Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 115
Kritik, so gesehen
Es gibt viele Leute, welche leugnen, daß Kritik in diesem Sinn überhaupt möglich sei, welcher ja doch irgendwie ein Oben und Unten, die Auswahl irgendwelcher Richtungen voraussetzt, in denen ein Fortschreiten für Fortschritt gilt. Unser Zeitalter hat von einer Vorgeneration den Schreck vor der ästhetischen Regeldetri davongetragen, mit der man im Angesicht klassischer Gipsbüsten die Kunst maßregeln wollte. Der Impressionismus verließ sich auf den Saft, vermeinend, daß die Kunst irgendeinen, physiologisch nicht ganz klaren, Weg unmittelbar ins Herz findet. Der Neo-Idealismus und der Expressionismus operierten mit irgendeiner nicht weniger unmittelbaren »Anschauung« von Gedanken, welche sich nicht ganz mit der Nachdenklichkeit deckt, auf welche es ankommt. Sogar die Ästhetik selbst, von einigen bedeutenden Köpfen erneuert, leugnet heute ihre eigene Anwendbarkeit auf die Praxis; dieses gebrannte Kind will nicht mehr normativ sein. Die Folge war die Mein-Eindrucks-Kritik und die Kritik der Vokabelraketen, die Kritik des Mitschwingens und des Darauflosschwingens, welches soviel von dem Durcheinander heutigen Geistes am Gewissen haben.
Die Lage der Kritik ist indes keine schwierigere als die der Moral. Es ist uns auch keineswegs gegeben, göttliche und unveränderliche sittliche Gesetze zu kennen; die Moral wird in ihrem Wechsel von den Menschen geschaffen, die sie vorleben und den übrigen aufnötigen; dennoch läßt sich nicht leugnen, daß sie ein System besitzt, welches zugleich wandelbar und fest ist. Kritik in diesem Sinn ist nichts über der Dichtung, sondern etwas mit ihr Verwobenes. Sie ergänzt die ideologischen Ergebnisse zu einer Überlieferung – wobei ideologisch in einer weiten Weise zu nehmen ist, die auch die Ausdruckswerte der »Formen« umfaßt – und erlaubt nicht die Wiederholung des gleichen ohne neuen Sinn. Sie ist Ausdeutung der Literatur, die in Ausdeutung des Lebens übergeht, und eifersüchtige Wahrung des erreichten Standes. Eine solche Übersetzung des teilweise Irrationalen ins Rationale gelingt nie völlig; aber was Vereinfachung, Auszug, ja Auslaugung ist, hat zugleich mit den Nachteilen auch die allseitige Beweglichkeit und den großen Umfang der Verstandesbeziehungen. So ist sie ein Weniger und ein Mehr, bleibt wie jede ideologische Ordnung dem Leben, das sie umfaßt, viel einzelnes schuldig und verleiht ihm dafür etwas Allgemeines. Mit Besserwissen hat diese Kritik wenig zu tun; sie darf irren, denn sie entsteht niemals durch einen, sondern durch ein Kreuz und Quer, durch die Bemühung vieler, durch einen endlosen Prozeß von Revisionen, ja, entsteht letzten Endes durch die kritisierten Bücher selbst, denn jedes bedeutende Werk hat die Fähigkeit, alles umzustürzen, was man vor ihm geglaubt hat.
Bücher und Literatur II
[Die Literarische Welt, 26.11.1926, S. 5, 10.12.1926, S. 13, 17.12.1926, S. 7]
Eine neue Dichterin
Der Roman »Das Grimmingtor« – er wurde von der Ostdeutschen Verlagsanstalt in Breslau herausgegeben – hat den Namen einer neuen Dichterin bekanntgemacht; sie heißt Paula Grogger. Max Mell rückt sie in die Nähe der Lagerlöf. Ein solches Urteil von Max Mell ist wie ein kleines Plättchen aus schwerem Metall. Noch schwerer als sonst wirkt es hier, weil die Grogger sein eigenes Arbeitsgebiet berührt. Seine Bücher erregen manchmal die gleichen demütigen, stillen Gefühle wie die kleinen Gärten vor Bauernhäusern.
»Das Grimmingtor« ist ein österreichischer Bauernroman. Genauer bestimmt, ein Ackerbürgerroman, obgleich dieses Wort dort nicht heimisch ist, in den wohlhabenden Marktflecken des oberen Ennstales, wo er spielt. Die Groggers, vulgo Stralz, deren Familienchronik das Buch erzählt, die Fasold’s und andere, die darin genannt oder nur zufällig verschwiegen werden, bilden heute noch alte Familien, die nicht unähnlich den berühmten Posthalterdynastien an den großen Reichsstraßen sind. Den Soziologen dürften sie interessieren; sie vereinen Landwirtschaft, Brauerei, Gastgewerbe und Fleischhauerei in einer Hand, wie einen letzten Rest mittelalterlicher Wirtschaftsweise oder einen hochgeratenen Ausläufer der Bauernwirtschaft. Dem Dichter bieten sie das herkömmliche Bild breit gegründeten Daseins; das sind noch Familienbäume, unter deren Ästen man Chroniken schreiben kann, während darüber Sonne, Mond und Sterne ihren stillen, unbegreiflichen Gang gehen!
Es ist nichts begreiflicher, als daß eine junge Dichterin sich bei ihrem ersten Buch von diesem Vorteil leiten ließ. Ihr Andreas Grogger vulgo Stralz, Bräuwirt usw. zu Oeblarn, der Mittelpfeiler ihres Buches, ist kein Sinnierer oder Philosoph, sondern ein stark und hart zusammenhaltender Mensch; aber mit einem gottväterlich wohlhäbigen Hang, sich das Seine auch in Gedanken schmecken zu lassen. Seine Aufgabe ist die bekannte: stark zu sein, herrisch zu sein, schweigsam zu sein, in Einklang zu sein; letzteres mit sich, mit der ihn umgebenden Natur, mit dem, was über uns schwebt. Das ist nachgerade ein Mythus geworden; ein Sommerfrischlermythus und Unschuldstraum der in den Städten Billard spielenden Bauernenkel, welche dort Kaufleute oder Beamte sind und auf den Unsegen der Großstadt schimpfen. Es hat schon viele Dichter angezogen, uns dieses verlorene Innenparadies zu beschreiben. Und man kann nicht sagen, daß wir diesen Naturverkündern abgeneigt waren. Weit eher sind wir überbereit, in jedem Augenblick die Schwelle des zwanzigsten Jahrhunderts zu überschreiten, und sei es auch rückwärts: es wäre wunderschön, statt zwischen Logarithmen, Börsenkursen und schlechten Theaterstücken zu leben, die Schwalben um den Kirchturm fliegen zu sehen. Es bedürfte eigentlich nur einer Kleinigkeit dazu: man müßte uns, statt prophetisch das einfache Leben zu verkünden, ein einzigesmal seine Moral, Gefühle, Gedanken und Einrichtung so genau und mit Preisangabe zeigen, daß wir sie uns aneignen und darin hausen könnten! Gerade das hat aber noch kein Buch getan. Wenige Eisenbahnstunden vor den Toren der Zivilisation fängt ein Land der kernigen Kuriosa an, das uns durch die Naivität der Versuche, es zum Vorbild zu machen, unverständlich geblieben ist; unsere heimischen Primitiven sind uns fremder als die der Südsee.
Da man beim Lesen des »Grimmingtors« bald etwas von einer Begabung merkt, die keineswegs nur aus romantischer Verneinung des städtischen Selbst besteht, sondern positiv mit erlebter Kenntnis schaltet, stellt sich das nüchtern-leidenschaftliche Verlangen nach genauer Rede und Antwort ein. Auf diese Frage nach dem Wesen seiner Bauern, insonderheit des großen Stralz, antwortet der bodenständige Roman ungefähr das: Karg … trocken … dem Hochgebirge ähnlich … »Denn wie der ewige Firnschnee dem Entfernten nur einen starren Hauch zuwendet, den Nahen aber erwärmt und durchschauert wie die Liebe, das Fieber, nicht selten wie der Tod … so hat auch der Bauer, insoweit er von Götzendienst und Komödie noch unversehrt und rein ist, die ganze Größe des Gefühls in sich; nur daß niemand, … weder Vater, noch Mutter, Kind und Kindeskind dasselbe erfaßt.« »Es ist wohl Bedingnis, daß der Mensch sich still gehabe, um eine stille, einfache Landschaft zu betrachten; oder daß er in ihr daheim sei.« »Es war überall schon Umfried der Heimat, die Ruhe der Erbsassen, es war das Gleichmaß eines engbegrenzten Lebens mit vieler Arbeit und wenig Leidenschaft, ganz in sich selbst gefestigt, ganz verschlossen.« »In dieser hölzernen starren Gepflogenheit waren sie bewunderungswürdig. Ob es nun Arbeit, Handel, Genuß oder Gebet, ja selbst Leiden oder letztes Ende war, sie hatten für dies alles Zeit und Weile. Keine Ader zuckte schneller; kein Nerv verwirrte sich. Doch eben in ihrer Ruhe lag die Kraft und Zähigkeit. Sie lebten so sicher, weil sie so langsam lebten.« »Aber es ist doch ein wundersam Ding, daß die Reden der Bauern sind wie die Wege. Die winden sich auch an Wiesenrand, an Bach und Berghang, zu einer Keusche hinauf, zu andern hinunter. Und nur deswegen, weil die Leut so unendlich viel Zeit haben, und weil ihnen jedes Büschel Gras zu kostbar und jede Krume Ackererde zu heilig ist, als daß sie kreuz und quer darüber führen.« Der Stralz schreibt in sein Büchel: »Durch Vernunpftsamen Disput ist Weibes Sinn nicht zu trösten«, »Das Gefühl bezähme Man sparsamst in Red und Buchstab. Der Schweigente ruhet in sich selbst, die Gnade oder Ungnade seiner Antwort verachtent«. Und von ihm heißt es: »Als Selbstbildner verfiel er keineswegs in Hochmut …; im Gegenteil überschätzte er die Errungenschaften des Geistes an Umfang und Bedeutung … In seinem Vertrauen zu gediegener Schulbildung kam er nicht zur Einsicht, daß sie auch nur ein Mittel sei, … womit man das Licht der Schöpfung in wohlanständiger Art untersucht. Er wußte nicht, daß für jeden, auch den klügsten Scholaren, einmal der Tag kommt, wo er mit seiner Arbeit muß von neuem beginnen, weil er nicht mehr das feine Brennglas, Zeichnung, Feder und Zirkel, sondern die ewig sich entwickelnden Faktoren der Welt selbst vor Augen hat. Er wußte schließlich auch nicht, daß mancher der kultivierten Instrumente zu seinem Leben entraten kann, weil er’s unmittelbar und mit derben, gesunden Händen packt und ohne viel Federlesens zurechtrichtet. In solchen Fällen wird kein Seidendamast daraus, sondern ein grobes Leintuch; wird kein gotisches Gewölbe daraus, sondern ein Dibbelboden, nicht selten auch eine festgezimmerte, buntbemalte Wiege …«
Das sind schöne Sätze, die zum Zitieren verleiten, damit man zugleich ein wenig Vorstellung von der Art der Federführung erhalte; aber dem Hungernden geben sie, kurz gesagt, die Soße und nicht den Braten. Das gleiche ist noch deutlicher, wenn es sich ums eigentliche Erzählen handelt. Die Chronik erzählt die Geschichte der Familie Stralz inmitten der Franzosenzeit und nahherum das Leben in Oeblarn. Das ist eine große Reihe von Episoden, zwischen denen die Geschichte eines verlorenen Sohnes und einer unglücklichen Ehe sich abspielt, die voll Liebe ist. Anlaß genug, um Andersmenschliches, ein soziales Jenseits zu entwickeln. Aber gerade da haftet der Roman wieder an Gleichnissen. Es ist ein sehr kräftiges darunter, vom Eheleben des Andreas und seiner Frau Constantia, »als trüge der Stralz den Sack und sie dahinter die ledigen Erdäpfel«, aber im allgemeinen läuft wohl nichts über die Anfangsgegebenheiten hinaus, daß eben der Bauer die ganze Größe des Gefühls in sich hat, daß die Liab der Bäurin trutzig und schamhaft, keusch und hülzern ist und daß es Einschichtige leicht tödlich befällt. Dieses sich Auflösen in kontemplative Begleitmusik an den Stellen, wo man greifliche Erhärtung am ehesten erwarten sollte, ist um so erstaunlicher, als sich im Episodischen oft eine ungemein starke Anlage für das Wirkliche zeigt. Genauer gesagt, freilich nur in den reinen Oeblinger Episoden; schon die geistlichen Figuren des Romans, und gar die aus der Welt draußen kommenden, bauen sich aus hergebrachten Vorstellungen auf, einzelne davon, wie der hitzige Dorfbader mit der verheimlichten akademischen Vergangenheit und dem deutsch waffenschlagenden Herzen oder der lasterhafte napoleonische Obrist, sogar aus unangenehm zeittümlichen Vorstellungen.
Damit ist man aber vor ein bezeichnendes Nebeneinander gestellt, und weil dieses heute in unserer Literatur eine große Rolle spielt, möchte ich es herausheben.
Das Heimatbuch
Der Roman des ungewöhnlich begabten Fräuleins Grogger baut nicht auf, sondern er breitet aus; die Charaktere sowohl wie die Gedanken.
Man könnte vermuten, daß diese Schwäche schon im Wesen der Chronik gegeben, Verliebtheit ins »Auskramen«, eine zärtliche Schwäche sei, und vor fünfzig Jahren hätte man gesagt, ihrem Werk fehle es an der kunstvollen »Komposition«. Aber was ist das?! In der Kunst gibt es eigentlich nichts Negatives außer der Unkunst. Man kann alles in allen Weisen machen. Es gibt in ihr ein abtragendes Aufbauen, ein ausbreitendes Konzentrieren, ein haltendes Auseinanderfallen und kunstloses Komponieren: sie sind um nichts weniger Aufbau, Konzentration, Gestalt, Mehrung. Es gibt natürlich Schwächen in der Begabung, es gibt mehr und weniger gelungene Stellen; aber wenn das Werk ein Ganzes ist, sind sie Teile eines Ganzen und selbst sie erfahren eine Art organischer Rechtfertigung. Dem entspricht der Begriff des Könnens, das gewöhnlich an Wichtigkeit überschätzt wird. (Kunst kommt von Können; aber das Wichtigreden vom Können ist immer ein verdächtiges Zeichen. In der Theaterkritik z. B. sprechen Rezensenten, die ein Gedicht nicht von einem Zeitungsartikel unterscheiden können, mit besonderer Vorliebe von Geheimnissen, wenn nicht gar von Gesetzen der Bühnenwirkung und des theatralischen Könnens. Es ist eine besondere Art jenes Anschmeißertums, das früher im Streben nach dem Titel eines Reserveoffiziers gipfelte; der Kenner ist der Könner im nichtaktiven Stand der Literatur!) Dem muß man entgegenhalten, daß man in der Kunst immer kann, was man will; auf geraden oder ungeraden Wegen. Also ist es auch richtiger, statt »Nicht können« »Nicht gewollt haben« zu sagen? Mit bestimmten Einschränkungen, ja. Es gibt Werke, denen das Möchte – Wünschte – Wollte auf der Stirn geschrieben steht; angesichts der Unfähigkeit hat es natürlich keinen Sinn, von Absichten zu sprechen. Wo immer aber in einem Werk eine gewisse Gestaltungskraft gesichert ist, wird es von Nutzen sein und den Weg oft abkürzen, wenn man das Gewicht der Untersuchung auf die Absicht legt. Ich weiß, daß das heute als schlechte Orientiertheit gilt, es erinnert eine Generation ehemaliger Schüler, die ihren Schulkomplex nicht losgeworden ist, zu sehr an die Disposition des Klassenaufsatzes; aber ich möchte das Allgemeine in Ehren beiseite lassen und mich mit dem Beispiel bescheiden.
In diesem Beispiel herrscht also – aus irgendwelchen persönlichen Gründen, die zunächst nicht in Frage stehen – eine ungestalte Schwäche fürs Kleine, Chronikalische und Ausbreitende vor; man könnte sagen, eine Schürze voll irgend etwas wird ausgeschüttet. Tut man eine keineswegs immer wohlgeratene Rahmenerzählung von einem »wilden Jager« weg, so bleibt gerade dieses spielende und rührende Gefühl für die kleinen Kupferkreuzer der dörflichen Episode in Erinnerung. Nun sind in der »großen Literatur« die verschiedensten Möglichkeiten ausgebildet worden, um ein solches Verhalten zu einer großgewölbten Einheit zu bringen, und ich erwähne zwei von ihnen, die sich auch in dem Roman mehr oder weniger stark andeuten. Da wäre ein Ausruf: »O, die Rauhnächte in hohen einöden Gebirgstälern! Sie haben eine gar seltsame Bewandtnis. Da breitet sich das Dunkel an sechzehn Stunden. Und das Flämmlein Sonne, welches ihm nachzittert, weckt die Geschöpfe nicht auf. Die kleinen und die großen Dinge verwurzeln traumhaft. Die guten und die bösen Triebe verschmelzen zu einer Kraft.« Wer würde das nicht gerne als Bekenntnis einer Absicht nehmen?! Und was wird man nach Aufbau fragen, wenn er ein magischer Kreis ist, in dem die Einzelheiten eines traumhaft fremd-nahen Lebens wandern, selbst wenn sie sich wiederholen sollten?! Es gibt solche Tiergeschichten. Die Menschengeschichten der Regina Ullmann kennen solchen unnennbaren Zauber. Aber im »Grimmingtor« bleibt er eine der Mitschwingungen, eine verwehte Schwingung. Eine andere Möglichkeit wäre der Ausgleich des Humors gegenüber einer Welt, die nicht zur Ordnung gebracht werden kann; der Humor liebt ja das Neben- und Durcheinander, wie es ist. Und außer dem realistischen Blick für das Komische (der keinen Rang verleiht) findet sich ein ausgeprägtes Gefühl dafür in dem Roman. Eine rauh-zarte Hinneigung zum »Leiden ohne Wehschrei« rings in der Natur, dem Waghalten allerorts von Glück und Unglück, Schuld und Verdienst gehört zu seinen besten Eigenschaften. Ist die Natur nicht mehr unsere Staffage, sondern geradezu das großartig Unmenschliche, dann ist das »Naturkind« der dem Unmenschlichen nächste Mensch: diese – völlig ungesuchte – Herbheit in der Liebe zu ihren einfachen Gestalten berührt an einer jungen Frau oft ganz erstaunlich und ist vielleicht nur durch eine katholische Tradition zu verstehn; in deren Geist bedürfte es dann auch keiner weiteren Rechtfertigung für die außerordentliche Unbefangenheit, mit der sich oft unmittelbar neben dem Herben das Süßliche ausbreiten darf. Aber auch diese Toleranz, die unter Umständen grandios sein kann, setzt sich bei weitem nicht durch, und der, wie man kurz sagen könnte, geistliche Humor des Buchs lenkt allerorten rasch in jene romanschreiberische Toleranz ein, die sich die Hände in Unschuld wäscht, nachdem sie die Schuld niedergeschrieben hat.
Solcher Möglichkeiten, klar oder weniger klar gewollter Absichten könnte man, wie es bei einem begabten Buch natürlich ist, noch vielerlei andere nachweisen. Aber drückt sich darin, daß keine von ihnen durchgeführt ist, nicht schließlich doch ein bestimmter Kunstwille aus? Ehe man sich auch nur eine der Fragen stellt, die hier erörtert worden sind (als Kontrollfragen, aus Achtung vor Schönheiten), kennt man ihn; einen alten Bekannten. Er ist eins mit der Überzeugung, daß man nur reinen Herzens abzumalen braucht, was von Natur schon auf einem Postament steht. Der Bauernroman hat in der Tat, so paradox das klingt, heute etwas von jenem »Schimmer der großen Gesellschaft« an sich, der sich andernorts bereits in die Magazinsliteratur für kleine Fräuleins zurückgezogen hat; nur besteht die Größe der Gesellschaft hier in Erdnähe, Gesundheit, Einfachheit und anderen moralischen Werten. Der Heimatroman geht von einer festen Tafel der Werte aus, und folgt man ihm darin, dann ist in der Tat kein Scherben so klein, daß sich nicht Gottes Sonne darin spiegeln könnte, um mich stilgerecht auszudrücken. Da hat es der Liebe kein Ende. Die Wichtigkeit von Form, Gipfel und Aufbau tritt vor dem Wert des Gegründeten zurück. Unsichere Probleme gibt es nicht, wo das Gute in Grundpacht steht. Allerdings wird Kleinkrämerei mit Gottesdienst und Dienst am Volk verwechselt.
Überzeugung gegen Überzeugung
Diese Überzeugungen sind allenthalben bekannt. Sie bilden einen Block, eine Lebensanschauung, einen ganzen Block von Lebensanschauungen; politisch aus verschiedenen Richtungen gestützt, wirtschaftlich von großem Gewicht auf dem Buchmarkt, sind sie ein Teil der allgemeinen Reaktion auf den vorangegangenen Liberalismus des Geistes, und ihre Anhängerschaft reicht demgemäß von deutschen Kraftnaturen, die zehn Glas Bier vertragen, bis zu stillen Männern, die schon das Reifen der Äpfel am Baum betrunken macht, und von den Lesern keiner Judenbücher bis zu den Lesern guter, gesunder Bücher überhaupt.
Kritik – nicht als Begriff, wohl aber in jedem einzelnen Versuch der Ausführung – gerät dabei an eine Grenze. Jedes Buch von Rang enthält eine Weltanschauung (nicht intellektuell herauspräpariert, eher wie das Widerspiel von Feuer an Wänden), und diese bildet einen großen Teil seines Werts; Kritik von Weltanschauungen ist aber eine ganz andere Aufgabe als Kritik von Dichtungen und jedenfalls eine viel zu große, als daß man sich jedesmal nebenbei mit ihr einlassen könnte. Es ist unserem Zeitalter vorbehalten gewesen, diese Schwierigkeit zu offenbaren, man hatte früher wenig Gelegenheit, sie zu bemerken; jedoch heute gibt es in Deutschland eine katholische, eine völkische, eine sozialistische, eine kommunistische Dichtung (nicht als »Strömung«, sondern handfest organisiert!), und was durch ungefähr hundertfünfzig Jahre als die Dichtung, als die Dichtung der großen und Urmaße gegolten hat, muß sich je nachdem als bürgerliche, liberale oder gar nur freimaurerische Abart bezeichnen lassen. Das Gute daran ist, daß man durch diese grobe und außerkünstlerische Gruppierung einsehen lernen wird, welche Bedeutung der Ideologie in der Dichtung zukommt, und gezwungen sein wird, kritische Begriffe zu entwickeln, die ihrer Wichtigkeit gerecht werden. Einstweilen wird die praktische Überwindung dieser Schwierigkeiten aber dadurch erleichtert, daß die Ideologie des Lebens und die der Romane sich nicht auf getrennten Planeten entwickelt haben; das Leben besteht zum großen Teil aus Büchern, am Ende wird also auch literarische Kritik, wenn sie bloß ihren Geschäften im engern Sinn schärfer nachgeht, ohne große Debatten von selbst dazu kommen, den Weltanschauungswucherungen Kräfte zu entziehen, die sie ihnen bisher sorglos gewährt hat. Ein paar solcher Zusammenhänge, die mir beim Lesen von deutschen Heimatsbüchern aufgefallen sind, möchte ich zum Schluß noch andeuten.
(Nebenbei aber bemerkt: Wenn das geplante Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor sogenannten Schund- und Schmutzschriften Wirklichkeit wird, ist unsere geistige Entwicklung bis auf weiteres zu Ende! Dieses scheinheiligste aller reaktionären Gesetze – welches das Schutzbedürfnis der Jugend in widerwärtiger Weise vorschützt – wird den deutschen Geist zwischen den Plattheiten der Parteien zerpressen.)