Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 117

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Heute spricht Alfred Kerr

Ein Porträt des deutschen Kritikers

[Der Tag, 31.3.1928, S.4]

Die Redaktion hat mich aufgefordert, ein paar vorbereitende Worte zu dem Vortrag zu schreiben, den Alfred Kerr zugunsten der »Concordia« heute im Volkstheater halten wird. Nichts ist leichter, als dies wenige Wochen nach seinem sechzigsten Geburtstag zu tun, denn man kann alles, was bei dieser Gelegenheit über ihn in Deutschland gesagt und geschrieben worden ist, in den sehr einfachen Satz zusammenfassen: er ist heute der berühmteste deutsche Kritiker.

Vielerlei hat zusammengewirkt. Kerrs Beginn fiel in die Kampfzeit um Ibsen und Hauptmann, spätestens zwischen seinem dreißigsten und vierzigsten Jahr stand Kerr kritisch an der Spitze der Kämpfer, und dieser Kampf endete mit einem ungeheuren Triumph. Gerne hätten ihm das, als später eine andere literarische Welle kam, ein paar deutsche Kritiker nachgemacht, aber sie blamierten sich dabei. Es darf da nämlich eine Kleinigkeit nicht übersehen werden: Wenn man heute die Kritiken liest, die er damals, vor dreißig Jahren, begeistert, jung, von sich und der neuen Zeit berauscht, geschrieben hat – einige reichen sogar auf die Mitte seiner Zwanzigerjahre zurück –, so staunt man über ihre Zeitbeständigkeit, denn es steht kaum ein Wort in ihnen, das seither seine Gültigkeit verloren hätte. Ich habe das in einer deutschen Zeitschrift (Dezemberheft der »Literarischen Welt«), für Leute, die es bequem haben wollen, dokumentarisch nachgewiesen.

Als vor kurzem das Ibsen-Jubiläum begangen wurde, konnte man, mit wenigen Ausnahmen, eine merkwürdige Verlegenheit bemerken. Zum großen Teil schrieben da Leute, die die Begeisterung der Ibsen-Zeit selbst noch mitgemacht hatten, und sie benahmen sich so betreten wie ernüchterte Bürger, die Rechenschaft darüber geben sollen, was sie in der Nacht getrieben haben. Ich empfehle ihnen das Studium der gesammelten Werke Kerrs und komme damit auf den Abschnitt aus seinem Leben zu sprechen, der mir als der bewundernswerteste erscheint. Kerr stand zwischen seinem fünfzigsten und sechzigsten Lebensjahr, als ein neues Theater und eine neue Dichtung verkündigt wurden und rings um ihn sich die Anschauungen mit einigem Brausen veränderten. Man wird in Wien durch die Sorgfalt aller Instanzen Gott sei Dank davor behütet, von geistigen Revolutionen irgend etwas zu erfahren, ehe sie vorbei sind, und deshalb möchte ich hier nachtragen, daß jene Revolution heute zwar vorbei ist (gegenwärtig ist die deutsche Literatur durch die Gründung der preußischen Dichterakademie in ein Stadium großer Reife eingetreten), aber in der Tat eine Weile lang außerordentlich siegreich ausgesehen hat. Eine solche Lage eines führenden Kritikers gehört zu den schwierigsten, die einem das Leben der Literatur bescheren kann. Manche älteren Kritiker fürchteten da, den berühmten Anschluß an die Zeit zu verpassen, und benahmen sich wie die Tanten, die in die Windeln eines neugeborenen Neffen gucken und sich von ihren Wahrnehmungen zur Prophetie einer großen Zukunft hingerissen fühlen. Andere hinwieder taten das, was sie fünfundzwanzig Jahre zuvor ihren eigenen Vorgängern vorgeworfen hatten, sie versteiften sich im Gewesenen. Die Entscheidung in solchem Fall ist, wenn man nicht mehr die Anpassungsfähigkeit des selbst noch Unfertigen hat, in Wahrheit eine schwere Krisis, die ja nicht nur Kritiker, sondern auch Dichter, aber Kritiker besonders hart trifft. Ich glaube, man nennt das, was Kerr in dieser Lage tat, kriegsgeschichtlich einen Kampf mit verkehrten Fronten; er stellte sich nicht schützend vor das Bestehende, benützte vielmehr seinen Rücken, um ihn dem Neuen zuzuwenden, indes er selbst seinen Marsch in die Zukunft richtete. Unbildlich gesprochen: er begnügte sich mit den Schwächen seiner Gegner, auf die er allerdings mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit hinwies,

An sich gelten ja solche literarischen Kämpfe nicht gerade für etwas Welterschütterndes (obgleich ihre molekulare Zerstörungs- und Aufbauwirkung auf die Welt stärker ist, als man denkt; man erinnere sich bloß an die vielen Gedichte und Bücher schreibenden Weltlenker, mit denen wir in den letzten zwanzig Jahren gesegnet worden sind!), aber ich habe davon erzählt, weil es ein schönes Beispiel des Kritikercharakters ist, der ebenso wichtig ist wie die kritische Intelligenz, und weil die Art, wie Kerr diesen Erfolg erzwang, bezeichnend ist für seine gesamte Wirkung. Man kann in seinen Werken die wichtigsten Fingerzeige für die »Geometrie« des Stückemachens und dergleichen finden, im großen hat er aber niemals die Literatur an der Literatur geprüft, sondern tat es immer am Urmaß des Lebens. Ich will damit gewiß nicht das Vorurteil unterstützen, daß Literatur weniger sei als Leben, und sie ist auch nicht, wie die Naturalisten es meinten, seine Kopie; was wir Leben und was wir Literatur nennen, sind zwei verschiedene und verwandte geistige Gestaltungen des gleichen Materials, und die des Lebens ist zwar die unbeweglichere, aber härter geprüfte und weniger sentimentale. Diesen Sinn hat es, die Literatur am Leben zu prüfen; es heißt, sich von der sentimentalen Konvenienz freimachen und sein eigenes Lebensbild nach dem Original zu malen. Ich bin da auf die Erscheinung des Kritikerdichters zu sprechen gekommen, als die Kerr sich selbst oft bezeichnet hat. Das ist der Mensch, der aus Dichtung wieder Dichtung, gedichtete Kritik macht. Da das anfangs befremdete – obgleich doch eigentlich schon Heine ähnliches getan hat –, wurde es im Kampf um die Geltung von Kerr selbst manchmal so ausgedrückt, als ob es eine der Dichtung übergeordnete Funktion wäre, welche die Dichtung und die Dichter als Rohmaterial benützt; aber wenn das zweite auch richtig ist, so gehören beide Tätigkeiten doch zusammen wie nacheinander geborene Geschwister. Da man in Kerrs Heimat Berlin neuestens die reine, kritikfreie, unmittelbar von den Göttern eingegebene Dichtung erfinden zu wollen scheint, möchte ich einiges Gewicht auch darauf legen, daß es überhaupt bei allen Unterschieden keine bedeutende Kritik gibt, die nicht Dichtung wäre, und von reiner Lyrik abgesehen, keine bedeutende Dichtung, die nicht Kritik wäre. In der Tat ist Kerr Dichter. Am bekannstesten ist davon seine stilistische Leistung geworden, die berühmte Kerrsche Knappheit, aber er ist auch ein bedeutender Lyriker und ein unvergleichlicher Schilderer des Gesichtes unserer Erde.

Aber was ist es dann, das ihn außerdem zum Kritiker macht und immer wieder zur Kritik zurückgeführt hat? Die große Fähigkeit der Kritik ist eine so seltene Gabe, daß sie nicht ohne schwierige Weitläufigkeiten auseinanderzusetzen wäre. Man kann aber mit einigen Vorbehalten dafür die Abkürzungsformel setzen: Die Fähigkeit, recht zu behalten! Es ist bei uns kein Geschäft, mit dem man leicht zu Ehren kommt. Wir Deutsche sind untereinander ein kritisches Volk, aber mit der Kritik sind wir nie auf gutem Fuß gestanden; es hat sogar lange dazu gebraucht, bis man vor der »Kritik der reinen Vernunft« von dem Vorurteil abkam, daß sie »nur eine negative Leistung« sei. Die Reihe der großen literarischen Kritiker ist darum bei uns schütterer als bei anderen Nationen, und wir müssen den seltenen Männern danken, die von ihrer Leidenschaft dahin getrieben werden.

Der Schwärmerskandal

[Das Tage-Buch, 20.4.1929, S. 648-652]

Meinen Gruß denen, die gepfiffen und gezischt haben! Vielleicht haben nicht alle genau gewußt, warum sie es tun, aber sie waren trotzdem auf der rechten Seite.

Ich fasse noch einmal die Vorgeschichte kurz zusammen: Da hat ein Theater eine sogenannte Uraufführung veranstaltet, ohne den betroffenen Dichter rechtzeitig zu verständigen, dessen Zustimmung es niemals bekommen hätte. Es haben sich Leute gefunden, die das künstlerischen Wagemut nannten. Wagemut gewiß, sogar bis zur Dreistigkeit; aber künstlerisch? Dann wäre einer, der dort einbricht, wo er ein teures Kunstwerk weiß, schon ein Künstler!

Den Kompagnon hat ein Bühnenverlag abgegeben, indem er mich weder gefragt, noch verständigt hat. Ob er nach bürgerlichem Recht unbefugt gehandelt hat, ist eine Frage, deren sich der Schutzverband deutscher Schriftsteller angenommen hat, in richtiger Erkenntnis, daß so etwas uns alle angeht, die wir schreiben. Darum will ich im Augenblick nicht darüber sprechen. Aber das eine darf ich sagen: nach geistigem Recht hat dieser Bühnengrossist tadellos kaufmännisch gehandelt; nach dem Grundsatz, lange auf Lager befindliche Waren unter dem Preis abzustoßen. Ehre sei dem ersten Haus am Platze, das den reinen Warenstandpunkt eingeführt hat!

Ich habe mich gegen diese Aufführung verwahrt, sobald ich von ihr erfuhr; ich habe sie aber, aus juristischen Gründen und Zusammenhängen, weil ich verspätet von ihr erfuhr, nicht mehr verhindern können. Nun hat die Kritik gesprochen, und ich darf mir die Bescherung anschaun. Ich weiß, daß man auf eine Kritik nicht unmittelbar erwidern soll; es ist das gar keine üble Gepflogenheit in unserem Beruf, eine Art Geschäftsordnung, mit dem guten Zweck, daß nicht alle gleichzeitig durcheinander reden; also soll wenigstens der am meisten Betroffene schweigen, und wahrhaftig, ich habe mich immer daran gehalten. Aber diesmal befinde ich mich in einer besonderen Lage, denn es ist gar nicht mein Stück, wovon gesprochen wird, und also darf ich wohl mitreden? Ich setze diese Erlaubnis voraus und will einiges sagen, was mir bemerkenswert und wichtig erscheint.

Bemerkenswert erscheint mir zum Beispiel, daß von allen Besprechungen, die vor mir liegen, mehr als die Hälfte nicht ein Sterbenswort davon erwähnt, daß ich mich gegen diese Aufführung gewehrt und sie als unzulässig bezeichnet habe. (Und eine, die es erwähnt, fügt bei, das kenne man schon!) Dunkel kommt mir vor, es sei ein Rechtsgrundsatz, keinen zu verurteilen, dem nicht die Täterschaft nachgewiesen ist, und ich war der Täter nicht. Ich war auch nicht das Material, das die Forschenden vor sich hatten, aus dem sie ihre Schlüsse zogen. Und es ist doch ein Grundsatz aller Forschung, daß man kein Wesen einen singenden Esel nennen darf, wenn man seine Stimme nicht gehört hat! Es waren ja Leute darunter, die sich schon gar keinen Zwang antaten. Sie schrieben von der Qual, die ich dem Publikum zugefügt hätte, von der wurstigen Wurst, die ich mich vorzusetzen getraute, von dem nichtssagenden Dialog, mit dem ich Berlin »beliefert« hätte, von der Clique, die mich vergeblich zu retten suche; – das ist eine Blütenlese. Wenn die meisten dieser Freunde meiner Dichtung wahrscheinlich auch noch nie ein Buch von mir gelesen haben, geschweige denn die Schwärmer, so mußten sie doch aus den Zeitungen von meinem Protest wissen.

Überlassen wir sie ihrem weiteren Vorwärtskommen! Wichtiger ist mir, daß Herr Lherman es wieder einmal an den Tag gebracht hat, daß ich von Wedekind abhänge, von Schnitzler, von Shaw. Ich vermute zwar danach, daß Herr Lherman in seiner Auffassung von diesen Vorbildern abhing, aber ich muß hinzufügen, daß auch einige Kritiker es zu tun scheinen, denn dieser Vorwurf wird mir nicht zum erstenmal gemacht. Ich bedaure außerordentlich die genannten großen Herren, die jahrzehntelange Bühnenerfolge nicht davor schützen, daß man ihnen einen so schlechten Schüler »anlastet« wie mich. Was mich angeht, kann ich nur sagen, daß in meinem Verhältnis zu diesen drei Dichtern alle Vorbedingungen fehlen, die eine Abhängigkeit daraus machen könnten. Schnitzlers geistige Welt hat mit der meinen nur sehr wenig Berührung. Wedekind verabscheue ich, und Shaw bewundere ich seit dem ziemlich späten Tag, wo ich ihn kennen lernte, wegen der Natur seines Witzes, in dem völlig hoffnungslosen Bewußtsein, daß es mir nie im Leben möglich sein werde, auch nur einen einzigen Witz in seiner Art zu machen. Es scheint mir, daß die Ursache der vermeintlichen Ähnlichkeit eher in den Köpfen meiner Kritiker liegt. Bekanntlich nennt ein Kind alle Männer Papa. Und ich fürchte, behaupten zu müssen, daß es um die Entwicklungsstufe des Theaterverstandes einer nicht ganz geringen Anzahl von Kritikern ungefähr ebenso beschaffen ist.

Den schmerzlichen Bereich der ganzen Angelegenheit berühre ich, wenn ich an einzelne Menschen denke, die mir wohlwollen, die ich schätze, die aber doch unter dem Eindruck der Aufführung von mir abgerückt sind. Da steht die Frage auf dem Spiel: bedeuten die Schwärmer ein Bühnenstück oder nicht, und was bedeuten sie überhaupt? Es tut mir leid, daß ich die außerordentliche Gelegenheit, einmal von einer Sache zu sprechen, die ich so gut verstehe wie meine eigene, nicht besser benützen kann, aber es steht mir sehr wenig Zeit dafür zur Verfügung. So fange ich aufs Geratewohl mit der Unterscheidung zwischen einem schöpferischen und einem illustrativen, neben der Schöpfung herlaufenden Theater an. Denn unter illustrativ – im Verhältnis zum Geist der Sache – kann man auf dem Theater alles verstehen, was ein festes Geflecht der Weltanschauung und der Lebensregeln voraussetzt, von dem es selbst eine Einzeläußerung, ein Beispiel, kühnstenfalls eine Ausnahme zur Darstellung bringt. Von dieser Art ist selbstverständlich das politisierte Theater, gleichgültig welcher Politik. Es fügt dem, was schon außerhalb der Kunst da ist, gar nichts hinzu. Aber auch das gewöhnliche bürgerliche Theater ist von dieser Art. Eigentlich ist ein gutes Theaterstück eine aufgeblätterte Anekdote, in der Charaktere zum Vorschein kommen, die man leicht erkennt, ebenso Leidenschaften, die man leicht erkennt, und dann müssen noch so ein paar strukturelle Eigenschaften wie Spannung, Tempo, Erfindung oder dergleichen, und auch etwas Lyrik dabei sein. Zwischen Sardou und dem Theatergenie von morgen besteht darin kein Unterschied; ist bei dem einen die Anekdote eine Intrige, so ist sie bei dem anderen ein aus der Philosophie der Luft gewonnenes Aperçu, statt welchem hundert andere benützt und illustriert werden könnten. (Fortsetzung: die Beliebtheit dieser Art Dichtung bei Regisseur und Schauspielern, die weiter illustrieren.) In dieser illustrativen Kunst ist natürlich eine Menge Spielraum für persönliches Talent, Schönheit, Gesinnung usw. gegeben, aber der Geist dreht sich auf ihre Weise doch immer nur im Kreis. Es wird nicht verändert, sondern nur frisiert. Die Probleme des Lebens werden angerührt, umgerührt, aber nicht aufgerührt.

Und selbstverständlich ist es in der Ausführung nur ein relativer Unterschied, – aber doch ein Gradunterschied diesseits und jenseits eines kritischen Punktes! – wenn man dem die Forderung eines schöpferischen Theaters gegenüberstellt, in der sich die Tatsache spiegelt, daß wir in der Hauptsache aus Geist bestehn. Keine Angst, wir dürfen trotzdem Hummer essen, Politik machen und sonst tun, was menschlich ist (sollen es!), und meinetwegen mag man sich den Geist so materialistisch vorstellen, wie man will. Aber wir wollen nicht leugnen, daß die lebenswertesten Augenblicke die sind, wo das, was wir tun, von irgendeinem heimlichen, aber über uns hinausgehenden, in die Weite des Allgemeinen tragenden Gedanken belebt wird. Ich gestehe, daß ich das nicht auszudrücken weiß, denn alle diese Worte: Gedanke, Geist, Idee sind durch Mißbräuche in üblen Ruf geraten. Trotzdem kennen wir den Unterschied, ob wir etwas aus innerer Bewegung tun oder nicht, im Leben ganz genau. Wir wissen genau, daß wir heftig sein können und trotzdem leer zurückbleiben. Wir wissen genau, daß wir die edelsten Gefühle haben und die größten Überzeugungen äußern können, aber es bleibt im nächsten Augenblick nur ein Schlick von ihnen zurück. Es gibt da so einen merkwürdigen Unterschied in uns zwischen Wachstum und Erstarrung, der allen würdevollen Unterscheidungen gegenüber, die wir außen hochhalten, höchst aufsässig ist. Und also kurz gesagt, man muß ein wachsendes Theater machen.

Dazu ist die Kunst da; man könnte das alles ebensogut auf den Roman und das Gedicht anwenden. Und da ich hier meine persönliche Sache führe, darf ich sagen, daß ich mein ganzes Leben lang nichts anderes getan habe, als in unserer Kunst da die richtigen Verhältnisse zu suchen. Mir ist es eigentlich gleichgültig, was ich erzähle und wen ich beschreibe; ich will dem nur das Maximum geistigen Lebens mitgeben, das ich erreichen kann. Man hat mich oft einen Psychologen genannt; lieber Gott, Psychologie ist heute das, was in der Zeit Marco Polos die Geographie war, mehr nicht. Man hat mich einen Zerfaserer genannt, und ich mühe mich um die Synthese. Man hat mich fein genannt, und ich will das Ganze, soweit es meinem blöden Auge zugänglich ist. Gefällige Auslagenarrangeure des zeitgenössischen Geistes sind unterdessen in der Literatur spazieren gegangen und haben sich, an einen Felsblock aus Pappendeckel gelehnt, als Höhenrekord photographieren lassen.

Sind nun die Schwärmer ein Bühnenstück? Ich behaupte noch heute, daß die richtigen Schwärmer es sein müssen. Sie sind außerordentlich schwer zu kürzen – richtiger gesagt, zu bearbeiten, aber es ist nicht unmöglich, sie sozusagen proportional zu vermindern, ohne daß Verzerrungen eintreten, wenn auch natürlich Substanzverluste nicht zu vermeiden sind. Ich bin überzeugt, daß dann, wenn man sie richtig auf die Bühne bringt, zu den Worten und Gedanken jenes Leben wieder hinzutritt, aus dem sie geboren sind, und daß sie dann auch gar nicht so sehr schwer zu verstehen sein werden, wie ich vorläufig nach den bedauerlichen Eindrücken einzelner Kritiker feststellen mußte. Ich habe hier manches über Kritik gesagt: ich möchte darüber nicht versäumen, auch für die Hilfe zu danken! Man kann den Halt wahrhaftig brauchen, in solcher schweren Stunde, wo ein anderer für einen kreißt. Und ich glaube mich nicht zu überheben, wenn ich sage, daß die Schwärmer noch etwas warten können; das Genre wird ja nicht überlaufen. Ich habe auch keine Angst vor dem Veralten, obgleich mir schon viele versichert haben, daß sie darüber hinaus sind. Denn meine Überzeugung ist, daß man über nichts, das einmal Geist war, hinaus, sondern nur daneben geraten kann. Ich würde aber gerne sehen, daß das Experiment richtig noch zu meinen Lebzeiten wiederholt werde, denn eigens deshalb auf die Erde zurückkehren, würde mir nach dem Gesamteindruck, den ich hier empfangen habe, etwas schwer fallen.

Die Frau gestern und morgen

[Die Frau von morgen wie wir sie wünschen, Verlag E. A. Seemann 1929, S. 91-102]

Franz Blei gewidmet

Das, was man die neue Frau nennt, ist ein etwas verwickeltes Wesen; sie besteht mindestens aus einer neuen Frau, einem neuen Mann, einem neuen Kind und einer neuen Gesellschaft. Ich muß gestehen, daß ich mir das hätte überlegen sollen, ehe ich die Aufgabe übernahm, über sie zu schreiben; dabei ist es nicht einmal ganz sicher, ob es die neue Frau wirklich gibt oder ob sie sich nur vorübergehend dafür hält.

Ich werde also nur einige ausgewählte Fragen berühren können, für die ich besonderes Interesse habe, und dazu gehört seit je die veraltete Frau; deutlicher gesagt ist es in diesem besonderen Fall die zuletzt, in unserer, der meisten heute lebenden Menschen Mitte veraltete. Sie ist in einer wichtigen Frage konsequenter gewesen als die neue: sie war vom Hals bis zu den Sohlen eingehüllt, während die neue erst teilweise nackt ist. Man frage einen sechzigjährigen Herrn nach seinen Jugenderinnerungen, so wird er erklären, daß sich heute die Frau weder anziehen, noch ausziehen kann, und es ist etwas Wahres daran, worüber man sich nicht durch die Wiedergabe alter Modebilder täuschen lassen darf, auf denen die Frauen so unverständlich lächerlich aussehen, daß einem die Gegenwart, mit Verlaub zu sagen, als ein Wunder der Neuzeit vorkommt. Das sind Gebilde, aus denen das Leben geflohen ist, Zeitlupenaufnahmen der Liebe, in denen die Form als solche erschreckt, was sie immer tut, wenn sie nicht mehr vom Fluß der Empfindungen umspült wird. Macht man sich jedoch von den gegenwärtigen Vorurteilen los, auch ohne noch sich in die der Vergangenheit zu versetzen, und sieht diese Kleider und Hüte etwa an, wie man es an Barockstatuen gelernt hat, so wird man an ihnen wohl höheren Geschmack vermissen, aber doch eine ungemein große Bewegtheit entdecken. Gerade in ihrer historischen Austrocknung wirken diese gefalteten, gepufften, gerüschten, übereinandergezogenen Kleidermengen als das, was sie sind: eine ungeheuerliche künstliche Vergrößerung der erotischen Oberfläche. Das Kunstwerk, das die Natur macht, indem sie durch das Aus- und Einfalten eines Hautblattes die Formen von Tier und Mensch und die Lockungen der Liebe hervorbringt, ist hier in einer etwas geschmacklosen, aber wirksamen Weise übersteigert worden. Das Kleid der veralteten Frau hatte (wie übrigens auch ihre Sittsamkeit) die Aufgabe, den eindringlichen Wunsch des Mannes aufzufangen und zu verteilen; es verteilte den so einfachen Strahl dieses Wunsches auf eine große Oberfläche (und moralisch auf hunderte Schwierigkeiten), wie man mit einem einzigen Fluß meilenweites Land bewässert, und nach dem Gesetz, das der Lust und dem Willen unter den menschlichen Kräften eine Ausnahmestellung gibt, da sie an Hindernissen nicht weniger, sondern mehr werden, vervielfachte es das Verlangen, bis zu einem geradezu schon lächerlichen Grad, so daß der Mensch bei Entblößungen, die uns heute vollkommen gleichgültig sind, in erschütternde Abenteuer geriet. Aber man erinnere sich an die entzückenden Liebesgeschichten, die Stendhal in seinen Renaissancenovellen erzählt, um nicht nur darüber zu lächeln; auch ihr Fackelglanz kommt von den außerordentlichen Schwierigkeiten, die es den Liebenden selten und nur verstohlen in nächtlicher Lebensgefahr gestatteten, sich zu umarmen, und das sind Steigerungen, die endgültig zu verlieren wir heute im Begriff sind, wenn sie auch zuletzt nur in einer fast schon sinnlosen Erstarrung vorhanden gewesen sind.

Von dieser Sinnlosigkeit möchte ich allerdings noch gerne ein Beispiel wiedererzählen; ich verdanke es einem Mann, den grundlos nervöse Besorgnisse drückten, die sich an die Geschichte seiner Jugend knüpften. Er hatte diese Jugend, die Zeit an der Grenze des Knaben- und Jünglingsalters, in einem Institut verbracht und schilderte mißtrauisch die Art, in der er und seine Genossen, es mochte gegen Ende der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts gewesen sein, sich »die Frau« vorstellten. Eine alte Novellenbibliothek, irgendein Novellenschatz oder -schatzkästlein der Weltliteratur bildete die Quelle, aus der sie tranken, und alle Frauen, die darin vorkamen, waren schön, hatten eine dünne Taille, winzig kleine Hände und Füße und sehr langes Haar. Im Charakter waren sie teils stolz, teils sanft, teils heiter, teils schwermütig, aber alle überaus weiblich und am Ende der Geschichte so süß und weich wie Bratäpfel. Sie bildeten die Erwartung der jungen Männer, die noch nicht Gelegenheit hatten, selbst einen Blick ins Leben zu tun, und da zeigte sich etwas Merkwürdiges. Zu diesen Frauen gehörte auf seiten der Männer ein Schnurrbart, den man auf ihre Lippen drücken mußte, und dieser Schnurrbart war nach der Ordnung der Natur etwas, das die jungen Leute immerhin bald erwarten durften; auf diese Weise kamen sie dazu, sich ihn als Vorlust zu wünschen, wie das, glaube ich, heute heißt, und weil er nach dem Novellenschatz blond oder schwarz, weich und lang sein mußte, hatte sich ihn der Erzähler als einen Bart gewünscht, dessen eine Schwinge blond, indes die andere vorsichtigerweise schwarz war, und er wurde auch von einem Mal zum anderen länger; erst war er nur so lang wie der Bart eines Helden, dessen Beschreibung er in einer der Geschichten gelesen hatte, als aber aus einer zweiten Erzählung ein ebenbürtiger Rivale hinzutrat, wurde er so lang wie beide Bärte zusammen und schließlich für alle Fälle so lang wie die Summe aller Schnurrbärte, die es überhaupt gibt, und noch um ein wenig länger. Als das soweit gediehen war, bemerkte der Knabe durch eine glückliche Erkenntnis, daß man sich einen solchen Bart überhaupt nicht mehr wünschen könne, und später schreckte ihn die Erinnerung daran, daß er in eine so merkwürdige Phantasieentartung unversehens hatte hineingeraten können. Von diesem Erlebnis beleuchtet, flößte ihm die Frau Furcht ein; die Kleinheit ihrer Füße, Hände und des Mundes und die Schmalheit der Taille waren, bei starker Betonung aller Partien, die die Physiologie als Fettpolster bezeichnet, Vorstellungen der Phantasie, in denen eine das Herz entleerende Tendenz zu unbegrenzter Verminderung lag. Die Taille konnte bald nicht mehr schmal genug sein, der ideale Mund hatte die Größe und Rundung eines Stecknadelkopfes, und die Händchen wie Füßlein saßen mit der Ohnmacht kleiner Falter am üppigen Kelch des Leibes. In diesem Ideal wohnte zweifellos der Kern eines Wahnverhaltens, und wer ein wenig in der Psychologie Bescheid weiß, wird sich vielleicht an das unersättliche Sicherungsbestreben gemahnt fühlen, das nach der Schule Adlers eines der Merkmale des Neurotikers ist. Aber Krankheit ist dieses Wahnverhalten kaum zu nennen, denn in allem menschlichen Tun tritt, wenn es sich von seinem natürlichen Boden entfernt, wo es neben einer Menge anders- und entgegengerichteter Interessen entstand, ein solches leeres Wachstum auf, eine Entwicklung in der Richtung der Übersteigerung ohne Fülle. Die Mystik verändert sich in asketische Quälerei, die geistige Überlegenheit in Schachspiel, und Freude am Körper oder Kampf verzerrt sich zur Sklaverei des Rekords. Aus dem Augenblick, wo der groteske Schatten dieses eindimensionalen Verhaltens auch auf die Liebe fiel, ist nichts anderes zu schließen, als daß ihre bis dahin gültige Idealform schon in Auflösung war.

Es ist seitdem genug über die neue Frau geschrieben worden, um in wenig Worten von dem Übergang zu sprechen. Der gültige Liebesbegriff war bis zur Zeit der Eltern und Großeltern der zwei heute lebenden Generationen durch Jahrhunderte der des Ritters gewesen, der seine Dame sucht und findet; dabei waren im Lauf der Zeit allerdings die schweren Proben der Werke, die er um ihretwillen vollbringen mußte, immer mehr in die Sphäre schlechter Romane gerückt, und außerdem hatte sich das ursprünglich christlich-ritterliche Ideal so verteilt, daß auf den Mann mehr die ritterlichen, auf die Frau die christlichen Leistungen entfielen. Mit diesem Liebesbegriff, den es im Leben schließlich kaum noch gab, nach dem sich aber immerhin das Leben richtete, ist es wahrscheinlich nun vorbei. Mit ihm verschwindet die heute fast schon unbegreiflich gewordene Einengung des Liebesalters der Frau auf die kurze Spanne zwischen dem siebzehnten und dem vierunddreißigsten Jahr, die auf einen hochgespannten und überspannten Liebesbegriff zurückweist, der die Suggestion ausstrahlte, daß man ihm nur in der höchsten Blüte genügen könne. Ein ähnliches Hohlwerden mit daraus folgender Übertreibung machte bezeichnenderweise auch die soziale Stellung der Frau mit. Man muß sich vergegenwärtigen, daß ursprünglich der Tätigkeitskreis der Hauswirtschaft genügend groß und vielfältig gewesen ist, um einen ganzen Menschen zu brauchen, während schließlich nur noch Kleinlichkeiten davon übriggeblieben waren, die aber immer noch in Verbindung gebracht wurden mit dem längst dafür zu groß gewordenen Begriff der schaltenden Hausfrau; aus der mächtigen Bundesgenossin des Mannes ist auf diese Weise zuletzt ein etwas lächerliches Hausmütterchen geworden, das albern von seiner Tätigkeit schwätzte. Zwangsläufig war mit diesem Schicksal ein ähnliches im Verhältnis zu den Kindern verbunden. Die Problematik des Kindes oder wie man heute gerne es nennt, das Problem der Generationen, liegt ja wahrscheinlich nicht dort, wo man es gewöhnlich sucht, in der zeitgemäßen Frühreife und dem mit ihr verbundenen frühen Unabhängigkeitsbedürfnis der Kinder oder in irgendeiner Wellenbewegung der Kultur, die Eltern und Kinder als Generationen gegeneinander aufbringt, sondern wohl ganz einfach in der Tatsache, daß heute höchstens Geld und Besitz vererbt werden, wogegen das früher beinahe mit dem ganzen Zuschnitt des Lebens geschah. Man könnte geradezu sagen, daß das Problem der Generationen eng mit dem Übergang vom eigenen, die Geschlechter überdauernden, Rang und Reichtum darstellenden Haus, das seine Bewohner prägte, zur Nomadenmietswohnung der Großstädte zusammenhängt. Damit war aber zugleich die Mutterschaft angegriffen, die der Frau Würde und auch Entschädigung für das frühe Opfer ihrer Jugendlichkeit gegeben hatte. Ihr fehlte jetzt das Gerüst, so daß nur der rein seelische Herrschaftsanspruch übrigblieb; mag ein solcher aber noch so durchgeistigt verwirklicht werden, das Ruhige und Selbstverständliche des Ungeistig-Materiellen ist ihm nicht zu eigen, und Enttäuschungen in dem Verhältnis zwischen Eltern und Kindern werden schon dadurch unvermeidlich, daß dieses Verhältnis viel zu sehr mit Gefühlsanteil überladen ist. Die Beschränkung der Kinderzahl wirkt in der gleichen Richtung, das Verhältnis zwischen den Gatten und zwischen Eltern und Kindern, das an äußerer Geräumigkeit verloren hat, mit moralischen Ansprüchen zu überlasten. Andererseits ist die Abnahme der Fruchtbarkeit aber unmittelbar eine Folge der geänderten Wirtschafts- und Lebenszustände selbst, so daß man an diesem Beispiel sehr deutlich sieht, wie Antriebe der Entwicklung von ganz verschiedenem Ursprung einander ergänzen. Mit dieser Bedeutung ließe sich noch vieles anführen; die unhaltbare rechtliche Stellung der Frau, die Frauenarbeit, der Einfluß, den die Bedürfnisse der früher niederen Stände heute auf die Gestaltung der Sitte nehmen, das allgemeine Streben nach elastischeren Moralbegriffen, die Abwendung vom Individualismus und zu guter Letzt wieder die Liebe höchst selbst, die nach den Höhepunkten im 18. Jahrhundert und in der Romantik in die Hände entgeistigter Roman- und Dramenschreiber gefallen ist. In dem weitläufigen Ineinandergreifen so vieler Einzelheiten liegt eine Gewähr dafür, daß die inzwischen eingetretenen Veränderungen nicht bloß eine Oszillation sind, sondern eine dauernde Abwendung vom Gewesenen bedeuten; aber wohin sie führen, bei solcher Verwicklung vorhersagen zu wollen, würde den Eifer eines Propheten erfordern. Uns allen ist die Flut der Schriften, Reden, Parteibildungen und Einzelaktionen ungefähr bekannt, aus denen im Lauf eines Menschenlebens das hervorgegangen ist, was man die neue Frau oder die neue Stellung der Frau nennt. Aber das Allerbezeichnendste ist es wohl doch, daß es schließlich anders gekommen ist. Der Krieg ist es gewesen, der den Massen der Frauen die Scheu vor den Mannesidealen und dabei auch vor dem Ideal der Frau genommen hat, und die entscheidende Schlacht ist nicht von den Vorkämpferinnen der Emanzipation, sondern am Ende von den Schneidern geschlagen worden. Die Frau hat sich auch nicht in der Weise freigemacht, daß sie dem Manne Tätigkeitsgebiete abnahm, wie es früher den Anschein hatte, sondern ihre entscheidenden Taten waren, daß sie sich seiner Vergnügungen bemächtigte und daß sie sich auskleidete. Erst in dieser Phase ist die neue Frau aus dem Ausnahmezustand der Literatur und aus der Separation der Lebensreformerei vor die Augen des Volks getreten und rasch zur Wirklichkeit geworden; ein Werdegang einer Revolution, der ein wenig zur Vorsicht mahnt.

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Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
10 haziran 2026
Hacim:
5257 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9782377871742
Telif hakkı:
Bookwire
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