Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 110

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Natürlich hat alles, was sich in den Köpfen dieser Leute verwirrt, auch einen Kern von Wahrheit in sich; aber sie machen sich zu Dienern dieses unbestimmten Wahrheitsgehalts statt zu seinem Herrn. Vom Aktionär bis zum Wäschemacher wird mit nie erlahmendem Eifer vom Theater geredet, als ob es eine geheimnisvolle, unter besonderen Ausnahmegesetzen lebende Welt wäre, vor deren Schwelle alle Erfahrungen der gewöhnlichen Welt zurückbleiben, und der Kritiker macht das nicht ungern mit. Im Roman spielt die »Technik« längst keine solche Rolle wie in der Theaterkritik (obgleich er technisch mindestens ebenso schwierig ist wie das Drama), dafür spielt er heute bei weitem eine größere Rolle im Geist der Menschheit, und beides wahrscheinlich deshalb, weil er kein so gutes Geschäft ist wie das Theater.

Bildungskrisis

Man kann gegen diesen Versuch, unsere Theatererlebnisse durch den Begriff des gehandelten Vergnügens verstehen zu wollen, natürlich einwenden, daß es auch andre Erklärungen gibt; wir sind ja gewöhnt, die Zustände der Kunst aus dem Kampf und Wechsel von Prinzipien und dem Auftreten bestimmter Persönlichkeiten zu erklären. Aber das verträgt sich ganz gut mit der abstrakten Betrachtung, denn daß führende Personen eines bestimmten Typus in der Kunst auftauchen und zur Wirkung kommen, hat einen großen Teil seiner Ursachen im sozialen Zustand. Und dafür, daß ein soziales Moment zumindest an unseren Stigmata einen wichtigen Anteil hat, spricht wohl auch, daß sie sich, wie erwähnt, im Roman wesentlich weniger ausprägen als im Drama, obgleich da wie dort fast die gleichen Personen in Frage kommen, während die Erscheinungen in Dramatik und Malerei einander ähneln, obgleich der Personenkreis verschieden ist, jedoch die sozialen Bedingungen – Geschäftsbetrieb und sozusagen Kollektivkonsum – ziemlich übereinstimmen. Triftiger ist der Einwand, daß der am Theater beschriebene Zustand vielleicht gar nicht nur unsrer Zeit zukommt und etwa die Goethes darin auch nicht viel anders war. Die geistige Minderwertigkeit besaß damals wohl bieder-volkstümliche Züge, aber sie machte sich genau so breit, so daß bloß die gewisse großstädtische Verschärfung hinzugekommen ist, die alle Erscheinungen unsrer Zeit zeigen. Wahrscheinlich ist es auch so, aber das führt von selbst zum zweiten Teil dieser Betrachtung, welche sich ja das Theater sowohl unter dem Titel des Vergnügens wie unter dem der Bildung vorgenommen hat. Und um es sofort zu sagen: sollte das Mißverhältnis zwischen den zwei Bestandteilen auch seit je gleich groß gewesen sein, so bleibt doch ein großer Unterschied darin bestehn, daß sich die Entwicklungsrichtung seither umgekehrt hat; die »Bildung« – mehr noch das Verlangen nach ihr, die Bildungsgesinnung – war damals in jugendlichem Aufstieg und ist heute in Abstieg, Auflösung oder zumindest in eine krisenhafte Unsicherheit geraten. Im Namen der Bildung hat einst die bürgerliche Gesellschaft – bei uns durch die großen Geister der klassischen Vergangenheit – das Theater für sich in Anspruch genommen, und in alle Krisen spielt auch heute noch eine ferne heilige Verpflichtung hinein, aber diese Panazee der Bildung hat selbst die Geschicke des Theaters geteilt. Ein »gebildeter Mensch« war ursprünglich ungefähr das, was eine moderne literarische Schule heute einen Logokraten nennt; es handelte sich um den auf Geist gegründeten Herrschaftsanspruch, eine Idee, die später im bürgerlichen Liberalismus aufging, weshalb gebildet heute vielfach synonym mit wohlhabend gebraucht wird. Auch die Bildung ist nur bis zu einem gewissen Grad organisatorisch geschützt, im übrigen aber von der kapitalistischen Gesellschaft sich selbst und dem freien Markt überlassen worden. Die Erscheinungen, die das Theater heute zeigt, sind nur ein Teil der umfassenden Bildungskrisis, oder wenn man will Bildungsdämmerung, in der wir leben. Ein Vergleich mit der Geschichte des englischen Theaters im neunzehnten Jahrhundert,4 in der sich der Einfluß der Großstadt und der Soziologie ihrer Vergnügungen um einige Jahrzehnte früher geltend gemacht hat als bei uns, zeigt einen Teil unserer Erscheinungen (den banal sensationellen) in noch vergröbertem Maß; aber die Gegenkräfte, welche diesen Zustand überwanden, waren noch nicht durch Mutlosigkeit und Zweifel so geschwächt wie heute.

Es lohnt sich, einige Feststellungen über die Geschicke unserer »Bildung« der zuständigen Forschung zu entnehmen5 und den Ausschnitt des Theaters mit dem Ganzen zu vergleichen.

Das Wort im heutigen Sinn kam um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts auf. Allgemeine Bildung hieß damals universelle Erudition; sich bilden, sich formieren; Kant gebrauchte dafür das Wort Kultur; bei Herder, dann bei Goethe tritt in das Wort noch die Bedeutung von paideia und eruditio ein. In der Hauptsache aber war von damals bis gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts Bildung gleich geistiger Selbständigkeit oder Aufgeklärtheit. Vom Zeitalter der Aufklärung geformt, umschloß diese Vorstellung die Opposition gegen kirchliche und politische Gebundenheit und war ursprünglich rationalistisch vom Glauben an die Dreieinigkeit von Natur, Vernunft und Freiheit getragen. Später, als der Glaube an die Autonomie der Vernunft schwere Schlappen erlitten hatte, wurde er teilweise durch den Glauben an das naturwissenschaftlich realistische Denken ersetzt. Eine wichtige und namentlich für unsere Schwierigkeiten bestimmende Komponente war außerdem gleich anfangs durch den Einfluß Herders hineingebracht worden: das antike Ideal allgemeiner Menschenweisheit; die Antike wurde als Muster zu direkter und unumschränkter Nachahmung empfohlen. »Ein gebildeter Mensch im vollen Sinn wird man vor allem durch den Verkehr mit den Alten, diesen Altvätern der menschlichen Geistesbildung, diesen ewigen Mustern des richtigen, guten und geübten Geschmacks und der schönsten Fertigkeit im Gebrauch der Sprache; an ihnen müssen wir unsere Denk- und Schreibart formen, nach ihnen, müssen wir unsere Vernunft und Sprache bilden. Wer das getan hat, dem ist der Sinn der Humanität, d. i. der echten Menschenvernunft aufgeschlossen, er wird ein gebildeter Mensch sein und sich als solcher im Kleinsten und Größten zeigen.« (Herder: Vom wahren Begriff der schönen Wissenschaften und der Gymnasialbildung. 1788.)

Man braucht nur dieses Zitat zu lesen, um zu sehen, wie weit wir in der Organisation ideologischer Wandlungen zurückgeblieben, wie wir an einer notwendigen Übergangsphase hängen geblieben sind, wie wir mit dem Rücken gegen die Zukunft stehn und in welche lebensunmögliche Lage wir durch unsere höheren Schulen alljährlich Zehntausende junger Menschen bringen.

In jeder Bildung steckt, wie mich dünkt, es wird ja heute oft bestritten, ein allgemein menschlicher Wert, und keine ist bloß ein relatives Ideal ihrer Zeit, sondern sie folgen einander wie Teillösungen einer Aufgabe, die im Grunde dieselbe bleibt; aber andrerseits ist jede Bildung natürlich auch durch den Stand bedingt, der sie trägt, von der Relativität seiner Ansprüche und Einbildungen gefärbt und stukkatiert, ja sie hat ihre Verbreitung wahrscheinlich niemals nur ihrem inneren Wert zu danken gehabt, sondern stets auch dem Umstand, daß sie ein Vorrecht der Oberschichten ist und deshalb ein Argument im sozialen Aufstieg. In diesem Sinn folgten im deutschen Volk einander (nach Paulsen): das kirchlich-lateinische Bildungsideal mit dem Klerus als führenden Stand, das höfisch-französische Ideal des Adels und endlich das bürgerlich-hellenistisch-humanistische, in dessen Endphase wir uns voraussichtlich befinden. Denn jede dieser Bildungen, und auch alle anderen uns bekannten, entwickelte sich nach dem gleichen Schema, das wohl überhaupt eine Art Bahnverlauf jedes in den sozialen Körper eindringenden starken Reizes darzustellen scheint. Sie entsteht erst gewissermaßen nebenbei und kaum selbständig bemerkt als Folge eines auf bestimmte andere Ziele gerichteten Lebens (z. B. im germanisch-lateinischen Mittelalter) oder der unzählbar vielen kleinen Lebensänderungen, deren Integration die Lebensrichtung allmählich umbiegt (Übergang der Scholastik in die sogenannte Neuzeit), und tritt in ihrer zweiten Phase, die man die heroische nennen kann (Klassik), bewußt hervor. Hier knüpfen sich überschwengliche Hoffnungen an sie, und sie erweckt flammende Bestrebungen; es ist die Zeit, wo sie planmäßig organisiert wird. Den dritten Entwicklungsabschnitt, in den die nun offiziell anerkannten neuen Impulse eintreten, kann man kurz als den ihrer Bureaukratisierung kennzeichnen; in unserem Fall vollzog sich dieser Härtungs- und Verknöcherungsvorgang im Schulwesen des neunzehnten Jahrhunderts, und er zieht notwendig eine vierte Phase nach sich, jene verdrießliche Enttäuschung, an der wir leiden; das Ziel wird auf neuen Wegen zu erreichen gesucht, und je nach den Umständen führen sie zu Umsturz oder Reform.

Sucht man diesen unsern Zustand zu beschreiben, so stößt man auf die folgenden Grundeigenschaften der Bildungskrise: Die Bildung hat heute, nicht nur durch die politische Emanzipation der Arbeiterklasse, ihren sozialen Nimbus verloren.

Sie hat bekanntlich niemals das ganze Volk, nicht einmal das Bürgertum, sondern nur eine dünne Schicht davon durchdrungen, ist also viel früher als auf halbem Weg stehengeblieben; als Folge ist das Volksganze kulturell außerordentlich inhomogen geworden und wird es immer mehr. Das Volksbildungssystem ist kaum mehr als ein Notbehelf, das öffentliche Schulwesen nimmt neue geistige Impulse nur mit größter Verzögerung und Unsicherheit auf, die Zeitung hat quantitativ zwar noch das meiste geleistet, verehrt aber eingestandenermaßen die Ideale der Sensation und des kleinsten Lesergehirns, das ihre Mitteilungen noch fassen können muß. Die Vorbedingungen raschen, angemessenen Verständnisses geistiger Leistungen fehlen uns deshalb, und ein große Kreise durchlaufender Impuls muß schon stark an ein Massenbedürfnis rühren, wie es Heldenverehrung, Grausamkeit, Sentimentalität, Borniertheit, Geldgier, Mode, Vergnügungssucht, Neugierde sind.

Dies alles gilt aber auch schon von der Bildungsschicht selbst:

Die Fähigkeit, neue geistige Impulse aufzunehmen und ihnen den Weg in Tiefe und Breite möglichst zu bahnen, hat in keiner Weise Schritt gehalten mit der sich beschleunigenden Folge solcher Impulse, noch mit dem täglichen Anwachsen der Menschenmenge, für die sie bestimmt sind und von der ihr Schicksal abhängt. Ja, man kann sagen, daß die Institutionen, welche als Niederschlag der zur Herrschaft gelangten Bildungsvorstellungen sich auskristallisiert haben, wie Schule, Politik, Kirche, der Weiterentwicklung außerdem Widerstand leisten.

Es häuft sich also eine Überzahl nicht oder schlecht verarbeiteter Ideen an, und die ordnenden wie vereinfachenden Ideen, über welche wir verfügen (im allgemeinen ist es eben die abgebröckelte und durch nichts Neues ersetzte Ideologie des achtzehnten Jahrhunderts), reichen ihnen gegenüber nicht aus. Die Verdichtung des geistigen Verkehrs über die Erde hin und in ferne Zeiten zurück, die historische wie die ethnologische Erschließung neuer Lebensgestaltungen häufen aber immer neues geistiges Material an, und als notwendige Folge davon muß eine Art Selbstzersetzung der Kultur eintreten. Der Bildungsschicht bemächtigte sich ein Gefühl der Ohnmacht, sie verlor das Vertrauen in ihre eigene Bildung und damit einen großen Teil ihres Prestiges. Jeder von uns kennt dieses Durcheinander; Unsicherheit und Bildungskatzenjammer sind die ebenso wohlbekannten Stigmata, die dazugehören, und jeder reißt sich heute aus dem ohnmächtig daliegenden deutschen Geist heraus, was ihm paßt.

Außerdem ist aber der Bildungsstoff der Gegenwart vorwaltend in der Richtung positiver Erkenntnisse, Tatsachen, Wissen, Spezialdenkmethoden gewachsen, die praktische Weltbeherrschung hat traumhafte Fortschritte gemacht, die Bedeutung des Wirklichen gegenüber dem Erdachten ist in einem noch nie dagewesenen Maß fühlbar geworden, während der Bildungsbegriff, der das meistern soll, alt und Herderisch geblieben ist. Diese bekannte Inkongruenz zwischen den neuen Einflüssen und der Form des Gefäßes, das sie aufnehmen soll, ist eine Hauptursache aller Erscheinungen. Der Versuch, eine realistische Tendenz in das Bildungswesen zu bringen, war zwar da, aber er schoß sowohl übers Ziel wie zu kurz, indem er teils den humanistischen Stoff durch realen zu verdrängen suchte, teils Stoff schließlich neben Stoff lagerte, ohne daß diesem Nebeneinander ein neuer Geist entwuchs.

Theater- und Bildungskrisis

Zieht man von diesem allgemeinen Zustand den Vergleich zum Theater, stimmen die Erscheinungen bis in die Einzelheiten der Verbesserungsversuche überein. Ich möchte hier nur drei davon berühren:

So haben Kunst und Bildungswesen seit etwa dreißig Jahren die Gegnerschaft gegen den sogenannten Intellektualismus gemeinsam. Man hat dem dürren Verstandesunterricht des Schultyrannen das Ideal der »Herzensbildung« gegenübergestellt, hat »Anschauung« statt Urteilsschärfung verlangt, »Erlebnis« statt Erzählung, Lichtbilder statt begriffelnder Umschreibung und ähnliches mehr. Die Auswirkungen der gleichen Strömung findet man im Gebiet der Kunst. Schon der Impressionismus hat das Vorurteil ausgebildet, daß der Dichter zum Herzen sprechen müsse oder irgendeinem ähnlichen Organ, das ohne Verbindung mit dem menschlichen Großhirn gedacht wurde, und hat dadurch wesentlich beigetragen, das Theater von der geistigen Entwicklung abzuschalten. Es mußte sich einfach und drastisch gestalten, durch Handlung und Gefühlsausdruck, also in einer Art Analphabetensprache, wirken. Die eine Folge war eine beträchtliche Unintelligenz der Bühnendichtung, die andre, daß bis auf den heutigen Tag der große Dramatiker erwartet wird, der in der tiefsten Weise zu allen sprechen soll, und natürlich niemals kommt, mit welcher Vorstellung falscher Volkstümlichkeit wieder die Klage zusammenhängt, daß unsere Zeit keine Kunst mehr hervorzubringen vermöge, und eine ganz unnötige Selbstunzufriedenheit. Auch die folgende »Generation« hat das nicht richtiggestellt; die übermäßige Betonung des Bühnenbildes, des Tanzartigen, der Stimmbewegungen. der mimischen Komposition war Suche nach einem neuen Ausdrucksmittel, statt das alte, alphabetische zu neuem geistigen Gebrauch herzurichten. Der Erfolg konnte nicht mehr sein als Bereicherung im einzelnen.

Der zweite Zug, der durch die Bildungsbewegung ging, war ein sozialethischer; statt Persönlichkeit Erweiterung des Selbst zur Gemeinschaft, Verfeinerung des sozialen Empfindens und seine Festigung durch Willensbildung, radikaler Bruch mit der Vorstellung, daß Bildung Ausbildung der einzelnen Menschenseele sei: in irgendeiner Form hat es jeder oft gelesen. Teilweise decken oder vermengen sich diese Forderungen mit den vorigen: auf eine irgendwie weihevolle, festlich vereinende Volks- und Gefühlssprache der Kunst laufen auch sie hinaus, soweit sie auf das Theater Einfluß genommen haben. Es kennzeichnet sie besonders eigentlich nur die gewöhnlich mit ihnen verbundene Ablehnung der »individualistischen« Kunst als etwas Überwundenem. Nun kann man ja wohl sagen, daß der alte Held unseres Theaters mit seinem spezifisch tragischen Konflikt des freien Willens, der zwischen die Schranken des bürgerlichen Gesetzes eingeklemmt ist, eigentlich ein Freihandelsheld war, aber das hat sich ja schon lang, wenn auch nicht mit der nötigen Bewußtheit, geändert; ich habe es einmal in der Formel ausgedrückt, daß an die Stelle des tragischen Widerspruchs eines Einzelnen zum Gesetz der geoffenbarte Widerspruch in den Gesetzen irdischer Existenz treten müsse, der oft unlösbar, aber immer zu überwinden ist; es liegt darin der Unterschied zwischen der Aufklärungszeit, welche an die Autonomie des Sittengesetzes und der Vernunft glaubte, und der Zeit des Empirismus, für den die Welt eine unendliche Aufgabe mit fortschreitenden Teillösungen ist. Dieser Empirismus ist das große geistige Erlebnis, welchem wir entgegengehn, wenn unser Globus intellectualis mit seiner dünnen Bildungsschicht und seiner übergroßen, undurchdrungenen Masse nicht vorher zerspringt. Daran wird der Sozialismus (dessen Umkreis die sozialethischen Reformpläne des Theaters in der Hauptsache entstammen) nichts ändern, falls nur die Richtung des Menschen auf Weltdurchforschung und -beherrschung in ihm erhalten bleibt, was wahrscheinlich ist. Ich zweifle nicht daran – der ganze erste Teil dieser Ausführung hat es ja ausgesagt, – daß eine Änderung der Gesellschaftsform auch eine der Kunst nach sich ziehen würde; an den Grundproblemen der Schöpfung – und dazu gehört der Widerspruch zwischen Einzel- und Kollektivwesen, das wir sind – vermag das aber, von Übergangszeiten abgesehn, nur die Gewichtsverhältnisse und die Form der Äußerung zu verschieben. Auch der Sozialismus trägt in seinen Kulturbestrebungen das Stigma der Gegenwart, daß Mechanik und Seele sich nicht vereinigen können; in der Politik gewiß eher zu sehr rational als zu wenig und wenigstens in Deutschland ohne starkes Herz, überläßt er die Kunst einer Art Herzwachstum, das kommen oder da sein soll. Sein Anhang an Kunstreformern enthält leider viele Vogel-Strauße, welche den Kopf in die Zukunft stecken, weil sie das gegenwärtige Starke, Dienliche, zu Erschließende, welches das Theater auch heute enthält, nicht verstehn.

Den unmittelbarsten Ausdruck des Bildungsüberdrusses zeigt endlich die »antiliterarische« Einstellung, welche in der Diskussion von Theaterfragen so oft zu spüren ist. Befreiung des Theaters vom Bildungsballast, Wiedererweckung des reinen Übermuts spielerischen Bedürfnisses, Stegreif, Theater der Schauspieler sind bekannte Überschriften, deren Einfluß von dem nur auf schauspielerische Leistung zugeschnittenen Spielplan bis zu ernsten Versuchen reicht, das Stegreiftheater des Barock wieder heraufzuführen. Nach allem schon Gesagten braucht dem nichts hinzugefügt zu werden. Meiner Ansicht nach kann das nur dazu führen, die Literatur der Literaten durch die der Journalisten zu ersetzen, welche der Schauspieler täglich in der Zeitung liest.

Das besorgt aber ohnedies schon ein großer Teil unserer Dichter selbst. Man hat sich beim Verteidigen und Bekämpfen von »Richtungen« gar nicht Rechenschaft darüber gegeben, daß die einflußreichste und allgemeinste und alle Schulen umfassende Richtung der Bühnendichtung die auf ihre Journalisierung ist. Anregbarkeit, fixe Rundung, Temperament, sparsam geschickte Pointierung, wirkungsvolle Aufmachung, auf dem laufenden sein und einige andere sind die Tugenden, welche der begabte dramatische Journalist seinem Kollegen von der Zeitung entlehnt, und es gibt auf diesem Gebiet wirkliches Talent. Die Nachteile sind: man sucht das Neue, findet aber nur das Neueste; alle in der geistigen Atmosphäre schwebenden Impulse werden durcheinander geschwenkt, aber kein einziger vertieft und ausgereift; natürlich tritt an dieser Tätigkeit immer mehr das Moment hervor, daß sie nur der etwas ungläubigen Zerstreuung dient, wie es beim »Vergnügen« festgestellt wurde, während die ihr Angehörigen glauben, vorauseilende Diener des Geistes zu sein.

Ich glaube, daß es nicht ganz ohne Einfluß bleibt, wenn man sich einmal solche Zusammenhänge klar macht, die man im täglichen Erleben des am Theater Beteiligten stückweise kennenlernt. Der Versuch, Lösungsmöglichkeiten der Krisis daraus abzuleiten, würde zu weit führen. Es wollen Gedanken wie diese überhaupt keine Theorie sein, welche Erscheinungen erklärt; die Dinge hängen wohl so zusammen, aber sie hängen auch anders zusammen, das ist der Unterschied des Lebens von der starren Ordnung, und man kann dem Zusammenhang immer nur nach einer Dimension folgen. Auch muß ich gestehn, daß mir selbst der Versuch, dem kleinsten Ding auf den Grund zu gehen, heute in der Literatur schon lächerlich erscheint, wo wir in einem Meer von Schaum schwimmen. Immerhin möchte ich einigen Folgerungen, die sich von selbst ergeben, nicht geradezu aus dem Weg gehn. Das merkwürdigste an den Zuständen unsres Theaters ist ja, daß wir vor kurzem erst einen Hochstand hatten und noch heute sehr bedeutende Leistungen im einzelnen besitzen. Die Müdigkeit, Hoffnungslosigkeit und Gleichgültigkeit, welche dennoch in der Atmosphäre des Theaters lagern, sind weit ärger, als nur durch das Theater gerechtfertigt ist, sie sind Bildungs- und Kulturmüdigkeit, Unsicherheit, Mutlosigkeit des Geistes, nicht mehr wissen, wozu. Die Impulse, welche das Theater allabendlich aussendet, verlaufen ins Leere, weil die kulturellen Kategorien fehlen, sie aufzunehmen. Diese müßten zuerst wiederhergestellt werden. Da stößt man aber sogleich auf die ausrollende Totalität, welche jede Bildungskrisis darstellt, und findet kein Ende.

Suche ich persönlich die engste Zusammenfassung der Erfahrungen, die man mit den Jahren erwirbt – und ich glaube, wer ihrer überhaupt fähig ist, macht sie in der gleichen Weise –, so kann ich nur sagen, nichts hat mich in meinem Leben so ermüdet wie die atemraubende Ungeistigkeit, von der die Atmosphäre nicht nur des Theaters sondern unserer ganzen Literatur voll ist. Man findet mühelos Erfolg, wenn man etwa zwei bis zehn Anteile Bedeutung mit 90 bis 98 Teilen Bedeutungslosigkeit vermengt; das imponiert als Geist, der untere Mischungsgrad gilt dort, wo die Sache deutsch und gesund heißt, der obere dort, wo man sich auf gespitzten stürmischen Geist etwas zugute hält; reichere Gemische werden von beiden Seiten nicht mehr aufgenommen und für wertlos gehalten. Das gleiche gilt von Seele, Leidenschaft, Kraft und jeder menschlichen Reaktion, deren Dasein in besondrer Form nur dann wahrgenommen wird, wenn es zu mindestens neun Zehnteln unbesonders ist. Wenn aber gescheite Menschen (und der Mensch ist heute doch gescheit) ein Tätigkeitsgebiet derart der Verblödung überlassen, so hat dies immer auch einen Grund, und dieser ist: tua res agitur – diese Beziehung, durch welche ein Ding erst die Kräfte des Menschen weckt, fehlt hier. Wenn ein normaler zivilisierter Mensch sich heute ins Theater setzt, und dort schreit eine Seele oder lärmt: was können wir von ihm erwarten? Er erhält Stöße gegen irgendwelche unbestimmten inneren Organe und muß diese Behandlung entweder unerhört unangenehm oder unerhört interessant finden; der Unterschied hängt fast nur vom guten Willen ab, und erfahrungsgemäß gehen die beiden Reaktionen auch sehr leicht ineinander über. Findet er sie aber interessant und will etwas darüber sagen, so sieht er sich maßloser Willkür des Ausdrucks gegenüber. Denn dem Kritiker geht es im allgemeinen nicht anders als ihm. Man sehe sich Kritiken auf ihre Ausdrücke an: Temperament, Chaos, von Blut gezeugtes Wissen, Stimme unserer Zeit, Brausen eines Erlebnisses, Dynamik von Mensch zu Mensch … ich habe eine ganz zufällige Probe herausgegriffen, vermittelt sie einen Eindruck? Beschreibt sie ein Erlebnis? Bezieht sie sich auf einen menschlichen Wert? Auf etwas Faßbares? Alles ist vage, unpräzis, unsachlich, maßlos, einmalig, zufällig. Unter den Ursachen möchte ich eine hervorheben: Schon im Literaturunterricht, durch den einerseits Kritiker wie Zuschauer die schließlich doch entscheidende Vorbereitung empfangen, in dem anderseits sich das Ganze wiederholt, wird dieser »Geist« großgezogen. Was würde man dazu sagen, wenn die Universitätshörer in der Physik die Biographien Keplers und Newtons hören oder lernen würden, wie ihre Person, ihre Zeit und ihr Werk zusammenhängen, aber nichts von den Systemen, in denen sich die Erkenntnisse der Physiker verketten? Gerade dies geschieht aber in der Literatur. Der Humanismus, den wir treiben, ist höchstens im Nebenamt vergleichend, Lebenselemente herauslösend, ethisch, sucht vielmehr möglichst das Ganze von Persönlichkeiten, Zeiten und Kulturen zu verstehen und als Muster aufzustellen. Der wesentliche Sachwert wird vernachlässigt, neben dem Biographischen fehlt das bewußt Ideographische und wird mehr oder weniger wie im Leben so in der Schule der persönlichen Willkür und Neigung überlassen. Ich weiß natürlich sehr wohl, was »der Zauber des Persönlichen« in der Kunst und sonderlich am Theater bedeutet; aber wenn eine andere Person das Persönliche des Künstlers oder Werks in sich aufnimmt, so geht es nicht anders zu als bei der Nahrungsaufnahme: Abbau in Elemente und deren Assimilation. Jedes menschliche Werk besteht aus Elementen, die auch in unzähligen andern Verbindungen vorkommen, und indem man es so versteht, löst es sich in die fließenden Reihen der Seele auf, welche von Anbeginn bis heute laufen, und wird eine Auslegung des Lebens. Das ist hier unter Sachlichkeit verstanden; und solange wir sie nicht besitzen, ja nicht einmal eine Ahnung von ihrer Notwendigkeit haben, sondern auf die überwältigende Persönlichkeit (des Dichters, Werks, Darstellers) warten, die wir als Totalität schlucken möchten wie eine Auster, werden wir nicht zu besseren Zuständen kommen. Frägt man sich z.B., wodurch sich Zeiten religiösen Aufschwungs von anderen unterscheiden, so findet man als ihre Eigenschaft nicht nur die intensive Beschäftigung des Menschen mit Gott, sondern auch mit dem Leben, eine brennende Sachlichkeit des Hierseins.

Das führt übrigens zurück zur Volkstümlichkeit, die das Theater verloren hat. Sieht man von allem ab, was es heute vom Volk trennt, also Preisen, Spielzeit und dergleichen, aber auch von dem zu großen Unterschied in Niveau und Voraussetzungen, den die freie Volksbildungsarbeit allein kaum überbrücken kann, so bleibt noch die Bedingung unerfüllt, daß es in der Masse verbreitete Eigenschaften sein müssen, welche das Theater beleben. Ihre Kardinale ist die Beschäftigung des Menschen mit sich selbst. Auch auf dem niedrigen Niveau der gewöhnlichen Konversation spielt ein Romane einem anderen Menschen gegenüber mit seiner Person, wie eine Frau mit dem Fächer; er wirbt für sich und seine Gedanken, indem er spricht; wir dagegen haben das Ideal des Handelns auf der Bühne wie im Leben. Dieser Unterschied liegt also schon im Volk und ist nicht bloß einer der Bühne. Wie führt man deshalb ein Volk, dessen Ideal der starke Mann ohne viel Worte, der Reserveleutnant, ist, das dadurch Literaturkritiker bekam, in denen jetzt der Geist rumort wie der Lärm in der Klasse, wenn der Lehrer unerwartet hinausgehen mußte, zu den Vorbedingungen der Dramatik zurück?

Ich weiß es nicht. Auch darin zeigt sich aber der Zusammenhang mit dem Ganzen.

4.Sehr lohnend: E. L. Stahl, Das englische Theater im 19. Jahrh., Verl. R. Oldenbourg, München-Berlin 1914.
5.Ich entlehne sie einer Arbeit von L. v. Wiese in der von ihm herausgegebenen Soziologie des Volksbildungswesens, Verl. Duncker & Humblot, München-Leipzig 1921, welches Werk ich in dieser Zeitschrift angezeigt habe.

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Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
10 haziran 2026
Hacim:
5257 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9782377871742
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