Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 133

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Nur Literatur II

Ankündigung und Vorrede. Ich soll einmal im Monat, in zwei aufeinanderfolgenden dieser Hefte, hier Kritiken der schönen deutschen Literatur schreiben. Ich soll besprechen, was mir besprechenswert erscheint, und soll dabei, so gut ich es vermag, dem alten Gebäude der Hamburgischen Dramaturgie einen neuzeitlichen Flügel, eine Korrektionsanstalt anfügen, worin hauptsächlich Epiker untergebracht werden dürfen.

Ich tue es, aber ich sage gleich, daß ich nicht mehr davon verstehe als andere; also nichts. Andere sagen es nicht gleich. Das kommt davon, weil ich selbst Dichter und oft kritisiert worden bin; darum weiß ich es. Ich habe dieses Elend an mir selbst erfahren – vielleicht werde ich es vermehren – ich will jedenfalls drein reden.

Der Dichter ist ungeeignet zum Kritiker. Man behauptet: Wenn der Dichter Kritiker wird, verfolgt es seine Ziele unwillkürlich selbstsüchtig. Er ist ein affektives Geschöpf. Außerdem ist er immer sich selbst das Maß aller Dinge. Beides stimmt. Der Dichter ist deshalb zweifellos wenig geeignet zum objektiven Kunstrichter.

Aber was nützt es, daß die Dichter nicht Kritiker sein sollen, wenn die Kritiker Dichter sind.

Man betrachte jene Sonntagsbeilagen und Literaturseiten unserer Zeitungen, welche von den 20-50 Zeilen langen Buchbesprechungen so belebt aussehen: Da regt sich das, was schon zur Literatur gehört und noch vom Papa erhalten wird, und die Feuilletonredakteure, denen die Verleger wenig Geld zur Verfügung stellen, haben lange herausgefunden, daß es nicht nur das ehrenvollste ist, mit dem Fortschritt zu gehn, sondern auch das billigste. So wird der junge Literat bei uns, kaum daß er ausgekrochen ist, Kritiker und man kann behaupten, daß die deutsche Nation, welche wenig Gedichtbände kauft und Neulingen es schwer macht, aufs Theater zu kommen, fürchterlich dafür bestraft wird. Was später aus diesem Nachwuchs wird, ist weniger bestimmt. Man erfährt, daß einflußreiche Theaterkritiker, zu denen Unternehmer und Darsteller aufhorchen, Theaterstücke verfaßt haben oder Operettenlibretti, und selbstverständlich auch mit Erfolg gespielt worden sind, und zu den gefährlichsten Feuilletonredakteuren Deutschlands einige ständig aktive Dichter gehören, was man bloß nicht allgemein weiß. (Jeder ist Dichter. Keiner ist Leser. Der provinzielle, der Parteikritiker. Der ressentimentale. Der Jugendfreund. Der eingeladene Dichter. Es gibt Essayisten.)

Man ist vor dem Dichter deshalb nirgends sicher, wo geschrieben wird, und gebe es, um größeres Unheil zu vermeiden, lieber auf, sich gegen seine Parteilichkeit grundsätzlich zu verwahren. Es gibt einige ausgezeichnete Schriftsteller, Dichter, Essayisten, welche Feuilletonredakteuren sind und gelegentlich auch Kritiken schreiben. Von ihnen braucht nicht gesprochen zu werden.

Typen der Literaturaufseher. – Ich will einige davon vorläufig erwähnen.

1. Der Mann, der alles kann, also auch Literatur. Im gewesenen österreichischen und wahrscheinlich auch im deutschen Heer hat es die stolze Überlieferung gegeben, daß ein Leutnant alles können müsse; nicht nur kriegführen, sondern auch einen Tennisplatz anlegen, eine Brücke errichten, und wenn man ihm acht Mann beigab und verlangte, daß er einen Dom baue, so mußte er auch das treffen. Das ist nicht von Roda Roda, sondern Wirklichkeit, und es verliert jeden Schein von Humor, wenn man bedenkt, daß auch ein guter Journalist das können muß und – bloß die besten sind davon auszunehmen – jederzeit bereit ist, die Theaterkritik und den Kulturteil seines Blattes nebenbei zu übernehmen. Man findet ihn hauptsächlich in der Provinz. Er zeichnet sich der Literatur gegenüber häufig durch einen gewissen Beamtenstolz aus und legt seinen Entscheidungen (wenn er nicht einfach den Waschzettel des Verlags abdruckt) irgendein ästhetisches Reglement aus dem Jahre 1859 zugrunde, das uns Jüngeren unbekannt ist. Namentlich scheint er verschollene Kenntnisse darüber zu besitzen, wie ein Theaterstück oder eine Novelle regelrecht aufgebaut werden müssen. Er geht dann unmerklich in den Studienrat über, welcher für unser heimisches Blatt gelegentlich Besprechungen schreibt.

2. Man kann sich kaum eine ausreichende Vorstellung davon machen, wie wenig Deutschland eine Literatur hat und wie viele Literaturen. In der Vorgeneration sagte ein Mensch noch bescheiden: dieses Buch gefällt mir nicht; vielleicht auch: es ist unsittlich. Heute sagt der gleiche: dieses Buch ist nicht deutsch, oder er sagt: es ist bürgerlich, oder: der Autor ist ein Freimaurer (Judenknecht). – Nicht nur unser Zeitungswesen ist gespalten in völkisch, sozialistisch und christlich, sondern auch der Buchhandel und das Volksbildungswesen. Wir besitzen unzählige Lese-, Theater-, Verlagsgemeinden, Volksbildungs- und Kulturvereine, die dem Volk wie der Literatur von ungeheurem Nutzen sein könnten, wenn die meisten nicht ganz einseitig geleitet und beraten würden. Der Träger dieser Erscheinung – deren Wichtigkeit wünschen läßt, sie bei Gelegenheit genauer zu beschreiben – ist wie wir alle ein Mensch, dessen Geist einen Weg sucht, und wenn man bedenkt, wie schwer es ist, ihn im Sternenlicht der großen Literatur zu finden, wird man verstehn, welche Verlockung die Scheinwerfer eines Parteilagers bedeuten, wenn sie auch die Dinge einseitig beleuchten. So unerträglich manche Literaturwächter sind, ich bin dafür, die Schuld nicht bei ihnen, sondern bei der Literatur zu finden, welche nicht genug Anziehungs- und Richtkraft hat.

3. Der Mann in der vierten Jugend. – Menschen von einigem Alter haben vier Epochen der deutschen Lit. miterlebt. Als ihre Knabenzeit endete, gab es die an der guten Stube gedrehten Säulchen, an den Hauswänden kletterten gesimsetragende Damen mit Tunika und Ballonbusen herum und in der Literatur verkörperte sich die klassische Überlieferung in Heyse, das Neue in Julius Wolff oder Wildenbruch; es war eine schreckliche Zeit und ihr folgte eine gesunde Revolution. Die ältesten Leute erinnern sich mit Vergnügen an diesen Umsturz, welcher die heute sogenannte ältere Dichtergeneration emporbrachte, die impressionistische Malerei und das Kunstgewerbe und eine Menge von Wertungen ausprägte, die heute noch in Geltung stehn. Es zeigte sich freilich bald, daß das, was im Angriff als geschlossene Macht des Neuen erschienen war, nach durchgeführtem Sturm sich wieder in Einzelnes und Widerspruchsvolles auflöste, und wenn auch der erreichte Höhenunterschied im Großen bis heute festgehalten worden ist, so setzte doch um die Jahrhundertwende ein Abbröckelungs- und Abtragungsprozeß ein, der langsam, aber sicher einem neuen amerikanisierten und journalisierten Wildenbruchzeitalter zustrebt. Eine etwas gewaltsame Reaktion dagegen war die allgemein als Expressionismus bezeichnete geistige Bewegung, deren Grabredner und Bereuer heute an allen Ecken stehn, so daß wirklich nichts anderes festgestellt zu werden braucht als ein beträchtlicher allgemeiner Katzenjammer, jene désordre, welche nach der bekannten Kriegsweisheit unausbleiblich auf ordre und contreordre folgt. Hier steht der Mann mit der vierten Jugend auf seinem Platz.

Er hat erfahren, daß heftige Umwertungen stattgefunden haben, und fragt ungeduldig, wann kommt endlich wieder eine neue?! Er erinnert sich, wie peinlich in seiner Jugend die Rückständigkeit der alten Leute war, welche die neuen Bestrebungen unernst, übertrieben, häßlich, verrückt, sinnlos, widernatürlich, pervers gefunden haben und hat sich fest vorgenommen, nichts … zu finden. Es verlangt ihn ganz natürlich nach Betätigung dieses Vorsatzes an neuem Material. Er ist nicht selten ein bürgerlich gefestigter braver Mensch mit gutem Willen; aber gerade die bürgerliche Beziehungslosigkeit zur Kunst, die ihn ihm Innersten ausmacht, ermöglicht es seinem Willen zum wilden und vorurteilslosen Revolutionär zu werden. Dieser Mann ist der Herold neuer Bewegungen, die er herannahen sieht, wenn sie auch niemals ganz ankommen; er liebt die Kraft, die Jugend, das Neutönende mit der Glut einer unverheirateten Tante, die in den Jahren der Nervosität ist, entdeckt Herkules in den Windeln und bleibt ihm durch so viel Jahre treu, bis sich allgemein gezeigt hat, daß es ein Irrtum war. Dieser Mann in der Großstadtpresse, in literarischen Zeitschriften und auf Lehrkanzeln zu finden, ist sehr lieb und sehr gefährlich, weil er das Neue kompromittiert.

Das Dutzend Worte. Es ist vorläufig nichts wichtiger als an möglichst vielen Punkten anfangen, die „wunde Punkte“ sind, und sich nicht zu schmeicheln, daß man sie als einzelner ausmerzen könnte, ehe die allgemeine Aufmerksamkeit darauf gerichtet ist und das Problem durch gemeinsame Arbeit die richtige Herrichtung hat. In diesem Sinne den folgenden Herzenswunsch: Es möge eine deutsche Akademie, Stiftung, Universität oder wer immer einen Preis für die kritische Zusammenstellung und Ordnung der Begriffe und Vokabeln ausschreiben, mit denen die deutsche Kritik vom Jahre 1890 oder 1880 bis zum heutigen Tag operiert hat. Unterstützt durch eine nicht geringe, aber niemals geordnete Sammlung dieser Art – vermute ich, daß sich ein seltsames Vademecum für junge Kritiker ergeben wird. Es gibt nämlich jeweils einige Dutzend Worte, welche die Kritik anzuziehen scheinen wie der Strudel den Schiffer. Ungefähr alle zehn Jahre ist bisher diese Garnitur Worte gegen eine andere gewechselt worden. Um ein Beispiel zu geben, waren solche Worte um 1900 etwa morbid, dekadent, aristokratisch, große Individualität, psychologisch abgründig (tief) modern, um 1920 geistig, drangvoll chaotisch, kosmisch synthetisch, hirnlich (Hirnlichkeit), mathematisch, dynamisch, analytisch, intuitiv, wesenhaft, präzis, rasch, heiß. Man konnte nichts Höheres sagen, als einen Dichter so zu benennen. Genauer gesagt, seit 1920 gibt es neben diesem Dutzend noch einige andre und selbständige, das kernhaft Deutsche, a) alpenländisch b) westfälisch c) waterkantisch usw., das Heimatsinnige und das Progressiv-Berlinerische, usw, usw.

Das Gemeinsame eines solchen Wortbündels ist eine intellektuelle Stimmung. Sie zielen in eine Richtung, die sich deutlich herausfühlen läßt. Es ist gar keine Frage, daß diese Stimmung und Rrichtung nichts anderes dargestellt als die geistige Mode im Unterschied von der gestrigen oder wenn man die Angelegenheit sehr ernstnehmen will, den Unterschied zweier Epochen, das ist so natürlich, daß daran nichts auszusetzen bliebe, wenn es sich dabei um das erste kritische Sicheinschließen handeln würde, das mit der Zeit immer genauer wird. Aber es zeigt sich, daß, solang eine „Epoche“ anhält, die ihr zugehörigen Vokabeln in andauerndem Ungefähr sich wie ein streuender Schrotschuß aus der Büchse des Kritikers entladen. Will sagen, unser Geist und Leben sind nicht so vollendet, als daß der Modenwechsel, welcher sie bald von diesem, bald vom entgegengesetzten Ende anpackt, nicht Nutzen hätte. Aber man darf natürlich auch nicht glauben, daß etwa der analytische Hang … erledigt ist oder die Nietzsche-Folge durch den Leninismus. Ab- und Hinwenden hat leider andere Konsequenzen als Vernichten und Aufbaun. Hier fehlt nach der ersten, vorbereitenden, eine zweite Funktion und Tätigkeit, die eigentliche der Kritik. Man kann sich vielmehr in Deutschland des Eindrucks selten entschlagen, daß – nach glücklichem Fund des Dutzends Worte – diese das glückliche Leben von Gespenstern führen, welche ein- und ausfahren können wie sie wollen und in wen sie wollen.

Andere Gespenster. – Von ähnlicher Art sind die Seelen großer Abgeschiedener und ihrer Worte. Jeder, der die Welt des Schreibens und Schreibenmüssens kennt, weiß, daß sie voll von Begriffen und großen Worten ist, welche angewendet werden müssen, weil eine lange literarische Entwicklung sie uns hinterlassen hat, nicht nur die Skala von Werten – sondern auch die qualifizierenden der Mode und Tradition. Da gibt es am einfachsten| die Worte Genie, Seelenkünder, Meister der Darstellung, der Größte, der Beste, der Tiefste und sonst vielleicht noch ein gutes Hundert besonderer Beiwörter. Sie sind irgendeinmal auf Goethe oder Dostojewskij angewendet worden und haben nach deren Tod den Unterstand verloren. Oder sie sind von irgendeinem bedeutenden Menschen auf einen anderen bedeutenden Menschen geprägt worden und übrig geblieben. Menschen sterben, aber Ausdrücke beginnen schon wenige Tage nach ihrem Entstehn eine Besitzwanderung wie Geld, das immer schlechter wird. Schließlich liegen die Köpfe der Schreibenden voll von Beiwörtern großer Männer und großer Begeisterungen, und es hat wahre Not, sie an den Mann zu bringen. So kommt es wohl, was gleichfalls auffallen muß, wenn man sie mit der Erfahrung eines Sammlers betrachtet, daß die deutsche Kritik voll der herrlichsten Lobsprüche ist. Der Hermelin der Königsmäntel wird immer frisch zertrennt, umgenäht und weitergetragen. Auch sonst ist ja heute die begriffliche Kategorie allenthalben zuerst da und wird danach mit lebendigem Stoff ausgefüllt, weil geistige Beweglichkeit und Verkehr heute sehr groß sind, – aber besonders in der Literatur wird zu den Beiwörtern der Mann gesucht. Der Mann mit Shakespearscher Kraft, mit Goethescher Allgemeingültigkeit, Dostojewskijscher Insichtigkeit oder schlechtweg der große X. der abgründige Y. Und man kann mit einiger Sicherheit annehmen, daß solche Beiwörter immer an den Falschen verliehen werden.

Nur einen besondern Fall davon bildet der Superlativ. Man könnte der Meinung werden, daß uns nach ihr zu urteilen seit 50 Jahren gut jedes Jahr „endlich ein großer Dichter“ geboren worden oder ein „ganz großer Dichter“ geboren worden ist. Der Superlativ ist stets ein sicheres und trauriges Zeichen solcher Entwicklung.

Auch die Preise, so wir Deutschen für den besten Roman, den bedeutendsten Dichter verleihn, gehören daher.

Man sollte meinen, es steckt eine große Sehnsucht darin. Vielleicht ist es aber nur eine veräußerlichte Protzerei. Jedenfalls ist die Folge, daß der Sinn solcher Urteile selten über das elementar-ästhetische Das gefällt mir oder nicht hinausreicht.

Erste Bestimmung der Kritik. Wenn man aber auch fühlt, daß nach der ersten ungefähr sich äußernden Funktion und Tätigkeit der Kritik eine notwendige zweite fehle, statt deren sich bloß die erste ausbreitend wiederholt, so fragt sich doch, ob diese überhaupt möglich ist. Viele verneinen es. Unser Zeitalter hat von einer Vorgeneration den Schreck vor der ästhetischen Regelatrie davongetragen, mit der man im Angesicht klassischer Gipsbüsten die Kunst maßregeln gewollt. Der Impressionismus verließ sich auf den Saft, vermeinte, daß die Kunst irgendeinen, physiologisch nicht ganz klaren, Weg unmittelbar ins Herz finde. Der Neo-Idealismus und der Expressionismus operierten mit irgendeiner nicht weniger unmittelbaren „Anschauung“ von Gedanken, welche sich nicht ganz mit der Nachdenklichkeit deckt, auf welche es hier ankommt. Sogar die Ästhetik selbst, von einigen bedeutenden Köpfen erneuert, leugnet heute ihre eigene Anwendbarkeit auf die Praxis; dieses gebrannte Kind will nicht mehr normativ sein.

Unter solchen Umständen ist die Lage der Kritik einigermaßen sonderbar. Die Gelehrten erklären sie im Grunde für unmöglich. Die Künstler behaupten gewöhnlich, daß sie ein Unfug sei. Und von den Kritikern selbst hat meines Wissens seit Generationen keiner die Grundlagen seines Gewerbes untersucht und zur öffentlichen Diskussion gestellt. Anderseits würden auch jene, welche ihn fordern, einen Zustand ohne Kritik als einen unerträglichen Unsinn empfinden.

Sehen wir davon ab, daß die Kritik sein will und nehmen wir an, sie sei nur ein Ordnungsprozeß.

Vor ihr steht das Kunstwerk und ist in seinem besten Sinn etwas Ordnungswidriges, Einzigartiges und so unendlich wie der lebende Organismus, der sich nicht aus Einzelheiten rekonstruieren läßt. Man braucht sich nur an ein schönes Gedicht zu erinnern und weiß sogleich wieder, daß alle Erklärungsversuche von einer gewissen Grenze ab ohnmächtig sind. Die Kunst, vornehmlich nach jener Seite, die wir die Form nennen, ist irrational.

Dennoch unterscheidet sich ein gotisches Gedicht von einem der Biedermeierzeit und Klassik als Gattung und zwischen Gilm und Hebbel besteht eine Gemeinsamkeit, jener Zwerg und dieser Riese werden einander ähnlich, wenn sie Gedichte machen.

Man nennt das bekanntlich den Zeitstil, die Schule, Epoche oder mit ähnlichen Namen (und aus dieser Entdeckung der Literaturforschung, welche so alt ist, daß sie selbstverständlich erscheint, ist die unglückselige Epochenschnüffelei bei unserer Vulgärästhetik entstanden). Aber wenn es im Unvergleichlichen diese eine Gemeinsamkeit gibt, weshalb nicht eine andere?

Schon im Zeitstil steckt nicht nur das (nach Art einer Mimik von einem auf den anderen übertragene) Element der Form, sondern es sind mit diesem eine Menge typischer Empfindungen, Reflexionen, geistiger Haltungen verschmolzen. Sie sind persönlich, die Persönlichkeit ist zeitgebunden: aber es läßt sich doch nicht leugnen, daß das also Abgegrenzte auch Teil einer überpersönlichen und überzeitlichen Linie ist. Das Ethos eines chinesischen Gedichts, tausend Jahre vor Christus, ist keine Angelegenheit einer versunkenen Zeit, sondern immer noch unsere eigene. Das uralte Gedicht eines irischen Mönchs an Crinog, seine kleine Seelengeliebte, lebt heute noch – nicht so wie damals, aber wie ein eingesunkenes Feuer, das jeden Augenblick aufflammen kann. Wenn Kritik Ordnung ist, dann braucht sie auch nicht nur geschichtliche, nicht einmal bloß geistesgeschichtliche zu sein, denn sie ist weder Wissenschaft, noch historisch, sondern sie kann Ordnung lebendiger Werte bedeuten, Arbeit am Menschen. Wilhelm Dilthey hat so das Wesen des Dichters bestimmt, indem er ihn in eine Reihe rückte mit den Religionsgründern und -veränderern, Kritik ist die dazugehörige begriffliche Theologie. Und zugleich, dies nicht zu vergessen, die streitbare Theologie. (Kritik ist die ecclesia militans. Kritik ist Literatur.)

Leugnen wir, daß es irgendwelche Gesetze gibt, welche dem Kritiker gestatten, besser zu wissen, was dem Dichter frommt, als dieser es weiß; aber leugnen wir nicht, daß selbst das spezifischst Ästhetische, das reinst Formale, aus Gnade Fließende, wie irgendein Stocken des Atems in einem Gedicht, wie das schwer beschreibliche Zwischen den Zeilen Schreiben Flauberts zumindest so verständlich ist wie eine Gebärde, die man zum erstenmal sieht, deren Reiz man zunächst erliegt, ohne sie überhaupt zu verstehen, die aber allmählig immer deutlicher wird, um schließlich so deutlich wie ein Wort zu werden. (Die, nebenbei bemerkt, auch immer zur Hälfte undeutlich sind.)

Eine Dichtung, nicht anders anzuschaun wie einen Menschen; sich auf die Worte eine Antwort geben und auf die Gebärde, bewußt, daß man ihn niemals bis ins letzte versteht, ja auch nicht gegenwärtig hat; dennoch keineswegs darauf verzichten, daß …

Die Literatur der Zukunft

So schwer man sich vorstellen kann, wie die Welt in fünfhundert Jahren aussehen wird, so schwer scheint es zu sein, den Zustand der Literatur auch nur fünfzig Jahre vorauszusagen. Aber es scheint zehn Mal schwerer zu sein. Denn man kann es auch nicht auf fünfzig Jahre. Schon wenn heute ein Stück wieder gespielt wird, daß vor zwanzig Jahren einen großen Erfolg hatte, berichten die meisten Kritiker mürrisch und sogar wegen ihrer Kollegen von einst etwas verlegen und in den gleichen Zeitungen, wo einst das unvergleichliche Erlebnis gepriesen wurde, daß es einen seltsam verstaubten Eindruck mache und wie unwichtig heute das meiste erscheine, wovon man damals glaubte, daß die Welt darauf gewartet habe. (Da die Literatur bekanntlich nicht mehr interessiert, muß es interessant sein, über etwas zu schreiben, das nicht mehr interessiert. – Ich werde das jetzt öfters tun. Paläoliteraturologie.)

Solch ein Eingeständnis müßte eigentlich peinlich sein, aber es gibt viele tröstliche Parallelen. Man braucht sich ja vielleicht nur an eine Jugendliebe erinnern; wenn man im späteren Leben für alle Superlative gutstehen müßte, die man im Lauf der Zeit empfunden und geglaubt hat, so könnte man sich wie ein Narr vorkommen, aber man zieht es bekanntlich vor, nachsichtig zu behaupten, töricht sei es gewesen, aber doch (doch! doch!) schön! So sagt auch der Kritiker. Er bemerkt Staub und Rost, begreift seinen eigenen Enthusiasmus nicht recht, aber er wäre nicht der Narziß, der wir alle sind, wenn er nicht fühlen würde: mag ich auch Blech für Gold gehalten haben, was ich dahinter meinte, war eben Gold! So laufen heute hunderte von unbeschädigten Urkunden des Expressionismus mit dem Gefühl umher, daß man ihnen das Gold vorenthalten habe; ja, es gibt Veteranen der Kritik, welche vier-fünf Mal jung waren, ohne an diesem Widerspruch zu leiden. Außerdem weiß jedermann, der die deutschen Sprichwörter kennt, daß man vor Tisch anders spricht als nach Tisch und daß jedes Ding seine Zeit hat. Selten wird Parsifal im Variete gespielt oder ein Schlager bei einem Begräbnis.

Dann liegt eine andere Parallele im Betrachten alter Modebilder. Warum hat man diese lächerlichen Verkleidungen so entzückend gefunden? Warum wird man nicht klug und findet die gegenwärtigen ebenso entzückend? Das ist eben die Mode. Man weiß nicht, was die Mode ist. Sie ist lächerlich, sagt man. Und tyrannisch, sagt man. Und irgendwie etwas unheimlich, denn sonst würde man diese Mischung von Lächerlichkeit und Anmaßung nicht so ertragen. Aber in der Literatur geben wir doch gar nicht zu, daß es sich um Rocklängen und Hosenschnitt handelt. Das ist ein großer Fehler. (Man weiß nicht, was die Mode ist, man weiß nicht, was die Liebe ist, man weiß nicht, was die Kunst ist.)

Aber wir können uns ja wirklich nicht vorstellen, daß etwa Sternheim „1813“ schrieb, ein Herr war, der in der Postkutsche reiste, leicht weinte und seine Freunde an den Busen drückte. Ich gehe auch jede Wette ein, daß ein Universitätsprofessor, der Platon für den größten Geist der Menschheit erklärt, doch irgendwo eine Reserve hat und daß diese nirgends anders sitzt als in seinen Kleidern, denn kein lebender Mensch vermag sich ohne Vorbehalt vorzustellen, daß man in Sandalen und Wickelkleidern so ernst wie in gebügelten langen Hosen genommen werden kann.

Leitlinie? (naiv): Wirklich, warum schreibt man nicht in Goethe? (oder Wolfram?) – daß man wechselt, ist zu begreifen. Aber weshalb integriert man nicht? Nun ist die Sache doch ganz offenbar die, daß man künstlerische Leistungen nicht integrieren kann. Sie haften an der Person und mit dieser an der Zeit. Das Philosophische läßt sich restituieren, gewisse Gefühle bleiben sich gleich, aber alle die Gefühle, die auch heute zwischen zwei Menschen kaum die gleichen sind, die im Ausdruck des Ganzen Menschen sind, ändern sich.

1. Man kann sich nicht vorstellen … Man kann nicht begreifen …

2. Man hat zu allem Unangenehmen ein Wort, das es gut macht. Zeitgemäß heißt es hier. Bubi ist doch schon ein großer Mann, sagt die Mutter zu dem Kind, das sich das Knie angeschlagen hat. So betrachtet man zum Beispiel alte Modebilder. Das ist eben die Mode. Man weiß nicht, was das ist. Ein fremdes Wort. Aber man kann sich nicht vorstellen, daß Sternheim … Man dürfte auch wetten, daß ein Gymnasial-Professor … Diese sitzt nirgends anders als in den Kleidern und er sagt dann, Bert Brecht ist uns eben doch näher als Platon.

3. Da man nicht weiß, was die der Zeit ist, ist zeitgemäß recht vielsagend. Aber hinterdrein hat man doch noch ein paar Anhaltspunkte. Zum Beispiel den Begriff, daß auf eine klassische Periode immer ihre Epigonen folgen. Das war in der Literatur etwa bis 1890 üblich. Es war das einzige, was man vor Augen sah. Da waren am Horizont die hohen Berge von Weimar und von da lief ein immer flacher werdendes Hügelgelände bis in die Gegenwart. Es schien evident zu sein. Mit Kleinigkeiten wie Büchner, Hebbel, Grillparzer, Jean Paul hielt man sich nicht auf. Mögen sie beiseite bleiben, aber warum folgen eigentlich immer Epigonen auf Klassiker? Ist das denn ein Gesetz? Und von welcher Natur wäre denn dieses Gesetz? Ganz naiv gefragt; daß die großen Leute ihre immer kleineren Nachfolger haben, das ist begreiflich; aber das sind eigentlich gar nicht die Nachkommen der Großen, sondern die Nachkommen der Mitläufer der großen Leute. Wie ist es zu verstehn, daß, wenn einer einmal etwas gut gemacht hat, es die Späteren wieder schlechter machen? Und unbegreiflich ist es, wo in solchen Zeiten die neuen Großen bleiben, die, welche keine Nachläufer sind? Warum werden sie nicht geboren?

4. Wo bleiben die großen Leute in einer kleinen Zeit? Werden sie wirklich nicht geboren? Das wäre ein außerordentliches Geheimnis! Es gibt allerdings jemand, der behauptet hat, daß alles Neue in der Natur sprunghaft und unbegreiflich auftritt. So daß neben dem Faktor der stetigen Entwicklung noch ein springender vorhanden wäre. Es hätte also etwas für sich. Es darf nicht verabsäumt werden. Aber wissen wir denn, daß es in einer kleinen Zeit keine großen Leute gibt? Vielleicht kommen sie bloß nicht zur Wirkung? Nicht zur Vollendung? Vielleicht gründen sie Warenhäuser statt Literaturrichtungen? Vielleicht gibt es überhaupt keine großen Menschen, rastlos, fertig bei Geburt lieferbar durch Storch & Co, sondern nur emporgehobene, begünstigte Menschen? So daß Genie nicht nur eine persönliche, sondern eine Zeiteigenschaft wäre, wobei es durchaus nicht geniale Zeitläufte sein müssen, die Genies erzeugen? Der Begriff des großen Menschen – der zweifellos existent ist – wird erst durch die Schmiede der Kollektivität gehn müssen. Ich nehme an, daß sie geboren werden, aber nicht zur Wirkung kommen.

5. Aber unsere Litgeschichte enthält anscheinend mehrere solche Geheimnisse. Denn da werden ja auch Generationen geboren. Ich glaube nicht, daß dieser, heute so geläufige Begriff alt ist. Ich denke mir, man hat früher eine „Schule“ gebildet und in Deutschland trat zum erstenmal vor ungefähr 40 Jahren eine „Generation“ auf. Es war die des Naturalismus, die „Moderne“, das „Fin de siècle“ des Impressionismus, usw. Es muß unendlich schwer sein, eine solche Erscheinung zu erklären, die wohl eine Reaktion auf das schon ganz verdünnte Epigonentum war, aber von unzähligen Umständen zusammengefaßt, begünstigt, mit Kraft geladen wurde. Da sie ohne innere Einheit war und zwar viele wichtige Wirkungen, aber keine Überlieferung hinterließ, konnte man das wirklich eine Generation nennen. Ihre Träger sind heute um 60 Jahre alt, und das plötzlich Gekommene ist auch plötzlich wieder abgerissen.

6. Der Versuch, die nächste Bewegung, den Expressionismus, als eine „Generation“ auszugeben, hatte bekanntlich nicht den gleichen Erfolg. Seit dem Krieg sieht man sich nur nach der Nachkriegsgeneration um. Es gibt auch jetzt einige Schriftsteller, die sich gern als Spitzenkandidaten, Vorbilder, Führer dafür aufspielen möchten. Es liegt eine unglaubliche Gedankenlosigkeit in dieser Vorstellung, daß sich Schriftstellergenerationen entwickeln wie die Bakterienstämme auf dem Nährboden!

Aber hinwider ist es natürlich auch eine berechtigte Neugierde, daß man glaubt, diese jungen Leute, welche zwischen Kohle- und Brotkasten aufgewachsen sind und ihre Mannbarkeit in der Schiebezeit gefeiert haben, diese Hunger-, Verdruß- und Negertanzgeneration könnte die Welt in einer neuen Weise anpacken. Es ist ein offenes Geheimnis in den Kreisen der Literatur, daß es diese Generation nicht gibt, sondern brave junge Leute, die auf die ältesten Vorbilder zurückgreifen. Das sagt nicht, daß darunter nicht ein halbes Dutzend Talente stecken mag, die man jetzt noch nicht sieht. Aber auf die Hoffnung unbefriedigter Kritiker, welche gern wieder eine neue Generation entdeckt hätten – weil das so bequem und effektvoll ist – hat es Schnee geschneit.

7. Da der Begriff der ‚Generation‘ auch sozusagen physiologisch unsinnig ist – praktisch, außer dem Bluff richtet sich natürlich kein Mensch nach Epochen und Generationen – haben wir also so gut wie keine Begriffe, um dieses Schwenken der literarischen Entwicklung zu verstehn oder das persönlich und das gruppenmäßig Bedingte zu trennen.

Es gibt kleine und es gibt große Wellen.

Zusammengefaßt:

Große Beispiele – Deviennent des obstacles … Epigonentum. Abwechslungsbedürfnis – das in Gegenschwingungen verläuft: Weil keine Lösung definitiv ist. Zwischen beiden: Mode. (Das modische Element) Multiple Begünstigungen und Hemmungen. Das gibt die kleinen Wellen. Unter diesen finden aber auch die großen Veränderungen statt. Ich hoffe, man sieht ein, wie schwer es ist, unter diesen Umständen Literatur zu machen.

8. Der Sozialismus hat unsere Aufmerksamkeit eingestellt auf die Abhängigkeit geistiger Erscheinungen von Wirtschaftsbedingungen. Das heißt wohl nur mit anderen Worten: die Zeit selbst ändert sich. Solcher Bedingungen gibt es viele andere. Das geistige Fluidum einer Zeit ändert sich.

9. Die für die Literatur wichtigste Veränderung ist wohl die Rationalisierung des Daseins. (Loslösung von der Bedeutung der Alten. Von der humanistischen, nicht von der bürgerlichen Bildung. Das ist ein Prozeß, der wirklich ungefähr mit der Klassik einsetzt, und soweit man ihm vertraut, kann man auch prophezeien. Es ist ungefähr seit dem Krieg, daß er in der Literatur sichtbar zu werden anfängt. Anstelle des Bildungsideals tritt das der Unterhaltung. Das Bildungsideal geht nicht mehr mit, welkt ab. Es gibt aber auch kunstmäßig aufgemachte Unterhaltung.

Man sagt, es sei schön, nicht zu wissen, was man tut. Vielleicht heißt deshalb die Literatur die schöne Literatur. Ihr Reiz ist viel größer als der des Lebens, denn …

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
10 haziran 2026
Hacim:
5257 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9782377871742
Telif hakkı:
Bookwire
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