Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 131

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VII. Die Gegner der Tatsachen.

Es giebt Menschen, welche die Tatsachen leugnen und das Denken nennen. Von ihnen soll nicht erst die Rede sein, obgleich viele Dichter und so recht philosophische Philosophen zu ihnen gehören.

Dann gibt es Menschen, welche die Schuld unsrer Rationalität geben und verlangen, daß wir weniger rational sein sollen. Sie haben verschieden Argumente.

Weil wir überhaupt immerzu rechnen, rechnen wir auch mit dem Menschen, ist eines davon. Gewiß nicht ganz falsch, aber die Gewalt ist älter als das Rechnen, und ist doch schon ein naives Rechnen mit ihm. Der Sündenfall ist da also zu spät datiert. Dann übersehen sie auch, daß die Tatsachenmenschen, welche ihnen besonders unangenehm sind, der Ingenieur und der Handelsmann, gar nicht so sehr rational im Sinne einer Präponderanz des Intellektuellen sind, wie sie meinen. Man braucht sie bloß mit einem Scholastiker (Hochscholastiker) zu vergleichen. In deren Tätigkeit ist vielmehr sehr viel Irrationales, ja sogar antirational. An sich ist die Tatsache ja überhaupt nicht rational, sie ist nur ein Regulativ der Rationalität und gewöhnlich nur als Serie für diese wichtig. Und der Ingenieur unterscheidet sich oft gerade dadurch vom Theoretiker, daß er das Denken an irgend einem Punkt abbrechen läßt und seine Konstruktion mit einer Annahme, einem Näherungswert, einem Abkürzungsverfahren, das ein Sprung durchs Unbeweisbare ist, macht, und dies sich durch den Erfolg bestätigen läßt. Es unterscheidet die positive Zeit von der Scholastik gerade, daß praktischer, tatsächlicher, nicht so viel gedacht wird; im Vergleich ist unsre Zeit ebenso eine des Vieldenkens wie eine des Wenigerdenkens. Ähnliches ist vom Kaufmann zu sagen, der Wille, die Entscheidung ist in seiner Tätigkeit ebenso wichtig wie das Berechnen; er ist Tatsachenmensch auch in dem Sinne, daß er Tatsachen schafft. Ein Lebenselement von ihm ist die Freiheit, die er sich schafft, er der unabhängige Kaufmann, frei von Gedankenstreitigkeiten und den Meinungen all derer seiner Mitmenschen, von denen er nicht unmittelbar abhängt (in seinem starken Typus) Wenn er also nicht ganz mit Recht als Vertreter des Rationalismus gilt, so scheint dieser etwas Weiteres zu bedeuten, eine umfassendere menschliche Haltung als das Denken.

Endlich ist die Formulierung als Anti-Rationalismus auch deshalb schief, weil es ohne Rationalität keine Ordnung, keine Sprache, keine Eindeutigkeit und Heftigkeit gäbe. Es bliebe nur eine grenzenlose Gefühligkeit.

Von einer andren Seite her ist der Gegensatz des heutigen Geisteszustands als Liebe und Güte gefordert worden. Mitten im Krieg, mit großer Heftigkeit, wenn auch sehr oberflächlich verstanden, ist diese Forderung der Liebe, der

Menschengüte udgl. aufgetaucht. Sofern sie ein wiedererweckter Rousseauismus ist – der Mensch ist gut – braucht sie hier, wo die menschliche Gestaltlosigkeit (und also auch seine moralische) Voraussetzung ist, nicht diskutiert zu werden. Zu warnen ist vor allen, die auf Grund dieser falschen Voraussetzung die Gesellschaft reformieren wollen, denn sie werden ihr Ziel verfehlen.

Dennoch liegt die wahre Gegnerschaft gegen die Tatsachengesinnung nicht weit von dieser letzten Bestimmung. Es gibt einen Zustand des Menschen, welcher dem des Erkennens Rechnens, Zweckens, Schätzens Drückens, Begehrens und der niedrigen Angst als grundverschieden entgegengesetzt ist.

Er ist schwer zu bezeichnen.

In den alten Bezeichnungen als Liebe, Güte, Irrationalität, Religiosität, die hier bekämpft wurden, steckt eine Seite der Wahrheit und für die volle Wahrheit steht heute kein Gedanke zur Verfügung.

Ich möchte es einfach den „anderen Zustand“ nennen.

Im Gegensatz zu ihm erscheinen Denken und Begehren als eines.

Sucht man diesen Gegensatz nüchtern, denkend zu beschreiben, so möchte man den gewöhnlichen Zustand als eingeengt, zielstrebig bezeichnen; eine Strebe, eine dünne Linie verbindet den Menschen mit seinem Gegenstand und heftet sich an diesen wie an ihn bloß in einem Punkt, während das ganze andere Wesen unberührt davon bleibt; das gilt vom Erkennen wie vom Wollen und tatsächlich sind ja die beiden sehr oft als zwei Seiten des gleichen Übels gemeinsam verurteilt worden.

Daß ein Mensch sich vollkommen verändert, je nachdem man ihn mit Sympathie oder ohne solche betrachtet, ist bekannt, und unsre Wissenschaft kann man geradezu als sympathielose Betrachtung beschreiben, denn das ist ein wesentlicher Kern der Forderung, daß sie nicht phantastisch sei. Man wird da allerdings fragen, ob sich denn wirklich auch leblose Dinge verändern, je nachdem ob man sie mit oder ohne Liebe betrachtet, und ich möchte diese Frage bejahen. Ein Tonus und Duktus, eine Spannung und Färbung ändert sich an der Außenwelt je nach der Gefühlslage des Betrachters; Erfahrungen des täglichen Lebens wie die Beobachtung von nervösen und mentalen Störungen scheinen es ebenso zu bestätigen wie die Beschreibungen religiöser Zustände, und an sich ist es ja auch nicht sonderlich zu verwundern, daß das Aussehn der Welt von emotionalen Faktoren abhängt, da dies doch von sensoriellen bekannt ist. Diese Abhängigkeit hält sich offenbar in engen Grenzen und gerade weil sie für das praktische Verhalten nicht in Betracht kommt, ist sie wohl auch vom Denken noch wenig berücksichtigt worden.

Wir besitzen sehr viele Beschreibungen von diesem anderen Zustand. Ihnen allen dürfte gemeinsam sein, daß die Grenze zwischen Ich und Nicht-Ich weniger scharf ist als sonst, und eine gewisse Umkehrung des Verhältnisses. Während sich sonst das Ich der Welt bemächtigt, strömt diese in dem andren Zustand in das Ich ein oder vermengt sich mit ihm oder trägt es udgl.

Man hat Teil an den Dingen (versteht ihre Sprache) Das Verstehen in diesem Zustande ist nicht unpersönlich (objektiv), sondern äußerst persönlich wie eine Übereinstimmung zwischen Subjekt und Objekt.

Man weiß in diesem Zustand eigentlich alles voraus, und die Dinge bestätigen es bloß. (Erkennen ist Wiedererkennen)

Ich setze die Beschreibung nicht weiter fort, weil mir die Mittel, sie einigermaßen vollständig zu machen, augenblicklich nicht zur Verfügung stehn. Aber man erkennt in ihr wohl, daß es sich um einen stärkeren Anteil der Subjektivität handelt und dieser unterscheidet sich vom gewöhnlichen Egoismus ähnlich wie sich das messende usw. Verhalten von andren abhebt Das Ich ist, an sich etwas sehr vag und veränderlich Erlebtes. Man kann vielleicht sagen, daß es bei allen objektiven Verhältnissen in gewissem Sinn ausgeschaltet ist (das ist ja auch der Zweck), und daß es sich dadurch erklärt, daß man diese landläufigen Zustände als „Entfremdung“ charakterisiert; von starken Willenshandlungen wird man das aber gewiß nicht immer behaupten können. Man wird aber vielleicht den bösen Willen vom guten einigermaßen unterscheiden können als einen heißen vom kalten, als einen, der rückwirkend das eigene Ich mit affiziert, mit leiden läßt, mit umbildet von einem der das entbehrt, als einen Willen, der sein Opfer nicht bloß erkennt, sondern erlebt. Der gute Mensch im andren Sinn, der Liebende ist ja nicht gut aus Gegensatz gegen den Egoismus; denn in jener Welt gibt es diesen gar nicht, der richtig empfangene andere Mensch dient der Erhöhung des eignen. Und ähnliches gilt vom Bösen. Es gibt Böses, das gut ist, sowie es Böses gibt, das bös ist.

Versucht man es zusammenzufassen, so kann man schon jetzt sagen:

Daß der Zustand sich sowohl als aktiv wie als passiv charakterisiert; keinesfalls aber als indifferent. (Kontemplativ – dyonisisch).

Daß er sowohl eine Steigerung der Subjektivität zeigt wie deren Minderung; in beiden Fällen aber keine Objektivität. Vom Bild der Außenwelt her also eine ein oder ausschwingende breite Berührung, der Welt Überwiegen oder Zurücktreten; keinesfalls aber Indifferenz. Der Gegensatz von Objektivität ist Überichhaftigkeit oder Übergegenständlichkeit, aber nicht Subjektivität. Es handelt sich hier um eine andre Einteilung; die zwischen subj.-objekt. entsprang dem rationalen Verhalten.(Offenbar um: emotional-rational).

Man kann sagen, es handelt sich ebenso sehr um eine Entdinglichung des Ich wie der Welt.

Es handelt sich um ein anderes Werten. Der Gegensatz egoistisch-altruistisch verliert seine Bedeutung; ebenso der Gegensatz gut-böse. An ihre Stelle läßt sich das Paar Mehrung-Minderung setzen.

Auch an Stelle dessen, was nützt, tritt das, was mehrt.

Es gehört noch hinzu ein Abfallen alles Kleinlichen.

Im kontemplativen Zweig häufig ein Gefühl des Versinkens, Eingehns, Getragenwerdens.

Es knüpfen sich allerdings eine Reihe von Fragen an das bisher Beschriebene:

Ich berühre als erste die Frage: Welche Rolle spielen Gefühle, die wir in unsrer Normaleinstellung haben, in der kontemplativen?

Zum Beispiel Liebe. – Ich glaube, daß man richtig psychologisch trennen muß zwischen dem Affekt und dem Ergebnis seines Auftretens in der Gesamtperson, dem affektbetonten Verhalten. Rein affektiv sind eigentlich nur jene Körpergefühle, die wir nach den affizierten Teilen benennen wie Zahnschmerz oder Rückenschmerz; richtiger gesagt, sind sie eine Legierung von Empfindungen mit Lust oder Unlustgefühlen. Jene Zustände, die von inneren Empfindungen unseres Körpers ausgelöst werden zb. von der Verdauung oder vom Blutkreislauf, begründen eine Gefühls- oder Stimmungslage; sie sind nicht mehr lokalisiert, haben keine Beziehung zum Außen (was wohl den Unterschied ausmacht), dagegen eine desto innigere zum Ich (zum Beispiel üble Laune, Verstimmung). Sie übergehen in Zustände, die uns als besondre überhaupt nicht bewußt werden, zum Beispiel die durch das Blutdrüsengleichgewicht bedingten persönlichen Dispositionen. Alle diese verschiedenen Gefühlszustände haben eine enge Verbindung sowohl mit dem sensoriellen Erleben wie mit dem Willen und dem Denken des Menschen. Die der ersten Gruppe hauptsächlich mit Sensorium und Abwehr oder Verlangen; die der zweiten sind empfindungsgemäß nur getönt und andrerseits bestimmen sie eine Art Tonus des Willens- und auch der Denksphäre.

Was nun im Leben Affekte genannt wird – zum Beispiel Liebe, Zorn, Haß, Angst, Abscheu, Scham usw. sind offensichtlich Mischungen. Sie sind jenen Gefühls-Empfindungen darin verwandt, daß sie sich ziemlich eindeutig auf ihren Gegenstand beziehen; ein etwas tut weh, und ein etwas wird geliebt oder bereut. Zugleich kennzeichnen sie sich aus verschiedenen Gründen als Körperzustände und Allgemeingefühle; nicht ein Körperteil, sondern das ganze Ich wird affiziert. Uzw. in einer jedesmal anderen, charakteristischen Weise. Allerdings nicht so scharf unterschieden wie Lust und Unlust, weshalb um Lust oder Unlust in Verbindung mit verschiedenen Gegenständen handle. Welche Gefühle sich so als verschiedene unterscheiden lassen und wieviele, ist psychologisch-deskriptiv schwer zu sagen.

Sie dürften wohl in ihrem organischen Teil vielfach verwandt u. partiell identisch sein Biologisch oder soziologisch ist es wohl leichter zu beantworten, indem man annimmt, daß die verschiedenen sozial wichtigen Verhaltensweisen sich auch emotional deutlich charakterisiert haben. Uzw. glaube ich daß hier immer ein älterer Teil der Reaktion mit einem jüngeren legiert. Liebe, Haß Zorn, Mut, Scham sind schon in primitiven sozialen Verhältnissen aufgetreten (schon beim Tier); es ist anzunehmen, daß ihnen durch die spätere Entwicklung nicht viel hinzugefügt worden ist. Wenn man etwa „Liebe“ betrachtet, so läßt sich darin als ein Kern das einfache „sexuelle Begehren“ unterscheiden, im Zorn der Vernichtungswille, im Haß der gleiche „Vernichtungswille und Vergeltungswille“, ebenso im Abscheu ein Kern von „Angst“. Man darf annehmen, daß die ursprünglicheren Bestandteile dieser Legierungen am eindeutigsten mit bestimmten Körperzuständen verbunden sind und daß diese Körperzustände in die heute unterschiedenen Hauptgefühle einstrahlen. Was ist es nun, das hinzutritt? Was unterscheidet also etwa den primitivsten Liebesaffekt von dem rein sexuellen Begehren? Offenbar doch die Anwesenheit widerspruchsvoller Affekte. Dem Vergewaltigenwollen ist ein Scheuen, ist Zartheit beigemengt, fast möchte man sagen, dem Maskulinen ein Feminines. Kann man nicht bildlich sagen: Maskulin ist die Bewegung des Arms, feminin das in den Arm Fallen. Der Mann ist maskulin mit femininem Einschlag, die Frau feminin mit maskulinem. Der Zorn eines Menschen von heute ist gebremster Vernichtungswille usw. Diese Mischung aus Widersprüchen entsteht dadurch, daß die affizierte Persönlichkeit gleichzeitig verschiedene Dispositionen hat, sie reagiert teils-teils – und scheinbar oder wirklich schmilzt das in den typischen Fällen wieder zu typischen Zuständen und Verhaltungsweisen zusammen. Auf einer noch höheren Komplikationsstufe ist dann häufig im Gefühlszustand überhaupt nicht zu unterscheiden, ob er Liebe oder etwas anderes bedeutet. (Dadurch unter andserem kann der Gestaltlose so leicht Gestalten annehmen). Die ursprünglichen Verhaltungsweisen gehören zu bestimmten sozialen Situationen; mit deren Komplikation haben sich nun nicht etwa Konkurrenzen der Grundgefühle eingestellt, als ob die sich in bestimmten Dosen hätten mischen müssen, sondern dieser ganze Vorgang war aufs engste verschlungen mit der gleichzeitigen Entwicklung der Vorstellungsbildung. So wie auch in die früher genannten Gefühls-„Kerne“ schon Verstellungen eingreifen, denn der Anblick der Geliebten oder des Feindes steigert das Gefühl, so tun sie es erst recht auf den höheren Stufen. Gedanken und Gedankendispositionen bilden untrennbare Bestandteile der höheren Gefühle. Stark fühlen heißt auch heute natürlich noch gewisse emotionale Dispositionen überhaupt besitzen, aber es heißt auch in der Gesamtgeistigkeit weitreichend ergriffen und beeinflußt werden.

Welche Rolle spielen also diese Gefühle in der kontemplativen Einstellung?

Erinnern wir uns, daß sie darin in einem gewissen Sinn durchstrichen sind. An der Liebe wird das Begehren geschwächt sein, dagegen der darumliegende, wogende Kern vergrößert. Die Geliebten vermählen sich in Gott, wie man früher sagte, oder wie man heute sagen könnte: in der Welt.

Giebt es aber im Zustand der Kontemplation überhaupt Unlustgefühle? Die religiöse Überlieferung berichtet uns von ihnen; aber das ist vielleicht Unlust durch das Nichteintreten der Kontemplation. Gibt es Zorn, Haß, Neid, Scham im Zustand der Kontemplation? Daß man für ihn so oft den Namen Zustand der Liebe gebraucht, zeigt, daß es sie wenigstens gewöhnlich nicht gibt. Deshalb auch das enge historische Beieinander von Kontemplation und Seligkeit.

Niedergeschlagenheit (siehe Unlust) gibt es meines Dafürhaltens und zwar etwa in der Form der Demut (süße Demut) als einen Zustand innerhalb der Kontemplation. Es läßt sich schwer leugnen, daß es mit einem entsprechenden Beiwort auch Zorn geben kann (einen milden, liebenden Zorn) Auch Unglück über Minderung des Zustands durch sich oder den andern. Also ist wohl anzunehmen, daß der Zustand nicht nur einer der Lust ist; er wird vielmehr alles enthalten, was wir etwa mit dem Beiwort „selig“ verbinden können. Selige Liebe, seliger Zorn, selige Reue, Scham, Angst.

Sicher aber gibt es keinen seligen oder kontemplativen Neid, ebensowenig Haß, Habsucht soziale Unsicherheit, wahrscheinlich auch nicht Reue im gewöhnlichen Sinn von moralischem Gewissen. Eifersucht

Es kreuzt hier eine andere Einteilung herein: große Gefühle und kleinliche, – die verwandt damit ist, wahrscheinlich ein Produkt aus kontemplativem u. Normalzustand.

Weshalb fühlen diese Gefühle? Neid ist biologisch betrachtet, verhinderter struggle of life; auch Haß, auch Habsucht, zum Teil auch Eifersucht. Man könnte also annehmen: Kampfgefühle fehlen. Dies würde auch das Weibliche in der kontemplativen Liebe des Mannes erklären. Und die Bezeichnung: Zustand der Liebe rechtfertigen.

Es fehlen aber auch Gefühle wie Eitelkeit, alles was unter Niedrigkeit fiele, ein großer Teil der Besitzgefühle, sich lächerlich fühlen udgl. Als was soll man diese zusammenfassen? Man könnte sagen, alles Nagende, die Persönlichkeit Vermindernde, aber auch die aufblähende Eitelkeit: also alles Disproportionierende, eine gewisse Harmonie Störende. (Es ist in einer Gruppe von Beschreibungen viel von „Harmonie“ die Rede) (Auch an das Wort „Hochgefühl“ sei erinnert) Oder: Minderwertigkeitsgefühle und deren Überkompensation. Demut, Niedergeschlagenheit sind zwar Minderwertigkeitsgefühle, aber, als selig, kompensierte, nicht überkompensierte.

Es fehlen aber auch wie wir gesehen haben, die als soziale Reaktionen auftretenden Gefühle und die in der dinglichen Erkennenshaltung wurzelnden. Eitelkeit, Lächerlichkeit, Besitzgefühle fallen auch hierunter. Der Kontemplative hat kein Gewissen, weil diese Reaktion für ihn, der sich in ständiger ethischer Aktion befindet, gar nicht möglich ist. Man denke an das häufige Prädikat „weltabgewandt“. Sagen wir kurz: moralische Gefühle.

Überblickt man diese Überlegung, so sieht man schon hier, daß weder neue Gefühle im Spiel sind, noch besondere Ausfallserscheinungen an grundlegenden Gefühlen, denn Lust wie Unlust sind vorhanden, sthenische wie asthenische Affekte, aber von den biologisch als ursprünglich anzusprechenden Gefühlen fehlen die Kampfgefühle und schwer abzugrenzen davon, fehlen die moralischen Gefühle, die Derivate des Gesellschaftslebens. Die vorhandenen Gefühle haben eine gewisse Verdünnerung erlitten, sind aber viel mehr in die ganze Person verbreitet.

Man vergleiche damit die Verschiedenheit im Denken, welche sich darin ausdrückt, daß man im kontemplativen Zustand wohl philosophieren, aber nicht addieren kann. Das deckt sich, wie schon früher gesagt, mit der „Verbreitung“ und läßt vermuten, daß das charakteristische emotionale Verhalten stark von dem intellektuellen beeinflußt ist, daß es sich also um die erwähnten Komplikationen höherer Stufe handelt und weniger um eine fundamentale Änderung im Fühlen.

Man könnte freilich auch annehmen, daß das Erkennen fehlt, weil die Kampfeinstellung fehlt und daß deren Fehlen auf einer Gefühlsabnormität ruht. Nun aber darf man nicht vergessen, daß es sich nicht um einen konstitutiven, sondern um transitorische Zustände handelt. Das Verfallen in die Kontemplation mag konstitutionell erleichtert, in manchen Fällen periodisch, in andren durch Krankheiten begünstigt sein, aber man darf nicht übersehn, daß die Fähigkeit zur Kontemplation eine weitverbreitete ist und daß man sich mit Willen so einstellen kann oder anders. Man hat es also anscheinend nicht mit einer Abnormität zu tun, sondern mit einem andren Gebrauch von unsren Fähigkeiten.

Der Kampf zwischen diesen beiden Einstellungen ist wohl so alt wie unsre Geschichte. Es ist im weitesten Sinn der Kampf zwischen Religion und Staat.

VIII. Profane Religiosität.

Was bedeutet der Kampf zwischen diesen beiden Einstellungen?

Das kontemplative Verhalten ist stets mit der Hypothese vomVorhandensein eines Gottes verquickt worden. Wie sich zeigt, ist es aber unabhängig von dieser Voraussetzung. Auch der irdische, der erotische Stand der Liebe führt viele Menschen, die gar nichts Jenseitiges glauben, weit in dieses Reich hinein. Man hat daher die Pflicht, diesen Zustand als solchen zunächst und unabhängig von der Hypothese zu untersuchen. Gewöhnlich wird man sogar sagen dürfen, daß durch den Ausbau zum Gottesreich, zur Theologie, etwas von der Ordnung gewöhnlicher Reiche und von der Logifizierung der Normalhaltung hereingetragen wird, was sich im Kampf der Mystiker gegen die Theologen wiederholt ausgesprochen hat.

Was bedeutet also der Kampf dieser beiden Einstellungen im Menschen, wenn er mit Gott nichts zu tun hat?

Daß die Normalhaltung die zur Organisation des Gemeinschaftslebens und zur Bewältigung der Welt dienende ist, versteht sich von selbst.

Was bedeutet es nun, sich von der Welt abzukehren, sich über die Welt zu erheben, dem Kampf zu entsagen, wenn es nicht der Vereinigung mit Gott dient?

Es hat keinen Zweck, denn es hat sich stets einen irrealen und unerreichbaren gesteckt gehabt.

Es hat keinen Sinn, denn die Theologien gaben ihm nur einen Pseudosinn.

Es ist also ein Drang, ein Bedürfnis, eine unterdrückte Hälfte des Menschen, die sich immer wieder durchzusetzen suchte?

Diese andere Hälfte ist aber biologisch unverständlich denn wenn auch nicht vor Ziel- und Zwecklosigkeit, so würde eine Welt im Zustand der Kontemplation doch aus Wehrlosigkeit zugrundegehn. Die darüber vorhandenen Theorien sind äußerst einfach: die verlorene Gotteskindschaft, das verlorene Paradies; sie enthalten das Eingeständnis, daß mit irdischen Mitteln der Zustand nicht zu erreichen ist.

Man kann vielleicht die Annahme machen, daß die zwei Grundtriebe jedes Lebewesens sich darin ausprägen: das Streben nach Nahrung und individueller Erhaltung, das den Kampf einschließt, aber doch auch die Flucht? und der Fortpflanzungstrieb der ohnedies über das Individuum hinweggeht!; das erste schuf sich die rationale Welt, das zweite die Liebe. Aber da die „Liebe“ nur periodisch oder beim Menschen fallweise auftritt, schuf sie kein ganzes Weltbild, sondern nur die Ausnahme zum Bestehenden. Dies würde befriedigend auch für den Positivisten den Zusammenhang mit Denken usw. aufklären.

Man könnte aber auch ebensogut einen Gegensatz zwischen struggle of life und Ruhen, Verdauen udgl. beim Tier-Mensch konstruieren und daraus die Gegensätzlichkeit der beiden Grundhaltungen ableiten.

Es ist ziemlich müssig, weil das Problem noch nicht angepackt ist und es sich nicht voraussagen läßt, welche Zusammenhänge sich bei umfassender und eindringlicher, wenn auch erster Behandlung aufnötigen werden.

Es ist aber nicht überflüssig zu betonen, daß das Problem von dieser Seite auch betrachtet werden muß. Denn fast immer wurden für die Gesichte der Kontemplation die Untersuchungsweisen der Wissenschaft abgelehnt, unter Berufung darauf, daß es sich hier um eine andre (intuitive) Art des Erkennens handle, um ein Schaun udgl. Dem mag sein, wie es wolle, so hat sich doch gezeigt, daß von dort her ein fester Zusammenhang dieses Gebietes in sich niemals gewonnen worden ist; über Aufforderung und Programm ist man nie hinausgekommen: dies allein schon rechtfertigt es, einmal auch die andre Betrachtungsweise anzuwenden und es läßt sich vermuten, daß die kontemplative Haltung zwar mit den Mitteln der normalen zu erklären sein wird, nicht aber umgekehrt.

Wahrscheinlich gibt es aber noch eine andre fruchtbare Betrachtungsweise, die sich mehr in der eigentümlichen Denkart des andren Gebiets selbst hält, nämlich eine vom Wesen der Ideale oder der Idealität ausgehende, auf deren eine bestimmte Auffassung ich schon oft hinzuweisen versucht habe.

Ideale besitzen nämlich auch die seltsame Eigenschaft, daß sie, genau erfüllt, in einen Widersinn umschlagen würden. Ohneweiters kann man ja eine Forderung wie „Du sollst nicht töten“ bis zum Hungertod verfolgen und ich könnte die Formel aufstellen, daß für die richtige Funktion des Geflechts unsrer Ideale wie bei einem Sieb die Löcher ebenso wichtig sind wie das feste Geflecht. Das läßt sich von Moralsätzen jedesmal zeigen, die Ausnahme gehört zur Regel, aber auch was man im eigentlichen Sinn Ideale nennt, die großen Triebvorstellungen des individuellen und sozialen Lebens, enthält ein Unmaß der Forderung, das zum Verderben führen müßte, wenn man es nicht von vornherein uneigentlich nähme.

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10 haziran 2026
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9782377871742
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