Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 118
Betrachtet man mit dieser Vorsicht und jener ewigen Sympathie, auf die ein Mensch Anspruch hat, der sich vor einem Mäuslein fürchtet und dennoch die Welt umstürzen muß, den Zustand, wie er augenblicklich ist, so darf man ungefähr das Folgende von ihm sagen: Die Frau ist es müde geworden, das Ideal des Mannes zu sein, der zur Idealisierung nicht mehr die rechte Kraft hat, und hat es übernommen, sich als ihr eigenes Wunschbild auszudenken. Die Schwüle älterer Männer kommt ihr selbst komisch vor, und darin liegt eine große Reinigung der Atmosphäre. Sie will überhaupt kein Ideal mehr sein, sondern Ideale machen, zu ihrer Bildung beitragen, wie die Männer es tun; wenn auch vorläufig noch ohne besonderen Erfolg. Sie ist noch ein wenig mädchenhaft unsicher bei ihrem neuen Tun; sie studiert im Durchschnitt bis zur Mitte des Gymnasiums oder der Universität und bevölkert die unkontrollierbaren Berufe; sie wendet sich vorläufig an die Knabeninstinkte des Mannes, ist bubenhaft mager, kameradschaftlich, sportlich spröd und kindisch; vor den unzähligen angekleideten Menschen, die in einem Theater sitzen, an Schaufenstern vorbeigehn oder Zeitschriften ansehen, zieht sie sich splitternackt aus, vor den wenigen, mit denen sie in einem Bad zusammenkommt, legt sie aber immerhin einige Stückchen Stoff auf sich, ja deren Umfang ist neuerdings sogar wieder im Wachsen. Das sind noch Störungen der Folgerichtigkeit, aber sie werden keine Rolle spielen. Wichtiger ist, daß das Verhältnis zu den Kindern sich in der Hauptsache vorläufig noch auf deren Verhütung beschränkt; die neue Frau ist etwas eiliger in Erscheinung getreten als die neue Mutter. Aber es scheint, daß die äußerst reizvolle Nüchternheit, die immer der Frau eigen war, wo sie sich natürlich und nicht nach den Einbildungen des Mannes gab (denn zarte Wesen sind oft zu ihrer Schonung ein wenig nüchtern und überlassen die Donquichotterien den mit festeren Knochen Ausgestatteten), sich auch in einer rationalisierten Kinderbehandlung äußern wird, und die Kinder werden sich dabei sehr wohl fühlen. Dieser Wirklichkeitssinn einer Gattung Mensch, die durch Jahrhunderte dazu verurteilt war, das Ideal eines anderen zu spielen, ist vielleicht heute in dieser Frage das wichtigste. Ich stehe nicht auf seiten derer, die über die Nüchternheit der jungen Frauen klagen. Der menschliche Körper ist auf die Dauer außerstande, sich nur als Empfänger von Sinnesreizungen zu fühlen, er geht immer dazu über, Darsteller, Schauspieler seiner selbst zu sein, in allen Verhältnissen, in die er gerät; so verbindet sich auch immer der Naturtrieb in ihm mit einem bestimmten System von Vorstellungen und Gefühlen, und diese Ideologisierung ist in den Jahrhunderten wie ein Strahl, der steigt und sinkt. Heute ist er in der Nähe seines tiefsten Punktes, fast eingeschluckt; aber er wird ohne Zweifel in einer neuen Verbindung wieder aufsteigen. Es sind unzählige und ganz verschiedene Möglichkeiten dafür gegeben, und die Zukunft verdeckt sie wirklich nur wie ein Schleier, nicht wie eine mit Vorurteilen bestückte Ringmauer.
Franz Blei – 60 Jahre
[Der Wiener Tag, 17.1.1931, S. 6]
Mein berühmter und berüchtigter Freund wird es in diesen Tagen fertigbringen, 60 Jahre alt geworden zu sein, ohne daß ihm der Böse begegnet ist oder der steinerne Kommandeur, der die Sünder erschlägt. Dafür ist es ihm widerfahren, daß ihm schon bei Lebzeiten die Legende geholt hat: ernsthafte Steuerzahler stellen sich unter ihm ein erotische Bazillen verbreitendes, gefährliches Wesen vor, das man von Weib und Kind fernhalten muß, aber nicht kann. Solide Schriftsteller, die ihr bescheidenes, geistiges Kapital zu hohen Zinsen anzulegen wissen, nennen ihn gern einen Literaten. Patentierte Denker, die niemals oberflächlich sein dürfen, verübeln ihm, daß er hie und da als Schauspieler auftritt. Was Schauspieler von ihm denken, weiß ich nicht; möglicherweise denken sie überhaupt nicht. Gläubige nennen ihn einen Frevler. Frevler, welche auf die Solidität dieses Berufes etwas halten, meinen dagegen, er sei ein katholischer Ästhet. Und alte Stiftsdamen behaupten noch heute, daß er der Mann sei, der in Österreich die Revolution eingeführt habe, gemeinsam mit einem Franz Werfel, von dem man aber sonst nur Gutes hört.
An einem Mann, der sogar die Dummheit zu so abwechslungsreichen Urteilen verleitet, muß Außerordentliches sein, und ich will versuchen, es zu erklären. Aber man kommt an Blei nicht heran, wenn man sein Werk Stück um Stück prüft; schon deshalb nicht, weil es alles in allem eines der umfangreichsten heutigen Lebenswerke ist, und sein Autor trotzdem nach seinem Charakter zu den Zurückhaltenden, den Konzentrierten, den Feinden der schriftstellerischen Wichtigtuerei gehört, die sich in Bänden auswälzt. Das ist ein Widerspruch, aber man versteht ihn, wenn man sich den allgemeinen Zusammenhang zwischen Person und Leistung vergegenwärtigt, der eine gegenseitige Abhängigkeit bedeutet, so daß nicht nur der Mensch seine Werke schafft, sondern auch durch ihren Erfolg umgeschaffen wird. Wir wissen das von der Hand des Schmiedes und des Schneiders, aber es drückt sich nicht weniger deutlich im Geist des Politikers oder des Beamten aus, und gar von einem Mann, der wie der Schriftsteller zeitlebens nichts anderes tut, als seine Gedanken, Gefühle und Erfindungen »auszudrücken«, bleibt nach den Jahren des Erfolges außer den alltäglichen Privatangelegenheiten selten etwas übrig: diese Transsubstantiation gleicht der der Mütter, die als Mittelpunkt einer blühenden Familie zu alten Weiblein werden, und vergleicht man Bleis anders gearteten Fall damit, so sieht man ihn inmitten seiner Werke als das Bild eines unehelichen Patriarchen, der seine Kinder um sich versammelt hat. Sie sehen ihm alle ähnlich, aber ohne daß sie jene undefinierbare Gesamtphysiognomie hätten, durch die eine mit sich zufriedene Familie jedem anderen versicheret, wie sehr sie ihn bedauert. Er hat ihrer Ausbildung keine allzu große Sorgfalt angedeihen lassen, und sie lohnen es ihm damit, daß sie nicht mit jedem zweiten Wort Papa zu ihm sagen. Es herrscht ein anmutig lockeres Verhältnis zwischen Blei und seinen Werken, die ihn trotz ihrer großen Zahl so wenig alt gemacht haben, daß der Reiz seines Geistes mit sechzig Jahren lebhafter ist als mit dreißig.
Es wäre ein Irrtum, wollte man in solchen Worten nur eine freundliche Umschreibung des Einwandes sehen, daß sich in Bleis Gesamtwerk manche Bücher finden, die spielerisch, wenn auch graziös sind, und allerhand Wiederholungen vorkommen, weil diese Bücher durch den äußeren Zufall irgend einer Anregung oder Gelegenheit, sie zu schreiben, entstanden sind, so daß das Ganze auch an die Wolken an einem langen Sommertag erinnern mag. Man wüßte dann nichts von dem Licht, in dem diese Wolken ruhen und wandern. Dieses Licht, das Franz Blei unserer Literatur geschenkt hat, gehört zu ihren Kostbarkeiten. Es enthält Strahlen aus dem Spektrum der Aufklärungszeit, dieser großen Emanzipationsperiode des europäischen Geistes, und hat dem Farbenband des Katholizismus die steinernen Farben abstrakter Gefühlsspekulationen entnommen, es hat sich aus nationalökonomischen und biologischen Studien gebildet, aus den klassischen Systemen der Philosophie und den Reizen ihrer gegenwärtigen Auflösung, aus umfassenden Kenntnissen der Geschichte und einer unvergleichlichen Belesenheit, die an Originalen der Literatur beinahe alles umfaßt, was zwischen Homer und Gottfried Benn geschrieben worden ist. Diese ungeheure Aufnahmefähigkeit ist aber weder vom aufsammelnden Typus, der sich mit einer Art schlemmerhafter Omnivorie über alles hermacht, noch gehört sie dem systematischen Typus an, der immer eine große Idee hat, für die er die passenden Dinge rekrutiert und in Uniform steckt. Bleis scheinbar nachlässiges Verhältnis zu den Erscheinungen der Welt ist schwer zu beschreiben, aber vielleicht ist es am richtigsten, zu sagen, daß es aus einer sehr reinen und reichen Abgestimmtheit auf das seinem Geist Angemessene besteht. Es ist Genuß oder, um es pleonastisch doppeltdeutlich auszudrücken, Freude am Genuß. Es ist Geschmack und Wahl, und indem es sich befriedigt, wird es zu einer beständigen Demonstration für das, was gut ist. Denn man müßte, um es ganz und richtig darzustellen, noch den paradoxen (aber nur durch seine Seltenheit so wunderlich erscheinenden) Begriff einer strengen Hedonie oder hedonischen Strenge hinzunehmen. Diese Strenge liegt weniger im aktiven als im passiven Teil seiner Natur, sie liegt in seiner Artung, seinem Geratensein. Bleis geistiger Geschmack ist das Gegenteil von elastisch; scheinbar biegsam innerhalb gewisser Grenzen, gibt er, wo diese erreicht sind, nicht völlig nach, sondern wird gerade dort erst hart. So ist dieser scheinbar zerebrale und äußerlich-dialektisch Vieles verbindende Schriftsteller im Grunde seines Wesens irrational und instinktiv in dem Sinne, den Nietzsche die »Witterung« der Geister nennt, und wo er diesen Grund berührt, ist er einer der seltenen apodiktischen Menschen, die aussagen dürfen, ohne zu begründen, weil sie das Richtige fühlen.
Leider haben viele ein Interesse daran, ihm gerade diese Fähigkeit zu bestreiten, denn er ist durch sie manchem zeitgenössischen Schriftsteller und seinem Anhang unangenehm geworden – zuweilen bloß aus Übermut, wie in seinem Bestiarium der deutschen Literatur, einer in der Form einer Menageriebeschreibung verfaßten Geschichte des gegenwärtigen Schrifttums –, und das unverfänglichste Mittel dagegen ist, ihn als einen liebenswürdigen und unzuverlässigen Causeur totzuloben, woraus ein nicht geringer Teil der eingangs erwähnten Legenden entstanden ist. Nun ist die Sicherheit des Urteiles, die ihm dagegen seine Freunde zuschreiben, natürlich nicht so zu verstehen, als ob er nie in Lob und Tadel geirrt oder irren dürfte; aber viel wichtiger ist die Frage, ob es überhaupt eine solche Sicherheit der Wertung gebe, daß in ihr die eminente Bedeutung eines Menschen liegen könne. Gewöhnlich verhält es sich ja so, daß dicke kritische Bücher geschrieben werden, weil der Autor vorher seinem Geschmack nicht traut und ihn den tausend herrschenden Geschmäcken durch tausend Beweismittel empfehlen will, oder es geschieht das Gegenteil, und es werden unter dem Titel »ich fühle es so« kurzerhand die willkürlichsten kritischen Urteile im Namen »dieser Zeit« gesprochen; ein einfaches Geschmacksurteil, dem objektive Bedeutung zukommt, ist also jedenfalls selten, und überdies gilt es heute für unzeitgemäß, daran zu glauben, weil man in derlei Fragen nur das Persönlich-Subjektive oder aber eine Art Gruppen-Subjektivität für möglich hält, also etwa die Impression oder den geheimnisvoll kochenden, historischen Prozeß. Es besteht heute eine allgemeine Neigung, den objektiven Faktor der Ideenbildung in Kunst- und Lebensfragen zu unterschätzen, aber zweifellos gibt es ihn und damit so etwas wie Wahrheit auch auf diesem Gebiet, womit natürlich keineswegs gesagt sein soll, daß man diese Wahrheit deduzieren könne, oder daß sie die glatte Form eines Gesetzes habe. Immerhin läßt es sich innerhalb gewisser, natürlicher Eingrenzungen stets ausmachen, was eine Erscheinung freiwillig und unfreiwillig bedeutet, wenn man sie mit dem Riesenvorrat menschlicher Werte und Unwerte vergleicht, den wir kennen, und diesen Instinkt für das Wesentliche, für das positiv Geist-, Empfindungs- und Willenshaltige (der konzentrierte Intellektualität voraussetzt, ebenso wie zur Intelligenz in der Beurteilung der Lebensformen Instinkt gehört) besitzt Blei in einer Stärke, die um so ungewöhnlicher ist, als es bei uns ringsum von falschen Etikettierungen derart wimmelt, daß geradezu ein großer Teil unserer geistigen Hierarchie auf ihnen beruht.
So ist er eigentlich ein Aphoristiker, nach seiner inneren Form und im Gegensatz zur äußeren seiner Bücher. Diese Auffassung mag ein wenig gewalttätig angesichts eines Werkes erscheinen, in dem sich viele erfolgreiche Bücher befinden, wie etwa die bekannte »Puderquaste« oder die scharmanten, kleinen »Lehrbücher der Liebe«, und Bücher, die in Problemstellung und Lösung so bedeutsam sind wie der tiefe Längsschnitt durch unsere Kultur, im Textband der »Formen der Liebe«, oder die jüngst erschienene »Geschichte eines Lebens«, die eine Autobiographie ist und zugleich eine neue Form der Lebensbeschreibung in Verbindung mit der Ideenentwicklung. Trotzdem findet man den eigenartigsten Ausdruck seiner Leistung in Bemerkungen Formulierungen, Erklärungen und Theorien, die seit je wie Kuckuckseier auch in die Nester gelegt sind, die er für den Buchmarkt baut. Man findet ihn in den Zeugnissen seines Geschmackes, meist kleinen, kurz begründeten Notizen von außerordentlicher Treffsicherheit, mit denen er durch die Länge seines Lebens uns verschwenderisch bedacht hat. Diese Bemerkungen, seien sie nun »gelegentlich« oder Zwischenglieder in dem Aufbau eines Buches, berühren alle Erscheinungen des geistigen Lebens, aber um der Leichtverständlichkeit Willen möge nur auf einige literaturkritische Beispiele hingewiesen sein. So hat Blei als erster Claudel übersetzt und kritisch begründet. Von André Gide, den heute alle kennen, haben wir durch ihn schon vor fast dreißig Jahren erfahren. Sternheim ist nicht nur eine Entdeckung, sondern geradezu ein Erziehungsprodukt Bleis gewesen. Max Scheler hat ihm in einer kritischen Zeit seines Lebens viel zu verdanken gehabt. Auf Rudolf Borchardts unvergleichliche Meisterschaft hat er immer hingewiesen …: diese Aufzählung, da sie sich um ein Vielfaches vermehren ließe und außerdem zu ergänzen wäre durch die Liste derer, die er heute noch, zur Verwunderung seiner Zeitgenossen, mit seinem rücksichtslosen Lob bedenkt, und ebenso durch die gegenläufige Aufzählung der Olympier, an die er zur Verwunderung vergangener oder noch im Vergehen begriffener Zeitgenossen nicht geglaubt hat – bloß also ein solcher kritischer »Rekord« würde bei einem anderen genügt haben, um ihn mit den Ehren und Einkünften eines bewunderten und gefürchteten Mannes zu versehen.
Allein ich glaube, Blei hat das überhaupt niemals wichtiger genommen als die Eindrücke eines Spazierganges und den Bericht darüber, und in der Tat durfte ihm das ja auch so natürlich erscheinen, was für uns andere eben seine Natur ist, deren Ungewöhnlichkeit wir erkennen. Er hat bewirkt, daß es in deutscher Sprache bedeutend mehr Geist und Form gibt, als es ohne seine Hilfe geben würde, und er hat nicht allzu viel Dank dafür bekommen, unter anderem niemals den Literaturpreis der Stadt Wien, obwohl er Wiener ist.
Literat und Literatur
Randbemerkungen dazu
[Die Neue Rundschau, 9.1931, S. 390-412]
Vorbemerkung
Diese Aufzeichnungen wollen weder eine Theorie, noch eine Entdeckung sein und stellen nichts dar als einen Überblick über einige Erscheinungen der Dichtung und des Literatentums, die untereinander zusammenhängen. Als Beginn mag die Frage dienen, warum bei uns die Bezeichnung Literat für ein Scheltwort gilt, und noch dazu ein solches ist, das oft von Menschen, die in keinem ganz einwandfreien Sinn Literaten sind, gegen solche gebraucht wird, die es in einem einwandfreien Sinn sein möchten. Denn der Mann, der von der Literatur lebt, indem er sie zu irgendeinem Geschäft ausnützt, heißt bei uns gewöhnlich nicht Literat, sondern besitzt neben seinem Einkommen eine schöne Berufsbezeichnung, sei es auch nur, daß er Zwischentiteldichter heißt; Literat dagegen wird vornehmlich jemand genannt, der sich von keinen anderen Rücksichten leiten läßt als der Abhängigkeit von der Literatur: er ist Nur-Literat, und daß sich daraus eine geringschätzige Bezeichnung entwickeln konnte, die nicht allzufern den Begriffen Kaffeehaus und Boheme liegt, weist immerhin auf Verhältnisse innerhalb der Literatur oder zwischen ihr und dem menschlichen Ganzen hin, die bemerkenswert sein müssen. Eine Literatur, die es gestattet, mit dem Wort Literat eine solche Bedeutung zu verbinden, erinnert an einen Apfelbaum, der Kirschen oder Melonen tragen möchte, aber nur ja keine Äpfel. Was fehlt dem Baum? Wir alle sind zuerst und zuoberst Literaten. Denn Literat im richtigen Sinn, das ist der noch nicht spezifizierte Funktionär der Literatur, das Grundgebilde, woraus alle anderen entstehen. Der junge Mensch beginnt als Literat und nicht als Dichter oder gar gleich als Dramatiker, Historiker, Kritiker, Essayist und so weiter, selbst wenn man ein gewisses »Geborensein« für das eine oder das andere zugeben will, und das Wesen einer Literatur ist nicht in Ordnung, sobald dieser Zusammenhang nicht mehr gespürt wird. Dann darf man fragen, welche Störungen es bewirken, daß die gemeinsame Grundbedeutung über der ausgebildeten Form verloren geht, und diese Frage wird man, wenn auch unvollständig und nur nach gewissen Begriffen entwickelt, in den folgenden Beobachtungen klingen hören.
Der Literat als allgemeinere Erscheinung
Gewöhnlich ist mit der Bezeichnung Literat dort, wo sie tadelnd gebraucht wird, eine nicht unwesentliche Vorstellung verbunden, die sich ungefähr so aussprechen läßt: er sei ein Mann, der sich irgendwie zu ausschließlich und auf Kosten seiner »vollen Menschlichkeit« mit der Literatur beschäftige, also ein Mensch aus zweiter Hand, der nicht (wie es angeblich der Dichter tut) von den Tatsachen des Lebens abhänge, sondern von den Berichten über sie. Mit anderen Worten, es sind die Hauptmerkmale dieser Vorstellung die gleichen wie die des Begriffs, den man von einem Scholiasten, Kommentator oder Kompilator hat, und in diesem Sinn ist der Famulus Wagner ein Literat gewesen, den Goethe unsterblich und lächerlich gemacht hat. Wahrlich hat diese Gattung Mensch in der Geschichte des Geistes vom Altertum bis zur Gegenwart auch eine Rolle gespielt, die nicht immer erfreulich war. Ein solcher Mann, der auf die Worte der Meister schwört, ist aber ausgezeichnet durch die Geringfügigkeit persönlicher Leistung bei umfassender Kenntnis fremder, und damit wäre nun beinahe schon eine Definition des Literaten schlechterer Spielart gewonnen, wenn – solche Beschreibung nicht eben auch auf einen Durchschnittsprofessor zuträfe. Sie trifft auch auf einen Strategen zu, der in der Entscheidung versagt, aber ein ganz brauchbarer Kriegsschullehrer ist; man könnte ihn einen Literaten der Kriegskunst nennen. Sie trifft ebenso auf einen moralischen Rigoristen zu, dessen Geist ganz von Vorschriften angefüllt ist, wie auf einen moralischen Libertinisten, dessen Geist ein Merkzettel der Freiheiten ist; beides, Rigorismus wie Libertinage, sind Wesenszüge eines Literaten. Dieses Mißverhältnis zwischen eigener Leistung und Kenntnis fremder findet sich überhaupt je nach den Umständen verschieden ausgeprägt. Wo Können erforderlich wäre, wird es dieses durch Kennen ersetzen; wo Entscheidungen am Platz sind, wird es Skrupel liefern; wo die Aufgabe in einer theoretischen Leistung liegt, wird es sich mit Kompilation behelfen, sich ebensogut aber auch in eine nie endende experimentelle Vielgeschäftigkeit flüchten …: In allen Fällen scheint es jedoch zu einer Verschiebung zu führen, durch welche die Anstrengung von der eigentlichen Leistung, zu der Begabung, Wille oder Umstände nicht hinreichen, auf eine leichter erreichbare Nebenleistung verlegt wird, die den Ehrgeiz hinreichend befriedigt. Es liegt in der Natur dieses Vorgangs, daß dabei das Unfruchtbare und Unursprüngliche, wenn es sich mit einem gewissen, auf Leistung gerichteten Ehrgeiz paart, immer auch in lebhafte Verbindung mit der Überlieferung geraten wird, während es nicht oder nur in geringem Ausmaß auf die gründenden Elemente – sei es der Ideenbildung, sei es der Erfahrungs-, Gefühls- oder praktischen Entschlußbildung – zurückgeht, und der Literat in üblem Sinne ist nichts als ein Einzelfall dieser weit größere Gebiete umfassenden Erscheinung.
Literat und Literatur
Ein solcher Versuch, die Erscheinung des Literaten in einen Kreis verwandter Erscheinungen einzubeziehen, läßt natürlich die Frage offen, was denn in diesem Kreis schließlich seine Eigenart ausmache und welche besonderen Eigenschaften den Literaten der schönen Literatur von dem einer sozusagen beliebigen unterscheiden. Betrachtet man ihn nun, um das nachzuholen, als gesellschaftliches Sonderbild, so findet man den Schönliteraten, je nach der Seite, von der man es tut, entweder als einen sogenannten Intellektuellen oder als einen sogenannten Gefühlsmenschen von seinen Nachbartypen abgerückt. Das heißt, er pflegt in einem echten Intellektuellen, also etwa einem durchschnittlichen Gelehrten, den Eindruck eines Zuwenig an Intelligenz hervorzurufen, allerdings gewöhnlich mit dem Anschein einer gefühlhaften Überleistung, wogegen er auf einen richtigen Gefühlsmenschen – dem das Reden schwer fällt, der sich zu nichts leicht entschließen kann und darum an seinen Worten, Beschlüssen und Gefühlen treu festhält – den Eindruck eines »Intellektuellen« macht, dessen Gefühl schwach, unbeständig und nicht wirklich ist. Hält man beides zusammen und ergänzt es aus der Erfahrung, so ergibt das einen Menschen, dessen Intellekt mit seinen Gefühlen spielt oder dessen Gefühle mit seinem Intellekt spielen, was man nicht unterscheiden kann, dessen Überzeugungen unbeständig sind, dessen logische Schlüsse wenig Verläßlichkeit haben und dessen Kenntnisse ungenau begrenzt sind, der diese Mängel aber auf eine eindrucksvolle Weise durch eine lockere, rasche, weitreichende, manchmal auch scharf eindringende Geistigkeit ergänzt und durch eine der schauspielerischen ähnliche Fähigkeit und Bereitschaft, sich in die Mimik fremder Lebens- und Gedankenbereiche einzufühlen.
Man darf wohl ohne Herabwürdigung des Schriftstellerberufs einräumen, daß kaum ein einziger der ihm Ergebenen ganz frei davon ist, dieses Doppelprofil zu zeigen. Wir können aber auch (denn Akt und Akteur prägen sich gegenseitig aus) von der Betrachtung der Literatur ausgehen und finden dann, was freilich ungleich wichtiger ist, ein Gebiet mit Eigentümlichkeiten, die solchen des Literaten in einer bedeutsamen Weise entsprechen. Die schöne Literatur hat als Ganzes wie in allen ihren Teilen etwas Unendliches und Unabgeschlossenes, sie dehnt sich ohne Anfang und Ende dahin, und jedes ihrer Gebilde ist singulär und durch kein anderes ersetzlich, wenn sich die Gebilde auch ein wenig miteinander vergleichen lassen. Die schöne Literatur hat keine Ordnung außer einer historischen und vereinzelten Bruchstücken einer kritisch-ästhetischen. Sie hat keine Logik, sondern besteht nur aus Beispielen für ein geheimes Gesetz oder Chaos. Man könnte sagen, daß ihre geistige Natur aus Erinnerungen ohne begrifflich faßbaren Zusammenhang besteht, und für ein solches Gebiet ist das Zitieren (die Berufung auf das runde Wort der Meister, statt der herausgelösten Bedeutung) konstitutiv und drückt nicht bloß ein rhetorisches Schmuckbedürfnis aus. Historisch hat der Typus des Humanisten denn auch mit klassischen und Bibelzitaten begonnen, und wenngleich dieses Zitieren äußerlich jetzt wohl etwas aus der Mode gekommen ist, so hat es sich doch bloß ins Innere zurückgezogen, und die ganze schöne Literatur gleicht einem großen Zitatenteich, worin sich die Strömungen nicht nur sichtbar fortsetzen, sondern auch in die Tiefe sinken und aus ihr wieder aufsteigen.
Es müssen dabei ganz merkwürdige Verhältnisse entstehen. So könnte man wahrscheinlich welchen Schriftsteller immer »zerlegen« (und zwar sowohl formal wie gegenständlich oder auch dem angestrebten Sinn nach) und würde nichts in ihm finden als seine zerstückelten Vorgänger, die keineswegs völlig »abgebaut« und »neu assimiliert« sind, sondern in unregelmäßigen Brocken erhalten geblieben. Es ist für solche Ausdrücke vielleicht um Verzeihung zu bitten, aber es gibt keine angemessene Erklärung und Beschreibung dieses Vorgangs der literarischen Tradition, von dem sich bestimmt sagen läßt, daß auch der unabhängigste Schriftsteller nichts hervorbringe, was sich nicht fast restlos als abhängig von Überlieferungen der Form und des Inhalts nachweisen ließe, die er in sich aufgenommen hat, was aber andererseits, wie es scheint, seiner Ursprünglichkeit und persönlichen Bedeutung gar keinen Abbruch tut. Am deutlichsten tritt diese Erscheinung ja am lyrischen Gedicht zutage, das jedesmal einen der unvergleichlichen Glücksfälle der Literatur darstellt, wenn es schön ist, unerachtet dessen es so sehr wie kaum ein zweites Gebilde »unoriginell« sein kann, wenn man seine »Form« und seinen »Inhalt« mit den überlieferten Formen und Inhalten vergleicht, in die es, scheinbar grenzenlos, doch scharf begrenzt, eingebettet ist wie ein durchsichtiger Kristall in seine durchsichtige Mutterflüssigkeit.
Es wird also an der schönen Literatur der sonderbare Zustand sichtbar, daß das Allgemeine, Kontinuierliche und der persönliche Beitrag des einzelnen sich nicht voneinander trennen lassen, wobei weder das Kontinuum ein anderes Wachstum als das des Umfangs gewinnt, noch das Persönliche eine feste Stellung, und das Ganze aus Variationen besteht, die sich ziellos aneinander legen.