Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 114

Yazı tipi:

Bücher und Literatur I

[Die Literarische Welt, 15.10.1926, S. 5, 22.10.1926, S. 5-6, 29.10.1926, S. 5]

Ankündigung

Das literarische Flurschützenamt des Kritikers! Ich schicke voraus, daß ich gar nichts davon verstehe, und um gleich noch etwas zu sagen, was meine Eignung zum Kritiker beleuchtet: Ich mag nicht Bücher lesen.

Ich erinnere mich, seit Jahren selten ein Buch zu Ende gelesen zu haben, außer es war ein wissenschaftliches oder ein ganz schlechter Roman, in dem die Augen stecken bleiben, als ob man einen großen Teller in Schnaps getränkter Makkaroni hinunterschlingen würde. Wenn ein Buch dagegen wirklich eine Dichtung ist, kommt man selten über die Hälfte; mit der Länge des Gelesenen wächst in steigenden Potenzen ein bis heute unaufgeklärter Widerstand. Nicht anders, als ob die Pforte, durch die ein Buch eintreten soll, sich krampfhaft gereizt eng verschließen würde. Man befindet sich, wenn man ein Buch liest, alsbald in keinem natürlichen Zustande mehr, sondern fühlt sich einer Operation unterworfen. Da wird ein Nürnberger Trichter an den Kopf gesetzt, und ein fremdes Individuum versucht, seine Herzens- und Gedankenweisheit einem einzuflößen; kein Wunder, daß man sich diesem Zwange entzieht, sobald man nur kann!

Die Amerikaner sind andere Leute. Ein Mann wie Jack London, der ein sehr lebendiger und kluger Mann ist, hält sich nicht für zu gut, um beim seligen Käptn Marryat, der unsere Kindertage erfreut hat, in die Schule zu gehen und sein Garn ganz aus dem Fell des wilden Schafes zu spinnen, das er mit Recht als das Innere seiner Leser vermutet. Wenn es ihm gelingt, dabei einen oder den anderen tiefen Gedanken einzuschmuggeln oder eine mächtige Szene, ist er sehr zufrieden; denn er betrachtet Literatur als ein männliches Geschäft, das Käufer und Verkäufer etwas bieten muß. Wir Deutschen dagegen betreiben bis tief in den Moralkitsch hinein eine Genieliteratur. Immer ist der Verfasser ein ungewöhnlicher Mensch; er fühlt entweder ungewöhnlich kühn oder ungewöhnlich gewöhnlich; stets breitet er sein so oder so geordnetes Seelensystem zur Nachahmung vor uns aus. Selten ist er ein Mensch, der die Unterhaltung für seine Pflicht ansieht, und wenn er es tut, sinkt er gewöhnlich ohne Widerstand zu einer maßlos gemeinen Unterhaltung als Stimmungskanone der Heiterkeit oder Sentimentalität herab. (Vielleicht läßt sich später einmal mehr davon erzählen.) Im übrigen wäre wohl gegen den Drang zum Genialen in einer Literatur wenig einzuwenden. Nur das eine natürlich: das größte Volk kann unmöglich die ausreichende Anzahl Genies für eine solche Literatur hervorbringen.

Können die Schriftsteller nicht schreiben oder die Leser nicht lesen?

Man sagt, es seien die Bücher schuld und die deutschen Schriftsteller könnten nicht schreiben. Das ist eine liebenswürdige und einleuchtende Hypothese, um das eigentümliche Mißbehagen zu erklären, in das man sich beim Lesen von Büchern versetzt fühlt. Vergessen wir aber niemals, daß es bloß eine Hypothese ist! Wie alle Hypothesen hüllt sie eine Tatsache in einen Überschuß ein, und wenn man sich nackt an die Wahrheit halten will, welche in der Behauptung steckt, daß die Schriftsteller nicht schreiben können, so vermag man bloß festzustellen, daß die deutschen Leser nicht mehr lesen können. Das ist das einzige, was feststeht und wovon man ausgehen kann. Wir deutschen Leser empfinden heute einen unerklärlichen grundsätzlichen Widerstand gegen unsere Bücher. Alles andere ist äußerst unklar. Es ist auch unklar, wer und was die Schuld hat. Darum ist es gut, sich wohl oder übel zuerst umzusehen, wie eigentlich heute ein Mensch liest, der am Lesen von Büchern keine Freude empfindet und dennoch seine Zeit an Bücher abgibt?

Wir wollen sehr vorsichtig an diese Frage gehen, um nicht den Anschein zu erwecken, daß wir eine ausreichende Antwort wissen, was unsere Verleger in ein Goldgräberfieber versetzen müßte.

Wir wollen auch unter Mensch nicht die glückseligen Opfer der Literatur in Fortsetzungen verstehen, unter denen noch wirkliche Leseleidenschaft wütet, sondern nur solche Menschen, welche mit jenem Ernste lesen, mit dem man einen Kirchenvorstand wählt oder den Namen für den erstgeborenen Sohn.

Es gibt heute kein Genie

Nun, der Umgang mit ihnen zeigt sofort eine Erscheinung, welche offensichtlich in diese Betrachtung gehört: Es vergehen nicht fünf Minuten, wenn zwei solche Verantwortliche sich irgendwo treffen und das Gespräch eine höhere Richtung einnimmt, ohne daß sie sich im gemeinsamen Ausdruck einer Überzeugung finden, die sich ungefähr in die Worte fassen läßt: es gibt ja heute doch keine große Leistung und kein Genie!

Sie meinen damit durchaus nicht das Fach, welches sie selbst vertreten. Auch handelt es sich dabei nicht um eine besondere Form des Heimwehs nach der besseren alten Zeit. Denn es zeigt sich, daß die Chirurgen keineswegs die Zeit Billroths für chirurgisch größer als die ihre halten, daß die Pianisten durchaus überzeugt sind, das Klavierspiel habe seit Liszt Fortschritte gemacht, ja sogar, daß die Theologen die Meinung verbergen, es sei immerhin diese oder jene kirchliche Frage heute genauer bekannt als in Christi Tagen. Nur sobald die Theologen auf die Musik, die Dichtung oder die Naturwissenschaft, die Naturwissenschaftler auf die Musik, die Dichtung und die Religion, die Dichter auf die Naturwissenschaft usw. zu sprechen kommen, zeigt sich jeder überzeugt, daß die anderen nicht ganz das Richtige leisten und bei allem Talent, von dem Beitrag, den sie der Allgemeinheit schulden, das Wichtigste, das Letzte, eben was das Genie wäre, schuldig bleiben.

Dieser Kulturpessimismus auf Kosten der anderen ist eine heute weitverbreitete Erscheinung. Er steht in einem sonderbaren Widerspruch zu der Kraft und Geschicklichkeit, die allenthalben im einzelnen entwickelt wird. Man hat den Eindruck, daß ein Riese, der ungeheuer viel ist, trinkt und leistet, davon nichts wissen will und sich lustlos schwach erklärt wie ein junges Mädchen, das die eigene Blutarmut ermüdet. Es gibt sehr viele Hypothesen zur Erklärung dieser Erscheinung, davon angefangen, daß man sie als die letzte Stufe einer seelenlos werdenden Menschheit ansieht, bis dorthin, wo man in ihr die erste Stufe von irgend etwas Neuem erblickt. Es wird gut tun, diese Hypothesen nicht ohne Not um eine neue zu vermehren und lieber sich noch nach einigen anderen Erscheinungen umzusehen.

Es gibt nur noch Genies

Denn scheinbar im Widerspruch zu der geschilderten Mieselsucht steht die Leichtigkeit, mit der man heute das höchste Lob spendet, wenn es einem gerade paßt, und ist doch wahrscheinlich im Innersten eins mit ihr. Man nehme sich die Mühe und sammle durch längere Weile unsere Buchbesprechungen und Aufsätze mit der Absicht und nach den Methoden, um aus ihnen ein Bild der geistigen Bewegung in der Zeit zu gewinnen. Man wird nach einigen Jahren mächtig darüber erstaunen, wie viele erschütterndste Seelenverkünder, Meister der Darstellung, größte, beste, tiefste Dichter, ganz große Dichter und endlich einmal wieder ein großer Dichter im Laufe solcher Zeit der Nation geschenkt werden, wie oft die beste Tiergeschichte, der beste Roman der letzten zehn Jahre und das schönste Buch geschrieben wird. Wenn man oft Gelegenheit hat, solche Sammlungen durchzublättern, staunt man jedesmal von neuem über die Heftigkeit augenblicklicher Wirkungen, von denen in den meisten Fällen wenige Jahre später nichts mehr zu sehen ist.

Man kann eine zweite Beobachtung machen. Noch mehr als einzelne Kritiker sind ganze Kreise hermetisch gegen einander abgedichtet. Sie werden gebildet von bestimmten Typen von Verlagen, zu denen bestimmte Typen von Autoren, Kritikern, Lesern, Genies und Erfolgen gehören. Denn das Bezeichnende ist, daß man in jeder dieser Gruppen ein Genie werden kann, wenn man eine bestimmte Auflagenhöhe erreicht, ohne daß die anderen Gruppen davon etwas merken. Es mag sein, daß in ganz großen Fällen ein Teil des Publikums von der einen Fahne zur anderen desertiert; sicher ist auch, daß sich um die meistgelesenen Schriftsteller ein eigenes Publikum aus allen Lagern bildet; stellt man aber eine Liste der Erfolgreichen in der Abstufung ihrer Auflagenzahlen zusammen, so merkt man sogleich aus der Zusammensetzung, wie wenig die paar Lichtgestalten, die sich darunter befinden, imstande sind, bildend auf den Geschmack der Allgemeinheit zu wirken, und diesen davon abzuhalten, sich mit gleicher Begeisterung wie ihnen auch einer obskuren Mittelmäßigkeit zuzuwenden; diese einzelnen treten über die Ufer, welche im allgemeinen vorgezeichnet sind, aber wenn ihre Wirkung abfließt, fängt jede Rinne des vorhandenen Kanälesystems das ihre davon auf.

Noch eindrucksvoller zeigt sich dieser Partikularismus, wenn man die Betrachtung nicht bloß auf die schöne Literatur beschränkt. Es ist gar nicht zu sagen, wie viele Roms es gibt, in deren jedem ein Pabst sitzt. Nichts bedeutet der Kreis um George, der Ring um Blüher, die Schule um Klages gegen die Unzahl der Sekten, welche die Befreiung des Geistes durch den Einfluß des Kirschenessens, vom Theater der Gartensiedlung, von der rhythmischen Gymnastik, von der Wohnungseinrichtung, von der Eubiotik, vom Lesen der Bergpredigt oder einer von tausend anderen Einzelheiten erwarten. Und in der Mitte jeder dieser Sekten sitzt der große Soundso, ein Mann, dessen Namen Uneingeweihte noch nie gehört haben, der aber in seinem Kreis die Verehrung eines Welterlösers genießt. Ganz Deutschland ist voll von solchen geistigen Landsmannschaften; aus dem großen Deutschland, wo von zehn bedeutenden Schriftstellern neun nicht wissen, von was sie leben sollen, strömen ungezählten Halbnarren Mittel zur Entfaltung ihrer Propaganda, zum Druck von Büchern und zur Gründung von Zeitschriften zu. Ich habe die Zahlen von heute nicht zur Hand, aber vor dem Kriege sind in Deutschland jährlich über tausend neue Zeitschriften und weit über dreißigtausend neue Bücher erschienen, und wir haben uns natürlich eingebildet, daß dies ein weithin leuchtendes Zeichen unseres geistigen Hochstandes sei. Man darf vielleicht ebensogut vermuten, daß dieses Übermaß ein unbeachtetes Zeichen eines sich ausbreitenden Beziehungswahns ist, dessen Grüppchen das ganze Leben an einer fixen Idee befestigen, so daß ein echter Paranoiker es heute wirklich schwer haben muß, sich bei uns des Wettbewerbes der Amateure zu erwehren.

Nur Literatur

Die Art, in der sich ein Mensch, der einen Beruf hat und so natürlich lesen möchte, wie man tief atmet, wenn man aus dem Bureau kommt, gegen diese brodelnde Luft wehrt, die ihm den Atem streitig macht, besteht darin, daß er in seiner Notwehr erklärt, das alles sei »nur Literatur«. Während frühere Zeiten Worte wie Federfuchser, Kritikaster zur Abwehr bestimmter Auswüchse der Literatur hervorgebracht haben, ist heute das Wort Literat selbst zum Schimpfwort geworden. Nur Literatur bezeichnet so etwas wie Mottenseelen, die um künstliche Lichter flattern, während draußen der Tag scheint. Der tätige Mensch fühlt sich durch ihre Unruhe belästigt, und wer hätte ihn noch nicht kurz entschlossen erklären hören, daß er in Gerichtssaalberichten, Reisebeschreibungen, Biographien, politischen Reden, geschäftlichen Aussprachen, in den Erfahrungen am Krankenbette, auf Bergfahrten oder in der Fabrik mehr Poesie und Erschütterung findet als in der zeitgenössischen Literatur. Von da bis zu der Überzeugung, daß in dieser »raschlebigen und von großen Vorgängen erschütterten Zeit« eigentlich nur das kleine Zeitungsentrefilet oder Feuilleton wirklich lebendige Kunst sei, ist es nicht mehr weit. Er versichert, das Leben sei das größte Gedicht, und hat den Vorteil, sich damit selbst zum Range eines dichterischen Genies zu erheben, da doch jeder in gewissem Sinn der Autor seines Erlebens ist. Damit ist aber der letzte Leser geschwunden, und es bleiben nur noch Genies übrig.

Wir haben also bloß die Frage zu untersuchen: Wie lesen Genies?

Das weiß man aber. Genies haben die Eigenschaft, daß sie die Leistungen anderer Genies selten anerkennen. Sie lesen nur die Bestätigung ihrer eigenen Ansichten, und diese langweilt sie. Die Wandervögel die der Wandervögel, die Psychoanalytiker die der Psychoanalytiker. Sie wissen es selbst (und dem ist dann auch wirklich so) besser. Sie lesen deshalb mit dem Bleistift in der Hand, dem Ausrufungszeichen und Anmerkungen entfahren. Und an der in ihren Augen etwas zurückgebliebenen schönen Literatur lieben sie vor allem nicht die Umständlichkeit; Anregung genügt. Sie lesen eigentlich immer nur Titelköpfe, wie man sie in den Zeitungen so schön überfliegen kann; zuweilen anerkennen sie es, wenn sich recht viel Titelköpfe bewegen, und nennen es geistige Bewegtheit; zuweilen beschleicht sie ihre Einsamkeit, und dann nennen sie es nur Literatur. Mit einem Wort: Genies lesen so, wie man heute liest. Was sie tun, wenn sie schreiben, bleibt dabei beiseite.

Eine kleine Theorie

Und nun sei eine kleine Theorie aufgestellt. Es soll keine große sein, welche diese Erscheinungen als irgend etwas Historisches erklärt, sondern nur eine Ableitung aus alltäglichen Erfahrungen. Unsere Köpfe und Herzen verarbeiten die Eindrücke, welche sie empfangen, desto besser, je zusammenhängender oder je weniger einzeln diese sind; wir leisten mehr, wo wir oder wo die Dinge ein System haben. Das ist eine bekannte Tatsache. Sie fängt mit der rhythmischen Arbeit an und geht über die Kenntnis, daß jede Arbeit ganz anders geleistet wird, wenn man ihren Sinn weiß, als wenn sie in lustlose einzelne Stücke zerfällt, bis zu der befruchtenden Kraft großer wissenschaftlicher Theorien, als deren Folge stets eine Fülle unerwarteter Entdeckungen entsteht; ja selbst die belebende Kraft geistiger Bewegungen, dieses sonderbare Erwachen seelischer Jahrzehnte mitten zwischen ganz anders gearteten, scheint nichts anderes zu sein wie die Steigerung der Leistungen und das Heraufbeschwören ansonsten ungetan bleibender Leistungen durch die zauberhafte Erleichterung des persönlichen Schaffens, welche eine große gemeinsame, selbst eine nur eingebildete Ordnung gewährt. Nicht ohne Zweck läuft die Geschichte des Geistes, vornehmlich die der Kunst in »Richtungen« und »Strömungen«: der Zweck ist natürlich nicht das Entstehen der nun unwiderruflich schönsten Kunst, sondern ein psychotechnischer Trick, der das Entstehen überhaupt erleichtert.

Auf das Lesen einschränkend, darf gesagt werden, daß es einen ungeheuren Unterschied bedeutet, ob man von allgemeinen Überzeugungen getragen liest oder nicht. Man staunt, wenn man heute erkennt, wieviel Spreu die hoffnungsvolle Zeit um 1900 für ebenso wichtig erachtet hat wie ihren besten Weizen; man wird sich später ebenso über manche Schriftsteller wundern, die heute im Vordergrund stehn: dennoch leisten selbst solche Mißverständnisse in gewissem Sinn den gleichen Dienst wie Verständnisse; sie helfen dem Leser, zu sich selbst zu kommen, oder um zu sagen, was wirklich ist, sie helfen die Suggestion verstärken, durch die seine Eindrücke in ein System der gegenseitigen Erleichterung und Energievermehrung kommen, das wirkungsvoller ist als das egozentrische der »persönlichen Bildung« oder der »sittlichen, humanen Persönlichkeit«, das wir – schon etwas lahm – als Erbe des 18. Jahrhunderts übernommen haben. Wenn aber mehrere solcher Strömungen im gleichen Zeitpunkt zusammentreffen, so bedeutet dies natürlich soviel wie gar keine Strömung, und es tritt das sonderbare Schauspiel auf, daß eben noch Bewegung vorhanden war, ja daß sie, einzeln betrachtet, eher noch in einem Übermaß vorhanden zu sein scheint, dessenungeachtet sich doch im ganzen ein schneller Kräfteverfall bemerkbar macht.

Jahre ohne Synthese

Die gegenwärtigen Jahre dürften durch eine solche Interferenz von Wellen gekennzeichnet sein, die sich gegenseitig auslöschen, wie die Beteiligten mit einigem Staunen bemerken. Es ist eine der ungerechtesten Täuschungen, sich oder anderen einzubilden, daß es heute keine Dichtung genügend großer Art gebe; im Gegenteil, man könnte wohl leicht zwei Dutzend Namen aufzählen, die zusammen ein Maß von Können, Kühnheit, Freiheit und anderen entscheidenden Eigenschaften geben, das den Vergleich mit keiner anderen Spanne unserer Literatur zu scheuen braucht; aber sie ergeben keine Synthese, keine wahre und keine eingebildete, man vermag – grob gesprochen und wörtlich zu nehmen – nichts Ganzes mit ihnen anzufangen: und das erklärt nicht wenig von dem Gefühl der Mutlosigkeit und Enttäuschung, durch das die Gegenwart erregt wird. Ein solcher Verfall, der die literarische Kraft gewissermaßen im allgemeinen umfaßt, besteht zunächst nicht darin, daß es weniger gute Werke gibt, noch daß sich zwischen die guten mehr schlechte drängen, sondern drückt sich zuvor in einer gewissen Unruhe, Ohnmacht, ja Liberalität des Geschmacks aus; dieser hält noch fest, aber er hält nicht mehr dicht; alles Mögliche strömt durch allerhand Fugen ein, das vordem unmöglich gewesen wäre; man beginnt, die Klassenunterschiede der Werke aus dem Gefühl zu verlieren, und nennt in einem Atem – z. B. Hamsun und Ganghofer. Dieses Beispiel scheint heute noch unmöglich zu sein, aber man glaube nur ja nicht, daß der Weg von der Geltung Hebbels bis zu der Wildenbruchs lang war!

In einem solchen Zeitpunkt darf man daran erinnern, daß es ein System, eine Synthese gibt, die wichtiger als Dichter, umfassender und dauernder als Strömungen ist: die Literatur.

So selbstverständlich das aussieht, und mit halbem Sinn gewöhnlich auch ausgesprochen wird, übersehe man nicht, daß es nicht weniger bedeutet als die Umkehrung festsitzender Gepflogenheiten. Es kehrt nicht nur die Selbstverständlichkeit hervor, daß die Literatur wichtiger ist als ihre Richtungen, sondern kehrt unter anderem auch solche Überzeugungen um wie die, daß Kunst ein Gnadengeschenk sei, eine beglückende Begegnung mit einzelnen großen Menschen, eine Erholung und in jeder Weise eine menschliche Ausnahme. Literatur ernstlich voranstellen, heißt einen kollektiven Arbeitsbegriff auf einer geheiligten Insel einführen, und wenn man es bös ausdrücken will, die Fauna dieser glücklichen Insel zu Konserven verarbeiten. Das ist ohne Zweifel ein Unternehmen, von dem man zugeben muß, daß es ebenso leicht in ein Zuviel wie in ein Zuwenig ausarten kann.

Literatur und Lesen

Literatur in solcher Absicht gebraucht, heißt das Interesse nicht auf die Summe und auf das Museum der Werke richten, sondern auf die Funktion, das Wirken, das Leben der Bücher, ihre Zusammenfassung zu einer fortdauernden und sich steigernden Wirkung. Die menschliche Bemühung, welche Tausende von Menschen, und darunter sehr begabte, darauf richten, ein Gedicht oder einen Roman zu schreiben, kann unmöglich damit erschöpft sein, daß diese einer Anzahl Leser gefallen, daß eine Wolke der Anregung und Bewegung von ihnen ausgeht, die eine Weile über ihrem Platz hängt und dann von allerhand luftigen Strömungen zerblasen wird. Unser Gefühl und eine unklare Erfahrung sträuben sich dagegen. Dennoch bleiben wir jedesmal von neuem, wenn wir vor ein Werk oder einen Dichter geraten, ihnen gegenüber allein, werden von ihnen gestreift, von unserem Platz geschoben, aber wieder verlassen, und es ist jede Dichtung ihr eigener Anfang. Was wir Geschichte der Literatur nennen, ist allerdings ein auf Festhalten gerichtetes Bemühen; aber mit ihren Erklärungen des Gewesenen aus den Bedingungen seiner Zeit und ihren kausalen mehr oder weniger verläßlichen Analysen großer Personen hilft sie, auch wenn man sie sich vollendet vorstellt, zwar dem Verstehen, jedoch nicht oder nur auf Umwegen dem Erleben; sie ist, sofern sie sich in den sicheren Grenzen ihrer Aufgabe hält, nicht unmittelbar Ordnung der Erlebnisse und Eindrücke selbst, sondern Analyse und Zusammenfassung von Personen, Zeiten, Stilen, Einflüssen – also etwas ganz anderes.

Aber so gut das Kunstwerk in all seiner Einmaligkeit sich in eine historische Ordnung bringen läßt, die nicht bloß chronologisch ist, läßt es sich auch in eine andere bringen. Schon das instinktive Verfahren des Lesens hat es auf nichts anderes abgesehen, als die Wirkung, das Bedeutsame, den empfundenen Wert des Buches unmittelbar – das heißt als Effekt, als Bedeutetes, als persönlich anzueignenden Wert – und so festzulegen, daß sie nicht wiederverlorengehen. Fragt man nach den Vorgängen, durch die das geschieht, so lehrt schon der flüchtigste Einblick in sich selbst solche kennen. Man übernimmt gedankliche Elemente, die sich ja ohne weiteres bewahren lassen; man selbst erlebt Einfälle, Klarstellungen, Ausblicke, welche durch das Lesen angeregt wurden und bestehen bleiben, wenn der Anlaß auch längst vergessen ist; man gerät ins Fühlen und faßt die Empfindungen, von denen man angesteckt wurde, entweder als Erfahrung in Worte oder als Vorsätze in eine feste Einstellung zusammen oder überläßt sie sich selbst, die dann, ihre Energie langsam und verstreut abgebend, in den übrigen Gefühlen verschwimmen; man bewahrt auch das Ungewisse und Unbeschreibliche der Werke – den Rhythmus, die Gestalt, den Gang, das Physiognomische des Ganzen – entweder eine Weile rein mimetisch, so wie man von eindrucksvollen Menschen nachahmend angesteckt wird, als innere Gebärde sozusagen, oder macht den Versuch, es in Worte zu fassen; es wäre sehr schwierig, diese Vorgänge vollzählig anzugeben, aber die Richtung, in der ihr Ziel liegt, ist bald erkenntlich. Was diesen unwillkürlichen Bemühungen fehlt, ist nur die Zusammenfassung zu einem Ganzen.

Wenn man aber unter Literatur die Summe der Dichtungen versteht, ist auch sie kein Ganzes. Sie wäre dann eine ungeheure Sammlung von Beispielen, deren jedes anders ist und doch jedes schon da war, deren jedes von jedem anders und doch in bestimmten Gleichförmigkeiten verstanden wird, eine Angelegenheit von unsäglicher Breite, ohne Anfang und Ende, ein Gewirr herrlicher Fäden, das kein Gewebe ist. Ein solches Aggregat von Lesern und Büchern wird erst dann zur Literatur, wenn zu der Summe der Werke der Inbegriff der verarbeiteten Leseerfahrungen hinzukommt. Oder mit anderen Worten: die Kritik.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
10 haziran 2026
Hacim:
5257 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9782377871742
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi: