Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 38
Sie sah – wie nach rückwärts gewandt sah sie ihr Leben und dieses andere Leben so nebeneinander, als ob aus ihnen beiden etwas Drittes bestanden hätte, ein Mehr, etwas, das es nicht gab und doch so gab wie einen Ruf in zwei Tönen oder wie zwei hölzerne Balken zum Schweigen eines Kreuzes werden. Aber sie sah es nur mehr am Auseinandergefallensein.
Die Versuchung der stillen Veronika II
Irgendwo muß man zwei Stimmen hören. Vielleicht liegen sie wie stumm auf den Blättern eines Tagebuchs ineinander und nebeneinander, die dunkle, tiefe, plötzlich mit einem Sprung um sich selbst gestellte Stimme der Frau, wie die Seiten es fügen, von der weichen, weiten, gedehnten Stimme des Manns umschlossen, von dieser verästelt, unfertig liegen gebliebenen Stimme, zwischen der das, was sie noch nicht zu bedecken Zeit fand, hervorschaut. Vielleicht gibt es aber bloß einen Punkt, irgendwo in der Welt, wohin diese zwei, überall sonst aus der matten Verwirrung der alltäglichen Geräusche sich kaum heraushebenden Stimmen wie zwei Strahlen schießen und sich ineinanderschlingen; … irgendwo, vielleicht sollte man diesen Punkt suchen wollen, dessen Nähe bloß man an einer Unruhe bemerkt hat, wie man die Bewegung einer Musik gewahrt, die, noch nicht hörbar, sich schon in schweren, unklaren Falten in dem noch nicht durchrissenen Vorhang der Töne abdrückt. Vielleicht, daß diese Stücke hier dann aneinandersprangen, aus ihrer Krankheit und Schwäche hinweg ins Klare, Tagfeste, Aufgerichtete.
Kreisendes!: Es senkt sich etwas in mir, mit jener unverständlichen Unaufhaltsamkeit, mit der sich plötzlich irgendwo im Körper ein Schmerz verdichtet und zu einem entzündeten Gewebe wird und wächst und zu einer Krankheit wird, die mit dem milden, feinen Lächeln der Krankheiten den Körper zu beherrschen anfängt. Kreisendes, daß Du doch auch außer mir wärst! Daß Du mein Kleid hättest, an dessen Falten ich Dich halten könnte. Daß ich mit Dir sprechen könnte. Daß ich sagen könnte: Du bist Gott, und ein kleines Steinchen in jeder geballten Hand trüge, wenn ich von Dir rede, um der größeren Wirklichkeit willen. Daß ich sagen könnte: Dir befehl ich mich, Du wirst mir helfen. Du siehst mir zu, was immer ich tue. Und ich kann tun, was ich will, etwas von mir liegt reglos und mittelpunktsstill, und das bist Du. Hier liege ich mit dem Mund im Staub und einem wie ein Kind nach Dir tastenden Herzen. Ich weiß, daß ich Dich nur brauche, weil ich feig bin, ich weiß; aber es geschieht nur, um aus meiner Schwäche jene Kraft zu holen, die ich ahne, die mich lockt, wie selbst nur in der Jugend manchmal etwas lockt, eine unklare Gewalt, dieser mächtige Kopf ohne Gesicht, und man fühlt, daß man mit den Schultern unter ihn hineinwachsen und ihn sich aufsetzen wird und mit dem eigenen Gesicht ihn durchdringen.
Es ist furchtbar. Ich habe Angst vor mir, als ob ich plötzlich anfangen könnte zu winseln, auf vier Gliedern zu laufen, an zottigem Haar zu riechen. Ich bin verändert vor mir selbst, seit sie mich wie ein Tier empfunden hat. Und ich fange fast schon an zu verstehen, daß es das gleiche ist, was ich selbst wollte. Aber stündlich frage ich mich, wie Du in Wahrheit sein mußt, daß Du so viel vermochtest. Es liegt vor mir, wie Du es selbst ausgesprochen hast, aber mein Fragen hört nicht auf. Veronika. Schon an deren Namen der Schweiß haftet, das demütige, rettungslose Hinterhergehen und das feuchtkalte sich mit einer Absonderung Begnügen. Und an deinen Namen mußte ich denken, so oft ich die kleinen Löckchen an Deiner Stirn ansah, diese kleinen, sorgfältigen, an der Stirn klebenden Löckchen, oder dein Lächeln, wenn wir mit der Tante bei Tisch saßen und Du sie bedientest. Ich stoße immer wieder auf etwas Unpersönliches, das mich nicht verstehen läßt, wie ein Mensch gleich Dir zum Mittelpunkt eines leidenschaftlichen Ereignisses werden konnte. Es war in meiner Erinnerung stets etwas längst Verflackertes, wie der Duft verlöschter Kerzen um Dich, etwas Umgangenes wie unsere Salons, die reglos unter Leinenbezügen und hinter geschlossenen Vorhängen schlafen. Ich konnte mir Dich nie in leidenschaftlicher Bewegung vorstellen, oder es müßte etwas Dahingewehtes sein, eine ruhelose Zärtlichkeit, etwas spät und gespenstisch Erwachtes, das wie ein unterwürfig haftender Schatten den Füßen des Geliebten folgt.
Und immer, wenn ich jetzt an Dich denke, soll ich hören, wie Du Nein sagst? Dreimal sagtest Du nein, und ich höre Dich ganz unbekannt darin. Einmal war es ganz leise und trotzdem sich merkwürdig aus dem Vorherigen herauslösend und durch das Haus gehoben, und dann, dann war es wie ein Schlag mit der Peitsche oder wie ein besinnungsloses Sichfestklammern, und dann war es noch einmal leise, zusammengesunken und wie ein Schmerz über Wehtun.
Und wenn ich jetzt an Dich denke, ist mir, als ob Du schön wärst. Von einer höchst zusammengesetzten Schönheit, die man so leicht zu bewundern vergessen und wieder häßlich finden kann. Und ich muß denken, wenn Du so aus dem Dunkel unseres Hauses auftauchtest, das sich hinter Dir ganz sonderbar ohne Bewegung wieder zusammenschloß, und mit Deiner machtvollen, ungewöhnlichen Sinnlichkeit gleich einer fremden Krankheit, an mir vorbeiglittst, ich muß denken, daß Du mich dann jedesmal wie ein Tier empfunden hast. Es ist unbegreiflich und furchtbar in seiner größeren Wirklichkeit als er geglaubt hat. Und ich sehe auch alles mit übermäßiger Deutlichkeit vor mir, Deinen hohen Wuchs und Deine breite, ein wenig flache Brust, Deine niedrige, wölbungslose Stirn mit den dicht darüber zusammengeschlossenen Haaren, Deinen großen wollüstigen Mund und den leichten Flaum schwarzer Haare, der Deine Arme bedeckte. Und wie Du den Kopf gesenkt trugst, als ob ihn der dünne Hals nicht tragen könnte, ohne sich zu beugen, und die eigentümliche, fast schamlos gleichgültige Sanftmut, mit der Du den Leib ein wenig hervordrücktest, wenn Du gingst.
Ich hörte einen Vogel rufen und einen andern Vogel ihm antworten. Dann huschte vorsichtig, hastig wie die Berührung einer spitzen, schnellen, weichhaarigen Zunge, der Geruch des hohen Grases und der Wiesenblumen an den Gesichtern entlang.
Unser Gespräch, das sich träg hingezogen hatte, wie man etwas zwischen den Fingern bewegt, an das man längst nicht mehr denkt, brach ab. Ich war erschrocken; ich merkte erst jetzt, wie eigentümlich ich erschrocken war, an der Röte, die mir nachträglich ins Gesicht stieg und an einer Erinnerung, die plötzlich, über viele Jahre hinweg wieder da war. Es kommen in der letzten Zeit allerdings so oft Erinnerungen; es schien mir, daß ich diesen Pfiff schon in der Nacht vorher gehört hatte und in der Nacht vor vorher und in einer Nacht vor vierzehn Tagen. Und mir war auch, als ob ich mich im Schlaf auch mit dieser Berührung schon gequält hätte. Aber in diesem Augenblick erkannte ich sie zum erstenmal.
Ich liebte damals, in jener Zeit, von wo diese Erinnerungen kommen, die Haare eines großen Bernhardinerhundes, besonders dort vorne, wo die breiten Brustmuskeln bei jedem Schritt über den gewölbten Knochen wie zwei Hügel hervortraten; es waren ihrer dort so übermächtig viele und so goldig braune, und das war so wie unabsehbarer Reichtum und ruhig Grenzenloses, daß sich die Augen verwirrten, wenn man sie auch ganz ruhig nur auf einen Fleck gerichtet ließ. Und während ich sonst nichts empfand als ein einziges, ungegliedertes starkes Gefühl des Gernehabens, die zärtliche Kameradschaft eines fünfzehnjährigen Mädchens und wie für eine Sache, war es hier manchmal wie in einer Landschaft. Wenn man geht und da ist der Wald und die Wiese und da der Berg und das Feld und in dieser großen Ordnung jedes nur wie ein Steinchen so einfach und fügsam, aber furchtbar zusammengesetzt ein jedes, wenn man es für sich anschaut, und verhalten lebendig, so daß man plötzlich in der Bewunderung Angst bekommt, wie vor einem Tier, das die Beine anzieht und reglos liegt und lauert.
Und einmal war mir dabei eingefallen, so müßten die Riesen sein, mit Berg und Tal und Wäldern von Haaren auf der Brust und Singvögeln, die in den Haaren schaukelten, und kleinen Läusen, die auf den Singvögeln saßen, und weiter wußte ich es nicht, aber es brauchte noch kein Ende zu haben, und wieder dachte ich mir alles so hintereinandergefügt und eins in das andere gepreßt, daß es nur wie eingeschüchtert von so viel Gewalt und Ordnung still zu halten schien. Würden sie aber zornig, müßte das plötzlich wie ein tausendfältiges Leben schreiend auseinanderfahren und einen mit furchtbarer Fülle überschütten, und wenn sie dann in Liebe über einen herfielen, müßte es dumpf in der Ferne wie von Bergen stampfen und mit Bäumen rauschen, und kleine wehende Haare müßten einem am Leib gewachsen sein und kribbelndes Ungeziefer und eine in Seligkeit kreischende Stimme, und ihr Atem müßte einen in einen Schwarm von Tieren einhüllen und an sich reißen.
Da bemerkte ich plötzlich, daß es meine kleinen, spitzen Brüste gerade so hob und senkte, wie dieser zottige Atem neben mir auf- und niederging, und wollte es plötzlich nicht haben und hielt an mich, wie wenn ich sonst etwas heraufbeschwören könnte. Aber als ich mich nicht mehr dagegen zu stemmen vermochte und mein Atem doch wieder so zu gehen begann, als ob ihn dieses andere Leben langsam an sich zöge, schloß ich die Augen und begann wieder an die Riesen zu denken, in einem unruhigen Ziehen von Bildern, aber viel näher jetzt und warm wie von niedrig dahinstreichenden Wolken.
Als ich lange danach die Augen wieder öffnete, war alles wie früher. Nur der Hund stand jetzt neben mir und sah mich an. Und da bemerkte ich mit einemmal, daß sich etwas Spitzes, Rotes, lustweh Gekrümmtes aus seinem meerschaumgelben Vließ hervorgeschoben hatte, und in dem Augenblick, wo ich mich selbst erschrocken aufrichten wollte, spürte ich seine lauwarme, feuchte, begehrende Zunge im Gesicht. Und da war ich so eigentümlich gelähmt gewesen, wie … wie wenn ich ein Tier wäre, und trotz der Angst drückte sich etwas in mir ganz heiß zusammen, als ob jetzt und jetzt … wie Vogelschreien und ängstliches Flügelflattern in einer Hecke, bis es still wird und weich im Laut, wie von Federn, die übereinander gleiten …
Und das war dies von damals, gerade dieses eigentümlich heiße Erschrecken war es, was ich jetzt plötzlich wieder erkannte. Man weiß nicht, woran man das fühlt, aber man spürt es so, wie man jemanden schon am Gang erkennt, und ich fühlte, daß ich jetzt genau in der gleichen Art erschrocken war wie damals vor Jahren. Ich weiß aber nicht, warum mir noch immer diese Dinge einfallen, doch sie fallen mir ein, in der letzten Zeit, immer wieder, links und rechts davon, davor und dahinter, meine ganze Kindheit, jenesmal aber wußte ich plötzlich mit einer unnatürlichen Gewißheit, daß es das Richtige selbst war.
Ich hatte in diesem Augenblick ein Gefühl wie ein Auseinanderfallen. Obwohl wir ganz nah beieinander standen und uns nicht rührten, war mir so schräg, als sänken und sänken wir voneinander weg; ich sah nach den Bäumen seitlich unseres Wegs, sie standen gerade und aufrechter, als mir natürlich geschienen hätte. Ich begriff da mein Nein, das ich vorher nur verwirrt und aus Ahnung gesprochen hatte, und begriff, daß er jetzt seinethalben fortfuhr und doch nicht wollte. Es wurde mir eine Weile lang so tief und schwer, wie zwei Körper nebeneinander liegen, nur mehr so eins und das andre, getrennt und traurig und jeder nur das, was er für sich ist. Es kam irgendetwas über mich, das mich klein und schwach und zu nichts machte, wie ein Hündchen, das klagend auf drei Beinen hinkt, oder wie ein zerschlissenes Fähnchen, das hinter einem Lufthauch daherbettelt; so ganz löste es mich auf, und es war eine Sehnsucht in mir, ihn zu halten, wie eine wunde weiche Schnecke, die mit leisem Zucken nach einer zweiten sucht, an deren Leib es sie verlangt, aufgebrochen und sterbend zu kleben. Dann aber kam wieder das Schräge in ihr Bewußtsein, und das Gespräch, das wir führten, wurde kurz und sickernd, und während wir uns noch damit mühten, fühle ich, wie es schon zwischen den Worten zu etwas anderem wurde, und wußte endgültig, daß er fortreisen mußte, und brach es ab. Es erschien mir alles, was wir noch sagten und versuchten, so umsonst getan, da es entschieden war, daß er weggehen und nicht mehr wiederkehren sollte, und weil ich empfand, daß ich nicht mehr tun konnte, was ich sonst vielleicht getan hätte, gewann das davon Übriggebliebene mit einer plötzlichen Wendung einen starren, unverständlichen Ausdruck; ich wußte keinen Sinn und keine Begründung dafür, es war einfach so, eine Tatsache, ein Gefaßt- und irgendwohin Geworfensein.
Aber wie er da in dem Gewirr seiner Worte noch immer vor mir stand, begann ich das Unzureichende seiner Gegenwart, seines wirklichen Bei mir seins zu fühlen, er drückte schwer auf etwas in mir, das ich mit der Erinnerung an ihn irgendwohin erheben wollte, und ich stieß überall an seine Lebendigkeit wie man an einen toten Körper stößt, der starr und feindlich allen Berührungen widersteht, ihn zur Seite zu schieben. Und wie ich merkte, daß er mich so dringend ansah, hätte ich ihm am liebsten die Zunge herausgestreckt, denn ich hatte plötzlich ein ganz sonderbares Gefühl, fast wie die Bedrängnis eines Weibchens, das nach seinem Verfolger beißt. In diesem Augenblick kam aber wieder der Wind und ich glaube, mein Gefühl weitete sich in ihm und löste sich von allem Widerstand und hartem Haß, den es, ohne ihn aufzugeben, verändert, wie etwas sehr Weiches in sich einsog. Und es mußte wohl da auch schon jene feine, stählerne Sicherheit gewesen sein, in der ich kurz darauf leben sollte, denn es war ein ganz verlassenes Entsetzen, in dem ich mich selbst gleichsam zurückließ, was ich da noch empfand, und ich hielt darin still und schwieg, wie einer, dem doch nichts mehr haften bleibt, weil er bereits fortgeht. So standen wir nebeneinander, und als der Wind immer voller über den Weg kam und wie ein wunderbares, weiches, duftiges Tier sich überallhin legte, über das Gesicht, in den Nacken, in die Achselhöhlen … und überall atmete und überall weiche samtene Haare ausstreckte … und sich bei jedem Erheben der Brust enger an die Haut drückte, … fühlte ich nur mehr eine müde, schwere Wärme, die langsam, wie das Blut dieses Tiers um mich zu kreisen begann. Und sonderbar war es, daß ich immerzu an etwas denken mußte, das ich irgendwann einmal gehört hatte, daß auf jedem Menschen in jedem Augenblick Millionen kleiner Wesen siedeln und mit jedem Atem ungezählte Ströme von Leben kommen und gehn, und ich zauderte erstaunt vor diesem Gedanken, als ob es dann eigentlich gar keinen Sinn hätte, sich bewahren und abschließen zu wollen, und dann fühlte ich plötzlich in diesem heißen Blutstrom um mich ein Zweites, und wie ich aufsah, stand er ja vor mir, und seine Haare wehten im Winde zu meinen zitternden Haaren herüber, und sie berührten einander schon ganz leise mit ihren bebenden Spitzen. Da packte mich eine rasende Lust, wie wenn sich taumelnd zwei Schwärme vermengen, und ich hätte mein Leben aus mir herausreißen mögen, um knirschend vor Trunkenheit ihn damit zu überstäuben. Aber unsere Körper standen natürlich steif und starr und ließen bloß mit geschlossenen Augen geschehen, was da heimlich vor sich ging, als wollten sie es nicht wissen, und nur immer leerer und müder wurden sie, und dann sanken sie ein wenig zusammen; ganz sanft und ruhig und so sterbensstill zärtlich, wie wenn sie ineinander verbluten würden. Und wie der Wind sich hob, war mir, als stiege Sein Blut an mir unter den Röcken hinauf, und es füllte mich bis zum Leibe mit Sternen und Kelchen aus Blauem und Gelbem und mit feinen Fäden und tastendem Berühren und mit einer reglosen Wollust, wie wenn Blumen im Winde stehn und empfangen. Und ich weiß noch, als die untergehende Sonne durch den Rand meiner Röcke schien, stand ich ganz träg und still und schamlos ergeben, als ob man es sehen könnte. Und nur ganz, ganz vergessen dachte ich an jene noch größere Sehnsucht, die sich an ihm erfüllen sollte und die ich im Augenblick kaum mehr verstand; sie machte bloß alles so leise traurig, wie wenn weit weg die Glocken läuten. Wir standen nebeneinander und ich fühlte, wir hoben uns groß und ernst, wie zwei riesige Tiere mit gebogenen Rücken, in den Abendhimmel.
Ich habe zu ihr gesagt: das ist Gott. Es war aber nur ein Versuch, um überhaupt davon zu sprechen, und ich meinte nichts Übersinnliches. Ich bediente mich bloß dieser Worte, die in ihren dunklen Kleidern aus einer andern Welt mit der Sicherheit von Fremden aus einem mächtigen, wohlgeordneten Staate dahingehen, denn sie haben die Gebärde, nach der ich mich sehne. Ich sagte wohl: in Gott geschieht alles, der Dieb und die Wöchnerin und jede Lüsternheit eines kleinen Mädchens ist in ihm, und alles ist einander ähnlich. Ich erinnerte sie daran, daß in jedem Großen etwas Prahlerisches und hinter allem Verächtlichen etwas Liebliches zu fühlen sei, wie ein bittendes Lächeln in einem häßlichen Gesicht. Und ich bat sie, sich das Große ein wenig stiller und das Widrige ein wenig trauriger vorzustellen und doch jedes ganz das, was es ist, wie man es manchmal am Abend sieht, wenn die Dinge von allem verlassen liegen bleiben, was tagsüber sich geschäftig zwischen ihnen bewegte, und nur ihre Farben verändern und sich so leise einander nähern. Und während da ernst und schweigend eins in das andere greift, kann es geschehen, daß man plötzlich ahnt, mit all dem sei noch ein zweiter, ganz andrer Sinn gemeint als der ist, zu dem man sonst flüchtig und halbverstanden die Dinge zusammensetzte. Dann, wenn man ihn auch noch nicht versteht, hört man auf, ihn zu entstellen und gibt sich hin, gibt sich in ihn mit geschlossenen Augen und schüchternem Betasten. Und man glaubt schon zu fühlen, wie er langsam alles bewegt; er verrückt die Schatten der Dinge, daß sie sich zueinander ordnen, er fängt die Stimmen der Vögel im Wald, damit das Knarren eines Tons, durch das einer davongeht, nicht allein bleibt, er gräbt die Falten ins Gesicht einer Toten wegen der Lichter in den Augen eines Tiers, er quält einen Menschen wegen eines Baums, der irgendwo über einen Bergrand in die Nacht ragt, es gibt nichts, das so weit voneinander wäre, daß er sich nicht wie eine Brücke ohne Schwanken dazwischen spannte, denn er greift am Ende nach jedem, und alles ruht in ihm wie die Klänge in einer Melodie oder die Linien und Farben in dem Sinn eines Bildes ruhen; er ist in der kleinsten unserer Gebärden wie der Wind in den Segeln, und kein Gefühl fällt mehr ins Leere, Gleichgültige, Feindselige zurück, bevor es sich wieder erhebt.
Und sie erzählte mir darauf etwas aus unserer Kindheit, was ich nicht wußte. Es war auch zum erstenmal, daß wir miteinander über Demeter sprachen. Sie stand damals irgendeinmal an einem Fenster über dem Hühnerhof und sah dem Hahn zu, sah zu und dachte an nichts. Da kam Demeter und stellte sich zu ihr. Und sie begann zu merken, daß sie doch die ganze Zeit über an etwas gedacht hatte, bloß ganz im Dunkeln, und jetzt fing sie an, es zu erkennen. Und Demeters Nähe half ihr dabei und beengte sie zugleich. Und sie wußte jetzt, es war der Hahn, woran sie gedacht hatte, nur daß sie vielleicht nicht gedacht, sondern bloß gesehen und gesehen hatte, und ohne daß ihre Gedanken es auflösten, war das Bild wie ein harter fremder Körper in ihr liegen geblieben, dessen Umriß sie jetzt ungefähr und eigentümlich schmerzhaft in sich fühlte. Es war immer wieder dieses unsagbar gleichgültige Herabgleiten des Tiers, was sie vor sich sah, wie etwas, das ganz einfach vor sich geht und doch gar nicht zu begreifen ist, dieses unsagbar gleichgültige Herabgleiten und plötzlich von aller Erregung ganz Befreitsein und eine Weile wie blöd und empfindungslos Dastehn und wie mit den Gedanken irgendwo sein, in einem schalen, verwesten Licht; manchmal, an toten Nachmittagen, wenn sie mit ihrer Tante spazieren ging, lag es so über dem Leben, sie konnte glauben, es selbst zu empfinden, und ihr war, als strahlte die Vorstellung dieses üblen Lichts von ihrem Magen aus. Dann aber sah sie schon von weitem wieder eine Welle daherkommen und ihn plötzlich hinaufwerfen und wieder loslassen. So stand sie und begriff nichts Bestimmtes, sondern nur etwas Schreckliches und Heißes.
Und in so einem Augenblick packte Demeter ihren Kopf und drückte ihn gegen die Brust hinab, sagte nichts und drückte ihn fest nach abwärts.
Und sie wurde mit einer unklaren Ahnung sofort furchtbar böse und suchte sich loszureißen. „Johannes würde so etwas nie tun,“ sagte sie, „er ist nicht so roh wie Du, er ist viel mehr.“ „Pah, Johannes!“ sagte Demeter von mir und steckte die Hände wieder in die Tasche.
Aber sie vergaß den Augenblick nie wieder; es waren fortab zwei Dinge in ihr, wo früher nur eines war, Wirklichkeit wie Vorstellung konnten gleichsam in zwei Ebenen auftreten. In der einen, gewöhnlichen war wie durch einen großen Schreck alles unmöglich, sie empfand dort sofort Ekel und Angst, als bedrohte sie etwas Schleimiges und Fremdes. In der zweiten aber war alles wie in einen heißen Nebel getaucht, der das Geschehen vom Persönlichen loslöste und, während er seinen Umriß vernichtete, irgendwie bloß die wilde, bedrückende Masse erhielt, und Demeters Brutalität und die schreckliche weite Leere, aus der jenes Tier damals immer wieder hervorgeschossen war, wurden dort zu einem, und es war viel näher bei ihr, es blieb in ihr allein, es demütigte sie vor keinem andern, und nur die Demütigung flog wie eine dunkle, ortlose Wolke durch sie. So stieg ihre Sinnlichkeit ins Gehirn, sie umgab sie nicht mehr wie vorher als das leichte Gewand, das den Gang nicht hindert, sie war zerrissen und eingerollt, sie wurde fühlbar und störte das Gleichgewicht. Und dann war noch ein Drittes, und das war ich, und von da begann sie sich nach diesem Gleichgewicht zu sehnen.
Ich war damals im Institut, und als ich das nächstemal nachhause kam, stellte mich Demeter zur Rede: „Du, die Veronika sagt, daß du mehr bist als ich, aber du bist ja ein Feigling!“ Ich aber war damals noch so, daß ich mir das nicht sagen lassen konnte, und antwortete: „Nun, das möchte ich sehen!“ Darauf schlug er mich mit der Faust ins Gesicht. Ich wollte zurückschlagen; aber wie ich da seine zornigen Augen sah und auch den Schmerz stärker zu fühlen begann, empfand ich plötzlich eine fürchterliche Angst vor ihm, fast eine ergebene, freundliche Angst, und mit einemmal lächelte ich, ich wußte nicht warum, aber ich lächelte und lächelte, mit einem etwas verzogenen Gesicht, das ich spürte, etwas schüchtern unter seinem drohenden Antlitz und doch mit einer so warmen, in mich hineinquellenden Süße und Sicherheit, als wäre auch so alles Beleidigende geordnet.
Daran erinnerte mich Veronika, und ich war trotz der langen Zeit inzwischen ein wenig beschämt und erstaunt, weil sich da, bei der Erinnerung an meine Schande, Veronika zum erstenmal wie ein Gleichberechtigter neben mich stellte. Und sie sagte: „ja, das ist es, was ich immer noch nicht ganz zu verstehen glaube und wonach wir gemeinsam suchen sollten.“
Lange schon war diese Bewegung dahergekommen. Wohl schon seit damals, als Johannes wieder zu uns kam und mir gleich im ersten Augenblick einfiel, wie Demeter ihn vor Jahren geschlagen hatte. Es hatte mir diese Erinnerung nie etwas bedeutet und jetzt verfolgte sie mich. Ich sah sie bei jeder Gelegenheit vor mir. Und ich vermochte mit ihr nichts anzufangen; sie schien nicht bloß um ihrer selbst willen da zu sein. Es war mir, wie wenn es am Tor läutet, immer wieder, und wenn man nachsieht, steht niemand vor dem Hause.
Ich dachte später daran, ob diese Bewegung wohl Liebe sei. Langsam wäre sie gekommen. Langsam. Und doch für das Zeitmaß meines Lebens zu rasch. Das Zeitmaß meines Lebens ist noch langsamer; es ist ganz langsam. Es ist wie ein langsames Öffnen und wieder Schließen der Augen und dazwischen wie ein Blick, der sich an den Dingen nicht halten kann, abgleitet, langsam, unberührt vorbeigleitet. Mit diesem Blick hatte ich es kommen gesehen und konnte daher nicht glauben, daß es Liebe sei – Denn ich verabscheute ihn so dunkel wie alles Fremde; ohne Haß, ohne Schärfe, nur wie ein fernes Land, jenseits der Grenze, wo weich und trostlos das eigene mit dem Himmel zusammenstößt. Mein Leben war freudlos geworden, seit ich so alles Fremde verabscheute und mich still davor zurückzog. Es schien mir schon manchmal, daß ich seinen Sinn nicht wüßte, aber seit er wieder bei uns war, dünkte mich, daß ich ihn bloß vergessen hatte, und es quälte mich oft etwas wie die unter dem Bewußtsein treibende Erinnerung an eine wichtige vergessene Sache.
Es mußte irgendeinmal gewesen sein, daß ich dem Leben näher stand, es deutlicher spürte, wie mit den Händen oder wie am eigenen Leib, aber ich wußte nicht mehr, wie und wann das war, und es mußte inzwischen irgendetwas gekommen sein, was das verdeckte. Und seither hatte sich unser schwaches Alltagsleben vollends über diese Eindrücke gelegt und hatte sie verwischt, wie ein matter dauernder Wind Spuren im Sand; nur mehr seine Eintönigkeit hatte in meiner Seele geklungen, wie ein leise auf- und abschwellendes Summen. Ich kannte keine starken Freuden mehr und kein starkes Leid, nichts das sich merklich oder bleibend aus dem Übrigen herausgehoben hätte, und allmählig war mir mein Leben immer undeutlicher geworden.
Wenn ich denke, bloß meine Brüste, sie waren längst nicht mehr so spitz und neugierig rot geschnäbelt wie einst, sie hatten sich längst schon ein wenig gesenkt und waren bisweilen so traurig wie zwei liegengelassene Papiermützchen auf einer weiten Fläche, denn der Brustkorb hatte sich flach in die Breite gestreckt, und das sah aus, wie wenn der Raum um sie davongewachsen wäre. Und ich wußte das kaum, weil ich es im Spiegel sah – wenn ich nackt war, im Bad oder beim Umkleiden, denn ich tat dabei schon nur mehr das, was eben zur Sache gehört – sondern ich spürte es, bloß so am Gefühl, denn es kam mir manchmal vor, als hätte ich mich früher in meine Kleider einschließen können, ganz fest und nach allen Seiten, während es jetzt nur so war, wie wenn man sich mit ihnen bedeckte, und wenn ich mich erinnerte, wie ich mich selbst so von innen heraus spürte, so war das früher wie ein runder, gespannter Wassertropfen und jetzt wie eine kleine, weichgeränderte Lacke; so ganz breit und schlaff und spannungslos war dies Empfinden, daß es wohl überhaupt nichts wie Trägheit und müde Lässigkeit gewesen wäre, hätte es sich nicht manchmal angefühlt, als ob sich etwas unvergleichlich Weiches ganz, ganz langsam in tausend zärtlich vorsichtigen Falten von innen her an mich schmiegte.
Aber die Tage gingen einer wie der andre dahin, und eines gleich dem andern kamen die Jahre, ich fühlte wohl noch, daß ein jedes ein wenig hinwegnahm und etwas hinzutat und daß ich mich langsam in ihnen änderte, aber nirgends setzte sich eines klar von dem anderen ab, ich hatte ein unklares, fließendes Gefühl von mir selbst, und wenn ich mich jetzt innerlich betastete, fand ich nur den Wechsel ungefährer und verhüllter Formen, unverständlich, wie man unter einer Decke etwas bewegen fühlt ohne den Sinn zu erraten. Es war so allmählich, wie wenn ich unter einem weichen Tuche lebte, geworden, oder unter einer Glocke von dünngeschliffenem Horn, die immer undurchsichtiger wurde. Die Dinge traten weiter und weiter zurück und verloren ihr Gesicht, und auch mein Gefühl von mir selbst sank immer tiefer in die Ferne. Es blieb ein leerer ungeheurer Raum dazwischen, und in diesem lebte mein Körper. Er sah die Dinge um sich, er lächelte, er lebte, aber alles geschah so beziehungslos, und häufig kroch lautlos ein zäher Ekel durch diese Welt, der alle Gefühle wie mit einer Teermaske verschmierte.
Und dann kam er, der alles besaß, durch die verdämmernde Einöde meines Lebens. Es wurde mir bloß, als müßte er alles besitzen, was mir fehlte. Es war mir, daß er ging und unter seinen Augen die Dinge sich wieder ordneten. Es war, wie wenn er die Welt einatmen und im Leibe halten und von innen spüren könnte, und wenn er sie dann wieder ganz sacht und vorsichtig vor sich hinstellte, war er wie ein Künstler, der mit fliegenden Reifen arbeitet. Es war nicht mehr. Es tat mir bloß weh, wie schön er vielleicht war. Ich war bloß eifersüchtig auf ihn, denn unter meinen Augen ordnete sich nichts, und ich hatte zu den Dingen die gierige Liebe einer Mutter für ein Kind, das zu leiten sie zu gering ist. Aber es begannen mir schon alle Erinnerungen meines Lebens einzufallen, bis auf die eine. Es begannen mir alle Erinnerungen einzufallen, und ich wußte nicht warum, fühlte nur, daß es mir gut war und daß mir eine, die letzte, entscheidende noch fehlte. Und ich versuchte, mich schon in die Höhe zu richten, aber es schmerzte mich noch, wie wenn mein Körper krank wäre und mich nicht tragen könnte. War das Liebe?
Und da begehrte er mich plötzlich zur Frau; es ist lächerlich, schwach, fast gemein, ich verstehe das nicht. Ich habe nie ein Begehren gespürt, aber nie so sehr wie damals erschienen mir die Männer nur als ein Vorwand, bei dem man nicht selbst sich aufhalten soll, für etwas anderes. Und ich sank langsam wieder in mich zurück und lauerte in meiner Finsternis und starrte ihn an und empfand dieses mich in mich Verschließen plötzlich, wie eine sinnliche Berührung, der ich mich lüstern vor Bewußtsein hingab, es ganz nahe seinen Augen und doch ihm unerreichbar zu tun. Es sträubte sich etwas in mir wie ein weiches, knisterndes Katzenfell, und wie eine kleine glitzernde Kugel ließ ich mein Nein aus meinem Versteck heraus und vor seine Füße fallen. Und dann schrie ich, als er es zertreten wollte!
Und nun, als der Abschied unwiderruflich zwischen uns aufgerichtet stand und nur noch der Wind zwischen uns war, fiel mir auch jene letzte Erinnerung ein. Ich wußte noch nicht, daß sie es sei und erkannte noch nicht, warum sie es sei, aber das Undurchsichtige, das bisher wie ein dunkler Nebel auf meinem Leben gelastet hatte, war in Bewegung geraten, und Formen unbekannter Gegenstände drückten sich wie in einem Schleier ab und verschwanden wieder. Dinge, die ich noch nie gesehen hatte, deuteten sich an. Mein Leben, das bisher wie ein schmaler, trüber Weg gewesen war, hatte sich plötzlich in die weite Pracht eines Gartens verwandelt. Alles, was ich tat, geschah, wie wenn es gleich schweren, kostbaren Gewändern an mir herabfiele, an meinen Bewegungen hing das Spiel edler goldener Ketten, und zugleich geschah alles, was ich tat, wie durch einen weiten Ausblick gesehen; es war von jenem merkwürdig mitschwingenden Bewußtsein begleitet, das die Handlungen auf einer Bühne zusammen drängt und wie zu Zeichen eines im flachen Kieselgeflecht des Bodens sonst nicht sichtbaren Weges auftürmt. Aber alles war noch Ahnung. Nichts noch hob so sein Gesicht hervor, daß die Finger es halten konnten, alles wich noch zwischen den leise tastenden Händen aus. Es war bloß nicht mehr jene schwarze, klebrige Masse, die stumpf und häßlich alle Formen verwischt hatte, es lag nur mehr wie eine ganz dünne, seidene Maske über der Welt, hell und silbergrau und bewegt wie vor dem Zerreißen. Und ich spannte meine Augen, und es flimmerte mir davor, wie wenn ich von unsichtbaren Stößen gerüttelt würde.