ablesen, ohne sich sonst in sein Lebenswerk bemühen zu müssen. Man kann einen gewissen schlechtweg dichterischen Tonfall feststellen, in dem das Ganze klingt, als ob es »von keinem Geringeren als« gesagt wäre, und man muß sich rechtschaffen anstrengen, um sozusagen dahinter zu kommen. Dann freilich bemerkt man das »Fertigen« und das »Bewenden«, auch die »Gegenstände« entstammen in solchem Zusammenhang dem Kanzleideutsch. Und natürlich findet dieser Fund nicht damit sein Genügen und Bewenden, daß man feststellt, dem Dichter seien ein Paar schlechte Ausdrücke in die Feder gerutscht, sondern man muß fragen: Was ist es für ein Mensch, dem im Augenblick höchsten Gefühls (Gedicht!) Kanzleiausdrücke über die Lippen kommen? Diesen Menschen hat man eben in drei Zeilen und weiß fast alles, was man noch von ihm zu erwarten hat.

Solche Fähigkeit, einen Menschen aus drei Zeilen zu erkennen, nennt das deutsche Publikum Ästheten- oder auch Literatentum und betont großzügig gegenüber der vielleicht nicht ganz reinen Form die Ewigkeit des Inhalts. Es soll also auch auf diesen geachtet werden. In der Tat ist es häufig eine sogenannte ewige Wahrheit, der es widerfährt, von Wildgans ausgesprochen zu werden; in diesem Fall ein Gedanke, der heute bis in die Volksschulmeisterei vorgedrungen ist und dort dem bekannten Arbeitsunterricht die Seele liefert. Nur –: nur ist dieser in hunderttausend Abwandlungen ausgesprochene Gedanke immer richtig gewesen bis auf diese eine Variante, die ihm der Dichter gegeben hat. Denn selbst die demütigst christliche Werkliebe hat nie behauptet, daß der Dienst am Schuh tiefres Genügen gibt als Gottesdienst, sondern nur, daß der Dienst am Werk im Dienste Gottes, des für sie höchsten Gedankens stehen müsse. Es war also dem Dichter vorbehalten, durch die Form, die er einer fast ewigen Wahrheit gab, sie in einem Ausnahmsfall falsch zu machen. Es liegt bei diesem Dichter – die Beispiele ließen sich beliebig mehren – ein gewisser Mangel an etwas vor, das ich nicht zu nennen brauche; hingegen Überfluß an Reimen.

Dieses nichtdaseiende Etwas äußert sich bis in die Regiebemerkungen hinein. Man stelle sich z. B. vor, daß eine Frau gefragt werde, wielange sie verheiratet sei, und sie möge antworten: Neun Jahre am heutigen Tag! Hundert verschiedene Menschen werden diese Antwort in vielleicht zehn verschiedenen Gemütslagen geben, aber jene eine Art, welche mit dem Gefühlsakzent »tief« antwortet, daß es heute gerade x Jahre sind, jene Menschenart mit dem Kalendergefühl ist die gleiche wie die der Sylvesternachdenklichkeit und der sonstigen tiefen Stunden des Bürgertiers, etwa jener, wo ein Mann, erkennend, daß es schwer ist, jahrelang bloß an einer Frau Genüge zu haben, ins »tiefste Mannesleid« blickt. Abermals sind das Kleinigkeiten, aber man vermag ihnen zu entnehmen, was sich der Dichter unter Tiefe vorstellt.

Als dritte das Denken eines braven Mannes kennzeichnende Eigenheit tritt ein Mangel an Besonderheit des Denkens hinzu. Jemand wird beschrieben als der »Typus des modernen Großstadtmenschen von geistigem Beruf«, eine durchaus normale Frau spricht gelegentlich »etwas hysterisch«, und ein Mann küßt ihr die Hand »mit einer gewissen Inbrunst«. Dieses gewisse Ungewisse der Beobachtung des Lebens und ungefähre Verknüpfen der Beobachtung mit bereitstehenden Redensarten ist die bekannte Psychologie dessen, was allgemein gedacht wird und – allgemein gern mit den ewigen Wahrheiten verwechselt wird, während es doch das einzige auf der Welt ist, was sie falsch zu machen vermag.

Diesen intellektuellen Mängeln ist innig gesellt einer auf dem Gebiete des Geschmacks. Er ist dem, der ihn nicht fühlt, natürlich schwerer deutlich zu machen. Aber vielleicht spürt man ihn doch ohne weiters aus Sätzen wie: »Ja, wo steckst du denn, Mensch des Erbarmens?!« oder (bei einem Wiedersehn) »Mensch, Freund, Bruder! Nach fünfzehn Jahren!«; so reden nämlich außer Dichtern nur noch Leute, welche gar keine vom Leben fixierte Ausdrucksweise haben, etwa ältere Gymnasiasten oder Gesellschaftsstücke dichtende Kommis. Hingegen sich, wenn ein Gatte in einer Seelenstunde zu seiner Gattin spricht: »Ich stehe Dir ebenso gerne zur Verfügung, plaudern wir ein wenig«, in die Grandezza noch etwas Oberlehrerhaftes mischt. (Ganz köstlich ist dieses Oberlehrerhafte in einem Gedicht »Dirnen«: »Auch seid mit Reizen ihr so schlecht gerüstet, / daß es allein brutalsten Trieb gelüstet / Nach eurem Leib, der kalt ist und banal.«) Es sind damit jedoch die Gefühlstöne nicht erschöpft; »im vollen Zug geistreichen Übermuts« äußert man sich wie folgt: »Ich sagte soeben – oder sagte ich es noch nicht? – daß mir die europäischen Frauen wie Kühe vorkommen, die lieber gemalte Blumen aus Goldrahmen als frischen süßen Klee von grüner, freier Weide fräßen! Bildlich gesprochen. Sie aber, Madonna, scheinen mir hievon eine löbliche Ausnahme zu bilden.« Worauf Madonna »belustigt« erwidert: »Sehr liebenswürdig. Eine Kuh bin ich allerdings nicht.« Ein Strahl des Zorns sieht, wenn er aus tiefer Stimmung bricht, ungefähr so aus: »Anna: Daran hindert Dich ja niemand. Martin: Was heißt hindern?! Soweit sind wir ja denn doch nicht, daß Du mich mit physischem Zwange am Verlassen des Hauses hinderst. Aber was Du mit Worten, Mienen, Betonungen leisten kannst, um mir meine Freizügigkeit zu verkümmern, tust Du.« So sieht Zorn, so sieht Liebe, so sieht Kraft, so sieht geistreicher Übermut aus. Das hat es sicher immer in Deutschland gegeben, aber jetzt kehrt es in die Literatur zurück. Es sind Bilder aus Th. Th. Heines Deutschem Familienleben. Aber nicht als Karikatur, sondern als Altarbild geplant.

Jedoch Wildgans hat den »Griff« des Dramatikers. Ohne Abstrich sei dies festgestellt, so daß nach dem, was bis jetzt von ihm gezeigt wurde, Wildgans noch immer ein zwar rohes, aber vielleicht starkes Talent sein könnte, also gerade das, was sich das Publikum unter dem vorstellt, der es von der Literatur durch sein machtvolles Dichterrum erlösen soll. Ich denke etwa an Szenen wie ersten Fehltritt eines verheirateten Mannes in Liebe, Qual, die ein keusches Mädel leidet, wenn der Verführer zu langsam ist, in Dies irae. Aber beim Auswirken des Griffs zeigen sich weniger befremdliche als trauliche Umstände. Ich habe mir den Spaß gemacht, die Szenerien von Dies irae und Liebe zusammenzustellen: Mondschein, Abendsonne, rosa Ampellicht, Vollmondnacht, Mondnacht, Julinacht, bestirnte Nacht, tiefe Gewitterdämmerung usw.; man sieht, der Dichter läßt sich nichts abgehen. Überall brennen Lampen mit grünen, smaragdgrünen und roten Seiden- oder Papierschirmen; auf den Schreibtischen stehen bronzene Schreibtischgarnituren und monumentale Tintenfässer. Unter solchen Umständen wird dann der feste Griff durch Neigungen gemildert, deren einige als im Gesamtwerk sich wiederholende, doch noch fester fixierte Vorstellungen ich folgen lasse: »Nimm deine Geige, Frau Vergangenheit.« »Wäre manchmal gut, wenn Blumen stünden, unter Büchern Blumen, rot wie Sünden.« »Feile Fäulnispracht der Dirne.« »Sie ist die rote Orgie und das Gebet.« »Mohntrank des Vergessens, Gier im Blute, Götzendienst, Narrenlachen, Narrenlied, toter Tand« sind weitere solcher fixer Ideenlosigkeiten von höchster Gefühlskraft, und an dramatischen Gipfelpunkten heißt es: »Ein Geiger hat mich betört!« oder: »Eine Hure hab ich geküßt«, wonach tiefe Stille eintreten und sogar aus der Unermeßlichkeit des Weltraums ein Akkord einfallen muß. Ich schließe das mit dem schönen, die geheime Melodie einer der wirkungsvollsten Szenen von Dies irae enthaltenden Gedicht Harlekinade: »… Gewickelt in Lumpen und Fetzen, liegt hinter dem Vorhang ein armes Ding, das mir beinahe zuschanden ging: das ist meine Narrenseele – Verzeiht, wenn sie bisweilen den Spuk überschreit«. – Aus einer zugreifenden Hand kann eben ein berühmter Chirurg werden, aber auch ein guter Raseur.

Es darf nicht verschwiegen werden, daß in den Werken Wildgans’ viel gegattet wird und »besamt«, Dirnen gleißen, der Föhn bläst unentwegt, Schöße werden aufgesprengt, und sogar Sodomie gibts an einer Stelle. Dieser Zug der Kühnheit würde fehlen, wäre er nicht da. Gemeinsam mit dem unaufhörlichen Gebrauch stärkster Seelentätigkeiten wie geheimes Grauen oder tiefste Erregung, dem permanenten Konflikt zwischen »Geist« und »Sinnen«, einer faustischen Vorliebe, zwischen Bücherwänden zu hausen, und den Schritt und Tritt der Diktion begleitenden humanistischen Anklängen rundet dieser Hang, auch einmal ein starkes Wort zu wagen, den veredelten, aus dem Familienblatt in die Literatur aufgestiegenen Typus ab und zeigt Gevatter Nationalrat und Professor, daß sie es mit einem Mannesdichter zu tun haben. Es versteht sich von selbst, daß ein Dichter der Spießer unaufhörlich gegen die Spießer wettern muß.

Auch Leute, welche »mit der Entwicklung der Zeit gehen«, lehnen ihn nicht ab; woraus man beizeiten auf den Weg schließen soll.

Das hilflose Europa oder Reise vom Hundertsten ins Tausendste

[Ganymed. Blätter der Marées-Gesellschaft, Bd. 4, 1922, S. 217-239]

Der Autor ist bescheidener und weniger hilfsbereit als der Titel glauben macht. Ich bin nicht nur überzeugt, daß das, was ich sage, falsch ist, sondern auch das, was man dagegen sagen wird. Trotzdem muß man anfangen, davon zu reden; die Wahrheit liegt bei einem solchen Gegenstand nicht in der Mitte, sondern rundherum wie ein Sack, der mit jeder neuen Meinung, die man hineinstopft, seine Form ändert, aber immer fester wird.

1

Ich beginne mit einem Symptom.

Zweifellos machen wir seit zehn Jahren Weltgeschichte im grellsten Stil und können es doch eigentlich nicht wahrnehmen. Wir sind nicht eigentlich geändert worden; ein bißchen Überhebung vordem; ein bißchen Katzenjammer nachdem; wir waren früher betriebsame Bürger, sind dann Mörder, Totschläger, Diebe, Brandstifter und ähnliches geworden: und haben doch eigentlich nichts erlebt. Oder ist es nicht so? Das Leben geht doch genau so dahin wie früher, bloß etwas geschwächter und mit etwas Krankenvorsicht; der Krieg wirkte mehr karnevalisch als dionysisch, und die Revolution hat sich parlamentarisiert. Wir waren also vielerlei und haben uns dabei nicht geändert, wir haben viel gesehen und nichts wahrgenommen.

Darauf gibt es, glaube ich, nur eine Antwort: Wir besaßen nicht die Begriffe, um das Erlebte in uns hineinzuziehn. Oder auch nicht die Gefühle, deren Magnetismus sie dazu aktiviert. Zurückgeblieben ist nur eine sehr erstaunte Unruhe, ein Zustand, als hätten sich vom Erlebnis her Nervenbahnen zu bilden begonnen und wären vorzeitig abgerissen worden.

Eine Unruhe. Deutschland wimmelt von Sekten. Man blickt nach Rußland, nach Ostasien, nach Indien. Man klagt die Wirtschaft an, die Zivilisation, den Rationalismus, den Nationalismus, man sieht einen Untergang, ein Nachlassen der Rasse. Alle Wölbungen sind vom Krieg eingedrückt worden. Selbst der Expressionismus stirbt. Und das Kino ist am Vormarsch (Rom vor dem Untergang).

In Frankreich, in England, in Italien – soweit man es als Nichtspezialist bei unsrem sehr schlechten Nachrichtendienst beurteilen kann – scheint die Unsicherheit nicht geringer zu sein, mögen auch die Einzelerscheinungen abweichen.

2

So sieht also Weltgeschichte in der Nähe aus; man sieht nichts.

Freilich wird man einwenden, man sei zu nah. Das ist aber ein Gleichnis. Hergenommen vom Gesichtssinn; man kann zu nah an einem Ding sein, um es überblicken zu können. Kann man aber zu nah an einer Erkenntnis sein, um sie fassen zu können? Das Gleichnis stimmt nicht. Wir wüßten genug, um uns ein Urteil über Gegenwärtiges und Jüngstvergangenes zu bilden, wir wissen jedenfalls mehr, als spätere Zeiten wissen werden. Eine andre Wurzel des Gleichnisses heißt, noch zu beteiligt sein. Aber wir waren ja gar nicht beteiligt?

Die berühmte historische Distanz besteht darin, daß von hundert Tatsachen fünfundneunzig verlorengegangen sind, weshalb sich die verbliebenen ordnen lassen, wie man will. Darin aber, daß man diese fünf nun ansieht wie eine Mode von vor zwanzig Jahren oder ein lebhaftes Gespräch zwischen Menschen, die man nicht hört, bekundet sich die Objektivität. Man erschrickt über die Groteskheit menschlicher Handlungen, sobald sie nur ein wenig ausgetrocknet sind, und sucht sie aus allen Umständen zu erklären, die man nicht selbst ist, das ist aus den historischen.

Historisch ist das, was man selbst nicht tun würde; der Gegensatz dazu ist das Lebendige. Wenn unsre Zeit eine »Epoche« wäre, so dürfte man wohl fragen, ob wir uns am Anfang, am Ende oder in der Mitte befinden? Wenn es einen gotischen Menschen mit einer Vor-, Früh-, Hoch- und Spätzeit gegeben hat: in welcher Lage zu seinem Zenith befindet sich der moderne? Wenn es eine deutsche oder eine weiße Rasse gibt: in welcher biologischen Phase? Soll solcher Auf- und Niedergang nicht nur eine nachträgliche und recht billige Feststellung sein, so müßte man ein symptomatologisches Bild davon haben, wie solche Auf- und Niedergänge im allgemeinen aussehn. Das wäre eine andre Objektivität, aber daran fehlt es noch weit. Und vielleicht sind die lebendigen historischen Tatsachen gar nicht eindeutig, sondern erst die toten? Am Ende ist die lebendige Geschichte gar keine Geschichte, nämlich nichts, das sich mit den historischen Vulgärkategorien einfangen ließe?

Es ist da nämlich ein merkwürdiges Gefühl von Zufall mitbeteiligt.

3

Es ist ein sehr aktuelles Gefühl von Zufall mit bei allem, was geschah. Es hieße den Glauben an die Notwendigkeit der Geschichte doch beträchtlich überspannen, wollte man in allen Entscheidungen, die wir erlebt haben, den Ausdruck einer einheitlichen Bedeutung sehn. Leicht vermag man hinterdrein im Versagen der deutschen Diplomatie oder Feldherrnkunst zum Beispiel eine Notwendigkeit zu erkennen: aber jeder weiß doch, daß es ebensogut auch anders hätte kommen können, und daß die Entscheidung oft an einem Haar hing. Es sieht beinahe aus, als ob das Geschehen gar nicht notwendig wäre, sondern die Notwendigkeit erst nachträglich duldete.

Ich will nicht Philosophie treiben – Gott behüte mich, in einer so seriösen Zeit – aber ich muß an den berühmten Mann denken, der unter dem berüchtigten Dach vorübergeht, von dem der Ziegel fällt. War das notwendig? – Gewiß ja und gewiß nein. Daß der berühmte Ziegel sich lockerte, und daß der berüchtigte Mann vorbei kam, trug sich – wollen wir sagen, unter Nachlaß der Lehre vom freien und unfreien Willen, bei der sich die ganze Geschichte noch einmal wiederholt, – ganz gewiß mit Gesetz und Notwendigkeit zu; daß aber beides just zur selben Zeit geschah, tat es nicht, wenn man nicht an den lieben Gott glaubt oder an das Walten einer noch höheren Vernunft in der Geschichte. Weshalb man die Unglücksfälle zwar aus Gott oder einer Ordnung ableiten kann, aber nicht Gott oder die Ordnung aus den Unglücksfällen.

Schlicht gesagt: Was man geschichtliche Notwendigkeit nennt, ist bekanntlich keine gesetzliche Notwendigkeit, wo zu einem bestimmten p ein bestimmtes v gehört, sondern ist so notwendig, wie es die Dinge sind, »wo eins das andere gibt«. Gesetze mögen schon dabei sein – etwa der Zusammenhang geistiger Entwicklungen mit wirtschaftlichen oder der Stellungsfaktor in der bildenden Kunst –, aber doch ist immer auch etwas dabei, das so nur einmal und diesmal da ist. Und nebenbei bemerkt, zu diesen einmaligen Tatsachen gehören zum Teil auch wir Menschen.

4

Das Weltbild verliert dadurch an sogenannter Erhabenheit. Trösten wir uns durch einen Ausblick.

Ein grüner Jäger schießt im grünen Wald den braunen Hirsch. Versuchen wir, das rückgängig zu machen. Die Kugel fuhr aus dem Gewehr, der Blitz folgte, der Donner kam nach, der Hirsch brach ein, fiel zur Seite, sein Geweih prallte auf, dann lag er da. Rückfahrt: Der Hirsch richtet sich auf – aber er dürfte nicht aufstehn, sondern müßte in die Höhe »fallen«, sein Geweih müßte zuvor einen Spiegeltanz der Bewegungen des Aufprallens ausführen, und er müßte mit der Endgeschwindigkeit beginnen, aber mit der Anfangsgeschwindigkeit enden. Die Kugel müßte mit dem breiten Ende voran zurückfliegen, die Pulvergase müßten sich mit einem Knall in fester Form niederschlagen, und so weiter. Um auch nur einen Schritt davon zurückzunehmen, genügte nicht das Rückgängigmachen des Geschehenen, sondern man müßte dazu die umfänglichsten Vollmachten zum Umbau der gesamten Welt haben. Die Schwerkraft müßte nach aufwärts wirken, in der Luft müßte eine Vertikalebene aus Erde sein, die Ballistik müßte sich in einer ganz unausdenkbaren Weise ändern, kurz, wenn man eine Melodie von hinten nach vorn spielt, so ist es keine Melodie mehr, und man müßte Zeit und Raum erschüttern, damit das anders würde.

In Wahrheit muß, um auch nur einen erschossenen Hirsch wieder auf die Beine zu bringen, etwas ganz Neues geschehn, nicht bloß eine Umkehrung und Wiedergutmachung! Die Welt ist voll eines unbändigen Willens zum Neuen, voll einer Zwangsidee des Andersmachens, des Fortschritts!

5

Es gibt Leute, welche sagen, wir haben die Moral verloren. Andere sagen, wir haben die Unschuld verloren und uns mit dem Apfel im Paradiese die störende Intellektualität einverleibt. Wieder andre sagen, daß wir durch die Zivilisation hindurch zur Kultur gelangen müßten, wie sie die Griechen hatten. Und so mehreres.

6

Eine historische Betrachtungsweise, welche das Geschehen in aufeinanderfolgende Epochen zerlegt und dann so tut, als entspräche jeder ein bestimmter historischer Typus Mensch – also etwa der griechische oder der gotische oder der moderne –, und ferner so tut, als gäbe es da einen Auf- und Abstieg (etwa also der frühgriechische – der griechische – der hochgriechische – der spät- und verfallsgriechische – der nichtgriechische Mensch), und es wäre da etwas aufgeblüht und verwelkt, nicht bloß eine Entfaltung, sondern ein Wesen, das sich entfaltete, eine Menschenart, eine Rasse, eine Gesellschaft, ein real wirkender Geist, ein Mysterium: eine solche Betrachtungsweise, die heute nicht nur in der Essayistik üblich ist, sondern vielfach auch in der historischen Forschung selbst, arbeitet mit einer Hypothese.

Gegeben ist von der ganzen Sache nur das Phänomenale; eine bestimmte Art von Bauten, Dichtungen, Bildwerken, Handlungen, Ereignissen, Lebensformen und ihr deutliches Beisammensein und Zueinandergehören. Daß dieses phänomenale Substrat einer bestimmten Zeitspanne, Epoche, Kultur auf den ersten Blick als eine einmalige Einheit erscheinen mag, die nur dann und dort auftrat, hindert nicht zu bemerken, daß dies nicht ganz richtig ist; orientalische Lebenselemente wirken bekanntlich ins Hellenische hinein, und hellenische durchsetzen das Leben bis auf den heutigen Tag. Im Gegenteil, ähnliche Lebensäußerungen (und in der Geschichte handelt es sich ja doch nur um Ähnlichkeiten und Analogien) bilden durchaus, über Zeit und Ort verteilt, ein Kontinuum, das sich nur an bestimmten Stellen auffallend verdichtet; man könnte fast sagen, an bestimmten Umständen niederschlägt.

Ein solches phänomenales Bild erinnert den, der mit der statistischen Seite der äußeren oder inneren Natur ein wenig zu tun gehabt hat, an die Verschränkung einer dauernden, sagen wir ganz allgemein Determinante mit wechselnden, und ist die menschliche Konstitution diese dauernde Determinante, so kann sie nicht zugleich die Ursache der verschiedenen Epochen, Gesellschaften und dergleichen sein – im Sinne von tatsächlich wirkenden Wesenheiten genommen, und nicht bloß als harmlos deskriptive Sammelausdrücke –, sondern die Ursachen müssen in den Umständen liegen.

Die Botanik unterscheidet z. B. in einem so kleinen Land wie Niederösterreich ungefähr dreitausend Formen der wilden Rose und weiß nicht, ob sie diese in dreihundert oder in dreißig Arten zusammenfassen soll; so unsicher ist die Vorstellung von dem, was eine Art ist, selbst dort, wo so viele eindeutige Merkmale zur Verfügung stehn. Die Geschichte hingegen sollte es sich mit so durchaus nicht eindeutigen und so gewiß nicht »wesentlichen« Merkmalen zu tun vermessen, wie es die komplizierten Erscheinungen von Bauten, Werken und Lebensformen sind? Es handelt sich bei solchen Bedenken nicht darum, die phänomenale Existenz verschiedener Epochen zu leugnen, und in gewissem Sinn liegt auch jeder ein andrer Mensch zugrunde: aber es handelt sich um diesen Sinn!

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18+
Litres'teki yayın tarihi:
10 haziran 2026
Hacim:
5257 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9782377871742
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