Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 106
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Der Mensch hat sich seit 1914 als eine überraschend viel bildsamere Masse erwiesen, als man gemeinhin annahm.
Aus religiösen, moralischen und politischen Gründen hatte man vordem eine solche Erkenntnis nie recht wahrhaben wollen. Ich erinnere mich noch recht gut des sympathischen Aufsatzes eines repräsentativen deutschen Dichters, in dem dieser darüber staunte, daß der Mensch doch nicht so sei, wie er ihn, sondern so bös wie Dostojewskij ihn gesehen habe. Andre mögen sich vielleicht der Bedeutung erinnern, welche in unsren Moralsystemen dem »Charakter« zukommt, das ist der Forderung, daß der Mensch mit sich als mit einer Konstanten rechnen lasse, während eine kompliziertere moralische Mathematik nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich nötig ist: Von einem Denken, das an die Fiktion des konstanten seelischen Habitus gewöhnt ist, ist der Schritt zur Annahme des Typus, der Epoche und dergleichen nicht weit.
Diese starre Einteilung widerspricht jedoch den Erfahrungen der Psychologie und unsres Lebens. Die Psychologie zeigt, daß die Phänomene vom übernormalen bis zum unternormalen Menschen stetig und ohne Sprung sich aneinanderbreiten, und die Erfahrung des Kriegs hat es in einem ungeheuren Massenexperiment allen bestätigt, daß der Mensch sich leicht zu den äußersten Extremen und wieder zurück bewegen kann, ohne sich im Wesen zu ändern. Er ändert sich, aber er ändert nicht sich.
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Die Formel für diese Erfahrungen müßte ungefähr lauten: Große Amplitude der Äußerung, kleine im Innern. Es gehört gar nicht so viel dazu, um aus dem gotischen Menschen oder dem antiken Griechen den modernen Zivilisationsmenschen zu machen. Ein kleines, dauernd in einer bestimmten Richtung wirkendes Übergewicht von Umständen, von Außerseelischem, von Zufälligkeiten, Hinzugefallenem genügt dafür. Dieses Wesen ist ebensoleicht fähig der Menschenfresserei wie der Kritik der reinen Vernunft. Man soll nicht immer denken, daß es das tut, was es ist, sondern es wird das, was es – aus Gott weiß welchen Gründen – tut. Die Leute machen sich ihre Kleider, aber auch die Kleider machen Leute, und die Physiognomie ist eine unter dem Druck von innen und außen bewegliche Membran.
Es soll damit natürlich nicht der Unterschied zwischen primitiven Kulturen und entwickelten Gesellschaften geleugnet sein; er liegt in einer größeren Versalität des Gehirns, die sich nur durch Generationen entwickelt – aber genau so wie das Kinn zurücktritt und der Gang aufrecht wird, nämlich als ein wirklicher physiologischer Unterschied, funktionell bedingt –, während es gar keinen funktionellen Unterschied ausmacht, ob man sein Gehirn aristotelisch oder kantisch turnen läßt. Wenn man Aufstieg, Höhe, Verfall einer bestimmten Menschenart oder Gesellschaft ohne solche Einschränkungen annimmt, so verlegt man das Entscheidende und Treibende zu sehr ins Zentrum; man muß es mehr, als es gewöhnlich geschieht, an der Peripherie suchen, bei den Um-ständen, beim »Ans-Ruder-Kommen« bestimmter Menschen- oder Anlagengruppen innerhalb eines im ganzen ziemlich gleichen Gemischs, beim Zufall oder, richtiger gesagt, bei der »ungesetzlichen Notwendigkeit«, wo eins das andere gibt, nicht zufällig, aber doch in der durchreichenden Aneinanderkettung von keinem Gesetz beherrscht.
(Um ein Beispiel zu geben: Wir wären ja wohl imstande, mit unsrer technischen und kommerziellen Organisation einen gotischen Dom in ein paar Jahren, und wenn es auf den Rekord ankäme, mit neuen Arten von Gilbrethgerüsten und »wissenschaftlicher Betriebsführung« in Wochen zu bauen. Er würde einheitlich nach einem Plan aufschießen, und wenn wir dazu selbst einen Originalplan verwendeten, würde es eine kahle Arbeit bleiben, weil die Zeit dabei fehlt, der Wechsel der Generationen, die Inkonsequenz, das organisch Gewordene, welches eben das unorganisch Zustandegekommene ist, und dergleichen. Die befremdlich lange Dauer von Willensimpulsen, die im Ausdruck der gotischen Seele liegt, entsteht so aus der langsamen, festhalten müssenden Technik der Verwirklichung, und Technisches, Kaufmännisches, Geistiges, Politisches verwirrt sich zu einem tausendfachen Gestrüpp von Ursachen schon in diesem einen Beispiel, wenn man es weiter verfolgt.)
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Man nimmt häufig an, daß ein Hang zu solcher Betrachtungsweise grob mechanistisch, zivilisatorisch unkultiviert und zynisch sei. Ich möchte darauf aufmerksam machen, daß in ihm ein ungeheurer Optimismus steckt. Denn hängen wir mit unsrem Sein nicht an der Spule irgendwelcher Schicksalspopanze, sondern sind bloß mit einer Unzahl kleiner, wirr untereinander verknüpfter Gewichte behangen, so können wir selbst den Ausschlag geben.
Und dieses Gefühl ist uns verlorengegangen.
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Wodurch?
Es ist wohl zum letztenmal in der Zeit der Aufklärung dagewesen; in jenem ausgehenden 18. Jahrhundert glaubten die Menschen an etwas in uns, das nur befreit zu werden brauche, um emporzuschnellen. Sie nannten es die »Vernunft« und hofften auf eine »natürliche Religion«, eine »natürliche Moral«, eine »natürliche Erziehung«, ja selbst auf eine »natürliche Wirtschaft«; sie schätzten Überlieferung gering und trauten sich zu, die Welt aus dem Geist neu aufzubaun. Der Versuch, auf einer viel zu schmalen Denkensgrundlage unternommen, brach zusammen und hinterließ einen platten Schutthaufen. Die Gegenwart fand das Entsetzen vor ihm (genauer vor einer im 19. Jahrhundert unternommenen, abgeschwächten naturwissenschaftlichen Wiederholung) noch den Büchern von Flaubert aufgeprägt, von Dostojewskij, ja selbst noch von Hamsun; der »Rationalismus« war bei seinem Ende verächtlich und lächerlich geworden.
Es ist begreiflich, daß nach einem Fehlschlag des rational Konstruktiven ein Bedürfnis nach dem Irrationalen, nach Tatsachenfülle, nach Wirklichkeit folgt. Es kam auf zwei Wegen; ein Weg dieser Gegenwelle war: Geschichte. In gewissem Sinn war das plötzlich erwachende Interesse für sie ein Zurücksinken von der Anmaßlichkeit des Manns zum Lauschen des Kindes; Weite, Ruhe, Geführtwerden, die Vernunft aus den Dingen in den Menschen wachsen lassen: an die Stelle ethisch-aktivistischer Schroffheit tritt eine universalere, versöhnlichere, aber unbestimmtere Denkweise. Und, ach, die Tatsachenfülle wuchs zur Überfülle, die Geschichtsforschung wurde, einem Übermaß von Tatsachen gegenüber, notgedrungen immer pragmatischer und exakter: Ergebnis ein Alpdruck, ein stündlich wachsender Berg von Tatsachen, Gewinn an Wissen, Verlust an Leben, ein seelischer Fehlschlag, den zu vermeiden übrigens gar nicht ihr allein anheimgegeben war.
Denn die Geschichte hatte seit der Generation unsrer Großväter etwa, also in einer Zeit steigender Pragmatisierung des gesamten Denkens, wo sich die Philosophie hütete zu philosophieren, deren Aufgabe der Lebensauslegung im Nebenamt übernehmen müssen und erscheint daher gleich mit zwei schlechten Gewissen behaftet; einem pragmatischen, das über das Unzeitgemäße einer Geschichtsphilosophie spottet, und einem philosophischen, das über den seelenlosen Pragmatismus stöhnt, weil es ohne große ordnende Gesichtspunkte eben nicht geht.
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Es sei hier eine Abschweifung gestattet, weil es noch immer zum Prestige der Schriftsteller gehört, auf den öden Pragmatismus böse zu sein.
Bekannt ist, daß schon »unsre großen klassischen Geistesheroen«, so der Ausdruck verstattet ist, die Ohren zurücklegten, wenn diese Geistesrichtung sich hören machte. Goethe, der Kant bewunderte, Spinoza liebte und ein Naturforscher war, stand sich besser mit dem Verstand als die Goetheseelein von heute (mit seiner Intuition wird Mißbrauch getrieben; in den naturwissenschaftlichen Schriften findet sich durchaus nicht jene »andre Art des Erkennens«, für die er so oft als Eideshelfer angerufen wird); wohl aber hatte die Klassik keine Freundlichkeit für englische Webstühle, für Mathematik, für Mechanik und, wenn ich mich recht erinnere, auch nicht für Locke und Hume, deren – nun, man sagt Skepsis, sie ablehnte, aber es war wohl eigentlich nur eine Form jenes Geistes der Positivität, der mit den Naturwissenschaften, der Mathematik und der Industrie heraufkam und von der Klassik instinktiv als sie zersetzend empfunden wurde. (Noch Hebbel, der sonst wie ein Mittler zwischen damals und heute steht, ist darin ganz klassisch.) Wenn ich mir unsre großen Humanisten richtig vorstelle, so war es ihnen – wenn auch mit Einschluß alles möglichen Wirren der Menschenbrust – doch irgendwie um einen Kosmos, eine ruhende Ordnung, ein geschlossenes Gesetzbuch zu tun; jedenfalls hätten sie das Maß von geistiger Unordnung und Häßlichkeit, mit dem wir heute zu rechnen haben, als unerträglich erniedrigend empfunden.
Aber dieser abgelehnte Geist der selbstgenügsamen Faktizität in der Wissenschaft, der Statistik, der Maschinen, der Mathematik, des Pragmatismus und der Zahl, dieser Sandhaufen der Tatsachen und Ameisenhaufen der Menschlichkeit hat heute gesiegt.
Leider oder nicht: die nachgeborenen Goetheseelein und Goetheselein müssen mit ihm rechnen lernen.
Er grub den zweiten Weg, in den die aus einem zu engen Bett der Verstandeskonstruktion sich wieder befreiende Gegenwelle einbog; er hatte aber schon lang vor der Aufklärungszeit begonnen und wuchs hinter ihr bloß verstärkt weiter fort.
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Jedoch wenn hier die Worte Pragmatismus und Positivismus gebraucht werden, so mögen sie nicht zu genau und nicht als philosophische Spezialbezeichnungen genommen werden. Gemeint ist keine Theorie, sondern eine Erscheinung des Lebens.
Seit in der Renaissance sich die Physik von der scholastischen Spekulation weg zur Feststellung der Tatsachen und ihrer funktionalen Zusammenhänge gewandt hat, ist nicht etwa der Rationalismus entstanden – denn die Scholastik war ja auch rationalistisch –, sondern es fand einfach eine restitutio in integrum statt; die spekulativ entartete Rationalität wurde wieder auf den festen Antäusboden der Tatsachen gestellt, wobei sie allerdings eine Richtung erhielt, in der die Probleme für die Philosophie, ja selbst für die Mathematik vorwiegend durch die quantifizierenden Naturwissenschaften angeregt wurden. Gleich zu Beginn tritt die quantitative, die – um heute beliebte Bezeichnungen dafür anzuwenden, unheilige und ungeistige Betrachtungsweise wie ein Feuer auf. »Wahres Erkennen ist nur dort, wo Quanta erkannt werden«, schreibt Kepler. Der Portugiese Sanchez – gestorben im Jahr, wo Locke geboren wurde – fordert den aggresiven Geist der Beobachtung und des Experiments auch für die Philosophie. Der große Galilei – in der Auffassung vielseitiger als Kepler und im Beispiel eine Zeitwende –, selbst ein Künstler wie da Vinci teilen diesen Furor der Abkehr zur Positivität, zur Sachlichkeit, zur Nüchternheit und zum Zeugnis des Verstandes und der Sinne.
Man muß das trennen von der Überspitzung, die es bald erhielt (Descartes), und muß sich heute, wo die Geisteswelt über die Fesseln einer »öden Mechanistik« klagt, mit aller Eindringlichkeit vergegenwärtigen, daß es einst und für große Menschen die Gewalt und das Feuer eines neuen erlösenden Erlebnisses gehabt hat.
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Die Formel dafür lautet etwa: Mach Dir nichts vor. Verlaß Dich auf Deine eigenen Sinne. Greif immer bis auf den Stein! Es ist eine gewaltige Abstinenzbewegung von der Seele, durch die ein gewaltiger Seelenschwung in neuer Richtung entstand, und man darf sich nicht über das Feuer, die Kraft täuschen, die er noch in sich trägt.
Zwar ging auch hier die Entwicklung mehr in die Breite als in die Tiefe; die Tatsachenwissenschaften teilten sich bis zur Zersplitterung des Spezialistentums, die theoretischen Synthesen, trotzdem sie im einzelnen zu sehr großen Leistungen führten, hielten nicht Schritt, fast könnte man sagen, es etablierten sich alle Nachteile einer Demokratie von Tatsachen; der Berg, der Alpdruck schüttete sich auch hier auf, der schon die menschliche Leistung der Geschichte begrub. Aber es wird das fast immer ganz falsch so dargestellt, als sei es ein bloß negatives Kennzeichen unsrer Zeit, daß sie – abgekürzt zu sprechen – keine Philosophie habe, bloß als ob sie keine hervorzubringen vermöchte; es ist weit mehr ein auch positiv zu wertendes Zeichen, denn der pragmatische Mensch, der Kletterer an den festen Griffen der Tatsachen, verlacht, was ihm von den Kustoden als Philosophie angeboten wird. Diese Zeit hat keine Philosophie, weniger weil sie keine hervorzubringen vermag, als weil sie Angebote ausschlägt, die nicht zu den Tatsachen stimmen. (Wer ein Beispiel haben will, lese das zurückhaltend als naturphilosophischer Versuch bezeichnete Buch »Die physikalischen Gestalten in Ruhe und im stationären Zustand« des jungen Berliner Philosophen Wolfgang Köhler, und wenn er die Kenntnisse hat, um es zu verstehen, so wird er erleben, wie sich vom Boden der Tatsachenwissenschaften aus die Lösung uralter metaphysischer Schwierigkeiten schon andeutet.)
Darin verwandt trotz allem Trennenden sind dem führenden geistigen Typus der Zeit die führenden praktischen, der Kaufmann und der Politiker. Auch der Kapitalismus hat als seelische Grundlage das nur mit den Tatsachen Rechnen, das sich nur auf sich selbst Verlassen, den Griff, das Arbeiten in festem Stein, die Selbständigkeit des so dastehenden Menschen; und die Öde außer Dienst. Die Politik gar, wie sie heute verstanden wird, ist die reinste Gegnerschaft gegen den Idealismus, fast seine Perversion. Der mit dem Menschen à la baisse spekulierende Mensch, der sich Realpolitiker nennt, hält für real nur die Niedrigkeiten des Menschen, das heißt, nur sie betrachtet er als verläßlich; er baut nicht auf Überzeugung, sondern stets nur auf Zwang und List. Was davon sich aber während des Kriegs und nachher in der scheußlichsten Fratze gezeigt hat, ist im Grunde kein andrer Geist als der, in welchem auch Ministerien eines und desselben Staats untereinander verkehren, sobald sie in einer Frage nicht die gleichen Interessen haben, und der, in welchem der smarte Kaufmann stets mit seinesgleichen umgeht. Am tiefsten Punkt dieser Hölle liegt – dem einzelnen gar nicht mehr bewußt – wie die Spitze eines Kegels die luziferische Mißachtung der Ohnmacht des Idealismus, die nicht nur den verkommenen, sondern so oft auch den stärksten Menschen unsrer Zeit eigentümlich ist.
Es ist ebensoviel von dem tiefsten Selbstvertrauen der Zeit in ihr wie von der verzweifelten Situation. Es ist ein Unterwasserschwimmen in einem Meer von Realität, ein verbissenes Noch-etwas-länger-den-Atem-Anhalten: freilich mit der Gefahr behaftet, daß der Schwimmer nie wieder auftaucht.
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Das Amt, diesen Menschen zu bändigen und zu Gleichmaß und Stete zu führen, in diesem Chaos Ordnung zu schaffen, das Amt der Sinngebung, der Lebensausdeutung zu übernehmen, war – im Nebenamt! – nichts als die Geschichte da. Sie besaß nicht die Begriffe dafür. Geschichtsphilosophie wird abgelehnt, rein historische Kategorien haben sich noch nicht zur Genüge gebildet: die Ordnungsbegriffe des Lebens fehlen; daher werden hinten herum und unkontrolliert subjektive, gemutmaßte Bestandstücke der Geschichtsphilosophie wieder eingeführt. Begriffe wie Vernunft, Fortschritt, Humanität, Notwendigkeit beherrschten spukend das Lebensbild, gemeinsam mit ungeaichten oder höchstens von der opinio communis geaichten ethischen Wertschätzungen; Ordnungsschein über einem Chaos. So konnte anfangs die bekannte Wendung zur historischen Immanenz wie eine Erlösung wirken. Es erschien anfangs wie ein Fortschritt, was die Geschichte jetzt lehrte, den »Zeiten« überhaupt keine bestimmte Denkweise entgegenzubringen, sondern »Urteil und Maß lediglich aus ihnen selbst zu gewinnen«. Versenken, einleben, Erscheinungen aus ihrer eigenen Sphäre heraus verstehn, keine Synthese von außen aufdrängen: Nie war eine Zeit so bereit und geschickt, das zu tun, wie unsre. Die Folge war – mit Eucken zu sprechen – Abschwächung des eignen Wollens und Wesens durch Beflissenheit, sich fremder Art anzuschmiegen. Just das Rechte in einem Entwicklungsabschnitt, der drängend voll eigner Probleme ist!
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Wir haben den laufenden Tag eingeholt. Das Leben, das uns umfängt, ist ohne Ordnungsbegriffe. Die Tatsachen der Vergangenheit, die Tatsachen der Einzelwissenschaften, die Tatsachen des Lebens überdecken uns ungeordnet. Die Populärphilosophie und die Tagesdiskussion begnügten sich entweder mit den liberalen Fetzen eines ungegründeten Vernunft- und Fortschrittsglaubens oder sie erfanden die bekannten Fetische der Epoche, der Nation, der Rasse, des Katholizismus, des Intuitionsmenschen, welchen allen negativ gemeinsam ist eine sentimentale Nörgelei am Verstand und positiv das Bedürfnis nach einem Halt, nach gigantischen Knochengespenstern, an die man die Impressionen hängen kann, aus denen man nur noch bestand. (Dies ist, nebenbei gesagt, der Kern des literarischen Streits über Kultur oder Zivilisation; und ein Hauptgrund, weshalb der Expressionismus nicht viel mehr als eine Clownerie wurde; er konnte auf einem wesentlich impressionistisch gebliebenen Boden nicht weiter führen.) Man ist dabei so mutlos im direkten Beurteilen und Gestalten geworden, daß man die Gewohnheit annahm, selbst die Gegenwart historisch zu sehn; sobald ein neuer Ismus auftritt, glaubt man, ein neuer Mensch sei da, und mit Schluß jedes Schuljahrs hebt eine neue Epoche an!
Alles, was zum Geist gehört, befindet sich daher heute in größter Unordnung. Der Geist der Tatsachen und der Zahlen wird bekämpft – traditionell und kaum mehr der Gründe bewußt –, ohne daß man ihm mehr als die Negation entgegensetzt. Denn wenn man verkündet – und wer verkündete nicht etwas davon?! –, unsrer Zeit fehle die Synthese oder die Kultur oder die Religiosität oder die Gemeinschaft, so ist das kaum mehr als ein Lob der »guten alten Zeit«, da niemand zu sagen vermöchte, wie eine Kultur oder eine Religion oder eine Gemeinschaft heute aussehen müßten, falls sie die Laboratorien und Flugmaschinen und den Mammutsgesellschaftskörper wirklich in ihre Synthese aufnehmen und nicht bloß als überwunden voraussetzen wollten. Man verlangt damit bloß, daß sich die Gegenwart selbst aufgeben soll. Unsicherheit, Energielosigkeit, pessimistische Farbe zeichnet alles aus, was heute Seele ist.
Naturgemäß spiegelt sich das in einer unerhörten geistigen Einzelkrämerei. Unsre Zeit beherbergt nebeneinander und völlig unausgeglichen die Gegensätze von Individualismus und Gemeinschaftssinn, von Aristokratismus und Sozialismus, vom Pazifismus und Martialismus, von Kulturschwärmerei und Zivilisationsbetrieb, von Nationalismus und Internationalismus, von Religion und Naturwissenschaft, von Intuition und Rationalismus und ungezählt viele mehr. Man verzeihe das Gleichnis, aber der Zeitmagen ist verdorben und stößt in tausend Mischungen immer wieder Brocken der gleichen Speisen auf, ohne sie zu verdauen. Schon äußerlich betrachtet, läßt solche Antitypik – solches Entfalten der Probleme in Paare von Gegensätzen, solche Vielheit von Entweder-Oder-Fragestellungen – erkennen, daß hier nicht genug geistige Arbeit geleistet wird; es liegt in jedem Entweder-Oder eine gewisse Naivität, wie sie wohl dem wertenden Menschen ansteht, aber nicht dem denkenden, dem sich die Gegensätze in Reihen von Übergängen auflösen. Und in der Tat entspricht diesen Fragestellungen praktisch ein aufs äußerste getriebener Grüppchenkollektivismus in unsrem geistigen Bild. Jede Lesegemeinschaft hat ihren Dichter; die politischen Parteien der Landwirte und der Handarbeiter haben verschiedene Philosophien; es gibt vielleicht hundert Verlage in Deutschland mit einem gefühlhaft mehr oder weniger fest organisierten Leserkreis; der Klerus hat sein Netz, aber auch die Steinerianer haben ihre Millionen, und die Universitäten ihre Geltung: ich habe in der Tat einmal in einem Gewerkschaftsblatt der Kellner etwas von der Weltanschauung der Gasthausgehilfen gelesen, die immer hochgehalten werden müsse.
Es ist ein babylonisches Narrenhaus; aus tausend Fenstern schreien tausend verschiedene Stimmen, Gedanken, Musiken gleichzeitig auf den Wanderer ein, und es ist klar, daß das Individuum dabei der Tummelplatz anarchischer Motive wird, und die Moral mit dem Geist sich zersetzt.
Im Keller dieses Narrenhauses aber hämmert der hephaistische Schaffenswille, Urträume der Menschheit werden verwirklicht wie der Flug, der Siebenmeilenstiefel, das Hindurchblicken durch feste Körper und unerhört viele solcher Phantasien, die in früheren Jahrhunderten seligste Traummagie waren; unsere Zeit schafft diese Wunder, aber sie fühlt sie nicht mehr.
Sie ist eine Zeit der Erfüllung, und Erfüllungen sind immer Enttäuschungen; es fehlt ihr an Sehnsucht, an etwas, das sie noch nicht kann, während es ihr am Herz nagt.