Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 125
Literarische Chronik. Die schreibenden Menschen
Würde man in Kilometern Zeilenlängen oder Kilogrammen Papier ausdrücken, was allein in Deutschland jährlich veröffentlich wird, sähe man ohneweiters, daß man es mit einem der seltsamsten sozialen Gebilde zu tun hat. Denn es muß mit dem Leben des Lebens etwas nicht stimmen, wenn die Auswanderung auf das Papier so groß ist. Wäre das gedruckte Wort nur ein Kommunikationsmittel, wie es das gesprochene ist, bloß mit verlängerter Reichweite, ließe sich das nicht sagen; es würde dem Austausch von Erfahrungen dienen und mit diesen in seiner Zahl gewachsen sein. In Wahrheit ist es aber heute viel mehr zu einem Mittel nicht gerade der Einsamkeit wohl aber der Abschließung in einer Menschengruppe geworden. Selbst wenn man die Bibliographien des wissenschaftlichen Schrifttums durchblättert – von dem man am ehesten nichts als den Zweck der Mitteilung erwarten dürfte – staunt man bald nicht mehr über die Spezialisierung, sondern darüber, wie jedes Zweiglein sich zum Mikrokosmos weitet, dessen Literatur kaum mehr zu überblicken ist, und wie sich eine undurchlässige Kugel um die in ihr Ansässigen schließt. Ja es gibt Menschen, die ihr Leben der Literatur des Markensammelns oder der Hundezucht dargebracht haben und am Abend ihres Daseins erschüttert erkennen müssen, daß sie ihre Aufgabe zu weit gesteckt hatten und daß sie sich besser bloß den europäischen Marken oder der Zucht der Jagdhunde gewidmet hätten. Es gibt Zeitschriften für Metalldreher, für Uhr-, Schuh-, Hutmacher und für Feuerwehrmänner. – Das Merkwürdige ist natürlich nicht die sachliche Spezialisiertheit, die ja gegeben ist, sondern die geschlossene menschliche Sphäre, in die man wie aus Versehen eintritt, wenn man solch eine Zeitschrift öffnet. Da kommt plötzlich ganz groß ein Herr Soundso auf einen zu, der in wahrhaft genialer Weise dem amerikanischen Schuh den Weg nach Europa geebnet haben soll, oder ein Herr Anders, der seit zwanzig Jahren nicht nur mit dem reichen Schatz seiner Erfahrung, sondern mit seiner forschen Männlichkeit seiner idealen Gesinnung und seinem stets regen Standesbewußtsein dem Feuerlöschwesen gedient hat. Und eine technische Zeitschrift existiert, die belletristische Beiträge nur aus dem Ingenieurleben abdruckt. In der Wissenschaft aber ist das Schreibseelische nur weniger komisch und im Grund das Gleiche. (Fordert man nicht, daß ein rechter Mann ganz in seinem Beruf aufgehe?) Der Europäer war einst Christ oder Jude, heute ist er Neufriesianer, Wirtschaftsgeograph oder Farbenchemiker auch mit der Seele. Die großen Wolken sind zerstäubt und von überallher aus der zersprengten Gefühlsmasse ziehen sich kleine kugelförmige Tröpfchen zusammen. Der Einzelne als Mensch steht heute in einer unerfaßbar großen Gemeinschaft, mit der ihn Beziehungen wie Staatsgefühl, Rassengleichheit, humanitas verbinden, die, von Ausnahmsstunden abgesehen, trotz aller gutgemeinten Beteuerungen unempfindbar bleiben. Er fühlt widerwillig, daß er in etwas Übergroßem aufgeht, von dem er an greifbarer Gegenleistung, außer einigen Bequemlichkeiten, gegen die er rasch abstumpft, eigentlich nur die Garantie erhält, daß es ohne Störung auch weiter so bleiben dürfe. Von all den unerhörten Erlebnissen, die er als Kind auf sich warten glaubte, erlebt er nichts oder ein weniges, das zufällig an seinem Lebensstandort vorbeitreibt. Er ist in einem Wald, kann nicht vom Platz und sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Er hat daher das Bedürfnis, die unbekannte Weite kleiner zu machen, sich in den Mittelpunkt einer bescheidenen Übersicht zu rücken und alles, was er an Idealismus besitzt, lokalisiert sich. Das Schreiben hat irgendwie auch für diese Gefühlsangelegenheit zu sorgen. Es erwirbt Zugehörigkeit und zeigt Wahlverwandtschaft, man wird irgendwo mit Aufmerksamkeit gehört: Dieses Gefühl haftet neben aller universalen Tendenz der Forschung an ihrem offiziell objektiven Tun so fest wie die Bierabende an den wissenschaftlichen Kongressen. – Besonders aber in der schönen Philosophie und der Dichtung, den beiden Gebieten, für die man angeblich nur Mensch zu sein braucht, breitet sich das im Leben zu kurz und zu schmal Gekommene widerstandslos aus. Es ist nicht anzunehmen, daß die Menschen soviel zu sagen und zu erzählen haben wie sie in der Literatur tun und prüft man deren Inhalt auf das Mitgeteilte, ist er meist keineswegs so neu, daß er den Zwang einer Aussprache verständlich werden ließe. Man erkennt vielmehr, betrachtet man mit diesem Blicke, im allgemeinen wenig andres als ein beständiges erregtes subjektives Umstellen eines alten Inventars. Nicht fliegt oder schweift (Vorstellung von ehemals!) die Phantasie, sondern Schreiben erscheint, wie wenn ein kleiner Diurnist nachhause kommt und Familienoberhaupt ist; Macht, willkürliche Ordnung, Weltunterwerfung in effigie. My book ist my castle; der Schreibende hat immer recht! Es gibt daher für diese Literatur eigentlich auch kein Publikum mehr, sondern nur noch Autoren, die einander zu oder abrücken. Der Leser sucht nicht den Führer, sondern den Gesinnungsgenossen; er ist selbst Autor einer Weltanschauung und anonymen Ästhetik und sieht – gestützt auf den Irrtum, daß alles Kunsturteil ja doch bloß subjectiv sei – in dem andern nur eine Art executives Organ, einen Auslagenarrangeur seines Innern. – Die Folge davon ist die außerordentliche Einflußlosigkeit dieser Literatur auf das Ganze und ihre Herabsetzung zu einer leeren Selbstbestätigung der Autoren. Sieht man sie täglich von unzähligen sonst netten Europäern wie eine harmlose Gewohnheit ohne Leid und zwischen den täglichen Pflichten vollzogen, so wächst die Vorstellung davon zu der einer häßlichen Manie, eines verspäteten Knabenlasters schnurrbärtiger Männer.
Krieg und Nachkrieg (1917-1921)
Das Ende des Kriegs
Der Eintritt des Kriegs unvorbereitet. Alle Voraussetzungen umstürzend. Moralische nicht weniger als nationalökonomische. Alle Zusammenhänge ließen aus; Zusammengehörigkeitsgefühl der Geistigen wie des Proletariats. (Nur der gefährdete Besitz und seine Ideologen – Berliner Tageblatt – zeigten Sorgenfalten.) Neue Zusammenhänge waren da. Verschmelzen sehr verschiedenartiger Ichs in der neuen Zusammengehörigkeit, Bergführer und Tourist. Das Ende des Kriegs bereitet sich sehr umständlich vor und die moralische Struktur, welche der Krieg hinterlassen wird, wird schon lange vor seinem Ende sichtbar.
Was mir außer dem neuen Hingabegefühl zu Anfang Eindruck machte, waren die Alldeutschen. Verschrien als Hetzer, in der inneren Politik wenig sympathisch. Aber wenn etwas die ganze Welt überrascht und auf den Kopf stellt und es hat Leute gegeben, welche, beschimpft und verlacht, das vorausgesagt haben, welche dieses für die anderen Unerwartete immer als einen festen Posten in ihrem Leben geführt haben: – sind das nicht interessante Leute?
Man hat sie im Frieden als präsumptive Kriegsgewinner verdächtigt. Aber waren sie es? Diese Professoren, Beamten, Publizisten? Die Landwirte darunter, konnten sie voraussetzen, daß sie es sein würden?
Friedenspsychose: – Wenn man das Anfangsgefühl als eine Psychose erklärt, dann wäre zu bedenken: Der lange Krieg hat eklige Erfahrungen gezeitigt. Den Kriegswucher, die rohe Unausgeglichenheit der Lasten, die Kriegsphraseologie. Man hat sich nie vorher so gut kennen gelernt wie im Krieg und ist bis zum bittren Ekel enttäuscht. Aus dieser Enttäuschung am nächsten Nachbarn flüchtet sich das Gefühl irrsinnigerweise zum Gedanken der Menschheit. Man möchte sich mit dem Feind verbrüdern, weil man sich mit den Brüdern verfeindet. Kann dieser Zusammenhang, diese Erwartung nicht bloß in einem psychotischen Hirn gestiftet werden. (Während man sieht, was die Bolschewiken machen, was Clemenceau tut, Llyod George, der Repington verhaftet.)
Massen und Staaten haben ihre eigene Psychologie, aber sie haben darin doch viel Gemeinsames mit der Psychologie des Individuums. Was ist der Sinn der Versöhnung nach dem Duell? Kein andrer als der von Buben, die sich müd und weh geprügelt haben. Ist nicht viel davon in der österreichischen Friedenswilligkeit? (So wie sie sich publizistisch äußert). Geht man aber von einer so grausamen, vernichtenden Sache wie dieser Krieg vernünftigerweise weg wie von einer Prügelei?
Es gibt zwei Möglichkeiten: Machtfrieden oder Auflösung des Staats in einer europäischen oder Weltgemeinsamkeit. Wenn man ganz beiseite läßt, was sein „sollte“, bleiben immer nur diese beiden Möglichkeiten. Der Staat als Raubtier. Die aggressive Struktur des Staats usw. in Ausführung des alten Aufsatzes. Eine von beiden Möglichkeiten muß man wollen oder man bewirkt Halbheit.
Es ist unangenehm, daß Czernin viel klüger ist als seine publizistischen Organe und ein genauer Kenner des Staates ist. Man muß trennen zwischen seiner Friedenspolitik, die geschickt ist, wenn sie selbst nichts anders wäre, und der öffentlichen Friedensmeinung. Diese ist ziellos und unreif und erschwert ihm das Werk. Sie ist zur Verfolgung einer anders denkenden Sekte entartet und lenkt direktionslos ein, wenn von Pressebüros gepfiffen wird. Hätte keine andere Aufgabe als die zwei Willensziele festzuhalten: Machtfrieden oder Bund. Welches von beiden erreichbar und wünschenswerter, ist Sache der genauen Kenntnis. Man kann auch Druck ausüben und den Frieden wollen, aber dann muß das eine Weltangelegenheit sein und keine persönliche, sonst ist man klein.
Wenn ein Mensch für die Erreichung eines Ziels kaum mehr erträgliche Opfer bringt: hungert, verarmt, seine Familie ruiniert, den Tod wagt, alle geistigen Güter preisgibt: so muß er dieses Ziel erreichen (und im Ziele noch einen gewissen Überfluß an Lebenskraft haben) oder er wird für den Rest seiner Tage mit gebrochenem Rückgrat herumkriechen. Eine dritte Lösung wäre nur die, daß er sein Trachten als verfehlt erkennt und ein besseres neueres, mit den verbliebenen Kräften noch erreichbares Ziel erblickt. Man setze statt Mensch das Wort Menschheit und man hat – ohne daß die Giltigkeit dieser Sätze berührt würde – das Problem des Kriegsendes. Dieser Krieg kann tatsächlich nur deshalb nicht enden – weil niemanden der Friede lockt. Dieser scheinbar nur paradoxe und widernatürliche Satz verliert sofort diesen Ausdruck, wenn man bedenkt, daß es sich dabei ja nicht um eine vage Vorstellung von Frieden (= Kriegsmüdigkeit) handelt (weiche Wiese für müde Wanderer), die jeder möchte, sondern um die zur Auswahl aufgelegten Vorstellungen des Friedens. Tatsächlich war in der sogenannten Kriegszielfrage weder der Machtfriede (deutscher Friede, aber ebenso englischer, amerikanischer und französischer) eine Marschmelodie für die müden Herzen, noch der Verständigungsfriede mit seinen Kolonienschiebungen, Wirtschaftsgebieten, Interessenabgrenzungen und dergleichen. Ich bleibe bei der Behauptung, daß wir uns von dem ersehnten Frieden noch keine Vorstellung von genügender Schwungkraft gemacht haben. Zu dem gleichen Ergebnis gelangt man, wenn man wissen will, wie man zum Frieden kommt, wenn man sich endlich einmal die Frage vorlegt, wie man zum Krieg gekommen ist. Ich glaube, die wichtigste Antwort darauf ist: weil wir den Frieden satt hatten. Wir hatten ja doch vor 1914 den Krieg für einen heidnischen Götzen gehalten, an den kein vernünftiger Mensch glaubt, dessen Kult bloß nicht eingestellt wird, um die Tempelindustrie (Eisenwerke, Kanonenfabriken, Schiffswerften, Offiziere, usw.) nicht ihres Daseinsgrundes zu berauben. Trotzdem war er nicht nur über Nacht da, sondern begeisterte mit wenigen (durchaus nicht durchwegs besseren) Ausnahmen alle.
Dafür hatte man schon vor dem Krieg eine Erklärung vorgesehn, die durch Suggestion und Massenpsychose. Aber mit nicht größerer Berechtigung als auf jedes leidenschaftliche Erleben hätte man sie hier anwenden können; das seltsame war ja gerade, daß es sich innerlich um keine Verschiebung, Verzerrung und Minderung zu handeln schien, sondern um das Hinzutreten einer neuen Kraft. Man müßte denn rein zur Erklärung sehr unsichere Annahmen über die Massenseele machen, wie die, daß sie einem gewissen zirkulären Irrewerden unterworfen sei und in der Zwischenzeit zwischen ihren Erregungszuständen von diesen nicht viel wisse. Wenn eine solche Annahme auch durch die geschichtliche Betrachtung der ewigen und gleichförmigem Periodizität der Kriege verblüffend nahegelegt wird, so fehlt ihr doch zur Denkbarkeit das Substrat, nämlich die dingliche Realität des Begriffes Massenseele. So bleibt zur Erklärung der Leidenschaft des Kriegsausbruches wirklich nur die Annahme, daß es sich um eine Katastrophe, um die Endexplosion einer europäischen Lage gehandelt hat, die schon lange vorbereitet war und bestand.
Da die Erscheinungen bei Freund und Feind gleich waren, muß die Ursache eine europäische sein. Da es sich nicht um eine einmalige, sondern um eine in der Weltgeschichte regelmäßig wiederkehrende Erscheinung handelt, kann sie keine Gelegenheitsursachen haben, sondern die Ursachen müssen gerade in der Gegend der ewigen Werte und der gleichgebliebenen Daseinformen liegen. Es folgt schon daraus, daß der Kapitalismus nicht die Ursache des Kriegs sein kann und ebensowenig der Nationalismus, sondern daß diese beiden, gewöhnlich verantwortlich Gemachten, höchstens Zwischenursachen sind oder Vorstadien (wie ein Augenkatarrh mitunter einer Halsentzündung vorausgeht). Das gleiche, was den Krieg verursacht hat, verursacht auch sie, der Mangel eines höheren Lebensinhaltes. Man kann den Krieg auf die Formel bringen: Man stirbt für seine Ideale, weil es sich nicht lohnt für sie zu leben. Oder: Es ist als Idealist leichter zu sterben als zu leben. Eine ungeheure Flaute lag über Europa und wurde wohl an drückendsten in Deutschland empfunden. Religion tot. Kunst und Wissenschaft eine esoterische Angelegenheit. Philosophie nur als Erkenntniswissenschaft betrieben. Familienleben zum Gähnen (aufrichtig gestanden!), Vergnügungen lärmend, wie um sich vor dem Einschlafen zu schützen. Fast jeder Mensch ein Präzisionsarbeiter, der nur ein paar Handgriffe auszuführen weiß. Dabei jeder durch Zeitung, Eisenbahn in den Mittelpunkt der Erde gesetzt, ohne etwas damit anfangen zu können. Politik ein Kleinverschleiß von gewesenen Ideen. Was Lebenswertes gibt es in einem solchen Menschenleben? Dieser Mensch von 1914 langeweilte sich buchstäblich zum Sterben! Deshalb kam der Krieg mit dem Rausch des Abenteuers über ihn, mit dem Glanz ferner unentdeckter Küsten. Deshalb nannten ihn solche, die doch nicht geglaubt hatten, ein religiöses Erlebnis, nannten ihn die Vermauerten ein einigendes Erlebnis. Die im Innersten ungern ertragene Organisationsform des Lebens zerging, Mensch verschmolz mit Menschen, Unklarheit mit Unklarheit, man kannte, Gott gedankt, keine Parteien mehr und hoffte bald Ich und Du und alle darum herum geknüpften Gebilde auch nicht mehr zu kennen. Es war die Revolution als Ende einer gestockten Evolution.
In Deutschland nahm das eine besondre Form an, die ihrer Wichtigkeit halber auch gesondert genommen werden muß, ich nenne sie mit ihrer kürzesten Formel: Machen Wir. Ich übertreibe nicht: Machen Wir ist Religion und Ethos der deutschen Gemeinschaft, es ist ihr toll gewordener Imperativ und es ist der Kern ihres Militarismus. In ein menschliches Wort übersetzt heißt dieses Machen Wir: Tüchtigkeit. Es ist der einzige ethische Wert, den das neue Deutschland ausgeprägt und jedem Deutschen eingeprägt hat. Es ist ja genug darüber geschrieben worden, über den Einschlag von Amerikanismus, der sich so anzeigt und dergleichen – ich möchte nur betonen, daß auch die alten deutschen Tugenden der Rechtschaffenheit, der Lebensfreude, des Gemeinsinns, der Kraft usw. verschmolzen darin ruhen. Im Großen Organisation der Industrie und Kaufmannschaft, im Großen und Glänzenden der Militarismus. Wer über dieses Wort nur die Nase rümpft, wird nie verstehn, wieviel roher, klotziger aber wertvoller Idealismus in ihm steckt. Ich gehe noch weiter und halte diese Tüchtigkeit überhaupt für die höchste Leistung, die ein Staat schaffen kann. [Wenn ich Deutschland für einen Augenblick mit den Sensorien eines wohlwollenden feindlichen Ausländers betrachten darf, so würde ich sagen: es ist der wundersamste und zukunftsreichste Ameisenbau, den es gibt, aber der Einzelne darin ist eine graue, reizlose, arbeitsame Ameise (confer den Engländer, Romanen). – Die einzige Menschenschablone von Wert und Reiz, die Deutschland erzeugt hat, ist der Offizier. In ihm hat der Deutsche Haltung. Seine Leistungen sind wunderbar. Er ist wirklich (wissenschaftlich nüchtern gemeint) der Idealtypus des Deutschen. Und da setzt das Dilemma des Kriegsendes ein. Daß man von uns verlangt, den Militarismus preiszugeben, ist keine Propagandamache, sondern instinktiv ins Wesen treffende Abneigung gegen deutsche Art. Wir sollen das Ideal des Durchschnittsdeutschen preisgeben im Augenblick, wo es die höchsten Proben seiner Tüchtigkeit abgelegt hat? Diese Forderung läuft wirklich auf eine Entmannung hinaus. Und ist ganz sinnlos, denn daß der Militarismus zum deutschen Ideal avancierte, ist, wie wir gesehen haben, kein deutscher Fehler, sondern ein europäischer gewesen.
Seit dem Jahre 1916 möchten alle Staaten den Krieg gerne beenden. Aber die Idee des Kriegsziels fehlt. Es gibt nur zwei Ziele: Sieg oder – das Unbekannte. Man hat schon im Jahre 1916 den Völkerbund dafür genannt. Ich glaube, daß er der Erwägung wert wäre: Aber nirgends wird dieser Gedanke so schwer Eingang finden wie in Deutschland. (Wenn der Krieg ohne die Verwirklichung einer neuen Idee endigt, so wird ein unerträglicher Druck über Europa lasten bleiben.)
{Eventuell: Machen Wir und Militarismus hinausnehmen und bei den Widerständen gegen die Völkerbundidee einfügen.} Völkerbund muß durchführbar sein: confer Czernin. Die Pazifisten schlechte Gegner des Militarismus, weil sie Defaitisten sind. Sie müssen ihn erst verstehen.
Das Leben des Vincent van Gogh
Van Gogh. Aus der Biographie. Familie
Im 16. Jahrhundert. Kaufleute, Bürger dieses Namens nachgewiesen. Im 17. Jahrhundert. Höhepunkt. Ratsherren, Generalschatzmeister, Generalkonsule. Zwei schon zu jener Zeit Prediger. Im 18. Jahrhundert. Goldarbeiter, Bildhauer. Der Sohn des Goldarbeiters erbt von seinem Onkel Bildhauer dessen erworbenes Vermögen. Ist erst auch Goldarbeiter, dann Lehrer der Theologie. (Urgroßvater, Großvater, Vater Theologen.) Sein Sohn studiert in Leiden Theologie und wird der Großvater des Malers. Heißt auch Vincent. Wird auf der Schule als strebsamer und fleißiger Jüngling geschildert. Hat zwölf Kinder. Erstes Kind stirbt jung, zwei Töchter heiraten spätere Generäle, Johann Vizeadmiral, Hendrik Vincent (Dom Heim) Kunsthändler in Brüssel, Cornelius Marinus (Onkel Cor. od. C.M) Kunsthändler in Amsterdam. Vincent Kunsthandlung im Haag Associé von Goupil, Paris. Übersiedelt. „Geistreich und intelligent.“ Theodorus der Vater.
Theodorus: 1822-85 der „schöne Pfarrer“, „liebenswürdig“, von „erlesenen Gaben des Geistes und Gemüts“. Verheiratet mit der Tochter eines Buchbindermeisters. (Ihre Schwester mit Vincent verheiratet. Eine andere mit einem Prediger.) Anna Cartentus. Schreibt flüssig.
Van Gogh: Geboren am 30. März 1853. (Theo 4 Jahre jünger.) Rötliche Gesichtsfarbe. Mittelgroß. Ziemlich breitschultrig. Als Kind: „Schwierig, launenhaft, oft lästig und eigensinnig“. Tier- und pflanzenlieb. Legt alle möglichen Sammlungen an. Zeichenbegabung nicht bemerkbar, „indessen soll er als achtjähriger einmal einen kleinen Elefanten aus Kitt geknetet haben, der die Aufmerksamkeit seiner Eltern erregte; übrigens hatte er ihn sofort wieder vernichtet“, als man sich, seiner Meinung nach, über Gebühr damit beschäftigte.“ Vincent konnte Spiele ersinnen, „die so herrlich waren, daß die Geschwister ihm zum Zeichen ihrer Dankbarkeit einmal ein Rosenbäumchen aus ihrem Garten schenkten“, erinnert sich Theo. Die älteste Schwester aber spricht von seinem Hang zur Neckerei. Vincent schreibt später: „Etwas von den Brabanter Äckern und der Heide wird immerdar in uns bleiben.“ Und noch im Krankenhaus von Arles: „Während meiner Krankheit habe ich jedes Zimmer des Hauses in Zundert wiedergesehen, jeden Fußweg, jede Pflanze im Garten, die Umgebung, die Felder, die Nachbarn, den Kirchhof, die Kirche, unseren Gemüsegarten – bis auf das Elsternest in der hohen Akazie auf dem Kirchhof.“ Mit 12 Jahren in ein Pensionat. Mit 16 Jahren 1869 tritt van Gogh in das Bildergeschäft seines Onkels im Haag ein, das dessen Nachfolger Tersteeg leitet. Verkehr bei Familienmitgliedern und Jugendbekannten seiner Mutter. Er ist strebsam und fleißig, wie es sein Großvater war.
1872 beginnt die Korrespondenz. Briefe der Mutter an Theo berichten vom täglichem Leben im Pfarrhaus: „was im Garten blüht und wie die Obstbäume tragen, ob die Nachtigall schon schlägt und welcher Besuch da war, welchen Text der Vater zu seiner Predigt genommen hat, wie es den kleinen Geschwistern geht“, usw.
Mai 1873 geht van Gogh mit ausgezeichnetem Zeugnis nach London. Tersteeg schreibt an die Eltern, jeder im Geschäft hätte mit Vincent besonders gern zu tun gehabt, Amateure, Künstler und Maler und er würde es sicher weit bringen. Kauft sich in London einen Zylinder.
August 1873 zieht er zu Mrs. Loyer.