Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 132
Ein Gedanke über das Drama
Warum führt heute die Dichtung der Roman, eine Kunstgattung, die noch nicht einmal Zeit gehabt hat, sich den Kunstgelehrten bloß als ebenbürtig begreiflich zu machen? Was gibt es, daß sich an Tiefe Breite und Kraft des Angriffs auf unsere Seele im Drama den Romanen Dostojewskijs und eines vollen Dutzend anderer an die Seite stellen ließe? Es würde mir als Wahnsinn erscheinen, etwa Ibsen diese Rolle zuzuschreiben, so sehr ich ihn zu bewundern geneigt bin. Ich könnte Claudel in diesen Kreis aufnehmen, wenn ich nicht das Gefühl hätte, daß das wundervolle Werk seines Dramas als geistiges Instrument betrachtet, einen geringen Wirkungsgrad hat und außerdem wird er ja nicht gespielt. Ich vermöchte etwa noch an Shaw zu denken, aber hier zeigt sich schon, daß die geistige dialektische Freiheit eines Dramas erkauft wird durch Preisgabe der Atmosphäre der Dichtung, durch Austausch einer uns allerdings sehr schlecht bekannten Form der Ideenbewegung, die wir als dichterisch erkennen, gegen die journalistische, alltägliche; man kann ihn einen nicht alltäglichen alltäglichen Menschen nennen. Ich bin nicht dafür, den Grund solcher Unterschiede in den „Formen“ zu suchen. ich habe mehr als genug von dem, was ich Zeit meines Lebens darüber hören mußte, daß die Tragödie als Art also formal, generell betrachtet, sich an die oder diese menschlich-göttlichen Bedürfnisse wende, die Lyrik an jene andren, woraus dann eine Rangordnung konstruirt wird, in welcher der Dramatiker obenauf und der Romandichter ganz unten ist, schon gegen die Grenze der Schriftstellerei zu, trotzdem in der gemeinen Form des Romans mehr geleistet wird als in der kultischen, trivialitätsreinen, gehobenen Form der Tragödie. Oder woraus wenigstens gefolgert wird, daß gewisse Arten von Innerlichkeit sich an das Theater, andre an die Erzählung wenden mögen, daß es dramatische u. epische Stoffe gebe usw.
Ohne die Bedeutung dieser Unterschiede leugnen zu wollen, meine ich doch, daß man den wahren Grund des Blühens der einen und des Verdorrens der andren Künste statt in hochästhetischen, u. geheimnisvoll gesellschaftsgesetzlichen Sphären, lieber in den gemeinen Tatsachen des gemeinen Lebens suchen soll. Wo mehr Möglichkeit ist innerlich zu wirken, dorthin strömen die stärkeren Kräfte. Der Roman ist aus der Kolportageerzählung, dem Familienblattdunst, in dem er von seiner Geburt bis ins 18. Jhrdt. befangen war herausgesprungen und hat neben diesem noch immer weiter blühenden Hauptgeschäft eine Filiale für geistige Bedürfnisse eröffnet, der es zur Belohnung solchen Mutes nicht schlecht geht. Das Drama hat aus sich das Kino, die Operette und das die Schaubühne beherrschende Direktorenstück geboren, ohne je den Mut zu der notwendigen Trennung zu finden.
Bühnenwirksamkeit
Die Presse leitet ihren Ursprung her vom Klatsch u. dem Bedürfnis nach übler Nachrede. In der Debatte über Einfachheit od. künstlerische Ausgestaltung des Bühnenbildes findet sich auf beiden Seiten der Irrtum, daß von den Bedingungen einer „Illusion“ gesprochen wird, welche durch die Aufführung eines Dramas hervorgerufen werden soll. Im Drama handelt es sich aber exakt betrachtet nicht um eine Illusion, sondern um ein „Gebilde“ dessen Struktur noch zu bestimmen ist. Das Bühnenbild hat aus diesem Grunde nicht zu einer Illusion sondern zu diesem Gebilde beizutragen. Dieses aber muß man aber wohl als eine bloße Variation dessen bestimmen, das auch beim Lesen entsteht. Das oberste Kriterium eines Theaterstückes ist nicht seine Bühnenwirksamkeit sondern seine Worte beim Lesen. Nur aus Hülflosigkeit borgt unsere Kritik von den Direktoren u Schauspielern. Gewöhnlich ist die Bühnenunwirksamkeit schon ein Fehler beim Lesen, es kommt allerdings noch etwas dazu, aber sozusagen sekundär. Und wo es nicht sekundär ist, erregt es vielleicht, schlägt aber nachher in fade Abspannung um. Die Grundeinstellung möchte ich aber so charakterisieren: ihre beiden Hauptfaktoren sind Klärung und Erregung. Klärung durch Anklingen u Aufzeigen weiterer Zusammenhänge (die Moral des Stücks) Erregung durch Pathos des Worts u. der Handlung. Ersteres verstehen wir besser von der normalen, letzteres von der Untersuchung der abnormalen Psyche her. Oder: Klärung, Ethos, Pathos – das sind Einteilungen nur so ungefähr vom praktischen Leben her. Klärung der (vorwiegend) intellektuelle Prozeß (in den aber die beiden andern hinübergreifen) Ethos sozusagen das Mitgefühl Pathos das Mitfühlen. Pathos das wirklich Abnorme, das von sich weggerissen werden, Ethos die temperierten Sympathie, Mitleids udgl. Gefühle, mehr die Abbreviaturen von Gefühlen als wirkliche Gefühle. – Fließende Übergänge, psychologisch ist der Unterschied vielleicht wie der zwischen Verstehen eines Gefühls u. Nacherleben, Miterleben. Nein, dazwischen, näher am bloßen Verstehen liegen diese farb- u saftlosen Erregungen, die häufig überhaupt Täuschungen sind. Man sagt: die arme Frau, associativ wurde dabei unmittelbar die Wortreaktion ausgelöst u die Gefühlsreaktion kam gar nicht zu Bewußtsein. Oder es springen ganz andere Komplexe anstelle der Leitung ein zum Beispiel bei Reaktion eines Konservativen, wenn über SM. geschimpft wird, man darf nicht glauben, daß diese Leute patriotisches Gefühl haben, sondern sie haben patriotische „Gesinnung“.
Dichter oder Schriftsteller
Wir verhimmeln den Funktionär, aber vernachlässigen die Funktion. Das ist die deutsche Literaturpflege. Wenn ich aufrichtig sagen soll, was mir im Leben wichtiger war: Göthe oder Taine, muß ich sagen Taine. Wir sind also tatsächlich schriftstellerischer, als wir zugeben. Dennoch ist der Typ, den Blei vorschlägt, nicht in Döblin oder mir realisiert, sondern in Peruz, Beermann usw. Es ist der Publizist. Publizist ist aber Mann ohne (mit schwacher) Synthese. Viele kleine Einfälle, Beobachtungen, interessante Urteile. Der Unterschied von ihm weist doch in Richtung „Weltanschauung“. Bisher unterschied ich dumme rasch fertige u wirkliche. Ganz richtig ist das auch nicht. „Eine“ Welt„anschauung“ haben, gehört noch in die Zeit der großen idealistischen Systeme. Ich habe im „Essayisten“ und „Theorein“ auch die experimentelle Weltanschauung propagiert. Döblin praktizierte sie. Ich habe aber statt dessen praktisch auf Einheitlichkeit gedrängt (Thomas, Anders). Irgend eine Oszillation! Bleis Kriterium des Dichters läuft statt dessen auf den Lyriker u Rhetor hinaus. Die Frage ist, den neuen Begriff des Dichter zu bestimmen. Im Dichtwerk kommen überdies die Oszillationen zu einem fiktiven, bildhaften, gestaltartigen Gleichgewicht. Nicht, daß es wahr wäre, was da gesagt wird, aber man kann keinen Stein vom Platz rücken, ohne daß das Ganze zusammenfällt. Eine Parousia, Parawirklichkeit. Es gibt dabei eine Dichtigkeit der Beziehungen – gleich dem Reichtum dieser Welt – die man als Kriterium verwenden kann. Aber es ist ein indirektes Kriterium. Gerade für dieses Kriterium ist aber das Gefühl heute verloren gegangen. (Symptom: Urgötz statt reifer Fassung) Zwei Grundkriterien: Bedeutender Mensch. Gefühlsordnung der Welt. Beides kennzeichnend: Man plant immer wieder und immer kommt es anders.
Charakterologie und Dichtung
Was ein Schriftsteller, der heute vierzig Jahre alt ist, am Beginn seiner Laufbahn vorfand: Die unverwüstliche antike Lehre von den Temperamenten. Zu Vorlesungsleder eingetrocknet; aber sie kann doch nicht so ganz schlecht gewesen sein. Dann eine wesentlich sittliche und philosophische (metaphysische) Auffassung des Charakterbegriffs. In der Hauptsache bestimmt durch Kant, Fichte, Hegel. Dann – nicht zu vergessen! – die Auswirkung dieser Auffassung durch die Einzeldisziplinen, die einen solchen Begriff zerteilen und auf hundert Wegen zuführen; zum Beispiel die Pädagogik und das Jus. Um eine Vorstellung von der Tragweite zu geben, will ich einige Beispiele anführen:
In der schönen Literatur: Die heroisch-bürgerliche Auffassung des Problems bei Schiller; einflußreich durch ihre Eindeutigkeit. Einflußreicher als der tiefere, aber nicht so eindeutige Goethe. Die Charaktere bei Shakespeare. Zu dieser Zeit schon amoralisch empfunden, als Formenreichtum; aber in der offiziellen Interpretation noch stark mit sittlichen Kategorien gefaßt. Die kauzigen Figuren des Romans. Namentlich des englischen Romans. Sie haben etwas von den Rollen des Theaters, die bis in die Vorantike zurückreichen. Hängt dort aber nicht etwa mit der erwähnten Charakterlehre zusammen, sondern stellen gewisse aufdringliche empirische Charaktertypen dar wie den bramabarsierenden Helden, das Schimpfmaul und dergleichen. Diese besitzen ihre eigene Entwicklung, die hier nicht verfolgt zu werden braucht. Das bekannte Endergebnis ist der jugendliche Held, der vornehme Vater, der Intrigant, die Salonschlange usw. Das sind Typen, verdichtete Erfahrungen, blaß gewordene Abstraktionen. Aber heute noch mit Gattungskräften geladen. Ihnen zur Seite stehen die Figuren des Kitschromans. Fast ebenso alt. Das Charakterologische aber auf ein Minimum reduziert. Vom Hellenismus an handelt es sich mehr um typische Schicksale als um typische Figuren. Die Naive, der Held, der Intrigant: aber selbst von ihnen ist kaum noch etwas übrig geblieben.
Dazu kam an neuen Einflüssen: Der Bruch mit der Rolle auf dem Theater. Ibsen. Der doppelbödige Charakter, – der Zwischencharakter. Entdeckung, daß das Leben nicht der einfachen Typologie entspricht. Die bösen, gebrochenen, schillernden Figuren des Romans. Beispiel Dostojewskij. Zugleich damit einsetzend eine Wandlung der Moral. Nietzsche und Schule. Psychoanalyse. Die schweren Angriffe gegen den Individualismus überhaupt, wie zum Beispiel durch den Marxismus. Psychologie. Moralische Wandlung als Movens. Soziologie. Die Führung übergeht auf die Wissenschaft. Es wird die Aufgabe berufener Vertreter sein, den Stand der Frage darzustellen. Ich will nur über das Verhältnis dieses Stands zur augenblicklichen Literatur ein paar Worte hinzufügen.
Sobald man anfängt, irgend ein Ding zu untersuchen, löst es sich in Relationen und Funktionen auf. So ist der naive Begriff des Dings den Wissenschaften ganz verloren gegangen. So kann auch der Charakter durch den Typus, durch die typologische Mischung verdrängt werden. Heute schon sagt man mir mit den paar Worten asthenischer, schizothymer Typus mehr als mit einer langen individuellen Beschreibung. Die heroische Phase des Individualismus ist vorbei, durchaus nicht der Individualismus selbst. Die Literatur wird um diese Abkürzungen nicht herumkommen. Die Wissenschaft nimmt ihr Terrain ab, die Psychoanalyse ist nur solange eine finster drohende und lockende Nachbarmacht für den Dichter als er wenig von ihr versteht und sie ein Durcheinander von wissenschaftlicher Genialität und Journalismus bildet. Sobald ein psychologisches Gebiet geklärt ist, wird es ebensowenig dichtbar sein wie eine umständliche Beschreibung der Wunder einer Elektrisiermaschine.
Der Vergleich mit dem Verhältnis zu den äußeren Wissenschaften führt aber weiter. Noch so umfassende Gleichungen elektrodynamischer Wirbelbewegungen ersetzen nicht die Beschreibung eines Gewitters. Ich meine, man soll das, was übrig bleibt, das Erlebnis nennen. Nicht im impressionistischen Sinn, der von Gesetzen der Erscheinungen nichts wissen will und sich aufs Gemüt beruft. Oder mit der überheblichen leeren Ichgeste von Hanns Heinz Ewers bis Bert Brecht. Auch die Kombinationen der Empfindungen zu Ichen sind typologisch. Mehr als die, die Herren Individualitäten denken. Dagegen ist das Individuum etwas absolut Einmaliges so wie nur irgendein in Serien erzeugter Schraubenbolzen. Ich kann das nicht mit einem Schlag ausdrücken! So wie es einmalig ist, daß ein Gewitter mich hindert, rechtzeitig irgendwohin zu kommen. Wenn das auch hundertfältig geschieht, das Typische eines Ereignisses hindert das Einmalige nicht; beides ist an ihm. Wir abstrahieren aus Millionen von Ereignissen hunderte von Gesetzen: umgekehrt geht das so wenig wie Schachspielen durch Permutation oder Wissenschaft durch Permutation des Alphabets. Das ist das Problem, man wird von mir nicht erwarten, daß ich in diesem engen Raum einen Beitrag zu seiner Lösung zu geben versuche. Wir können Tatsachen berechnen nach dem Schema: Wenn – so, aber wir können die Wenns nicht erschöpfen. Die Abkürzungsformel ‚Gott‘ gebraucht: Gott ist unberechenbar; Er ist launisch und unendlich. Oder mit anderen Worten die Psychologie, Charakterologie, Typologie, Soziologie führt zu einer Vorstellung der menschlichen Existenz im sehr unbekannten Universum. Aussagen über die Existenz des Menschen; ein heftig agierendes Wesen vor einem ungeheuren, sich langsam erhellenden Hintergrund: das ist das sich auf diesem Wege anbahnende Gefühl von den Aufgaben der neuen Dichtung.
Einige Schwierigkeiten der Dichtkunst
Sie (die Lage) wäre gar nicht lächerlich wenn, man einfach sagen wollte: Sie entsteht erst dadurch, daß man die Sache wichtig nimmt, dann sagt man: Das was uns so hahnebüchen, es muß etwas Großes sein. Man nennt dieses Etwas das Zeitgemäße und die Zeit. Man hat die Angewohnheit, die Kunst für unbeständig, aber dabei doch ewig zu halten. Darum muß das, was sie daran hindert, auch etwas Großes sein. Man nennt es das Zeitgemäße oder die Zeit. Nun ist die Zeit oder der Zeitgeist das Geheimnis. Die Wirkung ist vorzüglich und ungefähr die: Das ist der werdende Zeitgeist, sagt man dem Beschauer und augenblicklich verkneift er sich das Weinen. Der Kern der Schwierigkeit ist leider der, daß es Zeitgeist auch wirklich gibt. – Das kaum analysierbare Ganze: Nur ist man damit bei der allerersten Schwierigkeit wieder angelangt: Der Zeitgeist ändert sich ja viel langsamer als der Geist der Kunst.
Nun könnte man wohl zu alledem einfach sagen – ändere sich – brauche die Abwechselung – man müsse sich bald so, bald anders erregen, um das Leben nicht einschlafen zu lassen – und die Kunst sei aus diesen Gründen nicht geheimnisvoller als die Entwicklung der Bargetränke oder der Modehundrassen. Aber dem steht entgegen, und ist, wie man wohl schon bemerkt haben wird, der Ursprung aller Schwierigkeiten, daß man gleichzeitig … die Kunst müsse ewig sein.
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Man hat das behoben, indem man den Begriff der Generation erfand – ich dachte mir, es schadet nichts, wenn wir uns einmal klar machen, was wir an diesen Begriffen besitzen. Wenn ich nicht irre, … nicht alt. Was unterscheidet eine Generation von einer Schule? Dreierlei: Ihr Anspruch ist radikaler und durchgreifender. Sie ist nicht so einheitlich. Sie enthält das Element Väter und Söhne. Das war ein Zusammentreffen; man hat gedacht, es muß immer so sein. Der Expressionismus … Übrig geblieben nur: Vater und Sohn, gescheitert, weil man zuviel von ihm wollte. Wenn der Vater mit dem Sohne …. Man bemerkt nicht die Gedankenlosigkeit dieser Vorstellung, das physiologisch Unsinnige der Frage: Ist eine neue Generation da?
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Aber er hat leider nichts besseres verdrängt. In der guten alten Zeit folgte auf … die … Bis: (in einer kleinen Zeit werden keine großen Leute geboren) wäre ein ebensolches physiologisches Geheimnis wie daß Generationen geboren werden. Würde man aber nun die Kunst mit der Mode identifizieren, so stieße man auf die Schwierigkeit: Ewigkeit.
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Solcher Geheimnisse gibt es noch mehrere. Ich würde ja gerne einen Rat geben. Aber leider, wenn die Kunst Rat annimmt, wird sie mager. Laßt der Laune den Lauf. Aber vereinigt die Läufe. Der Glanz, die Wichtigkeit – da ist immer ein Superplus.
Das Grundgesetz der Kunst: sie macht es immer falsch. Sie macht es ewig falsch. Die nächste „Generation“ bemerkt das. Sie macht es nun anders falsch. So etwas kann schließlich eine Resultante, eine gemeinsame Zone ergeben. (Näherungen, Umschreibungen, alternierende Reihen.) Alle Schwierigkeiten kommen nur davon, daß man glaubt, daß man es richtig macht. Endgültig richtig macht.
Kunstkritiker gefragt – x mal gewechselt – wie das ist. Es war nie das Richtige. – Eigentlich eine wunderbare Antwort. Kunst ist das, was nie das Richtige ist. Wenn Kunst nie das richtige ist, dann ist es sehr begreiflich, daß man sie wechselt. Man hängt ihr etwas um, an, ein Teil – wider Willen zu einem Ganzen ergänzt, eine falsch ausgeführte Idee, von der man aber nur die falschen Ausführungen kennt.
Expressionismus als Fortsetzung des Impressionismus
Die Reaktion darauf, welche von den Historikern à la minute der Expressionismus genannt wurde, übernahm dann, so sehr sie sich im Gegensatz glaubte, durchaus diesen ganzen Glauben an die Zauberkräfte der unartikulierten Vitalität. Zu glauben, daß es genüge, wenn der Mensch gut sei, der unkritische Rigorismus moralischer Forderungen, das Evokative, die unangefochtene Überzeugung, daß die wesentlichsten Sätze mit einem Ausrufungszeichen zur Welt kommen – –: alles dieses setzt voraus, daß man an eine unmittelbar faßliche menschliche Kraft glaube, welche die Kraft der Menschlichkeit ist und gar nichts anderes war als zum Unterschied vom Volapük ein Esperanto der Seele. Der Glaube an die Fähigkeit des Geistes, sich unmittelbar zu manifestieren, hat die ‚Geisteskunst‘ auf dem Boden festgehalten, von dem sie sich erheben wollte.
Nur Literatur I
Zu den Worten, welche man als Schriftsteller immer wieder gerne hört, gehört die zeitgenössische Behauptung, irgend etwas Geschriebenes – sei es eine Landschaft, ein Schicksal, eine Überlegung oder der Angriff auf ein Dogma – sei ja „nur Literatur“.
Während frühere Zeiten bloß Worte wie wie Federfuchser, Kritikaster zur Abwehr bestimmter Auswüchse der Literatur hervorgebracht haben, sind heute die Worte Literat und Literatur zum Schimpfwort geworden. Nur Literatur bezeichnet so etwas wie Gespenster oder Mottenseelen, die die um künstliche Lichter flattern, während draußen der Tag scheint. Ungeachtet dieses „Nur“ macht man aber von der Literatur viel Aufhebens. Von den Dichtungen gehört nur der Dichter zu den geistigen Höhen des „Nur“. Das übrige zu den volkswirtschaftlichen und er darf sich schon bei Lebzeiten wie die Leiche jener winzigen Tiere vorkommen, welche die großen herrlichen Korallenfelsen bilden. Es gibt Tausende von Schriftstellern, Hunderte von Verlegern, Hunderttausende von Buchdruckern, Buchverkäufern, Buchbesprechern, Papiererzeugern, Millionen von Zeitungsnachrichten über Bücher usw., zu schweigen davon, daß die Bücher nicht nur zu den volkswirtschaftlichen, sondern auch zu den heiligsten Gütern der Nation gehören. Daß immer noch Geist daran hängt, ist ein Mißverhältnis! Dem übrigens schon erfolgreich durch Normung und Typisierung der Kunsterzeugnisse entgegen gearbeitet wird! Das ist ein wahrhaftig schreiendes Mißverhältnis, der tätige Mensch, welcher die Masse unseres Volkes ausmacht, fühlt sich durch diese Unruhe belästigt; es kann ihn gar nicht anders dünken als daß er sich da selbst Läuse in den Pelz gesetzt habe. Wer hätte ihn deshalb noch nicht kurz entschlossen erklären hören, daß er in Gerichtssaalberichten, Reisebeschreibungen, Biographien, politischen Reden, geschäftlichen Aussprachen, in den Erfahrungen am Krankenbette, auf Bergfahrten oder in der Fabrik mehr Poesie und Erschütterung findet als in der Poesie?! Es ist von da nicht mehr weit bis zu der Überzeugung, daß in dieser „raschlebigen und von großen Vorgängen erschütterten Zeit“ eigentlich nur das kleine Zeitungsentrefilet und noch das Feuilleton wirklich lebendige Kunst sei. Er versichert, das Leben sei das größte Gedicht, und verbindet damit zweifellos den Vorteil, daß er sich selbst zum Range eines Autorengenies erhebt. Aber es kann leider nicht gelingen; die sogenannten Romane und Gedichte der Wirklichkeit sind so wenig wirkliche Romane und Gedichte wie das Leben Philosophie oder ein physikalisches System ist.
Ich würde gerne wissen, wann diese Redensart „Nur Literatur“ eigentlich entstanden ist. Es scheint, daß sie auf den politischen Vormärz zurückweist, wo man die Deutschen mit den Künsten beschäftigen wollte, um sie von Staatsgeschäften abzulenken. Dazu stimmt es, daß man Kindern verbietet, zuviel zu lesen, weil sie dadurch eine ungesunde Phantasie oder kurzweg Phantasie bekommen statt wirkliche Menschen zu werden. Aber dies, daß etwas in der Kunst wichtig sei, weil es einen großen Gegenstand behandle (übrigens nicht ganz unrichtig, nur falsch verstanden) ist in der Literatur als Fehlschluß nicht so bekannt wie in der Malerei. Eine andre Erfahrung verdankte ich einem Generalstabsoffizier, der mit mir in die Schule gegangen war, ehe ich ihn im Krieg wieder traf; früher hatte er für Theaterstücke geschwärmt, jetzt ließ er Armeekorps auftreten, hob Kontributionen ein und legte Todesurteile zur Unterschrift vor. Er versicherte mir, dies sei nun doch viel mehr; man sah ihm an, daß er fühlte, jeder Federstrich sei nun gleichsam in einem großen ABC geschrieben, und er hatte recht, denn wie wenig Menschen wissen, daß schon das Spiel eines kleinen Mädchens mit der Puppe nicht bloß eine Vorübung der Mutterschaft ist, sondern etwas, das im Leben nie wiederkehren wird. Aber ich will nicht von der Phantasie sprechen. Endgültig faßte alle hieher gehörigen Erfahrungen einmal ein Professor zusammen, der in Konferenzen, an denen ich teilnahm, eine politische Partei vertrat. Ich – sagte er – kümmere mich nicht um das, was in irgend einer Zeitschrift über ein Buch geschrieben wird, ich lese nur die Zeitungen der großen politischen Parteien, weil hinter diesen Meinungen Macht steht. Da wisse er, daß er seine Aufmerksamkeit nicht verschwende.
Im übrigen hat jeder heute seine Partei und liest nur die Bestätigung seiner eigenen Ansichten. Die Wandervögel die der Wandervögel, die Psychoanalytiker die der Psychoanalytiker.
Wer aber universal ist, der weiß erst recht alles selbst.
Titelüberschriften.
Wo ein großer Betrieb ist, aber ohne Resultat, dort Überdruß.
Nur Literatur heißt letzten Endes keine Literatur.