Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 122

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Die gesuchte Moral

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Quantifizierbarkeit der Moral

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Das Unanständige in der Kunst

Es liegt in der Natur der Sache, daß ich mehr oder weniger banale Dinge sage, aber wir müssen uns aussprechen, einigen, dann handeln.

Es hat einen Sinn zu sagen: irgendein Kunstwerk passe nicht auf die Bühne, nicht in den Schauladen, nicht in eine periodische Druckschrift. Dieser Sinn ist: Morphium, Kokain, Sublima … gehören in die Apotheke, sind nur gegen Rezept auszufolgen, das Prinzip des Waffenpasses. Es sagt nichts gegen Morphium, Kokain usw. Es wirft eine Zweckmäßigkeitsfrage auf. Sine ira et studio.

Und löst sie falsch. Statt ein Schutzmannskommando vors Theater zu stellen, falls einige Radaubrüder schon mit dem bösen Vorsatz hingekommen wären – verbietet man die Weber. Der Staat ist doch sonst nicht so zaghaft und traut sich doch zu Aufstände noch zu unterdrücken, wenn sie schon ein wenig gewachsen sind. Angenommen, fünfhundert Menschen sind im Theater, so geraten schlimmstenfalls fünfhundert Menschen in Pathos. Was bedeutet das gegenüber den kriegerischen Tätigkeiten des Herrn von Jagow?! Man überschätzt aber die Fähigkeiten der Kunst. Hat Kunst irgend etwas besonders Aufreizendes? Gewiß. Gewiß reizt mich eine dargestellte Figur mehr als ein Mädel, dessen Brust unter der Bluse zittert. Aber Herrn X reizt es nicht mehr! Denn es reizt in mir einen größeren Komplex als die Sexualpartien, und diese Bahnung hat das Gehirn des Herrn X. nicht. Gewiß, ich kann nach der Weberaufführung Sozialdemokrat werden, ich kann die bestimmendsten Eindrücke meines Lebens aus Büchern, Bildern, Theater nehmen, aber da ist nicht mehr der einfache Zusammenhang Reiz und Tat, sondern da ist das Zwischenglied Werden, Modellierung der geistigen Person. Und das ist doch nicht verboten?

Und an die Freiheit dieser Bildung – pathetisch Gewissenfreiheit – rührt doch der Staat nicht? Nennt sich doch moderner Staat? Wählt doch selbst, wenn er sozialdemokratische Dozenten unterdrückt, Hintertürchen?

Man zitiert die ideelle Vorbereitung der Revolution. Aber Revolution war nicht der Sieg einiger Denker über die Staatsgewalt, sondern der Sieg eines Dritten, eines Unvorhergesehenen, weil der Staat nicht den Denkern Rechnung trug und sich und sie schwächte. Denker sind immer konservativ, manchmal aber haben sie die Pflicht, revolutionär zu sein. Für sie gibt es kaum einen idealen Staat, er würde ihre Notwendigkeit aufheben, aber das gut geschützte, geräuschlose Zimmer Staat verlangen sie. – Das Ganze ist auch der bis zu Idiotie gesteigerte Kantianismus. Ein Staat, der die Freiheit der Forschung garantiert und sich ihren Ergebnissen nicht anpaßt, ist selbst Schuld seiner Revolutionen. Revolutionen sind durch konservative Dummheit gestaute Evolutionen!

Warum ist der Staat der Wissenschaft gegenüber tolerant und nicht der Kunst? Weil Kunst ins Volk dringt. (Und zugleich will er, daß sie ins Volk dringe! Aber Kunst dringt ja gar nicht ins Volk! Man kann Kunst zum großen Teil als das definieren, was in seinen definitionsbildenden Wirkungen nicht ins Volk dringen kann! Oder das Volk ist nicht mehr Volk, ist aufs Niveau dieser Kunst gehoben. Kunst ist entweder wirkungslos oder spiritualisierend. Man kann sich die größte Perversität ausdenken und das Geistige daran zeigen. Diese Freiheit muß man solchen Dingen gegenüber haben, dann erst wird es gehen. Aber schwächt das nicht die Widerstandkraft? Gewiß, aber es gibt eine neue. Eine vielleicht nicht immer hinreichende, aber das ist der Reiz des Kriegs, der Evolution.

Bleibt die Ausrede auf die Nebenwirkungen. Der Lausbub X sieht an dem Akt nur das nackte Weibsstück. Hiemit hat man sich aber beinahe schon abgefunden (Der Staat ist wie einer, der die Welt evakuieren möchte, weil die Luft auch Bakterien enthält. Wenn man aber gar einen japanischen Holzschnitt ausstellen wollte, so würde man doch gewiß nur das Sexuelle sehen?! Natürlich würde man es sehen und manche würden es nur sehen. Aber um Gotteswillen, wenn überall solche Holzschnitte ausgestellt wären, man würde sich gewöhnen. Wie ist es denn, wenn man als Bub das erste Mal nachts allein auf der Straße ist? Und später dann? (Übrigens, einer der stärksten sexuellen Reize meines Lebens ist auf mich von einem wissenschaftlichen Buch ausgegangen, und da war ich schon zwei Jahre mit meinen Hochschulstudien fertig! Also wie plump!) Herr von X. könnte mit seiner Frau nicht durch die Straßen gehen, ohne sich zu schämen. Aber man erziehe Herrn von X. Man reformiere nach vorwärts nicht nach rückwärts. Und wie ist es, wenn zwanzigjährige Mädels einer medizinischen Demonstration beiwohnen? Schämt sich eine? Kommt gar nicht dazu, die Einstellung ist nicht vorhanden. Und schämt sich doch eine oder wird erotisch, so ist das ein singulärer, komplizierter Fall, den man jeden mit sich selbst ausmachen lassen muß. Man unterstütze die Einstellung gegenüber der Kunst von Staats wegen. Man fordere Sezessionen, auch wenn sie schlecht sind.

Also: 1. Kunst hängt mit Sinnlichkeit zusammen (und hängt mit allem Pathetischen zusammen). Aber 2. Sinnlichkeit gab es immer, Kunst nicht (und in kunstlosen Zeiten war die Sinnlichkeit am wüstesten). 3. Die sinnlichen Folgen von Kunstwerken gehen den Staat nichts an. Notorisch. Sie fallen in die anerkannte Gerechtsame der Person. 4. Grenzfälle beweisen nichts, sind unkontrollierbar.

(Gut seien wir wissenschaftlich:)

Die Ehe mit Gleichgestellten

Die Ehe mit Gleichgestellten ist das Abenteuer, das Ungewisse, jedenfalls die große Ausnahme, manchmal endend in einer gegenseitigen Domestikenehe bei gegenseitiger Freilassung der größeren Valenzen. Aber nicht nur hier, sondern auch was beim ersten Typus vom Mann gilt, gilt gleichermaßen von der Frau. Auch die arbeitende Frau wird die Domestikenehe als Norm brauchen und dann nicht minder die schattenhafte seelische Untreue mit manchesmaliger Blutzufuhr aus der Wirklichkeit. Wie dann?

Ich habe gehört, daß die Frau darin anders sei als der Mann. Leichter entbehrend. Mehr geben wollend. Den Mann verläßt der Geschlechtsakt im Augenblick, in ihr schlägt er Wurzeln. Zugegeben für einen Typus, für eine Majorität. Aber auch der andere Typus existiert. Und – es kommt ja darauf an, was sein soll. Sein wird. Wenn eine Frau das leisten wird, was der Mann leistet, wird sie wie der Mann leben. Oder kann bei ihr eine andere Anlage auf anderen Wegen zu den gleichen Resultaten führen? Die Frage vereinfacht sich dadurch, daß die Anlage durch die Resultate determiniert ist. Die mathematische Möglichkeit der Frage wird eingeengt. Es führen nicht verschiedene Anlagen zu den gleichen Resultaten, sondern bei Höchstleistungen ist der Anlagezustand ein singulärer, so exponiert, so zugeschärft auf das Ziel ist er. Es bliebe mir eine zweite, oft bejahte Frage: Wird die Frau zu anderen Resultaten kommen als der Mann? Wird sie einen neuen Bereich geistiger Werte schaffen?

Man soll nicht zuviel arbeiten, lesen. Zum Beispiel Blei würde es gut tun, sechs Monate auf einer Alm ohne ein Buch zu leben. Erst dann lernt man fühlen, was einem not tut. Arbeiten ruiniert den Instinkt für sich selbst. Antinomie der Wissenschaftlichkeit. (Ist übrigens ein Argument für das allgemeine Wahlrecht).

Die Scheidung ist verwerflich unter dem Gesichtspunkt, daß man nur um der Kinder willen sexuell sein soll.

Die Frau hat das unerhörte Glück, manchmal neun Monate lang pathologisch zu sein. Ein Beruf bietet zu viel Möglichkeiten, dem sich nicht hinzugeben.

Das Studium bietet der Frau die Möglichkeit männlichen Aussehens, es ist eine physische Verjüngung, ein erotischer Reiz.

x Keuschheit

Es gibt zwei Arten. Seelische. Sie kann sein, wenn man beim Lesen eines Buchs errötend bemerkt wird. Und sexuelle. Die seelische verträgt sich mit sexueller Unkeuschheit. Ich maße mir nicht an, die Herkunft abzuleiten. Wenn man eine Hündin mit eingekniffenen Schweif zwischen Männchen durchlaufen sieht, wahrscheinlich so. Die Schätzung der Keuschheit ist Männer-Machtsache. Ihren Ursprung als Gefühl dürfte sie in dem Bedürfnis nach Ruhe haben. Schließlich nicht auch irgend einmal nach Ruhe vor dem eigenen Mann? Die Schaffung eines Reservats ist der Sinn. Und dann gibt es die seelische Keuschheit, die ganz anders ist. Irgendwann verbinden sich die zwei. Will man ein Paradox nicht um jeden Preis vermeiden, so muß man sagen, in einem sehr unsittlichen, sehr sexualen Augenblick, in einem Augenblick, wo die Sexualität eminent überschätzt wurde. Natürlich ist die Sexualität (nebst allem Auto-schwindelhaften) auch Symbol. Das der Hingabe der letzten Persönlichkeit (mit ihren Gesten!) Das der Fortpflanzung. Als Symbol umgibt man sie mit manchem, was sie im Durchschnitt nicht verdient. Diese moralische Pflanzenfresserhaltung – geschwächt, flüchtig – ist aber unwürdig.

Die Korrekten

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Homosexualität

Zu prüfende Fragen: Homosexualität der Jugend hat die verschiedensten Ursachen, voraussichtlich gilt das gleiche von der Erwachsener. Das hieße unter anderem, daß Homosexualität gar keine Anlage, Defekt, sozusagen Medizinisches ist, sondern eine Reaktion auf Umstände, Erlebnisse und dergleichen. Das hieße natürlich nicht leugnen, daß es eine Anlage zur Homosexualität gibt, sondern nur das Dasein einer circumskripten homosexuellen Anlage. Es ginge etwas in der Richtung der Psychoanalyse. Dem widersprechen die Paradefälle der § 175 Literatur. Diese quasi unabwendbaren Fälle muß man sich zunächst ansehn. Solche, die auf körperlichen Mißbildungen beruhen, wird es ja gewiß geben. Man müßte trachten, ihren Perzentsatz zu schätzen.

Reiz des Entkleidens

Häufig angesehn als Reaktion auf sittliche Betonung des Bekleidetseins, besonders in der Kindheit. Fällt bei mir wohl ziemlich weg. Trotzdem starke Reaktion auf Entkleiden. Bezieht man dieses Problem nicht zu einseitig auf Sexualität? Kommt hier nicht zum Sexus etwas Anderes dazu, Spannungen des Willens, der Aufmerksamkeit, das Symbolische der Handlung, Beutespannung, Gefühle wie beim Anzünden des verschlossenen Christbaums? Reaktionen, die beim höheren Tier ebenso da sind wie die Sexualität. Das vertrüge sich ganz gut damit, daß in abnormen Fällen alles von Sexualität überwuchert ist.

Pathologische Feuerstifter

Gehen aus bäurischen Verhältnissen hervor. Wo eine Feuersbrunst das Leben des ganzen Dorfs entwurzelt. Reiche arm macht. Mehrere Menschen tötet. Fast alles Vieh tötet. Wo man sich nicht gegen diese ungeheure, geradezu mystische, Gewalt wehren kann.

Individuum und Recht

Erhebendes Bewußtsein des Rechtsprechens und dergleichen. – Nicht vergessen, daß das Gefühl des Rechts nur in ziemlich mittleren Verhältnissen die Judikatur begleitet. Menschen der oberen Schichten wie das einfache Volk haben von unserer heutigen Rechtsprechung vorwiegend das Begleitgefühl des Unrechts. Das gilt aber nicht vielleicht Unvollkommenheiten des Rechtfindungsprozesses, sondern dem Wesen des Rechts als einer anti-individuellen Angelegenheit. Wir fühlen uns in unserm Recht so unbehaglich wie in unserm Staat.

Ziel der Kunst

Das Ziel unsrer Literatur ist nicht Psychologie, sondern die Widerlegung jener Psychologie, auf der sich unsre Moral (weitesten Sinnes) aufbaut. Also ein moralisches.

Profil eines Programms
Rundschau. Profil eines Programms (I)

Motto: …

Was man Gefühlsleben eines Menschen nennt, ist eine Ineinandergreifen von Gefühl und Verstand. Welche, ist eine Frage aus der Psychologie. Aber niemand darf sich darin täuschen, daß in dieser Paarung das Element des Wachstums im Verstand liegt. Die Reden von Reichtum, Weite, Tiefe, Größe, Liebenswürdigkeit, Menschlichkeit des Gefühls sind irreführend; man achte darauf, aus welchen primitiven Verhältnissen noch immer diese Metaphern genommen werden. Der Verstand ist es, der diese Tönungen von Viertelgraden aufwärts in das Gefühl bringt.

Starke Gefühlserlebnisse sind meist unpersönlich. Wer wirklich je einen andren Menschen so gehaßt hat, daß über dessen Tod nur ein Zufall entschied, wer in die Katastrophe einer Angst geriet, wer eine Frau bis zum letzten Abschaum geliebt hat, wer andere blutig schlug, je in seinem Leben mit zitternden Muskeln hinter einem andern dreinsetzte, der weiß es. „Den Kopf verlieren“ nennt es die Sprache.

Das Gefühlserlebnis ist an und für sich qualitätsarm; erst der es erlebt bringt die Qualität hinein. Nuance aber ist nichts anderes als ein vermeintlich einfaches Erlebnis zum Mittel zwischen zwei oder mehreren anderen zu machen. Nuance ist das Gefühl, seine ganze intellektuell-emotionale Nachbarschaft und die Verbindungswege. Und gefühlt dessen vermittelnde Gedanken.

Das Gefühl des sterbenden … ist durch kein anderes Mittel von dem eines unbedeutenden Selbstmörders zu unterscheiden (ebenso ein Buch in der Flut von Büchern); die letzte Wehmut um den Entschluß herum. Die Größen zweier Lieben sind nicht gegeneinander zu messen. Der Gefühlsvorrat ist durch alle Zeiten hindurch ein … begrenzter. Es wiederholt sich immer das gleiche; ein paar Perversitäten fehlen oder kommen hinzu, sind sie da, werden sie im Nu assimiliert, das ist alles.

Unsere Zeit ist aufgereizt und erfolgreich. Kriegerisch und brutal wie kaum eine andere, in erstmaliger Weise ingeniös, wimmelnd überlebendig, sie überrennt den Einzelnen, saugt ihn aus, Wiedertäufer, Gefühlsprotestanten, romantische Dichter, werden mit linksliberalen Pastoren, Beethoventänzerinnen und Gesundbetern in wohltuend lächerliche kleine Gemeinschaften eingekerkert. – Niemand darf leugnen, daß jede kleine Wendung dieses ungeheuren Zeitkörpers schon eine Epopöe wäre. – Aber jemandem vorwerfen, daß er an diesem Stoff vorübergeht, ist eine ungeheure Einseitigkeit. Sie grassiert. (Es sind immer die Erholungsästhetiker, die da herumspuken.) Der Dichter unserer Zeit wird immer noch erwartet.

Wir müssen uns klar sein: sprechen wir von einer Kunst, die die Masse zum Gegenstand oder von einer, die sie zum Ziel hat. Das ist wie immer eine Gruppe schöner Vorwürfe, aber nur eine Gruppe und alle diese Reden von „gesunder“, „kräftiger“, „männlicher“, ungebrochen farbiger Kunst – worauf laufen sie hinaus? Eine Kunst für einzelne als Masse oder eine Masse als einzelne? Kunst wirkt im einzelnen, im Kontemplations-Erlebnis, alle möglichen Mißverständnisse fallen weg, wenn man daran festhält. So allein entsteht der richtige Begriff der Kunst. Definiens: das Gebiet.

Und die Antwort ist, die ganze Weltgeschichte kennt nur zwei Typen von Kunstwirkungen (die nicht einen letzten Bodensatz von Gültigkeit haben). Das Fühlsam-Nachdenklich-Machen, das in einem Theater hundert von der gleichen Sache Ergriffene gegeneinander einsam macht, das ein Buch nicht lieben, aber seitenweise zu verschiedenen Zeiten wieder vornehmen läßt, und das Schmückende, Überhöhende, Pathetische, das einen Saal von einander sonst gleichgültigen oder widerwärtigen Menschen in einen Derwischtanz des Beifalls reißt und durch ein Buch jene Begeisterungsepidemie erzeugt, der eine flaue Stimmung im Nachjahr folgt.

Die Wirkungen dieses zweiten Typus sind suggestive; ein gewisser mittlerer Wert des Werks ist Voraussetzung, wie ja auch im Leben die Menschen von großem persönlichen Einfluß nicht allzu intelligent sein dürfen. (Geistig und künstlerisch, Inhalt und Medium, Geist und Zauber.)

(Und die Bücher, die Hoch und Niedrig gefallen? Entweder ist das erste nicht wahr oder sie enthalten Nebeneigenschaften, die es dem „Nieder“ ermöglichen, sich zu begeistern.)

Und eins ist zu bemerken: Bücher von starker Lebendigkeit, Taten von Büchern sind Surrogate oder – sie sind versteckte Nachdenklichkeiten. Gottsein und eine Theodizee schreiben, sind zwei Dinge, die sich gar nicht miteinander vergleichen lassen, und man kann das zweite vorziehen. (Aber wer eine Theodizee schreiben kann, verzichtet auf das erste.)

Aber warum schreibt man denn Kunst? Um Dinge noch einmal zu sagen? Es war einmal berechtigt, aber wir sind keine Rhapsoden. Warum beschäftigt man sich nicht mit dem physikalischen Relativitätsprinzip, mit den logisch-mathematischen Paradoxas Couturats, mit …?

Weil es Dinge gibt, die sich nicht wissenschaftlich erledigen lassen, die auch nicht mit den Zwitterreizen des Essays zu fangen sind, weil es Schicksal ist, diese Dinge zu lieben, Dichterschicksal. Gefühle und Gedanken sind unpersönlich und unkünstlerisch, die Art ihrer Verflechtung ist die Persönlichkeit und ist die Kunst.

Der Gedanke des Künstlers ist nicht zielstrebig, wenn man unter Ziel das Urteil mit dem Anspruch auf Wahrheit versteht. Denn auf seinem Gebiet gibt es keine Wahrheit. Von der psychologischen Wahrheit wird zuviel geredet und von der ethischen nicht einmal dies. Möglichkeiten in Seelen hineinbohren!

Es ist nicht das Programm der Kunst, aber es ist das Programm einer Kunst – und man muß wissen, wo man stehen will.

Diese Kunst kann jeden Gegenstand aufgreifen; die Epopöe, das Laster, die Tugend – sie charakterisiert sich durch das, wie sie es tut – unbegeistert, in Frage stellend, nachdenklich, aus bislang fremden Elementen aufbauend.

Sie ist nicht die einzige Kunst. Der Begriff „klassische Kunst“ ist nicht durch Goethe erledigt, Goethe ist: ein paar Versuche dazu. Der Begriff naturalistischer Kunst ist nicht wie ein Hund verscharrt, es ist der noch gar nicht gemachte Versuch des wandernden Fixationspunktes, der Uneinheitlichkeit im Verstreuten, der Begriff pathetische Kunst, wird das Studium pathologischer Publikumswirkungen erfordern – ungeheure Arbeitsfelder liegen hier und sie erfordern nur das eine: daß man alles neu macht, mit allen traditionellen Forderungen bricht, den stets fremden Körper des Gegenstands untersucht und je nach Erkenntniskräften ein Stück von ihm losschlägt.

Aller seelische Wagemut liegt heute in den exakten Wissenschaften.

Nicht von Goethe, Hebbel, Hölderlin werden wir lernen, sondern von Mach, Lorentz, Einstein, Minkowski, von Couturat, Russel, Peano …

Und im Programm dieser Kunst das Programm eines einzelnen Kunstwerks kann dies sein:

Mathematischen Wagemut, Seelen in Elemente auflösen, unbeschränkte Permutation dieser Elemente, alles hängt dort mit allem zusammen und läßt sich daraus aufbauen. Der Aufbau beweist aber nicht: daraus besteht’s, sondern damit hängt es zusammen. (Auch in der Darstellung handelt es sich darum nur um eine Aneinanderreihung.) Vermeintliche Psychologie ist freieres ethisches Denken – man wird sagen, das ist eine unmoralische Kunst und doch nur sie ist eine moralische. Tragen wir’s eine Weile. Das Bedürfnis nach einem être suprême und Masochismus sind nicht ohne Sachzusammenhang; Frigidität und absolute, unpersönliche Sinnlichkeit, absolute Sinnlichkeit und das Einschüchternde, Knurrende, potenziert Männliche, aber in erster Linie Unmenschliche, – Frigidität und Unmenschlichkeit sind nicht ohne Zusammenhang.

Bedeutungszusammenhänge sind das, nicht nur psychologische. Drei Arten gibt es: die kausal wissenschaftliche, die individuell-psychologische, wo man es an einem Einzelfall zustandekommen läßt, unverbindlich, stets gedeckt hinter der Singularität des Falls und die dritte, wo man nicht das Zustandekommen sondern die Bedeutungen selbst zeigt und wo man sie – der Kürze halber – nicht im Einzelfall zeigt, sondern im Abstrakt Allgemeinen. –

An diesen beiden letzten Fällen scheiden sich Novelle und Roman; friedlich, technisch. Das zweite ist die Methodik der Novelle. Sicher ist, daß die Novelle kein beschnittener Roman sein darf. Sonst wandert man in der Ebene des Fleisches und die Bedeutungen liegen fern am Horizont. Hier in der Ebene der Bedeutungen, an deren Horizont nur ein ferner dünner Dunst dieses fremden Fleisches lagert. Würde man aus jedem Absatz eine Szene machen, – alles wäre so verständlich. Aber muß man denn immer erklären? Vielleicht. Aber niemand darf es einem verübeln, wenn man es einmal nicht tut. Das ist un-unheilige Kunst.

Es wird eindimensionale, nicht kubische Kunst.

Der eine Fall ist weniger zu halten als der andre; ich will in ihm Dunst und Nebel wählen, „Menschen, die sich manifestiert haben“. Man kann das nicht beweisen, man kann nur hinweisen. –

Es handelt sich, anders gesagt, um „verbindliche Motivierung“. Eine Kunst aus Ekel am immer Geübten, welche ästhetische Sittenrichterei, das nicht zu würdigen und auch im Einzelfall nicht zu entschuldigen.

Man kann die Probe machen, jeden Absatz, jeden Satz aufrollen, sich es in Szenen umerfinden, es werden gute Szenen sein, den Gedankeninhalt prüfen, er wird unter der Grenze sein, unter der er sein will und er wird sich nicht abstrakt ausdrücken lassen. Oder wird man das wirklich nicht verstehen? Statt Mikroskopie Nebelhaftigkeit sehen, Wagnisse mit Verwischtheiten verwechseln? Eine Erwartung, die sich ertragen läßt.

Und man stellt sich optimistisch das Schicksal eines solchen Buchs in Deutschland vor.

Grenzenüberschreitenwollende Liebe und Selbstvernichtung.

Es ist eine gefährliche Kunst, sie wird das Nächstliegende übersehen, auch das Ganze über den Teilen.

Anfang?: Man versetze sich in folgende Stimmung: …

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
10 haziran 2026
Hacim:
5257 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9782377871742
Telif hakkı:
Bookwire
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