Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 107

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Ich glaube, daß der Krieg ausbrach wie eine Krankheit an diesem Gesellschaftskörper; eine ungeheure, ohne Zugang zur Seele arbeitende Energie brach sich diesen brandigen Fistelgang zu ihr hin. Ich habe allerdings eine Warnung vor solcher Auffassung des Kriegs als einer europäischen Kulturkrisis gelesen, was eine spezifisch deutsche Anschauung sein soll (Robert Curtius unter Berufung auf andre in dem sehr lesenswerten Heft: Der Syndikalismus der geistigen Arbeiter in Frankreich), aber es kommt doch wohl darauf an, welchen Inhalt man dieser Vorstellung gibt. Der Krieg mag tausend verschiedene Ursachen gehabt haben, aber es ist gewiß nicht zu leugnen, daß jede von ihnen – Nationalismus, Patriotismus, wirtschaftlicher Imperialismus, Mentalität der Generale und Diplomaten wie auch alle andren – an bestimmte geistige Voraussetzungen geknüpft ist, die doch eine gemeinsame und dann eben mitentscheidende Situation kennzeichnen.

Vor allem war ein sehr bezeichnendes Symptom der Katastrophe zugleich Ausdruck einer bestimmten ideologischen Lage: das völlige Gewährenlassen gegenüber den an der Staatsmaschine stehenden Gruppen von Spezialisten, so daß man wie im Schlafwagen fuhr und erst durch den Zusammenstoß erwachte. An dieses Gewährenlassen sind nicht nur die »denkenden Bürger« gegenüber den »handelnden Organen« des Staats gewöhnt, sondern auch die nebeneinander dahinlebenden Ideologien, welche sich gegenseitig anbellen, aber nicht beißen. Es ist die Kehrseite der Einordnung des einzelnen in die Gesellschaft, und man würde ein Narr vor Überbürdung, wenn man jede Gewissensfrage selbst lösen wollte; aber andrerseits gibt es deren welche, die man so wenig dem »Fachmann« überläßt wie das Heiraten oder die Ewigkeit, und solche Fälle müssen sich durch ein deutlich wahrnehmbares Signal auszeichnen. So lag auch in der Art, wie die Welt auf den Krieg zutrieb, vor allem ein Mangel an geistiger Organisation; das Nichternstnehmen der Anzeichen und hintreibenden Kräfte, ebenso wie auch der gegenwirkenden Kräfte ging aus einer Situation hervor, wo ideologische Fragen in ihrer Unordnung und Windigkeit für »schöngeistig« galten, während die realpolitischen Mächte wenigstens eine gewisse bürgerliche Rechtsfähigkeit vor ihnen voraushatten.

Ein andres Kennzeichen war der Umfang, den die Katastrophe sofort annahm. Dieses plötzliche, ungeheure Umsichfressen des Feuers erscheint nur möglich, wo alles vorbereitet war und sich nach Erdbeben, Feuersbrunst und Gefühlsstürmen sehnte; wer den Ausbruch des Kriegs in voller Stärke erlebt hat, versteht ihn als die Flucht vor dem Frieden.

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Es wäre natürlich unsinnig, eine so umfassende Katastrophe auf eine individuelle Formel zurückführen zu wollen. Wir wissen überhaupt noch wenig von der Soziologie des Kriegs, es hat Kriege in allen Kulturen gegeben, und schon deshalb ist es schwer, einen bestimmten Krieg als die Katastrophe einer bestimmten kulturellen Situation anzusehn; zweifellos wird Krieg als etwas Traditionelles, man kann fast sagen als eine periodische Institution hingenommen. Anders steht es jedoch um die Frage, wie ein Krieg in einer Zeit ausbrechen kann, deren Geist – ausgenommen die Knockabouts – entschieden pazifistisch war. Ferner gibt es unter den Kriegen viele, die sozusagen nur geduldet waren, und von ihnen sozial verschieden sind jene, die wie Brände um sich fraßen. Heute sind schlichtende Kräfte aus dem Bereich des common sense am Werk, um den Krieg als nutzlos und unvernünftig zu entwerten, und das sind gewiß schwere Argumente in einer auf Nutzen und Vernunft gerichteten Zeit; aber ich glaube, diese Art Pazifisten unterschätzt das explosiv-seelische Moment, das zu Kriegen jener zweiten Art gehört, das offenbar menschliche Bedürfnis, von Zeit zu Zeit das Dasein zu zerreißen und in die Luft zu schleudern, sehend, wo es bleibe. Dieses Bedürfnis nach »metaphysischem Krach«, wenn der Ausdruck erlaubt ist, häuft sich in Friedenszeiten als unbefriedigter Rest an. Ich vermag darin in Fällen, wo weit und breit keine Unterdrückung, keine wirtschaftliche Verzweiflung, sondern rings nur Gedeihen vorhanden war, nichts zu sehn als eine Revolution der Seele gegen die Ordnung; in manchen Zeiten führt sie zu religiösen Erhebungen, in andren zu kriegerischen.

Sieht man die Erscheinung von dieser Seite an, so muß man hinzufügen, daß es sich nicht (nämlich nur scheinbar) um den Zusammenbruch einer bestimmten Ideologie und Mentalität handelt – etwa der bürgerlichen jetzt oder 1618 der katholischen –, um den Inhalt einer Ideologie also, sondern um das periodische Zusammenbrechen aller Ideologien. Sie befinden sich stets in einem Mißverhältnis zum Leben, und dieses befreit sich in wiederkehrenden Krisen von ihnen wie wachsende Weichtiere von ihren zu eng gewordenen Panzern.

Das ist heute, trotz der Müdigkeit nach dem kaum überwundenen Krieg, schon wieder nahen zu sehn. Nicht nur der französische Geist zeigt seinen Machthabern gegenüber ein schlimmeres »Gewährenlassen« als je einer vor dem Krieg, auch bei uns haben sich durch die neuen Erlebnisse nur die Inhalte geändert, die verworrene unsichere Art der Reaktion und Aktion ist die gleiche geblieben.

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Keine Werte standen fest, in nichts lag Verantwortung, das Leben wurde mit Wollust in die Flammen geworfen: es scheint dennoch falsch zu sein, daß man mit einer Wiedergutmachung, einer restitutio in integrum, mit der Forderung von mehr Verantwortung, Güte, Christentum, Menschlichkeit, kurz mit irgend einem Mehr von dem, was vorher zu wenig war, die Situation bessern könne; denn es fehlte nicht an der Idealität, sondern schon an den Vorbedingungen für sie. Dies ist nach meinem Glauben die Erkenntnis, welche sich unsere Zeit einbrennen müßte! Die Lösung liegt weder im Warten auf eine neue Ideologie, noch im Kampf der einander heute bestreitenden, sondern in der Schaffung gesellschaftlicher Bedingungen, unter denen ideologische Bemühungen überhaupt Stabilität und Tiefgang haben. Es fehlt uns an der Funktion, nicht an Inhalten!

Niemals wieder wird eine einheitliche Ideologie, eine »Kultur« in unsrer weißen Gesellschaft von selbst kommen; mag sie in Frühzeiten dagewesen sein (obgleich man sich das wahrscheinlich zu schön vorstellt): das Wasser fließt den Berg hinab, aber nicht hinauf. Eine gedeihende Gesellschaft befindet sich geistig in einem fortschreitenden Selbstzersetzungsprozeß. Immer mehr Menschen und Meinungen beteiligen sich an der allgemeinen Ideenbildung, und immer neue Ideenquellen werden durch Eindringen in frühere Zeiten und Verbindung zwischen entlegenen Ursprungsörtern aufgeschlossen. Was man Zivilisation im üblen Sinn nennt, ist ja hauptsächlich nichts als die Belastung des einzelnen mit Fragen, von denen er kaum die Worte kennt (man denke an die politische Demokratie oder an die Zeitung), weshalb es ganz natürlich ist, daß er in einer vollkommen pathologischen Weise darauf reagiert; wir muten heute einem beliebigen Kaufmann geistige Entscheidungen zu, deren gewissenhafte Wahl einem Leibniz nicht möglich wäre! Da aber kaum bestritten werden kann, daß jeder der von da und dort sich kreuzenden Ideen ein gewisser Lebenswert einwohnt, Unterdrückung Verlust, und nur Aufnahme Gewinn ist, so liegt ein ungeheures Organisationsproblem darin beschlossen, daß man die Auseinandersetzung und Verknüpfung ideologischer Elemente nicht dem Zufall überlasse, sondern fördere. Diese notwendige Funktion der Gesellschaft existiert heute nur auf wissenschaftlichem, also reinem Verstandesgebiet; auf geistigem Gebiet ist sie nicht einmal von den Schaffenden als nötig erkannt.

Im Gegenteil, es ist gerade in geistigen Kreisen (wie hier abgekürzt im Gegensatz zur eindeutigen Verstandesarbeit gesagt werden möge) kein Vorurteil so hartnäckig wie dieses, daß an aller Mißentwicklung der Zivilisation und vor allem an der seelischen Zersetzung der Verstand schuld sei, dem sie fröhne. Nun mag man dem Verstand alle möglichen Einseitigkeiten und schlimmen Nebenwirkungen nachsagen, wenn man aber behauptet, daß er zersetzend wirke, so meint man damit nie etwas andres, als daß er Werte, die ehedem ohne Riß und gefühlssicher galten, allmählig auflöst: aber das kann er nur dort, wo sie in ihren Gefühlsvoraussetzungen ohnedies schon gespalten sind; es ist nichts, was in seiner Natur läge, sondern es liegt in ihrer! Er selbst ist seinem Wesen nach ebenso bindend wie zerlegend, ja er ist wohl die stärkste bindende Kraft in den menschlichen Beziehungen, was merkwürdig oft von schöngeistigen Anklägern übersehen wird. Es kann sich also gar nicht um anderes handeln, als um ein Mißverhältnis, ein Aneinandervorbeileben von Verstand und Seele. Wir haben nicht zuviel Verstand und zuwenig Seele, sondern wir haben zuwenig Verstand in den Fragen der Seele. Der Mißstand, dessen er geziehen wird, heißt in Wahrheit: es geht der Gewohnheitsweg unsrer Gedanken unter Ausschaltung des Ich von Gedanke zu Gedanke und Tatsache zu Tatsache, wir denken und handeln nicht über unser Ich. Darin liegt ja das Wesen unserer Objektivität, sie verbindet die Dinge untereinander, und selbst wo sie uns zu ihnen in Beziehung setzt oder – wie in der Psychologie – uns selbst zum Gegenstand hat, tut sie es unter Ausschluß der Persönlichkeit. Es gibt die Objektivität gewissermaßen das Innerliche an den Dingen preis, das Allgemeingültige ist unpersönlich oder – nach einer sehr glücklichen indirekten Kennzeichnung von Walther Strich –: für eine Wahrheit kann man nicht mit der Person einstehn. Objektivität stiftet daher keine menschliche Ordnung, sondern nur eine sachliche.

In der Tat tritt schon in jener früher erwähnten breiten Übergangszone zur Neuzeit, während deren das Tatsachendenken seinen Aufschwung nahm, dieser Protest dagegen mit aller Heftigkeit auf; Religion sei nicht Theologie, sagen ungefähr Schwenckfeld, Sebastian Franck und Valentin Weigel gemeinsam gegen den abgeirrten Mystiker Luther, sondern sie sei »Erneuerung des ganzen Menschen«. Es ist das der Protest des Gefühls, Willens, Lebenden, Wechselbaren, insgesamt der Menschlichkeit, was sich da gegen die Theologie, das Wissen, als den festen und erstarrten Niederschlag abgrenzt. Und dieses ist auch immer – wenn man sie aller theologischen Verbindungen und mit ihnen angenommenen Spezialitäten entkleidet – die Triebfeder aller Mystik gewesen; alle jene Worte wie Liebe, Schau, Erweckung und ihresgleichen in ihrer tiefen Unbestimmtheit und zarten Fülle bezeichnen nichts als eine tiefere Einbettung des Denkens in die Gefühlssphäre, eine persönlichere Beziehung zum Erlebenden.

Einen verwandten Erlebensgehalt und ein ähnliches Verhältnis zum Verstand hat aber auch das ganze Schrifttum unmystischer Lebensweisheit von Kungfutse bis Emerson und weiter, ja man kann behaupten, daß an dieser Linie auch eine Grenze zwischen Moral und Ethik läuft. Moral ist ihrem Wesen als Vorschrift nach an wiederholbare Erlebnisse gebunden, und ebensolche sind es, welche die Rationalität kennzeichnen, denn der Begriff kann sich nur an der Eindeutigkeit und – in übertragenem Sinn – Wiederholbarkeit ansetzen; so besteht ein tiefer Zusammenhang zwischen dem zivilisatorischen Charakter der Moral und des Verstandes, während das eigentlich ethische Erlebnis wie das der Liebe oder der Einkehr oder der Demut selbst dort, wo es sozial ist, etwas sehr schwer zu Übertragendes, ganz Persönliches und fast Unsoziales ist. »Auch in Christus war ein äußerer und ein innerer Mensch, und alles, was er in bezug auf äußere Dinge tat, tat er vom äußeren Menschen aus, und stand dabei der innere Mensch in unbeweglicher Abgeschiedenheit«, sagt Eckehart. Was man in unsrer heutigen Literatur Ethik nennt, ist gewöhnlich ein schmales Fundament von Ethik und ein hohes Haus von Moral darüber.

Was es tatsächlich heute an Ethik gibt, lebt sehr unzulänglich in der Kunst, in der Essayistik und im Chaos privater Beziehungen. Die Musik wälzt Gefühle hin und her, in denen die Gedanken von Welt und Seele wurzeln, die Malerei sucht vom »Objekt« – dem Bazillenträger der Rationalität – sich loszuheben, die Dichtung bietet das Bild eines stagnierenden, in immer wiederholten Ansätzen fortschrittslosen Zustands der Seele, alles in allem ist es eine dumpfe, sich zu unbeständigen Erscheinungen überspitzende Unzufriedenheit, eine gärende Masse, in der immer wieder die gleichen Brocken an die Oberfläche stoßen, ohne daß der Chemiker käme und die Mischung klärte.

Unsre Geistesart ist vorläufig noch gar nicht darauf eingestellt, diesen Zustand zu ändern. Die Geschichte – wie gesagt, selbst der Hilfe durch Ordnungsbegriffe bedürftig – ist nur mißbrauchtes Hilfsmittel, sie zu schaffen, und der Humanismus, den wir treiben, ist ebenso höchstens im Nebenamt vergleichend, Lebenselemente herauslösend, ethisch, sucht vielmehr möglichst das Ganze von Persönlichkeiten, Zeiten und Kulturen zu verstehn und als Muster aufzustellen. Wenn man Goethe oder Lessing kennen lehrt als die in sich geschlossenen einmaligen Totalitäten, so hat das Exemplarische dieser großen Existenzen gewiß »Bildungswert«, aber allein vermittelt ist es im Grunde doch nichts andres, als wenn man in der Physik nur die Biographien Keplers oder Newtons vorbrächte. Der wesentliche Sachwert wird vernachlässigt, neben dem Biographischen fehlt wird das bewußt Ideographische und wird mehr oder weniger wie im Leben so in der Schule der persönlichen Willkür und Neigung überlassen. Wenn Goethe aber gedichtet hat: »Ist auf deinem Psalter / Vater der Liebe ein Ton / Seinem Ohr vernehmlich, / So erquicke sein Herz!« – so steht das doch nicht nur allein da, und nicht nur im Zusammenhang mit dem jungen, etwas lästigen Herrn Plessing und der sonstigen Goethebiographie, und nicht nur in der Klassik und der literarischen Tradition, sondern es bildet auch eine Masche in der Reihe der Menschenliebe oder der Güte, welche Reihen durch die Vorstellungswelt von Anbeginn bis heute laufen, und durch den Platz in dieser Reihe wird es erst wesentlich bestimmt.

Solche Ordnung der Kunst, Ethik und Mystik, das ist der Gefühls- und Ideenwelt, vergleicht allerdings und analysiert und faßt zusammen und ist insoweit rational und den stärksten Instinkten unsrer Zeit wesensverwandt, aber sie ist kein Widerspruch gegen die Seele; sie hat ihr eigenes Ziel, und dieses ist nicht jene Eindeutigkeit, bei der sich etwa Ethos zur Moral verdichtet oder Gefühl zur kausalen Psychologie, sondern eine Übersicht der Gründe, der Verknüpfungen, der Einschränkungen, der fließenden Bedeutungen menschlicher Motive und Handlungen, – eine Auslegung des Lebens.

Es mag dieser Ausklang einer Betrachtung unserer Situation in die Forderung einer Disziplin sonderbar sein: aber eine Zeit, die solche Arbeit nicht geleistet und solche Disziplin nicht erworben hat, wird nie zur Lösung großer Ordnungsaufgaben fähig werden.

Beiträge in Franz Bleis Das große Bestiarium der modernen Literatur

[Berlin: Rowohlt 1922, S. 116-121 und S. 147-153]

Von der geistigen Ernährung durch Intuition

Die Intuition ist eine auf allen Wiesen wachsende Wunderpflanze, deren Alter bis in die Zeit Platons nachgewiesen ist, aber wahrscheinlich viel weiter zurückreicht. Die in Deutschland häufigste Varietät wächst aber nicht auf den Wiesen, sondern ist nachgewiesenermaßen stets nur auf dem eigenen Mist derer gewachsen, die sie gebrauchen. Sie wird langsam zwischen den Zähnen gefletschert und verleiht dann wunderbare Erkenntnisse, wie wir sie bei Spengler oder in der Mechanik der Zeit von Rathenau finden. Sie kann aber auch hastig hinuntergeschlungen werden, wie es der Expressionismus tut, und dann erzeugt sie erhebende Blähungen, die in Form von Gedichten, Gottesanrufungen, geistigen Explosionen und sonstigen Ohmenschlichkeiten abgehen. Bei ganz senilen Leuten, wie dem einst verdienstlichen Schleich, wird sie zu einem Brei erweicht, nach dessen Genuß die Seele aussieht wie der Garten einer Kriegsgewinnlervilla, in dem der rauhen Natur durch Gnomen aus Terrakotta und Elfen aus Biskuitmasse eine Ahnung von Höherem verliehen ist. Das charakteristischste Symptom fortgesetzten Intuitionsgenusses ist eine sich bei jeder Gelegenheit zeigende Abneigung gegen den Verstand von geradezu verheerenden Folgen, so daß heute in Deutschland trotz des eigentlich endemischen Charakters der Erscheinungen von einer Intuitionsepidemie gesprochen werden kann. Es steht heute so damit, daß jeder, der etwas behaupten will, das er weder beweisen kann, noch zu Ende gedacht hat, sich auf die Intuition beruft. Es wäre daher zu beantragen, daß sich alle deutschen Schriftsteller durch zwei Jahre dieses Worts enthalten mögen, wonach sie zum erstenmal ihr wahres Gesicht sehen würden, wie einer, der einen zeitlebens getragenen Bart abrasiert.

Was die verschiedenen Varietäten der Intuition betrifft, wird ganz übersehen, daß ihre Stammform auch auf rein rationalem Boden gedeiht. Der entscheidende Einfall, mag er noch so methodisch vorbereitet worden sein, springt auch beim wissenschaftlichen Denken wie von außen unerwartet vor das Bewußtsein. Ebenso wird durch erhöhte Gemütszustände auch das rein rationale Denken, das mit Gefühl scheinbar gar nichts zu tun hat, mächtig gefördert. Wie viel mehr jenes, das in einer anderen biologischen Abhandlung dieses Buches das nicht-ratioïde Denken genannt worden ist, dessen Penetranz und innere Fortpflanzungsgeschwindigkeit geradezu von der Vitalität der Worte abhängt, einer um den relativ belanglosen Begriffskern gelagerten Wolke von Gedanke und Gefühl. Dann erst denke man an jene Erkenntnisse, die »mit einem Schlage das Leben erhellen« – Paradefälle der Intuition; man wird dann auch da sehen, daß es sich nicht um eine plötzlich ausbrechende andere Art Geistestätigkeit handelt, sondern um einen allmählich gewordenen kritischen Zustand der Gesamtperson, der endlich umschlägt, wobei der aktuelle, vermeintlich zündende Gedanke gewöhnlich nur der Explosionsblitz ist, der die große Umreaktion begleitet. »Etwas, das sich nicht erkennen, beschreiben, definieren, nur fühlen und innerlich erleben läßt, das man entweder niemals begreift oder dessen man völlig gewiß ist« – »mit einem Schlage, aus einem Gefühl heraus, das man nicht lernt, das jeder absichtlichen Einwirkung entzogen ist, das in seinen höchsten Momenten sich selten genug einstellt« – werden solche Erlebnisse gewöhnlich beschrieben. Das ist aber nur ein Grad auf der großen Skala, die von da über den Zustand des Gläubigen, des Liebenden, des Ethischen zur Haplosis, zur visio beata und den anderen großen Formen der Weltempfängnis führt; mit einem sehr bemerkenswerten Nebenast im Pathologischen, der von der verbreiteten Zyklothymia bis zu schweren Wahnzuständen reicht.

Man wirft ein, daß die Analyse der psychologischen Form menschlich nicht interessiere, sondern nur die Synthese der in ihr gewonnenen Inhalte. Die Welt, in der wir leben und gewöhnlich mitagieren, diese Welt autorisierter Verstandes- und Seelenzustände, ist nur der Notersatz für eine andere, zu der die wahre Beziehung abhanden gekommen ist. Zuweilen fühlt man, daß von all dem nichts wesentlich ist, für Stunden oder Tage zerschmilzt es in der Glut eines anderen Verhaltens zu Welt und Mensch. Man ist Strohhalm und Atem und die Welt die zitternde Kugel. In jedem Augenblick erstehen alle Dinge neu; sie als feste Gegebenheiten zu betrachten, erkennt man als inneren Tod. Das Pferd vor dem Wagen und der Vorübergehende kommunizieren. Oder wenigstens Mensch und Mensch messen sich nicht, beschnüffeln einander nicht wie Kundschafter, sondern wissen voneinander wie Hand und Bein an einem Körper. Das ist die Stimmung philosophisch schöpferischer – oder aber auch philosophisch eklektischer Zustände. Man kann sie intellektuell als verspäteter Christ auslegen oder das Fließen des Heraklit an ihr demonstrieren, überhaupt allerlei heraus- und hineinlesen, unter anderem auch ein ganz neues Ethos. Glauben wir daran? Nein. Wir spielen damit Literatur. Galvanisieren Buddho, Christus und andere Ungenauigkeiten. Ringsum tobt die Vernunft in tausenden von PS. Man trotzt ihr und behauptet, in einem verschlossenen Kästchen eine andere Autorität zu haben. Das ist der Sammelkasten Intuition. Man öffne ihn endlich und sehe, was darin ist. Man wird auf der einen Seite die große Gruppe der religiösen Erlebnisse finden, die sich nach der Durchdringung mit dem Verstand sehnen, auf der anderen das Ressentiment von Literaten, welche das bezweifeln, was der Verstand wirklich leisten kann, dagegen unerhört gläubig gegen alles sind, was ihnen gerade einfällt.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
10 haziran 2026
Hacim:
5257 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9782377871742
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