Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 129
Der entwurzelte usw. Großstadtmensch war ein besonders günstiger Boden dafür.
Also: „Innere Erschütterung der Wissenschaft“ und „Lockerung der Gesellschaftsformen“ und „Verbände“. Heimats- und Ruhelosigkeit. Keine eindeutigen Richtlinien, keine festen, gültigen Werte.
„Ohne Werte zu leben oder sich selbst seine Werte und Gradabstufungen zu zimmern, dazu war er vielleicht nicht imstande.“
Folge: Subjektivistischer Taumel oder Sehnsucht nach „Gebundenheitskultur“.
Der Sozialismus ist diesen zu rechenhaft, zu naturalistisch.
„Das ist überhaupt das Charakteristische der ganzen Bewegung, dieses Sich-selbst-glauben-Machen, man habe noch die Ungebrochenheit des nicht-städtischen, des vor-modernen Menschen.“
Troeltsch, „Protestantisches Christentum und Kirche in der Neuzeit“, gilt die Aufklärungsepoche als Grenze gegen das Mittelalter, Spengler als Anfang des Untergangs.
Im einzelnen Zufall: man wird katholisch oder protestantisch erweckt, preußisch, bolschewistisch, bäuerlich, nationalistisch. (Mit Heimateinschlag: völkisch.)
Unfähigkeit, das Durchgangsstadium zu erkennen und an der Zukunft zu arbeiten.
Man sieht im Katholizismus nicht das Romantische und Systematische, in der Aufklärung nicht die Freiheit, deren man sich selbst bedient, im Preussentum nicht den französischen Absolutismus.
Ratioïd – nicht ratioïd.
Auf beiden Gebieten gibt es Begriffsbildung und Nichtbegriffsbildung.
Nur kommt dabei etwas anderes heraus.
Also zwei Gebiete und zwei Methoden.
Ich kann das Nicht-Ratioïde „lebendig“ betrachten und vergleichend, kausal erklärend … also rational.
Was habe ich aber gemeint mit: Das Ratoïde nicht rational begreifen?
Zum Beispiel einen Würfel „schaun“ – ist ein (extremer) Fall. Einen Verbrecher kausal begreifen oder motivisch.
Dilthey steht etwa in der Mitte.
Fortschritt:
Ist das moderne Haus mit 6-Zimmer-Wohnung statt 3, zwei Bädern, Warmwasser, Vacuum Cleaner usw. ein Fortschritt gegenüber dem alten mit hohen Zimmern, dicken Wänden, schönen Wölbungen? Es hat + und -.
Eisenbahn – Postroute. Kraftmaschine – Handarbeit.
Ist es besser in sechs Tagen über den Ozean zu fahren oder in sechs Wochen? Es kommt auf das Bedürfnis an.
Fortschritt hat Vor- und Nachteile. Sie sind nicht summativ. Sondern das Bedürfnis hat gewechselt. Und Bedürfnisse werden geweckt.
Technisch: Dem Dieselmotor war nicht vorherbestimmt, ein Hauptanwendungsgebiet in der Schiffahrt zu finden. Die Entwicklung der Idee, ihre konstruktive Durchbildung und die Konkurrenz der Umstände brachten es mit sich. – Gleicht der Laufbildung eines Bachs ohne großes Gefälle. (Die Entwicklung erreicht ein anderes Ziel als geplant war.) Mathematik, Physik: Es ist heute viel mehr da. (Vielleicht ist aber die Einheitlichkeit geringer.)
Aber wenn eine lange gesuchte Lösung gefunden wird? Es gibt natürlich Erfüllungen. Von Entwicklung und selbst von Epochen zu sprechen, ist berechtigter als von Fortschritt. Immerhin entsteht aber ein größerer Reichtum gelöster Probleme, erfüllter Wünsche.
Allenthalben läuft die Entwicklung auf zwei Gleisen: einem ideologischen und dem à la baisse. Zum Beispiel Nützlichkeit deutschvölkischer Politiker in der Tschechoslowakei. Aber nur bei gleichzeitigem Ausbau der übernationalen Idee. Beziehungsweise der Zusammenhang ist umgekehrt: Richtig ist die von mir vertretene Idee, aber da Ideen sich nie durchsetzen, würde sie bloß schwächend wirken, ohne zu ihrer Stärke zu gelangen, wenn sie nicht auch von der Stupiditätsrichtung ergänzt würde.
Das Antihumane, Antieuropäische, Antiidealistische der heutigen Jugend braucht kein übler Anfang zu sein. Idealisten von Anfang an werden später weichlich und schwatzhaft.
Anderer Zustand: Gefühl hängt einerseits mit motorischen anderseits mit Sinnesorganen zusammen.
Aktiver und passiver Anteil. Handelns- und andrer Mensch.
Partiell deckend mit Mann – Weib.
Ausschaltung des Motorischen: Contemplatio. Das automatisch Motorische geht weiter. Völlige Ausschaltung: Tod. = Verwandtschaft zwischen Tod und Ekstase.
Wie ist es aber mit der orgiastischen Ekstase?
An jedem Gefühl ist ein sensibler und ein motorischer Anteil.
Auf dem Weg zwischen einwirkender Welt und Welt auf welche eingewirkt wird (und sei es auch nur durch Lokomotion) liegt das Ich; Apparat der Umschaltung mit dunklem Schein von ihr (?). Überwiegt einer der beiden Teile, so wird das Ich aufgesogen und ausgelöscht.
Ist es der sensible, so bleibt nur die Welt und unser Gefühl ist in den Dingen. Ist es der motorische (Tanz, Kampf, Klage, Gesang, Massenpsyche ?), so wird das Ich von den Aktionen aufgesogen, auch sie gehen wie allein vor sich. Dies ist die zweite Form der Ekstase.
Woher kommt aber das Glück der Ekstase? Im ersten Fall kann man es noch als empfindsame Welt verstehn, aber im zweiten?
Hier bietet sich die alte metaphysische Lösung an: Das Ich ist etwas Unnatürliches, in der Ekstase löst (zerreißt) es sich.
Wenn man keine Leidensmetaphysik macht, muß dieses Auslöschen aber einen besondren Vorteil haben?
Motorische Ekstase: Die Persönlichkeit löst sich in das Tun ihrer Muskeln auf. (Dyonisien, Amokläufer, Einherier.)
Das Beglückende dieser Aktivität besteht in der Sprengung oder Auflösung der intellektualisierten, voluntarisierten Normalbeziehung zwischen Ich und (physischer, sozialer) Welt.
Zur Grundhaltung: Es handelt sich nicht darum, den andern Zustand zum Träger des Gesellschaftslebens zu machen. Er ist viel zu flüchtig. Ich selbst kann mich heute kaum genau seiner erinnern. Aber er läßt Spuren in allen Ideologien, in der Liebe zur Kunst usw. und in diesen Abformen, das Bewußtsein von ihm zu wecken, das gilt es, denn darin beruht das Leben dieser Erscheinungen, die im Erstarren begriffen sind.
I. Ethik und Moral. (Die Moral des Dichters.)
Der Unterschied wie er sich darbietet mit einigen Beispielen aus der Literatur (Kassner).
Moral als Spezialfall des spezifizierenden, quantifizierenden, eindeutigen Verhaltens.
Ethik als Spezialfall des „anderen“ Verhaltens. Regel und Regellosigkeit.
Der Gegensatz Regel – Individuum. Moral: Moral des Dichters.
Mathematische Moral als Versuch. Antirationalismus.
Moral als Ursache der Unordnung. Intuition. Geschichte und Naturwissenschaft.
II. Der andere Zustand als Grundzustand der Ethik …
Notwendige Ergänzung durch das Böse.
Das Böse als Motor und Ordnungsprinzip.
Dichter und Richtung. Dichter und Sozialismus.
III. Problem und Scheinproblem der Zeit.
Reduktion der verschiedenen Scheinprobleme.
Unmöglichkeit einer andren als sukzessiven Lösung.
Fortschritt und Pessimismus.
Wenn ein Problem erkannt ist, kann es auch gelöst werden. Darin liegt Fortschritt. Fortschritt kann bewirkt werden. Wenn sich auch dabei der Horizont zu einem neuen Problem zurückschiebt.
IV. Versuch einer unstarren Moral.
Dichtung, Essay, Philosophie, Geschichte als Arbeitsgebiete.
Die andere Stellung und Behandlung die daraus folgt, des Dichters, Theaters usw. Die absolute Verkehrtheit der jetzigen Zustände. Welttheater.
Der Bürokrat im Staat, in der Kirche, im Sozialismus: Erbfeind. Aber eine personifizierte menschliche Eigenschaft, des Nicht-immer-unmittelbar-sein-Könnens usw.
Die andere Haltung:
Nach Bergson ist schon das begriffliche Denken, das Fassen in Worte und dergleichen. eine Verfälschung des ursprünglichen Erlebnisses. Auch er bezieht es auf die praktische Sphäre.
Gefühle bin ich.
Vorstellungen habe ich.
Schopenhauer verlangt für den kontemplativen Zustand Freiheit von den „Motiven“ des Willens, Dinge ohne Subjektivität betrachten, rein objektiv, ihnen ganz hingegeben, sofern sie bloß Vorstellungen, nicht sofern sie Motive sind …
Kritik Spenglers, I. Teil = Antirationalismus.
Kritik Spenglers, II. Teil = Nicht-ratoïd, Kulturproblem.
1) Fordert als Ergänzung: Intuition und Bergsons Einfluß.
Die Mängel des Rationalismus.
Geht damit über in: Symptom Aufsatz.
Kulturproblem – Zersetzung.
Nation: Apparat – Theorem der Gestaltlosigkeit.
Regressiver Idealismus – Mangel an Verständnis für unsre Kultur.
A: Die Aufsätze zerlegen.
B: Synthese zu: Nation, mathemathisch-dichterischer Mensch.
Daß der Einzelne ohne Ideologie nicht den Finger heben kann, führt zu den Vereinsverbindungen usw.
Der deutsche Mensch als Symptom
I. Das Problem
I. Trügen die folgenden Gedanken einfach die Überschrift D. d. M., so wüßte man im Typus, was von ihnen zu erwarten sei: eine gewisse Auswahl erwünschter Eigenschaften würde darin als deutsch behauptet, und eine Reihe mehr oder weniger brillianter Scheinbeweise würde aus ihnen hervorstechende und bekannte Einzelzüge unseres Lebens ableiten.
Daß dem der Zusatz „als Symptom“ gegeben wurde, geschah aus zwei Gründen.
a. (negativ.) Ich glaube nicht an den Unterschied des deutschen Menschen vom Neger. α. Rasse ß. Nation (Nur Ergebnis. Verweisen auf ältere Aufsätze.)
b. (positiv.) Die Begriffe Rasse, Nation, Volk, Kultur enthalten Fragen und nicht Antworten, sie sind nicht soziologische Elemente, sondern komplexe Ergebnisse. Trotzdem beruft man sich auf sie als auf Einheit. Vakuum. Nation als Erscheinung von ironischer Internationalität. Dies der zweite Grung.
2. Hier ist also eine Frage gegeben: Man übersehe nicht die Dringlichkeit der Frage.
Früher etwas lächerlich, ist sie heute zu einer wandernden Gewissensfrage geworden. Es ist das beste Symptom, daß die aus ihr sprechende Bereitschaft zu seelischer Einkehr an die Reformation erinnert.
Wo das Gewissen sich beunruhigt fühlt, stehen Impulse miteinander im Widerstreit; es fehlen die ausgleichenden großen Grundhaltungen und Gegensätze.
Der Nationalismus ist nur ein besonderer Fall der forcierten Glaubenssehnsucht, in seiner Verlebendigung von Allgemeinbegriffen verwandt der katholischen Frühscholastik. Faßt man alle zur Romantik, zur Scholastik, zu den platonischen Ideen zurücklaufen Versuche forc. Glaubenssehnsucht zusammen – (Versuche rückwärts einen Halt zu finden), so kennzeichnet sich unsre Zeit durch geistigen Romantizismus. Ohne daß der Positivismus des Alltags sie ernst nehmen würde; sie sind Literatur. (Auch den Sozialismus nimmt er nur soweit ernst als dieser nicht romantisch, sondern handfeste Interessen vertretend ist).
3. Nun kann der Einzelne in Gewissenskonflikten wohl Halt finden an den Grundsätzen einer Gemeinschaft. Die sich geschlossene und auf sich gestellte Gemeinschaft der Nation hat aber keine solche Anlehnug mehr. Was im deutschen Fall eklatant geworden ist, diese moralische Situation die ihren Halt nicht mehr in sich selbst finder und ihn hinter sich sucht (Rasse, Nation, Religion, alte Einfalt und Kraft, unverdorbene Güte), ist latent die geistige Situation von ganz Europa. Den deutschen Mensch für ein Symptom betrachten, heißt mit andern Worten, die Problematik der Zivilisation aufwerfen.
Ich werde versuchen dieses Problem in eine andere Beleuchtung zu stellen als die ist, welche es meistens empfängt.
II Das Theorem der Gestaltlosigkeit.
I. Hilfsvorstellung; zur richtigen Bewertung kultureller Erscheinungen. (Vielleicht hat sie ihre Bedeutung nur in einer Vorstellungskorrektur.
2. Es ist verständlich, denn es ist nur eine Übertragung andern Orts bewährter Denkgewohnheiten, daß auch bestimmte, sich charakteristisch voneinander abhebende Zeit= und Kulturabschnitte auf verschiedene Substrate, als die einfachsten Arten von Ursachen zurückgeführt werden; in diesem Sinn spricht man dann von einem ägyptischen, hellenischen, gotischen Menschen, von Nationen, Rassen und geheimnisvollen Epochen oder Kulturen. Es ist das eine sehr beliebt gewordene Art historischer Phrenologie, welche ungefähr besagt: der diebische Mensch hat in seinem Cerebrum ein physiologisches Substrat des Diebstahls und der ehrliche Mensch einen Organteil der Ehrlichkeit.
Diese Denkweise braucht bloß noch ein wenig übertrieben zu werden, und man hält dort wo wir sind, daß alle 5 Jahre eine neue Generation da ist.
Im Gegensatz dazu ist es an der Zeit, eine andre Grundvorstellung zu entwickeln, welche, extrem gefaßt, folgende Behauptung enthält: Das Substrat, der Mensch, ist überhaupt nur eines und das gleiche durch alle Kulturen und historischen Formen hindurch; wodurch sie und somit auch er sich unterscheiden, kommt von außen und nicht von innen.
Kraß gesagt: würde eine Generation heutiger Europäer im Alter der frühesten Kindheitseindrücke in das ägyptische Jahr 5000 v. Chr. versetzt und dort allen Einwirkungen der Religion, Kunst, Staatsform, Wirtschaftsweise, gesellschaftlichen Tradition usw. m.a.W. dem ganzen organisatorischen u ausorganisierten Apparat und Inbegriff restlos überlassen, so würde die Weltgeschichte noch einmal beim Jahr 5000 beginnen und sich zunächst eine Zeitlang wiederholen.
3. Abgesehn von extremer Form, schwer zu beweisen. Aber Reihe von indirekten Gründen, die es stützen.
a. Humboldt erzählt … Das erinnert – Zartheit von Bauern – an die Verbreitung solcher paradoxen Gefühlsgemische. Man kann den Standpunkt wechseln und sagen: das Gefühlsgemisch ist gar nicht paradox, sondern normal; nur von der extremen Entwicklung eines Bestandteils aus gesehn, erscheint die extreme Entwicklung eines andren ungeheuerlich.
In der Tat sind ja auch bei uns grausam und zärtlich usw. kaum zu unterscheiden. Große Dichter bestätigen es uns, daß die moralische Persönlichkeit etwas sehr Labiles mit mehr Möglichkeiten ist, als die alltägliche Ruhelagerung vermuten läßt.
b. Auch die wissensch. vergl. Psychologie zeigt, daß die Übergänge zwischen den Typen fließend sind.
Wirklich konstitutive Unterschiede zwischen den Völkern findet sie nicht zb. nicht einmal einen Unterschied der Sinnesschärfe zwischen einem Zivilisations- und einem Jägervolk. (Mehr Übereinstimmung als Verschiedenheit in wirklich konstitutiven Eigenschaften)
c. Temperamentenlehre und andre psychologische Dokumente. Weitgehende Übereinstimmung des Denkens, Kunstwerke, Privatäußerungen, Typik des historischen Geschehens, Strom der Tradition.
d. Welcher Ausschreitungen entgegengesetzter Ausdrücke das gleiche menschliche Material fähig ist, hat Erleben seit 1914 gelehrt. Tatsächlich wird niemand ernstlich glauben, daß der deutsche Republikaner 1923 ein anderer Mensch ist als der deutsche Untertan 1914 oder daß der Franzose, welcher 1923 die ärgsten Ausschreitungen gegen die Zivilisation begeht ein andrer Mensch sei als der von 1914, der für die Zivilisation zu kämpfen glaubte. Man wird nicht einmal sagen dürfen, daß er geschwindelt habe.
4. Was ist also die Ursache so verschiedener menschlicher Erscheingsformen?
Es wurde schon gesagt, daß sie von außen kommt, aber man darf das nicht im Sinn etwa einer Milieutheorie verstehn, wo eine geografische Schale den in ihr lebenden Menschen formt; das ist ja aus dem gleichen Bedürfnis unzulässiger Vereinfachung erwachsen wie die Rassentheorie.
Man wird aber nahe an die Wahrheit herankommen (ein kleiner Rest mag Anlage und Erbmasse sein), wenn man als das variativ, die Besonderheiten Bildende die Gesamtheit der Rückwirkungen ansieht, welche der Mensch von dem erfährt, was er selbst geschaffen hat. Das klingt unmöglich oder dumm, die Aktivität so zugunsten der Reaktion zu eliminieren, aber tatsächlich baun doch die Häuser die Häuser und nicht die Menschen; das 100. Haus entsteht weil und wie die 99 Häuser vor ihm entstanden sind und wenn es eine Neuerung ist, so geht diese statt auf ein Haus auf eine literarische Diskussion zurück.
Mit anderen Worten ist das der Gemeinplatz, daß die Entwicklung am Leitfaden der Tradition und behutsamer Abbiegung der Richtung erfolgt.
Die Gesamtheit der Rückwirkungen, von der die Rede ist, umfaßt natürlich alles die Wirtschaftsformen, die politische Organisation, alle Institutionen, Lebensgewohnheiten, Hilfsmittel, Bücher, Taten, Ereignisse, die in das ganze undefinierbare Wechselspiel von Geben und Empfangen zwischen …., das wir jeder aus unsrer Erfahrung kennen.
Was immer wir tun, tun wir in den Formen unsrer Zeit und von ihr bestimmt. Die humanen Absichten Wilsons nahmen im Frieden von Versailles die Formen der Mentalität des europäischen Staatsapparats an, obgleich sie dadurch in ihr Gegenteil verkehrt wurden, außerdem war aber auch schon ihre Humanität zeitgefärbt.
Wenn man sich dieses Verhältnis unter der Denkform von Ursache – Wirkung – Gegenwirkung vorstellt und nun da szeitlich und logisch letzte Glied zum Prius machen soll, so stößt man natürlich auf einen Widerstand; aber man kann sich damit beruhigen, daß sich die Kategorie der Kausalität in dieser Fassung auch sonst nicht als geeignet erwiesen hat. Unschwieriger ist dieses Verhältnis von Mensch und Umwelt schon, wenn man es sich funktional vorstellt, wobei wir gewohnt sind die Abhängigkeit schon eine gegenseitige ist. Aber am besten, man hält sich ohne Philosophie an das, was man selbst erfahren hat und dies ist etwa so:
Versuchen wir von uns abzuziehen, was zeitbedingtes Convenu ist, so bleibt etwas ganz Ungestaltetes, denn auch unser Persönlichstes ist als Abweichung auf das System der Umwelt bezogen. Der Mensch existiert nur in Formen, die ihm von außen geliefert werden. „Er schleift sich an der Welt ab“, ist ein viel zu mildes Bild; er preßt sich in ihre Hohlform müßte es heißen. Die gesellschaftliche Organisation gibt dem Einzelnen überhaupt erst die Form des Ausdrucks, und durch den Ausdruck wird erst der Mensch. Die ungeheure Grausamkeit .. unentrinnbar .. Man kann danach messen, wie verhängnisvoll der Irrtum manchen frommen Geister ist, es käme heute mehr auf eine Änderung des Menschen als seiner Organisationsformen an.
Versuchen wir zweitens an einem Bsp. uns den Anbruch einer neuen Epoche zu konstruieren. Es gibt sehr viel heimliche Polygamisten unter uns, aber offiziell, auch vor ihrem Gewissen sind viele davon für die Monogamie (nach dem ezept: Regel mit tolerierter Ausnahme, das unsre ganze Moral beherrscht). Das ist ein schon labiler Zustand und es wäre denkbar, daß plötzlich die Propaganda einiger entschlossener Reformer gegen die Ehe eine Änderung der Gesetze herbeiführen könnte, von der wahrscheinlich die tiefgreifendsten geistigen Neuerungen zu erwarten wären. Es wäre denkbar heißt aber: unter anderem müßte in einer die konservativen Parteien u. die Kirchen schwächenden Situation, die Emanzipation der Frau müßte vorgeschritten sein, die Sozialdemokratie müßte mit ihrer alten Forderung Ernst machen wollen dies wieder setzt Änderungen der wirtschaftlichen Situation voraus, deren Umfang gar nicht auszudenken ist, ob die Zeitungen die Bewegung im Anfang ersticken oder fördern werden, läßt sich nicht voraussehn: m.a.W. der Beginn der Epoche hängt von 1000 Zufällen ab. Wäre aber alles da, so blieben schließlich vielleicht die geistigen Erneuerungen aus, denn mit „Reformen“ wird der Mensch nicht anders außer sie liegen in der Richtung eines breiten Stroms geistiger Energie, der selbst wieder von 1 Million von Zufällen abhängt.
Ungesetzliche Coinzidenz vieler Tatsachen. Fehlt sie so ist die Propaganda eine ganz negligable Erscheinung.
5. Diese Ansicht des geschichtlichen Geschehens ist scheinbar antiheroisch; sie ist eine Philosophie des Kleinbürgerlichen: Kleine Ursachen große Wirkungen.
In Wahrheit ist die Geschichtsphilosophie der großen Ursachen mit dem schönen Denkpathos nur scheinbar heroisch. Denn sie nimmt die Tatsachen nicht wie sie sind.
Weg der Geschichte nicht der eines Billardballs. Sondern er ähnelt dem Weg der Wolken, der von so viel Umständen beeinflußt ist, daß jederzeit ein neuer ihn ändern kann.
Er ähnelt dem Menschen .. jeder Schritt mit Notwendigkeit, aber ohne Notwendigkeit des Ganzen. (!)
Es zeigt sich: Wo bin ich.
Die Heroik ist dann aber darin zu suchen: Gesetze kann man nicht ändern, Situationen ja!
Das Geschaffene hängt von Zufällen ab, aber seine Weiterwirkung ist fest.
III. Die Situation unsrer Generation. (Unsre Generation und die Gestaltlosigkeit)
Ich will nicht so tun, als zaubere ich ein Taube aus einem Zylinderhut, während ich sie selbst zuvor hineingesteckt habe. Ich bekenne daher, daß alle diese Gedanken nichts sind, als Eindrücke, die mir unser eigenes Leben gemacht hat, wonach ich sie im Lauf verschiedener Bemühungen zu erweitern trachtete. Es ist das ursprüngliche Eindrucksmaterial, von dem ich jetzt sprechen will.
Dem Blick, der Rechenschaft sucht, bietet sich ein erster Halt in der Zeit kurz vor dem Jahr 1900, die Älteren unter uns haben sie miterlebt, die Jüngeren erwachten geistig in unter den unmittelbaren Nachwirkungen dieser Zeit.
Sie war eine Zeit großer ethischer und ästhetischer Aktivität. Man glaubte an die Zukunft; an eine soziale Zukunft und an eine neue Kunst. Man gab dem zwar oft den Anschein der Morbidität und Dekadenz: aber diese beiden negativen Bestimmungen waren nur der Gelegenheitsausdruck für den Willen, anders zu sein und es anders zu machen als der vergangene Mensch; man glaubte an die Zukunft, man wollte sie herbeiführen: auch dort wo man sich mit Wollust der Vorstellung eines mit der Jahrhundertwende beginnenden Zeituntergangs hingab, wollte man dessen Spanne wenigstens zu Dämonien und Immoralismen ausnützen, die heute freilich anmuten wie teuflisch rote Plüschmöbel. Aber was überhaupt heute noch da ist als Erhebung über das Philisterium der Heysezeit verdanken wir fast nur diesen Jahren. Man vergleiche damit die Untergangsstimmungen, wie sie sich heute zeigen: sie sind grau, aschenhaft, mut- und freudlos. Lust, Wille, Hoffnung, ein teils eingebildeter, teils wirklicher Kraftzustand unterschied jene Zeit von heute.
Damals war man auch international und verwarf Staat, Nation, Rasse, Familie, Religion summarisch, weil man sich gegen alle übernommenen Bindungen wehrte. Außerdem glaubte man an den Fortschritt, an geistiges Leben, überhaupt an den Wert des Werks: eine solche Zeit ist immer international gestimmt. Denn das geistige Vorwärtsschreiten der Menschheit hat nun einmal stets seine Schritte auf die verschiedenen Nationen verteilt, und nur eine Zeit der Mutlosigkeit kann geistig national und konservativ sein; sie will bewahren, weil sie die Hoffnung aufgegeben hat. Dies ist das zweite Ergebnis eines Vergleichs. Das gilt von Deutschland wie von Frankreich.
Wenn man aber prüft, was eigentlich geleistet wurde, so zeigt sich vielleicht ein kleiner Überschuß an Talent, aber er fällt nicht ins Gewicht, denn einerseits war die Wirkung der größten Begabungen – Nietzsches zum Beispiel – damals schon eine Nachwirkung und andrerseits arbeiten die gleichen Leute zT. heute noch mit. Über die Einheitlichkeit des Wollens bestanden aber damals die gleichen Illusionen wie später im Expressionismus. Es durchkreuzten einander die widerspruchvollsten Tendenzen. Der Heroenkult Nietzsches und Carlyles begegnete dem Sozialismus, der in jener Zeit literaturfähiger war als heute. Die Dekadenz hatte zum Gegenpol das Naturburschentum. Die Zeitromantik eines Emerson vertrug sich mit der Maschinenanbetung eines jungen Geschlechts. Die Dichtung enthielt Realisten neben Preziösen, Immoralisten neben dem glasstarren Moralismus Georges, Pantheisten neben dem katholischen Rilke, die Idee eines pseudo-naturwissenschaftlichen Experimentalromans neben einer ausgesprochenen Denkfeindlichkeit, welche sich damit tröstete, daß der Dichter unmittelbar aufs Gefühl wirken müsse u. seine Inspiration unmittelbar vom Gefühl erhalte.
Was seither geschehen ist, war nichts, als daß diese verknäulten Fäden einzeln aus ihrem Bündel herausgefallen sind. Teils ist eine Anzahl durchschnittlich sehr meßbarer und begrenzter geistiger Persönlichkeiten davon übrig geblieben, teils der Reihe nach die Bewegungen der Neuromantik, des Neoidealismus und des Expressionismus. Es waren alle – ohne die letztere gering schätzen zu wollen, die manches Wertvolle hervorgebracht hat, schwächer an Intensität und Ausdehnung als die ursprüngliche Bewegung und enthielten nichts, das nicht – wenn auch schwächer betont – auch in dieser schon vorhanden gewesen wäre.
Wenn man das betrachtet, muß man sagen, daß sich geistig-substantiell sehr wenig geändert hat, wohl aber daß ursprünglich in diesem geistigen Gemenge, bildlich gesprochen, eine Art Polarisationszustand vorhanden war, eine illusionäre Gleichgerichtetheit, die später ausließ, in den Tagen des Expressionismus durch eine schwächere neue ersetzt wurde, und heute wieder ausgelassen hat, wonach ein „ungerichteter Zustand“, ein mutloses Durcheinander übrigbleibt wie zwischen den Eisensplittern eines Feldes, das nicht magnetisiert ist. Ich persönlich glaube, daß nicht viel fehlt, damit wir wieder in den stumpfen Zustand der deutschen Kultur vor 1890 zurücksinken. Es genügt vielleicht ein kurzes Anhalten des politischen und wirtschaftlichen Tiefdrucks; die gröbsten kapitalistischen Erscheinungen machen sich bereits im Bereich des Geistes fühlbar und die kritischen Begriffe wie ideologischen Einstellungen sind stumpf geworden.
Man hat die Möglichkeit, an geheime Pulsationen der Entwicklung zu glauben, welche die Schöpfungskraft der Zeiten spannen und entspannen, und die merkwürdige Tatsache erklären sollen, daß die Geburt der großen Geister – zum Beispiel die großen deutschen Musiker oder die Meister der ital. Malerei sich in verhältnismäßig schmalen Zeiträumen zusammendrängt (Stendhal). Aber eine solche Erklärung steht wahrscheinlich um nichts hinter der Dunkelheit des Okkultismus zurück. Denn was sollte das Substrat dieser Pulsation sein? Es ist viel natürlicher, wenn man sie als eine jener hochzusammengesetzten sozialen Erscheinungen ansieht, die sich aus tausenderlei Ursachen bilden und lösen, die wir niemals vollständig aufzählen können. Oder als eine natürliche von den Umständen stets unterdrückte Tendenz, die unter günstigen Umständen sich sofort entwickelt? Fragen wir uns doch nach einigen Gründen, die uns noch gegenwärtig sind! Da ist die aufstrebende Wirtschaft eines neuen Reichs, welche kaufmännische Unternehmungslust auf für geistige Gegenstände übrig läßt. Der Anfang einer neuen politischen Entwicklung liegt noch nicht weit zurück, und der Gedanke, daß dazu auch eine neue deutsche Kultur gehöre mag jungen Köpfen nahe sein. Man war in die Reihe der Weltstaaten getreten u. suchte, empfangend aber selbstbewußt, ihren Kulturen das beste zu entnehmen. Es erscheint mir ziemlich müssig noch mehr solcher Gründe aufzuzählen, die mehr oder weniger Extrapolationen aus privaten Erfahrungen auf das Leben eines großen Gesellschaftskörpers darstellen, und nicht recht objektiviert werden können, vor allem aber niemals den Tatbestand ganz decken. Denn wie will man zum Beispiel das Dasein im rechten Augenblick eines Theaterleiters wie Brahm erklären? Eines Verlegers wie S. Fischer? Des Bilderhändlers P. Cassirer? Kurz des Daseins des rechten Manns am rechten Orte /Doch: die allgemeine Tatlust bringt mehr Leute in die Höhe; davon bleiben wenige übrig; in andern Zeiten aber gar keine/ Es ergibt sich ein merkwürdiges Dilemma. Jene Bewegung, (Impressionismus, Naturalismus, Moderne) wird zweifellos – ob nun für sich oder als Welle in einer größeren Bewegung mag offen bleiben – der Ehre gewürdigt werden, für ein historisches Ereignis oder Ereignislein zu gelten. In jedem solchen sind nun tausenderlei Funktionen der verschiedensten Wichtigkeitsgrade mit passenden Männern zu besetzen, damit es zustande kommt. Alle diese Funktionen sind schließlich ebenso unerläßlich wie die der repräsentativen Funktionäre, und die Erfahrung zeigt, daß sie auch gar nicht leicht zu besetzen sind. Wo ist die Grenze zwischen den historischen Persönlichkeiten und ihren Umständen? (Man kann schließlich die Frage auch so stellen: Was wäre der große Mann in einer andren Zeit geworden?) Es handelt sich da um eine Koinzidenz, die entweder eine gemeinsame Ursache hat, die wir uns nicht vorstellen können, aber mit so schönen Namen wie Geist einer Epoche belegen, oder um eine aus so vielen Ursachen komplizierte Situation, daß wir sie nicht restlos zerlegen können. Dafür spricht auch ihre Gebrechlichkeit u. ihr rasches Verschwinden. Wir wissen: „es gehört so viel dazu“, daß wir es nicht aufzählen können. Schließlich gibt es aber einmalige Ereignisse und Ereignisse in allen Abstufungen vom Einmaligen bis zum gesetzlich Wiederkehrenden.
Es gibt aber auch passive und aktive Faktoren in der Geschichte; was nicht von selbst eintritt, läßt sich herbeiführen. Was hier überhaupt von dieser Zeit ausgesagt wurde, bezieht sich auf eine dünne Schicht von Menschen und Interessen und rings um sie ist der ganze beharrende Apparat der Einrichtungen u. des Alltagslebens, der wie ein Fossilgestein die Spuren tausend vergangener Leben trägt. In der Existenz eines Clearinghouse stecken große vergangene Auseinandersetzungen um seine Erlaubtheit, Kämpfe wirtschaftlicher und politischer Ideen; ein Gemisch unzähliger Ideologien strahlen die Mauern unsrer Straßen aus: die Bewegung, von der ich spreche, ist nur mit einzelnen Teilen in die Masse gedrungen, nicht mit ihrem besten Kern, und die Masse hat sich über ihr wieder geschlossen, die aktiven Faktoren der Geschichte verändern ein klein wenig die passiven, geben ihre Energie daran aus und sinken in sie hinein. So geht ein polarisierter Geisteszustand in einen diffusen über.
Was wir hier im Kleinen gesehen haben, läßt sich ganz ähnlich an großen Beispielen zeigen, wie etwa dem Werden und Vergehen der Scholastik.
Welche Rolle spielt dabei nun die Ideologie? Ist sie nur ein obenauf schwimmender Kork, an dessen unerklärlicher Bewegung man die noch viel unerklärlichere Bewegung der darunter liegenden Masse ersehen kann, oder kommt ihr eine wichtigere Rolle zu?
(IV: Rolle der Ideologie für das Alltagsleben. Sie zeigt dessen Charakter an u. sie formt ihn. Wenn sie in ihre Bedeutung eingesetzt ist: Um 1900, das war keine Ideologie, wohl aber der Ansatz zu einer; heutiger Zustand Ideologische Symptome)