Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 134

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L’art pour l’art

1. Am untersten durch.

2. Geständnis. Immer Vorliebe. Man macht Mathematik nicht für die Physik, Physik nicht für den Brücken- und Maschbau. Warum darf man gerade Kunst nicht um ihrer selbst willen machen? (Kann man es aber machen?)

3. Jedes Schlieferl schimpft auf den elfenbeinernen Turm. Ich glaube man verwechselt mit Ästhetik.

4. Der Ästhet schwärmt nur für das Schöne. Stimmungsvolle. Amoralische. Je nachdem. Er schwebt. Er ist immer ein Schwätzer. Es ist zuzugeben, daß der Grundsatz L’art pour l’art das Geschwätz, das schöngeistige Gerede begünstigt.

5. Was dem Schönschwätzer fehlt, ist der Boden der Wirklichkeit. Die ehrliche Arbeit. Man hat das auf die Kunst ausgedehnt. Sie ist künstlich. Lebensfern. Weiß nichts von der menschlichen Natur (Christen). Von den wahren Geschehnissen (Sozialismus). Von der Kraft des Daseins (Genies in eigener Sache). In einem Rennfahrer, Gerichtssaalbericht, am Krankenbett ist mehr Genie …

6. Das ist natürlich selbst wieder Literatur. Es hat sich eine Kontermine des Geschwätzes gebildet. Es ist eine besondere Stimmung. Eine Moral. Schönheit. Ein Ästhetentum.

7. Es ist zugleich ein großer Irrtum dabei: Das Leben ist der größte Roman (früher sagte man: die Geschichte) Da allerlei Leute ihn wiederholen, soll einmal sehr einfach erinnert werden: das Leben ist überhaupt kein Roman. Zweitens wäre erst zu sagen: Gott sei Dank, aber auch leider.

8. Kunst ist ein seelisches Gebilde; eine Bedeutung, ein Sinn. Und ein Erlebnis. Die zwei Seiten lassen sich nicht ganz trennen und nicht ganz für einander setzen. Das Erlebnis erliegt der Lust und Mode. Die Bedeutung ist ein Baustein.

9. Wenn man Erlebnisse um ihrer selbst willen … ist man ein Lebenskünstler. Bedeutungen um ihrer selbst willen – das liegt als eins der besten … in der Menschennatur. Um ihretwillen macht man Kunst um: der Kunst willen.

10. Ich habe neulich den Vorwurf gehört, daß die Kunst in der Luft schwebe. Sie solle sich an die Industrie anschließen!

Zu 8. Die Bedeutung ist oft nur etwas Einmaliges, eben ein Gebilde; aber doch bezogen auf Oftmaliges. Die Gestalt einer Musik, die augenblicklich verklingen wird, ist doch eine besondere unter allen Gestalten der Erde. Sie ist vielleicht nur Erlebnis, aber wenn sie vorbei ist, bleibt ein Minuszeichen, und eine Kerbe an allen festen Gestalten. (Übrigens ist auch nur das ein Erlebnis.) Was man Strenge der Form nennt, ist Genauigkeit des Ausdrucks, eine angestrengte Bemühung. Von dieser Kunst konnte das Leben lernen. Ich will damit nicht behaupten, daß die Kunst nicht vom Leben zu lernen hat.

Nachtrag zu einem Vortrag von Alfred Kerr

Alfred Kerr über Lessing = Lessing unter Alfred Kerr; die Notwendigkeit ist fast mathematisch. Kerr sagte allerdings: historisch. Verdienst des Zeitwandels, welcher, eine doch und im ganzen aufsteigende Linie, den Kritiker mithebt.

Das mit dem Aufsteigen war auch Lessings Überzeugung. Es blieb also eigentlich nur zu sagen, worin das Aufgestiegensein besteht. Kein lebenskundiger Mensch kann darauf eine andre Antwort erwarten als: in Kerr Ein Schelm … der mehr gibt als er hat! Er hat sich indirekt in den vielen Bänden seiner Kritiken beschrieben, und ich will versuchen, das Bild aus dem Gedächtnis nachzuzeichnen. Der Vortrag, den er in Wien hielt, schien mir kaum Wesentliches beizutragen. Es war ein sehr gescheiter Barnum & Bailey Vortrag: hier seht ihr Alfred Kerr, den größten Kannibalen (Anthropoetaphagen) aus Berlin West von einer Seite, wo er auch niedlich sein kann. Er hatte wohl an die Stadt Arthur Schnitzlers gedacht. Und vergaß, daß er sich in der Stadt Karl Krausens befand, der das Messer wetzt, wenn ein andrer Ich sagt.

Kerr hat unter seinen Büchern mehrere Bände mit Gedichten und tellurischen Reiseblättern (Motto: Aus dem Dunkel ins Dunkel; dazwischen: verweile Augenblick …), von denen viele, nach 1500 Jahren philologisch ausgegraben, das Aroma unsrer Epoche köstlich ausströmen würden. Er ist also Inseiter und dem Rang nach im innersten Ring. Das unterschied ihn durch Jahrzehnte von der übrigen deutschen Kritik, welche nie Dinge, worüber sie schreibt, im eigenen Hirn wachsen gefühlt hat, sondern sie etwa kennt wie eine amerikanische Reisegesellschaft China. Daß er sah, wo die andern die Ränder ihrer Seminarbrillen mit den Konturen des Werks verwechselten, geschah, weil er ein Dichter-Kritiker war.

Dem muß man aber sofort einiges beifügen. Erstens gibt es seither ja viele wenigstens gelegentlich kritisierende Dichter, und die Mehrzahl davon erinnert an zu Kinderfrauen ausgediente alte Ammen, die einen riesigen Busen haben, um das, was sie lieben, daran zu drücken, aber wenig erzieherische Vernunft. Man könnte gewiß auch sagen, daß diese Leute ihre kritischen Fähigkeiten ebensosehr als Dichter vermissen lassen wie als Kritiker, aber man kommt ohne solche Komplikation gerader vorwärts, und frägt besser, was das eigentlich sei, das zur Begabung des Dichters als eine eigne kritische Fähigkeit hinzukommen müsse. Objektive Giltigkeit der Wertung läßt Kerr nicht zu; wie ich glaube, nicht ganz mit Recht, aber vielleicht läßt sich das Wesen des Kritikers auch rein im Bereich der Subjektivitäten kennzeichnen: etwa als die Fähigkeit, den vielfältigen Eindrücken das Rückgrat herauszuziehn, die ideelle Axe des Werks; es ist ein Neuaufbau des Werks aus Wesens- und oft auch nur aus seinen Unwesenselementen um seinen zentralen Axeneindruck (ein geistiges Porträt des Werks, oft seine Karrikatur, in Hauptstrichen, die nicht nur solche des Werks, sondern auch des Lebens der Menschenwelt sind). Über diese Fähigkeit verfügt Kerr innerhalb einer gewissen Breite blitzschnell und totsicher.

Man darf wegen dieser künstlerischen Leistung nicht übersehn, daß sein Urteil von einem philologisch sehr geschulten Wissen getragen wird. Ebenso ist seine Sprache zweifellos die bizarrste Prosa unter uns Deutschen; ihr Wesen ist der Kreis, die Linie, welche bei kleinstem Umfang den größten Inhalt umspannt, aber diese Kreisform sieht bei ihm manchmal aus, als sei sie von Klee gezeichnet, so scheinbar kraus schieben stoßen und heben sich zuweilen ihre Worte, daß auch kluge Beobachter – zumalen wenn sie der norddeutschen Elemente darin nicht gewohnt waren – das schon für Manie gehalten haben: dennoch ist es nicht nur die bizarrste und in ihrem Begriffskreis knappeste Prosa, sondern gleichzeitig eine durchaus auf den Stein der Sprache gebaute; man kann es aus den vielen unbewußten oder auch den scherzhaften Nachahmungen ersehn, die sie erfuhr, Satzbau und Wortschatz ist rasch gestohlen, aber diesen Bogen des Odysseus auch spannen konnte noch keiner der Freier. Der Anspruch, Dichter zu sein, und als Kritiker eine neue Form dieses, der Ver-dichter von Dichtung, der scheint also fest gegründet, nicht so ohne weiters die zuweilen daraus gezogene Folgerung, deshalb eine Art Überdichter zu sein; der Schluß post hoc ergo super hoc ist nur der Naivität erlaubt.

Man stößt hier auf die Dschingis-Khan-Gebärde, Geißel der Dichter zu sein, die Kerr nicht selten veröffentlicht; er reitet dann auf dem Dichter herum und schreit: Hopp, hopp, mein Pferdchen, sieh wie ich dich peitsche und tänzeln mache, scheinlebendiges Roßwürstel. Mißtrauische und Getroffene behaupten, dies sei eher eine Dschingis-Kohn-Gebärde, Reklame, Journalismus, Berliner Aufmachung. So einfach liegt die Sache indessen nicht. Die Dichtung hat schon manchen ungebärdigen Sohn gehabt, der aus gekränkter Liebe zum Verräter an ihr wurde, und die nicht immer einwandfreien Dessous der Mama vor dem Volke ausstellte. Allein stets läßt sich da die Kränkung, das Ressentiment, ein gewisser neurasthenischer Komplex durchfühlen, während Kerr vollkommen heiter und gesund ist. Es ist ja möglich, daß auch bei ihm irgendwo der schwache Punkt steckt. Sein Standpunkt gegenüber der Dramatik ist: das kann ich auch; es ist nachgewiesen bei – der Lyrik und kleingerahmten Epik. Es ist trotzdem wahrscheinlich, daß er es viel besser kann. Aber vielleicht fehlt ihm – mit eines Dichters Wort gesagt – jenes kleine Quantum Dummheit … (Schwärmer)

Sieht man seine Kritik in diesem Sinn als eine pervertierte Dichtung an, so ist aber sofort eine neue Ausnahme festzustellen. Seine Angriffe gegen die Dichtung (der Angriff, der sein Gesamtes in einer Seite ist) sind nicht Ausfluß einer Persönlichkeit, eines Temperaments, eines Privaterlebnisses, wie fast alle Satiren, sondern Ergebnis einer Sache. Er treibt nicht Medisance, sondern er deckt auf; er „formt“ nicht, sondern er entdeckt. Dieser Grundzug würde seinen Widerspruch erregen, der den Kritiker in die Form setzt; ich nehme das Plausible an, daß er sich von dieser Seite nicht kennt. Er ist aber gerade darin eine Gestalt seiner Zeit, die er liebt.

Das Anti-Poetische, Anti-Klimbimliche unsrer Entwicklung. Hievon ging auf mich die stärkste Wirkung aus; ein Desillusionär.

Er sieht also die Dinge, wie sie sind. Nietzsche nennt das undichterisch. Darüber ließe sich streiten. Aber Nietzsche denkt wohl an den Forschertyp und von diesem hat sich inzwischen eine neue Abspaltung vollzogen. Der Tatsachenmensch ist nicht nur der mit allen geistigen Konvergenzmitteln ins Gesetzmäßige, oft Kleine arbeitende Forscher mit Tatsachensinn, sondern auch der Matter-of-facts-Mensch, der Cecil Rhodes mit seinen Abstufungen bis zum Warenhausbesitzer hinab. In diese Gruppe würde ich Kerr einreihen. Er fragt häufiger: was kostet diese Sache, als welches Gesetz hat sie? (Zitat aus Tausch) Von da zu Impressionismus, den er ablehnt, mit dem er aber das Punktuelle der Wertung gemeinsam hat und das Grundgefühl. Von da zu Gerhard Hauptmann.

Das Gute in der Literatur

Als 20jähriger habe ich in ein Notizheft geschrieben: Man muß die Ethik von der Moral loslösen.Gutsein, in der Farbe der Moral, ist wie eine Häuser- oder Zimmertünche, leer, nichtssagend, bei der Berührung eigentümlich schauern machend. Es ist Farbe in großen Töpfen angemischt und von der Hand talentloser Menschen auf großen Flächen verstrichen. Gut, nicht zu moralischem Gebrauch angerührt, gleicht einer Farbe von tiefer Glut, schmelzender Zärtlichkeit und einem schlechthin überirdischen Schimmer.

Von diesen zweierlei Arten von Gutsein hat jeder eine Ahnung. Vielleicht als Kind, glühend unter den sanft anspornenden Worten der Mutter von der zweiten. Sicher in den Schulzimmern, die selbst schon so aussehn, von der ersten. In den Monaten der Liebe, mit ihrer Loslösung von der gewohnten Bindung an das eigene Ich, wieder von der zweiten, seligen Art.

Der Rausch des Kriegs und der Straßenkämpfe – diese Verquickung, welche in dem einen Fall Millionen Menschen, im andern tausende aus allen Angeln ihres Lebens herausriß, waren Erlebnisse, wo die Menschen vom Guten getroffen oder gestreift worden sind. In den Phrasen von der großen Zeit, vom Stahlbad, vom Aufschwung von den Brüdern im Feld vom Sterben für eine große Sache erstarrte ein Funkenregen der Güte, der damals über die Völker niederging. Es klingt paradox in der sogenannten Kriegspsychose einen Sturm der Güte zu sehen; aber man wird sich wohl erinnern, daß die eigentliche, umfassende Empfindung ein Opferwille war und der Haß eigentlich erst später, durch allerhand intellektuelle Reizungen, durchaus nicht allgemein hinzutrat und ein blinder Haß war, da man ja den Gegner gar nicht kannte. Im übrigen ist es falsch, sich die Güte als notwendig friedlich vorzustellen; es hat immer auch ihre kriegerische und orgiastisch religiöse Form gegeben.

Es ist mir vor einem Jahr ein Buch gegeben worden, mit der Bitte, darüber zu schreiben, weil es wichtig sei: Dieses Buch ist inzwischen von vielen bewundert worden und hat es nicht mehr nötig angezeigt zu werden; es ist Das Gute des Basler Universitätsprofessors Paul Häberlin. Auf dem Umschlag steht: „Gut und glückselig wird der Sterbliche nur zugleich.“ Gut und glückselig? Kann man nicht als das besondere unserer Literatur behaupten, daß ihre größten Gestalten gut und unselig, gut trotz unselig sind? Kranke, Böse, Leidende, Ausgestoßene, Lächerliche –, mit einem Wort Unordentliche und Gegenordentliche sind die moralischen Helden in der Literatur des bürgerlichen Zeitalters. Es ist das nicht etwa nur eine durch den blendenden Einfluß Dostojewskijs hervorgerufene Täuschung. Unlängst erst hat uns ein verblendet einseitiges, aber scharf geschriebenes und nichts weniger als geistloses Pamphlet, S. G’s. Idiotenführer, daran erinnert, welche Verehrung bei Tolstoj, das „Bekennen“, „Buße tun“, „Blöße aufdecken“ und dergleichen genießt. Und wenn man die messianische Spielart beiseite läßt, so ist die moralische Doppelbeleuchtung, das Zweiseitenhaben jeder Handlung und jedes Menschen in irgend einer Form das Kennzeichen fast jeder großen Dichtung seit Stendhal.

Die guten, glücklichen, eingeordneten ganzen Menschen sind in der großen Literatur der letzten hundert Jahre ungeheuer selten, sie finden sich fast nur im Erbauungs- und Unterhaltungsschund (Kitsch) oder in kaum halb gelungenen Versuchen. Um es genauer zu sagen, was „unser“ Zeitalter in der Literatur getan hat, es stellte den der Dichtung würdigen Menschen als eine Ausnahme von der Regel des Lebens hin ohne sich mit dieser Regel weiter einzulassen. Der Inhalt dieser Behauptung wird deutlicher, wenn man die Zeit unserer Klassik zum Vergleich nimmt. In dieser Aufklärungszeit, der heroischen Frühzeit des bürgerlichen Geistes, wurde bekanntlich (als Bürgerziel vor Fürstenthronen) die Selbstherrlichkeit der sittlichen Persönlichkeit verfochten.

Dem entsprach als Figur der „tragische Held“. Das ist der Mann, der gegen eine Welt steht und daran zugrundegehen muß, weil die Ordnung heilig ist, aber tragisch zugrundegeht, weil auch das sittliche Selbstbestimmungsrecht des Individuums ein heiliges (oberstes) Gut ist. Die Unlösbarkeit des Konflikts wurde prätendiert, natürlich vollzog sich das nicht mit der formalen Deutlichkeit einer Gerichtsverhandlung.

Ich habe die heutige anders gewordene Auffassung einmal mit den Worten auszudrücken versucht: … Ausnahme vom Gesetz – Ausnahme im Gesetz. Ist es denn nicht selbstverständlich, daß man den Helden nur durch Gegensatz von seiner Umgebung abheben kann? Uns scheint es so, aber … Früher: Held durch Steigerung Später: „Held“ durch Gegensatz abgehoben von seiner Umgebung. Zumindest trat der Held als Liebesverbrecher auf; das war die häufigste Form. Wenn heute Anna Karenina als unmoralisches Weib schon veraltet erscheint, liegt es weniger daran, daß sich die Sitten geändert haben, als daß die Literatur in einer Änderung begriffen ist. Noch wurde damals die Gesellschaftsmoral vorausgesetzt, wenn auch als das zu Unterminierende oder als hohl zu Erweisende (Tolstoj bejaht sie ja und verneint sie nur als Rigorist), während heute die Liebe eine Angelegenheit in einer fragwürdigen Situation ist.

Dadurch tritt das Intellektuelle mehr vor. Das Gute tritt zurück und wird jetzt von Häberlin plötzlich vorgeschoben. Aber bei Betrachtung dessen, was wirklich geschehen ist, muß ich zugeben, daß die Einstellung auf das Gesetz – selten und erst in neuester Zeit. Der Weg, den die Literatur in ihren größten Vertretern ging, wäre eher als ein Durchlöchern des Gesetzes durch Einzelbeispiele zu bezeichnen. Dem entspricht die wachsende Sehnsucht oder Koketterie nach der festen Lebensregel des Mittelalters. Man kann mit Recht diese Epoche der Literatur als individualistisch bezeichnen. In diesem Sinn, daß es sich nicht mehr um den gegen die Bindung durch Fürstentum und Kirche angestrengten Prozeß handelt, sondern um eine Art Anarchie, ein Nebeneinanderbestehen von Leben und Literatur. Die Literatur ist eine Leugnung des Lebens in einer ununterbrochenen, aber ungeschlossenen Kette von Einzelbeispielen.

Ich darf mich hier auf Thomas Mann als den zeitgenössischen Dichter berufen, den die Gesellschaft, in der wir augenblicklich leben, zum Führenden auserkoren hat. An ihm ist ungemein deutlich zu sehn, wie das, was er selbst „unordentlich“ nennt und was natürlich ebensogut Elemente einer Gegenordnung sein können, im Kampf liegt mit der bürgerlichen Auffassung. Er hat selbst oft das Kranke, Abwegige in den Gründen des Künstlers betont, und bemüht sich mit bewundernswerter Anstrengung, es schließlich doch zur bürgerlichen Ordnung zu rufen und einzuordnen. Man kann ihn als den sichtbarsten Vertreter des erwachten Gewissens dafür bezeichnen, daß Regel und Ausnahme nicht mehr lange so asyntaktisch nebeneinander bestehen bleiben dürfen, wie sie es seit hundert Jahren tun; wenn man auch, wie ich, seinen Lösungsversuchen nicht beipflichten kann. Sie ebnen die Ausnahme zu sehr in die bürgerliche Regel ein. Sein Begriff der dichterischen Ironie – eine ausgezeichnete Fassung wissen? – teils zwischen einem ewigen Charakter der Dichtung und einer reservatio mentalis (namentlich im Gebrauch). Es nützt nichts, in einem Winkel des Gesichts ein wenig zu lächeln, wenn man mit vollem Ernst bürgerlich konservativ ist.

Diese Kennzeichnung der gegenwärtigen Literatur ist zu ergänzen durch eine Gegenströmung während der letzten 10 oder 15 Jahre, welche – den geschilderten Zustand offenbar als unhaltbar empfindend – sich zurück zur Moral wandte. Ich glaube, es ist unnötig, sich mit dieser Richtung oder diesem Zug oder diesen Schlagworten auseinanderzusetzen, die in frischer Erinnerung sind. Das Bekenntnis zur Menschenliebe und zu großen offenen Gefühlen überhaupt, das ihren Hauptinhalt ausmacht, ist eine sehr begreifliche Reaktion auf den moralischen Zustand in der Literatur gewesen, den eine „junge Generation“ vorgefunden hat, aber über das Reaktive, jugendlich Beteuernde ist sie nicht hinausgekommen, was wirklich an Leistungen entstand, ist durch Abwendung und Fahnenflucht entstanden, und der ganze Vorgang bewies nichts anderes als wie sehr ein neues Durchdenken der moralischen Fragen, aber wirklich auch ein Durchdenken, für die Literatur willkommen sein müßte.

Ich würde mir nun niemals anmaßen über ein philosophisches Werk wie das von Häberlin zu schreiben, wenn es nicht – ohne mit einem einzigen Wort unsere Literatur erwähnen zu müssen – in den innigsten Beziehungen zu ihr stünde. Um es kurz zu schildern, es enthält im ersten und letzten seiner sechs Abschnitte die Aufstellung und den Lösungsversuch des ethischen Problems und dazwischen eine Darstellung der historischen Lösungsversuche, welche nach systematischen Gruppen aber so geordnet ist, daß der Überblick dem gewählten eigenen Standpunkt angepaßt ist und der Fortschritt des Erkennens nicht durch das leidig bekannte fortwährende Umdrehen nach Gewesenem behindert wird. Der Verfasser wünschte vom Erlebnis auszugehn und die Sprache der Weisheit wieder zurück in die des Erlebens zu übersetzen, in das zeitgemäße Erleben und nicht etwa bloß in die Sprache der Zeit, wie er es im Vorwort betont, und dies hat seinem Buch eine ungemeine Gegenwärtigkeit und Lebhaftigkeit gegeben, obgleich es nicht im geringsten mit Tagesneuigkeiten kokettiert.

Ehe ich auf seine wesentliche Beziehung zur Literatur zu sprechen komme, möchte ich erwähnen, daß man im historischen Teil alle seine Bekannten findet und außerdem die hauptsächlichen gegen sie sprechenden Gründe, was die Begegnung restlos angenehm gestaltet. Als Kompromiss-Ethik faßt Häberlin alle die vermeintliche Toleranz und Freigeistigkeit der Anschauungen zusammen, die zwischen Sollen und Sein zweideutig innestehen oder gar diesen Mangel eines Entschlusses zum Grundsatz erheben. Man kann wohl sagen, daß in der Moral der Literatur wie des Lebens dies die durchschnittliche Haltung der feinen ebenso wie der gröberen Geister ist; sie haben die von Kirche, Staat und Herkommen legalisierten Fesseln abgestreift und wissen von ihrer Freiheit nur zögernden und unbefriedigenden Gebrauch zu machen. Sie entschieden sich von Fall zu Fall, bald nach Nutzen und Zweck, bald nach inneren Motiven, aber sie empfinden ihr Handeln, sobald sie nachzudenken beginnen, als oberflächlich und äußerlich oder, noch schmerzlicher, als zufällig, willkürlich und einsam. Diese innere Gesetzlosigkeit, welche mitten in einem beispiellosen Getriebe heute viele Menschen so einsam macht wie einen Geisteskranken auf einer leeren Insel, drückt sich ebensowohl in der spirituellen Anziehungskraft aus, welche – man kann wohl sagen, wider die geschichtliche Wahrscheinlichkeit – dem Katholizismus neuerlich zugefallen ist, wie in allen anderen Sektenbildungen, welche das Leben heute so unerträglich machen, aber sie hat auch den Typus des heutigen Skeptikers herausgeprägt, dessen Ausdruck, verglichen mit der Skepsis früherer Zeiten, das Lächeln der Kurzatmigkeit ist; wenn die Feststellung, daß man die Dinge auch ‚anders herum‘ ansehen könne und daß sie ‚eben zwei Seiten‘ haben, genügt, um den Anspruch eines Menschen zu legitimieren, für begabt oder für einen ‚freien‘ Schriftsteller zu gelten, so hat das Bedürfnis nach Wahrheit in einer solchen Zeit wenig Männlichkeit in sich. Der Zweifel hat dann das Rebellische, Luziferische verloren und ist aus Gottes Nähe in die eines vorsichtigen Subalternbeamten gesunken. Vereinigung relativ divergierender Ansprüche, gemeinsame Linie zwischen extremen Haltungen, liberale Toleranz, Versuch eines quantitativen Ausgleichs, der jedem sein Recht gibt, Relativität der Lebensgrundsätze, welche es erlaubt, ‚jetzt anders zu denken als früher‘ und darin den Ausdruck irgend einer ‚Zeit‘ erblickt, ‚bedingter Grundsatz‘, der sich gern ‚naturgesetzlich‘ aufputzt – so kennzeichnet Häberlin die hauptsächlichen Formen des Kompromisses und setzt mit ganzer Macht dem den Sinn für Eindeutigkeit entgegen. Einer eudämonistische Ethik begegnet man augenblicklich wohl seltener im Leben als in den Hörsälen der Philosophiegeschichte. Immerhin hat diese Moral des ‚Wohlbefindens‘, des quantifizierten, addierbaren Glücks, das auf irgend eine Weise durch gutes Verhalten einem Maximum zugeführt werden soll, einige Formen angenommen, in denen sie auch heute wohlerhalten lebt. So gehören daher alle individualistischen Lehren des Auslebens, der harmonischen Persönlichkeit … hieher, die namentlich über englische und amerikanische Vorbilder auf die deutsche Literatur zwischen 1880 und 1900 eingewirkt haben, ebenso aber auch die Lehren, welche neuerdings das ‚geistige Glück der Gemeinschaft‘ an die erste Stelle der Gefühle bringen ohne anders als mit dem Gefühl über diese Rangordnung geurteilt zu haben. Ob es sich nun um die vielbesungene Liebe zum Du handelt, die lyrisch anstelle der Mondenlieder getreten ist, oder um die Mitleids-, Kreuzigungs- und Erlösungsgefühle, welche aus dem deutschen Balduin einen Iwan Iwanowitsch Bählamm gemacht haben, niemand kann bestreiten, daß es äußerst zweideutige und vieldeutige Prinzipien sind, die da das Prinzipat erhielten und Häberlin (der aber wie gesagt sich dabei nicht mit der schönen Literatur abgibt) analysiert ihre Zentralbegriffe des Altruismus, des Mitleids und der Erlösung und findet, daß sie eudämonistisch verfälschte Kompromisse sind, weil …

Ich übergehe …

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10 haziran 2026
Hacim:
5257 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9782377871742
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