Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 127
Die Periode der Religiosität bis zu Erkenntnis des Lebenswegs
April 1876 – Juli 1880, Ramsgate – Juli 1876 bei Mr. Stokes, Isleworth – Weihnacht 1876, anfangs bei Mr. Stokes, kurz nach Beginn bei Mr. Jones, Dortrecht in der Buchhandlung von Blusse und Braam, Amsterdam, Mai 1877 – Juli 1878 Studium der Theologie, Brüssel, Missionsschule: Ende August 1878 – Ende November 1878, bekommt keine Anstellung. Borinage: 1. auf eigene Kosten, Paturages. 2. Wasmes, Jänner 1879 angestellt für 6 Monate mit 50 frcs., soll schon im Februar entlassen werden – Juli 1879. 3. Auf eigene Kosten – Juli 1880.
Der erste Versuch: England: Er ist ein Mensch, der in einem kleinen Nachen auf das Meer der Religiosität hinausfährt. Wo die, denen er begegnet, auf den geordneten Postdampferlinien reisen. Bei aller Unklarheit liegt hier die Entscheidung; er entsagt den Lockungen der Welt und folgt seiner Seele. Im Zeitpunkt, wo er ins Ungewisse geht. Der Vater kann ihn nicht mehr unterstützen. Die Wehmut des Abschieds ist groß, dennoch scheint schon auf der Reise etwas aufgetan. Die Welt gehört jetzt ihm. Er scheint sie einzutunken, wenn man die knappen aber straffenden Notizen über die Reiseeindrücke liest. „Am nächsten Morgen in der Bahn von Harwich nach London war es schön, in der Morgendämmerung die schwarzen Äcker und grünen Wiesen mit Schafen und Lämmern und hier und da einer Dornenhecke und einzelnen großen Eichen, mit graubemoosten Stämmen und dunklen Ästen zu sehen. In der dämmernden blauen Luft blinkten noch einzelne Sterne und eine Bank grauer Wolken lag am Horizont. Schon bevor die Sonne aufging, hörte ich eine Lerche. Als wir an die letzte Station vor London kamen, ging die Sonne auf. Die Bank grauer Wolken war verschwunden und da war die Sonne so einfach und groß wie nur möglich, eine rechte Ostersonne.“ 17. April 1876.
Es ist altes England wie aus den Büchern von Dickens und Thackeray, in das er hineinkommt. Religion ist ein bescheidener solider Erwerbszweig.
Was ist ein Dichter?
Wissen was, Sterblichkeitsstatistik ist. Mit solchen Methoden sucht man komplexe soziale Fragen … Unsterblichkeitsstatistik. – Nicht mit wieviel Jahren (denn 24, 80 oder nach Tod), sondern unter welchen Titeln. Mit andren Worten: was ist ein Dichter? Wichtigkeit der Frage. Darstellung des Chaos. Ohnmacht des Künstlers. Gründe: Fehlen einer Ästhetik, kritischer Maßstäbe. Buchhändlerischer Kapitalismus. Unmöglichkeit auf großen Kreis zu wirken und zu leichte Möglichkeit, es auf kleinen Kreis zu tun. Nur einige Gesichtspunkte entwickeln, durch die Ordnung geschaffen werden könnte. Un-Definition der Dichtung: Vom Mittel her und durch Begriff senti-mental.
Hegner: Man will nicht Bewegung vom ruhenden Menschen gesehen darstellen, sondern Bewegung im Schöpfungszustand, status nascendi und dergleichen, will sie schaffen. Das geschieht, indem ich das Ding hier male und dort. Dadurch wird auch die Dreidimensionalität des Raums ausgedrückt. Nicht durch die Perspektive. Einwand: das ist, anstelle einer bereits physiologisch gewordenen Konvention, eine rationale setzen.
Widerlegung: Es handelt sich nicht um Mitteilung; die wäre rational und hat immer Tendenz. Sondern – gewißermaßen – um Miterlebensanregung nach einem Zeichenschlüssel, den der nicht mehr handhaben kann, der vier Jahre fort war. Neuer Einwand: Dieser Zeichenschlüssel ist eine rein rationale Konstruktion.
Bewegung zum Unendlichen hin. Einwand: Die Größe, die man so aus der Beschäftigung mit dem Unendlichen ableitet, ist nichts besseres als der Einwand gegen den Materialismus, er sei öde, weil er das Spirituelle leugnet. Das Unendliche wird zur Tendenz. Nein: Was ins Unendliche zieht, kann keine Tendenz haben, usw.
Der Dichter fängt dort an, wo das Wort aufhört, Mitteilung zu sein.
Der wache Blei: ‚Der Dichter fängt dort an, wo das Wort aufhört, Mitteilung zu sein.‘ Das andre ist nur Schriftsteller. – Aber eigentlich ist der Schriftsteller interessanter und der Dichter hat etwas von der Öde des katholischen Himmels.
Der späte Hölderlin. Indem der Dichter das Wort erfindet, explosiv, ist es Schöpfungszustand des metaphysischen Erlebnisses.
Wieso wählen diese Schwall- und Explosionsmenschen in der Malerei das Geometrische?
Pathos
Ich nenne noch nicht Pathos die Art, wie ein Bauer im Gebirge gegen den Horizont steht oder das Feuerspeien eines Carrées österreichischer Infantrie gegen das napoleonische Kürrassiere anreiten. Um von Pathos zu sprechen, muß eine Handlung, ein Gefühl oder ein Wort über die Erfüllung ihrer Wesenheit hinaus noch ein Mehr an sich tragen. Die Bestimmtheit darf nicht durch die Situation erfolgt erscheinen, sondern noch durch ein immanentes Moment. Man findet ein solches Mehr jedoch auch … und die meisten anderen ästhetischen Qualitäten sind es. – Bewußtes u unbewußtes Pathos. – Starke intellektuelle oder seelische oder körperliche Anspannungen sind frei von bewußtem Pathos. – Moltke, Togo sind gänzlich pathosfreie Vorstellungen. – Kriegsgesänge, Kirchenmusik sind pathetisch, die ersten vielleicht unerlaubter-, die zweiten erlaubter Weise. – Das Pathos ist verwandt mit der Aufschneiderei und mit der Kinderlüge. – Die Kunst aber hat mit Lüge nichts zu tun, auch nicht mit Wahrheit. – An der naturalistischen Doktrin ist etwas Unrichtiges und etwas Richtiges.
Der ahnungslose Österreicher
Ich nenne ihn noch so, denn er ist auch in Deutschösterreich sich gleich geblieben. Er hält seine Schwächen noch immer für Vorzüge, von denen man sich nicht trennen darf, wenn man der Welt nicht schaden wolle. Darum ist er heute gegen den Anschluß an das Deutsche Reich. In der Sprache ist er für Beibehaltung der Fremdworte. Er hält Autotaxi, Lingerie, Trottoir, rekommandiert für Begriffe, die sich deutsch gar nicht so ausdrücken lassen. Er verwechselt den Vorstellungsnebel, der jeden gewohnten Ausdruck umgibt – und sich nach einer Weile ebenso natürlich um den Ersatzausdruck lagert – er verwechselte diesen (sprachlich schlecht gelüfteten) Stubengeruch des Elternhauses (schlecht gelüftet) mit der Sprache. Weiß wohl, daß alle Sprachen mehr aus Fremdworten als aus ursprünglichen bestehn, weiß aber nicht, daß alle Sprachen außer der des Deutschösterreichers in starker Lebenskraft die Neuangekommenen immer wieder sich angleichen. So hält er seinen Spagat, seine Riebisl sein ober ihm, sein auf etwas vergessen usw. für ebensolche Sprachvorzüge wie es die in seiner Sprache wirklich bewahrten alten Güter (zum Beispiel Trum) sind. Man braucht nur die Sprache des Deutschösterreichers zu zergliedern um sein politisches Schicksal herauszulösen: zwischen fremde Völker eingeschobener, fast abgeschmierter Teil der eigenen Volksgemeinschaft zu sein.
Er beruft sich auf seine alte Kultur und schimpft auf das Berlinische. Ohne dem Neudeutschen das Wort reden zu wollen, mögen doch einige Vergleiche gezogen werden. Die alte Kultur zugegeben. Aber …
Und Nationalismus. Internationalismus
(Ich mache keine Einleitung; alle Einleitungen führen zu diesem Thema.) Wir haben heute drei Auffassungen. Die eine kennt nur den Menschen, die zweite nur den Ausgebeuteten und den Ausbeuter. Die dritte (Beschränktheit) ist der Nationalismus.
Ich lese in der Zeitung, was die Italiener in Südtirol tun, um das Land zu italianisieren, und erfahre aus Briefen, wie die Tschechen in Deutsch-Tschechoslowakien verfahren. Beides ist mehr, als sich jeder „germanische Expansionsdrang“ im alten Österreich erlaubt hat. Ich bin empört, es geht mir nahe, ganz ohne daß ich will. Aber was gehen mich eigentlich die dunklen Alpenspießbürger an? Sollte ich sie nicht schadenfroh den Italienern gönnen?
Ich komme darauf, daß „Nation“ ein Abstraktum ist. Wir haben nicht einmal die Sprache gemeinsam, denn meine Sprache versteht ein Großteil der Nation nicht besser als ich englisch. Ich wirke auch gar nicht auf die Nation. Denn ich werde zwar in Moskau gelesen, aber ganz gewiß nicht in Weidling am Bach, das nur vier Gehstunden von meinem Schreibtisch entfernt ist.
Gehen wir noch weiter: Der geistige Mensch wird von seiner Nation mißhandelt. Wilde wurde von den Engländern ins Zuchthaus gesteckt, Flaubert von seiner Nation vor das Zuchtgericht, Dostojewskij saß in Sibirien und der Tod Landauers hat den Spießbürgern, die sich die Goethestadt angezogen haben …
Nun haben aber auch die Internationalisten (Sozialisten wie Mensch-Schwärmer) einen merkwürdigen Denkfehler begangen. Sie sahen in ihrer Umgebung, der Mensch ist ein Phrasendrescher, ein Schieber, blind hochmütiger Soldateskier usw. – sie konnten wissen, daß jenseits der Stacheldrähte das gleiche galt. Aber merkwürdigerweise schlossen sie nicht daraus: Desto besser, je mehr von der Sorte vernichtet werden. Das philosophische Argument zugunsten des Kriegs (als einer Ergänzung der unzulänglichen Bazzillengeißelung der Menschheit) ließen sie sich entgehen. Sondern sie verherrlichten die Entente, die Drückeberger (unter denen doch wohl höchstens einer von hundert ein Idealist war) An diesem verhängnisvollen Denkfehler, der in spießbürgerliche, aber klare Köpfe nicht ein will, kranken wir noch heute und an Noske ist nicht nur Noske schuld, sondern auch die Fälsche der Gegenbewegung. Der Mensch ist nicht gut, wenn man ihm bloß die verschiedenen Joche des Kaiserismus, Militarismus, Kapitalismus usw. abnimmt. Er ist auch nicht schlecht, sondern er ist eine liquide Masse, die geformt werden muß. Wie viel folgerichtiger ist Clemenceau! Er spekuliert in Menschheit auf baisse, er glaubt nicht an sie. Er will ein reiches und starkes Frankreich (wenn schon, denn schon) und Ludendorff hätte genau so gehandelt. Diese Männer müssen beseitigt werden, wenn man eine neue Welt bauen will, in der alten aber sind sie zur Führung berufen. Er ist sinnlos, sie zu beschimpfen, ihre Gattung zu beschimpfen, und ein Deutschland aufzubauen, das zu ihnen hinführt. Fragen wir uns: was ist Nation? Und was ist Mensch?
Nation: Ethnisch Deutsche. Geistige Argumente pro: Phraseologie des Wilhelminischen Zeitalters. Argumente contra: die von mir angeführten. Wozu noch kommt: das Volk Goethes. Nun, was hat Herr Noske von Goethe? Bleibt noch mein Argument: sprachliche Arbeitsgemeinschaft.
Aktivismus – ein offener Brief
Sehr geehrter Herr! Sie haben mich freundlich und impulsiv aufgefordert, mich doch endlich dem Aktivismus gegenüber etwas aktiver zu verhalten.
Ich kann Ihnen anstelle eines Beitrags leider nur einen Brief mit Fragen senden, die wie alle Zweifel eines wohlgesonnenen Menschen vielleicht doch etwas mehr Wert haben als die Abstinenz.
Es scheint mir in der Natur geistiger Arbeit zu liegen:
So wie Aktivismus eine besondere, auf andres als das eigene geistige Schaffen gerichtete Aktivität bezeichnet, ist er Anzeichen eines Gesellschaftszustands, in welchem die geistigen Vorgänge ihre natürliche Wirkung nicht finden können. Hätten die paar Dutzend geistigen Vorbilder und Vorbildner, welche etwa unter uns Deutschen leben mögen, die Wirkung eines Franz Lehár so gäbe es keinen Aktivismus.
Man kann aber nicht sagen, daß sie die Wirkung durchaus nicht haben. Schulwesen, Kirchen, staatliche Förderung der Forschungsarbeit sind ungeheure Verteilungssysteme geistiger Wirkungen. Bekanntlich sind diese Wirkungen rein rational oder seelisch konservativ. Zieht man die geistige Werbearbeit der politischer Organisation in diesen Kreis, so fügt es dieser Charakteristik nur einige seelische Mißbildungen hinzu. (Wie das Völkische und einen großen Teil der Arbeiterbildungsbewegung).
Das Brachfeld liegt also in der Hauptsache dort, wo der seelische Fortschritt eines Volk gesät werden müßte. Ich weiß, daß seelisch und Fortschritt, so gekoppelt, nicht ganz mit Unrecht im Verdacht einer contradictio in adjecto stehn; möge es sich aber auch nur um die ständige seelische Wiedererneuerung handeln, wenn das Feld nicht immer umgegraben wird, verarmt es. Man setze an die Stelle von Fortschritt den geringeren Begriff eines ständigen Pulsierens oder Zirkulierens ethischer, moralischer, künstlerischer, kurz lebens- und Ichgestaltender Gedanken: strömt dieses nicht stark und frei in einem Volk, so stirbt es ab. Zweifellos ist diese sozial-organische Funktion im heutigen europäischen Gesellschaftszustand schwer gefährdet. Versteht man unter Aktivismus eine Aktivierung der heute verrieselnden Einflüsse, so ist Aktivismus aus Gründen, die ich bei andern Gelegenheiten angeführt habe, schlechtweg die Entscheidung über Zukunft oder Verfall.
Vor allem wäre es dabei seine Aufgabe, die Aufmerksamkeit überhaupt erst auf sich und seine höchste Notwendigkeit zu lenken. Sodann aber – und hier komme ich zu einem vermutlich sehr unaktivistisch aussehenden zweiten Ziel – gilt es, rein sachlich die Lage zu studieren. Das ist eine noch kaum in Angriff genommene Frage soziologischer Analyse. Wie wirkt Geist heute überhaupt? In wieviel widerspruchsvollen Weisen? Mit Hilfe welcher Lagerungen der Gesellschaftsstruktur? Wie der der Einzelnen, wie der der Gruppe? Der Jüngling im Sortimentbuchladen ist dafür vielleicht unwichtiger, aber nicht unwesentlicher als der Philosoph, dem er einen Durchschnittsroman vorzieht. Ich führe das nicht weiter aus, man könnte ein Buch allein mit Fragestellungen anfüllen.
Diese Fragen müssen aber beantwortet sein, um überhaupt erst die Tatsachen zu kennen, mit denen und gegen die man operieren will. Wir kennen sie heute nicht. Und ohne das stößt man ins blaue. Meiner Ansicht nach tut heute einem Aktivismus weniger Programm als Studium not, weniger die Verbindung mit Dichtern und Philosophen als mit Tatsachen. Es wäre natürlich ein Mißverständnis, wollte man dagegen einwenden, daß der Aktivismus keine Theorie sei, sondern sich an den Willen wende, nicht weniger als es ein Mißverständnis wäre, alle Impulse bis zur vollen theoretischen Klarstellung also bis zum jüngsten Tag zu vertagen.
Aber alles bisher Gesagte trifft nur einen in gewissem Sinn formalen Inhalt des Aktivismus und man kann mit Recht einwenden, daß in einem solchen nichts vorgekehrt sei, damit der Aktivismus nicht statt eines Vermittlers es an Werten einer von Unwerten werde. Soviel ich sehen kann hat sich auch faktisch die Bewegung, welche man Aktivismus nennt, mehr als mit dem hier vorgeschobenen Problem mit der Diskussion und Propaganda von bestimmten Werten befaßt und hier steckt eine Schwierigkeit anderer Art, welche durch die Forderung der Aktivität verdeckt wird, ohne behoben zu werden.
Soweit der Aktivismus Werte diskutiert, wird man dies ruhig zu den Vorarbeiten rechnen können und auch nicht sonderlich aktivistisch finden; soweit er sie aber propagiert, unterliegt er dem schweren Einwand, daß –: ihm dies in mehrjähriger Arbeit nicht gelungen ist, ja daß der große Schwung, welchen er beim ersten Wurf hatte, sich im Lauf der Zeit geschwächt hat. Die Schuld im Geist der Mitarbeiter und weiterhin im Geist der Zeit zu suchen, wäre falsch: es handelt sich nicht um Fehler und fehlende Eigenschaften, sondern um eine Notwendigkeit. Thomas Mann (allerdings eine verfärbte Vorstellung von Aktivismus vor Augen) hat aller „Geistpolitik“ vorgeworfen den ersten Teil Geist durch den zweiten Politik zu fälschen, er hat Politik mit Rationalismus gleichgesetzt und Geist – in der Form des Künstlers – mit „Ironie“, was wohl auf das Zweiseiten haben jeder Wahrheit zurückgeht, das für den Dichter besonders unerläßlich ist. Er hat zweifellos eine wirklich vorhandene Gefahr gekennzeichnet. Geist, ebensosehr in die Breite und in Widersprüche sich entfaltend, läßt sich nicht ohne weiters in die Linie eines Fortschritts oder Programms bringen. Aktivistischer Tendenz im einzelnen Träger, der gar nicht anders kann als Aktivist sein,
Also fangen wir mit dem Wort an, das am Anfang war; das ist keine originelle Methode, aber eine oft bewährte: Aktivismus, Aktivität, agein.
Agein würde ich nicht schon mit Handeln übersetzen, mit aus Stil, Plan, Gesinnung entspringendem Handeln, sondern mit Ausgreifen, Herumfahren, Umsichschlagen, Losstürzen. Erste Gabelung (zu einer Philosophie gehören vor allem Termini und Gabelungen): Agagein: Die Person bemächtigt sich der Objekte, das Handeln geschieht aus Überschuß und Überfluß. Pathagein: Das Objekt, das Ziel bemächtigt sich der Person; die Persönlichkeit wird entmächtigt. (Männliches und weibliches Begehren) Es kann aber nicht übersehen werden, daß auch beim agagein etwas sich der entmächtigten Persönlichkeit bemächtigt, und zwar ist es ihr eigener Überschuß und Überfluß, so daß das agagein als pathagein erscheint. Reinste Form dieses Pathagein oder Agein schlechtweg ist die Reizbahnung; der Reiz bahnt sich einen Weg durch die nervöse Gallerte, dieser den Beginn nervöser Struktur erteilend. (Reizbahnung ist Prototyp des weiblichen, Benutzung der Bahnung des männlichen Geschehens?) Es ist dies die anscheinend älteste Form von Seele. Spätformen dieses Agein sind zum Beispiel die suffragettes. Ihr Tun ist beinahe reines Pathagein; sein Zweck steigt auf den Schnürboden der kaum noch bewußten zielsetzenden Obervorstellungen hinauf, was auf der Bühne des Bewußtseins bleibt, ist reine Aktivität, die mit reiner Passivität identisch ist. (Märtyrertypus) Der stürmende Krieger, der Turner im Augenblick des Salto mortale zwischen zwei Recken, der Boxer, der Schauspieler sind andere Abformen.
Aktivität in diesem Sinn (Pathaktivität) ist vorwaltend motorisch. In ihrem extremen Fall löst sich die Persönlichkeit ganz in das Tun ihrer Muskeln auf. (Motorische Extase, Dionysien, Amokläufer, Einherier.) Das Beglückende dieser Aktivität besteht in der Sprengung oder Auflösung (agagein und pathagein) der intellektualisierten, voluntarisierten Normalbeziehung zwischen Ich und (physischer, sozialer) Welt. Seit dem Abkommen der Mysterien ist dieses Erlebnis extrem individualistisch geworden und eignet sich nicht für eine soziale Bewegung, sofern diese den soziologischen Typus der Sekte überschreiten soll. Seine Formel (Bolschewismus und dergleichen Abform davon) lautet negativ ausgesprochen oder unausgesprochen: Die Welt kann (mir, dir oder einer beschränkten Zahl von uns) … herunterrutschen.
2.
Diesem reinen Handeln steht ein anderes gegenüber, das aus Ziel, Plan, Gesinnung, Überlegung entspringende (wegen der nahen Zusammengehörigkeit von Wille und Intellekt gegenüber dem oben Beschriebenen: Bulagein). Dieses Handeln dient der Verwirklichung und sein Schwergewicht liegt mehr als zur Hälfte im Entstehungsprozeß eines Ziels. Dafür haben wir aber einen Apparat, der heißt Gesamtheit und seine Funktion Entwicklung. Jede Schwankung im Ziel ist natürlich eine Unsicherheit im Handeln selbst. Selbstverständlich ist niemals in der Welt etwas genau nach einem Plan zustandegekommen und große Bewegungen hatten immer das Glück, daß sie aus einem Wirrsal wie zufällig zu einem (ihrem kann man kaum sagen) Ziel gelangten, aber ich denke, der Aktivismus hat bereits die Probe bestanden, daß ihm dieses Glück nicht beigesellt ist, denn er hat sich im Lauf der Jahre eher diffus ausgebreitet als konzentriert. (Heute zuviel von der ersten Aktivität in der zweiten.) (Unaufhörlich greifen Einzelne und greifen Gruppen ein. Werden verdaut, zumindest in längeren Zeiträumen, gehn auch spurlos verloren – Ägypten.)
Will der Aktivismus mehr als eine Sekte, eine Akademie, ein Diskurierklub sein, so muß er das Problem lösen, wie der geistige Einfluß auf die Entwicklung verstärkt werden kann.
Ein sozial-organisatorisches Problem. Es fordert zuvor Kenntnis, wie der geistige Einfluß überhaupt wirkt. Also eine soziologische Analyse in der Art wie sie das Forchner (?) für den Bereich der Volksbildung begonnen hat. Für diese Phase mehr gelehrte Arbeit nötig als andre. (Fabian) (Natürlich kann man zum Beispiel ein Jahrbuch dem Bolschewismus widmen usw. Das ist gut, aber wichtiger ist zu wissen, was alles gut ist.)
Dann erst hat die Frage praktischen Zweck: welcher Einfluß diesem so studierten Volkskörper einzugeben sei.
Ich sehe hier nur zwei richtunggebende Gedanken: 1. Uneinheitlichkeit der Entwicklung. Bruch mit allen Einseitigkeiten, 2. Optimismus und optimistische Institutionen.
Propagatorische Einzelne und Parteien wird es immer geben. (Der Einzelne soll scharf sein oder mild, wie er will.) Nicht Sache der Geistigen auch eine zu bilden. Ist widersinnig; man kommt immer darauf, daß man falsch gelegen ist. Der einzelne kann das kompensieren. Gruppen nicht; sie werden blöd und starr.