Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 130

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IV. (a. Rolle der Ideologie für das Leben.)

Die Ideologie ist die Seele des Lebens, auch des alltäglichen. Sie zeigt nicht nur seinen Charakter an, sondern sie formt ihn auch. Auch heute noch Trotzdem alle Welt sich über sie lustig macht.

Ideologie ist: gedankliche Ordnung der Gefühle; ein objektiver Zusammenhang zwischen ihnen, der den subjektiven erleichtert. Er kann philosophisch oder religiös oder ein traditionelles Gemisch aus beiden sein. Diese Definition ist nicht völlig genau, aber sie leistet gute Dienste. Es wäre eine Ordnung der Gefühle denkbar, eine Wohlgefügtheit des seelischen Lebens – wie es Nietzsche zuweilen verlangt hat – aus Tradition und Instinkt, aber ohne stützendes Gedankensystem. Das würde hier auch Ideologie heißen, obgleich es keine mehr wäre. Aber die Erfahrung lehrt, daß es nirgends – weder in der Dimension der Geschichte verfolgt, noch in der der Ethnologie – solche Lebensordnungen gibt, ohne „Lehre“. Sie muß nicht systematisch sein; Zuweilen ist sie aphoristisch zerbrochen, wie es die Lehre Christi und der chinesischen Weisen war. (Was man in Nahperspektive des gesellschaftlichen Lebens als solche „Blutsicherheit“ empfindet, ist nur relativ instinktiv auf dem Grund einer sicheren Bindung durch Gesellschaftsgedanken.)

Ich möchte auf die bedeutende Rolle hinweisen, welche der Ideologie im Leben zukommt.

Aus reiner Induktion, bloß aus den Tatsachen heraus, läßt sich nicht einmal in den rein rationalen Naturwissenschaften eine Theorie erbaun; niemals wird aus den Einzelfällen das allgemeine, regelnde Gesetz gefunden ohne Hilfe eines in entgegengesetzter Richtung verlaufenden Gedankens, der anfangs immer einen Akt des Glaubens, der Phantasie, der Annahme einschließt; hypotheses non fingo war selbst bei Newton ein Irrtum, wie der moderne Raumkritik zeigte. Ein viel größerer Umfang des Glaubens, Unterstellens, vorweg Annehmens ist zum privaten und öffentlichen Leben nötig; ohne dieses könnte der Mensch kaum den Arm heben oder den Finger bewegen, denn das einfachste Leben – der Weg an einem Bettler vorbei, die Freundlichkeit oder Unfreundlichkeit zu einem Untergebenen, die Wahl eines Vergnügens – ist voll Entschlüssen, deren jeder mehr als Jahre erfordern würde, sollte ihn die Vernunft zweifelsfrei begründen. Außerdem kommt ja jeden Tag der Augenblick, wo der Mensch die Hände in den Schoß legen muß, und dann fällt all sein Tun wie Asche in eine bodenlose Leere, würde es nicht zusammengehalten von der Sicherheit, das Rechte getan zu haben und bloß zwischen zwei Füllungen leer zu sein, wie ein Gefäß, mit dem geschöpft wird. Der Mensch ist deshalb auch ein weitaus interessierterer Metaphysiker, als er gemeinhin heute zugibt. Ein dumpfes Begleitgefühl seiner sonderbaren kosmischen Situation verläßt ihn selten. Der Tod, die Winzigkeit der ganzen Erde, das Fragliche der Ichillusion, die mit den Jahren aufdringlicher werdende Sinnlosigkeit des Daseins: das sind Fragen, die der gewöhnliche Mensch mit Spott abweist, und die er dennoch wie die Wände eines schwarzen Raums sein ganzes Leben umschließen fühlt. Man spricht allgemeiner als von Ideologie von Bindungen, welche das Leben des Menschen halten. Wenn das Leben sozial gebunden und individuell nur beschränkt beweglich ist, ist es erleichtert. Einem gläubigen Katholiken oder Juden, einem Offizier, einem Burschenschafter, einem ehrbaren Kaufmann, einem Mann von Rang ist in jeder Lebenslage eine viel geringere Zahl von Reaktionen möglich als einem freien Geist: Das erspart und sammelt Kraft. Grundsätze, Richtlinien, Vorbilder, Beschränktheiten sind Kraftakkumulatoren. Um zu sehn, wie gestaltlos der Mensch ohne sie wäre, vergegenwärtige man sich bloß einen Vorgang wie den der Liebe; bloß das Ergreifen des Weibchens liegt in ihm selbst bestimmt, aber die ganze Komplikation, die wir Liebe nennen, mit allen ihren Graden, Arten, Ab= und Unterarten ist (u wenn auch als Widerspruch dagegen) vom sozialen convenu bestimmt; selbst unsre Gefühle formen sich wie Flüssiges in Gefäßen, welche Generationen gebildet haben, und unsre Ungestalt wird von ihnen aufgefangen.

b. der heutige Zustand:

Heute ist die hauptsächliche Bindung der Beruf. Mit der Berufsbezeichnung und einem kleinen Zusatz wie begabt oder unbegabt und unterhaltsam oder nicht anständig oder unanständig ist heute fast alles über einen Menschen gesagt, wozu sein Leben Anlaß bietet. Vielleicht sammelt er in seinen freien Stunden noch Marken, spielt Tennis oder geht hinter Frauen her: aber er betreibt auch das als einen Amateurberuf ebenso methodisch und ausschließlich wie den eigentlichen. Außerhalb dieser Bindungen klappt der Mensch zusammen wie ein ausgeblasener Luftsack oder wenn ihn ein außerhalb liegender Impuls ergreift, so deformiert er sich sofort nach dessen Richtung. Die Hast, die Verkapselung im Beruf, das Gebrüll der Feierstunden überbauen eine tiefe Angst, die sonst da wäre.

Betrachtet man den geistigen Inhalt der Gegenwart, an dem der Einzelne mehr oder weniger Teil hat, aber immer einen sehr gemischten Teil, so zeigt sich ein Gemenge der widerspruchvollsten Gedanken, Gefühle und Richtkräfte. Der ideologische Zustand ist ungeheuer partikularistisch, ja individualistisch. Bestandteile der großen alten Ideologien wie des Christentums oder des Buddhismus wie der Unzahl verschiedener Ideologien, die in einzelnen philosophischen und künstlerischen Persönlichkeiten vereint gewesen sind, fliegen sozusagen in der Luft herum. Keine Ideologie herrscht. Individuelle Teile werden individuell ausgelesen. Man kann es eine unausdrückbare Vielspältigkeit nennen.

c. die übliche Auslegung:

Man erklärt dies damit, daß Bindungen, die einst vorhanden waren oder vorhanden gewesen sein sollen, durch die Entwicklung zerstört wurden; so hat der Kampf zwischen Staat und Kirche damit geendet, daß beide innerlich entkräftet wurden und nur noch mit ihren Leichen den Weg versperren, die Bindungen der Stände haben sich gelockert und ihre Glieder durcheinander geraten lassen, die Wissenschaft hat den Glauben zerstört, der Kapitalismus hat die älteren Formen zersetzt, ohne selbst eine neue nachgebildet zu haben usw. Und endlich war der Krieg der Zusammenbruch dieser unterhöhlten Menschlichkeit. Das alles sind negative Bestimmungen und negativ im Wesen sind auch die Heilmittel, die vorgeschlagen wurden.

Bekanntlich ist die Literatur unsrer Zeit voll von ihnen: Es hat sich ein Meer von Klagen über unsre Seelenlosigkeit ergossen, über unsre Mechanisierung, Rechenhaftigkeit, Religionslosigkeit und die Leistungen der Wissenschaft wie der Kunst werden als Ausschreitungen dieser Zustände betrachtet. Der Mensch rechne nur noch u selbst seine angeblich großen wissenschaftlichen Leistungen seien nichts als Ausschreitungen dieses Rechentriebs. Den Sozialismus ausgenommen, wird die Heilung ganz allgemein regressiv gesucht; in der Abkehr von der Gegenwart. Dem entbundenen Menschen werden die alten Bindungen empfohlen: Glaube, Vorwissenschaftlichkeit, Einfachheit, Humanität Altruismus, nationale Solidarität, staatsbürgerliche Unterordnung: Preisgabe des kapitalistischen Individualismus und seiner Geistesart. Auch der Sozialismus ist voll davon.

Man glaubt, einen Verfall heilen zu müssen.

d. Andere Auslegung:

Ganz selten wird erkannt, daß diese Erscheinungen ein neues Problem darstellen, welches noch keine Lösung hat; ich kenne kaum eine Darstellung, welche diese Problematik der Gegenwart einmal als ein Problem, ein neues auffassen würde und nicht als eine Fehllösung.

V. Die Zeit der Tatsachen.

Die Ungläubigkeit unsrer Zeit heißt, positiv gefaßt: sie glaubt nur an Tatsachen. Ihre Vorstellung von Wirklichkeit erkennt nur das an, was sozusagen wirklich wirklich ist. Eine inoffizielle Ideologie, die sich herausgebildet hat.

Man hat folgende Leiter des Abstiegs aufgestellt: es habe erst eine Zeit gegeben, die einfach u fest an Gott glaubte. Dann kam eine, die sich ihn durch die Vernunft beweisen mußte. Dann eine, die sich damit begnügte, wenn die Vernunft bloß nichts gegen ihn zu beweisen vermochte. Und endlich unsre, welche an ihn nur glauben würde, wenn sie ihm in einem Laboratorium immer wieder begegnen könnte.

Nun denke man aber an den Okkultismus. Er behauptet entweder unglaubliche Dinge und beweist sie mit Überlegungen, die für den Unterrichteten ebenso unglaublich sind, oder er behauptet unglaubliche Dinge, weil ein kleiner Kreis von Okkultisten sie gesehen hat. Ich nehme an, daß wenig Menschen diesen Dingen Beachtung schenken und man tut es deshalb nicht, weil sie Hirngespinste sind, aber nicht Tatsachen. Die geistige Entwicklung der weißen Menschheit stellt aber nichts anderes dar als das ganz große Vorbild dieses kleinen Lebensexperiments. Es hat sich gezeigt, daß die Überlegungen der Vernunft trügen, sobald ihre Schlingen allzuweit im leeren Denkraum ausgelegt werden, und es stellte sich andrerseits ein beträchtlicher Unterschied zwischen beglaubigten Tatsachen und unbeglaubigten heraus. Man hat schlimme Erfahrungen gemacht, bevor man an den Tatsachenglauben geriet.

Ich glaube nur an Tatsachen heißt nichts andres als: ich will sicher gehn. Der am 21. XII 1613 niedergeschriebene Satz, die Theologie habe zuzusehn, daß sie die Bibel in Übereinstimmung mit den festgestellten Tatsachen der Naturwissenschaft erkläre, – zog Galilei die Inquisition auf den Hals. (Wenn man bei Tatsachen sicher geht, unter welchen Bedingungen sie also wirklich als Tatsachen gelten dürfen, und in welcher Einhüllung von Subjektivitäten sie dennoch Tatsachen bleiben, ist eine Frage der Philosophie, die hier nicht berührt werden soll. Ich möchte bloß nicht verschweigen wie unsinnig der beliebte Vorwurf ist, daß die zeitgenössische wissenschaftliche Phil. sich gerade mit diesem Problem am häufigsten beschäftigt.) Es hat den Anschein, daß das anfangs ein großes Glück war Was heute Müdigkeit auslöst, hatte damals großen Elan, wie manche historischen Beispiele zeigen; es war ein neuer Geist und nicht Ungeist; man war der Spekulation wohl müde geworden, die neue Richtung der Gedanken löste durchaus nicht die Schwierigkeiten, mit denen man sich abgeplagt hatte, sondern sie schob sie beiseite; die Fragestellung wechselte, zeigte einen Wechsel in der Richtung des Interesses an, und ein ungeheurer Erfolg, der von Anfang an die neuen Fragestellungen zu begleiten begann, zog das Interesse immer weiter mit sich. So begann an der Wende des 16. u 17 Jhrdts. Jahrhunderts die Naturwissenschaft. Man vergesse nicht, daß sie erst 3 Jahrhunderte alt ist, während die Scholastik bis zu ihrer Synthese in Alb|ertus Magnus und Thomas von Aquin 7 Jahrhunderte gebraucht hat.

Man darf sich das selbstverständlich nicht so vorstellen, daß eine neue Geistesart die alte Frage nach Frage ablöst, sondern unter dem Berg und Haufen des Alten entwickelt sich ein Neues, das solange emporwächst, bis die letzten Reste der alten Decke von ihm abfallen. Beim sogenannten Ende der Scholastik ist die neue Denkart noch längst nicht da. Sondern von Descartes bis Fichte, ja bis in unsre Tage hat sich eine Nachwirkung des Alten, wenn selbst nur rein formal in der Existenz u. im Aufbau des großen Denksystems als Zielsetzung, erhalten während die Naturwissenschaften fühlen müssen, daß ihr eigentliches Lebensbild von der Philosophie nicht gedeckt wird. Der Vorwurf, daß unsre Zeit unphilosophisch sei, ist orientiert an der alten philosophischen Würde, welche große deduktive Systeme gewohnt war. Man kann alle Systeme der phil. Neuzeit charakterisieren als gewaltige logische Denkbauten auf einem sehr schmalen Fundament von Erfahrung; ohne Rücksicht auf die Entwicklung der Erfahrungswissenschaften ist keines. Wenn man aber ein solches System, eine wahrhafte Weltanschauung gewinnen will, so gehört wohl vorerst dazu, wirklich die Welt angeschaut zu haben, die Tatsachen zu kennen. Die kleinste Tatsache aus dem Zusammenhang zwischen Charakter und Blutdrüsengleichgewicht öffnet mehr Anschauung von der Seele als ein fünfstöckiges idealistisches System. Alle diese Tatsachen sind aber nicht abgeschlossen, sondern kaum erst erschlossen. Sie sind in ihrer Gesamtheit für den philosophischen Blick noch sehr uneinheitlich. Die Philosophie ist hinter den Tatsachen ein wenig (!) zurückgeblieben und das verführte zu dem Glauben, daß der auf Tatsachen gerichtete Sinn etwas Antiphilosophisches sei: es ist aber die richtige Philosophie der gegenwärtigen Zeitspanne, daß wir keine Philosophie haben!

Man dürfte das nicht aussprechen, wenn die Hoffnung nicht bestünde, mit der Zeit über kardinale Fragen der Spekulation auf dem Wege der Erfahrung hinauszugelangen, vielleicht um sie herum zu gelangen, sie von neuen Seiten zu sehn und deshalb anders zu fragen zu lernen. Den Problemen des Raums und der Zeit sind von der Psychologie wie von der Mathematik und Physik neue Ansichten abgewonnen worden, die Struktur der Materie wurde in ein Netz neuer Beziehungen aufgelöst, die Probleme des Lebens und der Individualität sind zT aus dem Dunkel gerückt, ja sogar bei einem so spezifisch metaphysischen Problem wie das der Umwandlung der physikalischen Welt in die Psychische ist durch die Anwendung der ursprünglich psychologischen Gestalttheorie auf die Physik, physikalische Chemie und Physiologie mit außerordentlicher Tragweite eine Lösung angebahnt worden. Es liegt in der Natur der Sache, der Tatsache, daß eine solche Forschung in der Richtung der Weiterentwicklung stets offen bleibt; empirisches Wissen ist unabschließbar. Aber eine der heute erreichten Beherrschung des Physischen angenäherte Beherrschung des Metaphysischen würde ja vielleicht gegenüber der bisher erreichten Vollendung der Philosophie doch einen gewissen Fortschritt bedeuten! Natürlich würden auch weiterhin im Lauf der Zeiten die Systeme einander verdrängen, wie es nicht anders bei den Naturwissenschaften ist, aber sie würden gewaltig fundiert sein und nur wechseln um neuen Gewißheiten den Raum zu schaffen. Daß diese Zeit sich in den Wissenschaften und selbst in der Philosophie angebahnt hat, dafür sprechen mancherlei Zeichen. Diese Erwartung ist der tiefste Sinn der Forderung, daß die Forschung frei bleibe. Und des immanenten Fortschrittsglaubens der Wissensch.

Wir treten freilich heute erst ihre Kinderschuhe aus, wir sind eine Frühzeit.

Es erklärt sich leicht, daß eine Zeit, die das Neue, das sie selbst ist, nicht begriffen hat, schmerzlich glaubt, etwas verloren zu haben, das früher zum Besitz gehörte. Es kommt hinzu, das gewöhnlich keine so weite Entwicklung überblickt wird, wie sie hier zu zeichnen versucht wurde, sondern nur der Zusammenhang mit dem historisch Nächsten. Dieses wäre aber ein verfrühter Versuch, ganz in der alten spekulativen Weise mit mechanischen Methoden zu philosophieren. Die Populärphilosophie der Vätergeneration war am Darwinismus und an der Atomistik orientiert; abgesehen davon, daß dies selbst ganz ungenügende Lösungsversuche sind und je nur ein Kämmerchen im Arsenal der Tatsachenwissenschaften füllten, war ihre philosophische Ausbeutung einfach eine Karrikatur. Aber die Reaktion, welche den Versuch nicht als unreif erkennt, sondern schon in seiner Richtung für verderblich hält, schüttete wahrhaft das Kind mit dem Bad aus. Es ist ein Zwischenfall und hat nichts zu bedeuten. Wichtiger für uns Deutsche ist die ablehnende Haltung, welche die Klassik dem neuen Geist gegenüber eingenommen hat. Er war ihr in der doppelten Form der Aufklärungsphilosophie und des mit dem phil. Empirismus beginnenden Maschinenzeitalters überliefert. Über die erste ist in diesem Zusammenhang wenig mehr zu sagen, als daß auch sie ein zum Untergang verurteilter Versuch mit noch untauglichen Mitteln gewesen ist, wenngleich die Leistungen im Einzelnen bedeutend waren. Die Göthesche Liebe zum Einzelnen und Greifbaren war die rechte Reaktion auf sie. Nicht so gerechtfertigt erscheint es, daß die Klassik von der Entwicklung des Lebens und Denkens, die sich zu ihrer Zeit schon ganz sichtlich angebahnt hatte, überhaupt keine Kenntnis nahm. Mathematik, englische Philosophie, Nationalökonomie, Webstühle und kaufmännische Einrichtungen erschienen ihr der Beachtung nicht für wert. Es haftet dadurch etwas Kleinstädtisches an diesem in einem feudalen und bürgerlichen Zwergstaat sich erhebenden Hochflug des deutschen Geistes, etwas biedermeierisch Enges. Ev: Trotz Kant, welcher der ungeheure Systematiker dieser Epoche war. Sein Ding an sich eine Fallburg, um welche der Fluß herumströmt. Es ist in der Einheit der großen Leistungen jener großen Männer durchaus kein Fehler, wohl aber ist es einer bei den Schülern der Klassik, die wir allesamt sind, denn was im Gesichtsfeld Göthes eine kleine tote Stelle war, verstellt 100 Jahre später einen wichtigen Ausschnitt des Horizonts.

Zum andern Teil freilich lag jener Ablehnung einfach das damals berechtigte Gefühl zugrunde, daß diese Geistesrichtung und Gedankeneinstellung keine Lebensphilosophie gewährt, während man doch das Ideal des Humanismus selbst aufgestellt hatte. Wie berechtigt dieses Mißtrauen war, zeigt drastisch, daß heute noch unsre Bildung in „realistische“ und „humanistische“ Lehranstalten auseinander klafft, die sich die Bedeutung streitig machen, ohne daß die geringste Synthese gelungen wäre.

Teils aus sich selbst, teils wegen der Nachwirkung des klassischen Widerstandes, teils aus Gründen, die später erst erörtert werden können, hat sich die neue mit dem Kennwort Tatsachengeist versehene Denkhaltung bis heute auf dem Gebiet der Lebensphilosophie als unfruchtbar erwiesen. Unsre Dichter, Künstler, philosophischen Pathetiker sind ihr fremd und sehen an ihr vorbei rückwärts. Ja man kann sagen, daß die unter ihnen, welche den neuen Geist allzu bereitwillig aufgegriffen haben, die schlechteren sind. Die vorbildliche Synthese fehlt. Wie aber soll bei solchem Mißverhalten die Anschauungsweise des wissenschaftlichen Denkens u. praktischen Lebens in die Sphäre der Lebensbetrachtung erhoben werden? Das Zeitalter Gestalt annehmen?

Dieser Zwiespalt, (verstärkt durch die immer größere Unübersichtlichkeit, zu der sich die politische und geistige Demokratie entwickelt u. dem Mangel an Vorkehrungen, um ihm zu begegnen), dieses Nochnichtnehmenkönnen einer letzten Stufe, ist die Hauptursache des uneinheitlichen, zerbrochenen und unzufriedenen geistigen Zustands unsrer Zeit.

VI. Tatsachen und Kapitalismus.

Es war von der Entwicklung der Naturwissenschaften, der Maschinen, der Zeitung, der Demokratie die Rede von der Uneinheitlichkeit der Meinungen, der Atomisierung aller Ideologien: man faßt … auch .. zusammen. : das Wort Zeitalter des Kapitalismus lag nahe. In der Tat sind nur alle diese Erscheinungen, sondern auch alle ihre beklagten Wirkungen unter diesen Begriff zusammenzufassen.

Die Formel dieser Zeit des Kapitalismus, auf die es im Zusammenhang mit den „Tatsachen“ ankommt, lautet: Das Geld ist das Maß aller Dinge. Ihr negativer Ausdruck heißt: Das menschliche Tun trägt kein Maß mehr in sich. Worte über ihre weitreichende.Berechtigung sind überflüssig; sie ist oft genug erörtert worden. Ich möchte nur hervorheben, wie sehr heute der „Erfolg“ sogar für das „Verständnis“ entscheidet, unter besten Menschen. Wichtiger erscheint es, das Positive, man zögere nicht zu sagen: das Gute hervorzuheben, das in diesem Zustand liegt. Es ist die kräftigste und elastischeste Organisationsform, welche die Menschen bisher erreicht haben.

Es ist in diesem Zusammenhang aber nichts als eine geordnete Ichsucht; [die ungeheuerlichste Organisation der Ichsucht nach der Rangordnung der Kräfte Geld zu schaffen Bei dem Mangel jeder gültigen andren Rangordnung ist es geradezu unentbehrlich. Wo das Geld nicht ordnet – wie etwa in der Beamtenhierarchie oder in der akademischen – dort springen sofort Nepotismus und Protektionswesen ein. Würde heute das Geld abgeschafft, so würde dadurch nicht berührt „die Übermacht dessen, der Vorteile zu vergeben hat“. In der Zeit des Umsturzes und Durcheinanders etablierte sich allerorten eine Art Naturalwirtschaft aller erdenklichen Protektionen. Man muß das sagen, weil manche zu glauben scheinen, daß mit dem Geld auch die Ichsucht abgeschafft würde. Sie ist aber so alt und so ewig wie ihr Widerspiel der sozialen Gefühle. Das Geld ist nicht ihre Ursache, sondern ihre Folge; allerdings hat nichts so wie das Geld und seine Gebilde sie ins Ungeheure gesteigert.

Der Zusammenhang mit den „Tatsachen“ ist der, daß die Ichsucht die verläßlichste Eigenschaft des menschlichen Lebens ist. Von unwirksamen Ausnahmen abgesehn ist durch Reizung des Begehrens und Einschüchterung der Mensch zu allem zu bringen. Daß sich mit diesen beiden Eigenschaften verläßlich rechnen läßt, ist mehr als ein Wortspiel. Rechnen setzt feste Größe oder die Umrechenbarkeit auf solche voraus. Rechnen, Messen, Wägen ist nur dort möglich, wo die Gegenstände, an denen das geschieht, sich gleich bleiben, sich nicht zwischen zwei Messungen oder während der Rechnung verändern (wo dies geschieht, ist aller Scharfsinn darauf gerichtet, die Beziehung zu etwas Unveränderlichen zu finden). Die Entwicklung des modernen Naturwissens beruht darauf, daß die Aufmerksamkeit auf feste Funktionsverhältnisse zwischen meßbaren Größen gerichtet wurde (zum Beispiel zwischen Pendellänge und Schwingungszeit, Fallzeit und Fallhöhe). Richtiger gesagt: Auch die Antike tat nichts andres, denn von ihrer Statik läßt sich ganz das gleiche sagen. Die moderne Physik ist eine Fortsetzung der antiken. Aber dazwischen lag nicht nur ein Loch der Kontinuität der Tradition, sondern auch ein philosophisches Zwischenspiel. Ich will es an dem Unterschied zweier Begriffsleitern in einem historisch gewordenen Beispiel zeigen, dem des fallenden Körpers. Postantik könnte etwa das Individuum Stein, dem Begriff Stein, dieser dem höheren Begriff Körper, dieser dem höheren Materie untergeordnet werden und das Verhalten sollte sich daraus erklären lassen. Naturwissenschaftlich wird nicht das Verhalten des Steins geprüft, sondern eine Einzelheit dieses Verhaltens, das Verhältnis von Zeit und Weg. Indem dieses aber aus der Totalität des individuellen Dings abstrahiert war, zeigte sich sein Zusammenhang mit solchen Abstraktionen aus ganz andren Dingen. Unähnliche Vorgänge wie das gerade Fallen des Steins und das Kreisen der Planeten erwiesen sich als das Gleiche was allein schon eine ungeheure Erschütterung des Denkens brachte, die elliptische Schwingung der Gestirne trat in Verwandtschaftsbeziehungen zu allen möglichen andren Schwingungsformen, und es trennten die Abstraktion und die neue Art des Vergleichens das Gewebe der Welt auf, um ganz neue, scheinbar dahinterliegende Verflechtungen von Kette und Einschlag aufzuweisen.

Diese Abweichung zwischen dem an den Tatsachen orientierten Denken u. dem spekulativen darf aber nicht wegtäuschen daß ihnen beiden das gleiche Streben nach Eindeutigkeit zugrunde liegt, das nur die Methode gewechselt hat. Möglichst eindeutige Signifikation ist das Wesen der Sprache und das innerste Prinzip der sogen. logischen Axiome und Gesetzmäßigkeiten; ebenso macht es aber auch das Wesen dessen aus, was hier in einem erweiterten Sinn Tatsachen genannt wird. Eindeutigkeit, Wiederholbarkeit des Erlebnisses Festigkeit des Gegenstandes sind die Vorbedingungen von Rechnen und Messen wie von denkendem Verhalten überhaupt. Dieses Bedürfnis nach Eindeutigkeit Wiederholbarkeit u Festigkeit wird auf seelischem Gebiet durch die Gewalt befriedigt, und eine Spezialform dieser Gewalt, eine unerhört geschmeidige, entwickelte und nach vielen Richtungen schöpferische, ist der Kapitalismus. Es wurde hier schon dafür der weitere Begriff einer Ordnung aufgestellt, welche mit der Ichsucht rechnet. Dieses Ordnungsprinzip ist so alt wie die menschlichen Verbände selbst. Wer auf Stein bauen will im Menschen muß sich der Gewalt oder der Begierden bedienen. Dieses mit den schlechten Fähigkeiten des Menschen rechnen ist eine Spekulation à la baisse. Eine Ordnung àl.b. ist dressierte Niedrigkeit. Sie ist die Ordnung der heutigen Welt. Ich lasse dich gewinnen, damit ich mehr gewinne oder ich lasse dich mehr gewinnen, damit ich überhaupt etwas gewinne, diese List eines überlegenen Parasiten ist die Seele der anständigsten Geschäfte, welche abgeschlossen werden. Zahlreich sind jene, welche geradezu auf der Schädigung andrer beruhn. Selbst der bescheidenste, berechtigtste Gewinn eines Verkäufers, der unter Gefahr und Einsatz seiner Existenz Ware herbeischafft und sich einen Anspruch erworben hat – ob er nun Unternehmer oder Lohnsklave ist! – wird eingehoben ohne Rücksicht auf die persönliche Situation dessen, der die Ware braucht, also sie ausnützend, ja das Gegenteil schiene nicht nur, sondern wäre bei der heutigen Lage eine Geistesstörung, welche mit Recht das Kuratel auf sich zieht.

Das Gleiche gilt dann auch vom Politiker, ob es sich nun um die innere oder um die äußere Politik handelt. Der Befehlshaber, welcher die Bevölkerung eines Etappenraums mit Drohungen gefügig hält, rechnet mit den Menschen nicht anders àl.b. wie der Industriellenverband, der die streikenden Arbeiter aushungert, oder die politische Partei, welche einen Wahlfonds verwendet. Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit den gleichen Mitteln und der Friede würde auch nach einer allgemeinen Abrüstung ein bewaffneter Friede bleiben. Das ist der Typus, der erst die Waffen ausliefern läßt u. dann verhandelt u sich kein gedeihliches Verhältnis anders denken kann als bei Hegemonie eines Teils. Er sagt, daß er nur den Tatsachen Rechnung trage und kein Utopist sei.

Man muß diesem Tatsachenmenschen, der mit seinen Mitmenschen nur àl.b. rechnet, gerecht sein. Er ist ein reinlicher, exakter dem Schwatzen abholder, in all seiner Verwerflichkeit häufig sympatischer Typus. Wenn man dennoch sein Gegner sein will, so ist das Wichtigste, den Gegensatz zu ihm richtig zu bestimmen.

Besserer Aufbau

1. Verstanden als Zeitalter des Kapitalismus.

2. Das Geld ist das Maß aller Dinge geworden u. diese tragen kein Maß der menschlichen Wertung mehr in sich.

Der grundlegende Zusammenhang des Kapitalismus auf der einen Seite mit der Wissenschaftlichkeit des Zeitalters, auf der andren mit seinen politischen Ausschreitungen ist aber der:

3. Geld ist Konzentration von potentiellen Vor- und Nachteilen, also geordnete Ichsucht. Die Ichsucht ist aber die verläßlichste Tatsache des menschlichen Lebens. Begehren u. Einschüchterung. {Diese beiden Mittel entsprechen auf seelischem Gebiet dem

4. Bedürfnis nach Eindeutigkeit, Wiederholbarkeit und Festigkeit, das für unser Denken so charakteristisch geworden ist} Was und

5. sich ihrer bedient ist die Gewalt u. eine Spezialform der Gewalt ist der Kapitalismus. Er ist die ungeheuerlichste Organisation der Ichsucht.

6. Dieses Ordnungsprinzip ist so alt wie die menschlichen Verbände selbst Vorteile gewähren oder ablisten ist die Seele des Geschäfts. Mit Nachteilen drücken, die der äußeren Politik (Zwischen beidem steht die der inneren) Beide Fälle bedeuten eine Spekulation àl.b.

Wenn die Vertreter dieser Anschauung sagen, daß sie nur mit den Tatsachen rechnen und keine Utopisten seien, so sprechen sie

7. damit nur den Geist aus, der unsre Wissenschaft groß gemacht hat. Denn daß sich mit Vor- u. Nachteilen im menschlichen Leben rechnen läßt ist mehr als ein Wortspiel {} Eine große Geisteshaltung drückt sich in ihnen aus oder beeinflußt

9. sie. Das alte Ringen nach eindeutiger Ordnung das schon den log. Axiomen zugrundeliegt. Der ethische Zusammenhang mit der Wissenschaft ist aber ein noch viel intimerer. Er ist nicht ohne einen kleinen

8. erkenntniskritischen Exkurs verständlich zu machen. Auflösung in Abstraktionen.

10. Die gleiche Fähigkeit zu abstrahieren im ethischen Verhalten

11. Sätze wie (11) ohne diese Abstraktionsfähigkeit in ihrer Unmenschlichkeit nicht zu verstehn. Aber die Grausamkeit des ganzen Lebens ohne sie nicht zu verstehn.

12. Man darf dem Tatsachenmenschen nicht ungerecht sein. Er ist ein reinlicher Typus.

Er ist hart (auch gegenüber dem eigenen Volk)

Exponent einer Denkart, die nie erträumte Erfolge heraufgeführt hat.

Es ist seine natürliche Ethik, daß er so handelt, wie er denkt. Und so fühlt wie er denkt. Denn man fühlt, wie man denkt. Und diesem natürlichen Hang stehn nur pulverisierte Ideologien gegenüber, die einander so widersprechen, daß er annimmt, sie können nichts andres tun als schwätzen.

Wenn man sein Gegner sein will, ist es das Wichtigste, den Gegensatz zu ihm richtig zu bestimmen.

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10 haziran 2026
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9782377871742
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