Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 124

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Überall einsetzen: Was wir im gewöhnlichen Leben Gefühl nennen, sind komplexe Zustände und Vorgänge; Emotionales, Sensorielles, Motorisches, Intellektuelles verkreuzen sich darin.

Der Erzähler wendet sich an das Denken, an die Erinnerungen von Gefühlen und Empfindungen und an das Voluntaristische im Menschen, um sie alle zu erregen und mit ihrer Hilfe verstanden zu werden.

Die Figur ist das Inkognito, die Verantwortungslosigkeit des Dichters. Und in der Dichtung kann man … nach: Wo uns ein Mensch erschüttert … Man kann – wenigstens innerhalb der Vagheit, in der sich die Psychologie des Dichters bewegt – so ziemlich jeden Endzustand aus jedem Anfang ableiten, aber man darf nicht übersehen, daß der Wert, den man gewinnt, nicht in diesem Schein von zwangsmäßigem Nacheinander liegt. Die inneren Wege, die der Erzähler führt, sind wertlos, sofern nicht jeder Schritt auf ihnen außer seiner psychologischen und sonstigen kausalen Wahrscheinlichkeit auch den Wert der Mitfühlbarkeit, der Lockerung, der Bereicherung … hat. Der Kausalzusammenhang ist nur der Vorwand, Schritt um Schritt dieses Zusammengehänge mitgeführter und mitführerischer Werte auszubreiten.

Man wird das Moment des Verzichts, das dergestalt in der Lebendigkeit liegt, nicht übersehen dürfen; den Antagonismus der Vorstellung gegen das Dargestellte. Es ist das eigentliche Problem des Technikers im Künstler, hier seinen persönlichen Ausgleich zu finden. (Und wenn das Richtige auch gewiß in der Vereinigung beider Elemente liegt, wird er wohl häufig den Wunsch haben, irgendein Erlebnis aus gerade geeigneten Mitteln aufzubauen, nur um zu bauen wie den Ekel davor und den Wunsch ein Maximum wertvoller Elemente zu einem beliebigen Bau zu finden.)

Es ist eindringlicher, Gedanken zu verkörpern, aber weniger präzis. Die Sprache der Situation, der Handlung, der Darstellung des wenig gegliederten Gefühls ist von unmittelbarer Schlagkraft, aber sie läßt der Interpretation meist einen zu großen Spielraum und ist darum in ihrer Wirkung ungenau. Es ist ohne Suggestivkraft größer, – ein verwandter Zusammenhang damit, daß wir leichter praktisch lernen als auf der Schule – es wirkt diese Art Darstellung stärker auf den Willen; Knaben werden von Indianer- und Abenteuergeschichten zu sinnlosen Fluchtversuchen verleitet, junge Leute träumen über einem Buch und noch auf der höchsten Stufe – wo alles Willensmäßige der Reaktion endlich vom Vorstellungsmäßigen aufgesogen ist, – bleibt als sein letzter, indirekt bemerkbarer Rest die größere Amplitude der Seelenschwingungen, in die wir versetzt werden. Und so liegt in dieser Ungenauigkeit, in diesen seelischen Affinitäten, die nach allen Seiten davon ausstrahlen, doch gerade auch ein Mittel zur Genauigkeit, – wo es gilt, ein Ziel nicht mehr direkt zu beschreiben, sondern mit möglichst vielen der unerschöpfbaren Zahl seiner Profile zu zeichnen; Wie weit der Dichter Denker sein darf, ist begrenzt durch die Natur der Gegenstände, die er ausdrückt und die sich rational nicht bis zu Ende behandeln lassen, wie weit er es nicht, von wo an er bloß lebendig sein kann, geht, soweit als die Ungenauigkeit noch als ein Mittel zu seiner Genauigkeit wirkt!

In diesem Verzicht auf die eindeutige Lösung liegt gewiß etwas Irrationales, die Macht seiner Intellektualität äußert sich aber in der Höhe, auf der dieser Verzicht erfolgt. Und wenn er auch der letzten Entscheidung, ob das Dargestellte ihm Recht oder Unrecht sei, ausweicht, so bleibt ihm doch auch die Leistung des Nachweises erspart, daß es ein Recht sei und ein gutes. In diesem Sinn ist sein Ergebnis eine Wissensschaft. Es liegt in der Natur ihres Gebiets, daß er zu keinen Allgemeinverbindlichkeiten und Objektivitäten kommt – er bricht bloß auf einzelnen Linien in den Gegenstand ein, gibt Profile, Querschnitte eines Fließenden, keinen Kataster. Zumindest in jenem entscheidenden Punkt, wo sich jedes Kunstwerk jenen Tropfen Lebenssubstanz holt, der es nicht bloß zu einer schönen Sache, sondern zu einem menschlichen Ereignis macht. Es ist vielleicht weniger bezeichnend zu sagen, daß er seiner Zeit voraus sei, als in einem nur ihm bestimmten Gebiet. Und der Natur dieses Landes angepaßt ist er der ewige Eroberer und nie Pazifikator.

Kunst

… geistige Bewegung: aber erkennen kann man dies nicht heißen. Es fehlt die Konvergenz zur Eindeutigkeit, der Eindruck läßt sich nicht komprimiert niederschlagen, es sind intellektuelle Umschreibungen von etwas, daß man sich menschlich aneignen kann, aber nur in intellektuellen Umschreibungen wieder ausdrücken kann. Ich suche hierin den Unterschied zwischen Essay und Wissenschaft; Essay als autonomes geistiges Gebiet angesehen und nicht als kleine Wissenschaft, Werkstättenabfall oder Gedankenspan. Auf der andern Seite liegt Dichtung. So fern dem Verstande, wie die meisten meiner Kollegen glauben machen, liegt sie durchaus nicht. Ihr Wesen ist Weltanschauung, Weltdeutung, Weltexperiment; schildern, gestalten, Gefühle erregen und aus einem Gefühl herausgeschleudert zu werden, ist nur ihre Technik. Wenn man sagt, Shakespeare sei unübertroffen als Menschenschilderer, so ist das ein Unsinn; Pötzl übertrifft ihn. Aber an den Figuren Shakespeares haftet Aspekt; sie sind Reaktionen, in die Kompliziertheit des Verhältnisses eingebettet, in dem ein großer Mensch zur Welt steht. Solcher Aspekt kann in einem Wort liegen, in einem rhythmischen Einfall, kann ganz intuitiv sein, kann subjektiv eine Zufallseingebung sein, wie das ja oft geschieht: aber ist mit Philosophie geladen, also auch mit Intellektualität, und was er hinterläßt, ist philosophische Bewegung. Wäre demnach das Wesen der Dichtung Philosophie und sie selbst also etwas anderes als ihr Wesen, etwas Zweckloses, eine Verwässerung? Dichtung liegt vom Gebiet der Erkenntnis noch um einen Schritt weiter ab als Essay. Ließe sich die von ihr mitgeteilte Bewegung rational erfassen, so wäre sie Zeitvergeudung und lächerliches Lehrgedicht. Aber aus den Karamasows (ich wähle dieses Beispiel, weil ich bewundere, daß Hermann Hesse bloß zwanzig Jahre zu spät daran entdeckt hat, das Moral etwas zu Verwandelndes sein könnte und das Böse ebenso Kraft wie das Gute) aus den Karamasows läßt sich keine Philosophie abstrahieren, weil deren Hunderte in ihnen wachsen, und aus einem Buch der Agnes Günther oder aus dem Peter Kamenzind keine, weil keine darinsteckt. Und gehen wir doch noch um einen Schritt weiter, sehen wir das Leben selbst. Kein Willensentschluß, der nicht etwas von Sprung über die Leere hätte. Kein Haß, der nicht fast schon vom Geruch ausginge wie bei den Hunden. Kein Eindruck, der von einem bedeutendem Menschen kommt und in allgemeine Ausdrücken ganz übersetzbar wäre; bedeutende Menschen haben wie bedeutende Bücher nur dann Erfolg, wenn man sie sich dazu eignen mißverstanden zu werden. Leben und Mensch sind nicht rational: das sagen und wissen alle. Aber man verschweigt sich, daß alle Irrationalität in Rationalität fundiert ist und durch sie geordnet und zum dauernden Besitz gemacht wird. Denn was unterscheidet den Lebensverzicht des heiligen Bernhard von Clairvaux von dem eines Dienstmädchens anders als was auch den Vorstellungsinhalt der beiden unterscheidet?

Affekte sind ja, abgesehen von kleinen Unterschieden der Stärke, unpersönlich; Pathos ist immer leer, wenn es nicht von Mitteilung gefüllt wird; ein großes Gefühl ist von einem kleinen eigentlich nur durch den Umfang dessen zu unterscheiden, was, von ihm ergriffen, umerlebt und umgedacht wird.

Der Dichter und diese Zeit

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Eine Zeitschrift, die gegründet werden soll

Für Hiller

Hotel

Man kommt durch schwarzen stöhnenden Fichtenwald, Schneetreiben, Nacht, Knarren von Stämmen, schattenhafte Nachtgebilde, sieht Lichterreihen, Lichter, fühlt Wärme, eine Hotelhalle, Abendkleider, schwarzweiße Herren, schillernde Frauen – und denkt an eine Zeitschrift, die gegründet werden soll. Herr Low, Herr Lowbauer und Herr Bauer spielen Tarock, Graf x schreibt Ansichtskarten, entzückende Mädchen, die tagsüber in Höschen herumgelaufen sind, und junge Herrn, die das Norwegermesser am Gürtel hängen hatten, sprechen über Telemarck, Bobrennen … Herr Geheimrat Prof. X. raucht eine Zigarre und genießt Respekt. Für diese Leute muß man Kunst machen. Das erfordert den Respekt einer Tatsache. Eine Vision … Deutschland: Für dieses Volk soll man schreiben. Und ich sehe nicht ein, warum es nicht gelingen sollte. Es sind tüchte Leute, Soldaten eines Willens, bereit, jedes Vorurteil zu opfern, sobald sie einen Vorteil ersehen … Man schimpfe mir nicht über den Bourgeois, er hat in Deutschland äußerst anerkennenswerte Dinge geschaffen. Mit Polemik überzeugt man nicht.

Eine neue Zeitschrift.

Man denkt an eine Zeitschrift, die gegründet werden soll, und allmählich schiebt sich ein Bild zwischen die Gedanken; transparent, bloß dann verhärtend in den Farben, deutlicher, lebhaft. Dann steht es mit einem letzten Ruck zitternd still und überflutet das Bewußtsein. Ein alter Geheimrat. Ein Zimmer voll Büchern. Schreibtisch. Zettelkasten. Minervabüste. Ottomane zum Nachmittagsschlaf. Eine verschollene Tauluft weht ums Herz: Zigarettenrauch, schwarzer Kaffee, Bücherrausch, Studierkajüte, einsames Segeln im All. Plötzlich aber, in den Professor huschend und mit seinem Blick geschweift, erscheint es – wie Butzenscheiben, Zinnkrüge, Sammetweste – als romantische Gemütlichkeit. Man riecht förmlich, daß das alles auch die Sehnsuchtsvorstellung des Professors von vor 40 Jahren: ein Zimmer so voller Büchern. Eine fast sexuale Entwertung des Ideals mit einem Schlag tritt ein. Man gewahrt nun im Bild auch einen Privatdozenten. Vor zehn Jahren ist man mit ihm in der Schule gesessen. Er sprach gerne von Seele, von Höhe, von Menschentum. So kommen die neuen Gefühle auch in die Wissenschaft, … gangbare Gedanken, aber Geduld und Wille. Aber man frage drei Literaten, was Rhythmus sei. Von Ekrasit bis zu Rockglockenklängen einer durch die Werte wandelnden Geliebten alle Arten von Antwort. In der Hälfte aller Antworten mehr absoluter Einfall, mehr Lebensumstellung, als in dem Lebenslauf eines Professors mehr dem eines Dozenten. Dennoch: man hat die Entwürfe zu einem Band Gedichte durchblättert, es ist, als hätte man Wölkchen nachgesehn; sie sind vorüber, eine kleine undefinierbare Unruhe bleibt eine Weile, dann einmal etwas Hungerähnliches, leeres. Man fühlt, ein ungeheurer unorganischer Seelenaufwand ist Dichten, ein ruhiger Arbeitsüberschuß über den bleibenden Effekt. Man lächelt in Selbstpersiflage. Aber man nimmt ein Steinchen und beißt darauf; man sehnt sich nach etwas Wissenschaftartigem, nach Organisation, nach geschickterer Ausnutzung, nach Schichtung der Ergebnisse, damit der Sprung des nächsten schon bei ihm anfange, nach synthetischer Kritik, nach anderer Kritik als heute. Wenn der Professor und der Dozent über Rhythmus sprechen: Der Professor sagt: Komplexqualität, Rhythmigomenon, phänomenale Repräsentation, Urteilstäuschung … Der Dozent sagt: Einheitsmoment, Gruppe, Perseveration, Bewußtseinslage, Akzent … Es ist noch lange nicht der lebendige Rhytmus, wovon sie sprechen, sondern ein abstraktes klopfgefingertes Etwas, aber sie haben damit Anschluß aneinander, auf das a des einen setzt der andre sein b und allmählich wird das Ganze menschengebildähnlich. Eine geistige Sauberkeit herrscht dabei wie in einem Maschinenhaus. Man muß bloß davon absehen, daß diese ganze Tätigkeit noch keinen rechten Anschluß an die Wirklichkeit hat, dann erscheint sie wundervoll; Schachmeisterschaft, aber man lernt dabei die Generalia einer Meisterschaft kennen. Und der Dichter steht beschämt in seinem eigenen Qualm, während sie den Rauch analysieren.

Das Bild erlischt, man sieht das dunkle Chaos der deutschen Literatur. Man fühlt sich einen Augenblick lang versucht zu denken, daß das nichts zu bedeuten habe; diese einander kreuzenden Richtungen, diese suggestiven Schaubegriffe, diese kleinen Auf-den-Schild-Erhebungen. Es ist Unruhe des Gesindes, das auf den Herrn wartet. Aufflattern ästhetischer Gerüchte. Auch der Naturalismus schwieg, als Gerhard Hauptmanns Stimme aufstieg. Aber es ist anders. Die Theorien wurden nicht früher wieder vergessen, als sie das ihre getan hatten, sie schufen nichts, aber sie schlugen ein Loch – damals. Und heute? Es ist wieder überwachsen. Der philiströse Sumpf ist ausgetrocknet, vermoost, mit einem Teppich blasser Pflänzchen bedeckt, von tausend Bestrebungen überblüht – gefährlicher geworden. Denn es ist leichter, einen Gegner niederzuboxen als einen Gutgesinnten zur Selbstverleugnung zu überreden. Man sammle bloß ein Jahr lang die sämtlichen Rezensionen unserer Zeitschriften und Zeitungen. Romantik, Klassizität, Intellektualismus, Zurückwollen zu guter breiter Erzählerart werden als Rezepte ausgegeben und gegenseitig bekämpft, deren Vorstellung jede einzelne gut ist (und von guten Vorbildern stammt), Dichter werden mit Eigenschaftswörtern ausgestattet, aus dem gleichen glänzenden Haufen halbgebildeter Begriffe heraus, man hätte nichts gegen sie einzuwenden, wenn sie wahr wären. Die Entwertung des Lobs ist das Niederdrückende dieser Zeit, die Kriterienlosigkeit der Kritik. Man wird die Zeile nie auf eine Formel bringen und es tut nichts, wenn Leute nebeneinander verschiedenes wollen. Was man aber verlangen muß: daß sie das, was sie wollen, mit Kraft, mit Exaktheit wollen, unterscheiden lernen zwischen Anklingen an ein Prädikat und es in vollem Sinn Verdienen. Aufräumen mit dem Schwindel, der getrieben wird, indem Rezensenten Worte, die sie bedeutsam finden, überall anheften (die Rauchpfannen mit den gleichen Gewürzen über das Feuerchen jedes Dichters halten). Genauigkeit verlangen, Klarheit, Adäquation. Qualitative Analyse. Schärfung und Vermehrung der Begriffe, mit denen der Kritiker arbeitet. Ein Dichter wird farbig, linear und dergleichen schreiben je nach dem Werk. Abschaffung des lyrischen Kritikers. Lob der Einzelheiten. Nicht etwas mit der Brillenmiene des allgemeinen Literaturblatts. Dann große vorkünstlerische Ansprüche, Sprödigkeit in menschlichen Dingen. Es ist falsch zu glauben, daß das Publikum sich zu wenig dem Dichter hingibt. Es gibt sich zuviel hin und ruiniert sich dadurch. Der begründende Irrtum dieses Verhaltens liegt in dem Glauben an das Ästhetische als etwas besonderes, Rest der Welt des Schönen. So verlangt man menschlich zu wenig und bereut nachträglich, ohne recht zu wissen warum. Es liegt eine bessere Literatur heute in Gesprächen, in Briefen, in Umarmungen, in gedäftet Abseitigen. Der Berufsliterat scheint aber meistens nicht davon zu wissen und ist ein Kalligraph gestriger Wahrheiten.

Wissenschaft und Dichtung

Zur Zeit Hegel-Schelling Invasion des Dichterischen in die Wissenschaft – Naturwissenschaft, Historiker (Genialische Periode). Zur Zeit des Naturalismus. Invasion des Wissenschaftlichen ins Dichterische. Unerbittlichkeit im Tatsachensehn.

Heute im allgemeinen Ablehnung der Wissenschaft durch die Dichter – Verachtung der Dichter durch die Wissenschaft. Am exakten Flügel der Wissenschaft sehr feste Gleichgültigkeit – am Philosophischen gewinnt das Literarische Terrain (Eucken, die moderne französische Philosophie (Bergson) Im allgemeinen: Wenn ein Wissenschaftler schöngeistige Bedürfnisse hat, ist er ein Marodeur – hier nichts und dort nichts.

Unsere Dichter sind gewollt unwissenschaftlich; es verdirbt ihnen das Gefühl. All und Seele verträgt sich nicht mit Waage und Rechenschieber. Die Verluderung bleibt nicht aus. Fast alles, was da an großen Gefühlen lyriert wird, ist ganz wertlos. Gott und Religion und der Mensch, das soziale Empfinden. Es gehört heute zum Dichter, daß er irgendwie Sozialist ist, das entwürdete Menschtum sieht, statt wie Aristoteles die Tatsache der Entwürdigung als definitive Instanz gegen den Sklaven wertet. (Die Frage ist in Wahrheit offen). Ein gefühlsmäßiger Sozialismus – statt zu fragen: ist es des Dichters, zu pendenten Fragen gefühlsmäßig – ja ja – nein nein – Stellung zu nehmen, oder wäre seine Aufgabe gefühlsmäßiges Stellung nehmen zum Objekt der Untersuchung, Forderung zu machen. Muß er ja oder nein sagen, oder nicht etwas Drittes suchen?

Das Wunderbare an der Wissenschaft ist ihre Nüchternheit. Und gerade deshalb wird sie von Dichtern angeklagt; welche Dichter! Sie läßt sich nicht von einem Einfall zerren, sondern prüft ihn an allen Tatsachen und Gedanken, die ihr erreichbar sind; die Tatsachen nehmen ihr einen großen Teil der Arbeit ab. Darf man vom Dichter weniger verlangen? (Alle „moralischen Schwierigkeiten“ fielen weg.) Hier darf er nicht grundsätzlich anders sein.

Was läßt sich in der Dichtung mit der Kühnheit der Relativitätstheorie und der ihr vorangegangenen Kritik an der Newtonschen Mechanik vergleichen? – Welches Wohlgefühl der Sicherheit und der Absprungmöglichkeit vom festen Boden aber selbst in der Soziologie. –

Wissenschaft sieht das Gesetz und die Erklärung. Kunst erklärt auch. Aber nicht um ein Ereignis durch seine sachliche Umgebung zu ersetzen, sondern um diese zu erregen. Wäre die Psychoanalyse wahr – statt einer russischen Kolonisation – würde sie uns vieles verstehen lassen, um das sich heute die Kunst bemüht; es würde sich sofort zeigen, daß die Kunst nicht die Erklärung will, sondern mit ihrer Hilfe, ein Ethos, einen Menschen und dergleichen. (Dieses Träumerische eines persönlichen Falls.)

Es gehört nicht hieher wie diese Grenzen zu ziehen sind. Es gibt in der Kunst ein Glück an den Tatsachen, an Regen und Wind und dem Sagen: das und das war. Kunst hat noch ganz andere Wurzeln als Denken (pathologische), – aber man darf ihr diese eine nicht abschnüren, ohne daß sie verdirbt.

Unsere Kunst für sehr junge Leute, für Frauen – die Macht im anderen Lager.

Sehr nötig: ästhetische Programme zu revidieren.

Der Gelehrte. Der Rhythmus.

Der Professor: Zimmer voll Büchern. Schreibtisch. Zettelkasten. Minervabüste. Ottomane zum Nachmittagsschlaf. Der unsichtbare Besucher liebt Bücher: aber empfindet sie plötzlich – durch den Professor huschend, herausspringend und dem Blick nach schauend – wie Butzenscheiben, wie Zinnkrüge, Sammetweste als romantische Gemütlichkeit. Er riecht eine Sehnsuchtsvorstellung des Professors vor vierzig Jahren: ein Zimmer so voll Büchern. Mit einem Schlag sexuale Entwertung eines Ideals. Sexualität und Bürgerhose. (Zwei Vorstellungen sind ineinander geraten.) Man bemerkt im Bilde nun auch: der Privatdozent: Es war vor sagen wir zehn Jahren – neunzehnjährig. Der Besucher ist mit ihm in die Schule gegangen. Sprach da von seiner Seele, Licht, Höhe, Menschentum … alles, was man bei einem modernen Seelen-Wertheim nur zu kaufen bekäme. Aber feste Absicht, etwas Bedeutendes zu werden; und einen Papa, der dazu in der Lage ist. Wagner posthumus. So kommen die neuen Strömungen auch in die Wissenschaft. Die alte und die neue Strömung sprechen über Rhythmus.

Ich frage Freunde, Weggenossen, was uns Rhythmus sei. Von Ecrasit bis zu Rockglockenklängen einer durch die Worte wandelnden Geliebten alle Arten von Antwort. In der Hälfte aller Antworten mehr absoluter Einfall, mehr Lebensumstellung als in dem Leben eines Dozenten. Dennoch: man hat die Ideen zu einem Band Gedichte durchblättert, und was ist schon ein Band Gedichte eigentlich für ein lebenswidriger Organismus. (Verzeihung: es gibt technisch keine andere Möglichkeit, die einzelnen Wunderbarkeiten zerleben zu lassen). Etwas, das Brillanten auf der Nase, auf den Fersen, am Rücken trägt – und der unerträglichen, banalisierenden, umdeutenden, entkräftenden Zusammenfassung unterliegt wie in einer Juwelierauslage, während der einzelne Stein plötzlich an einem Ort einer Frau gefunden, wo er nicht hingehört, wie ein Derwischschrei uns aus uns herausreißt, und schließlich hat ja jedes gute Gesicht etwas von einer Psychose. – Ich wollte sagen: außer Singularitäten braucht man auch ein System, um seelisch zu gedeihen. Unmöglich anders, bei Gefahr der Verflachung. Man mag das als eine menschliche Unvollkommenheit betrachten, aber es ist Tatsache. Und uns in der Kunst – das System fehlt uns, die Sparbüchse, wohinein wir einen Groschen um den anderen täten – das was wächst, Richtung bekommmt, uns schon von selbst leitet. Ein Haufen Brillanten ist nichts anderes als ein Haufen Glas. Systematische Arbeit ist zu wünschen, Klärung prinzipieller Fragen.

Wenn ein Professor und ein Dozent von Rhytmus sprechen: Der Professor sagt: Komplexqualität, Rhythmigomenon, phänomenale Repräsentation, Urteilstäuschung. Der Dozent sagt: Einheitsmoment, Gruppe, Perseveration, Bewußtseinslage, Akzent … Es ist noch lange nicht der lebendige Rhythmus, von dem sie sprechen, sondern ein abstraktes klopfgefingertes Etwas … aber sie haben damit Anschluß aneinander, auf das a des einen setzt der andere sein b und allmählich wird das ganze menschengebildähnlich. Eine geistige Sauberkeit herrscht dabei wie in einem Maschinenhaus. Und der Dichter steht beschämt in seinem eigenen Qualm, während sie den Rauch analysieren. Man muß nur einmal davon absehn, daß diese ganze Tätigkeit keinen Anschluß ans Leben hat, dann ist sie wundervoll. Schachmeisterschaft. Aber man lernt dabei die Generalia einer Meisterschaft kennen. Und der stupideste Schulkamerad wird dabei mit der Zeit etwas, worauf man geistig steigen kann. Das Bild verlischt. Man sieht das dunkle Chaos der deutschen Literatur.

Man denkt, das meint die Methodik der mathematischen und Naturwissenschaften. Dichter lieben sie nicht. Dichter lieben die -geschichten. Ein großes Unrecht. Noch in der Philosophie ziehen sie die große Konzeption der wenig fruchtbaren Strenge vor. Ein großes Unrecht. Wenn Gelehrte lächerlich werden, geschieht es meist nur, wenn sie sich auf ein sachliches Gebiet verirren, dessen Gebilde statt an wenigen Begriffssträngen an tausend Assoziationsfasern hängen. Sie sprechen wie partiell Farbenblinde von Farben. Das geht zu beseitigen. Sie nehmen ahnungslos eine Gewohnheit herüber, der sich diese Materie nicht fügt.

Es gibt natürlich nichts, was für den Dichter das Äquivalent eines Systems wäre. Beileibe nicht Ästhetik. Aber immerhin, es gälte, nach jeder neuen Feststellung, Tatsachen nicht nur festzustellen, sondern zu verbinden. Es gilt: ihnen nicht die okkasionelle Bindung der dichterischen Persönlichkeit zu geben, wodurch unsere Geistesgeschichte ein Stafettenlauf im Zick-Zack wird, sondern die sachliche, wissensgemäße (sie liegt vor der Trennung von Dichtung und Wissenschaft). Hand aufs Herz, ist das beste Mittel des Dichters, in den Rausch zu kommen, immer noch: sich dümmer zu stellen als er ist. So sehr das Gefühlsleben das Besondernde des Dichters ist, so sehr ist es seine Gefahr. Überlegen wir uns das Leben, bevor wir es schildern. Stellen wir intellektuell die höchsten Ansprüche daran … In erster Linie brauchen wir Hamsun, Dostojewskij, Zola, Tolstoi, Hauptmann, Goethe … haben Wendungen Einzelfälle festgelegt – Tatsachen geschaffen (wenn man so sagen will). Ziehen wir die Konklusionen aus ihnen, schaffen wir die Plattform, indem wir zu diesen Einzelfällen die Generalisation suchen. Werk der nicht-impressionistischen Kritiker, die wir brauchen – und bauen wir dann weiter, das heißt, Dichten wir eine Weile, dichten wir recht oft nicht. Man braucht nicht dabei zu vergessen, daß der Dichter der große Ungewisse ist.

Bemerkungen zu Koffka. Wenn man als Rhythmuserlebnis das akzeptiert, was die Versuchspersonen so bezeichnen, so untersucht man eigentlich nicht, was es ist. Das Urteil der Versuchsperson kann aus verschiedenen Gründen, verschieden fundiert abgegeben werden. Es wird hier ein ganz eigenartiges objektives Fundament der Rhythmisierung geboten.

Rhythmus und Musik, Rhythmus und Tanz hängen genetisch zusammen. Bei Zusammenhaltung mit dem Tanz wäre ein Einblick in die Gefühlsentstehung vielleicht möglich via: Eingebung und andere psychiatrische Feststellungen.

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Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
10 haziran 2026
Hacim:
5257 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9782377871742
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