Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 126

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Briefe von dem Erlebnis mit Ursula

Sie haben die Freude am Selbstbewußtsein eines jungen Mannes, der zwanzig Jahre alt ist und sich sein Brot selbst verdient. („Mein neues Jahr hat gut angefangen, ich habe zehn Gulden monatlich Zulage erhalten, so daß ich nun 50 Gulden pro Monat verdiene, und außerdem bekomme ich auch noch 50 fl. extra. Ist das nicht herrlich?“) Eines intelligenten, aber ganz durchschnittlichen jungen Mannes. Der manchmal ein bißchen in forciertem Baß spricht. So: „Nun, lieber Kerl, halte dich gut.“ „Ich hoffe, daß du je länger je mehr Freude an deiner Arbeit erlangen mögest.“ „Aus deinem Brief sah ich, daß du Herz hast für die Kunst, und das ist ein gutes Ding, mein Kerl.“ „Ich hörte, daß du solch ein schönes Andenken von Herrn Schmidt erhalten hast. Das beweist, daß du nach Kräften dein Möglichstes getan hast.“ November 1873: Sehr oft: „mir geht es all right.“ „Grüße alle im Geschäft und wenn sonst Jemand andres nach mir fragt. (Zu dieser Zeit wohnt er schon bei Loyers, aber die Sache ist noch nicht ernst geworden.) „Dieser Rijswijksche Weg hat für mich Erinnerungen, die vielleicht die herrlichsten sind, die ich habe. Wenn wir uns einmal wieder sprechen, kommen wir vielleicht darauf zurück.“ (Irgend ein Kusinchen wohl oder Mädelchen aus der Bekanntschaft.) Stolz und mit Eifer in seinem Beruf: Es ist ein so prachtvolles Geschäft, je länger man darin ist, desto mehr empfindet man dafür. Aber er fängt auch wirklich mit großer Intensität durch diesen Beruf Kunst ein: „Du mußt mir vor allem mehr schreiben, was du so siehst.“ – Kehrt immer wieder. Oft als Frage nach bestimmten Bildern. Theo soll dies und jenes ansehn und berichten. Es ist noch ein Gemisch von Warenkunde und Kunstbegeisterung, aber das Kunstgefühl ist rein, wenn auch (natürlich) ungeklärt. „Aber es ist eine Lust zu sehn, wie die Photographien verkauft werden, besonders kolorierte, und daran ist ein schöner Nutzen“, schreibt er aus London.) Dazwischen Spaziergänge, Liebe zur englischen und holländischen Landschaft.

Ursula

Er zieht August 1873 ein. „Ich habe noch nie etwas gesehn oder geträumt, wie die Liebe zwischen ihr und ihrer Mutter, liebe sie um meinetwillen“, schreibt er einer seiner Schwestern. Seine Briefe „strahlen von Frohsinn“. „Dies reiche Leben, deine Gabe, o Gott,“ schreibt er. Er zeichnet manchmal; wie er später sagt, ohne Hand u. Fuß, wo er sich beklagt, daß ihn niemand über Perspektive belehren konnte. Seine Mutter freilich schreibt: „so daß wir uns alles recht gut vorstellen können, es ist alles so deutlich“. Aber für ihn ist dieses wirre Zeichnen wohl ein erstes Heraufquellen. Die religiöse Färbung scheint spontan hier einzusetzten; nicht nur das gute Mädchen steht vor ihm, sondern die Güte.

Ungefähr Juli 1874 wirbt er um Ursula. Sie ist aber heimlich schon mit einem früheren Zimmerherrn verlobt. Hier hat zum erstenmal das Mysterium die ärmliche, ja lächerliche Gestalt, die es später in seinem Leben hat, denn bürgerlich oder objektiv betrachtet sind diese mit dem ersten Zimmerherrn verlobten Mädchen kein guter Typus. Er sucht vergeblich, sie zur Lösung dieses Verhältnisses zu bringen und – sein Charakter verändert sich. Er kommt im Sommer abgemagert, still und niedergeschlagen nach Hause. Doch zeichnet er. „Vincent machte noch manche hübsche Zeichnung, er zeichnete das Schlafzimmerfenster und die Haustür … es ist eine herrliche Gabe, von der er noch einmal viel haben kann“, schreibt die Mutter. (Diese herrliche Gabe! Zum Hausgebrauch. Wie alle Mütter denken.)

Briefe aus dieser Zeit: Sie zeigen nicht viel von dem, was mit ihm vorgeht. „Es ist ein sehr schwatzhafter Haushalt, wo ich nun bin“, schreibt er im September 1873. „… ich habe ein angenehmes Heim …“, November 1873. „… finde schön (in der Malerei), so viel du nur kannst, die meisten finden nicht genug schön“, Januar 1874. „… bleibe nur immer dabei, viel spazieren zu gehen und viel von der Natur zu halten, das ist die wahre Manier um die Kunst mehr und mehr zu begreifen. Die Maler begreifen die Natur und haben sie lieb und lehren uns sehen. Und dann gibt es noch Maler, die nichts anderes als Gutes machen, die nichts Schlechtes machen können, ebenso wie es auch einfache Menschen gibt, die nichts tun können ohne daß es gut ist. Mir geht es hier gut, ich habe ein herrliches Heim und es ist mir ein großer Genuß, London und die englische Lebensweise, sowie die Engländer selbst zu besehn, und dann habe ich die Natur und die Kunst und die Poesie, und wenn mir das nicht genügte, was sollte mir dann genügen! Januar 1874. (Noch bescheidet er sich und sieht zu den Malern auf wie zu einer höheren Kaste.) „In einem Brief von Hause erhielt ich einen Gulden von dir für ein paar Manschettenknöpfe. Herzlichen Dank, lieber Karl, doch hättest du das nicht tun sollen, du hast dein Geld nötiger als ich.“ 1874. Eine kleine, übermütige Lüge: „… Van Horkums Bild ist nicht sehr schmutzig (entre nous, ich habe es nicht gesehen, sage ihm aber nur, daß ich geschrieben hätte, daß es nicht sehr schmutzig war …“ April 1874. (Wirkt in anbetracht des späteren Lebens wie eine unerhörte Üppigkeit) Seine Briefe haften noch gewissenhaft an den Punkten, die der vorempfangene Brief berührte: „den Spaziergang nach de Vink hätte ich wohl mitmachen mögen“. Er hat etwas Heimat und ist berauscht von der üppigeren Natur Englands. „Es ist hier wunderbar schön. In allen Gärten blühen die Syringen und Rotdorn und Goldregen und die Kastanien sind prächtig … die Apfelbäume haben hier herrlich geblüht; mich dünkt hier blüht alles früher als in Holland …“ April 1874.

Er ist unbeholfen im Gefühlsausdruck: „Was waren das für schöne Tage zu Weihnachten, ich denke oft daran; sie werden dir auch lange in der Erinnerung bleiben, da es auch die letzten Tage waren, die du zu Hause verbrachtest.“ Januar 1873. Der Komplex der Eindrücke evolviert sich noch nicht, der Ausdruck ist daher exklamativ und bloß hinweisend. Die früheste Sachlichkeit findet sich dann doch bei den Landschaften, ist also malerisch; vielleicht bloß visuell, denn die Reaktion ist mehr vom literarischen Typus. Und distinktiver vor der Natur als vor Bildern. „Ja, das Bild von Millet ‚l’angélus du soir‘, das ist das Wahre, das ist reich, das ist Poesie“, Januar 1874. Und manchmal fühlt er im Jargon: „ein flottes Bild von Jacquet und einen schönen Boldini“, Juni 1874.

Michelet (L’amour): „Für mich war dieses Buch eine Offenbarung“, Juli 1874. „Und zugleich ein Evangelium“. „Solch ein Buch lehrt einen wenigstens einsehen, daß weit mehr in der Liebe steckt, als die Leute meistens dahinter sehen … Il n’y a pas de vieille femme! Das heißt nicht, daß es nicht alte Frauen gäbe, sondern daß eine Frau nicht alt wird, solange sie liebt und geliebt wird. … daß eine Frau ein ganz anderes Wesen ist als ein Mann, und ein Wesen, das wir noch nicht kennen, wenigstens nur sehr oberflächlich, wie du sagst – ja das glaube ich sicher. Und daß ein Mann und ein Weib eins werden können, ein einziges Ganzes mit zwei Hälften, das glaube ich auch.“ 31. Juli 1874. Er nennt Christus und Michelet humane Menschen. 10. August 1874. „Virginité de l’âme et impureté du corps können zusammengehen. Du kennst das Gretchen am Brunnen von Ary Scheffer, gibt es ein reineres Wesen als dies Mädchen, ‚das soviel geliebet hat‘?“

Sein Vater schreibt: „es gab dort zu viele Geheimnisse, und es war eine etwas merkwürdige Familie, aber jedenfalls wird es ihm eine Enttäuschung gewesen sein, daß er seine Illusionen nicht verwirklicht sehen durfte.“

„Meine Lust zum Zeichnen hat hier in England wieder aufgehört, aber vielleicht bekomme ich den einen oder anderen Tag wieder einen Einfall. Ich lese nun wieder viel.“ 31. Juli 1874.

Nachtrag: Nach der Stelle über Michelet könnte man sich Ursula älter als ihn denken. Es ist anzunehmen, daß sie und ihre Mutter den heiteren bon sens der Weiber hatten. Wahrscheinlich auch eine vernünftige werktätige Religiosität. Er sieht zum erstenmal ein anderes Weltsystem als das elterliche und ähnliche der Familie. Ähnlich im Staunen, wie wenn man zum erstenmal von der Existenz anderer Sonnensysteme hört. Und es gehört vom ersten Augenblick an ihm, denn es war nicht da, solange er und die Familie eins bildeten, und war da, nachdem er ganz losgelöst ist. Dies verstärkt den Eindruck, daß die Frau „ein ganz anderes Wesen ist als ein Mann“ (vielleicht haben sie den ungeleckten Van Gogh auch ein wenig poliert.) Daß weit mehr in der Liebe steckt … aber ist wohl all dieses Staunen. Das Interesse für virginité und impurité darf man wohl trotz des väterlichen Briefs nicht ohne weiteres nehmen. Es ist ein boshaft-romantisches Frühkapitel im Leben vieler junger Männer. Die Welt des lang Verbotenen tun diese gutmütigen gleichmütigen Mädchen als erste auf. Ihr Leib ist die erste seelische Unterkunft für diese struppigen und hungrigen jungen Wölfe. Diese fühlen mit Dankbarkeit die Güte und so das Problem der guten Seele im beschmutzten Körper. Sollte sich das Kranke schon andeuten, so müßte man es in dem Überdruck suchen, der Michelet neben Christus stellt. Die Frauen müssen religiös gewesen sein, weil man sonst in den Briefen des aus dem Pfarrhaus kommenden van Gogh eine Reaktion oder Auseinandersetzung damit sah. Sie leiteten eine Kleinkinderbewahranstalt.

Notiz: Die unbedeutende Episode des Verdienens erhält ihre Bedeutung durch das Gesamtschicksal. Van Gogh war ein junger Mann mit guten Beziehungen. Er kann sehr wohl verdienen. Unsere Wirtschaftsordnung verwehrt ihm, wenn er tüchtig ist, dies nicht. Er ist sogar tüchtig. Aber die innere Möglichkeit, diese äußere zu benutzen, erstirbt in ihm. Er gehört zu dem schlechthin Unorganisierbaren in einer Welt der Organisation. Was bedeutet das Religiöse in ihm? Es ist ein Vorwand, eine Maske der Kraft, ein seinem späteren Lebensgefühl verwandtes Vorgefühl. Die Demut beginnt bald darin zu dominieren. Falls im Religiösen das Hauptmotiv der Anschluß, die Einordnung ist, ist er nicht religiös. So wenig wie Christus oder Buddha. Er ist religionsbildnerisch. Später fällt das Religiöse ganz aus in seinem Leben. Im Stadium vor dem der Demut ist ihm lobsingerisch-wirr zu Mute. Das ist in der Zeit seines Glückes mit Ursula. Er blieb zeitlebens ein Landmensch, sagt seine Schwägerin von ihm. Er ist – confer – die Pariser Zeit religiös in der Art schwerfällig gläubiger Bibelinterpreten. Emanuel Quint. Michelet gibt ihm ein oder die andre reflexive Note, dann aber kommt wieder das innere Haften an Bibelworten. Das zu einer abschließenden Wand Wachsen des symbolischen Worts. Daraus hervor hebt sich gegen Ende die Werktätigkeit, die Phantasievorstellung eines Lebens wie in dem Buch von Eliot. Es wird später zu einem Sich-von-sich-tun und die einfache Nächstenliebe ist Opposition gegen theologischen Hochmut; jetzt ist es wohl bloß das Nächste und Einfachste, was er erreichen kann.

Die Reaktion

Der letzte Brief ist aus dem August 1874, der nächste vom 6. März 1875, mit einer neuen Adresse. Confer das Frühere. Im Sommer 1874 ist er zuhause. Dann geht er mit seiner ältesten Schwester nach London zurück. er wird „je länger, desto stiller und zurückgezogener, und, nach und nach, auch immer frommer. „Die Abende sind schon so lang, und er ist im Geschäft früh fertig; es ist wohl einsam, so ohne Familie; wenn es nur gut geht“, schreibt die Mutter irgendwem.

Auch Onkel Vincent macht ihm Vorhaltungen, sich mehr unter Menschen zu bewegen, das gehöre zur Karriere. Die Briefe sind gedrückt und werden spärlich. Onkel Vincent schickt ihn zur Ablenkung vorübergehend im Oktober nach Paris ins Geschäft. Aus Ärger darüber schreibt er nicht nach Hause. „Es ist nur eine verdrießliche Laune,“ sagt die Mutter. Ende Dezember kehrt er nach London zurück, bezieht die alte Wohnung und lebt wie ein Sonderling. Zeichenlust erloschen. Liest viel. Zitiert Renan. Mai 1875 wird er endgültig nach Paris versetzt.

In den Briefen nichts davon zu sehn. Sie sind allerdings spärlich und kurz. Aber es ist von einer Zeichnung die Rede, die er gemacht hat und er beschreibt dem Bruder genau Bilder, die er gesehen hat. Dazwischen schreibt er ihm Gedichte ab. Eine Stelle zeigt eine gewisse Empfindlichkeit: „C. M. und Herr T. sind hier gewesen … Sie waren meines Erachtens zuviel im Cristal Palace und an anderen Orten, wo sie nichts zu suchen hatten. Sie hätten, dünkt mich, wohl auch einmal kommen können und sehen, wo ich wohne“. Das ist puritanisch und verletzt wie jemand, der allein sein will und gekränkt ist, daß man ihn allein läßt. Einsamkeitsbedürfnis mehr als Panik als innere Abgeschlossenheit. Dann: „Ich hoffe und glaube, daß ich nicht bin, was mancher im Augenblick von mir denkt, nous verrons. Dann ein Zitat aus Renan: „Pour agir dans le monde il faut mourir à soi même, le peuple = qui se fait le missionaire d’une pensée religieuse n’a plus d’autre patrie que cette pensée. L’homme n’est pas ici-bas seulement pour être heureux. Il y est pour réaliser de grandes choses par la société, pour arriver à la noblesse et dépasser la vulgarité où se traine l’existence de presque tous les individus.“

Paris

Mai 1875 bis April 1876. Speziell im Gemäldesalon beschäftigt; sagt ihm nicht zu. Freundschaft mit Harry Gladwell; liest morgens und abends mit ihm die Bibel. Geht zu Weihnachten nach Hause, in der lebhaftesten Geschäftszeit, was ihm sehr übel genommen wird und zu seiner Entlassung führt. Der Vater an Theo: „Ich glaube fast, daß ich Vincenz raten muß, in zwei oder drei Monaten seinen Abschied zu nehmen; es ist soviel Gutes in ihm, doch eben deshalb kann es vielleicht nötig sein, daß er in eine andere Stellung kommt.“ Er will für andere leben, sich nützlich machen, etwas Gutes zustande bringen; wie weiß er selbst nicht – aber im Kunsthandel kann es nicht sein, das weiß er bestimmt. Sagt die Biographie. Nimmt im Geschäft alles schweigend hin. Onkel Vincent fühlt sich von ihm aufs äußerste enttäuscht und zieht seine Hand von ihm ab Seine Eltern können pekuniär nicht mehr für ihn tun. Theo scheint geraten zu haben, van Gogh solle Maler werden; davon will er aber noch nichts wissen. Der Vater meint Anstellung an einem Museum oder kleine Kunsthandlung, in der er seine eigenen Anschauungen vertreten solle und keine Bilder zu verkaufen brauche, die er selbst schlecht finde. Van Gogh erläßt eine Anzeige und nimmt eine Lehranstellung in England an.

Spät erst – 1883 – schreibt van Gogh selbst über die Sache: Er war selbst schwankend, ob das Geschäft zu ihm passe oder nicht. Daher ganz passiv. „Es wurde damals mehr geschwiegen als gesprochen.“ Man hat ihm gesagt: „vous êtes un employé honnête et actif, mais vous donnez un exemple mauvais pour les autres“ – „und dagegen habe ich nichts gesagt, weil ich niemanden in Bezug auf mein Bleiben oder Nichtbleiben beeinflußen wollte. Ich hätte jedoch, wenn ich gewollt hätte, vielerlei dagegen einwenden können, und zwar Dinge, die es, glaube ich, dahin gebracht hätten, daß ich hätte bleiben können.“ Das gibt ein gutes Bild von van Gogh mit seinem gerechten ‚Starrsinn‘ oder ‚gerechten Schwerfälligkeit‘ Und: „Es bestand damals ein halber oder ganzer Plan, mir in dem neuen Geschäft in London eine Stellung bei den Bildern zu geben, wozu ich mich erstens nicht für geeignet hielt, und wozu ich zweitens keine Lust hatte. Ich hätte wohl im Geschäft bleiben mögen, wenn diese Stellung mich nicht unbedingt gezwungen hätte, mit den Besuchern zu sprechen. Wenn man mich damals kurzerhand gefragt hätte: – Hast du Freude an dem Geschäft? – dann wäre meine Antwort gewesen: ja, gewiß! – willst du dabei bleiben? – ja, wenn Ihr glaubt, daß ich soviel wert bin, wie ich verdiene, und wenn Ihr mich nicht für hinderlich oder schädlich haltet. Und dann hätte ich um eine Anstellung, vielleicht in der Druckerei oder auch in London, dann aber um einen etwas anderen Posten, gebeten, und diesen hätte ich dann, glaube ich, auch bekommen.“

Anmerkung: Zum erstenmal diese eigentümliche Lähmung, die van Gogh hindert, die ihm wichtigen Dinge mit einem andren als sich selbst auszumachen. Später in Amsterdam bittet er den Bruder nicht zu anderen Malern und Leuten gehen zu müssen, weil er sich noch nicht fertig genug fühle. Es ist aber nichts als die Unfähigkeit, sich anders als in seinem Werk auszudrücken. Mit anderen Worten, die Brückenlosigkeit zwischen der Welt der Künstlers und der rationalen usw. Welt. Und auch schon etwas von seiner Demut („hinderlich“, „schädlich“) ist da. Was ich gerechten Starrsinn nannte, ist ein mit dem Ordnen der einem selbst sichtbaren Möglichkeiten nicht in der Zeit zuende kommen, die das normale Verkehrstempo fordert. Es ist hier ein sehr wichtiger Entwicklungspunkt in van Goghs Genialität. Menschen, deren Gefühlsleben reagibler ist als ihr Verstand – künstlerisch begabte Menschen also vor allem, die auf keinem geistigen, wissenschaftlichen Gebiet mit seinen Entzückungen gearbeitet haben – neigen zur Liebe für die „einfachen, großen“ – meist symbolischen Dinge – Homer oder Bibel.

Die Briefe: Nicht viel von all dem darinnen. Rechte Banalitäten zuweilen: „Ich hatte gehofft, sie vor ihrem Tode noch zu sehn, es sollte nicht sein“ – der Mensch denkt und Gott lenkt. Eine charakteristische Stelle: „… ich hoffe, daß du dann auch da sein wirst, die Reise werde ich bezahlen. Du wirst sie und ihren Tod wohl nicht vergessen, doch behalte es für dich. Das ist eines von den Dingen, die uns allmählig ‚traurig, aber stets froh‘ machen und das müssen wir werden.“ (Das steht in der Nachschrift des gleichen kurzen Briefes, Seite 29)

Erst war in van Goghs Bewußtsein nur die zudeckende banale Wendung; dann – abrupt, als er schnell etwas anderes sagen will, – drängt der erste Gedanke vertieft nach. Er ist ein guter Junge und schickt Bruder und Eltern Schokolade und kleine Litographien, auch Bücher. „Hier war eine Versteigerung von Zeichnungen von Millet … Als ich in den Saal … kam … fühlte ich so etwas wie: ‚ziehe die Schuhe von deinen Füßen, denn der Fleck, auf dem du stehst, ist heiliger Boden.‘“ Er sieht immer noch literarisch; von einem Rembrandtstich in seiner Stube schreibt er: „Es ist etwas, das einen denken macht: ‚Wahrlich ich sage Euch, wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.‘ Das kennst du doch. Es ist eine Dorfstraße, von Bauernhäusern und Scheunen und am Ende die Kirche von Pappeln umgeben. Alles beschneit und schwarze Figürchen, die zur Kirche gehn. Es sagt uns, daß der Winter kalt ist, daß es aber warme Menschenherzen gibt.“ Anderen vermag er wohl zu raten: „Wenn er (Onkel Vincenz) nach dem Haag kommt, wird er wahrscheinlich mit dir sprechen; halte dich dann nur ruhig und laß ihn reden, was er will; es wird dein Schaden nicht sein und wahrscheinlich wirst du ihn später noch einmal nötig haben. Du mußt nicht über mich sprechen, wenn es nicht gerade notwendig ist.“ Er fängt an, vielen Briefen erbauliche Reden anzuschließen. Zum Beispiel: „Letzten Sonntag und vor 14 Tagen war ich in der Kirche bei M. Mercier und hörte ihn über: ‚Toutes choses prouvent le bien de ceux qui aiment Dieu‘ und über: ‚Il fit l’homme à son image‘. Es war schön und groß. Du mußt, wenn du kommst, auch jeden Sonntag zur Kirche gehen; wenn es auch nicht so besonders schön ist; tue das, du wirst es nicht bereuen.“ Er zitiert Sprüche. Ein Beispiel: „Heute morgen hörte ich von Vater und von dir die Nachricht von Onkel Jans Tod. So etwas läßt uns ausrufen: ‚Crains Dieu et garde ses commandements car c’est là le tout de l’homme‘. In der nächsten Kiste Bilder, welche nach Holland geht …“ Das heißt zusammengefaßt: es wirkt erbaulich! Aus Ungeschick. Er ist noch nicht durch. Im übrigen ist das egal. Wichtiger ist: Er ist manchmal köstlich unmittelbar: Nach der Stelle über gläubiges Gefühl die Fußnote über Schuhputzen, siehe später.

Dokumente seiner Religiosität

„Flügel; Flügel übers Leben, Flügel über Grab und Tod! Die haben wir nötig, und ich beginne einzusehen, daß wir die bekommen können. Sollte zum Beispiel Vater die nicht haben? Und wie er die bekommen hat, weißt du, durch Gebet und dessen Frucht: Geduld und Glaube, sowie durch die Bibel … Gefühl, selbst feines Gefühl für die Schönheiten in der Natur, ist nicht dasselbe wie ein gläubiges Gefühl; gleichwohl glaube ich, daß diese beiden miteinander in naher Verbindung stehen*. Beinahe ein jeder hat Gefühl für die Natur, der eine mehr, der andere minder; aber es gibt wenige, die da fühlen: Gott ist ein Geist und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten. … Du weißt, daß geschrieben steht: Die Welt vergehet und all ihre Herrlichkeit, und daß da hingegen auch gesprochen wird von einem Teil, der nicht weggenommen werden soll, von einem Bronn lebenden Wassers, sprudelnd bis in das ewige Leben. Laß uns auch bitten, daß wir mögen reich werden in Gott. Denke aber nicht zu tief nach über diese Dinge, die dir von selbst immer deutlicher werden werden, und tue nur, was ich dir geraten habe.“

Fußnote: „Dasselbe ist der Fall mit dem Gefühl für die Kunst. Gib dich auch dem nicht allzusehr hin. Du ißt doch übrigens gut? Iß vor allem soviel Brot wie du nur magst. Gute Nacht, ich muß meine Stiefel putzen gehen für morgen. Finde nur nicht alles gut und lerne für dich den Unterschied fühlen zwischen verhältnismäßig gut und schlecht und laß dies Gefühl dir dann den rechten Weg weisen unter höherer Leitung; denn, mein Junge, wir haben es so nötig, ‚que Dieu nous mène.‘ Übrigens müssen wir doch vor allem dafür sorgen, einfach zu essen. Es heißt nicht umsonst: Gib uns unser täglich Brot heute.“ Er rät Renan, Michelet usw. zur Seite zu tun; aber nicht dauernd: „… sorge dafür, daß du nicht so ungehörig und beschränkt wirst, nicht zu lesen, was gut geschrieben ist, das ist im Gegenteil ein Trost in unserem Leben. Du wirst wohl oft fühlen: … daß uns Gründlichkeit und Einfachheit und Geradheit mangeln; man ist nicht mit einem Male einfach und wahr. Es gibt ein Wort, welches mich dieser Tage verfolgt, es ist der heutige Tagestext: Seine Kinder werden suchen, den Armen zu behagen.“

Er tadelt Gladwells Heimweh: „Er krankte danach mit jenem Verlangen, das nur Gott und dem Himmel zukommt. Vergötterung ist keine Liebe. Wer seine Eltern lieb hat, muß ihnen nachfolgen durchs Leben.“ Das sieht er nun deutlich ein; er hat mit Trauer im Herzen doch Mut und Lust, seinen Weg weiter zu gehen. „Tante C. besorgte mir ein schönes Buch: ‚Kennelm Chillingly‘ von Bulwer. Da ist viel Schönes darin. Es sind die Schicksale von dem Sohne eines reichen Engländers, der nicht Ruhe und Frieden finden konnte in seiner Umgebung und diese in anderen Kreisen suchen geht. Doch schließlich kehrt er in seinen eigenen Stand zurück, ohne jedoch Verdruß über das zu empfinden, was er getan hat.“ 15. März 1876. (Dürfte ihn beeinflußt haben.)

Die Prophezeiung: „Dieser Tage habe ich ein schönes Buch von Eliot gelesen, drei Erzählungen ‚Scenes of Clerical Life.‘ Besonders die letzte Erzählung, ‚Danet’s repentance‘, packte mich. Es ist das Leben eines Predigers, der richtig mitlebte mit den Bewohnern der schmutzigen Straßen einer Stadt. Sein Studierzimmer sah hinaus auf Gärten mit Kohlstrünken etc. und auf die roten Dächer und rauchenden Schornsteine armer Häuser. Als Mittagessen bekam er gewöhnlich schlecht gekochtes Schaffleisch mit Kartoffeln. Im Alter von 34 Jahren starb er und wurde in seiner langwierigen Krankheit gepflegt von einer Frau, die früher dem Trunk ergeben war, aber durch seine Worte und sozusagen sich auf ihn stützend, sich selbst überwunden hatte und Ruhe hatte gefunden für ihre Seele.“

Für die Stilanalyse ein Beispiel: „Ich verlange nach Weihnachten und danach, dich zu sehen, mein Junge, aber wir werden das nun bald genug erreichen.“ Er schiebt eine Barriere vor das unfertige Ende seines inneren Ablaufs. „Aber bald genug“ mindert die Sehnsucht, der nichts bald genug sein soll. Er ist im Begriff zu meinen: wir werden das Gott sei Dank bald erreichen, bremst sich aber. Hier könnte es auch ein gewisses Hinauszögern der Vorhingabe an den Genuß sein. Auch etwas männlicher Brummton. Oder eine Scheu vor zuviel Gefühlsausdruck und deshalb Anwendung einer konventionellen Floskel. Oder auch = aber wir werden das schon machen. In jedem Fall ein undistinkter Ausdruck.

Zerwürfnis bei Goupil: „… Ist ein Apfel reif, macht ein gelindes Windchen ihn vom Baum fallen, so ist es auch hier; ich habe wohl Dinge getan, die in gewissem Sinne sehr verkehrt waren, und habe darum nur wenig zu sagen. Und nun, mein Junge, was ich beginnen muß, ist nur vorläufig noch ziemlich dunkel, aber wir wollen Hoffnung und Mut zu behalten suchen.“ Januar 1876.

Gladwell: „Wir fühlen uns wohl mal einsam und verlangen nach Freunden und meinen, daß wir ganz anders und glücklicher sein würden, wenn wir einen fänden, einen Freund, von dem wir sagen könnten: ‚Das ist das Richtige‘, aber du wirst auch bereits beginnen, zu merken, daß viel Selbstbetrug dahinter steckt … Und nun noch eine Neuigkeit, nämlich, daß mein Freund Gladwell ausziehen wird; einer der Beamten der Druckerei hat ihn beredet, zu ihm zu ziehen, schon früher bemühte er sich darum. Gladwell hat es, glaube ich, getan, ohne nachzudenken, ich bedauere ganz außerordentlich, daß er fortgeht, es wird schon bald sein, Ende dieses Monats wahrscheinlich.“ Er hat abstehende meist rote Ohren, große rote Lippen. Glänzende Augen. Mager wie ein Stück Holz, ißt so viel Brot und Äpfel, daß es van Gogh unangenehm ist, und dieser sucht ihn zu erziehen und freut sich, daß es zu gelingen scheint. Sie stehen in der Morgendämmerung auf und van Gogh liest die Bibel. Abends wieder. Gladwell kocht jeden Morgen Hafergrütze. „Er hat ein ganz naives u unverdorbenes Herz.“ „Ich habe von ihm gelernt und habe ihn auf eine Gefahr aufmerksam machen können, die ihn bedrohte“. Sie überwerfen sich nicht, trotz der Abkühlung.

Nachtrag: „Der Weg ist schmal, darum müssen wir vorsichtig sein. Du weißt, wie andere dahin gekommen sind, wohin auch wir wollen, laß uns auch den einfachen Weg gehen. Ora et labora. Laß uns unser Tagwerk, was die Hand zu tun findet, vollbringen mit all unserer Kraft und laß uns nur glauben, daß Gott gute Gaben, ein Teil, das uns nicht genommen werden kann, denen geben wird, die ihn darum bitten. Si donc quelqu’un est en Christ il est une nouvelle créature, les choses vieilles sont passées, voici toutes choses sont devenues nouvelles. 11 Cor. Vers 18.“

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
10 haziran 2026
Hacim:
5257 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9782377871742
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