Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 128
Psychologie und Literatur
Seit mehr als zwanzig Jahren gehört zum Instrumentarium des deutschen Kritikers das Wort Psychologie. Ein Psychologe zu sein, war zuerst ein Allerweltslob und wird im neueren Teil dieser Zeit gewöhnlich – und wie wir sehen werden, liegt darin ein gewisser Fortschritt – als Tadel gebraucht. Klare Begriffe sind mit diesem Wort aber so selten verbunden wie überhaupt mit den Vokabeln der Kritik. Daß Kritiker wie Dichter unter diesen Unklarheiten leiden, möge den Beginn einer systematischen Untersuchung trotz des Bewußtseins rechtfertigen, daß die Methode pedantisch und das Ergebnis unfertig und … sein wird.
Nimmt man die jüngste Zeit aus aus, so wird man wenige Besprechungen von Dramen und Romanen finden, in denen der Kritiker sich nicht verpflichtet gefühlt hätte, dem Dichter nicht auch ein Zeugnis über seine Psychologie auszustellen, die meist – natürlich weniger das Werk spiegelnd als eine Schwäche des zeitgenössischen Beurteilers – tief, schürfend, abgründig, kennerhaft und dergleichen gefunden wird. Selbst daß das Wort in neuerer Zeit zurücktritt und mehr in die niederen Sphären der Kritik abwandert, beweist – da diese Verdrängung mit neuen Prinzipien zusammenhängt (psychologisch zu sein, ist heute fast ebenso ein Gravamen, wie es früher …) – noch seine unverminderte Wichtigkeit. Trotzdem wird man ungemein selten klare Vorstellungen mit dem Worte verknüpft finden.
Es teilt dieses Schicksal mit allen häufig angewandten Worten der Kritik, wie jeder, der sich ehrlich um Kritik bemüht, zugeben wird. Die aus Ablehnung einer ganz untauglich gewesenen ästhetischen Scheingelehrsamkeit entstandene „Subjektivität“ des Kritisierens, die selbst im Zeichen des Expressionismus noch mit dem impressionistischen Mittel des persönlichen Eindrucks arbeitet, ist der Ausbildung fester Begriffe wenig günstig gewesen. Man wird mit der Annahme nicht fehlen, daß dies einen großen Teil der Schuld an dem bedauerlichen Chaos der Wertungen trägt, in dem unsere Literatur sich entwickeln muß.
Die unangenehme Unkonsistenz unserer literarischen Meinung, die niemals in Fluß kommt, sondern immer entweder bürgerlich teigig oder …
Daß heute die Kritik von einer Dichtung verlangt, daß sie nicht psychologisch sein solle und vor 15 Jahren die Kritik von einer Dichtung das Gegenteil verlangte, ermutigt mich, daran zu erinnern, daß es „psychologische Dichtungen“ überhaupt nicht gibt. Es müßten dies ja Dichtungen sein, deren Zweck es wäre, psychologische Erklärungen zu geben; Lehrgedichte. Auch von der Psychologie her zeigt sich die Unmöglichkeit der Gattung. Es gibt eine philosophisch-spekulative Psychologie, es gibt eine Experimentalpsychologie, es gibt eine psychiatrische, eine psychoanalytische Psychologie. Sie alle sind in ihren Methoden und zum Teil auch in ihren Erkenntniszielen verschieden, ihr Gemeinsames aber ist, daß sie überhaupt Erkenntnis wollen. Sie führen Erscheinungen systematisch auf andere Erscheinungen zurück, sie suchen das verhältnismäßig Allgemeine im Einzelfall. Eine dichterische Psychologie mit dieser Aufgabe – also eine Psycho-Logie – hat es nie gegeben. Wohl wurde zur Zeit des naturalistischen Kunstwollens ähnliches angestrebt; deutlicher bei den Franzosen als bei den Deutschen. Es gab den Ehrgeiz (Seitenwirkung des Marxismus) wissenschaftlicher Exaktheit in der Dichtung. Mit ihrem Ideal eines antipathetischen Desillusionismus und Zynismus war diese Einstellung viel wertvoller, als man heute verstehen kann; die Resultate waren allerdings nicht groß oder (wenn man Flaubert hinzurechnen kann) der Theorie untreu geworden. Als ein Mittel galt die Psychologie. Aber was war dies doch, diese Psychologie der Dichter! Vom Standpunkt der Erklärung: Scheinerklärung; Zurückführung der Erklärung auf persönlich als brauchbar ausgesuchte andere Erscheinungskomplexe. Das einzig Notwendige darin: daß die Erklärung nach einer gewissen Anzahl von Schritten notwendig stecken bleiben mußte. Dichterisch – wie wir sehen werden, – vollkommen ausreichend; aber Psychologie war das nicht. – Auch Dostojewskij – und was sich von ihm ableitete – war kein Psychologe. Auch seine Psychologie war falsch, weil er ein großer Dichter war, er bog sie sich für seinen Zweck zurecht. – Das Umgekehrte allerdings gibt es: psychologische Arbeiten, die wie Dichtungen sind. Es sind Beschreibungen pathologischer Seelenabläufe, die von einer wunderbaren Eindringlichkeit und so stark gleichnishaft (für den „normalen“ Leser) sind, daß der Zusatz von Deutung, der große Dichtungen aus ihnen machen würde, kaum entbehrt wird.
Es ist ein großer Unterschied, ob man – siehe Vorseite: Seitenwirkung des Marxismus – als halbwissenschaftlicher Mensch in der Phantasie von den Vergnügen der Wissenschaft ergriffen wird und einen pseudowissenschaftlichen Roman schreibt (vergleiche manche Seiten in fille Elise, Balzac, Zola) oder ob man wirklich bis ans Ende des Trampolins der Wissenschaft geht und dann erst abspringt. Dieser psychologische Roman ist überhaupt noch nicht geschrieben worden. Er würde vielleicht eine neue Mode begründen (Könnte sogar eine metaphysische sein: Gesetzesverehrung)
Als Beispiel der antipsychologischen Dichtung eine Erzählung von Edschmid analysieren. Zeigen, was Mangel an Psychologie am Gehalt zerstört. (Aber seine Ziele nicht übersehen!)
Es soll nicht der psychologische Roman verteidigt werden, sondern die Ablehnung der Psychologie angegriffen.
Das Essaybuch (1923-1927)
Die veröffentlichten Aufsätze haben zufällige Anlässe, deshalb auch zufällige Form. Sie zu sammeln widerstrebt mir. Die Gedanken, die sie aussprechen sind oft besser in den vorangegangenen Entwürfen. Um diese Gedanken ist mir zu tun. Ich kann sie aus verschiedenen Gründen nicht ausführen. Aber ich kann sie ausheben, aneinanderreihen nach ihrer natürlichen Gruppierung und etwas erklären. Fragen und ungenügende Antworten über Dichtung.
Versuche einen andren Menschen zu finden
„Ich“ wird in diesem Buche weder den Verfasser bedeuten, noch eine von ihm erfundene Person, sondern ein wechselndes Gemisch von beidem.
Mir ist oft geraten worden, meine Essays in einem Buch zu sammeln, aber ich habe das nie getan, denn es sind Arbeiten, zu denen mich bestimmte Gelegenheiten und Umstände reizten; deshalb sind sie mindestens zur Hälfte durch den Anlaß bestimmt und höchstens zur Hälfte durch mich.
Mit andern Worten, ich habe weder die überpersönliche oder unpersönliche Absicht die Wahrheit zu sagen, vielleicht mangelt mir auch bloß die Fähigkeit dazu, noch die, meine persönliche Überzeugung vorzutragen, denn ich habe keine (die interessiert mich nicht einmal selbst), noch die Absicht, mich zu einer Romanfigur zu machen, als welche ich ein Charakter sein müßte, denn ich will keiner sein. Sondern wie ein schlechter Mensch mit fremdem Geld kühner spekuliert als mit eigenem, will ich meinen Gedanken auch über die Grenze dessen nachhängen, was ich unter allen Umständen verantworten könnte; das nenne ich Essay, Versuch. Und da alles Gute Regeln hat, aber das Böse noch kein System besitzt, als Ausnahme behandelt wird und somit stets persönlich bleibt, kann ich, der ich weder ein Gelehrter, noch ein Charakter bin, noch in diesem Fall Dichter sein will, meinen Gedanken nur einen Ich-Zusammenhang geben; so will es die Sache, nicht ich. Dieses Ich bin nicht ich, wie man wohl sieht, aber es wird auch keine Figur sein, denn ich will fiktiv-biografisch nur soviel unterlegen als dienlich ist um gewisse Gedanken auf kürzerem Weg verständlich zu machen.
Man stelle sich den Helden dieser Gedanken als einen Mann vor, welcher das Gymnasium durchlaufen hat, aber dann Ingenieur wurde, und eigentlich ein Philosoph oder ein Dichter sein möchte, weshalb er weder von der Philosophie, noch von der Dichtung, noch von seinem Beruf befriedigt ist, wie das ja bei den meisten Menschen so ist.
Ich muß zuerst zeigen, warum ich anders denke. Es kommt davon, daß ich Ingenieur bin. Wenn ein Maurer einen Ziegel nicht der Länge nach ins Gefüge bringen kann, so versucht er ihn der Quere nach zu stecken. Das Gleiche macht ein Dienstmädchen mit einem Knorren Holz, den sie nicht durch die Ofentüre bringt. Selbst ein Hund, der einen Stock im Maul nicht zwischen zwei Hindernissen durchbringt, dreht den Schädel so lang, bis er die richtige Stellung hat. Es scheint, daß dieses planlose Verändern und später planvolle Versuchen eine der Eigenschaften ist, denen die Menschheit ihren Aufstieg verdankt.
Bloß auf dem Gebiet des Rechts und der Sitte ist es verpönt.
Bloß auf diesem Gebiet gilt starr und unveränderlich als heilig. Die Priester tragen in der Messe Zauberergewänder und die Professoren Offiziersuniform. (Lachen über Meßgewänder, Beamten- und Professorenuniformen.) Unsere Moral hat – oder hätte doch gern – ein oberstes Gut. Oder ein umfassendstes Sittengesetz.
Oder sie verfährt empirisch (diese Art Moral ist lähmend. Sie schaltet das Individuum aus. Das wir ethisch als eine Quelle ahnen. Sie ist „tot“), dann – nimmt sie mehrere deren an.
Gründe: Der alte deduzierliche Hochmut. Vielleicht Angst, daß gerade auf diesem Gebiet, wenn man nicht streng ist, Anarchie entstünde. In Analogie zum principium identitatis das Bedürfnis nach einem Archimedischen Punkt.
Es zeigt das aber keine große Phantasie im Ausdenken von Ordnungen.
Es war einer meiner frühesten – und ich möchte heute glauben instinktiven – Gedankenversuche, zwischen einem Moralisten und einem Ethiker zu unterscheiden.
Der Moralist bringt eine vorgefundene und übernommene Existenz sittlicher Sätze in logische Ordnung. Er fügt den Werten keinen Wert, sondern ein System hinzu. Grundsätze, Prinzipien … sind relative Lagen im System. (Gewöhnlich rigoroser Absolutist, ist er eigentlich Relativist der Lage.) Sein leitender Trieb ist der logische. Er verwendet ethische Sätze nur soweit sie logifizierbar sind. Alle Philosophen neigen dazu, denen die Ethik ein Anhängsel der theoretischen Philosophie ist. Sie kommen mit sehr wenig Einfällen aus, und gewöhnlich ist der kardinale darunter eine Ordnungsidee. Der größere Teil der Philosophen gehört dazu.
Einen fruchtbaren Spezialfall bilden die Forscher, denen die Sittlichkeit ein in seinen Beziehungen zu erforschender Gegenstand ist. Soziologen. Selbst Psychoanalytiker. Typus der Tätigkeit auch hier rational.
Typisch, nämlich als Typus verschieden davon sind die Ethiker. Namen: Kung-fu-tse, Lao-tse, Christus und Christentum, Nietzsche, die Mystiker, die Essayisten. Stoa, Epikuräismus. Sie sind typisch verschieden, nicht prinzipiell. Sie sind verwandt mit dem Dichter. (Von Dilthey erkannt, Analyse des Menschen im 16. Jahrhundert.) Ihr Beitrag zur Ethik betrifft nicht die Form, sondern das Material.
Sie haben neue ethische Erlebnisse.
Sie sind andere Menschen.
In ihre Reihe gehören schließlich auch alle anonymen Kräfte, welche die Sittlichkeit wandeln.
Sie sind Lehrer des Menschen.
Eine Lehre des Menschen gibt es nicht. Eine Ethik.
Die Lehre liegt in subjektiven Bindungen vor. Von zerstreuten Einzelheiten bis zu Ideologien (Pseudosystemen). Oft nur in Tatsachen (des Lebens oder der Dichtung). Als solche wirken sie durch Jahrtausende, also muß ihnen eine gewisse Objektivität auch zukommen.
Vorfragen:
Was ist ein ethisches Erlebnis?
Zwei Gruppen von Erlebnissen: Fixier- und übertragbare. Nichtfixier- und nicht übertragbare. Auch ratioïde und nicht ratioïde genannt.
Einfacher: Verstandes- und Gefühlserlebnisse?
Hier heißt es, aus der Logik und Erkenntnistheorie ohne Fehler herauszukommen! Es handelt sich nur um den Unterschied.
Man kann nicht behaupten, daß Sinnenerlebnisse übertragbar seien, aber sie sind fixierbar. Ein Rot von x µµ ist subjektiv gewiß verschieden, aber es ist fixiert. Fixierung durch das Maß. Der Begriff Wasser, wenn ich diesmal vom H2O absehe, ist fixiert durch den ständigen Hinweis auf den Gegenstand Wasser. Ich kann seine Eigenschaften dem Erlebnis ablesen, und das Erlebnis wiederholt sich mit hinreichender Konstanz (feucht, flüssig, durchsichtig …). Ausnahmen („undurchsichtig“ zum Beispiel) lassen sich unschwierig auf „Ursachen“ zurückführen (fast einzige Funktion, die dem Ursachbegriff geblieben ist).
Eigenschaftsbegriffe wie „feucht“ ruhen (wie übrigens auch die vorigen) nicht auf Wiederholung des Erlebnisses, sondern eines Erlebnischarakters, -kerns oder dergleichen. (Man müßte weiter die Begriffe kategorial durchgehn.)
Übrigens zeigt die Sprache alles für uns Nötige. Eindeutige Worte wie „Würfel“. Dem Wort ist eine bestimmte Gruppe von Gegenständen zugeordnet.
Worte wie „feucht“: Wenn ein neues Dingerlebnis hinzukommt, eine neue Art von Feuchtigkeit, wird es sich einordnen lassen. Die Gruppe der Gegenstände ist nicht komplett, aber prinzipiell kompletierbar.
„Das gefällt mir“ – ändert sich nicht nur vom „das“, sondern auch vom „mir“ her; Verschiedenes gefällt, verschiedenes Gefallen gibt es; das Gemeinsame ist etwas so Vages wie Lust. Hier sind die Unsicherheiten der üblichen Gefühlspsychologie von Wert.
Worte wie „gut“. „Das ist gut.“ Da sie verstanden werden, muß ihnen etwas Gemeinsames zugrundeliegen. Billigen, zufriedensein, beruhigtsein, Norm, Güte. (Aber das zieht sich wie das Spektrum um Ecken und ist nicht so eindeutig wie das dingliche Erlebnis.) Man sagt, die praktische Einstellung erzwingt die Eindeutigkeit. Dann müßte das erst recht so beim Werten sein. Aber vielleicht entsteht gerade da der Unterschied von Moral und Ethik.
Trugschluß: Weil „gut“ verstanden wird, gibt es ein allgemeines Gutes.
Weil „Baum“ verstanden wird, gibt es nur einen Baum.
Wahrscheinlich auch ein spezifisches Erfüllungserlebnis des Sollen.
Historische Einseitigkeit, den Charakter der Allgemeinverbindlichkeit dieses ethischen Erlebens zu betonen. Wo es Menschen gibt, gibt es zwar das Erlebnis des Guten, und irgend ein universaler Charakter wird sich schon herausdefinieren lassen, aber alles feinere ethische Urteilen ruht nicht auf diesem gemeinsamen Charakter, sondern auf den Nuancen der Gegenstände, die als gut bezeichnet werden. Wir halten in der Ethik noch bei der Scholastik, wir müssen von der Natur lernen.
Exkurs: Rigorose Charaktere und verständige.
Wert des moralischen Rigorismus?
Polizei. Melioration.
Fanatiker.
? Übertragbar ist das ethische Erlebnis, aber fixierbar (an den Gegenstand) nicht.
Was dem einen gut erscheint, erscheint dem andren bös: das ist weniger wichtig, weil es sich in das System der ethischen Kreise bringen läßt.
Aber so wie wenn wir von einem Ding sagen müßten: es ist feucht, nein es ist bloß schlüpfrig, oder vielleicht glatt, oder vielleicht kalt: so ist es. Das ist das Wesentliche am ethischen Erlebnis. Nicht der Wertteil, sondern der diesen fundierende qualitative. Und wenn ein Allgemeines in uns wertete, so müßte doch zuerst das zu Wertende feststehn!
Wie beurteilen wir aber Handlungen, Gesinnungen und dergleichen?
Wie verstehen wir sie?
Jugendliche Stufe des Gutseinwollens. Verknüpft mit Liebesvorstellungen. Liebe darin etwas allgemein-Mütterliches, weibliche Liebkosung, Weichheit, Wärme. Da noch keine konkrete Wunscherfüllung denkbar.
Durch den ungeschickten religiösen Moralunterricht wird Gut-Sein zu etwas Lächerlichem, Unmännlichen. Zugleich wohl Veneration der Mannideale. In dem Mischwesen regt sich die Karrikatur des Mannes. Auch die Schulordnung führt Güte, Eingeordnetsein und dergleichen in seiner kahlsten Form vor. In und nach dieser Phase ist der Mensch antimoralisch. (Wenn nicht besondre Familieneinflüsse gegenwirken.)
Wenn der reife Mensch in einer dritten Phase wieder gut wird, so geschieht das aus Geschäftssinn. Auch aus Opposition gegen die Jugend und moralischem Ruhebedürfnis.
Durchschnittsmenschen sind begabt in dem, was sie interessiert. Es handelt sich nur darum, sie für Geistiges zu interessieren.
Der individualistische Anarchismus sagt: Du sollst keinem Gesetz gehorchen. Der technische Standpunkt: es gibt kein Gesetz.
In der Notwendigkeit, das Verhalten ohne Gesetze zu regeln, decken sie sich. Ich werde es Euch aber nicht so leicht machen, das den Neu-Stirnereanismus den Naturwissismus oder dergleichen zu nennen. Ihr werdet es erst verstehn, wenn Ihr Einheitsformeln nicht mehr erwartet.
Einführung, genetische:
Viele Menschen in Jugend einmal im „Zustand der Liebe“ ( … zu-Liebe-Tun – etwas andres als Verliebtsein).
Hauptausstrahlung: Es kommt auf etwas ganz andres an als sonst.
Ausdrücke: Die Menschen sollen einander „in Güte begegnen“; einem Zustand, fast einer örtlichen Umwelt.
Schenkenwollen, nicht Habenwollen.
Die moralischen Beziehungen sind anders; Haupt- und Nebensachen tauschen.
Gut-sein-Wollen heißt geben, schenken, mitteilen, überfließen.
Verwandt damit ist der Zustand des Gedichts.
Statt nun zu sagen: er war verliebt, irgendwie exzentrisch – kann man diesen andren Mittelpunkt ernst nehmen und eine komplette Weltorientierung darum konstruieren.
Aller Streit, Ehrgeiz, alle Beziehungen sind nichtig, „weil es auf etwas andres ankommt“.
Man will auch die Geliebte nicht besitzen, sondern mit ihr gemeinsam in der neu entdeckten Welt leben.
Sei mein: Zusammenhang Liebe-Rationalismus-Kapitalismus. – Die andre Einstellung fordert, daß man auch seine Einfälle nicht als Besitz behandelt, man thesauriert sie nicht im Ich, sondern sie sind Gemeingut der sich liebenden Menschen. Es ist möglich, daß dadurch ein ganz andres Wachstum der Gedanken zustandekommt. Gewiß schwächt man sich, indem man „nicht an sich hält“, aber man reizt sich auch zur Übersteigerung. Es hat etwas Dynamisches, etwas von sich Bewegenmüssen, um im Gleichgewicht zu bleiben. usw. Gilt zumindest für komtemplative Anlagen.
Dazu kam dann später die rationale Erziehung. Wissenschaftliche Liebe zum Bösen usw.
Ergebnis: die Fragestellung.
Die Dinge sind anders, weil meine Einstellung zu ihnen eine andre ist. Es handelt sich weniger darum, daß ich andre Seiten an ihnen wahrnehme, als daß ich überhaupt weniger „wahrnehme“, sondern ethisch eingestellt bin. Nicht: was ist das, sondern: wie verhalte ich mich dazu; und zwar nicht praktisch, sondern kontemplativ. Aber was ist kontemplativ?
Ich kann das aber nur mehr mühsam und mit Lücken rekonstruieren.
Kontemplativ ist eine Verhaltensweise. Man kann sehr gut verstehn, daß der Mystiker sagt: ich erkenne anders. Das ist aber zu eng und muß heißen: ich bin anders. Zu vermeintlich anderer Erkenntnis wird es erst durch theologische Voraussetzungen.
Meine Theorie ist eben, daß kontemplativ ein Spezialfall des Nicht-Ratioïden ist.
Die eigene Erfahrung mit geschichtlichen Beispielen ergänzen. Sie sollen nicht etwa einen erschöpfenden Überblick geben, da ja überall das Problem nur angedeutet werden soll.
Auch die beim Roman liegenden Notizen über Intuition beschreiben das schon viel besser.
Ich erinnere mich, schon sehr früh den Eindruck erhalten zu haben, daß die theoretisch-essayistische Äußerung in unsrer Zeit wertvoller ist als die künstlerische. Daß man gar nichts schaffen kann, was nicht irgendwo ausgesprochen wäre. Aussprechen, Rationalismus, Reizbarkeit; es genügt, wenn ungefähr in die Gegend des Knopfes gedrückt wird; Blasiertheit, Übersteigerung. Etwa so wie die Essayistik von Robert Müller.
Blei: Ich bin Katholik und Atheist. Ich habe gar keine Beziehung zu Gott, kein Bedürfnis nach ihm, das eigentliche religiöse Erlebnis kenne ich gar nicht. Aber ich bin ein Anhänger der Kirche.
„Wer ist denn heute da?!“ – Dieses pessimistische Urteil über den Wert zeitgenössischer Dichtung, mich inbegriffen.
Gründe: Verwandt mit der Sehnsucht nach dem „Erlöser“.
Mit der Uneinheitlichkeit der Zeit, doppelt. 1. Man kann nicht alle Willen erfüllen. 2. Der Einzelne weiß schon nicht, was er will.
Dabei ist das Durchschnittsniveau entschieden hoch.
Zweierlei Gründe: bei deroutierten Literaten. Bei Menschen, die ohne Arbeit das Große durch die Kunst eingeflößt bekommen möchten.
Blei: Es gibt keinen Fortschritt. Beweis: Antike Briefe (? Licht aus dem Osten? 1911?) Trennen: Absolut? Relativ zu meiner augenblicklichen Lage? Naturwissenschaftlich, im Sinn etwa des Entropiesatzes. – Ethisch; dessen Verflechtung ins Naturwissenschaftliche kaum zu vermeiden ist. (Mehrung, Minderung usw. ethische Begriffe.)
Rein ethisch wohl identisch mit: es gibt keinen letzten Wert. Es kann aber Zielsetzung geben. Relativ frei, relativ zwangsläufig. X-faches unfreies System wie in Mechanik.
Bei der heutigen Gegenreformation wird man wohl zwei Linien folgen müssen:
1. Der – Seele contra Verstand, 2. der des Ordnungsverlangens. Systematik.
Die ganze Aufgabe ist: Leben ohne Systematik aber doch mit Ordnung. Selbstschöpferische Ordnung. Generative Ordnung. Eine nicht von a bis z festgelegte Ordnung, sondern eine im Schritt von n auf n + 1.
Vielleicht auch Richtung statt Ordnung. Beziehungsweise Gerichtetheit.
Der Glaube an den Wert der Kunst ist ein Ableger des Glaubens an den Wert der Vernunft usw. Stammt aus der Sphäre der Emanzipation des Menschen von der Religion. (Natürliches Sittengesetz und dergleichen.) Daher wird Kunst heute ganz mit Recht geringgeschätzt. (Wir brauchen eine ganz andre Einstellung zur Kunst.)
Paul Honigsheim: Grundzüge einer Geschichtsphilosophie der Bildung. In: Soziologie des Volksbildungswesens herausgegeben von Leopold von Wiese. Duncker & Humblot 1921.
Auf zugespitzte Formel (von mir) gebracht: Bildung tritt erst auf als Bindung losgelassen hat.
Religionen entwickeln späterhin Systematik. Wissenschaftlich-technischen Begriffsapparat. Oft aus fremdem Kulturkreis genommen.
Die neuzeitlich-europäische offizielle, staatliche Wissenschaft ist nichts als eine Staatsscholastik. Der Staat ahmt die katholische kirchliche Wissenschaft nach. Zentralismus, Beamtentum, allumfassender Gesellschaftsverband waren zuerst in Kirche entwickelt und wurden dann auf den Staat übertragen. Der Glaubensinhalt steht von vornherein fest.
Ebenso der göttliche Ursprung der Institution usw. Die Stützen sind Autorität und Tradition. Die Wissenschaft hat nicht die Wahrheit dieser Glaubensinhalte zu beweisen, sondern nur zu zeigen, daß sie nicht widervernünftig sind. Oft nur: daß verstandesgemäße Widerlegung des Glaubens unmöglich sei. In beiden Fällen dient Wissen einem Zweck, ist nicht um seiner selbst willen interessant. (Vieles der heutigen Schmerzen läßt sich auf die Formel bringen, daß man das noch nicht ertragen kann.)
Durch die Konkurrenz Staat gegen Kirche wurde der früher selbstverständliche Wert menschlicher Verbände relativ. Die Überzeugung von der Autonomie der Vernunft stellte sich ein. (Arabischer Rationalismus, Antike, Nominalismus sind wesentliche Einzelheiten.) Frühkapitalismus brachte verstandesmäßige Regelung von Beziehungen. Im Gefolge der Kreuzzüge, des Levantehandels, der südfranzösischen Textilindustrie entstanden Bevölkerungsvermengungen und Gesellschaftsumschichtungen: die historischen Verbände lösten sich auf.
Man hörte auf an allgemeingültige Werte zu glauben. „Man sprach allem nur unter gewissen Umständen einen Wert, einen höheren oder einen geringeren, zu.“ Schließlich entwickelt sich das Geld als einziger allgemeingültiger Wert.
Lokalisiert Beginn der Aufklärungsbewegung unter Ludwig XIV., Jansenismus, Fenelon (bereiten Boden für Deismus und Parlamentarismus).
Napoleonische Staatsgründungen sind „der Vergangenheit und Sonderart gegenüber genau so sehr einer jeden Ehrfurcht bar wie die gesamte Aufklärung“. Sind die eigentlichen Ausgeburten der Revolutionsideen.
Als die Wissenschaft sich gegen die Religion durchsetzt, erhebt sie anfangs den Anspruch, an ihrer Stelle Endgültiges über die letzten Dinge auszusagen. Erst mit der Entwicklung kommt man davon ab.
Besondre Bewertung der Naturwissenschaft:
Im Frühmittelalter, 12. Jahrhundert. Pflege der Naturwissenschaft in Schule von Chartres. Aber nur künstlich. Man kannte noch wenig von Aristoteles und mißtraute ihm; sah in ihm die Stütze der Gegner der Dreifaltigkeits- und der Transsubstantiationslehre. Spielte gegen ihn Platon und teleologische Naturphilosophie aus, in deren Zusammenhang Kenntnis der Natur kirchenstützend wirken sollte. Naturwissenschaft schwand aber wieder aus dieser Schule, weil weder Kenntnisse, noch Methoden vorhanden waren.
Sie kam im Hochmittelalter durch Araber und Juden wieder. Und zwar nicht gebunden an Religion und Gesellschaft, sondern als Wissenschaft. Im 13. Jahrhundert von Christentum übernommen. Hauptsächlich durch Franziskaner. Pflegten eine kirchenfeindliche oder -neutrale Mystik und übernahmen einen frühmittelalterlichen Platonismus und arabische Wissenschaft. Unberührbarkeit der religiösen Erlebnissphäre von Erkenntnissen. Mystische Schau nur durch göttliche Gnadenwirkung und mit göttlichem Gnadenreich als Gegenstand. Vernunfterkenntnis dagegen einfacher Naturprozeß, Wechselwirkung zwischen Vernunft und Objekt. Das einzige, was mit dieser erkannt wurde, war die Natur; Heilsgeschichte und Offenbarung sind nicht Objekt des Erkennens, also wird dieses auf die Natur gerichtet. Außerdem waren sie Nominalisten und hielten den wissenschaftlichen Beweis der Kirchenlehre für unmöglich. Menschheitsgeschichte gehörte als Heilsgeschichte zur Glaubenslehre. England klassisches Land von Nominalismus (Occam), Erfahrungswissenschaft und Aufklärung. Nach ihm Italien (Renaissance).
Die spätere Führung der Wissenschaft durch Naturwissenschaft: Ermüdungsreaktion auf Hegel und Zerfall der Hegelschen Schule.
Ein Irrtum, den Honigsheim begeht: Er glaubt, angestrebter Typus der Naturwissenschaft sei Universalmechanik. Auch durch den Kapitalismus wurde Leben zu einem Rechenexempel.
Fortschrittsglaube: moralisches Rückgrat nach Kirchenauflösung.
Genesis: Verherrlichung der Wissenschaft überhaupt, Bewunderung der Naturwissenschaft. Angleichung von Wissenschaft überhaupt und Naturwissenschaft, Auffassung der Naturwissenschaft als eines Mittels zur Erreichung technischer Zwecke, Fortschrittsglaube.
Die gleichen Gruppen, welche diese Ideen tragen, sind auch Träger bestimmter politischer Ideen.
Charakteristisch für Liberalismus: Belassung einer staatsfreien Sphäre für den Einzelnen und seine Verbände.
Nominalismus eine der wichtigsten Wurzeln des Individualismus. Persönliche In-Beziehung-Setzung zu Gott der Franziskaner, Wirklich nur das Einzelwesen, das Allgemeine nur Produkt des vergleichenden Denkens. So förderte Nominalismus das individualistische Naturrecht. Auch in Antike und Mittelalter gab es die Lehre vom Hervorgehn der Verbände aus Verträgen. Die kirchliche Theorie leitete in Kämpfen zwischen Papst und Kaiser daraus die Minderwertigkeit des Staates ab (zum Beispiel Manegold von Lautenbach). Aber doch war Gott auch Urheber des Staats (als Folge der Sünde). Aber erst im Nominalismus war das Individualistische sozusagen unumgänglich; eine Kette führt von Marsilius von Padua und Occam zu Hobbes und Rousseau. In dieser Linie entwickeln sich Demokratie, Liberalismus, Republikanismus Sozialismus, Wissenschaftlichkeit, Aufklärung, Bildung. Die politischen und die geistigen Einstellungen haben gemeinsame Träger.
Anstelle des persönlichen Verhältnisses Meister-Geselle heute: Firma-Gewerkschaft.
Der Mensch der Vorgeneration gab sich nicht einmal die Mühe, die Kirche zu hassen. „Höchstens hörte er einmal mit Erstaunen, daß jemand tatsächlich Predigt und Abendmahl besuchte.“ Religiositäten erschienen ihm als Schrulle.
„Der entwurzelte, heimatlose und familienfremde Großstadtmensch bringt sich mit irgendetwas in Beziehung oder trägt irgend etwas in sich hinein, an Stelle dessen er ebensogut etwas anderes hätte fassen können. Vorher wie nachher steht es bestenfalls neben seinem eigentlichen Lebensinhalt, soweit er überhaupt einen solchen noch hat.“
Was sozialethisch am nötigsten ist, ist ein „Zukunftsglaube“. Er ist sozusagen das Selbstbewußtsein der Gattung oder das Gattungs-Bewußtsein schlechtweg. Eine Menschheit ohne ihn ist gemütskrank.
Nach Honigsheim stellte auch die Kirche einen Zukunftsglauben dar.
Vor unsrer war schon eine Krise der Bildung: Romantik.
War Reaktion auf den abrupt (Frühkapitalismus dagegen wirkte langsam und unbemerkt) gekommenen Napoleonismus, der den „Schematismus und die Zentralisation romanischer Staatsidee mit ihrer Nichtberücksichtigung des geographisch Bedingten und des historisch Gewordenen“ verbreitete; den „Geist der Kritik mit ihrer Respektlosigkeit und ihrer Fähigkeit, das Bestehende am Ideal zu messen und es, falls es zu leicht befunden wurde, gewaltsam abzuschaffen“.
Klammert sich an Individualismus, ja Kauzerei.
Nur Preußen war schon vorher künstlich-zentralistische Verwaltungs- und Rechtsform von oben aufgepreßt worden.
Reaktion der Romantik richtete sich gegen Gleichmacherei, Zentralisation, Aufklärung, Intellektualismus, Wissenschaft und Bildung.
Honigsheim sieht nun das Entscheidende an Novalis und Schlegel nicht in der Wendung zum Gefühlsmäßigen, sondern in der zum Mittelalter. Dort war Einheit des Bewußtseins, Farbigkeit des Rechts und der Sitte.
In der Geschichtsschreibung: Schlegel, Stolberg, Adam Müller, Stahl, Ranke. Historische Rechtsschule: Hugo, Savigny, Phillips, Bethmann Hollweg, Fahne und andere. Gierke, „Das deutsche Genossenschaftsrecht“ 1868-1914 (germanische Rechtsidee und ihre Verdrängung).
Die Bewegung verlief sich, weil die kapitalistische usw. Entwickling noch gar nicht auf ihrem Höhepunkt war.
Kant, Hegel …: nicht zentralistisch? Intellektualistisch? Abstrakt? Vielleicht doch Unterschied zwischen französischen und deutschen Denken nur im Gegenstand liegend?
Honigsheim charakterisiert dagegen Hegel als Versuch einer Rationalisierung des geistigen Gehalts der Romantik.
Statt Aufgabe des naturwissenschaftlichen Typs der Wissenschaft, Qualität in Quantität aufzulösen, sagt Honigsheim auch besser: Die Einmaligkeiten wollte man nicht mehr sehen.
Universalmechanik strebte noch nach geschlossener Weltansicht. Jetzt sind Einzelwissenschaft und Philosophie darin einig, daß es unmöglich sei, über die letzten Dinge etwas auszusagen. Noch die Aufklärung hatte den Menschen besser und glücklicher machen wollen; auch darauf hat man verzichtet.
Reaktion spielt nun das Erlebnis gegen die Erkenntnis aus. Nietzsche, der Rembrandtdeutsche, Bergson.